'm Handbuch der pathogenen Mikroorganismen Unter Mitwirkung von Geh. Ober-Medizinalrat Dr. BuüoJf Abel, Berlin; Piof. Dr.Apolaut, I-iankfurta.M.; Geb. Holrat Prof • Dr. Th. Axeufeld, Freiburg i. Br. ; Prof . Dr. T . Babes, Bukarest ; Stabsarzt Dr. Walter Bierast, Halle a. S.; Stabsarzt Dr. Boehncke, Frankfurt a. M.; städt. Ober-Tierarzt Dr. J. Bongert, Berlin ; Dr. JH. Braun, Berlin ; Prof. Dr. C. Brück, Breslau ; Prof. Dr. H. Bruns, Gelsenkirchen; Prof. Dr. E. Bürgi, Bern ; Prof. Dr. Busohke, Berlin ; Prof. Dr. Calniette, Lille ; Ober-Tierarzt Dr. S. Carl, Karlsruhe i. B. ; Dr. H. Carri^re, Bern ; Prof. Dr. M. t'asper, Breslau ; Prof. Dr.H. t'onradi, Frankfurt a. M.; Prof. Dr. G. Cornet, Berlin- Reichenhall: Ministerialrat Prof. Dr. Dieudonne, München ; Privat-Dozent Regimentsarzt Dr. B. Doerr, Wien ; Prof. Dr. F. Dof lein, P'reiburg i. Br. ; Prof. Dr. Bujardin-Beanmetz, Paris; Wirkl. Geh. Rat Exzellenz Prof. Dr. P. Ehrlich, Frank- furt a. M. ; Prof. Dr. van Erniengeni, Gent (Belgien) ; Dr. Eyre, Guy's Hospital, London; Prof. Dr. M. Ficker, Berlin ; Stabsarzt Dr. W. Fornet, Berlin-Halensee; Prer der Summe der zellschädigenden Agentien dar, die in dem Sammelbegriff ,,Cytotoxine" zusammen- gefaßt werden können. Cytotoxische und hämolytische Funktionen werden nicht nur vom Blutserum, sondern auch von einer großen Reihe chemisch definierter Substanzen und Toxine ausgeübt. Wenn aber im folgenden die Hämoh'sine und Cytotoxine behandelt werden sollen, so sind darunter lediglich die hämolytischen und cytotoxischen Stoffe des Blutserums zu verstehen, denen gleichzeitig der Charakter als Antikörper zukommt. Man hat sich auf Grund der historischen Entwickelung und auch aus praktischen Erwägungen daran gewöhnt, die bakteri- ziden Stoffe (Bakteriolysine) des Serums abzusondern und unter Cytotoxinen die gegen die übrigen Zellelemente gerichteten Wirkungen des Blutserums zusammen- zufassen. Die folgende Darstellung wird sich indes entsprechend dem Gegen- stande des vorliegenden Handbuches vornehmlich mit der Analyse der hämo- lytischen Funktionen begnügen dürfen, deren Gesetzmäßigkeiten eine allgemeine Gültigkeit für das Gesamtgebiet der Cytotoxinforschung zukommt. Gelegent- lich wird auch der Häraagglutinine*) zu gedenken sein, die im übrigen durch- aus den Bakterienagglutininen entsprechen. Die übrigen Cytotoxine, welche für die Serodiagnostik kaum wesentlich in Betracht kommen, werden nur kurz berührt werden. Ein besonderer Abschnitt wird die Behandlung der anti- hämolytischen Wirkungen im allgemeinen und der Komplementbindung im be- sonderen zum Gegenstand haben **). I. Vorkommeu imd immunisatorische Erzeugung. Daß das normale Blutserum hämolytische Wirkungen auf fremdartige Blut- körperchen ausübt, ist eine seit langer Zeit bekannte Tatsache, die besonders zur Zeit der Transfusionsversuche zum Gegenstand der Beobachtung wurde, als die Erforschung der Ursachen für die Gefahren der Transfusion von fremd- artigem Blut die Aufmerksamkeit auf die globuliziden Fähigkeiten der Blut- flüssigkeit lenkte und insbesondere durch Landois zu einer Fülle von inter- *) Eine umfassende Darstellung der Hämagglutination befindet sich in dem Aufsatz „Hämagglutination und Hämolyse" von K. Landsteixer, im Hand- buche der Biochemie (cf. auch Raubitschek), woselbst auch die versciiiedenen Formen der Hämolyse und Hämagglutination eingehend berücksichtigt sind. Ebenso sei auf die verschiedenen im Literaturverzeichnis genannten zusammen- fassenden Uebersichten, sowie auf den Beitrag „Experimentelle spezifische Dia- gnostik mittels Agglutination etc." im 3. Bande dieses Handbuches verwiesen. **) Es sei auch hierbei auf das Kapitel „Experimenteüe spezifische Diagnostik mittels Agglutination, Bakteriolyse und Komplementbindung" im 3. Bande dieses Handbuches verwiesen, welches die folgenden Ausführungen insofern ergänzt, als es die Methodik hämolytischer Versuche und der Koniplementbindungs- reaktion behandelt, während an dieser Stelle wesentlich eine systematische Uebersicht über das Gebiet der Hämolysine beabsichtigt ist. Technische und methodische Details über experimentell-wissenschaftliche Versuchsanordnungen befinden sich auch in meinem Beitrag „Hämolysine und Cytotoxine des Blut- serums" im Handbuch der Technik und Methodik der Immunitätsforschung, sowie in den übrigen zusammenfassenden Darstellungen, welche im Literaturver- zeichnis angeführt sind. Hämolysine des Blutserums. (Cytotoxische Sera.) 795 essanten Ergebnissen gelangte. Seither hat sich die hämolytische Eigenschaft des Blutserums als eine in der Tierreilie weit verbreitete Funktion erwiesen. Sie fehlt auch bei Kaltblütern nicht, und besonders das Aalserum besitzt, wie bereits durch die Untersuchungen von Mosso, Camus & Gley, Kossel bekannt ist, eine außerordentlich starke hämolytische Wirksamkeit. Auch sind Hämo- lysine im Froschserum und Schlangenserum (Stephens, Noguchi), ebenso wie in der großen Zahl der untersuchten Warmblütersera nachgewiesen worden. Die Beziehungen der Serumhämolysine zu den bereits bekannten bakteriziden Stoffen des Blutserums dokumentierten sich, als Daremberg die Tatsache feststellte, daß das Serum durch Erhitzen auf 50 — 60° die globulizide Wirkung verliert, was vorher H. Buchner für die bakteriziden Kräfte des Serums beschrieben hatte. Buchner nahm in der Tat einen so weitgehenden Zusammenhang zwischen bakteriziden und hämolytischen Eigenschaften des Blutserums an, daß er beide Funktionen einem emheitlichen, als Abwehrstoff charakterisierten Serumbestandteil, dem von ihm als ,,Alexm" bezeichneten Agens, zuschrieb. Die nähere Analyse der hämolytischen Serumwirlvungen nahm ihren Ausgangspunlit von der Entdeckung der immunisatorischen Er- zeugung von Hämolysinen. Die grundlegende Tatsache, daß der tie- rische Organismus befähigt ist, auf die Einverleibung fremdartiger Erythrocyten mit der Bildung spezifischer, hämolytisch wirkender Antikörper zu reagieren, ist von Bordet in Anlehnung an eine ge- legentliche Beobachtung Metschnikoffs festgestellt und systematisch analysiert worden *). Die Bedeutung der BoRDExschen Entdeckung war einmal darin gelegen, daß sich, wie das später durch mannig- faltige Erfahrungen bestätigt wurde, als allgemeines biologisches Ge- setz ergab, daß das Serum eines Individuums der Species A, welche mit den roten Blutkörperchen der Species B vorbehandelt wird, die Fähigkeit erlangt, die Blutkörperchen der Species B in vitro auf- zulösen. Dann aber zeigte sich gleichzeitig durch die Untersuchungen BoRDETS ein weitgehender Parellelismus in dem Verhalten der derart immunisatorisch gewonnenen Hämolysine und der bereits durch R. Pfeiffers Entdeckung bekannten bakteriziden Serumstoffe der mit Bakterien vorbehandelten Tiere. Es wurde nämlich festgestellt, daß das hämolytische Immunserum e'benso wie das bakterizide durch halbstündiges Erhitzen auf 55 ^ seine blutlösende Wirkung verliert, daß es ,, inaktiviert" wird. Dieses inaktivierte Serum kann durch Zusatz von frisch gewonnenem normalen Blutserum wieder zur Wir- kung gebracht werden, wie das von Bürdet bereits früher für die bakteriziden Immunsera beschrieben worden war. Es müssen also, so schloß man, bei der hämolytischen Wirkung des Blutserums min- destens -zwei Stoffe in Betracht kommen, von denen der eine beim Erhitzen auf 55 '^ erhalten bleibt, also thermostabil ist, während der andere durch den gleichen Einfluß zerstört wird, also thermolabil ist und sich bereits im normalen Blutserum vorfindet. Damit war eine weitgehende Analogie mit den bakteriziden Immunstoffen fest- gestellt, so daß sich der vorher besonders zweckmäßig erscheinende Vorgang der Bildung von Schutzstoffen gegen Bakterien nur als ein Spezialfall eines allgemeinen biologischen Gesetzes erwies. Daß tatsächlich die Möglichkeit, auf immunisatorischem Wege Hämolysine zu erzeugen, im weitesten Maße besteht, ist durch zahlreiche Arbeiten bestätigt worden. Nach Noguchi und Lazar bilden auch Kaltblüter, ebenso wie Warni- *) Schon vorher war von Belfanti & Carbone über die toxische Wir- kung des Serums von Pferden, welche mit Kaninchenblut vorbehandelt waren, aut Kaninchen berichtet worden. Unabhängig von Bürdet wurde kurz danach auch von Landsteiner und v. Dungern die immunisatorische Erzeu- gung von Hämolysinen mitgeteilt. 796 Hans Sachs, * blüter Hämolysine. Neugeborene Tiere (Ziegen) reagieren nach Reymann prinzipiell gleichartig wie erwachsene. Kreidl & Mandl haben gezeigt, daÄ bereits der fötale Organismus in der letzten Zeit des intrauterinen Lebens die Fähigkeit der Hämolysinbildung besitzt*). Welche Blutart man als Injektionsmaterial wählt, ist im allgemeinen gleich- gültig. Audi die Einverleibung kernhaltiger Blutkörperchen führt zur Hämo- lysinproduktion, wie das durch Untersuchungen Bordets, v. Dungerns, Krom- PECHERs, Landaus bekannt ist. Nach den xVngaben Landaus sollen durch der- artige hämolytische Immunsera die Blutkörperchenkerne nicht angegriffen werden^ (vgl. hingegen Krompecher). Auch durch Injektion des Blutes von Wirbellosen (Krebsen) wurden von Szczawinska Hämolysine erzeugt. Die Einverleibung des Blutes erfolgt in der Regel parenteral auf subkutanem, f)eritonealem oder intravenösem Wege. Angaben über die Bildung von Hämo- ysinen nach Einführung des Blutes per os rühren von Metalnikoff, Gareis, Bertarelli her. Meist werden für die Erzeugung hämolytischer Sera zu wissenschaft- lichen Studien oder zur praktischen Verwendung kleinere Laboratoriumstiere (an erster Stelle Kaninchen) herangezogea und mit dem Blute größerer Tiere (Hammel-, Rinder-, Ziegen-, Schweme-, Pferde-, Hundeblut etc.) vorbehandelt. Die peritoneale und intravenöse Injektion sind zu bevorzugen. Kaninchen injiziert man 20 — 30 ccra Blut peritoneal oder 1 — 5 ccm intravenös, im ersteren Falle in 7 — 10-tägigen, im letzteren in 3 — 4-tägigen Intervallen. Die Blutentnahme er- folgt 6 — 10 Tage nach der letzten Injektion; 2 Injektionen genügen in der Regel. Die Erzeugung stark wirksamer hämolytischer Sera scheint leichter zu gelingen, wenn das Serum der Tiere schon au und für sich die zu injizierende Blutarb löst (cf. hierzu Remy). In diesem Sinne liefern Kaninchen leichter Hammel- und Ziegenbluthämolysine als Rinderbluthämolysine. Auch Meerschweinchen, Ratten, Mäuse (Ritz), Vögel (Gänse, Hühner, Tauben), sowie größere Tiere (Ziegen, Hammel, Pferde) sind vielfach zur Hämolysinerzeugung mit Erfolg benutzt worden. Hämolysine bilden sich nicht nur bei Einverleibung fremdartigen Blutes, sondern können auch bei der Injektion des Blutes der gleichen Tierspecies entstehen. Man kann in dieser Hinsicht bei den Hämo- lysinen drei Gruppen unterscheiden. 1) Heterolysine, welche auf die Blutkörperchen einer fremd- artigen Tierspecies wirken, 2) Isolysine, welche auf die Blutzellen der gleichen Tierart wirken, 3) Autolysine, welche gegen die Blutzellen des eigenen In- dividuums gerichtet sind. Die Heterolysine haben ebenso normalerweise die weiteste Verbreitung**), wie sie auch immunisatorisch in allgemeinster Weise zu erzeugen sind. Daß auch Isolysine auf immunisatorischem Wege entstehen können, haben die Untersuchungen von Ehrlich & Mor- genroth, welche die Vorbehandlung von Ziegen mit Ziegenblut be- treffen, gelehrt. Charakteristisch für die Isolysine ist der Umstand, da,ß sie nicht auf die- Blutkörperchen aller Individuen der gleichen Species wirken, sondern elektiv nur die von einer Reihe von Individuen stammenden Blutzellen aufzulösen im- stande sind, niemals die des eigenen Individuums. Ueber Isolysinbildung beim *) Es liegen neuerdings auch Angaben über Hämolysinbildung durch in vitro kultivierte Gewebe vor (cf. hierzu Carrel & Ingebrigtsen, Lüdke). Frühere Angaben von Fischer, nach denen Blutkörperchen durch ge- waschene andersartige Blutkörperchen gelöst werden und derart in vitro Im- raunhämolyske entstehen sollten, sind vom Autor selbst später auf Grund nicht übereinstimmender eigener Nachprüfungen einer erneuten Analyse bedürftig er- klärt worden. **) Ueber die Heranziehung der heterolytischen Fähigkeit der Blutsera zu Untersuchungen über Blutverwandtschaft der Tierarten vgl. Landois & Frie- denthäl. Hämolysine des Blutserums. (Cytotoxische Sera.) 797 Kaninchen haben AscoLi*), Hulot & Ramond, Schultz, über Isolysinbildung bei Rindern Todd & White berichtet. Isolysinbildung bei Hühnern beschrei- ben Hadda & Rosenthal. Die immunisatorische Erzeugung von Autolysinen ist Ehr- lich & Morgenroth nicht gelungen, und die genannten Autoren erblicken als Ursache für das Ausbleiben einer Autolysinbildung das Bestehen zweckmäßiger Regulationsvorrichtungen im Organismus deren Funktion sie als den Ausdruck eines dem Organismus eigentümlichen ,,horror autotoxicus" auffassen. Immerhin ist an die Möglichkeit des Versagens der bestehenden Regula- tionsvorrichtungen bei pathologischen Zuständen oder bei einer massenhaften Resorption des körpereigenen Blutes zu denken, und tatsächlich sind einige klinische Fälle von Hämoglobinurie nach starken Blutungen (Michaelis, Kober, Tauber) derart im Sinne einer Autolysinbildung aufgefaiJt worden; allerdings handelte es sich hierbei nur urn Vermutungen, ohne daß hinreichende Beweise vorlagen. Der sichere Nachweis von Autolysinen ist bei der paroxysmalen Hämoglobinurie geführt worden, wobei Donath & Landsteiner zeigten, daß es sich hierbei um Hämolysine handelt, welche trotz ihrer eigentümlichen, später noch näher zu erörternden Wirkungsart wesentlich den Hämolysinen des Blut- serums entsprechen (vgl. auch Kretz, Mattirolo & Tedeschi **). Was die Verbreitung der Hämolysine im Organismus anlangt, so können außer im Blutserum, das den hauptsächlichsten und praktisch wichtigsten Fundort darstellt, auch in den serösen Flüssigkeiten (Transsudaten, Exsudaten etc.) Hämolysine nachgewiesen werden (cf. Strauss & Wolff, H. Strauss, Hedinger, Marshall u. a.). Dagegen übt der Humor aqueus normalerweise keine hämo- lytischen Wirkungen aus, kann aber nach der Punktion der vorderen Augenkammer Hämolysine enthalten (vgl. Sweet, Römer, Wessely u. a.). Die Lymphe wirkt nach Battelli schwächer hämolytisch als das Serum. Nach Weil & Kafka enthält die Lumbaiflüssigkeit bei raeningitischen Prozessen Hämolysine. Angaben über die hämolytische Wirksamkeit des Harns, wie sie von Sa- brazes & Fauquet, Camus & Pagniez herrühren, dürften wohl durch Aniso- tonie oder saure Reaktion des Mediums eine Erklärung finden (vgl. Pügnat). Die normale Milch übt hämolytische Wirkungen nicht aus (Frey). Bei derartigen Angaben über die hämolytische Wirkung von Körperflüssigkeiten ist zu beachten, daß, wie schon kurz er- wäJmt, und wie im nächsten Abschnitt noch näher zu erörtern sein *) Nach AscoLi sollen beim Kaninchen auch nach Injektion der eigenen Blutkörperchen Isolysine entstehen. Hulot & Ramond berichten über das Entstehen von Anämien nach subkutaner und peritonealer Injektion des von demselben Individuum gewonnenen Blutes. **) Unter Autolysinen sind an dieser Stelle nur hämolytische Wirkungen zu verstehen, die durch Stoffe von Antikörpertypus ausgeübt werden, d. h. durch solche, welche, durch Immunisierung entstanden oder normalerweise vorkommend, die für die hämolytischen Antikörperwirkungen charakteristische luaktivierbar- keit und Restitution durch nichthämolytische normale Serumstoffe erkennen lassen. Hämolytische Wirkungen des Blutserums sind in der Regel durch der- artige Antikörpertypen bedingt. Jedoch ist mit der Möglichkeit zu rechnen, daß unter gewissen pathologischen Umständen auch toxinartige hämolytische Stoffe, wie wir sie in Bakterienkulturfiltraten und tierischen Giften kennen, oder chemisch definierte hämolytische Agentien im Blutserum resp. in anderen Körperflüssigkeiten auftreten. So sei an die hämolytischen Eigenschaften der verschiedensten Organextrakte, der Galle etc. erinnert, welche ja auch die Blut- körperchen des Individuums, von dem sie stammen, aufzulösen imstande sind. Es handelt sich aber hier um kochbeständige, lipoidartige Stoffe, welche sich bereits dadurch von den hämolytischen Antikörpern markant unterscheiden. 798 Hans Sachs, wird, die Hämolysine ihre Funktion dem Zusammenwirken zweier Komponenten verdanken. Tatsächlich weisen nicht nur die Immun- hämolysine, sondern auch ihre physiologischen Analoga diese kom- plexe Konstitution auf. Der negative Ausfall der einfachen Prüfung von Körperflüssigkeiten auf hämolytische Wirkung schließt also nicht aus, daß die eine oder die andere Komponente dennoch vorhanden ist. In dieser Hinsicht wird sich bei der späteren Besprechung der ein- zelnen Komponenten Gelegenheit finden, hierauf zurückzukommen. In gleicher Weise gibt naturgemäß die Bestimmung der hämolytischen Wirkung des Blutserums keinen erschöpfenden Einblick in die tat- sächlich vorliegenden Verhältnisse, erlaubt vielmehr nur einen Schluß auf die vorhandene Menge von hämolytisch wirkendem Agens, ohne aber die Frage, ob ein Ueberschuß der einen oder anderen Komponente vorliegt, oder ob bei negativem Versuchsergebnis nur die eine Kompo- nente fehlt, zu beantworten. Immerhin kann unter Umständen bereits die Feststellung der hämolytischen Wirksamkeit an und für sich, des ,, hämolytischen Blankwertes", wie es Moro nennt, von Interesse oder Wert sein. Es handelt sich dabei um die Feststellung der minimalen Serummenge, welche eine gegebene Quantität roter Blutkörperchen noch vollständig zu lösen imstande ist*). Für die hämolytische Wirkung normaler Sera liegen eine große Reihe von Angaben vor, welche nur den hämolytischen Blankwert betreffen. Teilweise handelt es sich hierbei um Arbeiten, welche aus einer Zeit herrühren, zu welcher die komplexe Konstitution der Hämolysine noch nicht bekannt war, teilweise aber auch um spätere Angaben der Autoren, welche im übrigen der komplexen Konstitution Rechnung tragen **). Angaben über heteroly tische Wirksamkeit der verschiedenen Serumarten sind sehr zerstreut und finden sich bereits in den älteren Ar- beiten von Landois, Daremberg, Buchner, Gürber u. a. Präzisierte Gesetz- mäßigkeiten sind kaum zu formulieren, obwohl es an Versuchen in dieser Rich- *) Zur Technik hämolytischer Versuche sei auf das Kapitel „Exp. spezifische Diagnostik mittels Agglutination etc.'" im 3. Bande dieses Handbuches verwiesen. Hier sei nur kurz erwähnt, daß man mit serumfrei ge- waschenen, in der Regel ö-proz. Blutaufschwemmungen arbeitet. Gleiche Mengen der Erythrocytensuspeusionen werden mit absteigenden Dosen des Serums oder der auf Hämolysingehalt zu prüfenden Flüssigkeit digeriert, wobei für gleiches Volumen in allen \'ersuchsröhrchen durch entsprechenden Zusatz von physiologi- scher (0,85-proz.) Kochsalzlösung zu sorgen ist. Die Digestion der Gemische erfolgt im Brutschrank oder im Wasserbad bei 37 o. Dabei ist der hämolytische Vorgang meist nach 2 Stunden beendet (oft empfiehlt sich fortgesetzte zeitliche Beobachtung des Versuchsverlaufs). Für die Beurteilung des Ergebnisses gelten zwei Grenzwerte, die komplette Hämolyse und jegliches Fehlen der Hämolyse. Für die dazwischen liegenden Grade partieller Hämolyse genügt eine schätzungs- weise Beurteilung nach der Skala „fast komplett — stark — mäßig — wenig — Spur — Spürchen''. (Ueber kolorimetrische Bestimmung der Hämolyse vergl. Hadsex.) Zuweilen wird auch als Maß für die hämolytische Wirkung die Zeit bestimmt, welche bis zum Eintritt der Hämolyse erforderlich ist. Man kann selbstverständlich die Menge der Blutaufschwemmung reduzieren und wird dazu unter Umständen nach Ma^igabe des vorhandenen Serummaterials gezwungen sein (über mikroskopischen Nachweis der Hämolyse vgl. v. Baum- garten). **) Bei immunisatorisch erzeugten Hämolysinen hat die einfache Bestim- mung des hämolytischen Wirkungsgrades keinen irgendwie interessierenden Wert, da das Produkt der Immunisierung, wie an späterer Stelle näher besprochen werden wird, lediglich die thermostabile Komponente (der Ambozeptor) ist und die hämolytische Wirksamkeit des Immunserunis daher durch den relativ ge- ringen Gehalt an der bereits normalerweise im Serum vorhandenen fhermolabilen Komponente (Komplement) auf enge Grenzen quantitativer Variation be- schränkt ist. Hämolysine des Blutserums. (Cytotoxisehe Sera.) 799 tung (cfr. LoNDOX, Gürber, Rissling u. a.) nicht fehlte*). Wena auch die hämolytische Funktion der normalen Sera individuell und auch zeitlich bei dem- selben Individuum mehr oder weniger variiert (Morgenroth & Sachs;, so können Angaben über die hämolytischen Funktionen doch innerhalb gewisser quantitativer Grenzen Gültigkeit beanspruchen. Die Kenntnis des hämolyti- schen Vermögens ist auch deshalb von Bedeutung, weil normale Sera als Träger der thermolabilen Komponente (des KomplementsJ dienen und zu diesem Zwecke in den zu verwendenden Doseu an und für sich nicht hämolytisch wirken dürfen. Zahlreiche Angaben über das hämolytische Verhalten normaler Sera in Kombina- tion mit verschiedenen Blutkörperchenarten befinden sich in der Arbeit von Rissling**). Als allgemeiner Befund hat sich bei der Untersuchung sowohl mensch- licher als auch tierischer Sera die Tatsache ergeben, daß im fötalen oder kindlichen Blute die hämolytische Funktion fehlt oder in er- heblich geringer eniMaße vorhanden ist als im mütterlichen Blut- serum (Halbax & Landsteixer, Sachs, Polano, Resinelli, Schumacher, Laxger, Marshall, Aschexheim, Schexk, Rywosch, v. Graff und v. Zu- BRZICKY und viele andere, vgl. auch das Referat von Heymaxx). Nach Strauss & Wulff ist die hämolytische Kraft der Transsudate im allgemeinen geringer als diejenige der Exsudate. Nach Weil & Kafka (cf. auch Braun & Husler) sind in der Lumbaiflüssigkeit, insbesondere bei entzündlichen Prozessen der Meningen, nicht dagegen bei der Paralyse Hämolysine nachweisbar. Die zahlreichen Arbeiten, in welchen behn Menschen unter normalen und pathologischen Verhältnissen die heterolytischen und isolytischen (wie auch die hämagglutinierenden ) Wirkungen des Blutserums vergleichend untersucht worden sind, haben zu vielfach widersprechenden Ergebnissen geführt und jedenfalls diagnostische oder pathognomonische Schlußfolgerungen zu ziehen nicht gestattet; es mag hier genügen, auf die Angaben von Aschenheim, Ascoli, Camus & Pagniez, Eisenberg, Goxseff, Grixoxi, Grüxbaum, Halbax & Laxdsteixer, Halperx, Hedinger, Hektoex, Howard, Kleix, Laxdsteixer, Laxd- STEiNER & Leixer, Landsteixer & Sturli, Laxger, Loxgcope, Maragliaxo, *) Ueber Beziehungen zwischen chemischen Bestandteilen des Blutes (Cho- lesterin und Fettsäuren) und Hämolyse vgl. Mayer & Schäffer, Ferre, Maurjac & Defaye. **) Verwiesen sei auch auf die Arbeit von Aschenheim, der über die hämo- lytische Wirkung der Sera nach den in der Literatur zerstreuten Berichten (Riss- ling, BrcHXER, Ehrlich, Hahn & Trommsdokff, Halban & Laxdstelner, MtJLLER, Morgenroth, Neisser & Döring, Ottolenghi & Mori, PoLA^fO, Römer, Sachs, Shibayama, Stern u. a.) folgende Tabelle zusammenstellt: Das Serum von: löst die Erythro- cyten von: a o 'S a , ^ 'S c 3 'S 03 'S 1 'S (D C CS c i ^1 w N « cc o Ck O W CS w M O 05 Kaninchen + + + + + + + ± + + + + Meerschwein chen + + + + + + + + + + + -1- Hund (+) +. Mensch ± + + + + ± ± — + + (±) + Ziege + + + u + + Rind ± ± (±) i Ü — ± — + + — — Schaf + + + + ± — ü + — — — • — — Schwein ,+. ± — — — -1- + — + Pferd + -+- + + + + + u — — ■ — — Gans -1- _ — ü — — — Ente + — — . — — . — — — Taube + + + — — — . — — — Huhn + + — — — — — — ü -r Lösungsvennögen vorhanden, {+) „ fraglich oder sehr gering, i „ nach verschiedenen Autoren oder Individuen wechselnd. — „ fehlend. 800 Haxs Sachs, Marshall, lo Moxaco & Paxichi, Moro, E. Xeisser & Döring, Polk, Shattock, Trommsdorff und viele andere zu verweisen *). Erinnert sei auch an die Arbeiten Kellixgs, nach denen das Serum bei Carcinom eine gesteigerte hämolytische Wirkung gegenüber verschiedenen Blutarten (Hammel, Huhn, Schwein, Rind etc.) aufweisen soll. Bezüglich näherer Details sei auf den dieses Kapitel behandelnden Beitrag von Apolant in diesem Handbuche verwiesen. Die Angaben Kellixgs sind in einer Reihe von Arbeiten (Fischel, Fuld v. DuNGERX, Paus, Widoroe, Rosexbaum, Wolfsohx und andere) experi- menteller Nachprüfung und kritischer Betrachtung unterzogen worden; eine sero- diagnostische Verwendbarkeit für Carcinom hat sich jedenfalls nicht ergeben (cfr. insbesondere v. Duxgerx, Kraus). Zahlreiche Arbeiten der genannten und anderer Autoren haben sich ins- besondere mit den isoly tischen (und isoagglutinierenden) Wirkun- gen des Blutserums beschäftigt. Isolysine und Isoagglutinine sind bei einer großen Reihe von Krankheiten beschrieben worden, und es wurde früher vielfach der Versuch gemacht, einerseits ihr Auftreten mit gewissen Krankheitsprozessen in Beziehung zu bringen, andererseits ihr Entstehen als Ausdruck einer immuni- satorischen Reaktion des Organismus auf eingetretenen Blutzerfall zurückzu- führen. Indes hat sich einerseits ergeben, daß das Vorkommen von hämotoxi- schen Isoantikörpern im menschlichen Serum durchaus keine seltene Ausnahme darstellt (cfr. insbesondere Laxdsteixerj, wobei die Wirkung der Isoantikörper nur nicht gegenüber den Erythrocyten jedes Individuums zur Geltung kommt, ein Verhalten, das im übrigen dem von Ehrlich & Morgexroth für die im- munisatorisch erzeugten Isolysine beschriebenen entspricht. Andererseits haben Untersuchungen von Kraus & Ludwig, sowie von Wassermaxx, in welchen es nicht gelang, durch beträchtliche Zerstörung von Erythrocyten mittels Blut- giften Isolysine oder Isoagglutinine zu erzeugen, eine experimentelle Stütze für die Annahme eines Zusammenhangs des Auftretens von Isolysinen mit dem Blut- zerfall nicht zu erbringen vermocht. In neuerer Zeit interessierten besonders die Angaben von Crile, denen zufolge das menschliche Blutserum bei Carcinom in einer sehr erheblichen Prozentzahl isolytische Wirkungen aufweist (vgl. hierzu die Arbeiten von Richartz, Weil,' Clowes, Weixberg & Mello, Allessaxdri und andere). Um eine für Carcinom spezifische Reaktion handelt es sich nach den obigen Angaben auch hierbei nicht; im übrigen sei auf den Beitrag von Apolaxt in diesem Handbuche verwiesen. Daß das Blutserum in vielen FäUen bereits normalerweise die erwähnte häm- agglutinierende Eigenschaft besitzt, ist schon von Creite und Laxdois beschrie- ben worden, und daß auch bei der Immunisierung mit Blutkörperchen Agglu- tinine entstehen, hat Bordet gleichzeitig mit der Entdeckung der Immun- hämolysine festgestellt. Jedoch bleibt die hämagglutiuierende Wirkung der Sera im Gegensatz zur hämolytischen Funktion in der Regel nach dem Inakti- vieren durch halbstündiges Erhitzen auf 55° erhalten (vgl. hierzu jedoch den folgenden Abschnitt). Ueber die immunisatorische Erzeugung von Isoagglu- tininen haben v. Duxgerx & Hirschfeld berichtet. Normalerweise ist die agglutinierende Fähigkeit der Sera weit verbreitet, ebenso existieren zahlreiche Angaben über Isoagglutine, über welche ungefähr das gleiche gesagt werden kann, wie über die Isolysine. Bezüglich der serodiagnostischen Verwertbarkeit der Hetero- und Isohämagglutinine sei auf das Kapitel ..experimentelle spezifische Dia- gnostik mittels Agglutination etc.'' im .3. Bande dieses Handbuches verwiesen. Auch Autoagglutinine sind im normalen Serum beschrieben worden (AscoLi. Klein, Laxdsteix'er); die „Geldrollenbildung des Blutes" wird mit ihnen in Zusammenhang gebracht **). II. Konstitution und Wirkuussart. Wie bereits erwähnt, war von Bordet gleichzeitig mit der Entdeckung der immunisatorischen Entstehung von Hämolysinen als *j Vergleichende Untersuchungen über den Hämolysingehalt der verschiedenen Gefäßgebiete siehe bei ilAURLiC & Seregre. Ueber "hämolytische Wirkung und Cholesteringehalt (kein ParaUeüsmus i siehe Ferre, Mauriac und Defaye (cf. hierzu auch ^Iayer & Schäfferi. **) Kleix hat über Hämagglutination durch Extrakte aus roten Blut- körperchen berichtet. Hämolysine des Blutserums. (Cytotoxische Sera.) 801 wichtiges Grundgesetz die Tatsache festgestellt worden, daß das hämo- lytische Immunserum durch i/g-stündiges Erhitzen auf 55 o inaktiviert wird, die Wirkung aber durch Zufügen von normalem, an und für sich nicht hämolytischem Serum restituiert werden kann, ein Ver- halten, das den von R, Pfeiffer, Metschnikoff & Bürdet ana- lysierten Eigenschaften der bakteriziden Iramunsera entsprach. Es handelt sich hierbei, wie wir heute wissen, um eine allgemeine Ge- setzmäßigkeit, die man dahin ausdrückt, daß dielmmunhämoly sine die H ä m 1 y s e durch das Zusammenwirken zweier Kom- ponenten bedingen, von denen die eine thermostabil, die andere thermolabil ist. Nur die thermostabile Komponente ist im Immunserum als Produkt des Immunisierungsprozesses aufzufassen, die thermolabile Komponente ist dagegen bereits im normalen Blutserum vorhanden. Wir bezeichnen die thermostabile Substanz des Hämolysins mit Ehrlich & Morgenroth als ,,Ambozep to r", die thermolabile im normalen Serum vorhandener Komponente als ,,Komplement"*). Daß iü der Tat das Komplement im hämolytischen Immunserum gegenüber der Norm nicht in gesteigerter Menge vorhanden ist, haben Untersuchungen von V. DuxGERN & BuLLOCH (cfr. auch Sachs, Re.my) besonders erwiesen **) Man erhält also, wenn man die hämolytische Kraft emes frisch gewonnenen Immunserums durch einfache Bestimmung der minimalen lösenden Dosis fest- stellt, kein richtiges Bild von der Stärke des Immunisierungsprozesses. Wäh- rend nämlich zur Ausübung von Komplementwirkungen relativ große Serum- dosen erforderlich sind (in der Regel wohl mindestens 10 mg bei den komple- mentreichsten Seris), ist der Ambozeptorgehalt meist ein derart hoher, daß bei geeigneten Kombinationen 1 mg oder selbst ^/lo mg des Immunserums zur De- monstration seiner Wirkung hinreicht (bei 0,05 ccm Blut). Man kann sich daher bereits durch die verstärkende Wirkung, welche ein Zusatz von normalem Serum durch dessen Komplementgehalt zu minimalen Mengen des frischen Immunserums ausübt, sehr leicht von der Tatsache der komplexen Konstitution der Hämolysine überzeugen. A. Die komplexe Konstitution. War durch den Nachweis der Reaktivierung inaktivierter hämo- lytischer Immunsera durch frisches Normalserum die komplexe Kon- stitution der Hämolysine bereits als sichere Tatsache angenommen worden, so kam als weiteres zwingendes Argument hinzu die von Ehrlich & Morgenroth demonstrierte Trennung des aktiven Immun- serums in zwei, an und für sich unwirksame Komponenten. Ehrlich & Morgenroth haben nämlich den Nachweis geführt, daß der im inaktivierten Immunserum enthaltene Ambozeptor von derjenigen Blut- art, welche zur Erzeugung des hämolytischen Immunserums gedient hat, und auf welche das letztere wirkt, aufgenommen und derart dem Serum entzogen wird, während auf das Komplement die Gegenwart von Blutkörperchen beim Fehlen des Ambozeptors ohne Einfluß ist. Die Aufnahme des Ambozeptors findet nun auch bei niedriger Tem- *) Diese Ausdrucksformen sind heute wohl die gebräuchlichsten, jedoch seien in folgendem auch die von Ehrlich & Morgenroth, m früheren Arbeiten und von anderen Autoren auch heute gebrauchten Synonyma genannt: a) für den Ambozeptor: Immunkörper (Pfeiffer, Ehrlich & Morgenroth X Zwischenkörper (Ehrlich & Morgenroth), Substance sensi- bilisatrice (Bürdet), Copula (P. Müller), Desmon (London), Philocytase, Fixateur (Metschnikoff), Präparator (Gruber), Hilfskörper (Büchner); b) für das Komplement: Addiment (Ehrlich & Morgenroth), Alexin (Buchner, Bordet), Cytase (Metschnikoff). **) Ueber Schwankungen des Komplementgehalts im Verlaufe der Immuni- sierung vergleiche an späterer Stelle. Handbuch der pathogenen Mikroorganismen. 2. Aufl. II. Dl 802 Hans Sachs, peratur (0^) statt, ohne daß selbst bei Gegenwart von Komplement Hämolyse eintritt. Der Grund hierfür ist, wie Ehrlich & Morgen- roth zeigen konnten, nicht oder keineswegs allein in einer durch die Temperaturerniedrigung veranlaßten Behinderung des hämolyti- schen Vorgangs zu suchen. Wenn man nämlich aktives hämolytisches Immunserum bei niedriger Temperatur mit den entsprechenden roten Blutkörperchen digeriere und nach einiger Zeit durch Zentrifugieren die ungelösten Blutkörperchen von der serumhaltigen Zwischenflüssig- keit trennt, so zeigt sich, daß weder das in physiologischer Kochsalz- lösung aufgenommene Blutsediment noch frische Blutkörperchen unter dem Einfluß der Abgußflüssigkeit bei höherer Temperatur der Hämo- lyse anheimfallen. Dagegen tritt beim Mischen der Abgußflüssigkeit mit dem in der Kälte vorbehandelten Blutsediment in der Wärme sofort Hämolyse ein. Dieser sogenannte , ,Kält et rennungs versuch" von Ehrlich & Morgenroth stellt demnach gewissermaßen die räum- liche Trennung zweier an und für sich unwirksamer Kom- ponenten des hämolytischen Immunserums dar und war daher geeignet, die Lehre von der komplexen Konstitution der Hämo- lysine in zwingender Weise zu stützen. Das gleiche Phänomen wurde von Ehrlich & Morgenroth auch bei höherer Temperatur erzielt, wenn auch nicht in so ausgesprochener Form. Man kann nämlich durch vorsichtiges Abgrenzen der Di- gestionsdauer auch bei Brutschranktemperatur zu einer gewissen Zeit durch Zentrifugieren ein Blutsediment erhalten, das die thermostabile Substanz bereits reichlich gebunden, die thermolabile Komponente aber nur in geringem Grade aufgenommen hat. Auch in eklatanter Weise kann man aber bei höherer Temperatur die komplexe Konstitution der Hämolysine dadurch demonstrieren, daß man als Zusatz hyper- tonische Kochsalzlösung oder isotonische Lösungen geeigneter Salze (Bariumchlorid, Calciumchlorid) benutzt, welche die Hämolyse ver- hindern (NoLF, Marke, Ehrlich & Sachs), ohne dabei aber das hämo- lytische Agens zu zerstören (cf. Sachs, Friedberger, Manwaring, Hektoen & Rüdiger, Noguchi, v. Dungern & Coca, Ruffer & Crendiropoülo). Trennt man derart besalzene Gemische von Blut- körperchen und hämolytischem Serum durch Zentrifugieren, so er- geben sich, wenn man in der Abgußflüssigkeit das durch die Salz- gegenwart verursachte Hemmnis durch geeignete Maßnahmen elimi- niert, genau die nämlichen Verhältnisse, wie im Ehrlich-Morgexroth- schen Kältetrennungsversuch, w'ie dies zuerst Sachs bei Verwendung von hypertonischer Kochsalzlösung, v. Dungern & Coca bei Be- nutzung isotonischer Calciumchlorid- und Bariumchloridlösung gezeigt haben. In gleicher Weise kann nach L, Michaelis & Skwirsky eine durch Zusatz geeigneter Phosphatgemische hergestellte schwach saure Reaktion zur Trennung der zwei Komponenten des Hämolysins dienen. Nach dem heutigen Stande unserer Kenntnis ist es übrigens nicht mehr ohne weiteres angängig, derartige Trenr^ungsversuche dahin aufzufassen, daß eine isolierte Bindung des Ambozeptors an die Blutkörperchen stattgefunden hat. Es hat sich nämlich gezeigt, daß auch die thermolabile Substanz des Xormal- serunis, die wir als Komplement bezeichnen, durch gewisse Maßnahmen in zwei Fraktionen getrennt werden kann, die erst in gegenseitiger Kombination die Kom- plementwirkung ausüben. Man kann daher bei den erörterten Trennungsver- suchen nicht von vornherein entscheiden, ob lediglich der Ambozeptor oder außerdem auch eine Fraktion des Komplements von den Blutkörperchen auf- genommen worden ist. Tatsächlich variieren die Dinge in dieser Hinsicht je nach den speziellen Verhältnissen und insbesondere nach der Ambozeptormenge, worauf in einem späteren Abschnitt bei der näheren Besprechung der Komplemente ein- Hämolysine des Blutserums. (Cytotoxische Sera.) 803 zugehen sein wird. Hier sei nur erwähnt, daß es natürlich für die Frage der komplexen Konstitution der Hämolysine gleichgültig ist, ob im Trennungs- versuch nachgewiesen wird, daß die eüie Fraktion lediglich den Ambozeptor, die andere lediglich das Komplement enthält, oder ob in der emen Fraktion der Ambozeptor im Verein mit einem Teil des Komplements isoliert wird. Wesentlich ist zunächst nur die Demonstration der Tatsache, daß aus einem hämolytisclien Serum zwei an und für sich inaktive, im Verein aber wirksame Fraktionen erhalten werden können. In diesem Sinne kann der Beweis für die komplexe Konstitution der Hämolysine auch durch solche Verfahren geführt werden, welche nachweislich eine Spaltung des Kom- plements in zwei Fraktionen bedingen, und unter denen an erster Stelle die ver- schiedenen Methoden der Isolierung eines Globulin- und Albuminanteils im Serum (Ferrata, Liefmann, Sachs & Altmann) zu nennen sind. Es handelt sich dabei eben hauptsächlich um den Nachweis einer komplexen Zusammensetzung als differenzierendes Merkmal der Hämolysine des Blutserums gegenüber den als einfache, nicht dissoziierbare Stoffe aufzufassenden hämolytischen Toxinen. Wenn auch die Lehre von der komplexen Konstitution der Hämo- lysine für die Imnmnsera rasch allgemeine Anerl^ennung fand, so be- durfte es doch langwieriger experimenteller Demonstrationen, bevor die von Ehrlich & Morgenroth inaugurierte Uebertragung dieser Betrachtungsweise auf den Bau der normalen Hämolysine des Blut- serums allgemeine Zustimmung fand. H. Buchner hatte die globuii- ziden und bakteriziden Wirkungen des normalen Serums auf einen einheitlichen, als Alexin (Abwehrstoff) bezeichneten Serumbestand- teil zurückgeführt, so daß es als prinzipiell neuartig imponierte, als Ehrlich & Morgenroth zum ersten Male zeigten, daß auch die normalen Hämolysine komplexer Natur sind und aus Ambo- zeptor und Komplement bestehen. Die Verallgemeinerung dieses Grundsatzes auf alle normalen hämolytischen Serumwirkungen ist insbesondere von Buchner und Gruber bekämpft worden. Obwohl ja nach den Grundsätzen, welche die Seitenkettentheorie gelehrt hat, und nach denen die immunisatorisch erzeugten Antikörper nur das Produkt einer exzessiven und spezifischen Steigerung normaler Ge- schehnisse darstellen, von vornherein zu erwarten war, daß normale und immunisatorisch erzeugte Hämolysine des Blutserums ihre Wir- kung in prinzipiell gleichartiger Weise entfalten, so begegnete die Be- weisführung doch in vielen Fällen nicht unerheblichen Schwierigkeiten, Die Gründe hierfür sind in den Grenzen der Methoden gelegen, welche uns für den Nachweis der komplexen Konstitution zur Verfügung stehen, und welche von Ehrlich & Morgenroth bereits in ihrer ersten Mitteilung hervorgehoben wurden. Der einfachste Weg zum Nachweis der komplexen Konstitution, den wir als Verstärkungsversuch bezeichnen können, ist bei den normalen Hämolysinen nur in Ausnahmefällen gangbar. Im hämo- lytischen Immunserum ist, wie schon erwähnt, ein derartiger Ueber- schuß von Ambozeptor gegenüber dem normalen geringen Kompleraent- vorrat vorhanden, daß es ohne weiteres gelingt, geringe, nicht mehr hämolytische Immunserumdosen durch Zusatz von geeigneten Mengen des als Komplementträger fungierenden homologen Normalserums zu aktivieren und derart zum Ziele zu gelangen. Im Gegensatz dazu besteht im Normalserum in der Eegel eine mehr oder weniger begrenzte Aequivalenz zwischen den beiden Komponenten, und wenn sie auch in gewissen Fällen nicht vorhanden ist, so daß der Ambozeptor über- wiegt, so ist der Versuch schon meist deshalb nicht ausführbar, weil das homologe Serum mit umgekehrter Relation der beiden Kompo- nenten ja fehlt. 51* 804 Hans Sachs, In manchen Fällen kann man sich allerdings durch einen lileinen Kunstgriff helfen, indem man fötales Serum zur Verstärkung benutzt, das, wie bereits erörtert wurde, meist gar nicht oder schwächer wirkt, als das Serum Erwachsener und dabei in der Regel durch einen überwiegenden Ambozeptormangel charakteri- siert ist, wobei ein wesentlicher Komplementvorrat vorhanden sein kann. Im allgemeinen aber ist man auf die Elimination der Komplementfunktion durch die Inaktivierung des Serums angewiesen. Aber auch die Möglichkeit des Nachweises der komplexen Kon- stitution mittels der Aktivierungsmethode ist bei den normalen Hämolysinen nicht unbeschränkt gegeben. Abgesehen von dem ge- legentlichen Vorkommen thermostabiler Komplemente (vgl. Ehrlich & Moegenroth) ist eine ausgesprochene Thermostabilität der Ambo- zeptoren nicht immer vorhanden. Zwar ertragen die hämolytischen Immunambozeptoren im allgemeinen ohne weiteres das übliche Inakti- vieren durch halbstündiges Erhitzen auf 55 o, jedoch sind die hämolytischen Ambozeptoren der Normalsera vielfach durch eine größere Labilität charakterisiert, wie das seit den Untersuchungen von Sachs zahlreiche bestätigende Angaben der Autoren (E. Neisser & Friedemann, Morgenroth, Moreschi. Lazar u. a.) gezeigt haben. l\[an darf daher beim Nachweis der komplexen Konstitution. der Hämo- lysine mittels des Aktivierungsverfahrens die Inaktivierung nicht ohne weiteres durch schematisches Erhitzen auf 55 ^ vornehmen, muß viel- mehr zunächst die niedrigste Temperatur ermitteln, bei welcher das Normalserum seine hämolytische Wirksamkeit verliert [Inaktivie- rungstemperatur *)] . Um nun den Nachweis der komplexen Konstitution durch die Aktivierung des inaktivierten Normalserums zu führen, muß man nach geeigneten Komplementquellen suchen, die naturgemäß nicht ohne weiteres zu finden sind. Denn einerseits darf ja das zur Kom- plettierung benutzte Serum mindestens in der zu verwendenden Menge nicht an und für sich auf die Blutkörperchen hämolytisch wirken, andererseits ist nicht jedes Komplement geeignet, zur Aktivierung eines bestimmten Ambozeptors zu dienen. Es kommt also auf eine Erprobung der verschiedenartigsten Sera auf ihr Komplettierungs- vermögen an, und es kann in schwierigen Fällen vom Zufall ab- hängen, ob man eine geeignete Kombination findet**). Allerdings ist bei Aktivierungsversuchen, in denen zur Komplettierung des Ambozeptors nicht das gleiche, sondern ein heterologes Serum benutzt wird, an einen Einwand zu denken, der von Gruber erhoben worden ist. Man muß sich nämlich bewußt sein, daß — streng genommen — bei gelungener Aktivie- rung sich noch nichts über die Konstitution des im aktiven Serum wirksamen Hämo- lysins zu ergeben braucht. Es könnte ja im aktiven Serum ein einheitliches Alexin im Sinne von Grüber und Büchner vorhanden sein, außerdem aber im inaktivierten Serum noch ein Ambozeptor zum Nachweis gelangen. Obgleich eine derartige Deduktion eigentlich nur eine rein hypothetische Komplizierung . *) In der Regel scheint mit der Thermolabilität der Ambozeptoren auch eine gesteigerte Labilität des Komplements vorhanden zu sein, welche es ermöglicht, den Ambozeptor noch isoliert zu erhalten., **) Erwähnt seien in dieser Hinsicht die Untersuchungen von Hess & Römer über die Netzhautstäbchenlysine des normalen Serums. Hierbei glückte den Autoren eine Aktivierung des Rinderserums durch aktives Meerschweinchen- serum nicht im Reagenzglase: wohl aber gelangte das Rinderscrnm zur lytischen Wirkung, wenn es vorher einige Zeit in der Meerschweinchenbauchhohle be- lassen vvar. Die Aktivierung des Ambozeptors war also in vivo erfolgt. Man muß vielleicht an die Möglichkeit denken, daß auch in anderen Fällen die lebende Bauchhöhle oder das Peritonealexsudat stärkere Koriiploraentfunktionen als Blut- serum _ ausübt, wie das ja auch für die Aktivierung bakterioivtischer Ambozep- toren in gewissen Fällen beschrieben worden ist. Hämolysine des Blutserums. (Cytotoxische Sera.) 805 des Tatbestandes bedeuten würde und die Frage heute bei der allgemeinen An- erkennung, welche die Lehre von der komplexen Konstitution der Hämolyshie gefunden hat, ein mehr historisches Interesse beansprucht, so sei doch darauf hingewiesen, daß in allen denjenigen Fällen, m denen der genannte Einwand von Gruber erhoben wurde, auch auf anderen, in dieser Hinsicht einwandfreien Wegen das Zusammenwirken von zwei Komponenten bei der Hämolyse durch Normalserum erwiesen worden ist (vgl. Sachs). In einer ReUie von Fällen kann man nämlich auch durch Verwendung des dem inaktivierten artgleichen Serums zum Ziele gelangen. Bei manchen Serumarten, z. ß. beim Hundcserura {cir. Sachs, Lefmann) ist bereits normalerweise relativ mehr Komplement als Ambozeptor enthalten, so daß es gelingt, durch geringe nicht mehr hämo- lytische Dosen des frischen aktiven Serums das durch Erhitzen inaktivierte Serum in seiner Wirkung zu restituieren. In ähnlicher Weise ist der Nach- weis P. Th. Müller gelungen, indem er auf experimentellem Wege eine ein- seitige Vermehrung des Komplementgehalts dadurch bewirkte, daß er den Versuchstieren Bouillon, Peptonwasser oder Aleuronatbrei intraperitoneal inji- zierte. In dem derart gewonnenen Serum war das Komplement in hinreichender Menge angereichert worden, so daß das Serum in kleinen Dosen zur Komplettie- rung des gleichartigen inaktivierten Serums benutzt werden konnte. Endlich ist in manchen Kombinationen die Beweisführung dadurch ermöglicht, daß das Serum von Föten oder juveniler Individuen überwiegend durch Ambozeptor- mangel charakterisiert ist, so daß es in praktischer Hinsicht sehr oft als reines oder fast reines Komplement herangezogen werden kann, mit welchem dann die Aktivierung des inaktivierten gleicliartigen Serums erwachsener Individuen leicht gelingt (vgl. Sachs, Polano und andere*). Schließlich ist man auf die Aktivierungsmethode nicht allein angewiesen, und man kann in vielen Fällen auch durch das ebenfalls von Ehrlich & Morgenroth inaugurierte Verfahren der direkten Trennung von Ambozeptor und Komplement bei Verwen- dung aktiver normaler Hämolysine zum Ziele gelangen. Dazu dient an erster Stelle der bereits erwähnte Kältetrennungsversuch, durch den in sehr vielen Kombinationen der Nachweis der komplexen Konstitution normaler Hämolysine gelungen ist. Allerdings handelt es sich auch hierbei, wie Ehrlich & Morgenroth von Anfang an betont haben, um eine Methode, der gewisse Grenzen gesetzt sind. Die Voraussetzung des VerfaJirens ist natürlich, daß die Avidität zwischen Zelle und Ambozeptor diejenige zum Komple- ment erheblich übertrifft. Das ist nun bei den hämolytischen Immunseris die Regel. Keineswegs liegen die Verhältnisse aber bei den Normalhämolysinen in gleicher Weise günstig. Sehr oft ist nämlich die Avidität zwischen Zelle und Normalambozeptoren so gering, daß eine meßbare Vereinigung in der Kälte nicht oder nur in *) Im übrigen können bei der Komplettierung inaktivierter Sera, selbst wenn eine geeignete Kombination vorhanden ist, für den Nachweis auch noch andersartige Schwierigkeiten bestehen. Zunächst können im inaktivierten Serum antikomplementäre Funktionen interferieren, welche die lytische Wirkung des Komplements vereiteln, wie das z. B. beim Nachweis von Rinderblutambozep- toren im Kaninchenserum bei Komplettierung mit Meerschweinchenserum tat- sächlich der Fall ist (vgl. Bürdet). Man kann dann durch die vorherige Bin- dung des Ambozeptors an die Blutkörperchen und Entfernung der antikomple- mentären Momente mit der Zwischenflüssigkeit vor dem Komplementzusatz unter Umständen noch zum Ziele gelangen. Andererseits kann aber auch gerade die Benutzung dieses Weges von Nachteil sein: denn ün inaktivierten Serum sind unter Umständen auch Modifikationen der wirksamen Komponenten (Kom- plementoide oder Ambozeptoide) vorhanden, welche zwar lytisch unwirksam smd, aber die Funktion der wirksamen Stoffe vereiteln. In dieser Hinsicht kommt besonders das von Ehrlich & Sachs analysierte Phänomen der Komplementoid- verstopfung in Betracht, und es hat sich gerade hierbei gezeigt, daß die Komple- mentoidc insbesondere dann störend interferieren, wenn sie vor dem Komplement- zusatz mit dem Ambozeptor auf das Blut einwirken, während bei gleichzeitiger Anwesenheit von nativem Komplement das letztere dennoch zur Wirkung ge- langt. (Näheres siehe im Abschnitt ,, Komplemente".) I 806 Hans Sachs, geringem Maße erfolgt. Man kann dann auch durch Erhöhung der Temperatur nicht immer zu einer nachweisbaren Trennung gelangen, weil oftmals der Unterschied zwischen der Reaktionstendenz der Ambo- zeptor- und Komplementverankerung ein so geringer ist, daß beide Komponenten entweder gleichzeitig gebunden werden oder vereint in der Flüssigkeit zurückbleiben. Zuweilen scheint sogar die Avi- dität des Ambozeptors zur Zelle erst bei Komplementgegenwart re- aktionsfähig zu werden (cf. Ehrlich und Sachs). Durch die Varia- bilität der skizzierten Bedingungen sind der Kältetrennungsmethode natürliche Schranken gesetzt, so daß ihr Mißlingen zu keinen Schlüssen berechtigt. Bei manchen Normalhämoh'sinen. bei denen die Reaktionsfähigkeit des Ambozeptors nur in der Kälte unzureichend ist, bei liöherer Temperatur aber für eine Verankerung ohne Komplementbindung ausreicht, läßt sich die Trennung in der Wärme durchführen, wenn die Reaktion zwischen Ambozeptor und Kom- plement durch gewisse später elimmierbare Faktoren ausgeschaltet wird. Als solche Maßnahmen kommen ein Zusatz hypertonischer Kochsalzlösung in Betracht (Sachs), wobei die Hypertonie der Abgußflüssigkeit später durch geeignetes Verdünnen mit destilliertem Wasser beseitigt wird, sowie das durch v. Dungern & CocA geübte Bariumchloridverfahren, bei dem durch dieses Salz die Bindung des Komplements gehemmt, das im Abguß frei gebliebene Komplement durch Zusatz von Natriumoxalat aber wieder wirkungsfähig wird. Mit dem einen oder dem anderen der hier skizzierten Verfahren ist in allen daraufhin untersuchten Warm- blüterseris, und insbesondere auch in solchen, in denen von Buchner und Gruber negative Befunde erhoben worden waren, der X ach weis der komplexen Konstitution geführt worden (Ehrlich & Morgexroth, Ehrlich & Sachs, Sachs, P. Müller, London, E. Neisser & Döring, Meltzer, Folano, Moreschi u. a. ). von Straus & Wolff (Marshall) auch für die Hämolysine der Transsudate und Exsudate, und die von Ehrlich & ]\Iorgenroth begründete Auffassung kann daher als eine allgemeine Gesetzmäßigkeit gelten. Aber auch für Hämolysine im Kaltblüterserum hat sich das nämliche ergeben. So haben Flexner & Xoguchi im Schlangenserum und bei anderen, Kaltblütern, Lazar im normalen und Immunserum des Frosches die komplexe Konstitution der Hämolysine dartun können *). *) Verwiesen sei hierbei auf die Angabe Lazars, nach welcher die hämo- lytischen Ambozeptoren des Froschserums nur durch Froschserum, nicht durch andersartige Sera aktivierbar sind. Allerdings haben Friedberger & Seelig keine Anhaltspunkte für das Vorhandensein komplexer Hämolysine im Frosch- serum gefunden, und sie glauben daher, dessen hämolytische Wirkung dem \'or- handensein von echten Hämotoxinen zuschreiben zu sollen. Dagegen smd neuer- dings auch Fränkel & Liefmann durch die Heranziehung der zur Kora- plementspaltung dienenden Globulinfällungsmethoden zum Nachweis der kom- plexen Konstitution der Froschserumhämolysine gelangt (vgl. hierzu auch Land- steiner & Rock). Für das Hämolysin des Aalserums war der Nachweis der korhplexen Konstitution mittels der oben beschriebenen üblichen Methoden nicht geglückt, und erst kürzlich haben Camus & Gley eine Reihe von Erfahrungen zusammengestellt, welche nach ihrer Ansicht beweisen, daß das Aalserum seine häniolytische Wirkung einem einfachen Toxin verdankt. Entsprechend den obigen Ausführungen wird man freilich wegen der Unzulänglichkeit der zur Ver- fügung stehenden Methoden emer derartigen Schlußfolgerung nicht ohne weiteres beistimmen können, und in der Tat existieren neuere Mitteilungeji von Lief- mann & Andreew, in welchen die Autoren berichten, daß es ebenso wie beim Froschserum auch beim Aalserum gelingt, durch Globulmfällung zwei Frak- tionen zu erhalten, welche an und für sich unwirksam sind, vereint aber hämo- lytisch wirken. Man kann aus derartigen Versuchen, wie schon erwähnt, nicht ohne weiteres schließen, daß ein mit der Ambozeptor-Komplementwirkung identi- Hämolysine des Blutserums. (Cytotoxische Sera.) 807 Im Anschluß an die Besprechung der komplexen Konsti- tution der Hämolysine sei noch die gleichsinnige Frage für die Hämagglutinine des Blutserums kurz erörtert. Im allgemeinen können die Hämagglutinine als einheitliche Substanzen aufgefaßt werden; jeden- falls bleibt die Agglutinationswirkung der Sera nach dem für die hämolytische Funktion deletären Erhitzen erhalten: die Serumagglutinine sind also thermo- stabile Stoffe. Verwiesen sei indes auf die bereits von Bail, wesentlich auf Grund von Studien über Bakterienagglutiume vertretene Auffassung, nach welcher auch die Agglutinine komplexer Konstitution sind und durch das Zusammenwirken des thermostabilen „Hemiagglutinins" mit dem thermolabilen „Agglutinophor" die Agglutinationsphänomene bedingen. Ebenso hat v. Baumgarten gerade für die Hämagglutinine des Blutserums eine komplexe Konstitution angenommen. Auf Grund mikroskopischer Beobachtungen ist er der Ansicht, daß das duri;h Erhitzen inaktivierte Serum nur eine „Agglomeration" bedingt, die erst nach Zu- satz eines geeigneten aktiven Serums zu einer echten Agglutination wird. An- dererseits wird nach Streng durch Komplementzusatz und Komplementbindung die Wirkung der Agglutinine gehemmt. Es mag genügen, auf diese Angaben zu verweisen, ohne an dieser Stelle hierbei näher zu verweilen. Daß es jedenfalls Hämagglutinationswirkungen des Serums gibt, welche sicherlich komplexer Art sind, haben neuere Untersuchungen gezeigt. Wir dürfen hierbei allerdings diejenigen Agglutinationswirkungen, welche durch Kom- bination von Antikörperfunktionen bedingt smd, wie das bei der später zu er- örternden ,,Kettenbindung" (Moreschi) der Fall ist, ausschließen, ebenso den von Bürdet & Gengou beschriebenen und als „Koagglutination" be- zeichneten Vorgang, bei dem es sich nicht um das Zusammenwirken von Blut- körperchen und einem korrespondierenden Antisernm, sondern um das Nieder- reißen von roten Blutkörperchen durch die Reaktion von präzipitabler Substanz mit entsprechendem Antisernm handelt *). Dagegen gehört hierher die agglutinationsvermittelnde Fuiik- tion, welche Kreuzspinnengift im Verein mit inaktivierten hämolytischen Immunseris ausübt. Landsteiner & Fürth hatten berichtet, daß Hämotoxine, darunter auch das Kreuzspinnengift, auf, ihrer hämo- lytischen Wirkung gegenüber resistente, Blutarten durch Vermittelung inakti- vierter spezifischer Immunsera hämolytisch wirken können, konnten allerdings dieses hämolytische Phänomen in späteren Versuchen nicht wieder reprodu- zieren. Dagegen hatten sie gleichzeitig angegeben, daß durch das Zusammen- wirken von Kreuzspinnengift mit inaktiviertem Immunserum Hämagglutination entsteht. Dieses Agglutinationsphänomen ist' durch v. Szily näher analysiert worden, und es ergab sich hierbei, daß sogar minimale Mengen des inaktivierten Immunserums genügen, um im Verein mit an sich völlig unwirksamem Kreuz- spinnengift eine starke Agglutinationswirkuug zu bedingen. Der Wirkungs- mechanismus unterscheidet sich dabei markant von demjenigen der Hämolysine, indem beide Komponenten (Immunserum und Kreuzspinuengift) unabhängig voneinander von den Blutkörperchen aufgenommen werden, was bei den Hämo- lysinen nur für den Ambozeptor gilt. Ob hierbei die Antikörper des Immun- serums mit den eigentlichen Agglutininen zu identifizieren sind, erscheint durch- aus zweifelhaft; man könnte annehmen, daß es sich um eine Funktion hämo- lytischer Ambozeptoren handelte. Jedenfalls haben die Untersuchungen keinen An- laß zu der Annahme gegeben, daß dem Kreuzspinnengift eine komplementartige Wirkung zukommt. Nach einer Angabe Gengoüs kann auch durch das Zusammenwirken von inaktivem Immunserum und inaktivem Meerschweinchenserum Hämagghitination eintreten. Neuerdings ist Dean zu ganz entsprechenden Ergebnissen gelangt, und er glaubt, auf Grund einer gründlichen Analyse der Erscheinung schließen zu müssen, daß diese Form der Agglutination den der Wirkung agglutinierender Sera zugrunde liegenden Typus darstellt. Nach Dean wird daher die Serum- agglutination durch zwei Faktoren bedingt, den spezifischen Antikörper und eine scher Mechanismus vorliegt, aber die Versuche deuten jedenfalls auf eine kom- plexe Konstitution hin und legen daher die Vermutung nahe, daß es sich auch bei diesen hämolytischen Serumwirkungen um eine den Warmblüterseris entsprechende Wirkungsart handeln dürfte. *) Es dürfte sich vpohl bei einer älteren Beobachtung von Beaujard & Henri um das nämliche Koagglutinationsphänomen handeln. Danach werden nämlich gewaschene Blutkörperchen von Kaninchen, die mit Eiereiweiß vor- behandelt wurden, durch Eiereiweiß agglutiniert, was die Autoren auf Reste den Blutkörperchen noch adhärierenden Serums zu beziehen geneigt sind. 808 Ha^'s Sachs, nicht-spezifische, thermostabile, an die Globulinfraktion gebundene Serumsub- stanz. Folgt man also der Ansicht Deans, so kann man natürlich auch hierbei nicht von einem Zusammenwirken mit Komplementen sprechen. Jedoch gibt es auch Agglutinationsphänomene, bei denen offenbar kom- plementartigc t^toffe interferieren. Die erste Beobachtung dieser Art stammt von MuiR & Browning, welche zeigen konnten, daß Rinderblut zwar weder durch inaktives, vom Kaninchen gewonnenes Immunserum, noch durch aktives Rinderserum, wohl aber durch die Kombination beider Komponenten stark agglutiniert wird, und daß die aktive Substanz des Rinderserums beim Er- hitzen auf 55" ihre Funktion verliert. Augenscheinlich handelt es sich hier- bei um die erste Beobachtung eines Phänomens, das von Bordet & Gay in seiner allgemeineren Bedeutung erkannt und als ,,Kon gl u t inat ion" be- zeichnet wurde. Konglutination tritt nach Bordet & Gay (cfr. auch Bordet & Streng) ein, wenn auf Blutkörperchen spezifisches inaktiviertes Immunserum im Verein mit Komplement und sog. Konglutinin, welches sich vornehmlich im inaktivierten Rinderserum, aber auch in inaktivierten Seris anderer Tierarten (vgl. hierzu Streng) vorfindet, zusammenwirkt. Bordet, Gay & Streng fassen jedoch die hn Antiserum hierbei wirksamen Stoffe nicht als agglutinierende Antikörper auf, vielmehr identifizieren sie sie mit den Ambozeptoren. Sie be- trachten daher die Konglutination als ein Mittel, den Ambozeptornachweis auch in solchen Fällen zu führen, in denen das Komplement gebunden wird, ohne an und für sich eine wahrnehmbare Wirkung auszuüben, oder in denen das als Antigen fungierende Substrat nicht geeignet ist, die Folge der Komplement- wirkung durch den lytischen Prozeß erkennen zu lassen. Im übrigen genügt nach neueren Untersuchungen Gengous für die Konglutination bereits die Glo- bulinfraktion des komplettierenden Serums, welche, wie an späterer Stelle zu be- sprechen sein wird, nur die eine, an und für sich hämolytisch unwirksame Kom- ponente des Komplements enthält *). Es dürfte durchaus berechtigt sein, wenn Bordet, Gay und Streng das hier beschriebene Phänomen als Konglutination durch den eigenartigen Wirkungs- mechanismus von den Agglutinationserscheinungen differenzieren. Allerdings sind von Bail und Spät hiergegen Einwendungen erhoben worden, auf welche aber, da es sich um Versuche mit Bakterien handelt, an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden kann (vgl. hierzu auch Dean). Jedenfalls haben insbesondere Versuche von Streng gezeigt, daß die als Konglutinm bezeichnete Komponente sich von dem eigentlichen Agglutinin wohl unterscheidet. So kann man z. B. durch Dialyse die in den Globulinniederschlag gehenden Konglu- tinine von den in der Albuminfraktion verbleibenden Agglutininen trennen, und ebenso können Agglutinine von dem korrespondierenden Antigen gebunden werden, ohne daß ein Verlust an Konglutinin statthat **). B. Wirkungsart. Was die AVirkungsart der Hämolysine anlangt, so ergibt sich einerseits aus der komplexen Konstitution, andererseits aus den bereits von Ehrlich & Morgenroth demonstrierten Bindungsversuchen, daß das Komplement als solches mit den roten Blutkörperchen in keiner Weise zu reagieren imstande ist, wenn ein geeigneter Ambozeptor fehlt. Der Ambozeptor hingegen reagiert mindestens in der über- wiegenden Mehrheit der Fälle an und für sich mit den Blutkörperchen und wird von ihnen gebunden. Die mit Ambozeptor derart beladene Zelle bindet im Gegensatz zur nativen das Komplement und fällt seiner Wirkung anheim. Das sind die wichtigsten tatsächlichen Befunde, deren Kenntnis der grundlegenden Experimentalanalyse Ehrlichs & Moegenroths zu danken ist. In theoretischer Hinsicht gingen aber die Auffassungen vom Beginn der Hämolysinforschung ab insofern '^) Erwähnt sei in diesem Zusammenhange, daß nach Barikine & Gengou der Konglutination formal entsprechende Erscheinungen sich auch bei Ver- wendung spezifischer Niederschläge, sowie von Mastix und Stärkeemulsionen erzeugen lassen (vergl. hierzu auch Sachs). **) Ueber die Verwendung der Konglutination zu serodiagnostischen Zwecken sei auf das Kapitel „Experimentelle spezifische Diamostik mittels Agglutination etc." im 3. Bande dieses Handbuchs verwiesen. Vgl. auch das Kapitel „Agglu- tinine" in dem vorliegenden Bande. Hämolysine des Blutserums. (Cytotoxische Sera.) 809 auseinander, als von Ehrlich & AIorgenroth angenommen wurde, daß der Ambozeptor unter gewissen Bedingungen mit dem Komplement eine lockere chemische, sehr leicht dissoziierbare Verbindung eingeht. Nach Ehrlich & Morgexroth ist daher der Ambozeptor als ein mit zwei chemischen Aviditäten ausgestatteter Antikörper aufzufassen, welcher einerseits durch die sogenannte cytophile Gruppe mit der Zelle, andererseits durch den komplementophilen Apparat mit dem Komplement zu reagieren befähigt ist, eine Anschauung, die bereits in der Bezeichnung ,, Ambozeptor" zum Ausdruck gelangt. Dieser als Ambozeptortheorie bekannten xVuffassung hat Bordet seine Sensibilisierungstheorie gegenübergestellt, nach welcher der Ambozeptor zAvar, wie es den tatsächlichen Verhältnissen entspricht, von den roten Blutkörperchen gebunden wird, zu dem Komplement aber in keinerlei Beziehungen steht. Dem Vorgang der Komplement- wirkung legt Bürdet die Annahme von physikalischen Adsorptions- ersch(;inungen zugrunde, indem er den Ambozeptor mit einer Beize vergleicht, welche die Zellen derart alteriert, daß sie nunmehr der Einwirkung des Komplementes unterliegen. Einem näheren Einblick in die hier in Betracht kommenden \"erhältni5se wird die Besprechung der einzelnen Eigenschaften der Ambozeptoren und Kom- plemente voriuigehen müssen, und es wird daher an späterer Stelle auf die Beziehungen zwischen Ambozeptor und Komplement zurückzukommen zu sein. Hier sei nur bemerkt, daß Beziehungen zwischen der nativen Zelle und dem Komplement keinesfalls existieren und daher bei der BoRDEXschen Auffassung der ambozeptorbeladenen Zelle eine neu entstehende xiffinität zum Komplement vindiziert werden muß. Es liegt daher in dem skizzierten Sachverhalt begründet, daß BoRDETs Beweisführung eine indirekte sein muß und sich dementsprechend wesentlich auf Einwände gegen die zur Stütze der Ambozeptortheorie beige- brachten experimentellen Belege erstreckt. Es darf vielleicht auch gleich an dieser Stelle auf einen Einwand einge- gangen werden, der von Grüber gegen die Ambozeptortheorie erhoben wurde. üruber hatte nämlich einerseits angenommen, daß nach Ehrlich & Morgen- Roth bei höherer Temperatur eine Bindung zwischen Ambozeptor und Komple- ment vorhanden sein müsse, und dementsprechend in dem Kältetrennungs- versuch einen Beweis gegen die Ambozeptortheorie erblickt, indem er anderer- seits darauf hinwies, daß eine Dissoziation durch Kälte nicht vorkomme. Dem- gegenüber hat Morgenroth bemerkt, daß eine Dissoziation bei Temperatur- erniedrigung nur dafür sprechen würde, daß die Verbindung von Ambozeptor und Komplement endothermisch, unter Wärmeverbrauch, vor sich geht, aber gleichzeitig betont, daß nach Ehrlich & Morgenroth Ambozeptor und Kom- plement bei höherer Temperatur gar nicht fest zum Hämolysin vereinigt sind, daß vielmehr ,,im Serum Ambozeptor und Komplement bis auf einen pra"ktisch zu vernachlässigenden, d. h. nicht zur Hämolyse ausreichenden geringen Anteil nebeneinander existieren". Da nun Morgenroth gleichzeitig zeigen konnte, daß mehr als 20 Proz. der zur kompletten Hämolyse notwendigen Ambozeptor- und Komplementmenge sich dem Nachweise entziehen können, so kommt die Frage einer Dissoziation durch Abkühlung hierbei gar nicht in Betracht. Dagegen haben Ehrlich & Morgenroth bereits aus ihren ersten Fest- stellungen den Schluß gezogen, daß mit der Bindung des Ambozeptors an die roten Blutkörperchen eine erhebliche Aviditätssteigerung in der Reaktionstendenz zwischen Ambozeptor und Komplement verbunden sein muß. Es ist daher, auch wenn man von der später zu erörternden Vielheit der Komplemente ab- sieht, nur zu erwarten, daß in einer Mischung von Ambozeptor und Kom- plement eine Disponibilität des Komplements für ambozeptorbeladene Zellelemente besteht, eine Tatsache, durch deren Demonstration Bürdet einen Beweis gegen die Richtigkeit der Ambozeptortheorie aufgefunden zu haben glaubte. Was die wiederholt diskutierte Frage anlangt, ob die Hämo- lysine nach Art von Fermenten wirken, so wird die Er- örterung hierüber bei der komplexen Konstitution wiederum getrennt für Ambozeptor und Komplement geführt werden müssen. Jedenfalls aber darf man die Funktion der Hämolysine wohl nicht als einen 810 Hans Sachs, Akt proteolytischer Verdauung im engeren Sinne auffassen, wie das von Buchner (vgl. auch Ehrlich & Morgenroth) angenommen wurde. Denn es tritt Hämolyse ein, ohne daß die Stromata schwinden*) (cf, BoRDET, NoLF, V. Baumgarten, Landau u. a.), und der Nachweis von Verdauungsprodukten im hämolysierten Blut ist Nolf nicht ge- lungen. Auch Ohta gibt an, daß eine nachweisbare Proteolyse parallel mit der spezifischen Hämolyse nicht zur Beobachtung gelangt. An- dererseits wurde von Neuberg und seinen Mitarbeitern ein ursäch- licher Zusammenhang zwischen hämolytischen und lipolytischen Fähig- keiten vermutet (vgl. auch Bergel). Indessen entbehrt auch diese Hypothese hinreichende Argumente. Xeuberg & Rosenberg haben zwar gezeigt, daß verschiedene tierische Hämolysine lipolytisch wirken, und Neuberg & Reicher haben auch mit Auti- seris entsprechende Versuche ausgeführt. Jedoch fehlen für einen Versuch, welcher gerade die hämolytischen Sera betrifft, und aus dem hervorgeht, daß ein Gemisch von hämolytischem Immunserum mit normalem Meerschweinchen- serum stärker lipolytisch wirkt als Meerschweinchenserum allein, die erforder- lichen Kontrollen, so daß vorläufig eine Berechtigung zu Schlußfolgerungen nicht vorliegt. Selbst wenn sich ein Parallelismus zwischen Lipolyse und Hämo- lyse nachweisen läßt, so muß es doch unentschieden bleiben, ob ein ursächlicher Zusammenhang zwischen beiden Erscheinungsformen besteht oder -nicht, wie das auch Neuberg selbst hervorgehoben hat. Auch berechtigen unsere Kenntnisse von den sogenannten lecithidbildenden Blutgiften, welche den Ausgangspunkt zu den Vergleichen zwischen lipolytischer und hämolytischer Wirkung gegeben haben, durchaus nicht zu einer derartigen Auffassung; denn bei den lecithid- bildenden Giften, als deren Prototyp das Schlangengift gelten kann, ist ja das hämolytische Agens gar nicht die, allerdings lipolytisch wirkende, Giftlösung als solche. Das Hämolysin entsteht vielmehr erst durch das Zusammenwirken des Giftstoffes mit Lipoiden, und es ist dabei gleichgültig, ob mau mit Kyes eine Verbindung von Gift und Lipoid als wirksames Agens annimmt, oder ob man für die hämolytische Funktion die Entstehung emes giftfreien Lipoid- spaltproduktes für hinreichend erachtet, wie es nach den Untersuchungen von V. Dungern & Coca, sowie Manwaring den Tatsachen entspricht. Bei den Wirkungen der Schlangengifte und ähnlich wirkender Toxine bedingt die Lipo- lyse also gar nicht auf direktem Wege den hämolytischen Vorgang, vielmehr kann die hämolytische Funktion nur als die indirekte Folge eines lipolytischen Prozesses gelten, der zudem zu kochbeständigen und daher um so weniger als fermentartig anzusprechenden Reaktionsprodukten führt. In ganz ähnlicher Weise sind wohl auch die von Friedemann, Wohlgemuth und Noguchi mitgeteilten Versuche über Entstehung hämolytischer Wirkungen durch die Kombination von Lipasen mit fettartigen Stoffen aufzufassen (vgl. ältere Beobachtungen von Delezenxe, auch Neuberg & Reicher), ohne daß man von einer besonderen lipolytischen Form der Plämolyse sprechen kann. Wenn natürlich auch kein Zweifel besteht, daß in derartigen Fällen lipolytische und hämolytische Wir- kungen in einem ursächlichen Zusammenhang stehen, so ist doch zu berück- sichtigen, daß die Lipolyse eben der Hämolyse vorangeht und durch ihre Wir- kung erst das hämolytische Agens erzeugt. Es erscheint daher auch nicht an- gängig, den Wirkungsmechanismus derartiger Formen der Hämolyse mit der die Funktion der Serumlysine beherrschenden Ambozeptor-Komplementwirkung in Paralle zu stellen**). Ob aber überhaupt durch Lipasen die Blutkörperchen in der Weise angegriffen werden können, daß durch lipolytische Wirkung un- mittelbar Hämolyse entsteht, muß vorläufig dahingestellt bleiben. Jedenfalls steht ein Beweis hierfür aus***). *) Bei der durch andere Blut^ifte bedingten totalen Auflösung spricht V. Baumgarten von „Erythrocytolyse" im Gegensatz zur „Hämolyse". **) Andererseits sei in diesem Zusammenhange an Analogien erinnert, welche der Wirkungsmechanismus gewisser Fermente mit denjenigen der Hämo- lysine insofern aufweist, als bei einer Reihe von Fermentwirkungen die Synergie zweier Komponenten als erwiesen gelten kann (cf. Pawlow-Schepowalnikoff, Delezenne, Korschun, Ainley Walker, Buchner und Klatte u. a.). Die Frage, ob diesen formalen Analogien eine tiefere Uebereinstimmung des Wir- kungsmechanismus zugrunde liegt, soll aber hier unerörtert bleiben. ***) Lieber Lipolyse und Agglutination vgl. Bergel. Hämolysine des Blutserums. (Cytotoxische Sera.) 811 Aut die Frage, ob die Hiimoiyse durch Blutserum auf einer Beeinflussung von Lipoidhüllen oder Lipoideiweißverbindungen beruht, wie es von Landsteiner und seinen Mitarbeitern (v. JAGig, v. Eisler) angenommen wird, soll an dieser Stelle nicht eingegangen werden. Es sei in dieser Hinsicht auf die vorzügliche zusammenfassende Darstellung Landsteiners im Handbuche der Biochemie verwiesen. Im übrigen äußert sich auch Landsteiner gegenüber der Annahme einer direkten Hämolyse durch Lipasen skeptisch. Ueber gewisse Differenzen bei der Hämolyse durch Serum und fettlösende Agentien berichtet KOPPE. V. Baumgarten wies auf den Unterschied hin, der darin besteht, daß nach der Hämolyse durch fettlösende Stoffe die Stromata nicht mehr nachweis- bar sind, bei der Serumhämolyse aber erhalten bleiben. Ebenso betonen Neu- feld & v. Prowazek, Neufeld & Händel die vollständige Auflösung der Erythrocyten durch Laugen, Seifen, gallensaure Salze im Gegensatz zu dem Erhaltenbleiben der Schatten und Kerne (Landau) bei der Hämolyse durch Serum (und Saponinsubstanzen). Darin, daß der Angriffspunkt der hämolytischen Serumstoffe im Stroma gelegen ist, stimmen wohl alle Autoren überein. Die rein osmologische Betrachtungsweise, wie sie früher von v. B.'^umgarten versucht wurde, ist von diesem Autor selbst in der ursprünglichen Form aufgegeben worden. V. Baumgarten hielt zunächst die Annahme von Komplementen für über- flüssig und betrachtete die Hämolyse als Folge der Einwirkung der durch fremd- artiges Serum bedingten geringgradigen osmotischen Störungen auf die durch die Immunstoffe veränderten Blutzellen. Konnte man hiergegen bereits einwenden, daß es eine Reihe mit ambozeptorhaltigem inaktivierten Serum sich in ihrem eigenen Blutserum auflösen, so hat v. Baumgarten später selbst seine An- schauungen modifiziert. Er nimmt nunmehr an, daß durch die Bindung von Ambozeptor und Komplement an das Stroma eine „molekulare Alteration" eintritt, „der zufolge die normale Permeabilität (Semipermeabilität) des Stromes sich ändert, wodurch es zu Störungen des osmotischen Gleichgewichts zwischen dem Blutkörpercheninhalt und der umgebenden Flüssigkeit kommt". Diese Auf- fassung kommt derjenigen der EHRLiCHschen Schule zum mindesten sehr nahe. Denn nacii Ehrlich ist das Stroma oder Diskoplasma der roten Blutkörperchen als eine diffusionsverhindernde Membran aufzufassen, deren wesentliche Funktion es ist, den Austritt des Hämoglobins in die Blutflüssigkeit zu verhindern. Diese wichtige Funktion des Stromas wird aber nach Ehrlich aufgehoben durch die Einwirkung aller Agenzien, welche schädigend resp. protoplasmatötend wirken. Man kann also jedenfalls die Folge der Hämolysinwirkung als eine Schädigung des Stromes auffassen, das hierdurch seine diffusionsverhindernde Funktion ein- büßt. In diesem Sinne nähern sich auch die Anschauungen v. Baumgartens dieser allgemeinen Definition. Denn die osmologische Betrachtung bezieht sich in der jetzigen Form, wie Rössle bemerkt, nur auf den sekundären Vorgang des Hämogiobinaustritts, läßt aber die primäre Ursache der Hämolysinwirkung un- berührt. Die Schädigungen, welche die Stromata durch die Wirkung hämo- lytischer Sera erleiden, kann man nach Bordet auch sinnfällig zum Ausdruck bringen. Es handelt sich hierbei um Differenzen im Verhalten der durch Serum- hämolyse und durch Hämolyse mittels salzfreien Wassers gewonnenen Blut- körperchenschatten. Zwar ergibt sich bei mikroskopischer Betrachtung zunächst keine Differenz; fügt man jedoch eine geeignete konzentrierte Salzlösung hinzu, so behalten die durch Serumwirkung gewonnenen Stromata ihre Form, während die durch Wasserhämolyse erzeugten runzlig werden und erheblich zusammen- schrumpfen. Auch makroskopisch zeigt sich der Unterschied, indem nur bei der Wasserhämolyse durch Salzzusatz die Transparenz schwindet und die Flüssig- keit getrübt wird. Zum Nachweis dieser Veränderung ist nicht_ intaktes Blut erforderlich; man kann vielmehr prinzipiell gleichartige Erscheinungen beob- achten, wenn man auf die durch Wasserhämolyse gewonnene Stromata hämo- lytisches Serum einwirken läßt*). *) In gleicher Weise fand Bürdet die Stromata nach der durch Sublimat erzeugten Hämolyse osmotischen Einflüssen gegenüber verändert. 812 Hans Sachs, Auch Bürdet gelangt derart zu dem Schluß, daß „die Hämolyse durch das Serum durch die Tatsache bedingt ist, daß die Blutkörper- chenwand (Stroma) eine Läsion erleidet, die ihr die Empfindlich- lichkeit für die osmotischen Einflüsse raubt". Kurz hmgewieseii sei auf eine Reilie von Arbeiten, welche sich mit den hämolytischen berumwirkungen von physikalisch-chemischen Gesichtspunkten aus beschäftigen*) (vgl. hierzu Henri, Cernovodeanu & Henri, Mioni, Ap,RHE- Nius, Zangger, Frey, Manwaring, Landsteiner, Traube u._ a.)- Es handelt sich dabei um Untersuchungen über Reaktionsgeschwindigkeit, Einfluß der Blut- und Serummenge, hämolytische Wirkung von Serumgemischen, physikalisch- chemische oder kolloid-chemische Betrachtungen. Der komplexen Konstitution der Hämolysine und den verschiedenartigen in den Seris neben den zur Hämolyse erforderlichen Agenzien vorkommenden Stoffen, welche den hämolytischen Vor- gang im positiven oder negativen Sinne beeinflussen können, dürfte dabei nicht immer in hinreichender Weise Rechnung getragen sein. Da in den folgenden Abschnitten die beiden Komponenten der Hämolysine, Ambozeptor und Kom- plement, gesondert betrachtet werden, wird an geeigneter Stelle auf einige hierher gehörige Fragen kurz zurückzukommen sein. Was die Beziehungen zwischen Agglutination und Hämolyse an- langt, so wird heute im Gegensatz zu der ursprünglichen Auffassung BoRDETS, daß Agglutination stets mit der Hämolyse vergesellschaftet ist und ihr vorangeht, fast allgemein die von Ehrlich & Morgen- roth ausgesprochene Ansicht geteilt, daß ,,die Agglutination keines- wegs als eine Vorbedingung des hämolytischen Vorganges aufgefaßt werden darf", daß vielmehr Agglutinine und Hämolysine unabhängig voneinander im Serum bestehen können. Allerdings vertritt v. Baumgarten die Auffassung, daß die Agglutination als eine Vorstufe der Hämolyse zu betrachten ist. Auf Grund von mikroskopi- schen Beobachtungen ist er, wie schon erwähnt wurde, der Meinung, daß auch die Agglutinine im allgemeinen komplexer Konstitution sind und zur vollen Entfaltung ihrer Wirkung der Beteiligung des Komplementes bedürfen. _ Auf Grund obiger Ausführungen müssen wir indes die Agglutinine im eigentlichen Sinne als thermostabile Substanzen betrachten. Die Frage nach dem Zusammen- hang zwischen Agglutination und Hämolyse ist daher nur in dem Sinne zu stellen, ob Agglutinine und Ambozeptoren identische Stoffe sind, und wird daher im folgenden Abschnitt bei der Erörterung der Ambozeptoren zu be- sprechen sein. III. Ambozeptoren. Der Ambozeptor ist bei den hämolytischen und cytotoxischen Serumwirkungen der Träger der eigentlichen Antikörperfunktion. Bei der Immunisierung mit Zellen stellt, wie das bereits erwähnt wurde, der Ambozeptor das Produkt des Immunisierungsprozesses dar, und auch bei den normalen Hämolysinen, welche, wie wir gesehen haben, nur physiologische Analoga der hämolytischen Immunsera sind, ist die Antikörperwirkung durch den Ambozeptor bedingt, dessen Vorhanden- sein ersu die Funktion des stets einen normalen Serumbestandteil bil- denden Komplements ermöglicht. Diese, die Komplementwirkung ver- mittelnde Rolle des Ambozeptors muß auch der Definition des Be- griffes zugrunde gelegt werden. Unter Ambozeptoren sind dem- nach solche normale oder immunisatorisch gebildete Anti- körper des Blutserums zu verstehen, welche die Wirkung der Komplemente, d. h. normaler, an und für sich indiffe- renter und fast immer thermolabiler Serumstoffe auf das zugehörige Antigen vermitteln. *) Ueber physikalische Chemie der roten Blutkörperchen, Permeabilität und Hämolyse durch physikalische und chemische Faktoren, vgl. auch den Aufsatz von Höber im Handbuche der Biochemie. Hämolysine des Blutserums. (Cytotoxische Sera.) 813 Diese Definition umfaßt allerdings nicht alle Möglichkeiten der Erschei- nungsform. Sie erstreckt sich vielmehr nur auf derartige Kombinationen, in denen das Antigen, wie es bei roten Blutkörperchen, Bakterien, Eigenbewegung auf- weisenden Zellarten der Fall ist, durch das Komplement einer sinnfälligen Ver- änderung unterworfen wird. Fällt aber die direkte Wahrnehmbarkeit der Kom- plementfunktion fort, so kann von einer nacliweisbaren Wirkung nicht mehr gesprochen werden, und man ist dann auf den indirekten Weg des Ambo- zeptornachweises angewiesen, der, wie das Bürdet & Gexgou zuerst gezeigt haben, darin besteht, daß das Komplement zwar nicht sichtbar wirkt, aber trotz- dem durch das Zusammenwirken des Ambozeptors mit dem Antigen verschwindet. Wenn man daher in weiterem Sinne alle diejenigen Antikörper, welche durch ihre Verbindung mit dem zugehörigen Antigen eine Kompleraentbindung und damit ein Erlöschen der Komplementfunktion bewirken, als Ambozeptoren be- zeichnen kann, so ist hierbei dem Begriff des Antikörpers eine besondere Prä- gnanz beizulegen. Denn wir wissen aus den Erfahrungen über die Komplement- bindungserscheinungen, insbesondere auch durch die Analyse der Wassermann- schen Syphilisreaktion, daß durch das Zusammenwirken von Serum mit einer anderen Komponente Komplementschwund verursacht werden kann, ohne daß sich irgendwelche Anhaltspunkte ergeben, welche zu einer Charakterisierung der dabei wirkenden Serumstoffe als Antikörper berechtigen. Man wird also beim indirekten Nachweis des Ambozeptors mittels Komplementbindung die Gewähr dafür haben müssen, daß der Komplementbindung wirklich die Reaktion zwischen einem Antigen und dem spezifischen Immunstoff zugrunde liegt, wofür die Kenntnis der Gewinnung des Antiserums, sowie die Spezifität der Wirkung an erster Stelle maßgebend sein müssen. Bei normalen Seris kann daher die Entscheidung, ob ein Ambozeptor vorliegt, auf Grund des indirekten Nach- weises der Komplementbindung mehr oder weniger großen Schwierigkeiten begegnen. Im Sinne der von P. Ehrlich begründeten Rezeptorenlehre stellen die Ambozeptoren freie Rezeptoren .3. Ordnung dar, d. h. solche, die, an und für sich funktionsuntüchtig, mit zwei haptophoren Appa- raten ausgerüstet sind, von denen der eine die Beziehungen zur Zelle (zum Zellrezeptor), der andere diejenigen zum Komplement beherrscht (cytophile und komplementophile Gruppe). Der experimentellen Ana- lyse zugänglich sind an erster Stelle die Reaktionen zwischen Zell- antigenen und den cytophilen Ambozeptorgruppen. A. Rezeptoren und Ambozeptoren. Das Substrat, welches der Funktion der Zelle, mit dem Ambo- zeptor zu reagieren, zugrunde liegt, wird als „Rezeptor" (Ehrlich) bezeichnet. Der Rezeptor ist das Organ der Aufnahmefähigkeit, der Rezeptibilität, und damit der Empfindlichkeit, durch dessen Vermitt- lung das Zellprotoplasma den Ambozeptor aufnimmt und derart seiner Funktion, d. h. der durch letztere veranlaßten Komplementwirkung unterliegt. Die Beziehungen zwischen Rezeptoren und Ambozeptoren sind, wie diejenigen zwischen Antigenen und Antikörpern bei der Gesamtheit der Immunitätsreaktionen, durch strenge Spezifizität charakterisiert. Die Spezifizität deckt sich aber keineswegs mit dem sich auf zoologischer oder anatomisch-histologischer Grundlage er- gebenden Spezifizitätsbegriff, da für sie nicht die äußere Erscheinungs- form und auch nicht allein die Konsequenz des entwickelungsgeschicht- lichen Prinzips maßgebend ist, sondern lediglich die biochemische Konstitution, deren Formel dem Rezeptor den bestimmenden Charakter verleiht. Es kann daher „von einer Spezifizität der durch Immuni- sierung mit Zellen erhaltenen Ambozeptoren nur in dem Sinne ge- sprochen werden, daß hierunter jedesmal die spezifischen Beziehungen zwischen den einzelnen Typen von Ambozeptoren und von Rezep- toren verstanden werden" (Ehrlich & Morgenroth). 814 Haks Sachs, Die Beziehungen zwisclien Rezeptoren und Ambozeptoren doku- mentieren sich nun einerseits durch die Fähigkeit des Rezeptors, im- munisatorisch die Bildung der homologen Ambozeptoren auszulösen, andererseits durch die spezifische Bindung, welche zwischen Rezeptor und Ambozeptor erfolgt. Die Spezifität der Erscheinungen drängt dazu, einen intimen Zusammenhang zwischen immunisierendfer und antikörperbindender Funktion anzunehmen, wie das markant in der Seitenkettentheorie durch die Identifizierung von immunisierender und antikörper(ambozeptor-;bindender Gruppe zum Ausdruck kommt. 1 . Immunisatorische Erzeugung (Vorkommen ) von Ambozeptoren. Aus den vorstehenden Ausführungen ergibt sich bereits, daß ein bestimmter Ambozeptor immer dann gebildet werden kann, wenn der korrespondierende Rezeptor in den fremdartigen Organismus einge- führt wird*). Da aber das Vorhandensein des gleichen Rezeptors nicht auf die Blutzellen einer bestimmten Tierart beschränkt ist, sich vielmehr auch auf die Zellen anderer Tierarten, resp. auf andere Zellen oder Gewebe der gleichen Tierart erstrecken kann, so ist es nicht überraschend, daß nicht selten die verschiedenartigsten Substrate Anti- gene für den nämlichen Ambozeptor darstellen können. Gehen wir zunächst von den roten Blutkörperchen aus, die ja als Prototyp der Antigene für die Erzeugung hämolytischer Ambo- zeptoren betrachtet werden können, so haben bereits die Unter- suchungen von BoRDET & NoLF ergeben, daß der Sitz der ambozeptor- bildenden Rezeptoren in den Stromata gelegen ist. Bei dem ständigen Zerfall der Erythrocyten darf man erwarten, daß die Rezeptoren relativ leicht frei werden und ins Plasma gelangen. Ais Ausdruck eines derartigen Rezeptorenstoffwechsels erscheint die Tat- sache, daß es auch mit zellfreiem Blutserum gelingt, hämolytische ^\jnbozeptoren zu erzeugen, wie das von v. Dungern, Tchistovitch, Morgenroth, Müller, Klein u. a. gezeigt worden ist **). Durch die Untersuchungen von JSchatten- FROH, Cler & Quadrone, Ruffer & Crendiropoulo u. a. wissen wir, daß auch Harninjektionen die Bildung von Ambozeptoren (und Agglutininen) zur Folge haben können. Man darf demnach annehmen, daß man auch durch ge- eignete Extraktionsverfahren Rezeptoren in Lösungen erhalten kann, die intakte Blutzellen nicht mehr enthalten. So erklären sich wohl einige widersprechende Angaben, nach denen nicht nur die Blutkörperchenstromata, sondern auch der Zellinhalt hämolytische Ambozeptoren erzeugen können (Nolf, Ford & Halsey, Klein, Stewart, Panisset & Kevorkian [Hämoplase]). Nolf selbst hat seine früheren Ergebnisse auf gelöste Stromabestandteile bezogen und bei späterer AViederholung in Uebereinstimmung mit Bürdet die Stromata in ihrer hämo- iysinerzeugenden Fähigkeit den intakten Blutkörperchen gleich gefunden. Es ist auch der Umstand zu berücksichtigen, daß vollkommen stromafreie Lös- ungen nicht leicht zu erhalten sind. Immunisierungsversuche mit gereinigten Hämoglobinlösungen, über die Demees berichtet, ergaben, daß wohl Hämo- glob.inpräzipitine, aber nicht hämolytische Ambozeptoren entstehen ***). Eine Reihe von Angaben liegen über die Resistenz der lysinogenen Re- zeptoren gegenüber verschiedenen Einflüssen vor. Es ergibt sich bereits aus obigen Ausführungen, daß die MaßnahAen, welche zur Stromatagewinnung er- forderlich sind, wie Auflösen mit destiUiertem Wasser, durch Erwärmen etc. die antikörperbildende Funktion keineswegs vernichten, wenn auch ein Urteil dar- *) Daß auch im gleichartigen Organismus bei der Einverleibung des Blutes anderer Individuen Ambozeptoren (Isolysine) entstehen können, ist bereits an früherer Stelle erwähnt worden. **) Ueber Hämolysinerzeugung durch Transsudate vgl. Thibaut, durch Galle Karsner & Fearce, auch Ruffer & Crendiropoulo u. a. ***) Ueber komplementbindende, aber nicht hämolytische Antikörper des Globins vgl. Browning & Wilson. Hämolysine des Blutserums. fCytotoxische Sera.) 815 über, ob sie die Rezeptoren quantitativ intakt belassen, wohl kaum angängig ist. Nach Doepner wird durch einstündiges Erhitzen auf 60" bereits eine Schädigung der immunisierenden Fähigkeit des getrockneten Blutes bewirkt, und 2 Stunden langes Erhitzen auf 120'' bedingt eine sehr erhebliche Einbuße der antigenen Kraft. DuBOis gibt an, daß nach Erhitzen auf 11.5° in feuchtem Zustande (Hühnerblut j Ambozeptorbildung nicht mehr eintritt, wohl aber noch Agglutininbildung (vgl. hingegen Landsteiner & Prasek). Jedenfalls ist, wie insbesondere die Untersuchungen von Bang & Forssman, sowie von Land- steiner & Prasek zeigen, die immunisierende Substanz der Blutkörperchen- stromata gegenüber Erhitzen auf 100° bis zu einem gewissen Grade resistent. Behandeln des Blutes mit Osmiumsäure bewirkt, wenn die Einwirkung eine genügend hochgradige ist, Erlöschen der immunisierenden Fähigkeit (CocA, V. SziLY, Busson). Nach V. Dungern & Coca können durch Injektion von durch geringere Osmiumwirkung fixierten Blutkörperchen Hämolysine erzeugt werden, die auf osmiertes Blut stärker wirken, als die durch Injektion normalen Blutes ge- wonnenen Immunsera*). Auch Formaldehydbehandlung läßt zum mindestens einen Teil der immunisierenden Rezeptorfunktion intakt (Ford & Halsey, v. Eisler, Landsteiner & Prasek). Die Versuche, welche eine Ergrtindung der Natur der lysino- geiien Rezeptoren bezweckten, haben bisher zu einem eindeutigen Ergebnis nicht geführt. Levene hat über Hämolysinbildung durch die Injektion von tryptischen Verdauungsprodukten, sowie von Natriumkarbonatextrakten aus Hundeblut- stromata berichtet. Guerrini beschreibt lysinogene Wirkungen von Nukleo- proteiden. die nach Hammarsten aus Hundeblut dargestellt wurden (cf. auch BiERRY & Pettit, die Cytotoxine nach Einverleibung von Nukleoproteiden aus Hundeleber und Huadeuieren auftreten sahen). Eine größere Reihe von Arbeiten beschäftigen sich mit dem Einfluß von Lipoidlösungsmitteln auf das Immunisierungsvermögen. Aeltere Angaben von Bulloch besagten, daß bei sechsstündiger Ex- traktion von Stromata mit Aether im Soxhlet die Fähigkeit, Hämo- lysine zu erzeugen, schwindet (cf. auch Bang & Forssmanj und auch im Aetherextrakt nicht nachzuweisen ist. Auch Landsteiner & Pkasek salien nach Extraktion der Stromata mit Alkohol und Aether nur eine relativ geringgradige Steigerung des Ambozeptortiters ein- treten, während die Agglutininbildung eine stärkere war. Angaben von Feouin, nach denen Acetonextrakte aus Blut ausschließlich Hä- molysine, die mit Aceton extrahierten Blutkörperchenreste nur Ag- glutinine bilden, haben bisher eine Bestätigung nicht erfahren (vgl. hierzu Landsteiner & Prasek). Dagegen ist über die zuerst Bang & Forssman gelungene Immunisierung durch Aetherextrakte aus Ery- throcyten auch von Dautwitz & Landsteiner, sowie Landsteiner & Prasek übereinstimmend berichtet worden. Bang & Forssman glauben hiermit zu einer Charakterisierung des Lysinogens als Lipoid gelangt zu sein. Nach den Angaben von Bang & Forssman ist das Lysinogen im aceton- unlöslichen Teil des Aetherextraktes enthalten und nach Entfernung der aceton- löslichen Bestandteile in Aether nicht mehr oder nur noch in Spuren löslich. Die Löslichkeit in Aether wird also wesentlich durch die Gegenwart aceton- löslicher Stoffe vermittelt. Aus dem Acetonrückstand konnte das lysinogene Prinzip durch kochendes Benzol extrahiert werden, es erwies sich aber aus dem Rückstand der Benzollösung in Alkohol unlöslich. Weitere Angaben über die im Benzolextrakt enthaltene Substanz rühren von Takaki her, der im übrigen die immunisierende Wirkung der Aetherextrakte gleichfalls bestätigte. Nach Takaki *) In diesem Zusammenhange sei auch auf die Mitteilung von Olivi verwiesen, nach welcher durch Injektion abgekühlten Blut«s (2 Stunden bei 1°) ein spezifisch gegen abgekühltes Blut gerichtetes „HypothermolysLn" entstehen soll (nur ein positiver Versuch!). 816 Haxs Sachs, ist das wirksame Ageus auch wasserlöslich; es zeigt keine Eiweißreaktion, rea- giert dagegen bei der Zuckerprobe nach Molisch positiv. Was ergibt sich nun aus diesen Befunden für die An- nahme, daß die ambozeptorbildende Substanz der Ery- throcyten Lipoid natur besitzt? Da muß zunächst festgestellt werden, daß weder die Versuche von Baxg & Forssman, noch die- jenigen von Takaki zu einer Identifizierung mit einem der bekannten Lipoidstoffe führten, wie dies auch von Bang zugegeben wird. Be- rücksichtigt man ferner den Umstand, daß nach den übereinstimmenden Protokollen der Autoren (Bang & Forssman, Dautwitz lV: Land- steiner, Takaki, Landsteiner & Peasek) die Hämolysinbildung durch die Lipoidextrakte als eine relativ geringfügige bezeichnet werden muß, so drängen sich bei dem Mangel an chemischer Charak- terisierbarkeit schwerwiegende Bedenken auf, ob man wirklich auf Grund der Löslichkeitserscheinungen berechtigt ist, das Antigen als Lipoid anzusprechen. So habe ich bereits in einer früheren Besprechung die Möglichkeit hervor- gehoben, daß eine Löslichkeit dadurch vorgetäuscht werden könnte, daß geringe Zellbestandteile in den Lipoidlüsungsmitteln fein suspendiert, schwer sedimen- tierbar und für das Auge nicht mehr erkenntlich vorhanden sein körmten (vgl. auch Ehrlich & Sachs). Auch Dautwitz & Landsteiner äußern gleich- sinnige Bedenken und machen darauf aufmerksam, daß unter Umständen, selbst wenn Wasserbeimengungen auszuschließen sind, feine Emulsionen von einer echten Lösung schwer zu unterscheiden sein können, worauf übrigens auch Ver- suchsdetails von Bang & Forssman hinweisen. Wenn demgegenüber Bang auf die absolute Wasserklarheit der Benzollösung und auf die Unwirksamkeit des vorangehenden Alkoholextraktes verweist, so muß man wohl mit Landsteiner zugeben, daß dies kein sicherer Gegeneinwand ist, da eben die Substanzmenge zu gering für eine wahrnehmbare Trübung sein und sich außerdem Benzol anders als Alkohol in bezug auf die Suspendierbarkeit verhalten könnte. Dazu kommt aber noch, daß die verschiedenartigsten Stoffe durch Beimengungen von Lipoiden, resp. durch ihre Lipoidverbindungen in ihren Löslichkeitsverhältnissen erheblich alteriert werden können, und so liegt die von Pick (cf. auch Ehrlich & Sachs, Landsteiner) geäußerte Annahme nahe, daß die Löslichkeit des Lysinogens im Benzol durch die Anwesenheit anderer Stoffe bedingt sein könnte, wie dies ja für die Löslichkeit in Alkohol und Aether auf Grund der Ver- suchsergebnisse Bangs & Forssmans tätsächlich angenommen werden darf. Jedoch glaubt Bang diesen Einwand durch den Hinweis widerlegt zu haben, daß auch nach Entfernung der alkohol- und ätherlöslichea Stoffe die Benzol- löslichkeit fortbesteht. Aber auch demgegenüber wird man mit Laxdsteiner sagen müssen, daß für die Vermittelung der Löslichkeit in Benzol andere, in Alkohol und Aether unlösliche Stoffe in Betracht kommen können. Bei allem Interesse, welches die von Bang & Forssman in- augurierten Untersuchungen beanspruchen dürfen, ist daher vorläufig ein Beweis für die Lipoidnatur der Blutkörperchenantigene nicht erbracht (Ehrlich & Sachs, Landsteiner). Manche Angaben lassen sogar die Lipoidnatur des hämolysinbildenden Rezeptors nicht ge- rade wahrscheinlich erscheinen. So verweist Landsteiner auf die Versuche Schattenfrohs, nach denen der lysinogene Harnbestandteil durch Alkohol- Aether ausfällbar ist. Nach Takaki scheint längere Behandlung niit organischen Lösungsmitteln das Im- munisierungsvermögen zu beeinträclitigen, und die bereits erwähnten Unter- suchungen Bullochs haben ergeben, daß nach langdauernder Aetherextraktion weder der Extrakt, noch der Stromarückstand hämolysinbildend wirkt. Auch v. Dungern & Coca ist — in allerdings nur wenigen Versuchen — eine Hämo- lysinbildung durch Injektion von Aetherextrakten nicht gelungen, und selbst bei denjenigen Autoren, welche über positive Ergebnisse berichten, sind die Im- munisierungseffekte, wie gesagt, relativ unbedeutende, so daß man entweder von einer leichten Löslichkeit in organischen Lösungsmitteln nicht sprechen kann oder eine erhebliche Zerstörung des Lysinogens annehmen muß, jedenfalls aber zu einem Schluß auf die Lipoidnatur nicht berechtigt ist. Hämolysine des Blutserums. (Cytotoxische Sera.) 817 Damit soll eine Beteiligung der Lipoide bei den antigenen Funk- tionen aber nicht in Abrede gestellt werden. Es ist sehr wohl möglich, daß Lipoide etwa in Form von Verbindungen mit Eiweißstoffen eine Rolle bei den Eigenschaften des Rezeptors spielen, wie dies von Landsteinek angenommen wird. Möglich ist auch, daß Lipoide im- munisierend wirken ; für die Hämolysinbildung ist aber ein einwand- freier Beweis hierfür nicht erbracht. AVas die Bedeutung dieser Frage für die Antikörperbildung im allgemeinen anlangt, so erübrigt sich eia Eingehen an dieser Stelle um so mehr, als erst kürzlich der Gegenstand von Landsteiner in kritischer Uebersicht behandelt wurde. Verwiesen sei besonders auf die Immunisierungsversuche mit Lipoiden aus säurefesten Bacillen (MucH, Kleinschmidt, Deilmann, Meyer u. a.) und mit Bandwurmlipoiden (K. Meyer u. a.), welche insofern mit dem hier behandelten Kapitel in Zusammenhang stehen, als es sich um die Prüfung auf komplementbiudende Antikörper handelt *). Trotz mancher Hinweise, die sich für eine Beteiligung der Lipoide am Immunisierungsprozeß ergeben, glaubt Landsteiner auf Grund kritischer Erwägungen nicht den Schluß ziehen zu dürfen, „daß völlig einwandfreie Beweise für eine Immunisierung durch Fette oder Lipoide bisher erbracht wurden". Für die Beurteilung des I m m u n i s i e r u n g s e f f e k t e s bei Injektion von roten Blutkörperchen muß berücksichtigt werden, daß unter Umständen sehr geringfügige Blutmengen eine erhebliche Am- bozeptorbildung zur Folge haben können. Besonders ist dies bei intravenöser Einverleibung der Fall und augenscheinlich in höherem Maße dann, wenn das Serum des Ambozeptorspenders bereits nor- malerweise Ambozeptoren für die zu injizierende Blutart enthält, also z. B. bei der Immunisierung von Kaninchen mit Hammel- oder Ziegenblut, wehiger aber mit Rinderblut. So erhielt Sachs noch bei der Injektion von 0,125 ccm Rinderblut Ambo- zeptorbildung beim Kaninchen. Friedberger & Dorner sahen bei Ver- wendung von Ziegenblut sogar noch nach Injektion von 1 — 0,5 mg einer 5-proz. Blutaufschwemmung Hämolysinbildung eintreten**) (vgl. hierzu auch Lüdke). Allerdings weist Forssman auf Grund der Versuchsprotokolle Dorners darauf hin, daß die mit so geringen Blutmengen erhaltenen Ambozeptortiter innerhalb der Grenzen normaler Variation liegen dürften, und erkennt erst den nach Einverleibung von 0,02 ccm der 5-proz. Blutaufschwemmung erhaltenen Wert als den Ausdruck einer immunisatorischen Steigerung an. Immerhin dürfte auch die aus derartiger Betrachtung sich ergebende, zur Ambozeptorbildung hin- reichende Menge von 0,001 ccm Vollblut als recht geringfügig bezeichnet werden können. Was den Verlauf der Ambozeptorentstehung anlangt, so folgt der Injektion, wie bei allen Antikörperreaktionen, ein Inkubations- stadium, das dem Auftreten der Hämolysine vorangeht. Die Zeit- dauer des letzteren ist abhängig von der Applikationsart und beträgt, wie bereits Bulloch gezeigt hat, bei subkutaner Injektion 7 Tage, bei peritonealer oder intravenöser aber nur 3 Tage. Nach den Unter- suchungen von Sachs schwankt die Inkubationszeit bei intravenöser Injektion zwischen 2 und 4 Tagen ; sie ist von der Menge des in- jizierten Blutes weitgehend unabhängig!***). Eine „negative Phase" *) Vgl. auch die Angaben von Michailovv über Bildung von komplement- bindenden Antikörpern durch Injektion alkoholischer Extrakte aus Niere und Leber. **) Die Absicht der Autoren, bei dieser Femheifc der Reaktion den Nach- weis von Menschenblut in der forensischen Praxis zu führen, konnte jedoch nicht ausgeführt werden, da eine Ambozeptorbildung durch hinreichend geringe Mengen von Menschenblut nicht gelang. ***) Weitere Untersuchungen über den Verlauf der Ambozeptorkurve siehe bei Wolf; danach zeigen Tiere eines und desselben Wurfes große Gesetzmäßig- keiten. Handbuch der patho^enen Mikroorganismen. 2. Aufl. II. 0^ 818 B.XSS Sachs, tritt nach Bessau & Paetsch bei normalen Tieren und bei wieder- holter Injektion kleiner Dosen nicht wesentlich in Erscheinung*). Freilich steht der Annahme nichts entgegen, daß die Bildung von Ambo- zeptoreu schon früher einsetzt, als ihr Nachweis im Blutserum möglich ist, da zunächst offenbar die entstehenden Ambozeptoren von den noch kreisenden korrespondierenden Blutkörperchen**) gebunden werden, bis* die letzteren unter einer kritisch eintretenden und dem Auftret-en freier Ambozeptoren vorangeTien- den Hämoglobinurie ***) eliminiert werden (Sachs). Nach Lüdke, der die An- gaben der genannten Autoreu im wesentlichen bestätigt, beträgt die Inkubations- zeit bei peritonealer Blutiujektion 4 — 6 Tage. Der Ambozeptorgehalt erreicht dann ziemlich rasch, in der Regel am 9. — 10. Tage (nach intravenöser Injektion auch schon am 6. — 8. Tage), sein Maximum (aber auch Ausnahmen, so z. B. in den Ver- suchen von Ehrlich & Morgenroth kritische Entstehung von Iso- lysinen am 15. Tage), um dann allmählich wieder zu sinken j). Zur Gewinnung hämolytischer Immunsera empfiehlt es sich daher, die Entblutung am 9. oder 10. Tage (bei intravenöser Injektion auch schon am 8. Tage) nach der letzten intravenösen oder peritonealen Injektion (in der Regel zwei bis höchstens drei Injektionen) vorzunehmen [eventuell nach vorheriger Probebluteutnahme ff)]. Die minimale Menge des inaktivierten Immun- serums, welche bei hinreichendem Komplementvorrat tft' (z- B. 0,1 ccm Meer- schweinchenserum bei Verwendung von 1 ccm 5-proz. Aufschwemmung von Rinder-, Hammel- oder Ziegenblut; noch komplette Hämolyse hervorruft, wird als „Ambozeptor einheit" bezeichnet (Morgexroth & Sachs). Wie Wexdelstadt gezeigt hat, bilden sich auch bei der gleichzeitigen l^inverlei- bung mehrerer Blutarten Ambozeptoren gegen jede einzelne derselben, ohne daß dabei eine ,, Konkurrenz'"' der Antikörper besteht (^Brezina) *). Als Produkt des Immunisierungsprozesses sind lediglich die Ambozeptoren zu betrachten. Die Komplemente bleiben, wie von Düngern und Bulloch gezeigt haben, abgesehen von geringfügigen Schwankungen unbeeinflußt (cf. auch Bessau & Paetsch). Bei den Schwankungen des Komplementgehaltes kann man nach Sachs ge- setzmäßig ein Stadium des Sinkens und ein solches der Steigerung des Komplementgehaltes nachweisen, die sich aus dem zur Elimination des Blutes erforderlichen Komplementverbrauch und einer folgenden Eegeneration ergeben. Jedoch sind beim Erreichen eines höheren *) lieber Steigerung der Resistenz der Blutkörperchen gegenüber Einflüssen der Hypotonie bei immunisierten Tieren vgl. Gay. **) Ueber gleichsinnige Ergebnisse bezüglich des Verweilens individuum- fremder Blutkörperchen bei der Isolysinerzeugung berichten ToDD & White. Ueber die Methodik, sowie über Anwendung des Verfahrens zu einer Be- stimmung des Biutvolumens vgl. daselbst. ***) Vergleichende Untersuchungen über die hämolytische Wirkung der Immunsera in vivo und in vitro siehe bei MuiR & M' Nee (in vivo intensivere Wirkung). t) Nach Injektion sehr geringer Blutmengeu scheinen die Ambozeptoren rascher zu schwinden (Sachs, Friedberger und Dorxer). tt) Die zu injizierenden Blutmengen brauchen insbesondere bei Verwen- dung von Hammelblut und intravenöser Applikation 1 — 2 — 3 bis höchstens 5 ccm nicht zu überschreiten. Bei der sogenannten Schnellhnmunisierungsmethode nach Fornet & Müller sahen Bonhoff &♦ Tsuzlki keinen Vorteil. Hingegen em- pfehlen Gay & Fitzgerald Smalige intravenöse Injektion von Kaninchen mit 1 — 2 ccm Hammelblut an drei aufeinanderfolgenden Tagen. Die Autoren er- hielten dabei bereits am 4. oder 5. Tage nach der letzten Injektion hochwertige hämolytische Immunsera, betonen aber, daß bei Verwendung anderer Blutarten zur Immunisierung dieses Schnellverfahren nicht angängig ist. ttt) Als hinreichend ist hierfür im allgemeinen die maximale Menge normalen Serums zu betrachten, welche an und für sich die betreffenden Blutkörperchen nicht löst. *) Ueber lokale Bildung von hämolytischen Ambozeptoren vgl. Hektoen (negative Ergebnisse). Hämolysine des Blutserums. (Cytotoxische Sera.) 819 Ambozeptorgehaltes die Verhältnisse, wie sich dies auch aus den Unter- suchungen Remys ergibt, bereits wieder zur Norm zurückgekehrt. Was den Ort der Ambozeptorentstehung anlangt, so liegen nur wenige Versuche in dieser Richtung vor. Nach Jakuschewitsch ist Milzexstirpation ohne Einfluß auf die Hämolysinbildung (cf. auch BiAGi). Ebenso sah Brezina, der leukotoxisches Serum zum Zwecke einer Schädigung der hämatopoetischen Organe injizierte, eine Aen- derung der Hämolysinproduktion nicht eintreten, wohl aber eine Herab- setzung der Agglutininbildung. Sick konnte in den Preßsäften einer Reihe von Organen, der hämatopoetischen und auch anderer, bei der Blutimmunisierung Hämagglutinine in höherer Konzentration nach- weisen, als es dem Blutgehalt der Organe entsprach. Wenn auch gerade für die hämolytischen Ambozeptoren nur geringes experimen- telles Material vorliegt, so wird man wie bei anderen Antikörper- typen annehmen dürfen, daß der Sitz ihrer Entstehung in den Zellen gelegen und nicht allein auf diejenigen der hämatopoetischen Organe beschränkt ist*). Uebereinstimmend mit der Seitenkettentheorie ist als Vorbedingung der Antikörperbildung die Verankerung der Anti- gene in den Zellen erforderlich, welcher dann die Sekretion der spe- zifischen Reaktionsprodukte in die Säfte folgt. Das wesentlichste AufnaJimeorgan für die derart sezernierten Ambozeptoren stellt dann das- Blut, resp. (las Plasma oder Serum dar. Von Friedberger wurde über den Uebergang der hämolytischen Am- bozeptoren und Hämagglutinine in den Urin, von Kraus über den Uebergang der Hämagglutinine, von Bulloch & Bertarelli über diejenigen hämolytischer Ambozeptoren in die Milch berichtet. Nach Famulener ist der Ambozeptorgehalt bei immunisierten Müttern, ins- besondere in der Kolostralmilch, ein sehr starker, und der Autor er- blickt daher im Colostrum die Hauptquelle der Ambozeptorübertragung, während er der Placenta nur eine geringfügige Bedeutung zuspricht. Die Möglichkeit, immunisatorisch Ambozeptoren zu erzeugen und das Vorkommen normaler Ambozeptoren ist, wie schon früher er- örtert, allgemein verbreitet. Das fötale Serum, resp. dasjenige ju- veniler Individuen ist allgemein (cf. hierzu an früherer Stelle) durch eine mehr oder weniger erhebliche Ambozeptorarmut, resp. das Fehlen von Ambozeptoren charakterisiert (Halban & Landsteiner, Sachs, Polano, Marshall, Moro, Gewin u. a.). Ambozeptoren finden sich naturgemäß an allen Stellen, die bereits früher als Träger komplexer Hämolysine genannt wurden, also auch in Transsudaten und Exsudaten, in serösen Flüssigkeiten. In der Milch scheinen normalerweise hämolytische Ambozeptoren nicht vorzukommen (cf. hierzu Pfaundler it Mord, J. Bauer u. a.). Hingegen sind in der Kolostralmilch und bei Milchdrüsenent- zündungen normale hämolytische Ambozeptoren und Hämagglutinine von Bauer, Kopf, Langer nachgewiesen worden (cf. hierzu auch Famulener). Es handelt sich hier augenscheinlich um ähnliche Verhältnisse, wie sie für das Kammer- wasser und die Cerebrospinalflüssigkeit gelten dürften, üidem hier ein wesent- licher Ambozeptorengehalt nur bei entzündlichen Prozessen**) besteht (Römer, Wessely, Salus, Miyashita, Weil & Kafka etc.), resp. nach Punktion der vorderen Augenkammer, während in das normale Kammerwasser (auch Glaskörper) die Hämolysine kaum übergehen (Römer, Wessely, Sweet, cf. auch PossEK, Benedetti, Grignolo) ***). *) Nach L. Muller ist für die Bildung der normalen Ambozeptoren die Leber maßgebend; vergl. auch ähnliche Angaben von Friedberger und Seelig für das Froschhämolysin. **) Nach Weil & Kafka in der Lumbaiflüssigkeit bei Paralyse und Meningitis. ***) Ueber Hämolysine in der Hornhaut (nach Reizung des Auges) vgl. Miyashita, Zade. 52* 820 Haxs Sachs. Faßt man die Antikörperbildung, wie es den Anschauungen der Seitenkettentheorie entspricht, als den Ausdruck einer vitalen Zell- tätigkeit auf, welcher der Charakter eines Sekretionsprozesses zu- kommt, so kann es nicht überraschen, daß auch die Entstehung der Ambozeptoren und der Ambozeptorgehalt der Körperflüssigkeiten durch eine Reihe von nicht-spezifischen Faktoren beeinflußt werden können. So haben Friedberger & Dorner in dieser Richtung bei der Immuni- sierung mit kleinen Blutmengen Untersuchungen angestaut. Nach den Angaben dieser Autoren bewirken mäßige Aderlässe eiae beträchtliche Steigerung der Hämolysinproduktiou, während sehr große Aderlässe im entgegengesetzten Sinne wirken. Bei immunisierten Tieren lassen nach Lüdke einmalige starke Aderlässe den Hämolysiugehalt unbeeinflußt; fortgesetzte Aderlässe, sowie Nahrungsent- ziehung bedingen eine Abnahme*). Alkoholzufuhr hat nach Abbott & Bergey einen schädigenden Einfluß auf den Gehalt an hämolytischen Ambozeptoren (cf. auch Laitnex), wie das den Angaben Friedbergers und C. Fränkels über bakt-eriolytische Ambozeptoren entspricht. Kleine einmalige Alkoholdosen be- günstigen hingegen nach Trommsdorff ebenso wie geringe Aderlässe, kurz- dauernde Muskelanstrengung die Ambozeptorbildung. Intensive Ermüdung, starke Abkühlung, längere Hungerperioden, wiederholte Alkoholgaben ergaben auch nach Trommsdorff eine Beeinträchtigung der Ambozeptorproduktion. Ebenso fand LissAUER beim Abkühlen eine Abnahme hämolytischer Immunambozeptoren **), Fukuhara bei mäßiger Abkühlung ehien Anstieg. Temperatursteigerungen be- günstigen nach EoLLY & Meltzer, Lüdke (cf. auch Aronsohn & Citron, LissAUER, Fukuhara) die Häniolysinproduktion. BiERsche Stauung ist nach Klieneberger ohne wesentlichen Einfluß (cf. auch Shimodaira). Die normalen hämolytischen Ambozeptoren erfahren nach Friedberger & Bettac bei dem durch Fieberstich erzeugten künstlichen Fieber eine beträchtliche Steigerung, während Aroxsohx & Citrox hierbei keine Beeinflussung sahen. Einverleibung von Jodpräparaten (Jodipin) vermag nach Gay erhalten. 56* 884 Hans Sachs, Analoge Verhältnisse haben Michaelis & Skwirsky bei der Ausschaltung der Komplementwirkung durch saure Reaktion mittels Phosphatgeniischen beobachtet, indem auch hier bei starken Ambo- zepiormengen Mittelstück allein zur Wirkung gelangt und die Blut- körperchen persensibilisiert erscheinen *). Guggenheimee, hat ebenso das Verhalten des Komplements im salzfreien Medium zu analysieren versucht, jedoch ließ sich hier die Frage deshalb nicht entscheiden, weil die in Eohrzuckerlösung aufgeschwemmten Blutkörperchen bereits ohne die Interferenz von Ambozeptoren Mittelstück aus dem Serum aufnehmen**). Eiii Unterschied zwischen nativen und ambozeptorbeladenen Blutkörper- chen ist daher bei Behandeln mit komplementierendem Serum in Rohrzucker- lösung nur darin zu konstatieren, daß die nativen Blutkörperchen das Mittel- stück bei Ueberführung in physiologische Kochsalzlösung wieder abgeben, während bei den ambozeptorbeladenen Blutkörperchen eine feste Bindung des Mittel- stücks besteht, ohne daß sich aber die Frage mit Bestimmtheit beantworten läßt, ob diese Bindung bereits im salzfreien Medium eingetreten ist oder erst bei dem Waschen in physiologischer Kochsalzlösung erfolgt. Immerhin scheinen einige Versuche darauf hinzudeuten, daß unter Umständ^i im salzfreien Medium eine wirkliche Bindung des Mittelstücks an ambozeptorbeladene Blutkörperchen er- folgen kann. Als Methode zur Darstellung von persensibilisiertem Blut ist jedenfalls das Behandeln von ambozeptorbeladenen Blutkörperchen mit Meer- schweinchenserum in Rohrzuckerlösung geeignet***). In anderen Fällen hat sich aber wiederum die Bedeutung der Ambo- zeptormenge für die Art antireaktiver Einflüsse sehr gut demonstrieren lassen. So haben die Untersuchungen von v. Dungern & Hirsch- feld, wie auch von Guggenheimer gezeigt, daß bei der antireaktiven Hemmung der Komplementwirkung durch hypertonische Kochsalz- lösungen oder physiologische Barium- oderCalciumchloridlösungen trotz des Ausbleibens der Hämolyse Mittelstück aufgenommen werden kann, und zwar um so mehr, mit je höheren Ambozeptordosen die Blut- körperchen beladen sind. Hinreichend sensibilisierte Blutkörperchen lassen sich also auch derart leicht persensibilisieren. Was das Verhalten der isolierten Komponenten des Komplements gegenüber verschiedenartigen Einflüssen • — außer den schon erwähnten thermischen — anlaugt, so ergaben die Untersuchungen Guggenheimers, daß die Bindung des isolierten Mittelstücks durch hypertonische Kochsalzlösungen eme partielle Hem- mung erfährt, und daß die Hemmung gegenüber der Wirkung des Endstücks auf persensibilisiertes Blut eine vollständige ist. Säure und Alkali wirken auf beide Komponenten zerstörend (dabei unter Umständen ein begünstigender Einfluß geringer Säurekonzentration auf die Mittelstückwirkung) und können sich im übrigen nach Liefmann & Cohn wechselnd verhalten. Geringe Säure- oder Alkalikonzentrationen können nach Guggenheimer die Bildung der BRANDschen Modifikation in Kochsalzlösung verhindern oder verzögern. Alkalische Re- aktion übt auf die Bindung des Mittelstücks an ambozeptorbeladene Blutkörper- chen einen hemmenden Einfluß aus. Ueber den Einfluß des salzarmen Mediums *) Die Bindung des Mittelstücks derart persensibilisierter Blutkörperchen ist nach Skwirsky nicht reversibel. **) Es sind daher direkt in Ro^rzuckerlösung hergestellte Blutaufschwem- mungen für derartige Versuche überhaupt nicht zu verwenden, da sie Mittel- stück enthalten. Es muß dabei dahingestellt bleiben, ob der Uebergang des Mittelstücks aus dem Serum in das Blutkörperchensediment im Sinne einer Globulinfällung oder im Sinne einer nur im salzfreien Medium erfolgenden und in Kochsalzlösung wieder reversiblen Modifikation aufzufassen ist. ***) Nach Guggenheimer empfiehlt es sich auch zur Herstellung per- sensibilisierten Blutes das ambozeptorbeladene Blut mit Meerschweinchenmittel- stück, das durch längeren Aufenthalt in Kochsalzlösung die BRANDsche Modi- fikation erfahren hat, zu behandeln. Hämolysine des Blutserums. (Cytotoxische Sera.) 885 auf die Kompouenten, wie auch über die Wirkung des Aethers vergleiche Guggenheimer. Nach Liefmann & Cohn wirkt Chlorcalcium hemmend auf beide Komplementteile, Cholesterin aber nur auf das Mittelstück, nicht aber auf die in Kochsalzlösung gelagerte Globulinfraktion (BRANDsche Modifikation). Wenn die berichteten Untersuchungen jedenfalls darauf hindeuten, daß bei der Komplementwirkung wohl außer den als Mittelstück und Endstück bezeichneten Fraktionen noch mehr Komponenten beteiligt sind, so werden andererseits in einigen neueren Arbeiten die verschie- denen Erscheinungsformen ohne die Annahme einer komplexen Kon- stitution zu erklären versucht. So nimmt F. Schmidt an, daß ,,das Komplementkolloid mit größter Walirscheinlichkeit ein einheitliches Eiweißglobulin ist und bei der Globulinausflockung nur mitgerissen und physikalisch adsorbiert, nicht chemisch gespalten wird". Die Befreiung des Komplements aus dieser Verankerung an das Globulin soll nach dem genannten Autor einerseits durch Albuminlösung (Endstück), andererseits durch Ambozeptorwirkung erfolgen können. Auf Grund einer derart kolloidchemischen Betrachtung führt Schmidt die Bildung der BRANDSchen Modifikation darauf zurück, daß die Gegenwart von Elektrolyten eine Ver- stärkung der Adsorptionsfestigkeit bedingt. Außerdem käme bei dem Zusammen- wirken von Globulin und Albunim noch Summation durch geringe im Albumin- teil enthaltene Komplementmengen in Betracht. So verlockend es wäre, mit der Annahme einer einheitlichen Komplementsubstanz auszukommen, so dürften sich vorläufig doch die Erscheinungen unter das erörterte Prinzip keineswegs leicht einordnen lassen. Einerseits sei darauf verwiesen, daß, wie Friedemann ge- zeigt hat, die Schutzwirkung, welche das Albumin des Meerschweinchenserums gegenüber der antikomplementären Globulinfunktion ausübt, sich von der End- stückwirkung durch Thermostabilität unterscheidet *), andererseits bietet das Ver- ständnis des Zusammenwirkens von Globulin und Albunim. wenn man lediglich die Globulinfraktion als den Sitz des Komplements auffaßt, nicht unerhebliche Schwierigkeiten **). Wie schwierig es ist, auf Grund der vorhandenen Literatur- angaben einen F'^eberblick zu gewinnen, zeigt der Umstand, daß Broxfenbrexxer & XoGucHi gerade zu einem entgegengesetzten Er- gebnis gelangten und den Albuminteil als Träger der gesamten Komple- mentwirkung auffassen. Nach diesen Autoren handelt es sich bei der Entfernung des Globulins bei den verschiedenartigen Verfahren um eine reversible Inaktivierung durch veränderte Eeaktion (bei der Salzsäurefällung Alkali, bei der Kohleusäure- methode Säure, bei der Dialyse Alkali). Die Restitution der Wirkung durch Globulinzusatz wird danach lediglich durch Alkali-, resp. Säurebindung an die Globuline herbeigeführt***). An Stelle der Globulinfraktion sollen auch Albumosen, Pepton. Alanin zur Reaktivierung geeignet sein. Man wird gut tun, weitere Untersuchungen zur Beurteilung dieser Ergebnisse abzuwarten. 3. Wirkungsart. Was das Zusammenwirken der Komponenten bei der Komplementfunktion anlangt, so sei im vorhinein bemerkt, daß die Arbeiten, welche sich mit dieser Frage beschäftigen, einer dritten *) Die Albumine des Menschenserums verlieren hmgegen nach Friede- manx durch V-^-stündiges Erhitzen auf 55 " ihre „antiglobulinen" Eigenschaften. **) Die Thermolabilität der Endstückwirkung lediglieh auf Mente Kom- plementreste zu beziehen, die, wie es Schmidt ausführt, zur Summierung bis zum Schwellenwert erforderlich sind, dürfte bei quantitativer Betrachtung nicht ohne weiteres angängig erscheinen. ***) Vgl. auch die Ausführungen von Bronfenbrenner & Nogüchi über die Inaktivierung durch Verdünnung mit salzfreiem Wasser und durch saure Phosphatgemische. 886 Hans Sachs, Komponente außer den als Mittelstück und Endstück bezeichneten Fraktionen nicht Rechnung tragen und daher vielleicht in manchen Punkten auf Grund der neugewonnenen Kenntnisse revisionsbedürftig erscheinen könnten. Bezüglich der Beziehungen von Mittelstück und Endstück im nativen Serum hatten Brand & Hecker ursprünglich ajigenomraen, daß das Ver- halten der BRAXDschen Modifikation, welche ja im nativen Serum, sowie im besalzenen Gesamtdialysat nicht eintritt, für eine Verbindung von Mittelstück und Endstück zum wirksamen Komplement spricht. JefJoch darf man nach den bereits erörterten Erfahrungen den Schutz, welcher dem Mittelstück bei Gegenwart der Albuminfraktion zuteil wird, nicht mehr ohne weiteres auf eine Eudstückwirkung beziehen, so daß die Schlußfolgerung, daß Mittelstück und Endstück im Gesamtkomplement vereinigt sind, nicht mehr stichhaltig er- scheint. Es soll daher die Frage, ob Mittelstück und Endstück in mehr oder weniger lockeren Beziehungen zueinander stehen oder nicht, dahijTgestellt bleiben. Von besonderem Interesse erscheinen die Beziehungen von Mittelstück und Endstück zu den ambozeptorbeladenen Blutkörperchen. Was dabei das Endstück anlangt, so wird in Uebereinstimmung mit Brand wohl allgemein angenommen, daß Be- ziehungen zu den ambozeptorbeladenen Blutkörperchen nitht bestehen, daß vielmehr solche erst nach vorangegangener Mittelstückswirkung eintreten. Komplizierter ist aber die Beantwortung der Frage nach den Beziehungen zwischen ambozeptorbeladenen Blutzellen und Mittel- stück. Hier hatten die Untersuchungen von Brand & Hecker ge- zeigt, daß das Mittelstück auf ambozeptorbeladene Blutzellen sowohl bei Brutschranktemperatur, aJs auch bei 0^ derart einwirkt, daß die von der Zwischenflüssigkeit befreiten Blutsedimente nunmehr der Einwirkung des Endstücks unterliegen. In gleicher Weise konnte auch das BRANDSche Kochsalzmittelstück zur Wirkung gebracht w^erden. Brand & Hecker haben danach auf eine Bindung des Mittelstücks geschlossen. Demgegenüber haben Liefmanx & Cohn nur unter Ver- wendung Stark ambozeptorbeladener Blutkörperchen (^bei Brand & Hecker 10 Ambozeptoreinheiten) eine Bindung nachweisen können, nicht dagegen bei Verwendung geringer Ambozeptordosen. Auch Braun hat in Bestätigung dieser Angaben eine Bindung des isolierten Mittelstücks an ambozeptorbeladene Blutzellen erst bei einem gewissen Ambozeptorüberschuß eintreten sehen. Auch bei stark ambozeptorbeladenen Blutkörperchen bedarf das isolierte Mittelstück nach Liefmann & Cohn erheblich längerer Zeit zur Verankerung, als man nach der relativ rasch erfolgenden Hämolyse bei der Mischung von Mittelstück und Endstück annehmen sollte. Hier könnte man aber woTil in Anlehnung an die bereits erwähnten Ausführungen von Schmidt annehmen, daß eine gewisse Zeit notwendig ist, um das an das Globulin adsorbierte Mittel- stück frei zu machen, während bei der Mischung mit Endstück die Schutz- wirkung der Albumine die Bedingungen günstiger gestaltet*). In gleicher Weise könnte man verstehen, daß bei zu schwach sensibilisierten Blutkörperchen eine Bindung, d. h. Befreiung des Mittelstücks von dem Globulin durch den Mangel an Einreichender Avidität überhaupt nicht ermöglicht wird. Es dürfte *) Daß das Kochsalzmittelstück bei gleichzeitigem Mischen mit End- stück unwirksam ist, könnte darauf beruhen, daß das durch den Aufenthalt in Kochsalzlösung stärker adsorbierend gewordene Globulin das Endstück bindet, daß aber nach vorheriger Mittelstückwirkung auf die ambozeptorbeladenen Blut- körperchen die Avidität der letzteren überwiegt, resp. der Globulinwirkung zu- vorkommt. Tatsächlich gibt Dean an, daß Endstück von einer Euglobulin- suspension in Kochsalzlösung gebunden wird, und er erblickt hierin die Ur- sache der BRANDschen Modifikation (vgl. hierzu auch Ledingham & Dean). Hämolysine des Blutserums. (Cytotoxische Sera.) 887 daher in diesem yinne kein hinreichender Grund vorliegen, mit Liefmann & CoHN die Bindung des Mitteistücks von der eigentlich hämolytischen ^Virkung zu trennen und zwischen Hümolyse und Komplementbindung prinzipiell izu differenzieren. Tatsache ist ja, daß die Bindung, resp. Wirkung des Mittel- stücks auf das ambozeptorbeladene Blut die Empfindlichkeit gegenüber dem Endstück zur Folge hat, wie das auch von Lief.mann & Cohn zugegeben wird. Allerdings betrachten die genannten Autoren den zur Hämolyse erforderlichen Teil des Mittelstücks als unmeßbar klein, da sie m Bindungsversuchen bei der Prüfung des Abgusses eine Abnahme nicht feststellen konnten (vgl. hierzu Friedemann, Schmidtj. Liefmann & Cohn neigen daher dazu, das Verhalten des Mittelstücks mit demjenigen von Fermenten zu vergleichen. Das unterschiedliche Verhalten, welches Liefmann & Cohn zwischen Inmiunserum vom Kaninchen und von der Ziege bei der Bindung des Mittelstücks in der Kälte beobixchtet haben, ließe sich vielleicht auch auf Aviditätsdifferenzen zurückführen. Jedenfalls ergibt sich aus den Arbeiten von Liefmann & Cohn, daß die Bindung des Mittelstücks aus der isolierten Globulinfraktion an ambo- zeptorbeladenes Blut nicht allgemein, wie zuerst Brand & Hecker annähmen, erfolgt, sondern wesentlich von der Ambozeptormenge abhängig ist. Anderer- seits muß man sicherlich eine Einwirkung des Mittelstücks auf die sensibili- sierten Zellelemente annehmen, und wird dabei wohl jedenfalls vermuten müssen, daß eine Bindung irgendwelcher Art, mag sie reversibler Natur sein oder nicht, der Wirkung vorangeht. Die Frage, ob den Komplementen Fermentcharakter zukommt, ist außerdem in zahlreichen Versuchen mit dem gesamten ungespaltenen Komplement analysiert worden. Eine präzise Beant- wortung ist um so schwieriger, als ja auch in der Fermentlehre durch- aus keine einheitliche Auffassung besteht. Ehrlich & Morgenroth haben von Anfang an die Komplemente als fermentähnliche Stoffe bezeichnet, ohne sich aber direkt für die Fermentnatur auszusprechen („zymotoxische Gruppe"). Auf Aehnlichkeiten zwischen Kom- plementen und Fermenten, wie auch zwischen Toxinen und Fermenten ist wiederholt hingewiesen worden, und v. Liebermann hat sich, darauf fußend, daß bei der Komplement- ebenso wie bei der Toxinwirkung ein quantitativer Verbrauch stattfindet, gegen die Fermenttheorie ausgesprochen. In neuerer Zeit ist eine Identifizierung der Wirkungsart der Komplemente mit derjenigen der Fermente in zweierlei Eichtung ver- sucht worden, einmal durch die Analyse der Beziehungen zwischen Wirkung und Konzentration, auf der anderen Seite durch eine neue Erörterung der Frage nach dem Verbrauch der Komplemente bei der Wirkung. In ersterer Hinsicht sind die Untersuchungen von Kiss & SciiELLER zu nennen, nach denen die Komplementwirkung in aus- gesprochener Weise von der Konzentration abhängig ist*). Die Angaben von Kiss & Scheller sind auch von Liefmann & Andreew, sowie Ungermann & Kandiba im wesentlichen bestätigt worden. Untersuch- ungen von Fränkel, sowie von Conradi ausgeführte Versuche ließen die Ab- hängigkeit der Komplenientwirkung von der Konzentration nicht in dem von anderen Autoren behaupteten Grade erkennen. Keinesfalls wird man aber die Tatsache an sich für die Fermenttheorie verwerten können, da es sich hierbei um ein allgemein&s, bei verschiedenartigen Reaktionen zu beobachtendes Prinzip handelt und der Einfluß der Konzentration sich auch bei andersartigen sicherlich nicht fermentähnlichen hämolytischen Agentien geltend macht (vgl. hierzu Lief- mann & Andreew, Sachs, Bordet und andere). *) Es sei bemerkt, daß man in praktischer Hinsicht auch früher den Faktor der Konzentrationsunterschiede berücksichtigt hat, indem man bei hämolyti- schen Versuchen stets für gleiches Volumen und insbesondere bei der Kom- plementbindung dafür sorgte, daß Vorversuch und Hauptversuch in gleichem Vo- lumen ausgeführt wurden. Direkte Angaben, daß die Hämolyse in konzentrierten Mischungen von Blut und Serum stärker sein kann, als in verdünnten, liegen bereits von Seiten Gays, sowie Sachs' & Altmanns vor. 888 Hans Sachs, Man muß jedenfalls anneiimen, daß, ganz abgesehen von jeder Komplementtlieorie, die Reaktionsgeschwindigkeit, d. h. die Schnellig- keit der Hämolyse, von der Konzentration in weitem Maße abhängt (vgl. V. Liebermann & v. Fexyvessy, auch Bürdet & Gay)*). Eng verwandt ' mit der Frage nach der Abhängigkeit von der Konzentration ist diejenige, ob bei hinreichender Konzentration die lösbare Blutmenge unbeschränkt ist. Nun kann sogar die gelöste Blutmenge bei steigendem Zusatz sensibilisierter Blutkörperchen zu- nehmen, trotzdem die Hämolyse eine nur partielle ist. Untersuchungen dieser Art rühren von Kiss, Rusznyak, Scheller, Lief\l\nx & Cohn her. Die Ergebnisse sind nicht ganz einheitlich, jedenfalls werden keineswegs beliebige Blutmengen gelöst (Kiss, Liefmann & Andreew), und die Schnelligkeit der Hämolyse nimmt immerhin mit der Steige- rung der Blutkörperchenmenge deutlich ab. Wie vorsichtig man in der Deutung derartiger Befunde zugunsten der Fermentnatur des Komplements sein muß, haben Liekmann & Andreew selbst gezeigt, indem sie bei der Saponinhämolyse im Prinzip gleiche Verhältnisse, wenn auch nicht so ausgesprochener Art, antrafen**). Für die Tatsache, daß durch Komplement in gewissen Grenzen mit steigender Blutmenge mehr Blut gelöst wird, könnte man eine verschiedene Em- pfindlichkeit der Blutkörperchen verantwortlich machen, wie das durch V. Liebermann & v. Fenyvessy, zumal auf Grund von Untersuchungen von DiENES, geschieht (vgl. hierzu Rusznyak). Man muß auf Grund von indi- viduellen Differenzen der einzelnen Blutkörperchen berücksichtigen, daß mit steigender Blutmenge die absolute Zahl der empfindlicheren Blutzellen zunimmt. Vielleicht nimmt auch die Avidität, mit der das Komplement gebunden wird, mit der Vermehrung der Zahl von sensibilisierten Blutkörperchen zu, ebenso wie es ja auch bei Steigerung der Ambozeptormenge für eine konstante Bluteinheit der Fall ist. Auf den von Rusznyak hervorgehobenen monomolekularen Charakter der hämolytischen Serumwirkung [allmähliches Abnehmen der anfangs hohen Re- aktionsgeschwindigkeit***)] glauben v. Liebermann & v. Fenyvessy kein Ge- wicht legen zu sollen, da sie auch bei anderen hämolytischen Agentien die Hämolyse nach gleichen Typen verlaufen sahen. Die genannten Autoren meinen daher, daß nicht die ursächliche Reaktion, sondern der Vorgang des Hämoglobinaustritts von wesentlicher Bedeutung auf den zeitlichen Verlauf ist. Bedeutungsvoller als die erörterten Untersuchungen erscheinen in bezug auf die Frage der Fermentw^irkung diejenigen, welche den Verbrauch des Komplements betreffen. Lief>la.nn & Cohn, wie auch Bail &: Suzuki haben über Versuchsserien berichtet, in denen sie einer- seits schwach, andererseits stark sensibilisierte Blutkörperchen vor- wendeten und zu einer gegebenen Komplementmenge gleiche Teile von ambozeptorbeladenen Blutkörperchen stikzessive nach erfolgter Hämo- lyse zusetzten. Die Ergebnisse der genannten Autoren sind insoweit nicht neuartig, als sie die bereits von MuiR & Ferguson, sowie Bürdet beschriebene und auf Grund *) Bei der Labilität der Komplementwirkung wäre vielleicht auch die Möglichkeit einer Inaktivierung während des Latenzstadiums in Betracht zu ziehen, die mit zunehmender Verdünnung größer werden könnte (siehe hierzu auch Scheller). **) Angaben über den Einfluß der Blutmenge siehe auch bei Noda, sowie M'GowAN und Ritchie. ***) Vgl. hierzu auch ältere Versuche von Henri, Cernüvodeanu& Henri, sowie Arrhenius. Hämolysine des Blutserums. (Cytotoxische Sera.) 889 der Ambozeptortheorie von vorneherein selbstverständliche Tatsache betreffen, daß ambozeptorbeladeues Blut mehr Komplement binden kann, als zur Uämolyse erforderlich ist, und man wird bereits auf Grund dieses Umstandes, zu dem noch die von Liefmann & Cohn hervorgehobenen Faktoren der Verdünnung und der Labilität bei längerem Aufenthalt hinzukommen, den Autoren darin folgen müssen, daß der Komplementverbrauch bei den üblichen hämolytischen Versuchen keinen Schluß auf den zur Hämolyse erforderlichen Komplement- bedarf gestattet. Es ist ferner ohne weiteres verständlich, daß stark sensibilisierte Blutkörperchen bei fraktioniertem Zusatz zu einer gegebenen Komplementmenge mehr Komplement verbrauchen als schwach sensibilisierte, und daß demnach Fraktionierung des Blutes bei starker Sensibilisierung geringere Hämolyse er- gibt als bei schwächerer. Das entspricht der Tatsache, daß Ambozeptormenge und Komplementbindungsvermögen bis zu einem gewissen Grade einander pro- portional sind, wie das auch von Bordet erneut hervorgehoben wurde. Liefmann & Cohn, sowie Bail & Suzuki behaupten, daß ein Komplementverbrauch bei der eigentlichen Hämoh-se überhaupt nicht stattfindet, da bei suiizessivem Zusatz von ambozeptorbeladenem Blut zu der im Reihenversuch bei Verwendung der Bluteinheit sich als minimale komplett lösende Dosis ergebenden Komplementmenge (resp. Konzentration) eine größere Anzahl von Bluteinheiten der Hämo- lyse anheimfallen. Die Zahl reduziert sich andererseits nicht uner- heblich, wenn man eine bestimmte Zeit zwischen den einzelnen Blut- zusätzen verstreichen läßt und nicht sofort nach eingetretener Hämo- lyse das Blut zufügt. v. Liebermann & v. Fenyvessy unterscheiden bei der Diskussion dieser Versuche zwischen Reaktionsgeschwindigkeit, für welche die Konzentration des Komplements wesentlich in Betracht kommt, und der Bestimmung der wirk- samen Komplemeutmenge bei genügender Konzentration, um welche es sich nach den genannten Autoren bei den Verbrauchsversuchen handelt. Ein ge- wisser Verbrauch ist wohl immerhin zu konstatieren, da, wie auch v. Lieber- mann & V. Fenyvessy hervorheben, bei sukzessivem Blutzusatz die Schnellig- keit der Hämolyse abnimmt. Da aber sicherlich der Komplementverbrauch überhaupt sich nicht auf die zur Hämolyse erforderliche Komplementmenge beschränkt, muß man Liefmann & Cohn, sowie Bail & Suzuki wohl insofern beipflichten, als man den nachweisbaren Komplementverbrauch nicht ohne weiteres auf den hämolytischen Prozeß beziehen kann. Andererseits er- scheint es nicht angängig, aus einem Mangel an Komplementverbrauch auf ein Fehlen der Komplemeutbindung überhaupt zu schließen. Es kann sich sehr wohl um eine reversible Komplementbindung handeln, reversibel in dem Sinne, daß das Komplement nach erfolgter Wirkung noch in aktionsfähigem Zustande wieder abspringen kann, wenn eine Tiinreichende Avidität vorhanden ist, daß aber die Bindung mit der Zeit eine sekundäre Verfestigung erfährt, wie man es ja bei zahlreichen Immunitätsreaktionen zu sehen gewohnt ist. Keinesfalls liegt, wie das auch jüngst von Bordet ausgeführt wurde, ein Grund dazu vor, die Komplementbindung als „methämo- lytische" Reaktion erst als Eolge der Hämolyse zu betrachten. _ Bordet gelangt in der erwähnten neueren Arbeit auf Grund einer Diskussion der erörterten Versuchsergebnisse zu einer Ablehnung der aus ihnen von den Autoren gezogenen Schlußfolgerung. Zu berücksichtigen ist auch, daß die Hämolyse durch Lösungsprodukte befördert werden kann. Liefmann & Cohn beschreiben eine Beschleunigung der Hämolyse durch gelöste Erythrocyten. Andererseits wird man natürlich annehmen müssen, daß nach erfolgter Hämolyse schon durch die Funktion der Stromata gewisse antikomplementäre Wirkungen hinzukommen. Kemes- wegs wird aber ein Grund vorliegen, wesentlich von dem Freiwerden stark antikomplementärer Stoffe nach der Hämolyse (Liefmann & Cohn) oder met- hämolvtischen Reaktion (Bail & Suzuki) zur Erklärung der Komplement- bindung zu sprechen. Daß die durch spezifische Ambozeptorbiudung vermittelte Komplementbindung weiter fortschreiten kann, wenn die Hämolyse bereits be- 890 Hans Sachs, endet ist, muß durchaus natürlich erscheinea. Bürdet spricht überhaupt auf Grund einer kritischen Darstellung der Idee, ,,dal3 das Komplement als ein Katalysator bei der Hämolyse wirkt und daß diese die Kompleraentfixation bewirkt, anstatt deren Folge zu sein", jede Berechtigung ab. Ebenso haben V. LiEBERMAXN & V. Fenyvessy erneut gegen die Fermentnatur der Komple- mente ^t«llung genommen. Es sei auf diese Uebersicht-en sowie auf die dis- kutierten Originalarbeiten der Autoren verwiesen; ein weiteres Eingehen auf die Einzelheiten würde zu weit führen. Wichtiger als die Frage, ob Komplemente Fermente sind oder nicht, dürfte die weitere Analyse der Beziehungen zwischen Komple- mentbindung und Komplementwirkung bei der Hämolyse sein, wobei freilich noch viele Faktoren einer eingehenden Bearbeitung bedürftig erscheinen. Die \'ersuche von Skwirsky, sowie von Gengou, welche die Frage be- treffen, ob man in den durch Ambozeptor-Komplemeut gelösten Blutkörperchen nocti die eine oder die andere Komponente des Komplements auffinden kann, sind in dem hier erörterten Sinne nicht ohne weiteres verwertbar. Denn nach eingetretener Hämolyse wurde mit der Prüfung mehr oder weniger lange Zeit gewartet, so daß sich für die Frage, ob Komplenientbindung der Hämolyse vorausgehen muß, kein zwingender Schluß ergibt. Bemerkenswert ist nur, daß nach Gengou im Gegensatz zu der Auffassung Skwirskys' die Verhältnisse bei der Prüfung auf Gesamtkomplement und Endstück bei der Hämolyse nicht anders liegen, als bei der später noch zu besprechenden Komplementbindung durch Zusammenwirken von Antikörpern und gelösten Antigenen. Auch bei der Hämolyse gelang es Gengou, ebenso wie Skwirsky bei der Komplement- bindung unter geeigneten Bedingungen nachzuweisen, daß in der Flüssigkeit die Komplementwirkung erloschen ist, nach Zusatz von Mittelstück aber noch in Erscheinung tritt. Der Schluß, daß zwischen dem Verschwinden von Mittel- stück und Endstück eine Disproportionalität besteht, ist nicht ganz zwingend. Wir haben ja bereits Fälle von Koniplomentinaktivierung erörtert, in denen die Komplementwirkuug erloschen ist, aber sowohl nach Mittelstück- als auch End- stückzusatz resp. Zusatz der dritten Komponente eine Restitution der Wirkung eintritt. In den Versuchen der Autoren ist aber im allgemeinen nur auf End- stück geprüft worden, in einem Versuch Gengous auch auf Mittelstück, während das Fehlen von Mittelstück bei mangelnder Komplementwirkung im allgemeinen als selbstverständlich angenommen wurde. Auf Grund der erörterten neueren Kenntnisse über die komplexe Konstitution der Komplemente äind auch in dieser Hinsicht neuere Untersuchungen wünscTienswert, insbesondere auch unter Berücksichtigung der minimalen Zeit, nach welcher die Komplementwirkung nicht mehr nachweisbar ist. 4. Natur der Komplemente. Versuche, die Komplemente aus dem Blutserum zu isolieren und derart ihre chemische Beschaffenheit zu ergründen, sind bisher ebenso, wie das bei den Ambozeptoren der Fall ist, ergebnislos gewesen. Da- gegen sind von selten v. Liebermaxxs und seiner Mitarbeiter, wie auch von Xoguchi zahlreiche Bemühungen unternommen worden, komplementartig wirkende Gemische herzustellen. Die Autoren gehen dabei von der Ansicht aus, daß es sich bei der Komplementwirkung wesentlich um Lipoidwirkungen handelt*). Als Ausgangspunkt für diese Untersuchungen darf wohl die von Metschnikoff & Tarasse- viTCH entdeckte hämolytische Wirkung der Organextrakte betrachtet *) Auch Dautwitz & Landsteiner (Landsteiner & Stankovic) hatten es bereits für nicht unwahrscheinlich gehalten, daß die Komplemente vielleicht Lipoid-Eiweißverbindungen sind. Allerdings dürften die Gründe (antikomple- mentäre Wirkung von fettartigen Stoffen, Komplementinaktivierung durch fettlösende Mittel, Wirkung des Lecithins bei der Schlaugengif thämolyse) heute kaum stichhaltig erscheinen. Hämolysine des Blutserums. (Cytotoxische Sera.) 891 werden (vgl. auch Shibayama, Klein u. a.). Allerdings konnte die An- nahme, daß es sich hierbei um komplementarüge Funktionen handelt, sehr bald durch die Untersuchungen Korsciiuns & AIorgenkoths widerlegt werden, aus denen sich ergab, daß die Extrakthämolysine koktostabil und akohollöslich sind, daß sie von roten Blutkörperchen auch bei 0° gebunden werden*), daß sie durch normale Sera (auch nach dem Erhitzen auf 100 o) stark beeinflußt werden, und daij sie endlich autolytisch wirken. Es handelt sich also um wesentliche Eigenschaften, die eine absolute Differenzierung von den Komplementen beweisen. Von den zahlreichen Autoren, welche weiterhin hämolytische Wirkungen vou Extrakten, Orgauautolysateu etc. beschrieben haben, seien genannt: Savtschexko & Berdnikoff, Dömeny, DoxATH & Landsteiner, Lüdke, Micheli & Donati, Kullmann, Fckuhara, Tallquist, Faust & Tallquist, Landsteiner & Raubitschek, Friedemann uud viele andere. Ein näheres Eingehen auf die zahlreichen Arbeiten erübrigt sich, da es sich in den für die hier vorliegende Betrachtung wesentlichen. Punktion um eine Bestätigung der Angaben Korschuns & Morgenroths handelt. Levaditi meint allerdings, daß man durch kurzdauerndes Mazerieren raakro- phagenreicher Organe thermolabile komplementartige Stoffe erhalten kann (cf. aucii Levaditi & Rosenbaum ). Jedoch soll gleich an dieser Stelle bemerkt werden, daß eine gewisse Thermolabilität der Extrakte nicht ohne weiteres einen Schluß auf die Komplementnatur der in iliuen enthaltenen wirksamen Stoffe ge- stattet. Entsprechende hämolytische Stoffe sind nicht allein in den Organen, sondern zuerst von Wölfel & Levaditi auch hn Blutserum nachgewiesen worden, charakterisiert durch Thermostabilität und Alkohollöslichkeit. Bereits Kyes & Sachs haben die hämolytische Wirkung der Seifen hervor- gehoben und die Vermutung ausgesprochen, daß die hämolytische Wirkung der Organextrakte insbesondere durch Fettsäuren und Seifen bedingt ist. Für die Seifennatur der Extrakthämolysine sind auch Levaditi, Landsteiner und seine Mitarbeiter eingetreten, und Xoguchi ist durch eine detaillierte Analyse gleich- falls zu der Auffassung gelaugt, daß die Extrakthämolysine wesentlich rSeifen sind. Tatsächlich handelt es sich bei der hämolytischen Wirkung der Seifen und der Orgauextrakte um weitgehende bemerkenswerte Analogien (vgl. hierzu auch die Arbeiten von Morgenroth & Schäfer, Friedemann, M. Friedemann & Sachs, Noguchi, v. Liebermann, Hessberg u. a.). Daß die hämolytische Wirkung der Seifen im Blutserum (nach Kobert 0,12 Proz. Seifeugehalt) nicht zum Ausdruck gelangt, liegt, wie v. Liebermann mit Recht hervorgehoben hat, daran, daß die Eiweißstoffe des Serums, sowie Kalksalze etc. hemmend auf die Seifenhämolyse wirken (vgl. auch Noguchi)**). Sow^ohl jSToguchi als auch v. Liebermann gingen ursprünglich von der Ansicht aus, daß die Seifen in der im Blutserum vorhandenen, in bezug auf die Hämolyse larvierten Form die Komplemente dar- stellen. XoGucHi glaubt den Beweis hierfür dadurch erbracht zu haben, daß Gemische von Seifen und inaktiviertem Meerschweincheu- seruni (allerdings nur auf 51 ^ erhitzt!) ambozeptorbeladene Blut- körperchen im Gegensatz zu nativen auflösen. Dabei macht Noguchi auf eine Reihe von Analogien im Verhalten seiner Seifen-Serumgemische und der Komplemente aufmerksam (spontanes Verschwin- den der Funktion, Inaktivierung bei 56°, Ausbleiben der Hämolyse bei 0", Hemmung durch Säure, Alkali und Salze, Inaktivierung durch Zellclemente, Hemmung durch Schutzstoffe, Zerstörung durch photodynamische Wirkung). *) Ohne dabei hämolytisch zu wirken. Bei Ueberführung m Brutschrank- temperatur tritt Hämolyse ein. Im salzfreien 3Iedium ist die hämolytische Wirkung der Organextrakte reduziert (Bauer). **) Weitere Angaben über Hemmung der Seifenhämolyse durch Eiweiß- stoffe siehe insbesondere bei M. Friedemann & Sachs, K. Meyer, Liefmann & CoHN. Eialbumin scheint die Seifenhämolyse nicht regelmäßig zu hemmen, dagegen Serumalbumin und Globulin. 892 Haxs Sachs, Xacli den übereinstimmenden Ergebnissen, zu denen die Nach- prüfungen verschiedener Autoren (Hecker, v. Duxgerx & Coca, M. Friedemaxx & Sachs, Bauer u. a.) gelangt sind, darf man aber an- neiimen, daß es sich bei den Befunden Xoguchis wesentlich um die Wirkung von Resten des nicht vollständig inaktivierten Komplements handelt. V. Liebermaxx hat die Frage in zahlreichen Arbeiten vielfach in Gemeinschaft mit v. Fenyvessy zunächst in etwas anderer Weise in Angriff genommen. Er wies auf eine Reihe von Analogien im Verhalten der hämolytischen Seifen- und der Komplementwirkung hin und betonte dabei insbesondere die inaktivierende Wirkung der Kalk- salze sowie der Alkalien und Säuren. Allerdings wirkt nach Friedemaxx & Sachs Säure eher verstärkend auf die Seifenhämolyse (vgl. auch RoxDOXi ). Angaben über die verstärkende Wir- kung der saureu Reaktion auf die Hämolyse durch Organextrakte und Lipoide finden sich auch bei Arrhexius, Roxdoni. Nach Roxdoni können stärkere Alkalikonzentrationen begünstigen und geringere hemmen. Von der Auffassung ausgehend, daß dem Ambozeptor einerseits der Charakter einer schwachen Säure zukommt, daß er, aber anderer- seits die Funktion besitzt, die Seifen aus ihrer inaktiven Verbindung im Serum frei zu machen, hat dann v. Liebermaxx den hämol3tischen Ambozeptor durch eine chemisch bekannte Säure, und zwar die Olein- säure, zu ersetzen gesucht. Das Ergebnis lautete, daß ,, Gemische, welche Seifen, Oelsäure und Serumalbumin in den angegebenen Ver- hältnissen enthalten, sich dem hämolytischen rnimunserum über- raschend älinlich verhalten". Diese Aehnlichkeit stützt sich einerseits auf die Thermolabilität der Ge- mische. Hierzu ist aber zu bemerken, daß Eiweiß-Lipoidgeniische auch dann eine gewisse Thermolabilität besitzen können, wenn eine Komplementwirkung mit .^icherheit ausgeschlossen werden kann. Die ersten Befunde dieser Art rühren von Kyes & Sachs her und zeigen, daß Gemische von Hämoglobin und Lecithin, welche Cobragift aktivieren, unwirksam sind, wenn die Hämoglobin- lösung auf 62° erhitzt ist. Während hier das erhitzte Hämoglobin offenbar stärker Lecithin bindet als das native, haben aber andere Untersuchungen (Laxdsteixer & Ehrlich, Raubitschek & Russ, Bauer, Friedemaxx & Sachs) gezeigt, daß die Inaktivieruug auch nur dann gelingen kann, wenn Lipoid- und Serumkomponente vorher gemischt sind. Allerdings liandelt es sich dabei um etwas höhere Temperaturen (wenigstens 60°) als die zur Komple- mentinaktivierung hinreichenden (vgl. hierzu auch Liefmaxx & CoHX, Rox- Doxi). Immerhin wird man aber zu berücksichtigen haben, daß eine Inakti- vieruug durch Erhitzen bei Lipoid-Serumgemischen das Vorhandensein von Kom- plementen vortäuschen kann. Die Versuche v. Liebermaxxs, durch Oelsäurewirkung natür- liche Komplemente zur Wirksamkeit gelangen zu lassen, die wohl einen größeren Anspruch auf Beweiskraft (wenigstens soweit die Säurenatur der Ambozeptoren in Betracht kommt) erheben dürften, können keineswegs als einwandfreie Stützen betrachtet werden. Es gelang nämlich weder die *Reaktivierung des erhitzten Oelsäure-Serum- gemisches durch frisches Serum, noch trat Hämolyse ein, wenn Oelsäure mit Serum vor dem Blutzusatz gemischt wurde. Dagegen erfolgte eine rasche Hämolyse, wenn ein Gemisch von Oelsäure und Serum mit Blut digeriert und erst nach einem gewissen Zeitintervall von neuem Schweineserum zugesetzt wurde. Dieser hämolytische Prozeß hat aber sicherlich mit Komplementwirkung nichts zu tun. Denn v. Duxgerx & Coca haben gezeigt, daß es gleichgültig ist, ob man Oelsäure oder Seifen verwendet oder ob man frisches oder thermo- inaktiviertes Serum benutzt, und Fritz Sachs gelangte in einer weiteren Ana- Hämolysine des Blutserums. (Cytotoxische Sera.) 893 lyse dieser interessanten, oftmals als „B e s c h 1 e u n i g u n g s p h ä n o m e n" be- zeichneten Erscheinung zu dem Resultat, daß man das Serum durch ein- faches Alkali ersetzen kann. Nach F. Sachs müssen die Seifendosen dabei solche sein, daß sie nach längerer Zeit an und für sich lösen; die Seife kann auch durch hämolytische Lecithinpräparate ersetzt werden. Säurezusatz bis zur aniphoteren Reaktion schwächt die Wirksamkeit des Serums nicht, Aetherextraktion steigert die Wir- kung (dabei allmähliche Vermehrung der alkalischen Reaktion). Nach Lief- MANX & CoHX kann das Serum durch Albumin, nicht durch Globulin ersetzt werden. Was das Zusammenwirken von Oelsäure mit Seife-Serumgemischen anlangt, so haben die Untersuchungen von Friedemann & Sachs er- geben, daß es sich hierbei um Summationswirkungen handeln kann, und V. Liebermann & v. Fenyvessy haben späterhin selbst diesen Einwand, so weit die Oelsäure in Betracht kommt, gelten lassen. Tatsächlich haben Liefmann & Cohn ähnliche Erscheinungen auch beim Zusammenwirken von Seife und Oelsäure (ohne Serum) ein- treten sehen, und Rondoni beobachtete eine nicht unerhebliche Ver- stärkung der Seifenhämolyse durch Zusatz von Oelsäure. v. Lieber- mann & V. Fenyvessy haben daiier späterhin die Oelsäure durch Bor- säure ersetzt und auch durch letztere inaktive Gemische von Seifen- lösung und Serumalbumin hämolytisch machen können. Es besteht bei der Borsäure nicht der geringste Zweifel, daß Summations- wirkungen auszuschließen sind, und die gleichen tatsächlichen Befunde sind auch von RoxDONi unter Verwendung von Salzsäure statt Borsäure erhoben worden. Es fragt sich nur, ob es angängig ist, ein derartiges Zusammenwirken von Seife- Serumgemischen und Säuren ohne weiteres mit dem Mechanismus der Ambo- zeptor-Koraplemeiltwirkung zu identifizieren. In dieser Hinsicht verdient vielleicht der von Roxdoxi hervorgehobene Umstand Berücksichtigung, daß Säuren nicht nur Gemische von Seife und Serum ,, aktivieren", sondern auch die Hämolyse durch Lipoide oder alkoholische Organextrakte im allgemeinen mehr oder weniger erheblich verstärken können (vgl. Arrhexius, Friedemaxx & Sachs, Rox- Doxi). Von Interesse ist, daß die Aktivierung nach v. Liebermaxx & V. Fexyvessy bei Gemischen von Kalksalzen und Cholesterin einerseits, Seifen- lösungen andererseits gelingt, nicht dagegen bei Gemischen von Seifen und kristallisiertem Serumalbumin. Bei der Inaktivierung durch Kalksalze kann auch oxalsaures Natrium restituierend wirken. Wenn man das angeführte Material berücksichtigt und dabei noch den Umstand, daß bei Ersatz des Oleinsäuren Natriums durch Olein- säure ähnliche Resultate erhalten werden können, so dürften, wie das Rondoni hervorhebt, diese Beispiele der Aktivierung von unwirksamen Stoffen als Analoga im Sinne der Ambozeptor-Komplementwirkung nicht ohne weiteres befriedigen. Tatsächlich hat v. Fexyvessy unwirksame Gemische von Seifen und Serum- albumin (Witte-Pepton, Kalksalze) bereits durch Zusatz einer erhöhten Koch- salzkonzentration hämolytisch werden gesehen, was übrigens älteren Angaben von NoLF & Bayer über die Steigerung der hämolytischen Wirkung gallen- saurer Salze bei erhöhter Kochsalzkonzentration entspricht. Augenscheinlich sind also die begünstigenden Faktoren mannigfacher Art, und es verdient vielleicht hervorgehoben zu werden, daß der Einfluß der Kochsalzhypertonie sich bei den Seifen-Serumgemischen gerade in dem entgegengesetzten Sinne äußert als bei den natürlichen Komplementen. Auch die von den Autoren angeführten Kälte- trennungsversuche dürften nicht ohne weiteres hinreichend beweiskräftig er- scheinen. Bei dieser Sachlage muß den neueren Versuchen v. Liebermanns & V. Fenyvessys, künstliche Gemische herzustellen, welche unter Verwendung natürlicher Immunambozeptoren komplementartig wirken, erhöhtes Interesse zugewandt werden. 894 Haxs Sachs, Wie schon erwähnt, haben die von verschiedenen Seiten (Hecker, V. Dungern & Coca, Friedemann & Sachs, Liefmann & Cohn, Rondoni,) vorgenommenen Nachprüfungen mit Seife-Serumgemischen die Komplementwir- kung der letzteren trotz vielfacher Bemühungen nicht bestätigen können, ja von einer Reihe von Autoren (zuerst von Hecker, v. Dungern & Cocaj war sogar angegeben worden, daß sensibilisierte Blutkörperchen der Seifenhämolyse gegen- über resistenter sind als nicht sensibilisierte. Im Gegensatz dazu stehen jedoch die experimentellen Erfahrungen von v. Knaffl-Lenz, sowie die eingehende Analyse v. Liebermanns & v. Fenyvessys, nach denen Seifenlösungen ambo- zeptorbeladene Blutkörperchen rascher auflösen als native (vgl. hierzu jedoch Liefmann, Cohn & Orloff und an früherer Stellet. Jedenfalls braucht man wohl mit V. Liebermann &. v. Fenyvessy diesem Moment keine besondere Be- deutung zuzuschreiben. Die. Resultate der neueren Versuche fassen v. Liebermaxx i^- V. Fenyvessy folgendermaßen zusammen : ,,Es gclino-f durch Ver- mischen von Xatronseife mit verschiedenen in den normalen Seris vor- kommenden Substanzen Gemische herzustellen, die sich den natürlichen Komplementen darin ähnlich verhalten, daß sie sensibilisierte Blut- körperchen viel stärker hämolysieren als normale bzw. bei einer be- stimmten Versuchszeit erstere komplett, letztere gar nicht auflösen. Als besonders zweckmäßig erweisen sich Kombinationen, die außer Seife Serumglobulin und CaCU enthalten und eine bestiiiimte. für jede Kombination eigens zu ermittelnde Alkalizität besitzen'' (detaillierte Angaben in der Originalarbeit). Als weitere Beweise für die komple- mentartige Wirkung derartiger Gemische werden Thermolabilität, Spaltung durch Kohlensäure angeführt. Dagegen gelang es den Autoreu ebensowenig, wie früher v. Koränyi. mit derartigen künst- lichen Komplementen Komplementbindung zu erzielen. Von Liefmann, Cohn & Orloff sind gegen die neueren Angaben v. Lieber- manns & V. Fenyvessys wiederum eine Reihe von Einwendungen erhoben worden, die V. Liebermann & v. Fenyvessy jedoch in einer Erwiderung entkräften zu können glauben. Es würde zu weit führen, hier auf die Einzelheiten einzugehen, und es sei daher auf die Originalarbeiteu verwiesen. Eine Reihe von Differenzen, die im Sinne einer prinzipiellen Unterscheidung von Seifen- und Serumhämo- iyse angeführt wurden, werden von v. Liebermann & v. Fenyvessy nicht als beweiskräftig erachtet. So ist von Sachs & Altmann auf die antikomplcmentäre Wirkung der Seifen verwiesen worden (vgl. hierzu v. Liebermann & v. Feny- vessy). Von Neufeld & Haendel wurde angegeben, dai3 bei der Seifenhämo- 15-86 auch die Stromata aufgelöst werden, was bei der Komplementhämolyse nicht der Fall ist. Gegenüber der von den Autoren daraus gezogenen Sclilußf olger ung gegen die Seifennatur der Komplemente verweisen v. Liebermann & v. Feny- vessy darauf, daß sich diese morphologische Differenz nur bei stark konzen- trierten Seifenlösungen ergeben soll. Die Angaben Friedemanns & Herz- felds, daß durch Fettextraktionsmittel die komplettierende Wirkung des ge- trockneten Serums nicht abgeschwächt wird (vgl. auch Liefmann vV Cohn), dürften nicht stichhaltig erscheinen, nachdem Suranyi gezeigt hat. daß derart behandelte Sera nicht als lipoidfrei betrachtet werden können. Auch dem Ein- wand von Michaelis & Skwirsky, daß die natürlichen Komplemente durch proteolytische Fermente inaktiviert werden können, sind v. Liebermann & V. Fenyvessy begegnet, indem sie zeigten, daß auch ein von ihnen hergestelltes .eiweißfreies künstliches Komplement durch das gleiche proteolytische Ferment inaktiviert wurde. Die Angabe von Gramenitzki, daß die "bei natürlichen thermoinaktivierten Komplementen b^bachtete Regeneration bei künstlichen Kom- plementen fehlt, glaubt v. Fenyvessy widerlegt zu haben, wogegen Grame- nitzki auch neuerdings die differenzierende Bedeutung der von "ihm hervorge- hobenen Befunde aufrecht erhält (vgl. jedoch wiederum v. Fenyvessy). Es ist vorläufig nicht leicht, in der hier erörterten Frage nach der Natur der Komplemente einen bestimmten Standpunkt einzunehmen. Trotz zahlreicher Analogien, welche zwischen sogenannten künstlichen und natürlichen Komplementen hervorgehoben worden sind, dürften Hämolysine des Blutserums. fCytotoxische Sera.) 895 doch eine Reihe von Bedenken bestellen, die eine weitere Analyse erforderlich erscheinen lassen, und v. Liebermann & v. Feny- VESSY selbst geben vorläufig die vielleicht nicht unwesentliche Tat- sache zu, daß die Zusammensetzung der künstlichen Komplemente noch darin unrichtig ist, ,,daß in den bisher verwendeten Kombi- nationen die Seife eine stärkere Affinität zu den sonstigen Bestand- teilen des Systems besitzt, als zu einem beliebigen Antigen-Ambozeptor- system". Andererseits muß die Reproduktion oder die Isolierung der Komplemente auch auf Grund der von v. Liebermann & v. Fenyvessy vertretenen Auffassung als eine recht schwierige Aufgabe erscheinen, wenn man mit den genannten Autoren das Komplement ,,als ein recht kompliziertes und labiles System gewisser Serumbestandteile auffaßt, in dem Seifen bzw. seifenähnliche Verbindungen von hämolytischer Wirkung die ausschlaggebende Rolle spielen". Daß die Auffassung v. Liebermanns & v. Fenyvessys über das Wesen der Komplementnatur sich mit der Fermenttheorie nicht verträgt, muß nach den vorangegangenen Ausführungen als selbstverständlich erscheinen. Nach v. Lieber- mann & V. Fenyvessy nähert sich ihre Ansicht einer vor kurzem von Morgen- roth diskutierten Vorstellung. Allerdings dürfte sich die von Morgenroth übrigens wohl nur mit aller Reserve aufgefaßte Hypothese, „die dem , Kom- plement' als besonders wirkender Substanz keinen Raum mehr läßt, vielmehr die bisher als Komplemeutwirkung bezeichneten Erscheinungen der Lösungs- fähigkeit der Gesamtheit der Serumstoffe (Lösungsmittel -|- sämtliche oder die meisten in bestimmten Verhältnissen gelösten Substanzen des Serums} zuschreibt", doch in gewisser Hinsicht von dem Standpunkte v. Liebermanns & v. Feny- vessys unterscheiden. Denn nach den letztgenannten Autoren handelt es sich bei der Hämolyse durch Komplemente in letzter Instanz um Seifen- wirkung, während nach der von Morgenroth ausgesprochenen Vermutung die wesentliche Funktion dem Ambozeptor zukäme, der durch seine Bindung gewisse Zellbestandteile löslich machen würde, für welche das Blutserum ein geeignetes Lösungsmittel wäre. Der Anlaß zur Formulierung dieser Vorstellung war für Morgenroth die Beobachtung, daß das hämolytisch wirkende Malachitgrün in Rohrzuckerlösung diese Funktion nicht ausübt, aber die Blutkörperchen so ver- ändert, daß sie l^eim Ueberführen in Kochsalzlösung der Hämolyse anheimfallen. Man wird Morgenroth beistimmen müssen, daß hierin noch nicht genügendes Versuchsmaterial vorliegt, um mehr als eine Vermutung aufstellen zu können. Was die Analyse der Komplementnatur mittels Antikomplement- wirkung anlangt, so kann der Schluß auf die früher angenommenen Antikomplcmente in engerem Sinne, d. h. solche Antikörper, welche in die haptophore Gruppe des Komplements eingreifen und derart seine Bindung verhindern, heute nicht mehr als stichhaltig erscheinen (vgl. hierzu an späterer Stelle). Dagegen darf man nach neueren Untersuchungen von Streng, sowie von Moreschi (vgl. auch Mo- reschi & Perussia) annehmen, daß den die Komplementwirkung be- dingenden Stoffen ebenso wie den Ambozeptoren der Charakter als Eiweißantigen zukommt. Nach Moreschi kann man sogar unter Benutzung von Pferdekoni|)lcinent durch die Wirkung eines gegen Pferdeeiweiß gerichteten Antiserums in ähn- licher Weise eine Agglutmation durch Kettenbindung an das Komplement (resp. Komplementmittelstück) erzielen, wie sie bereits früher von Moreschi für das Zusammenwirken von Antikörpern und korrespondierenden Antieiweißseris be- schrieben wurde. D. Ursprung der Komplemente. Man hat vielfach die Komplemente in Beziehung zu den Leuko- cyten gebracht. Nach Buchner sollen die Leukocyten die Komple- mente sezernieren, nach Metschnikoff dieselben erst beim Absterben 896 Haxs Sachs, oder bei der Blutgerinnung frei werden lassen. Was die hämolytischen Komplemente anlangt, so hätte man einen Beweis für ihren leuko- C3'tären Ursprung darin erblicken können, daß die Extrakte makro- pliagenreicher Organe hämolytische Wirkungen ausüben, wie das in der Tat in diesem Sinne Metschxikoff & Tarrassevitch zuerst ge- zeigt haben. Indes genügt es, auf den vorherigen Abschnitt zu ver- weisen und daran zu erinnern, daß sich diese Extrakthämolysine auf Grund der Untersuchungen von Korschun & Morgexroth und an- deren Autoren einerseits nicht auf die makrophagenreichen Organe beschränken, andererseits sich von den Komplementen markant unter- scheiden und als einfache lipoidartige Stoffe aufzufassen sind. Auch alle weiteren Bemühungen, aus Leukocyten hämolytische Komplemente zu gewinnen, können bisher als gescheitert gelten (vgl. hierzu Land- STEixER, Lambotte & Stiexxox u. a.). Eine Reihe von Befunden spricht sogar gegen die Herkunft der Komplemente aus den Leuko- cyten (Doxath & Laxdsteixer, Hoke, Gruber, Hektoex u. a.). Man darf wohl annehmen, daß die Ursprungsstätte der Komplemente nicht einheitlicher Xatur ist, daß vielmehr verschiedene Zellterritorien für ihre Bildung in Betracht kommen*). Beachtenswert erscheinen die Feststellungen von Xolf, Fried- berger & Seelig, L. Muller, nach denen auch der Leber (Komplement- schwund bei Leberexstirpation) eine Bedeutung für den Komple- mentgehalt zuzukommen scheint. Auf die mit der Theorie Metschnikoffs im engsten Zusammen- hang stehende Frage, ob die Komplemente frei im Blutplasma exi- stieren oder erst bei Schädigung der Leukocyten frei werden, soll an dieser Stelle nicht im einzelnen eingegangen werden, da dieselbe für die bakteriziden Serumwirkungen von größerer Bedeutung ist. Es sei daher auf das die bakteriziden Sera behandelnde Kapitel dieses Handbuches verwiesen. An erster Stelle kommt zur Beurteilung natürlich eine Reihe von ver- gleichenden Untersuchungen über den Komplementgehalt von Plasma und Serum in Betracht. Die überwiegende Mehrheit der Autoren (Hewlett, Pfeiffer, DöMEXY, AscoLi, V. Dungern, Bellei, Falloise, Sweet, Schneider, Addis und andere) finden auch im Plasma hämolytische Komplemente und keinen Unterschied gegenüber dem Blutserum (abweichende Angaben siehe bei Her- mann, MiONi, GuRD, cf. hierzu aucli Angaben von Bass). Auch aus dem Komple- mentgehalt des nach Punktion der vorderen Augenkammer erhaltenen leuko- cytenfreien Kammerwassers (vgl. Sweet, Römer, Wessely, Falloise, Schnei- der) wird von den Autoren geschlossen, daß das Komplement frei im Plasma zirkuliert und durch den infolge der Punktion geschaffenen negativen Druck durch die Gefäßwand hindurchfiltriert. Insbesondere hat sich Schneider bemüht, ein Blutplasma zu erhalten, das der intravasal zirkulierenden Blut- flüssigkeit nach Möglichkeit entspricht. Trotzdem besaßen die derart gewon- nenen Plasmen Koniplementwirkung, obwohl das nach Gruber & Futaki beim Zerfall von Leukocyten und Blutplättchen entstehende Anthrakozidin darin fehlte**). *) AscoLi & Riva, Wassermann, Donath & Land.steiner, Levaditi hatten früher versucht, durch imnlunisatorische Erzeugung von Antikomple- menten Anhaltspunkte für die Komplementnatur einverleibten Zellmaterials zu gewinnen. Da wir aber heute wissen, daß es sich bei den derart entstehenden Antikörpern nicht um Antikomplemente, sondern um Komplementbindung ^•ermit- telude Antikörper handelt, so können diese Versuche nur mehr ein historisches Intere.sse beanspruchen. Ueber Komplementwirkung durch Fibrin vgl. OxTO- lenghi. Bergel, Kindborg. **) Angaben über die Abhängigkeit des Komplementgehalts von der Schnellig- keit der Serumgewinnun^ siehe bei Gay & Ayer. Gurd (vgl. jedoch Schneider): über den Komplementgenalt von Leichenserum vgl. Gay. Hämolysine des Blutserums. (Cytotoxische Sera.) 897 Tn engem Zusammenhang mit der gleictien Frage stehen ferner die Untersuch- ungen über intravasale Hämolyse (Rehns, Savtschenko, Metschnikoff, Gru- ber, Gruber & Bellei, Wolff, Sachs, vgl. auch Schütze & Scheller, Battelli, Lefmann, Trommsdorff). Auch hier hat sich fast überein- stimmend gezeigt, daß unter geeigneten Bedingungen in vivo Hämolyse durch Amboaeptor-Komplementwirkung statt hat, und insbesondere Versuche von Gru- ber & Sachs, in denen einerseits eine intravenöse Injektion vermieden wurde und der peritoneal injizierte Ambozeptor erst durch Resorption in die Blutflüssig- keit gelangte, andererseits zwischen intravenöser Blutinjektion und Auftreten der Hämoglobinämie ein mehrtägiges Intervall verstrich*), lassen es wohl als nicht wahrscheinlich erscheinen, daß der intravasal festgestellten Komplement- wirkung eine Phagolyse im Sinne Metschnikoffs vorangeht (vgl. auch die neuere Arbeit von MuiR & M'Nee). Nach alledem darf man wohl annehmen, daß die Komplemente auch frei im Plasma existieren**). E. Vielheit der Komplemente. Im Gegensatz zu Bordet, der im Anschluß an Buchner an der Vorstellung eines einheitlichen Komplements im Blutserum festhält, haben Ehrlich & Morgenroth die Auffassung vertreten, daß den zahlreichen Komplementfunktionen, welche ein und dasselbe Serum auszuüben imstande ist, auch eine Vielheit von Komplementen ent- spricht. Die insbesondere von Bürdet als Gegenbeweis angeführten Argumente beziehen sich wesentlich auf Tatsachen, we'Iche mit der Einheitlichkeit des Komplements nicht in Widerspruch stehen, ohne aber einen Gegensatz zu der pluralistischen Auffassungsweise zu bedeuten. Insbesondere gilt das von der durch Bürdet erbrachten Feststellung, daß ambozeptorbeladene Zellelemente ein Serum aller Komplementfunktionen berauben können. Wie Ehrlich gezeigt hat, steht dieser Befund mit der Vielheit der Komplemente durchaus nicht im Widerspruch, und es genügt hierbei auf die Ausführungen bei der Besprechung der Ambozeptoren zu verweisen, da ja im Siune von Ehrlich & Morgenrüth die Ambozeptorschar der Immunsera durch eine Vielheit komplementophiler Gruppen ausgezeichnet ist. Unter geeigneten Bedingungen, zumal bei Verwendung von Normalambozeptoren, gelingt es aber, Avie Ehrlich & Sachs gezeigt haben, auch mittels Rezeptor-Ambozeptorkomplexen eine isolierte Bindung gewisser Partialkomplemente zu erzielen (vgl. hierzu auch Cler & Defalle). Sehr be- weisend in dieser Hinsicht sind auch die Untersuchungen über Veränderung spezifischer Komplementfunktionen bei der intravasalen Wirkung ambozeptor- beladener Blutkörperchen (Ehrlich & Sachs, Sachs). Für die Differenzierung verschiedener Komplemente im Blutserum spricht bereits die Unabhängigkeit individueller Schwankungen des .Komplementgehalts in bezug auf einzelne Komplementfunktionen (Morgenroth & Sachs, Mar- shall). Durch thermische Einflüsse haben bereits Ehrlich & Morgenrüth Kom- plemente trennen können***) (vgl. auch Wendelstadt, Ehrlich & Sachs, Lüdke). Durch chemische Einflüsse ist Ehrlich & Sachs, Wendelstadt die Differenzierung von Komplementen gelungen, durch Papalnverdauung Ehrlich & Sachs, durch Kerzenfiltration Ehrlich & Morgenrüth, Neisser & Döring, Lüdke (vgl. auch Differenzierung der Komplementwirkuug durch Partialanti- komplemente [Marshall & Morgenrüth]). Auch MuiR hat aus den Be- funden von MuiR & Browning, nach denen bei ein und demselben Serum bei \'erwendung verschiedener ambozeptorbeladener Blutkörperchen zwischen Kom- *) Verwiesen sei auch auf die von Sachs dabei beschriebenen spezifi- schen Schwankungen des Komplementgehalts. **) Ueber den Zusammenhang (resp. fehlenden Parallelismus) zwischen Leukocyten und Komplementgehalt vergleiche ferner auch Simnitzki, Le- vaditi, Dömeny, Schneider, Falloise, Dubois, Lambotte & Stiennün, Fränkel, Sirensky & Nawrüzky u. a. ***) Vgl. auch Angaben von Bauer über verschieden rasches Verschwinden der einzelnen Komplementfunktionen beim Lagern des Serums. Handbuch der pathogenen Mikroorganismen. 2. Aufl. II. i> i 898 Hans Sachs, plementbindung und Ambozeptordosen mehr oder weniger große Disproportionali- tät bestellt, auf eine Viellieit von Komplementen geschlossen. Jedenfalls existiert ein großes Tatsachenmaterial, welches mit der Annalime eines einheitlichen Komplements im Blutserum nicht im Ein- klang erscheint. Auf Grund der komplexen Konstitution der Komple- mente ist zwar die ganze Frage einer neuartigen Analyse zugänglich, in welcher es darauf ankommen würde, zu entscheiden, ob bei der plura- listischen Betrachtung die Vielheit sich auf alle Komponenten oder nur auf gewisse erstreckt. Es lassen aber die erörterten Erscheinungen, sowie auch eine Reihe von Erfahrungen bei den Komplementbindungs- prozessen die pluralistische Betrachtung durchaus notwendig und den Tatsachen entsprechend erscheinen. Auch Bürdet hat die unitarische Betrachtungsweise nicht mit absoluter Strenge durchgeführt. Wenn auch von ihm ein einheitliches Komplement bei ein und derselben Tier- art supponiert wird, so ist doch von selten Bordets gerade wieder- holt die Auffassung vertreten worden, daß die Komplemente spezi- fisch sind in bezug auf die Tierart, von welcher sie stammen. Der von Bürdet (vgl. auch Bürdet & Gay) erhobene Einwand, daß nämlich die offensichtlichen Unterschiede, welche nach gewissen Einwirkungen in verschiedenen Komplementfunktionen bestehen, durch eine Abschwächung des einheitlichen Komplements und durch die differente Avidität der zum Komplementnachweis benutzten ambozeptorbeladenen Zellelemente bedingt seien, kann nur dann als berechtigt erscheinen, wenn, die Prüfung auf die Komple- mentwirkung qualitativ vorgenommen wird. Gerade in den Arbeiten Ehrlichs und seiner Schule handelt es sich aber stets um quantitative Bestimmungen, und hierbei muß die Abnahme verschiedener Komplementfunktionen bei einem einheitlichen Komplement naturgemäß durch gleichsinnige Veränderungen zum Ausdruck kommen. Es hat sicli aber in zahlreichen Fällen gezeigt, daß der Grad der Abschwächung, welche die einzelnen Komplementwirkungen nach schädigenden Einflüssen erfahren, ganz regellos variiert und sogar oftmals die Relation, in welcher die Stärke verschiedener Komplementwirkungen steht, vor und nach dem Eingriff sich umgekehrt verhält. Bei genügender Berücksichti- gung der quantitativen Verhältnisse kann man also den BüRDETschen Einwand schwerlich gelten lassen. Eine Mittelstellung zwischen Bordet und Ehrlich nimmt Metschnikoff insofern ein, als er zwischen hämolytischen und bak- teriziden Komplementen differenziert, damit allerdings bereits das Prinzip der Einlieitlichkeit der Komplemente verläßt (vgl. auch Levaditi). Tatsachen, welche direkt für die Verschiedenheit der hämolytischen und bakteriolytischen Komplemente sprechen, sind von Wassermann, Wechsberg, M. Neisser, Remy, Neufeld & Haendel u. a. mitgeteilt worden. V. Antihämolytische Wirkungen. Es ist hier nicht mehr der Ort, die zahlreichen Einflüsse physikalischer und chemischer Natur zu erörtern, welche durch Einwirkung auf die Ambo- ■zeptoren und besonders auf die Komplemente resp. auf ihre Reaktionen eine Hemmung und Aufhebung der Serumhämolyse herbeiführen können. Es muß in dieser Hinsicht auf die systematische Behandlung der Ambozeptoren und Komplemente in den vorangehenden Kapiteln verwiesen werden, in denen das hierhergehörige Tatsachenmaterial bereits besprochen wurde. Auch sei an die Angaben über adsorptive Beeinflussung des Komplements durch Kolloide, wie auch an die antikomplementären Wirkungen von Zellsuspensionen und ihrer Extrakte an dieser Stelle nur erinnert. Hervorgehoben zu werden verdient, daß der Kenntnis aller dieser Faktoren nicht nur eine theoretische, sondern in Anbetracht der serodiagnostischen Nutzanwendung, welche die als Komplement- bindung bekannte und noch besonders zu besprechende Form der antihämo- lytischen Wirkung gefunden hat. auch eine erhebliche praktische Bedeutung zukommt. Hämolysine des Blutserums. fCytotoxische Sera.) 899 AVenn im folgenden die durch Serumwirkung ausgeübten antihämo- lytischen Reaktionen noch besonders zu besprechen sind, so ist zunächst hervorzuheben, daß bei antihämolytischen Beeinflussungen überhaupt prinzipiell dreierlei Angriffsstellen unterschieden werden können. Der die Hämolyse hemmende Faktor kann gegen die Blutkörperchen selbst oder gegen eine der beiden Hauptkomponenten des Hämolysins, Ambo- zeptor und Komplement, gerichtet sein. Ein besonderes Eingehen auf etwaige Schädigungen, welche die Erythro- cyten der Einwirliung des Hämolysins gegenüber resistent machen, erübrigt sich, da die letzteren praktisch nicht wesentlich in Betracht kommen und es sich zudem hierbei mehr um bereits erfolgte Veränderungen der Blutkörperchen handelt, als um Einflüsse, welche in den hämolytisch wirkenden Gemischen gleichzeitig interferieren. Bei weitem wichtiger sind die antikomplementären und Antiambozeptorwirkungen. Für ihre Unterscheidung ist an erster Stelle das von Ehrlich & Morgexroth eingeführte Differenzierungsverfahren maß- gebend, welches darauf basiert, daß bei antikomplementären Funktionen die von der Zwischenflüssigkeit befreiten ungelösten Biutsedünente sich auf erneuten Komplementzusatz lösen, während bei einer Antiambozeptorwirkung sich die erhaltenen Blutsedimente dem normalen Blut insofern gleich verhalten, als sie der Komplementwirkung gegenüber unempfindlich sind*). P. Th. Müller hatte auch versucht, zwischen antikomplementärer und Antiambozeptorwirkung durch die Untersuchung zu unterscheiden, ob durch Ambozeptor- oder durch Komplementzusatz die hämolytische Wirksamkeit ■wieder- hergestellt werden kann. Allerdings können derart gewonnene Ergebnisse wegen der quantitativen Beziehungen, welche zwischen den zur Hämolyse erforder- lichen Ambozeptor- und Komplementmengen bestehen, der Eindeutigkeit ent- behren. A. Antihämolytische Normalserumwirkungen. Das Blutserum (wie auch andere Körperflüssigkeiten) kann in zahlreichen Fällen antihämolytische Wirkungen ausüben. Beobach- tungen dieser Art rühren bereits von Camus & Gley, P. Th. Müller, Ehelich & Morgexroth, Xeisser & Döring, Neisser & Friedemann, Marshall & Morgenroth u. a. her. Die Ursache der antihämo- lytischen Serumwirkungen kann mannigfaltiger Natur sein (vgl. hierzu auch Morgenroth). Erinnert sei an die bereits besprochenen Komplementoide und Ambo- zeptoide, welche antihämolytisch wirken können. Durch normales Blutserum ausgeübte Antiambozeptorwirkungen sind zuerst von P. Th. Müller, Ehrlich & Morgexroth (vgl. auch Lüdke) beschrieben worden. Verwiesen sei auf die eingehenden Untersuchungen von Marshall & Morgenroth, welche auch die von Besredka vertretene Annahme eines einheitlichen, als Antiambozeptor wirkenden Antihämolysins im menschlichen Blutserum betreffen. Wenn auch bei Verwendung von Blutkörperchen und Blutserum gleicher Herkunft die Mög- lichkeit einer Interferenz von freien Rezeptoren, welche im Sinne von Antiambo- zeptoren wirken, zu berücksichtigen ist. so sind im Blutserum doch stets zahl- reiche Stoffe, welche verschiedenartige Hemmungen verursachen können, vorhanden. Von größter Bedeutung, zumal in Rücksicht auf die Komplement- bindinigserscheinungen, sind die antikomplementären Wir- kungen des Blutserums. Auch hier sind natürlich verschiedene Wirkungsarten zu unterscheiden, so daß eine schematisierende Be- trachtung nicht angängig erscheint. *) Wenn mit der Sedimentierung der Blutkörperchen beim Zentrifugieren gleichzeitig antikomplementär wirkende unlösliche Stoffe abgeschleudert werden (Präzipitate etc.), so könnte freilich eine antikomplementäre Funktion eine Anti- ambozeptorwirkung vortäuschen. Jedoch dürfte bei quantitativer Versuchsan- ordnung diese Störung nicht wesentlich in Betracht kommen, da bei gleich- zeitigem Digerieren von Präzipitaten etc. und ambozeptorbeladenen Blutkörper- chen in dei^ Regel zum minderten eine Verteilung des Komplements nach den Gesetzen der Massenwirkung stattfindet. 57* 900 Hans Sachs, Wenn auch die chemischen Komjx)nenten der Sera, wie Eiweißstoffe und Lipoide, bzw. ihr kolloidaler Charakter eine Rolle spielen können, so kann man doch nicht, wie das Xoguchi bestrebt ist, die aus den Aetherextrakten ge- wonneneu „Protektine'" ohne weiteres mit den antikomplementär wirkenden Stoffen des nativen Blutserums identifizieren. Vom Standpunkt der Ambozeptortheorie aus wird man von vorn- herein zahlreiche antikomplementäre Wirkungen erwarten können, da ja die normalen Ambozeptoren durch ihre komplementophilen Gruppen bereits komplementablenkend wirken können. Allerdings wird man dem heutigen Staud der Forschung gemäß zu be- rücksichtigen haben, daß die Entscheidung äußerst schwer ist, ob Antikomple- mente sensu strictori vorliegen, oder ob es sich um die Interferenz von Kom- plementbindung durch das Zusammenwirken von Antigenen und Antikörpern handelt (vgl. hierzu die Deutung, welche v. Bergmann & Savini dem Neisser- DüRiNGschen Hemmungsphänomen geben und ihre Versuche an phosphorver- gifteteu Kaninchen). Die Bedingungen können dabei auch derart liegen, daß ein im Normalserum vorhandener Ambozeptor im komplettierenden Serum gleich- zeitig das korrespondierende Antigen vorfindet oder auch umgekehrt. Man muß bei der Analyse derartiger Antikomplementwirkungen überhaupt in Er- wägung ziehen, daß es, worauf Wassermann & Citron mit Nachdruck hin- gewiesen haben, nicht möglich ist, die zu untersuchenden Stpffe mit dem Komplement isoliert in Aktion treten zu lassen. Es kann daher a priori die Frage gar nicht entschieden werden, ob die zur Beobachtung gelangenden anti- komplementären Wirkungen direkte Funktionen des zu untersuchenden Stoffes sind, oder ob sie erst indirekt durch eine Reaktion mit Bestandteilen des komplement- haltigen Serums veranlaßt werden (vgl. hierzu auch die Untersuchungen von Wassermann & Citron, sowie Lüdke über den Nachweis von Antikörpern gegen Nährstoffe (cf. hierzu auch Noda, Moro und Kaumheimer), sowie Bemer- kungen von Neufeld & Haendel, sowie Sachs & Altmann über antikomple- mentäre Wirkungen von Lipoiden). Bürdet & Gay wollen die antikomplementäre Wirkung normaler Sera im allgemeinen als eine ..antireaktive" aufgefaßt wissen, d. h. als die Folge einer einfachen Hemmung des zwischen ambozep'torbeladener Zelle und Komplement bestehenden Vereinigungsbestrebens. Es ist oft schwer zwischen den beiden Möglichkeiten einer derart ant- agonistischen Wirkung im Sinne von Bürdet & Gay und einer direkten Ein-" Wirkung auf das Komplement streng zu unterscheiden. Wenn man auch wohl die Auffassung Bordets & Gays in vielen Fällen anerkennen muß, so erscheint es bei den zahlreichen Faktoren, welche eine antikomplementäre Wirkung be- dingen können, doch nicht angängig, ohne weiteres alle durch normale Sera bedingten Hemmungserscheinungen auf diese einheitliche Ursache zurückzu- führen. Bürdet & Gay führen zur Stütze ihrer Auffassung Befunde an, nach denen die hemmenden Wirkungen der Sera zuweilen nicht sowohl von den absoluten Serummengen als von der Serumkonzentration abhängig sind, indem es ihnen in gewissen Fällen gelungen ist. die in dem ursprünglichen Gemisch ausgebliebene Hämolyse durch einfaches Verdünnen mit physiologischer Koch- salzlösung wieder in Erscheinung treten zu lassen*). Wenn auch durchaus nicht bestritten werden soll, daß die antihämolytische Wirkung in vielen Fällen derart eine antireaktive Funktion zur L^rsache hat, so wird man zwischen den bestehenden Möglichkeiten aber doch nur von Fall zu Fall entscheiden können. Besonders erwähnt seien noch die von Pfeiffer & Friedberger als ,,antagonis tisch" bezeichrfeten Eigenschaften des Blutserums. Es handelt sich darum, daß normale Sera, welche bakteriolvtisch wirken *) Verwiesen sei auf die hiermit in Zusammenhang stehenden Angaben von Bürdet & Streng, nach denen es in Verfolg früherer Beobachtungen von Klein gelingt, aus konzentrierten Gemischen von Blut und Pferdeserum auch bei höheren Temperaturen den Ambozeptor isoliert an die Blutkörperchen zu verankern, während bei Verdünnung mit physiologischer Kochsalzlösung auch das Komplement gebunden wird. Hämolysine des Blutserums. (Cytotoxische Sera.) 901 und die Bakteriolyse durch die entsprecliendcn Immunsera nicht hemmen, nach dem Ausfällen der in ihnen enthaltenen Ambozcptoren durch Bakterien den letzteren gegenüber eine spezifische antilytische Funktion annehmen. Sachs, der die analogen Bedingungen für die hämolytischen Sera bestätigen konnte, ist zu der Auffassung gelangt, daß es sich um antikomplementäre Wirkungen handelt, welche im nativen Serum durch die Interferenz der spezifischen Xormalambozep- toren verdeckt werden. Bürdet & Gay haben die Versuche bestätigt und erblicken die Ursache der hemmenden Wirkung auch hier in einer Behinderung der Komplementbindung, deren Grad wesentlich von der Sensibilisierungsstärke abhängt, während Sachs die antikomple- mentäre Wirkung von Normalambozeptoren als Ursache supponicrt hat. Jedenfalls stimmen die tatsächlichen Befunde darin überein, daß es sich um antikomplementäre Funktionen handelt, deren Interferenz im nativen Serum durch die spezifische Quote der normalen Ambo- zcptoren verdeckt wird. Ueber andersartige Deutungsversuche von Gay & Bail vergleiche die Ar- beiten von Sachs, sowie von Pfeiffer & Friedberger (cf. auch hierzu Crendiropoulo). Besonderer Beachtung wert erscheinen die Untersuchungen U. Feiedemanxs über die antagonistischen Serumwirkungen. Dieser Autor ist nämlich bestrebt, die Wirkung der antagonistischen Sub- stanzen auf ein von ihm für zahlreiche autikomplementäre Wirkungen verallgemeinertes Prinzip, die antikomplementäre Globulin- wirkung, zurückzuführen. Nach den Untersuchungen Friedemanns wirken nämlich die durch Vs Sättigung mit Ammonsulfat aus dem Serum ausgesalzenen Euglobuline in der Regel antikomplementär*). Durch den Globulingehalt können daher auch anti- komplementäre Wirkungen der nativen Sera veranlaßt sein. In vielen Fällen ist aber die Globulinwirkung im nativen Serum nach Friedemann durch den Antagonismus, welcher durch die Albuminwirkung bedingt wird, aufgehoben. Friedemann konnte nun auch in uichthemmenden Globulinlösungen nach Ent- fernen der Ambozeptoren durch Behandeln mit Blut antikompleraentäre Eigen- schaften nachweisen **). Eine weitere Analogie erblickt Friedemann darin, daß Sera, deren Globulinwirkung thermolabil ist (Menschen-, Meerschweinchen- serum) auch keine antagonistischen Substanzen, die ja aus inaktivierten Seris gewonnen werden, enthalten, wie das bereits einer Angabe von Pfeiffer & Friedberger für das Meerschweinchenserum entsprach. Und endlich betont Friedemann, daß sowohl die antikomplementäre Globulinwirkung, als auch die antagonistischen Substanzen durch die für die WASSERMAXNsche Reaktion üblichen Lipoidextrakte in ihren hemmenden Eigenschaften verstärkt werden können***). Im übrigen sei auf die interessanten Ausführungen Friedemanns verwiesen. Hervorgehoben sei. daß die Globulinwirkung nach Friedemann, je nach der Herkunft des Serums, thermolabil oder thermostabil sein kann. Es erklären sich hieraus vielleicht auch insofern widersprechende Angaben der Literatur, als antikomplementäre Serumfunktionen bald als thermolabil, bald als thermo- stabil angegeben werden. So sei auf die von Liefmann & Stutzer hervorge- *) Es sei hierbei auf die Besprechung der komplexen Konstitution der Komplemente verwiesen, für deren Analyse die antikomplementäre Globulin- wirkung von Bedeutung ist. **) Friedemann weist dabei darauf hin, daß bei der Verdeckung ant- agonistischer Substanzen im normalen Serum auch das Mittelstück eine Rolle spielen könnte. ***) Auf die Verhältnisse bei der WASSERMANNschen Reaktion, deren Auf- klärung die Untersuchungen Friedemanns wesentlich galten, kann an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden,' da die wichtigen hierher gehörigen Fragen in einem besonderen Kapitel dieses Handbuchs behandelt werden. 902 Hans Sachs, hobeue Analyse der thermolabileu antihämolytischen Eigenschaften des normalen Hammelserums verwiesen (vgl. auch die Feststellung von Meltzer & Salaxt über thermolabile antihämolytische Stoffe im Serum nephrektomierter Kaninchen). Von praktischer Bedeutung ist die Tatsache, daß man antikomplementär wirkende oder durch Lagern antikomplementär gewordene Sera derart gelegentlich durch Erhitzen der eigenhemmenden Wirkung berauben kann, wie insbesondere Browxixc i: Mc Kexzie, Zixsser & JoHAXSSEX u. a. für menschliche Sera beschrieben haben*). Die antikomplementäre Wirkung der Globulinfraktion kommt nach Friede- MANX durch die in ihnen enthaltenen Globulinseifenverbindungen zustande (vgl. auch Friedemaxx & Rozexblat, sowie Rozexblat). Seligmaxx hat antihämolytische Serumwirkungen beschrieben, die er unter physikalischen Gesichtspunkten zu betrachten und zu den Adsorptions- resp. ÜmhüUungserscheinungen zu rechnen geneigt ist. B. Antihämolytische Immunserumwirkungen. Daß man durch Immunisieren mit hämolytischem Serum anti- hämolytische Antisera erhalten hat, war bereits durch die Unter- suchungen von Camus & Gley, sowie Kossel, welche das Hämolysin des Aalserums betrafen, bekannt. Auf Grund der komplexen Konstitu- tion der Hämolysine ergeben sich vom theoretischen Standpunkt aus zunächst zwei Typen hämolytischer Antiserumwirkungen, einerseits eine Beeinflussung des Komplements, andererseits eine Hemmung der Ambozeptorwirkung. Das hatte Ehrlich bereits frühzeitig formuliert und hinzugefügt, daß vom Standpunkt der Ambozeptortheorie aus. die ja dem Ambozeptor zwei haptophore Gruppen vindiziert, zweierlei Antiambozeptorwirkungen denkbar sind, eine gegen die cytophile und eine gegen die koniplementophile Gruppe gerichtete. Was zunächst die im Sinne von Antikomplementen wirkenden Antisera anlangt, so hatten Ehrlich d' Morgexroth, wie auch BoRnET die der Antiserumwirkuna- zuarunde liegenden Antikörper als eigent- liche Antikomplemente aufgefaßt, d. h. als Immunstoffe, welche ebenso wie die Antitoxine durch die Komplemente erzeugt sind und die Neu- tralisation der letzteren herbeiführen. Die Entdeckung Ehrlichs & Morgexroths, daß die Erzeugung von Antikomplementen auch mit inaktivierten Seris gelingt, konnte damit in Einklang gebracht werden, da man als Antigene den Komplementoidvorrat des inaktivierten Serums vermuten durfte. Dagegen mußten bereits einige Wider- sprüche befremden, indem Bürdet auf Grund seiner Untersuchungen die Anschauung von der Spezifität der Antikomplemente im zoologi- schen Sinne vertrat, was mit den Erfahrungen Ehrlichs & Morgen- roths nicht im Einklang stand. Die Aufklärung brachten die aus dem PpEiFFERSchen Institut hervorgegangenen Arbeiten Moreschis, in denen der exakte Nachweis gefülirt wurde, daß ,,die antikomple- mentäre S e r u m w i r k u n g auf dem Zusammenwirken von zwei Substanzen beruhen kann, einer im Serum der v o r b e - handelten Tiere vorhandenen und einer zweiten, die sich im Serum derjenigen Tierspecies (oder einer nahen ver- wandten) findet, deren Serum zur Vorbehandlung ge- dient hat". Wenn auch bereits Gengou die interessante Tatsache festgestellt hatte, daß bei der Immunisierung mit fremdartigen gelösten Eiweiß- *) Vgl. hierzu auch die Erörterungen Friedemaxxs über die Beziehungen von antikomplementären Globulinwirkungen und spontanem Koraplementtod. Hämolysine des Blutserums. (Cytotoxische Sera.) 903 Stoffen nicht nur die bereits früher bekannten Präzipitine, sondern auch Ambozeptoren entstehen, welche im Verein mit den korrespondierenden Antigenen zu einem Komplement verbrauch führen, so waren doch' weder von Gengou noch von anderen Autoren bis zum Erscheinen der Arbeit von Moreschi die für die Antikomplementfrage sich ergebenden Konsequenzen gezogen worden. Auf Grund der Untersuchungen Mo- REscHis wurde es nun klar, daß in einem durch Immunisieren mit komplementhalt.igem Serum gewonnenen Antiserum zunächst zweierlei Antikörpertypen denkbar sind, Antikörper haptophorer Komplement- gruppen und Antikörper der im komplettierenden Serum enthaltenen gelösten Eiweißantigene. Man muß Moreschi durchaus darin zu- stimmen, daß das vorgelegene Beweismaterial nicht für die Existenz der ersteren zu sprechen geeignet war. Wenn man nämlich Immunserum auf diejenigen lioniplettierenden Sera, welche zur Erzeugung gedient haben, einwirken läßt, so sind eben die Be- dingungen für die, im nächsten Abschnitt noch gesondert zu besprechende, Koniplementbindung ohne weiteres gegeben, indem das Antiserum in dem kom- plettierenden Serum gleichzeitig das korrespondierende Eiweißantigen vorfindet. Die von Bürdet auch im Hinblick auf die Befunde Moreschis angenommene Spezifität der Komplemente einer Tierspecies und des Antikomplenients ist also nur eine scheinbare. lu Wirklichkeit ist der antikomplementär wirkende Anti- körper spezifisch in bezug auf seine haptophore Gruppe, welche mit dem Antigen reagiert, aber nicht in bezug auf die komplementophile Gruppe, welche erst nach der Verbindung mit dem Antigen zur Wirkung gelangt. Zum Zustande- kommen der antikomplementären Wirkung im Sinne Moreschis muß es aber auch genügen, wenn nicht das komplettierende Serum, sondern irgendein in dem betreffenden Versuch zur Verwendung gelangender Bestandteil das korrespondierende Antigen enthält. So kann die Tatsache, daß Antisera auch gegenüber komplettierenden Seris, welche nicht mit dem zu ihrer Gewinnung benutzten identisch sind, antikomplementär wirken, nicht überraschen. Aber auch dann, wenn zur Zeit der Gewinnung des Antiserums noch Eiweißantigene in demselben enthalten sind, wird das Serum antikomplementär durch die Kom- bination beider Komponenten wirken können, und in diesem Sinne dürften frühere Beobachtungen von Ehrlich & Morgenroth über Autoantikomplemente eine Erklärung finden. Die Interferenz der korrespondierenden Eiweißantigene kommt um so mehr in Betracht, als man seit Moreschi weiß, daß minimale Autigenmengen noch zum Hervorrufen der Erscheinung genügen. Es ergibt sich weiterhin aus diesem Umstand, daß Antisera auch an und für sich antikompleraentär wirken können, wenn sich eben noch Reste der einverleibten Antigene im Serum befinden. In dieser Hinsieht muß auch bei der Gewinnung der Antisera dem Zeitpunkt der Blutentnahme Beachtung geschenkt werden*). ]\Ian kann natürlich die Möglichkeit, immunisatorisch echte Anti- komplemente herzustellen, trotzdem nicht ausschließen, zumal die Ana- logien, welche die Komplemente mit den Toxinen aufweisen, zu der Annalime ihrer Antigennatur berechtigen. Streng glaubt sich auf Grund experimenteller Studien immerhin zu dem Schlüsse berechtigt, daß wenigstens geg-en die Komplemente des Pferdeserums echte Anti- körper erzeugt werden können. Es handelt sich jedoch in den Versuchen Strengs nicht um den Kornple- nientnachweis mittels lytischer AVirkung, sondern um die Konglutinationsreak- tion, welche auf Zusatz von inaktiviertem Ochsenserum zu den mit aktivem Pferdeserum behandelten ambozeptorbeladenen Blutkörperchen eintritt. AVie be- *) Tatsächlich ist hierauf bereits von Rose verwiesen worden, und auch von Altmann (cf. auch Sachs & Altmann) ist bei der Immunisierung mit Streptokokken beobachtet worden, daß bei frühzeitiger Blutentnahme das Serum starke antikomplementäre Wirkungen besitzt. In die gleiche Reihe von Er- scheinungen dürften wohl auch die Mitteilungen Aokis (vgl. auch Müller, Gaethgens & AoKi) gehören. 904 Hans Sachs, reits erwähnt, genügt nach Gengou für diese Erscheinung das Mittelstück, resp. die Giobulinfraktion anstatt des Gesamtkomplenients. Die zum Nachweis herangezogene Kongiutination ist also jedenfalls ein so außergewöhnliciier und kompliziert erscheinender Prozeß, daß zum mindesten eine Bestätigung unter Verwendung lytischer Komplementfunktionen erstrebenswert erscheinen muß. Die von Streng mitgeteilte Tatsache, daß im Kaninchen-Pferde-Immun- serum Substanzen enthalten sind, die eine spezifische Affinität zum Pferde- komplement besitzen, konnte auch Moreschi bestätigen. Jedoch dokumen- tierte sich die Reaktion in den Versuchen Moreschis in anderer Art. Während nämlich nach Streng durch die Interferenz des genannten Antiserums die Wirkung des Rinderkonglutinins verhindert wird, bewirkt nach Moreschi das Antiserum an und für sich bereits eine für Pferdeserum spezifische Agglutina- tion"'). Die Versuchsergebnisse Moreschis erklären sich aber in ei wandfreier Weise, wenn man dem Pferdeserum Antigeunatur im Sinne der allgemeinen Art- spezifität zuspricht (vgl. auch Perussia, Moreschi & Perussia). Es entbehrt daher auch die Voraussetzung Strengs, daß durch die Bindung des Komple- ments an ambozeptorbeladene Blutkörperchen das Komplement von der präzipi- tablen Serumsubstanz getrennt wird, streng genommen, der Begründung, und es erscheint auch von diesen Gesichtspunkten aus die Frage nach der Existenz echter Immunantikomplemente noch ungeklärt**). Im Gegensatz zu den Antikomplementen hat sich die Existenz von Antiambozeptoren inAntiseris trotz der durch die Komplementbindungs- erscheinungen bedingten Komplikationen als sicher erWeisen lassen. Es ist schon bei der Besprechung der Ambozeptoren erörtert worden, daß die immunisatorisch erzeugten Antiambozeptoren nicht mehr, wie ursprünglich von Ehrlich & Mokgekroth angenommen wurde, als Antikörper der cytophilen Ambozeptorgruppe aufgefaßt werden können. Frühere Arbeiten über Immunambozeptoren (Bordet, P. Müli-er, Ehrlich & Morgenroth, ScHtJTZE) tragen der zuerst von Pfeiffer & Friedberger und Bordet festgestellten Tatsache noch nicht Rech- nung, daß nämlich der Antiambozeptor in bezug auf die Tierart, von welcher der Ambozeptor stammt, spezifisch wirkt. Nach diesen und den von Ehrlich & Sachs, Muir & Browning, Shibayama & Toyoda, Broavning & Sachs, Friedberger & Moreschi vorgenommenen Unter- suchungen kann man als gesicherte Tatsache annehmen, daß die im- munisatorisch erzeugten Antiambozeptoren nicht auf die cytophile Ambozeptorgruppe einwirken, sondern auf eine andere Ambozeptor- komponente, welche für die Tierart, von welcher der Ambozeptor stammt, spezifisch ist. Nach Ehrlich & Sachs h-andelt es sich dabei um den komplementophilen Apparat. Nun wissen wir freilich durch die Untersuchungen von Fried- berger & Moreschi, daß man bei der Immunisierung mit artfremdem Serum nicht immer Antisera erhält, welche auf die ambozeptor- beladenen Zellelemente wie Antiambozeptoren wirken, sondern in manchen Fällen Immunkörper, welche gleichfalls von den ambozeptor- beladenen Blutzellen gebunden werden, die lytische Wirkung aber geradezu beschleunigen. Wenn wir die von Friedberger & Bezzola vertretene sehr plausible Auf- fassung akzeptieren, so handelt es sich auch hierbei um eine Komplemen'bindung durch das Zusammenwirken von Äiweißantigen und Antikörper. Das Antigen wird hier aber durch den Ambozeptor selbst dargestellt und es erscheint daher, *) Ueber das Fehlen einer „Reversibilität der Hämolyse" bei nachträg- lichem Zusatz von Antikomplement vgl. Mentz von Kroch. **) Erwähnt seien noch Versuche von Nedrigailow und von Budkewicz über Antiend- und xlntimittelstück. Die Angaben der Autoren erscheinen aber, da die Komplementbindung unberücksichtigt geblieben ist, bei kritischer Be- trachtung zu irgendwelchen Schlußfolgerungen nicht geeignet. Hämolysine des Blutserums. (Cytotoxische Sera.j 905 wie das bereits erörtert wurde, am einfachsten anzunehmen, daß der Arabo- zeptor eine Gruppe besitzt, durch die er als Eiweitkntigen charakterisiert ist. Man kann den derart bedingten Vorgang der Komplementbiudung nachMoRESCHi treffend als „Kettenbindung'" bezeichnen. Es ergibt sich daraus, daß dasselbe Antiserum die Hämolyse durch Antiambozeptorwirkung hemmen, gleichzeitig durch die beschleu- nigenden Immunstoffe eine Verstärkung der Hämolyse bedingen und endlich, wenn das korrespondierende Antigen in Lösung vorhanden ist, durch eigentliche Komplementbindung antikomplementäre Wir- kungen ausüben kann. Es sei ausdrücklich auf die skizzierten Kompli- kationen hingewiesen, wenn auch in den meisten Fällen der Praxis zur Gewinnung des Antiserums nicht gerade das gleiche Serum in Be- tracht kommen wird, welches als Ambozeptorträger fungiert. Was nun den Zusammenhang der genannten Antikörpertypen an- langt, so darf man es wohl als w^alirscheinlich erachten, daß die be- schleunigenden Immunstoffe mit den komplementbindenden Antikör- pern identisch sind. Dagegen muß man auf Grund einer Reihe von Tatsachen die Antiambozeptoren als Antikörper sui generis auffassen. Wenn auch Pfeiffer & Moreschi mit Recht hervorgehoben liaben, daß unter Umständen Antiambozeptorwirkungen durch die antikomplementären Kräfte von Präzipitaten vorgetäuscht werden können, so hat die eingehende Analyse von Browxino & Sachs ergeben, daß es gelingt, in den Antiseris Antiambozeptoren zu differenzieren. Rose ist zu einem entsprechenden Ergebnis gelangt, und auch Friedberger & Moreschi konnten „das Vorhandensein einer nicht auf Präzipitation beruhenden Antiserumwirkung bestätigen". Ebenso spricht vieles dafür, daß die Antiambozeptoren und die beschleunigenden Immunstoffe diffe- rent sind, obwohl beide Antikörpertypen den an die Zelle verankerten Ambozeptor angreifen. Man könnte sich vorstellen, daß es von der Tierart, von welcher die Anti- sera gewonnen sind, abhängt, ob Antiambozeptoren oder beschleunigende Immun- stoffe entstehen. Die beiden Antikörperfunktionen unterscheiden sich darin, daß der Autiambozeptor dem Komplement den Zugang sperrt (Bürdet, Browxing *k Sachs), während die hämolysebeschleunigenden Stoffe gerade das Komple- ment zulenken, und man könnte daher annehmen, daß es sich im Falle der Antiambozeptorsera um Antikörper handelt, welchen nur der Amboze'ptorcharak- ter fehlt. B(K)bachtungen von Ehrlich & Sachs deuten allerdings darauf hin, daß in demselben Antiserum Antiambozeptoren und beschleunigende Immun- stoffe gleichzeitig vorlianden sein können, indem unter gewissen Bedingungen- die Antiambozeptorwirkung an ein Optimum mittlerer Antiserummengen ge- bunden ist. Nimmt man aber, wie das auf Grund der Befunde von Ehrlich & Sachs nahe liegt, an, daß in einem und demselben Antiserum Antiambozeptoren und hämolysebeschleunigende Immunstoffe nebeneinander vorhanden sind, so wird es auch verständlich, daß der Antiambozeptor in manchen Fällen nicht wirkt, wenn die Blutkörperchen zuvor mit Ambozeptor beladen sind. Bei vor- herigem Mischen von Antiserum und Ambozeptorseruin sind ja Bedingungen gegeben für die Ablenkung der hämolysebeschleunigenden Stoffe durch die ge- lösten Serum antigene. Bei ambozeptorbeladenen Blutzellen aber können die hämolysebeschleunigenden Stoffe in ausgiebiger Weise zur Wirkung gelangen, und wenn sie in hinreichender Menge vorhanden sind, eine Antiambozeptor- wirkung larvieren. Denn der Antiambozeptor richtet ja seine Wirkung nur gegen die komplementophile Gruppe des Ambozeptorseruras, aber nicht gegen diejenige des Antiserums, das ihn trägt. Einwände, welche in dieser Richtung von Friedberger & Moreschi gegenüber der Auffassung der Antiambozeptoren als Antikörper der komplementophileu Gruppe geäußert worden sind, können daher nicht als stichhaltig erscheinen. Friedberger & Moreschi neigen mehr dazu, Antiambozeptoren der cvtophilen Gruppe zu vermuten und glauben die mit dieser Annahme in Widerspruch stehende Artspezifität der Antiambozeptor- sera auf das Konto gleichzeitig vorhandener koraplementJbindender Antikörper setzen zu können. Jedoch liegt auf Grund des bisher vorliegenden Materials kein Anlaß zu der Annahme von Antiambozeptoren der cytophilen Gruppen vor. 906 Hans Sachs, wenn auch zugegeben werden muß, daß derartige Antiambozeptoren durchaus denkbar sind*). Verwiesen sei noch auf die Tatsache, daß bei passiver Einverleibung art- fremde heterologe Ambozeptoren rascher aus dem Organismus verschwinden, als homologe, sowie auf die Untersuchungen, welche diese Frage behandeln (Pfeiffer & Friedberger, Schütze, Shibayama, Wassermann & Brück, Zebrowski, cf. auch Dehne & Hamburger, Kraus & Pribram, v. Eisler & Tsuru, Landsteiner & Prasek, Dörr & Pick u. a.)**). C. Komplementbindung. Die durch das Zusammenwirken von spezifischen Antigenen und Antikörpern verursachte Komplementbindung stellt sowohl in theo- retischer, als auch in methodologischer Hinsicht die wichtigste Form der antihämolytischen Wirkungen dar. Die Erkenntnis der den Komplementbindungserscheinungen zugrunde liegenden Gesetzmäßig- keit, daß nämlich antikörperbeladene Antigene im Gegensatz zu dem Verhalten der beiden einzelnen Komponenten Komplemente mit großer Energie absorbieren, ist die Frucht der analytischen Studien Ehrlichs & MoRGEXROTHS Über die hämolytischen Sera. Es genügt hier, noch- mals daran zu erinnern, daß die genannten Autoren auf Grund ihrer Untersuchungen über den 'Mechanismus der Ambozeptor-Komplement- wirkung zu dem Schluß gelangten, daß mit der Bindung des Ambo- zeptors an die Zelle die Avidität zum Komplement derart gesteigert wird, daß nunmehr das Komplement -zu den ambozeptorbeladenen Zellen in innige Beziehungen tritt und auf diese Weise zur lytischen Wirkung gelangt. Hierbei ist es von untergeordneter Bedeutung, wie man sich das Wesen dieser Erscheinung vorstellt. Für die Anwendung des Prinzips zum indirekten Nachweis von Ambozeptoren war fernerhin die Feststellung Bordets von größter Wichtigkeit, daß die ambozeptorbeladenen Zellelemente dem kom- plettierenden Serum nicht nur die zur Lösung im besonderen Falle er forderliche Komplemcntfunktion entziehen, sondern das komplettierende Serum seiner sämtlichen Komplementfunktionen berauben, eine Tat- sache, die übrigens mit der Pluralität der Komplemente, wie ins- besondere Ehrlich S: Morgenroth, Ehrlich & Sachs, Ehrlich & Marshall gezeigt haben, durchaus nicht im Widerspruch steht (vgl. hierzu die früheren Ausführungen). Wenn auch der von Bordet erhobene Befund, demzufolge durch ambozeptorbeladene Antigene komplettierende Sera aller Komplementfunktionen beraubt werden, nicht in allen Fällen zuzutreffen braucht, so stellt er doch, wenigstens bei Verwendung von Immun-Ambozeptoren, die Regel dar. Bordet & Gengou haben die sich hieraus ergebenden Konsequenzen sehr bald gezogen und in der komplementbindenden Funktion der ambozeptor- beladenen Zellantigene ein Mittel erkannt, um den Nachweis von Ambozeptoren auf indirekte Weise zu führen. Bei diesem indirekten Ambozeptornachweis bildet also nicht die lytische Komplementfunktion den Indikator, sondern der Konjplementverbrauch, und die Anwendung _ *) I'onteyne gibt an, durch Vorbehandohi von Kaninchen mit einem von Kaninchen durch Immunsieren mit Meerschweinchenblut erhalteneu Immunserum Antiambozeptoren gewonnen zu haben. Die experimentellen Angaben erlauben jedoch nicht eine kritische Beurteilung der dem Verständnis nicht ohne weiteres zugänglichen Tatsache. **) Ueber Antiagglutinine vergleiche Angaben an früherer Stelle, sowie die zusammenfassenden Uebersichten von Landsteiner & Raubitschek. Hämolysine des Blutserums. fCytotoxische Sera.) 907 dieses Verfahrens ist daher insofern auf eine breitere Basis gestellt, als sie sich auch auf solche Zellarten erstrecken kann, welche der lytischen Komplementwirkung gegenüber resistent sind. Werden durch die Antigen-Antikörperreaktion alle Komplemcntfunktionen aufge- hoben, wie es die Regel ist, so kann natürlich jedes beliebige System von Zellen und dazugehörigem Ambozeptor zum Nachweis des Fehlens oder Vorhandenseins von Komplement im Reaktionsgemisch dienen. Da der Komplementverbrauch nur an dem Sistieren der lytischen Komplement- funktion meßbar ist, so ist dabei nur Voraussetzung, daß es sich um Zelltypen handelt, welche der Einwirkung des Komplements mit sinn- fälliger Alteration unterliegen, und dem wird in einfachster und bester Weise entsprochen, indem man fast ausschließlich, zumal in Rück- sicht auf die praktische Verwendung der Komplementbindungsreak- tionen, rote Blutkörperchen mit den dazugehörigen hämolytischen Ambozeptoren (hämolytische Systeme) zum Komplementnachweis wählt. Prinzipiell ist aber jedes beliebige System von Zellen und Ambozeptoren ainvendbar. So haben bereits Bürdet & Gengou als Reagens auf die statt- gehabte Komplementbindung ambozeptorbeladene Bakterien, welche der bakterio- lytischen Wirkung zugängig sind, benutzt. (Vgl. auch Pfeiffer & Moreschi, Lüde & Ballner). Von Muir & Martin ist auch die opsonische Wirkung der normalen Sera als Indikator für die stattgehabte Komplementbindung be- nutzt worden. [Vgl. hierzu auch Haenthjens] *). Xachdem Bordet & Gengou die indirekte Methode der Komple- mentbindung zum Nachweis von Antikörpern gegen zellige Elemente benutzt hatten**), konnte kurz darauf Gengou über die Entdeckung der wichtigen Tatsache berichten, daß auch bei der Immunisierung mit fremdartigen gelösten Eiweißstoffen (Blutserum, Fibrinogen, Eier- eiweiß, Milch usw.) außer den schon bekannten Präzipitinen Ambo- zeptoren entstehen, d. h. Antikörper, welche die Bindung von Komple- menten auf die entsprechenden gelösten Eiweißantigene vermitteln. Der Vorgang der Komplementbindung spielt sich also hierbei in Lö- sung ab. Man benutzt als Antigen ein Serum A, fügt dazu ein von einer anderen Tier- species B durch Vorbehandeln mit A gewonnenes Antiserum und ein komplet- tierendes Xornialserum und stellt ebenso wie bei der Verwendung von Bakterien- zellen fest, daß bei Zusatz eines hämolytischen Systems die Hämolyse ausbleibt, das Komplement also durch das Zusammenwirken des Serums A mit dem korrespondierenden Antiserum gebunden worden ist. Diese wichtigen Feststellungen Gengous waren vielfach in Ver- gessenheit geraten, als mehrere Jahre später Moreschi in seinen schon erwälmten Studien über Antikomplemente ganz analogen Er- scheinungen begegnete. Die in den Versuchen Moreschis hervor- stechende Spezifität des Vorgangs und die Tatsache, daß äußerst geringe Mengen der als Antigen fungierenden Blutsera zum Hervor- rufen der durch das Zusammenwirken von Antigen und Antikörper resultierenden Komplementbindung genügen, mußten eine praktische Verwendbarkeit dieser Reaktionen zum Nachweis von Antigenen an- *) Landsteiner & Rock beschreiben auch den Nachweis von Komple- mentbindung mittels des Systems „Kieselsäure— Normalserum'" als Indikator. Ueber Anwendung des Konglutinationsphänomens zum Nachweis vgl. Streng, Jaco- Räus, Karvoken, Siebert und Mironescu, Hecht. Luger u. a. **) Ueber derart geführten Nachweis von Antikörpern im Normalserura hat zuerst Malvoz berichtet. 908 Hans Sachs, regen. Diese Konsequenz haben bald darauf M. Neisser & Sachs ge- zogen. Ihre Untersuchungen führten zu dem Ergebnis, daß man mittels der Komplementbindung die Differenzierung von gelösten Eiweißanti- genen nicht nur in gleicher Weise, sondern noch empfindlicher durch- führen kann, als es mit dem bewälirten Präzipitationsverfahren schon seit einer Reihe von Jahren möglich war. Nachdem derart die Anwendbarkeit der Komplementbindung einer- seits zum Antikörpernachweis von Bordet & Gengou, andererseits zum Antigennachweis von Neisser & Sachs demonstriert war, ent- standen auf Grund der hiermit geschaffenen experimentellen Basis die große Fülle von Experimentaluntersuchungen, welche die Gesetz- mäßigkeit, daß Antisera im Verein mit den homologen Antigenen komplementbindende Wirkung besitzen, sehr bald in ihrer Allgemein- heit erkennen ließen. Wassermann ging einen bedeutsamen Schritt weiter, als er in Gemeinschaft mit Brück den Nachweis führte, daß ebenso wie tierische Antigene auch gelöste Bakterienextrakte bei dem Zusammentreffen mit korrespondierendem Antiserum zur Komplement- bindung führen*). Diese Feststellungen bildeten die experimentelle Grundlage für die Wege, welche Wassermann schließlich zu der großen Entdeckung der Serodiagnostik der Syphilis führten. Auf Grund der zahlreichen Erfahrungen kann man als allgemeine Ge- setzmäßigkeit formulieren, daß bei der Immunisierung mit Antigenen tierischen' oder bakteriellen Ursprungs Antikörper entstehen, welche im Verein mit den homologen Antigenen zur Ivomplementbindung führen**). Durch die Spezifität der Erscheinungen erscheint die Komplementbindung von vornherein als sero- diagnostisches Verfahren, ebenso wie die anderen Antikörperreaktionen quali- fiziert. Die zahlreichen Anwendungsmöglichkeiten können jedoch in den folgen- den Ausführungen nicht im einzelnen berücksichtigt werden, da die experi- mentelle Diagnostik mittels Komplementbindung Gegenstand besonderer Dar- stellung im 3. Band dieses Handbuchs ist und der Serodiagnostik der Syphilis ein besonderes Kapitel dieses Handbuchs gewidmet wird ***). Die folgenden Ausführungen gelten daher wesentlich der theoretischen Erörterung der Kom- plementbindungsreaktion. Der Umstand, daß bei dem Zusammenbringen von gelösten Eiweiß- antigenen und Antiseris Gelegenheit zu Präzipitationsvorgängen gegeben ist, hat es veranlaßt, daß man auf Grund der Arbeiten Mo- reschis und der davon unabhängigen Mitteilungen von Gay & Klein' in der präzipitierenden Wirkung der Antisera gleichzeitig die Ursache für die komplementbindende Funktion erblickt. Demgegenüber brachten Neisser & Sachs die bereits von Gengoü vertretene und dem letzt- genannten Autor direkt für die Fragestellung maßgebend gewesene Auffassung in Erinnerung, daß es sich bei der komplement- bindenden Funktion der mit Antiserum digerierten Ei- weißlösungen um Ambozeptor Wirkung handelte. Tatsäch- *) Ebenso zeigte Citron in Wassermanns Laboratorium, daß man auch bei der Immunisierung mit Bakterienextrakten die gleichen Komplementbindung vermittelnden Antikörper erhält, wie^ bei der Immunisierung mit Vollbakterien. **) Komplementbindende Antikörper gegenüber Harnsäure bei Gicht konnten von Ströbel im Gegensatz zu Falkenstei-x nicht nachgewiesen werden. ***) Es sei darauf hingewiesen, daß aus diesem Grunde die gewaltige Literatur, welche über die Serodiagnostik der Syphilis vorliegt, in dem vor- liegenden Kapitel nicht berücksichtigt wurde., So sind auch eine große Reihe von Angaben über hämolytische und antihämolytische Wirkungen, welche wesent- lich im Zusammenhang mit der WASSERMANNSchen Syphilisreaktion stehen, an dieser Stelle unerAvähnt geblieben. Hämolysine des Blutserums. (Cytotoxische Sera.) 909 lieh ist an ein einfaches mechanisches Niederreißen des Komplements durch sich bildende Präzipitate, wie man das wohl zuerst annaiim, nicht zu denken. Bereits Neisser & Sachs komitea auch dann noch ein deutlich positives Ergebnis der Komplementbindungsreaktion verzeichnen, wenn eine Präzipitatious- bilduug überhaupt nicht mehr wahrzunehmen war, und sie wiesen darauf hin, daß Stärke des Niederschlags und Komplementbindungsvermögen durchaus nicht immer in direkter Proportion stehen, wie das auch von Klein berichtet wurde. Derartige quantitative Unterschiede zwischen Komplementbindung und Präzipi- tation sind seither von zahlreichen Autoren beschrieben worden (vgl. hierzu LiEFMAXN, MuiR & Martin, Rose und viele andere). Als extremstes Beispiel in dieser ßichtung sei nur die von Friedberger mitgeteilte Beobachtung er- wähnt, nach welcher eine Komplementbindung bei geeignetem Antiserum noch durch die Interferenz so äußerst minimaler Antigenmengen ausgelöst werden kann, daß an eine Präzipitationsbildung nach allgemeiner Erfahrung nicht im entferntesten mehr gedacht werden kann. Uhlexhuth hat allerdings früher angegeben, niemals beobachtet zu haben, daß die Komplementbindung viel weiter geht, als die makroskopisch sichtbare Trübung. Die Unabhängigkeit zwischen Komplementbindung und Präzipitation hat sich jedoch auch aus den Untersuchungen von Haendel & Steffenhagex ergeben, indem sich hierbei zeigte, daß eine Reihe von Antisera bei starkem Präzipitationsvermögen Kora- plementbindung nur in geringem Grade vermitteln (vgl. hierzu auch die Arbeiten von Hixtze, Seiffert, Graetz, Haendel)*). Die Unabhängigkeit der Komplementbindungsvorgänge von der Präzipi- tation ergab sich dann besonders eklatant aus den Versuchen von Wasser iLANN & Brück, indem die genannten Autoren feststellen konnten, daß Bakterien- extrakte beim Lagern die Fähigkeit der Präzipitabiütät einbüßen, während die aus dem Zusammenwirken mit dem Antiserum resultierenden komplemeutbinden- den Funktionen quantitativ erhalten bleiben. In analoger Weise konnte Lief- mann bei Verwendung von Eiereiweiß als Antigen durch thermische Eingriffe die Eiweißlösung so verändern, daß sie nicht mehr präzipitabel war, sich aber zur Komplementbindungsreaktion noch eignete. Friedberger, sowie Liefmann zeigten, daß Antisera durch Erhitzen auf 67 " die präzipitierende Wirkung, nicht aber die komplementbindende Funktion einbüßen. Allerdings kann man aus diesen Befunden nur den Schluß ziehen, daß die Vorgänge der Präzipitation und der Komplementbindung unabhängig voneinander verlaufen. Für die Frage, ob es sich um zwei verschiedene Antikörper handelt, sind sie dagegen nicht ohne weiteres verwertbar, dann man kann sich vorstellen, daß es sich, ähnlich wie es Wassermann für die Beziehungen zwischen cytotoxischen Ambozeptoren und Agglutininen diskutiert hat, um ein einheitliches Antikörpermolekül handelt, dessen kompleraentbindende Funktion stabiler ist, als eine gleichzeitig vor- handene präzipitierende Gruppe, imd daß ebenso die die Komplementbindung vermittelnden Antigene eine die Fällbarkeit bedingende labile Komponente be- sitzen. Man muß ja im allgemeinen bei den Agglutinations- und Präzipitations- vorgängen zwischen zwei Phasen, der spezifischen Bindung und der Ausflockung, unterscheiden. In bezug auf eine Differenz der die beiden Phänomene veranlassenden Anti- körper dürften daher die Erfahrungen über die Unabhängigkeit beider Funktionen in nativen Antiseris wertvoller erscheinen. Für eine Differenz der präzipitierenden und der die Komplementbindung vermittelnden Antikörper sprechen^ aber auch die Befunde über das unabhängige Auftreten beider Antikörper im Verlaufe der Immunisierung. So haben bereits MuiR & Martin mitgeteilt, _ daß bei der Immunisierung mit fremdartigem Eiweiß komplementbindende Antikörper früher nachweisbar sind als Präzipitine. Ueber ganz analoge Befunde hat Alt mann bei der Immunisierung mit Bakterien, bezüglich des Auftretens von agglu-r linierender und komplementbindenden Stoffen berichtet**). Altmann verweist *) In ganz entsprechender Weise berichtet Altmann für gegen Bakterien gerichtete Antisera, daß gerade stark agglutinierende .Sera oft geringe resp. keine Komplementbindung ergaben, während stark komplementbindende Sera nur schwach agglutinierten. Altmann glaubt, daß es in der Eigentümlichkeit des Stammes gelegen ist, ob vorzugsweise oder ausschließlich der eine oder andere Antikörper gebildet wird (cf. auch Amiradzibi). **) Vgl. hierzu auch Hirschfeld, Posner, Zupnik & Spät, Raskin (siehe jedoch Ballner & Reibmayr). 910 Haks Sachs, auch auf das gelegentlich verschiedene Verschwinden beider Antikörperwirkungen und das differeute Verhältnis, in dem die beiden Antikörperfunktionen in ver- schiedenen Antiseris stehen. Bemerkenswert sind frühere Angaben von MuiR & Martix, nach denen durch Immunisierung von Kaninchen mit Meerschweinchenserum Antisera er- halten wurden, welche Komplementbindung ergaben, aber nicht präzipitierten, und die interessanten Versuche Moreschis, welche diesen Autor im Gegensatz zu seiner ursprünglichen Auffassung veranlaßten, der Komplementbindung jeden Zusammenhang mit der Präzipitation abzusprechen. Moreschi konnte nämlich zeigen, daß Antisera, welche von Vögeln gewonnen werden, trotz starken Prä- zipitationsvermögens sich zur Komplementbindung nicht eignen. Ebenso be- schreibt SoBERKHEiM ein Tuberkuloseserum, das mit Tuberkulin starke Prä- zipitation ergab, ohne Komplementbüidung zu bewirken (cf. auch Calmette & Massol). Nach diesen Ausführungen dürften diejenigen Feststellungen, welche die komplementbindende Wirlcung von Präzipitaten betreffen (Gay, Moreschi, Pfeiffer & Moreschi, Liefmann, Muir & Martin, Zebrowsky u. a.), für die Frage nach der Natur der komplement- bindenden Antikörper ohne wesentliche Bedeutung sein. Es kann zwar unter Umständen ein gewisser Parallelismus zwischen Präzipitat- menge und Komplementbindungsvermögen zuweilen bestehen (Pfeiffer & M OREscHi, Muir S: Martin), von größerer Bedeutung aber ist die bereits seit den Untersuchungen von Moreschi, Neisser& Sachs, Klein, Muir & Martin, Bauer bekannte Tatsache, daß hierin durchaus nicht etwa eine Gesetzmäßigkeit zu erblicken ist. Auch Gay ist auf Grund neuerer vergleichender Untersuchungen zu der Auffassung gelangt, daß die Komplementbindung von der Präzipitatbildung zu differenzieren ist. Andererseits bestehen zwar formale Analogien zwischen Komplement- bindung und Präzipitation, indem, wie zuerst Fleischmann & Michae- lis gezeigt haben, die Komplementbindung ebenso wie die Präzipi- tation durch einen Antigenüberschuß aufgehoben wird und auch ein Ueberschuß von Antiserum dem Zustandekommen des Phänomens nach Neisser & Sachs, sowie Moreschi ungünstig ist. Neuere eingehende Untersuchungen über die Beziehungen zwischen der Präzipitatbil- dung und dem Komplementbindungsvermögen liegen von Dean vor. Bereits aus den letzterwälinten Feststellungen (vgl. hierzu auch Haendel & Steffenhagen, Graetz u. a.) ergibt sich ja. daß das maximale Komplementbindungsvermögen an ein optimales Verhältnis von Antigen und Antikörper gebunden ist (vgl. auch Morgenroth & Stertz). Auch Dean konnte durch quantitative Versuchsreihen fest- stellen, daß die für die Präzipitation optimalen Verhältnisse durchaus nicht dem Optimum für die Komplementbindung entsprechen. Bemerkenswert ist die Angabe von Dean, daß bei solchen Mengenverhält- nissen, die rasch zur Niederschlagsbildung führen, gerade wenig Komplement ge- bunden wird*). Erfolgt dagegen die Trübung langsamer, so ergibt sich ein starkes Komplementbinclungsvermögen. Bei einem gewissen Antikörperüberschuß stehen nach Dean gerade Komplementbindung und Menge des Niederschlags in engem Zusammenhang. Dagegen kann die Komplementbindung bei unvoll- kommener Ausflockung durch einen relativ geringen Antigenüberschuß ausbleiben. Dean schließt daraus, daß die Komplementbindung in den frühesten Stadien der Reaktion eintritt, daß aber, nachdem die Trübung sichtbar geworden ist, sehr wenig Komplement gebunden wird. Setzt man daher das Komplement einem Gemisch von Antigen und Antikörper erst nach einem gewissen Zeit- *) Hieraus dürfte sich vielleicht erklären, daß sich besonders stark prä- zipitierende Sera wenig zur Komplementbindung eignen (vgl. an früherer Stelle). Hämolysine des Blutserums. rCytotoxische Sera.) 911 mtenall zu, so ist der Grad der Komplenientbiiiduiig ein geringerer'^). Da nun bei Zusatz zweier verschiedener Mengen des Antigens zu einer konstanten Antiserumdosis einmal Ausflockung ohne Komplenientbindung, "das andere Mal Koniplemejitbindung ohne Ausflockung eintreten kann, glaubt Dean einen Schluß auf die Verschiedenheit von präzipitierenden und komplementbindenden Anti- körpern nicht ziehen zu sollen. Wie dem aber auch sei, so wird man auch nach den Untersuchungen von Dean keinesfalls die Ursache der Koraplement- bindung in einer nur physikalisch-mechanischen Absorption des Komplements durch die gebildeten Präzipitate erblicken dürfen. Allerdings wird nach neueren Untersuchungen von Dean die Präzipitation durch Zusatz von Meerschweinchenserum (oder Meerschweinchenglobulin, Ka- ninchenserum, auch inaktiviertes Meerschweinchenserum) innerhalb gewisser Grenzen verstärkt. Jedoch wurde dieser Effekt erst nach 6 — 24 Stunden ver- merkt, so daß sich auch hieraus ein Schluß auf die Bedeutung der direkt sichtbaren Präzipitation für die Komplementbindung nicht ergeben dürfte. Wenn auch beide Phänomene gemeinsame Ursachen haben würden, so müßte man doch annehmen, daß es sich bei ihren maximalen Ausdrucksformen um verschiedene Phasen des Prozesses handeln dürfte. Daß andererseits Präzipitate antikomplementäre Wirkungen aus- üben können, darf in keinem Falle überraschen, da ja gleichgültig, ob man die komplementbindenden Antikörper mit den Präzipitinen iden- tifiziert oder nicht, nur zu erwarten ist, daß sich auch in den entstan- denen Niederschlägen komplementbindende Faktoren befinden können. In diesem Sinne dürften auch Versuche von Toyosumi (vgl. Weil & Axamit), welche die komplenientbindende Wirkung der aus Bakterienextrakten und Immunserum entstandenen Präzipitate betreffen, zu einer Schlußfolgerung nicht berechtigen. Allerdings sind die Autoren (vgl. hierzu Weil) auch der Ansicht, daß eine sichtbare Präzipitation für die Komplementbindung nicht er- forderlich ist, machen vielmehr nur eine Veränderung durch die Präzipitine ver- antwortlich. Andererseits kann es nicht wunder nehmen, daß unter bestimmten Bedingungen nach stattgehabter Präzipitation lediglich das Präzipitat anti- komplementär wirkt, nicht mehr die klare Flüssigkeit, wie das msbesondere von ZiNSSER beschrieben ist. Denn es dürfte nicht weiter befremden, wenn unter besonders günstigen Verhältnissen die gesamten Antigen-Antikörperkomplexe im Präzipitat enthalten sind. Man könnte sich vielleicht auch vorstellen, daß die antikomplementäre Wirkung des fertigen Präzipitats nichts mit der eigentlichen Komplementbindung zu tun hat. Friedemann hat den Vorgang in der Weise zu deuten versucht, daß es sich auch bei der spezifischen Komplementbindung in letzter Linie um die von ihm studierte antikomplementäre Eigenschaft der Euglobuline handelt, und daß eine Abtrennung der Euglobuline von den übrigen Eiweißkörpern des Serums die Ursache für das Zustande- kommen der Komplementbindung darstellt. Er verweist dabei auf die früheren Arbeiten von Friedemann & Frie- denthal, Friedemann, Franceschelli, nach denen einerseits die bei der Präzipitation entstehenden Niederschläge sich vorzugsweise aus der Euglobu- linfraktion des Immunserums zusammensetzen, andererseits die Präzipitation nicht der direkte Ausdruck der Antigen-Antikörperreaktion ist, sondern erst ihre sekundäre Folge bedeutet, ,, demnach würde auch das GENGOU-MouEScnische *) Es sei bemerkt, daß die erörterten für das Zustandekommen der Kom- plementbindung günstigen Bedingungen in mancher Hinsicht sehr ähnlich den- jenigen sind, welche von Bordet & Gengoü für die sog. „Koagglutjnation" an- gegeben wurden. Es handelt sich hierbei insofern um eine der Komplement- bindung analoge Erscheinung, als durch Mischen von Antigen und Antikörper Blutkörperchen koagglutiniert werden. Auch hier ist ein bestimmtes Verhältnis zwischen Antigen und Antiserum optimal, und die Koagglutination erscheint ebenfalls abgeschwächt, wenn Antigen und Immunserum vor dem Blutzusatz digeriert werden. 912 Haks Sachs, Phänomen gar nicht dem Reaktionsprodukt zwischen Antikörper und Antigen, sondern sekundären Prozessen seine Entstehung verdanken und damit wäre erklärt, daß es eben nicht bei allen Antikörpern eintritt" (Friedemann). Wollte man allerdings annehmen, daß der Euglobulingehalt des Präzipi- tats das eigentliche antikomplementäre Prinzip ist, so gelangt man in einen ge- wissen Widerspruch zu denjenigen Angaben, nach welchen die antikomplemen- täre Wirkung stärker ist, wenn Komplement mit Antigen und Antikörper gleich- zeitig gemischt wird, als wenn dem Antigen-Antikörpergemisch erst nach einem Zeitintervall Komplement zugefügt wird (Dean ). Vielleicht entspricht es daher mehr den Tatsachen, wenn man die antikomplementäre Wirkung des Präzipitats gesondert betrachtet und von dem durch die Antigen- Antikörperreaktion veran- laßten Komplementbindungsvermögen trennt. Mit Friedemann einen nicht- spezifischen Bestandteil des Immunserums als beteiligten Faktor anzunehmen, hätte auch insofern etwas Verlockendes, als man im allgemeinen bei der Kom- plementbindung mit der Antikörperdosis nicht so weit heruntergehen kann, als man es bei den cytolytischen Antikörperwirkungen gewohnt ist*). Nahe verwandt mit den Vorstellungen Friedemanns dürften die Ausführungen in einer neuerdings erschienenen Arbeit von Dean sein, nach welchen geeignete Mischungen von Antigen und Antiserum das Euglobulin des Meerschweinchenserums in ähnlicher Weise ausfällen, wie die Kohlensäure bei der Komplementspaltung nach JLiiefmann und in derartigen Präzipitaten wirksames Mittelstück nachweisbar ist. Aus seinen Untersuchungen und der Beobachtung, daß der Zusatz von Meerschweinchenserum (resp. Meerschweincheneuglobulin) die Präzi- pitation verstärkt, schließt Dean, daß das Wesen der Komplement- bindung an erster Steile in einer Bindung des Euglobulins des Meer- schweinchenserums an das Präzipitat gelegen ist, und er vergleicht die Komplementbindung direkt mit der Spaltung des Komplements bei Ansäuerung im salzfreien Medium. In Uebereinstimmung damit glaubt Dean auch, daß ein Komplementaufbrauch bei der Komplementbindung nicht stattfindet. Auch diese Erklärung dürfte allerdings nicht hinreichend befriedigen, da ja gerade stark präzipitierende Sera unter Umständen das Zustandekommen der Komplementbindung vereiteln können und zudem wohl bei geeigneter Dosierung ein vollkommenes Versagen des Komplementnachweises aucn bei Verwendung großer Ambozeptordosen resultieren kann. Es darf in diesem Zusammenhange vielleicht auch auf Ausfüh- rungen verwiesen werden, welche bei früherer Gelegenheit (im 2. Er- gänzungsbande zur ersten Auflage dieses Handbuches) von Sachs & Altmann gemacht wurden und sich zwar nicht auf die Komplement- bindung im allgemeinen, sondern nur auf die WAssERMANNSche Sy- philisreaktion bezogen. Die genannten Autoren wiesen damals auf eine Reihe von Analogien hin, welche zwischen dem Verhalten des Komplements bei der WASSERMANNschen Reaktion und dem von Sachs & Teruuchi, sowie von Sachs & Altmann studierten Phänomen der Komplementinaktivierung im salzfreien Medium bestehen und dachten an eine Alteration der Globuline als gemeinsame Ursache. *) Es ist in diesem Zusammenhange von Interesse, darauf hinzuweisen, daß Dean zu der Auffassung neigt, daß für die Agglutinations- und Präzipita- tionsphänomene zwei Bestandteile des Immunserums erforderlich sind, der spezi- fische Antikörper und eine nichtspezifische, der Globulinfraktion eigentümliche Funktion (also ähnlich wie Friedemann). Tatsächlich konnte Dean, wie schon erwähnt, zeigen, daß durch normale Globulinlösung Agglutination und ebenso Präzipitation in an und für sich nicht mehr wirkenden Antiserura- verdünnungen erzielt werden kann. Hämolysine des Blutserums. (Cytotoxische Sera.) 913 lusbesondere sei daran erinnert, daß die Inaktivierung der Komplemente im salzfreien Medium nur dann eintritt, wenn die Globuline eine Zustands- änderung erfahren haben, welche zwar zur Trübung der Serumverdünnung, aber nicht zur Ausfällung führt. Das Eintreten gerade dieser Phase der ülobulinveräuderung kann sowohl durch Temperaturerniedrigung als auch durch Variation der Reaktion (im Sinne von Alkali oder Säure j beeinflußt werden, in ähnlicher Weise wie die WASSERMANXsche Reaktion. Man könnte nun nach Sachs & Altmaxx daran denken, daß die gleiche Inaktivierung des Komple- ments, welche beim Verdünnen mit Wasser eintritt, auch im salzhaltigen Milieu erzielt werden kann, wenn durch andersartige Faktoren die für die Inaktivierung wesentliche Alteration des Serums bedingt wird. Für diesen Einfluß wäre dann das Zusammenwirken von Organextrakt und Syphilitikerserum verantwortlich zu machen. Würde man diese ältere von Sachs & Altmann aufgestellte Hypo- these, für welche mir das in der Zwischenzeit gewonnene Material weitere Stützen zu liefern scheint, auch auf die spezifische Komplementbindung über- tragen, so würde diese Anschauung in gewisser Hinsicht der von Dean ver- tretenen begegnen, nur mit dem Unterschiede, daß meines Erachtens nicht die eigentliche Präzipitatbildung, sondern eine noch nicht zur Fällung führende Globulinveränderung für den autikomplementären Effekt maljgebend wäre. Damit würde die auch von Dean betonte Tatsache in Uebereinstimmung stehen, daß in gewissen Grenzen Stärke des Präzipitats und Komplementbindung umge- kehrt proportional sein können. Trotz vielfacher Analogien, welche die Kom- plementinaktivierung im salzfreien Medium und die Phänomene der Komple- mentbindung, insbesondere der WASSERMANNschen Reaktion aufweisen, und auf welche ich an anderer Stelle ausführlicher einzugehen gedenke, möchte ich die Bedeutung der diskutierten Frage gerade für die spezifische Komplementbindung an dieser Stelle dahingestellt sein lassen. Nach der Auffassung von Weil, sowie von Weil & Spät kommt es ,. durch das Zusammenwirken von Antigen und Antikörper zu einer zunächst ultramikroskopisch und miskrokopisch auftretenden Verände- rung der kolloidalen Teilchen, die es mit sich bringt, daß in diesem ver- änderten Milieu das Komplement inaktiviert wird" fvgl. hierzu auch J. Traube). Ueberraschender muß freilich eine andere Schlußfolge- rung, zu der Weil & Spät gelangen, erscheinen, daß nämlich bei der Komplementbindung durch das Zusammenwirken von gelöstem Antigen und Antiserum eine Verankerung des Antikörpers überhaupt nicht stattfinden soll. Maßgebend für diese Auffassung sind den Autoren Versuche, in denen sie zeigten, daß man durch Zusatz von Bakterien zu komplementbindenden Geraischen von Bakterienextrakten und Antiserum das kompleraentbindeude Prinzip an die Bakterien fesseln und derart der Lösung entreißen kann. Weil & Spät schließen daraus, daß eine Vereinigung von Antigen und Antikörper in der Mischung überhaupt nicht stattgefunden hatte. Tatsächlich nahm die durch Ab- zentrifugieren der Bakterien erhaltene Lösung auf Zusatz von Immunserum wieder kompleraentbindeude Eigenschaften an. Die nächstliegende Deutung, daß eine Sprengung der Autigen-Antikörper- verbindung durch die Bakterienrezeptoren erfolgt, glauben Weil & Spät ab- lehnen zu sollen. Allerdings erscheinen ihre theoretischen Bedenken gegenüber einer derartigen Annahme, die sich wesentlich auf die ersten Versuche Morgen- Roths über das Ueberspringen der Ambozeptoren und auf die der Ehrlich- schen Schule zugesprochene Anschauung von einer größeren Avidität der freien Rezeptoren stützen, nicht stichhaltig. Denn einmal ist gerade von der EHRLicHschen Schule die Ansicht vertreten worden, daß für die Avidität keine einheitlichen Grundsätze aufgestellt werden können, und dann muß man auch für das Phänomen des Ueberspringens der Antikörper weitgehende Schwank- ungen der quantitativen Bedingungen annehmen, für welche die Konkurrenz der Aviditäten maßgebend ist (vgl. hierzu auch die Arbeiten von Morgenroth & Rosenthal). Auch der von Morgenroth bei früheren Versuchen hervor- gehobene Umstand, daß die Koraplementreaktion das Ueberspringen hindert, erscheint nicht ohne weiteres auf die Antikörperverbindung der gelösten Anti- gene übertragbar. Auf Grund theoretischer Betrachtungen dürfte daher kein Anlaß sein, den Bakterienzellrezeptoren eine höhere Avidität abzusprechen, als Handbuch der pathogenen Mikroorganismen. 2. Aufl. II. 58 914 Haxs Sachs, sie gelösten Rezeptoren zukommt, und "derart von einer Deutung der Pliänomene im t;inne eines Antikörperübergangs abzusehen*;. Tatsächlich gibt auch Weil an, daß der gelöste Extrakt die bindenden Gruppen enthält, daß diese aber erst zur Wirkung gelangen, wenn der Extrakt (Choleraextrakt) durch Rinderserum in die Xiederschlagsform verwandelt ist. Wenn man dem folgt und demnach annimmt, daß die wahrnehmbare Reaktion nur von dem physikalischen Zustand der Antigene abhängt, so erscheint es um so naheliegender, eine verschiedene Festigkeit der Antikörperbindung je nach dem physikalischen Zustand der Antigene zu vermuten, und es dürfte nicht berechtigt sein, den gelösten Anti- genen die Verankerungsfähigkeit überhaupt abzusprechen. Analoge Versuche rühren von Spät her, sowie von Weil & Spät. Die letzteren handeln von der Komplementbiudung durch Serumantigene und ent- sprechende Antisera, und da hierbei die Möglichkeit korpuskulares Antigen zu verwenden, nicht gegeben ist. haben die Autoren den Antikörper aus dem Antigen- Antikörpergemisch durch nichtspezifische Adsorption mittels durch Hitze aus- gefällten Serums wiederzugewinnen gesucht. Auch dabei wird über die gelungene Entfernung des Antikörpers aus dem Gemisch berichtet. Es sei hierzu auf die Originalarbeiten der Autoren verwiesen. Die von den Autoren gezogene Schlußfolgerung, daß bei der Komplementbindung eine Vereinigung von Antigen und Antikörper überhaupt nicht stattfindet, ist bei der Spezifität der Erscheinungen so merkwürdig, daß es uns nicht angängig erscheint, ihr zu folgen. Mit dei- Annahme, ,,daß durch gegenseitige Einwirkung von gelöstem Antigen und Antikörper eine Mediumsveränderung zustande kommt, in der das Komplement nicht wirken kann, oder daß die Antikörper mit Fermenten vergleichbar sind," dürfte wenig gewonnen sein, wenn man eine direkte Reaktion zwischen Antigen und Antikörper leugnet. Die supponierte Mediumsveränderung müßte ja auch nach der Entfernung des Fermentes bestehen bleiben. Da aber in den Versuchen von Weil & Spät nach der Entfernung des Antikörpers der Status quo ante eintritt, d. h. die Flüssigkeit nicht antikomplementär wirkt, sondern nur Antigenfunktionen aus- übt, wird man doch zu der Annahme gedrängt, daß die Anwesenheit des Anti- körpers für die antikomplementäre Wirkung selbst erforderlich ist. Im anderen Falle könnte man vielleicht annehmen, wozu Friedemaxx augenscheinlich neigt, daß in den WEiL-SpÄTschen Versuchen durch die Ausfällung der Anti- gen-Antikörpergemische wesentlich das entstandene antikomplementäre Agens entfernt wird. Von diesem Gesichtspunkte aus wären sogar die Versuche von Weil & Spät über das Behandeln der Gemische von Serumeiweiß und Anti- serum mit geronnenem Eiweiß der Deutung zugänglich, daß gar nicht die Antikörper durch das geronnene Eiweiß absorbiert werden, sondern das sekundär entstandene antikomplementär wirkende Agens. Für die Versuche mit Bak- terien und Bakterienextrakten müßte man freilich wegen der Spezifität der Wir- kung außerdem eine Elimination der Antikörperwirkung aus den Gemischen supponieren. Da aber Weil & Spät selbst zugeben, daß durch die Extrakt- bestandteile spezifische Bindung ausgeübt wird, sobald der Extrakt in den un- löslichen Zustand übergeführt ist, so darf man wohl zu der Annahme neigen, daß die Haftfestigkeit bei der Einwirkung von gelöstem Antigen und Antikörper eine geringere ist als bei korpuskularem Antigen. Die Tatsache, daß zwischen Antigen und Antikörper bei der Komplementbindung eine spezifische Verankeruns: im Sinne der Ambo- zeptorwirkung stattfindet, entspricht der Auffassung, die auch Bürdet & Gexgou für die Komplement^indunffsphänomene A-on vornherein ver- treten haben, und welche Gengou für die Entdeckung der im Verein *) Der Umstand, daß dennoch Bakterieuextrakte die Bakteriolyse hindern, braucht nicht notwendig im entgegengesetzten Sinne gedeutet zu werden, da bei der Reihenfolge der Zusätze (erst Extrakt, dann Immunserum und zuletzt Kom- plernent und Bakterien) immerhin bereits eine partielle Reaktion zwischen Extrakt, Antikörper und Komplement stattgefunden haben kann, bevor eine stärkere Avidität der Bakterien die Verankerung gesprengt hat. Hämolysine des Blutserums. (Cytotoxische Sera.) 915 mit gelöstem Antigen komplementbindenden Antikörper leitend war. Tatsächlicli entspricht die Antikörperwirkung bei der Komplement- bindung durchaus der Ambozeptorfunktion, wenn man den Ambo- zeptor nicht nur als eine die Komplementwirkung, sondern allge- meiner als eine die antikomplementäre Funktion vermittelnde Sub- stanz auffaßt. Um in die Bezieliungen zwischen komplementbindenden Antikörpern und Ambozeptoren Einblick zu erhalten, hat Liefmann die Komplementbindung bei verschiedenen Temperaturen untersucht. Er fand dabei, dal3 die Komplement- bindung auch bei 0° nachweisbar ist, indem die nach dem Zentrifugieren der bei 0° digerierten Gemische von Antigen, Antiserum und Komplement erhaltenen Abgüsse komplementfrei gefunden wurden. Ganz abgesehen von der Möglich- keit, daß in dem Abguß, der ja gelöstes Antigen und Antikörper enthalten kann, noch beim Ueberführen in die Wärme nach dem Blutzusatz Komplement- bindung eintritt, haben diese Versuche heute für die Frage nach den Beziehungen zwischen komplementbindenden Antikörpern und Ambozeptoren keine prinzipielle Bedeutung mehr, nachdem wir durch die Untersuchungen von Neufeld & Haendel, Sachs & Bolkowska, Haendel wissen, daß auch lytische Ambo- zeptoren, wenigstens bei hinreichender Antiserummenge, in der Kälte eine Auf- hebung der lytischen Komplementwirkung bedingen. Die Tatsache, daß die Kom- plementbindung auch in der Kälte stattfindet (vgl. hierzu auch Guggenheimer, Neufeld & Haendel, Satta & Donati), ist jedenfalls von Interesse*). Neufeld & Haendel (vgl. auch Neufeld & Hüne, Haendel) glauben auf Grund ihrer Erfahrungen trotzdem die komplementbinden- den Antikörper von den Ambozeptoren trennen zu sollen und haben sie als ,,BoRDETSche Antikörper" bezeichnet. Neufeld & Haendel untersuchten Choleraantisera in ihrem Verhalten bei 0° und 370 und fanden, daß dieselben im Verein mit Choleravibrionen bei 0^ eine starke Bindung des hämolytischen, aber nicht des bakteriziden Komplements bewirkten. Bei 37 ^ trat indessen durch das Zusammen- wirken von Choleravibrionen und Choleraserum eine Bindung sowohl des hämolytischen als auch des bakteriziden Komplements ein. Neufeld & Haendel schließen daraus, daß der bakteriolytische Cholera- ambozeptor in der Kälte überhaupt kein Komplement bindet, bei 37 nur das bakterizide, daß hingegen durch den BoRDETschen Choleraantikörper in der Kälte nur das hämolytische, bei 37 ° aber beide Komplemente gebunden werden (vgl. hierzu auch Toyosumi). Die derart von Neufeld & Haendel auf die Dualität der Antikörper gezogene Schlußfolgerung erscheint allerdings nicht zwingend. Wenn man die Pluralität der Komplemente berücksichtigt, so würde sich nur ergeben, daß die Beziehungen des bakteriziden und hämolytischen Komplements zu ambozeptorbeladenen Choleravibrionen bei 0" verschiedene sind (vgl. hierzu auch die Bemerkungen Bordets, der das Versuchsergebnis Neu- felds & Haendels unter der Annahme eines einheitlichen Komplements und einer verschiedenen Bindungsenergie der sensibilisierten Blutkörperchen und Vi- brionen deutet). Auch stößt man bei einer Verallgemeinerung dieses Antikörper differenzierenden Prinzips doch auf gewisse Schwierigkeiten; so binden nach Versuchen von Haendel ambozeptorbeladene Blutkörperchen bei 0" außer dem hämolytischen auch das bakteriolytische Komplement. Man müßte also die BoRDETschen Erythrocyten-Antikörper wiederum von den BoRDETschen Cholera- antikörpern unterscheiden, zumal besonders Untersuchungen von Haendel zeigen, daß bei der Bindung bakterizider Komplemente an ambozeptorbeladene Blut- zellen nicht etwa eine Interferenz von Präzipitaten anzunehmen ist, sondern auch die bakteriziden Komplemente direkt an den Komplexen „Blutzelle- Ambozeptor" verankert werden. *) Entsprechende Angaben über WASSERMANNsche Reaktion siehe bei Jakobsthal, Seligmann & Pinkus, Satta & Donati, Guggenheimer, Altmann & Zimmern. 58* 916 Hans Sachs, Wesentlicher dürfte daher im Sinne von Neufeld & Haendel der oftmals mangelnde Parallelismus von cytolytischer Wirkung und Komplementbindungsvermögen erscheinen, auf den bereits Moreschi, sowie Neufeld & HtJNE hingewiesen haben. Versuche von Haendel mit einem stark bakteriziden und nur wenig kom- plementbindenden Choleraserum sind allerdings wegen der ungünstigen Kon- trollen nicht ganz einwandfrei zu beurteilen. Ein anderes Immunserum von Neufeld & Haendel, das durch Immunisieren mit einem Wasservibrio ge- wonnen war, bewirkte im Verein mit Choleravibrionen Komplementbindung, ohne auf dieselben bakteriolytisch zu wirken. Wenn auch wohl kein Zweifel besteht, daß cytolytische Wirkung und Komplementbindungsvermögen nicht immer parallel gehen, so dürfte doch kein Anlaß vorliegen, deshalb eine prinzipielle Scheidung der die beiden Vorgänge vermittelnden Antikörper vorzunehmen. Für die Blutkörperchenantigene ist ja seit langem bekannt, daß Komple- mentbindung ohne Hämolyse eintreten kann (vgl. Ehrlich & Marshall, Browning, Sachs & Bauer und die Ausführungen an früherer Stelle). Ins- besondere haben aucli MuiR & Browning auf die Differenz zwischen hämo- lytischer Kraft und Komplementbindungsvermögen hingewiesen *). Haendel fand andererseits sogar die Wirkung der von üim untersuchten Antierythrocyten- sera der hämolytischen Kraft parallel. Es ergibt sich also, daß Komplement- bindung ohne Cytolyse stattfinden kann, und es hängt dabei bei Verwendung eines und desselben Antiserrmis unter Umständen von der Koraplementquelle ab, ob nur Komplementbindung oder auch Hämolyse zustandekommt. Es ist dabei für die hier angeschnittene Frage nicht von wesent- licher Bedeutung, ob man im Sinne von Ehrlich von Komplement- bindung an dominanter oder nicht-dominanter Stelle spricht, oder ob man mit Bordet die Verschiedenheit der Rezeptoren, an welche die Antikörper angreifen, für die Differenz der Ergebnisse verantwortlich macht. In beiden Fällen ergibt sich als erklärendes Prinzip die von Ehrlich & Morgenroth begründete Lehre von der Pluralität der Ambozeptoren. In dieser Hinsicht erscheint die Auffassung von Neufeld & Haendel insofern durchaus berechtigt, als eben der Parallelismus zwischen cytolytischer und komplementbindender Kraft zu der Annahme einer Vielheit von Antikörpern, drängt. Prinzipiell zwischen den komplementbindenden Antikörpern und den Ambozeptoren zu scheiden, liegt aber nach den obigen Ausführungen, wie das auch neueren Ausführungen Bordets entspricht, kein Anlaß vor, besonders wenn man, wie auch Bordet, die Auffassung vertritt, daß die die Komplement- bindung vermittelnde Ambozeprorwirkung zwar die Voraussetzung der Cytolyse ist, letztere aber nicht immer im Gefolge haben muß. Bieten demnach Antisera, welche komplementbindend und nicht cytolytisch wirken, der Erklärung keine besonderen Schwierigkeiten dar, so muß man bei manchen Angaben über bakteriolytische Wir- kungen ohne Komplementbindung immerhin berücksichtigen, daß zum Nachweis der Komplementbindung in der Regel andere Komplement- funktionen herangezogen werden, als in dem betreffenden Falle zur Wirkung gelangen. » Nun ist das Zustandekommen der Komplementbindung einerseits davon abhängig, ob die untersuchten Antikörper geeignete komplementophilö Gruppen zur Bindung der meist durch das hämolytische System nachzuweisenden Kom- *) Verwiesen sei auch auf die frühere Annahme Levaditis von atoxischen oder inaktiven Ambozeptoren zur Erklärung der NEissER-WECHSBERGschen Kom- plementablenkung. In ähnlichem Sinne sprach auch Rehns von einem „immun- cytolysine atoxique". Hämolysine des Blutserums. (Cytotoxische Sera.) 917 plemente besitzen, und dabei handelt es sich nicht selten um relative Werte, die, wie das Wassermann & Citron sehr treffend ausdrücken, aus dem Ver- hält ais der Bindungsaffinität zwischen dem Komplex von Antigen und Ambo- zeptor und dem Komplex Hämolysm-Blut zum Komplement resultieren. Anderer- seits spielen, wie schon erwähnt, die quantitativen Verhältnisse bei der Komple- mentbindung eine wesentliche Rolle, und so dürften sich vielleicht Widersprüche erklären, wie sie z. B. zwischen den Ergebnissen von Ruffer (vgl. auch Markl; und von Neüfeld & Haendel (vgl. auch de Besche & KoN; über das Verhalten von El-Tor- und Choleravibrionen bei der Komplementbiudung bestehen. Bereits Moreschi hat das Fehlen der Komplementbindung bei bakteriolytisch wirkenden Antiseris darauf zurückzuführen gesucht, daß die betreffenden Antikörper zur Bindung von Komplement, welches von anderen Tierarten gewonnene hämolytische Ambozeptoren aktiviert, nicht geeignet zu sein brauchen. Eine wie große Bedeutung der Tierart, von welcher das hämo- lytische Antiserum stammt, zukommt, zeigen auch die Beobachtungen Moreschis, nach denen von Kaninchen gewonnene Antisera mit Vogelserum als Komplement Komplementbindung ergaben, wenn der hämolytische Ambozeptor von Kaninchen, aber nicht wenn er von Vögeln stammte. Derartige Ergebnisse können einer- seits durch die Pluralität der Komplemente, andererseits durch die Verhältnisse der relativen Avidität bedingt sein *). Daß nicht jedes hämolytische System zum Nachweis der Komple- mentbindung geeignet ist, haben bereits Muir & Martin gezeigt. Wie wir aus ihren Untersuchungen, sowie denjenigen von Römer, Sachs & Rose wissen, eignen sich besonders einige normale Hämolysine schlecht zum Nachweis. Obwohl also in derartigen Fällen Komple- mentbindung nicht in Erscheinung tritt, wäre es ganz unberechtigt, hieraus auf ein Fehlen komplementbindender Antikörper zu schließen. Denn bei Verwendung eines anderen hämolytischen Systems wirken ja dieselben Komplexe komplementbindend. Wie Sachs bereits hingewiesen hat, handelt es sich bei den zur Demon- strierung der Komplementbindung untauglichen normalen Hämolysinen oft um solche Sera, bei denen die Trennung von hämolytischem Ambozeptor und Kom- plement durch das Kältetrennungsverfahren nicht oder nur mangelhaft gelingt, und man könnte hierin vielleicht entsprechend der Auffassung von Jährlich & Morgenroth einen Zusammenhang damit vermuten, daß in derartigen Seris bereits festere Beziehungen zwischen Ambozeptor und Komplement bestehen**). Nun ist ja allerdings die Frage der Komplementbindung bei der Hämolyse vielfacher Diskussion unterworfen worden. Das hierher gehörige Material ist bereits bei der Besprechung der Komplemente erörtert worden, und es erübrigt sich daher an dieser Stelle, noch einmal darauf einzugehen. Aber auch in bezug auf das Verhalten des Komplements bei der eigentlichen Komplementbindungsreaktion sind unsere Kenntnisse durchaus noch nicht genügend geklärt, um in dieser Hinsicht Anhaltspunkte zu einer Differenzierung zu geben. Die Uebertragung der Lehre von der komplexen Konstitution der Komplemente auf die Komplementbindungsphänomene hat eine Reihe von Tatsachen kennen gelehrt, die heute dem Verständnis nicht uner- hebliche Schwierigkeiten bereiten. Zunächst haben Michaelis & Skwirski eine Reihe von Versuchen mitgeteilt, aus denen sie schlössen, *) Verwiesen sei in diesem Zusammenhang auf Beobachtungen über nur zeitliche Wahrnehmbarkeit der Komplementbindung (vgl. hierzu v. Düngern & Coca). **i Inwieweit dieser Umstand tatsächlich in Betracht kommt, soll dahingestellt bleiben. Merkwürdig ist immerhin, daß gerade die leicht durch die Kälte- trennungsmethode zu zerlegenden Hammelbluthämolysine des Kaninchen- und Schweineserums (vgl. hierzu Sachs) sich für die Komplementbindungsreaktion gut eignen. 918 Hans Sachs, daß bei der Komplementbindung kein vollständiger Komplementver- braucli, sondern nur Mittelstückschwiind stattfindet (vgl. hierzu auch Liefmann). Wenn diese Ergebnisse auch von Amako im allgemeinen bestätigt wurden, so ist die gezogene Konsequenz, daß nämlich bei der Komplementbindung nur Mittelstück, aber nicht Endstück verbraucht wird, nicht zwingend, da die Prüfung auf Komplement nur mit sensibilisierten und persensibilisierten Blutkörperchen geschah, also das Fehlen von Mittelstück von vornherein als selbstverständlich angenommen wurde. Bereits bei der Besprechung der Komplemente ist erörtert worden, daß es Arten der Komplementinaktivierung gibt (an erster Stelle durch Cobragiftwirkung), bei denen Mittelstück und Endstück quantitativ nachweisbar sind, ohne daß an und für sich Komplementwirkung ein- tritt. Bei manchen Formen haben es hier die Untersuchungen von Ritz als sehr walirscheinlich erscheinen lassen, daß die Komplement- inaktivierung durch den Funktionsverlust einer dritten Komponente zustande kommt. In anderen Fällen könnte man aber auch an eine nicht nälier präzisierbare Larvierung der beiden Komplementkompo- nenten ohne deren Inaktivierung denken. Man muß andererseits be- rücksichtigen, daß bei solchen Inaktivierungsarten, bei denen sowohl Mittelstück, als auch Endstück nachweisbar sind, diese Phase nach Versuchen von Ritz nur eine beschränkte Dauer haben kann, indem nach länger währender Einwirkung des schädigenden Faktors die Re- stitution der Wirkung nicht mehr möglich ist. Tatsächlich haben be- reits die Untersuchungen von Gengou gezeigt, daß bei der Komple- mentbindung unter geeigneten Verhältnissen auch ein partieller End- stückverbrauch stattfindet, und daß unter Umständen Endstück und Mittelstück in inaktiv gewordenem Serum nebeneinander nachweisbar sind (cf. hierzu auch neuere Angaben von Dean). Wenn andererseits in den Versuchen Gengous der Verlust an Mittelstück überwiegt, so ist immerhin mit der Möglichkeit zu rechnen, daß hier bereits eine zweite Phase des Vorgangs zur Beobachtung gelangt ist. Ich selbst habe in einigen Versuchen mit Herrn Dr. Guggexheimer ge- sehen, daß bei der WASSERMAXXschen Reaktion gelegentlich Mittelstück und Endstück nebeneinander nachweisbar sind, gelegentlich sogar Mittelstück allein. Broxfexbrenxer & XoGUCHi konnten zwar die Befunde von Skwirsky bestätigen, aber nur bei Verwendung der nach Michaelis & Skwirsky per- sensibilisierten Blutkörperchen Endtstück nachweisen, nicht bei einfachem Mittel- stückzusatz. Jedenfalls muß man in Betracht ziehen, daß die Ergebnisse nach den nicht immer näher definierbaren Versuchsbedingungen variieren können, und es käme wohl experimentell wesentlich darauf an, Zeit und Stärke der Komplementbinduns: möglichst gering zu bemessen. Die Annahme aber, daß bei den Komplementbindimgsvorgangen gerade Mittelstück isoliert verbraucht wird, dürfte vorläufig noch nicht hin- reichend gestützt erscheinen, \yenn man wohl auch nach den überein- stimmenden Angaben von Skw^irsky, Amako, Gengou, Massol & Mezie, Dean (cf. auch Henderson-Smith) annehmen darf, daß der Mittelstückschwund rascher oder leichter erfolgt als derjenige des Endstücks*). *i Es wäre aber hierbei in Betracht zu ziehen, daß sich dem Nachweis des Mitteistücks gewisse methodische Schwierigkeiten (antagonistische Einflüsse, BRAX'Dsche Modifikation) entgegenstellen könnten. Hämolysine des Blutserums. (Cytotoxische Sera.) 919 Skwirsky glaubte einen prinzipiellen Unterschied darin erblicken zu können, dalj bei der Koniplementbindung nur das Mittelstück schwindet, bei der spe- zifischen Hämolyse und den unspezilisclien Absorptionsvorgängen aber der ganze Koniplementkomplex verbraucht wird. Demgegenüber hat aber Gengou (vgl. auch Amako) gezeigt, daß ein prinzipieller Unterschied zwischen Hämolyse and Komplementbindung in dieser Hmsicht nicht bestehen dürfte, indem sich bei Berücksichtigung quantitativer Bedingungen die Verhältnisse gleichartig gestalten. Die spezifischen Präzipitate sollen nach Gengou nur das isolierte Mittel- stück, nicht aber Endstück binden, während nichtspezifische Niederschläge auch das Endstück absorbieren. Aus dem Gesamtkomplement verscliwindet nach den Angaben von Gengou in einem gewissen Gegensatz zu Skwirsky & Amako bei Absorption durch nichtspezifische Niederschläge gleichfalls Mittelstück in größerer Menge, wenn auch hier der Unterschied wesentlich geringer ist als beim Di- gerieren mit sensibilisierten Zellelementen oder spezifischen Präzipitaten (cf. auch Dean). Im Präzipitat kann nach Dean wirksames Mittelstück nachweis- bar sein, nicht dagegen Endstück. Bei Behandlung von Meerschweinchenserum mit Bakterien kann man, wie Versuche von Ritz ergeben haben, eine Phase nachweisen, in der bei der Un- wirksamkeit des Komplements Mittelstück und Endstück quantitativ erhalten erscheinen. Dagegen war unter der Einwirkung von spezifischem Antiserum bei sonst gleichen Bedingungen bereits eine stärkere Abnahme der einzelnen Komplementfraktionen zu bemerken. Zu erwähnen sind endlich in diesem Zu- sammenhang auch die neueren Untersuchungen von Bronfenbrenner & Noguchi, welche aber gleichfalls zu einem eindeutigen Ergebnis nicht geführt haben (vgl. iiierzu auch die Angaben von Browning & Mackie). Bronfenbrenner & Noguchi glauben indes, daß der Vorgang des Kom- plementschwundes bei der Komplementbindung erheblich komplizierter, als die Komplementinaktivierungen durch physikalische und chemische Eingriffe, und von letzteren zu trennen ist. Nach alledem ist die im Vordergrund des Interesses stehende Frage, in welcher Weise das Komplement bei der Komplementbindungsreak- tion reagiert, bisher keineswegs völlig gekläxt und weiterer Analyse bedürftig. Der Annahme, daß etwa auch hier, ähnlich wie bei der Cobragiftinaktivierung, an erster Stelle ,,die dritte Komponente" ge- troffen wird, steht vorläufig die von Ritz ermittelte Tatsache ent- gegen, daß die dritte Komponente an und für sich von ambozeptor- beladenen Blutkörperchen überhaupt nicht gebunden wird. Wie dem aber auch sei, jedenfalls besteht vorläufig kein Anlaß, zwischen Komplementbindung bei gelösten Antigenen und Komplementbindung bei der Hämolyse zu differenzieren. Für die detaillierte Aufklärung des Wirkungsmechanismus werden weitere Untersuchungen erforder- lich sein. Erwähnt seien noch an dieser Stelle die sich einander nähernden Auf- fassungen über das Wesen der Komplementbindung von Crendirofoulo und Rodet (cf. auch Rodet & Fabre). Die Autoren erblicken das Wesentliche des Vorgangs in der antikomplementären Wirkung der Bakterienemulsionen. Die antikomplementär wirkende Substanz soll den Bakterien durch die spezifischen Antikörper entzogen werden und im freien Zustand dem Serum antikomplementäre Wirkungen verleihen. Andererseits sucht Crendiropoulo auch normalen anti- hämolytischen Stoffen, welche durch die Antikörpergegenwart larviert werden, eine Bedeutung zuzuschreiben (vgl. die Originalarbeiten)*). W as das Verhalten der komplement bindenden Anti- körper gegenüber verschiedenartigen Einflüssen anlangt, so zeigen sich auch hierin weitgehende Analogien zu den Eigen- schaften der lytischen Ambozeptoren. I *) Vgl. auch die soeben erschienene Arbeit von Lebailly über antikomple- mentäre Wirkungen präzipitierender Sera. 920 Haxs Sachs, Wie bereits Friedberger & Liefmänn gezeigt haben, sind die komple- menrbindenden Antikörper thermostabil, wenn auch die Thermostabilität nach den Angaben von MoRESCHi & Rose eine beschränkte ist (Abschwächung bei 70'^, Zerstörung bei 75**), wie übrigens auch bei den häniolytischen Ambo- zeptoren. Den interessanten x\ngaben von Krumbein & Schatiloff, nach denen die komplementbindende Funktion der Meningokokkensera bereits durch Er- hitzen auf 60° und durch Lagern nicht unerheblich abnimmt, wird man keine wesentliche Bedeutung im Sinne einer Differenzierung dieser Antikörper von den lytischen Ambozeptoren zusprechen dürfen, da ja auch bei lytischen Ambo- zeptoren der Grad der Thermostabilität variieren kann. Durch Säure werden die komplementbindenden Antikörper, wie Abramow gezeigt hat, ebenso wie die hämolytischen Ambozeptoren erheblicher angegriffen, als durch Alkali. Ebenso werden nach v. Dungern & Hirschfeld durch Jodieren die komplementablenkenden Antikörper erheblich geschädigt oder zerstört, während die Präzipitine dabei vollkommen erhalten bleiben können. Durch Kerzenfiltration sollen die komplementbindenden Antikörper nach Andrejew nicht geschädigt werden. Nach Bauer & Hirsch reagieren die Globuline (Euglobuline) aus kom- plementbindendem Typhusimmunserum nicht mit Typhusantigen. Was das Verhalten der Antigene anlangt, so liegen die Ver- hältnisse nicht ganz einheitlich. Die gelösten Antigene des Blutserums werden durch Einwirkung einer Temperatur von 75 ° nach Moreschi abgeschwächt, bei 100 ° vollständig zerstört. Bakterielle Antigene sind dagegen nach Weil kochbeständig, was Altmanx & Schultz auch für Antiforminextrakte bestätigen. Ausgesprochene Koktostabilität besitzen ferner die Kaseinantigene der Milch (Bauer, Kollmeyer u. a. ). Auch für die Bandwurmantigene beschreibt Meyer Koktostabilität. Gegenüber Säure- und Alkaliwirkung sind nach Abramow die Antigene verdünnter Blutserumlösungen labil, gegenüber Säure in erheblich größerem Maße. Hingegen wird von Levaditi & Mutermilch eine ziemlich erhebliche Resistenz der Choleraantigene gegenüber Salzsäure- und Xatroulaugenwirkung beschrieben. Ueber das Verhalten der Antigene in Bandwurmextrakten gegen- über verschiedenen Einflüssen vgl. K. Meyer. Interessant sind die Angaben von Pick & Pribram über die Einwirkung der Aetherextraktion auf die Antigenfunktionen der Blutsera. Danach werden manche Sera durch Aetherextraktion in ihrer Empfindlichkeit bei der Komple- mentbindung um ein Vielfaches gesteigert, während durch den Zusatz des Aether- extraktes zu dem extrahierten Serum die ursprünglichen Verhältnisse wieder hergestellt werden. Was die etwaige Alkohollöslichkeit der bei der Komplementbindung wirkenden Antigene anlangt, so war von Levaditi & Mutermilch angegeben worden, daß die wirksamen Stoffe von Choleraextrakten in 85-proz. Alkohol löslich sind (vgl. hierzu auch Angaben von Crendiropoulo). Nach neueren Untersuchungen von Prausnitz ergeben jedoch die alkoholischen Cholera- extrakte ganz unspezifische Komplementbindung, während das spezifische Antigen annähernd quantitativ als alkoholunlöslicher Teil zurückbleibt. Trotzdem weisen die Erfahrungen bei anderen Formen der Komplement- bindung auf eine gewisse Lipoidlöslichkeit der Antigene hin, ohne daß man allerdings daraus ohne weiteres auf die Lipoidnatur der Antigene schließen muß (vgl. hierzu Landsteiner). Wir müssen zwar hier die Serumreaktionen bei Syphilis, bei Lepra, bei Tumoren ausschließen, da es ja bei diesen Formen zum mindestens nicht erwiesen ist, daß die Beziehungen zwischen JjXtrakt und Serum irgendwie spezifischen Charakter im Sinne der Antigen-Antikörper- reaktionen haben. Dagegen werden die Komplementbiudungserscheinungen mit Bandwurmextrakten (K. Meyer), mif Ecchinokokkenextrakten (Parvu, Kreuter, Graetz), bei der Schistosomumkrankheit (Yoshimoto) als spezifisch betrachtet, obwohl die wirksamen Stoffe der Extrakte alkohollöslich sind. Das gleiche trifft für die Komplementbindung mit säurefesten Bacillen (Tuberkulose) zu (vgl. hierzu MucH, Kleinschmidt, Deilmann, u. a., Citron & Klinkert, K. Meyer *). Ein näheres Eingehen auf diese Spezialfälle erübrigt sich, da sie Gegenstand besonderer Besprechung in diesem Handbuch sind. *) Ueber antigene Wirkungen von Neurintuberkulin vgl. Müch, Schlaü- draff. Hämolysine des Blutserums. (Cytotoxische Sera.) 921 Verwiesen sei auf die Angaben Abramows, nach denen auch ge- lagerte Gemische von Antigen und Antiserum durch Einwirkung von Natronlauge und in bei weitem höherem Grade durch Einwirkung von Säure ihre komplementbindende Fähigkeit verlieren. Was den Ein- fluß der Reaktion auf die Komplementbindung selbst anlangt, so kann nach Browning & Wilson (Globin und Antiglobin), sowie Abramow (Serumantigen und Antiserum) alkalische Reaktion die Komplement- bindung hemmen. Nach Browning & Wilson verstärkt hingegen Säure die Komplementbindung, während nach Abramow geeignete saure Reaktion auch die Wirkung aufheben kann. Zum Zustandekommen der an tikomplemen tären Wir- kung ist ein gewisser Zeitraum erforderlich. Die Reihenfolge der Zusätze ist daher, wie bereits Moreschi, Michaelis & Fleischmann, Browning & Sachs, Liefmann, Rose gezeigt haben, nicht gleich- gültig. Es müssen daher erst Antigen, Antiserum und Komplement gemischt werden und bis zum Blutzusatz zur Demonstration maxi- maler Wirkungen 1 — l^/g Stunden verstreichen. Nach Amiradzibi & Bächer spielt bei der Schnelligkeit des Zustandekommens der Komple- mentbindung auch die A vidi tat der Antikörper eine wesentliche Rolle. Daß die quantitativen Verliältnisse zwischen Autigen und Antiserum bei der Komplementbindung eine selir wesentliche Rolle spielen, ist schon erwähnt worden. Sowohl Antigen- als auch Antiserumüberschuß können hemmen. In gewissen Grenzen sinkt andererseits mit einer Erhöhung der einen Komponente der zur Komplenientbindung erforderliche Bedarf an der anderen (Fleischmann & Michaelis, Moreschi, Neisser & Sachs, Liefmann, Morgenroth & Stertz, Gay, Dean, Amiradzibi & Baecher u. a.). Bemerkenswert sind in dieser Hinsicht die Versuche von Amiradzibi & Baecher, aus denen sich ergibt, flaß bei kurzdauerndem Digerieren vor dem Blutzusatz sich das Opthnum der Antiserummenge sehr markant zeigt. Liefmann gelang es nicht, durch nach- träglichen Zusatz von Antigenüberschui^ die einmal erzielte Komplemenibin- dung wieder aufzuheben. Ob wirklich ein Antikörperüberschuß immer bei der Aufhebung der Kom- plementbindung das wesentlichste Moment darstellt, soll dahingestellt bleiben. Es könnte sich einerseits um eine Interferenz hämolytischer Ambozeptoren des Antiserums, dann aber auch um antagonistische Hemmungswirkungen größerer Serummengen im Sinne von Bürdet & Gay handeln. NoGUCHl & Bronfen- brenner beschreiben insbesondere die Hemmung der Komplementbindung durch die Interferenz von inaktiviertem Serum und Eiereiweiß, deuten diese Befunde allerdings in dem Sinne, daß das Bindungsvermögen nicht nur gegenüber dem Komplement, sondern auch gegenüber anderen Eiweißstoffen in Betracht kommt. Liefmann denkt an die Möglichkeit einer Komplementablenkung durch über- schüssigen Ambozeptor im Sinne des NEissER-WECHSBERGschen Phänomens. Was die quantitativen Beziehungen zwischen komple- mentbindendem Komplex und hämolytischem System an- langt, so ist es von vornherein selbstverständlich, daß man zur Er- zielung maximaler Wirkungen einen Ueberschuß von Ambozeptor und Komplement vermeiden muß. Bemerkenswert ist, daß auch für die spezifische Komplementbin- dung Angaben vorliegen, welche auf die Bedeutung nicht nur des Komplementgehaltes, sondern auch der individuell variierenden Deviabilität der komplettierenden Sera hinweisen, was allerdings bei der WAssERMANNschen Syphilisreaktion eine größere Rolle zu spielen scheint (vgl. hierzu Browning & M'Kenzie, Browning & Wilson, M. Stern, Noguchi & Bronfenbrenner u. a.). Es sind nun bei der Hämolyse (vgl. an früherer Stelle) Ambo- zeptor- und Komplementbedarf in gewissen Grenzen umgekehrt pro- 922 Hans Sachs, portional. Wie bereits Morgenroth & Sachs für antikomplementäre Wirkungen im allgemeinen gezeigt haben, ist die antikomplementäxe Kraft mehr abhängig von der Ambozeptormenge als von der Komple- mentmenge. Trotz der Wandlung unserer Auffassung über die anti- komplementären Funktionen bestehen diese tatsächlichen Angaben, wie MoRESCHi gezeigt hat, auch bei Berücksichtigung der komplexen Kon- stitution der die antikomplementäre Wirkung betreffenden Stoffe zu Recht. Man erhält daher im allgemeinen stärkeres Komplementbin- dungsvermögen, wenn man zum hämolytischen System geringe Ambo- zeptormengen wählt, obwohl dadurch große Komplementdosen erforder- lich werden. Meist empfiehlt es sich, Immunambozeptoren und nicht ^ormalsera zu verwenden, nachdem Uhlenhuth gezeigt hat, daß eigenhemmende Wirkungen, welche die Beurteilung der spezifischen Komplementbindung stören können, bei Verwendung von Immunambozeptoren weniger interferieren. Ueber die Spezifität der k o m p 1 e m e n t b i n d e n d e n Anti- körper ist im wesentlichen das gleiche zu sagen, wie über die Anti- körperspezifität im allgemeinen. Der Spezifitätsbegriff wird natürlich auch hier durch die Rezeptorkonzeption determiniert. " Vergleicht man das Verhalten der komplementbindenden Antikörper in bezug auf die Spezifität mit anderen Antikörperwirkungen, so erscheint sie bei Verwendung tierischer gelöster Antigene als außerordentlich markant; das haben im Anschluß an die Untersuchungen Moreschis insbesondere die Arbeiten von Neisser & Sachs, Wassermann & Schütze, Rickmann, Bauer, Brück und viele andere erwiesen (demgegenüber müssen wohl frühere Angaben von Schultz & Marx auf Besonderheiten in den Versuchsbedingungen zurückgeführt werden). Besonders übertrifft die Komplementbindungsmethode in gewisser Hinsicht die Präzipitationsreaktion an Spezifität. Wenn man nämlich mit absteigenden Antigenmengen arbeitet und als ,,Spezif itätsbreite" dasjenige Multiplum der minimal reagierenden Dosis bezeichnet, welche von einer heterologen Eiweiß- art zum Zustandekommen der Komplementbindung erforderlich ist, so kann man bei geeigneter Versuchsanordnung sich leicht davon überzeugen, daß die Spezifitätsbreite bei der Komplementbindung erheblich höher ist als bei der Präzipitation. Es soll dabei dahin gestellt bleiben, ob diese größere Spezifität auch auf den Charakter der die Reaktion vermittelnden Antikörper zurückzu- führen ist, oder ob dieselbe allein dadurch bedingt wird, daß man bei der Komplementbindung mit erheblich geringeren Antiserummengen arbeiten kann (vgl. auch Neisser & Sachs, Rickmann, Sachs & Bauer, Bauer, Brück u. a.). Jedenfalls ist die Verwendung minimaler Antiserummengen für die scharfe Differenzierung von Antigenen ein wesentlicher Vorteil, indem dabei auch auf heterologe Antigene wirkende Partialantikörper nach Möglichkeit aus- geschaltet werden. Andererseits kann sich bei Verwendung größerer Antiserumdosen die Kom- pleraentbindung durch ihre große Empfindlichkeit auch gut zum Nachweis von Verwandtschaftsreaktionen resp. von gemeinsamen Partialrezeptoren eignen. Je nach dem Zweck, den man verlangt, wird man also, wie dies Neisser & Sachs ausgeführt haben, die Komplementbindung als Methode entweder sehr empfind- lich oder sehr spezifisch gestalten können. Organspezifische Antikörper sind nicht ohne weiteres nachzuweisen (vgl. hierzu Michaelis & Fleischmann, Miller, Schütze u. a.), unter Umständen aber doch differenzierbar, wie bereits Brück für Blut, Sperma und Eiter angibt. Eine Sonderstellung nimmt bei der Komplementbindung ebenso wie bei der Präzipitation, wie wir durch Unter- suchungen von Uhlenhuth & Römer wissen, die Linse ein, deren Rezep- torenapparat eben wesentlich durch organspezifische Strukturen charakterisiert ist. Fleischmann & Davidsohn geben an, daß die durch Immunisieren mit Organzellen erzeugten Antisera bei der Komplementbindung nicht auf homo- loges Serurn wirken (vgl. auch Angaben von Fleischmann über Komplement- bindung mit trypsinverdautem Rinderserum). Differenzen zwischen den bei der Komplementbindung in Reaktion treten- den Antigenen des Blutserums und den hämolysinbindenden Blutkörperchen- Hämolysine des Blutserums. (Cytotoxische Sera.) 923 rezeptoren ergaben die Untersuchungen von MuiR & Martin. (Die hämolyti- sclien Ambozeptoren können auch aus einem durch Seruminjektion gewonnenen Antiserum durch Blutzellen entfernt werden, ohne daß das Antiserum seine komplemeutbindende Kraft verliert.) Der Nachweis organspezifischer Struk- turen auch an anderen Organen ergibt sich aus den Untersuchungen Halperns (cf. daselbst die Literatur) über Komplementbinduag durch Antiserum, welches durch Autoimmunisierung mit Organen gewonnen wurde. Ueber Differenzierung von Milch mittels Komplemehtbindung, der Milch von Blutserum und der Milcheiweißkörper berichten Arbeiten von Bauer und seineu Mitarbeitern (Kollmeyer, Graetz, Bauereisen u. a.j, ebenso über die Differenzierung des Fibrinogens von den Eiweißkörpern im Blutplasma (Bauer & Engel (Untersuchungen über die Differenzierung des Globins siehe bei Browning & Wilson). Im einzelnen soll an dieser Stelle auf die verschiedenen Anwendungsmög- lichkeiten nicht eingegangen werden, es sei in dieser Hinsicht auf das Kapitel über spezifische Diagnostik des 3. Bandes verwiesen, wo auch die Technik und Methodik der Komplementbindungsmethode eingehend besprochen werden. Für die Spezifität der gegen bakterielle Antigene gerichteten Antisera gelten grundsätzlich dieselben Gesetze. Tatsächlich hat sich auch die Spezifität der Reaktion bereits aus den Untersuchungen von Bürdet & Gengou, Wassermann & Brück, Kolle & Wassermann, Krumbein & Schatiloff u. a. ergeben. Was die Beziehungen der Spezifität von Komplementbindung und anderen Antikörperreaktionen anlangt, so ist von manchen Autoren ange- geben worden, daß die Spezifität der komplementbindenden Antikörper die- jenige anderer Antikörper nicht erreicht (Neufeld & Haendel, Haendel, Ballner & Reibmayer, Schütze, Eysbroek, Ruffer und andere). Es kommt hierbei offenbar sehr wesentlich auf die quantitative Gestaltung der Ver- suchsanordnung an, die für den speziellen Fall gesondert zu erproben ist. Es ist dabei durchaus die Möglichkeit gegeben, daß in gewissen Fällen gemein- same Partialrezeptoren sich in feinerer Weise nachweisen lassen, als bei Ver- wendung anderer Immunitätsreaktionen. Man muß dann durch Herabminde- rung der Bakterien- oder der Antiserummengen zu einer größeren Spezifität zu gelangen suchen. Bei quantitativer Gestaltung der Methodik gelingt es jeden- falls auch bei der Komplementbindung mit bakteriellen Antigenen sowohl zu strenger Differenzierung, als auch zur Demonstration von Verwandtschafts- reaktionen zu gelangen. Als Beispiele derartiger Feststellungen seien die Ar- beiten von Altmann & Schultz, Dean und anderen genannt. Im einzelnen muß hier auf die die Infektionserreger im besonderen behandelnden Kapitel verwiesen werden (vgl. auch das Kapitel über spezifische Diagnostik im 3. Bande). Die Komplementbindung tritt ebenso wie im Reagenzglas auch in vivo auf, wenn Antigen und Antikörper zusammentreffen, wie das bereits die Untersuchungen von Moreschi, Pfeiffer & Moreschi ge- zeigt haben. Zahlreiche Beobachtungen über den Vorgang in dieser Hinsicht sind durch die Arbeiten über Anaphylaxie ermittelt worden, auf die aber an dieser Stelle nicht eingegangen werden kann. Verwiesen sei in diesem Zusammenhang auf die bekannten Versuche Wassermanns, durch die Injektion antikomplementär wirkender Sera und den hierdurch bedingten Komplementverbrauch die Resistenz gegenüber gewissen Infektionen zu brechen. Wenn wir das Tatsachenmaterial über Komplementbindung zu- sammenfassen, so scheint uns auf Grund der vorangehenden Ausfüh- rungen nichts im Wege zu stehen, die die Komplementbindung ver- mittelnden Antikörper zu den Ambozeptoren, also den Rezeptoren 3. Ordnung im Sinne Ehrlichs, zu rechnen. Es soll dabei die Frage nicht näher berührt werden, ob es sich bei den verschiedenen Erschei- nungsformen, unter denen die Antikörper mit den Antigenen reagieren, um einen einheitlichen Antikörper handelt oder nicht. In diesem Sinne ist es auch nicht von besonderer Bedeutung, ob der die Komplement- bindung und Präzipitation bewirkende Antikörper ein einheitliches 924 Hans Sachs, Gebilde ist, der die verschiedenen Wirkungen durch verschiedene funktionelle Gruppen oder je nach Beschaffenheit des Antigens, auf das er wirkt, ausüben kann. Jedenfalls aber müssen, wie noch einmal wiederholt sei, makroskopisch sichtbare Präzipitation und Komple- mentbindung in funktioneller Hinsicht voneinander unterschieden werden. Verwiesen sei auch in diesem Zusarameuhang auf das von Nicolle auf Grund seiner in Gemeinscliaft mit Pozerski 6i Abt ausgeführten Untersuch- ungen aufgestellte System der Antikörper, welches in der Differenzierung zweier Antikörpertypen, und zwar der Koaguline und der Lysiue besteht. Zu den Koagulinen gehören nach Nicolle die Agglutinine und Präzipitine, zu den Lysinen die lytisclien Ambozeptoren und die komplementbindenden Antikörper. Nicolle schreibt auch den komplementbindeuden Antikörpern, wenn auch eine Einwirkung in vitro nicht deutlich wahrzunehmen ist, eine lytische Funktion zu, die sich in dem Freiwerden von Endotoxinen dokumentieren soll. In der Wir- kung der lytischen komplementbindenden Antikörper erblickt Nicolle auch die Ursache für die Erscheinungen der Anaphylaxie (vgl. hierzu auch das Kapitel über Anaphylaxie, insbesondere die Arbeiten von Friedberger). Auch bei gegenüber Toxinen überempfindlichen Tieren will Nicolle den Nachweis von komplementbindenden Antikörpern geführt haben; ebenso beschreibt Armand- Delille die Demonstration von Komplementbindung beim Zusammenwirken von Toxinen und ihren spezifischen Antiseris, besonders solchen, deren Träger Zeichen von Anaphylaxie darg^eboten haben (vgl. jedoch die negativen Er- gebnisse von Schürmann & Sonntag bei Komplementbindungsversuchen- mit spezifischen antitoxischen Antiseris). Wenn nun die durch das spezifische Zusammenwirken von Antigen und Antikörper bedingte Komplementbindung in bekannten Anti- körperwirkungen und insbesondere in der Ambozeptorfunktion ihr Analogon findet, so wird das Verständnis nicht unerheblich dadurch erschwert, daß das gleiche Phänomen der Komplementbindung auch durch das Zusammenwirken zweier Komponenten erzielt werden kann, die keineswegs im Verhältnis von Antigen und Antikörper zueinander stehen. Tatsächlich sind ja eine Reihe derartiger Erscheinungen bekannt. So sei hier auf die Versuche Seligmanns verwiesen, nach denen es auch ohne Präzipitatbildung durch das Zusammenwirken zweier Chemikalien ge- lingt, die Komplementwirkung aufzuheben, und in gewissem Sinne gehören auch hierher die autikomplementären Wirkungen durch chemische Niederschläge etc. (vgl. hierzu besonders Landsteiner & Stankovic, Hailer u. a.), bei denen der Komplementschwund auf physikalische Adsorptionsphänomene wohl zu- rückgeführt werden muß. An erster Stelle aber sind die Kompleraentbinduugs- erscheinungen zu erwähnen, welche durch das Zusammenwirken von Blutserum und solchen Agentien bedingt werden, denen ein Antigencharakter nicht ohne weiteres zugesprochen werden kann. ^Vir müssen zwar den in theoretischer und praktischer Hinsicht bedeutsamsten Typ, die Serodiagnostik der Syphilis mittels WASSERMANNscher Reaktion, an dieser Stelle von der Besprechung ausschalten, möchten aber doch gerade in diesem Zusammenhange darauf hin- weisen, daß nach zahlreichen Erfahrungen weitgehende Analogien sowohl in dem Verhalten der Komponenten als auch in bezug auf die Form ihres Zu- sammenwirkens bei der spezifischen Komplementbindung und bei der VVasser- MANNSchen Reaktion unverkennbar sind. Die Interferenz nichtspezifischer Komplementbindungsvorgänge kann unter Umständen spezifische Antikörper vortäuschen, und ihre Kenntnis ist daher nicht nur von theoretischer, sondern auch von me- thodologischer Bedeutung. Insbesondere ist beim Nachweis von Anti- körpern im menschlichen Blutserum die Möglichkeit zu berücksich- tigen, daß ein Vorgang im Sinne der WASSERMANNschen Syphilisreak- tion interferiert. Hämolysine des Blutserums. (Cytotoxische Sera.) 925 Die zur Serodiagnostik der Syphilis erforderlichen Lipoide sind ja in vielen als Antigen fungierenden Extrakten vorhanden, und daß man in der Tat auch durch das Zusammenwirken von Bakterienextrakten mit Syphilitikerserum Kom- piementbindung erhalten kann, iiaben die Untersuchungen von G. Meier (vgl. auch PoRGES & Meier), sowie Schatiloff & Isabolixski gezeigt. Wir wissen ferner seit den Untersuchungen von Sachs & Altmann, daß bei Ver- wendung aktiven Serums sogar auch nichtsyphilitische Menschensera mit alko- hoüschen Extrakten Komplenientbindung ergeben können, und man darf daher annehmen, daß unter Umständen eine Abnahme der Komplenientbindung beim Erhitzen des Antiseruras durch eine Eliminierung unspezifischer Hemmungs- phänomene bedingt sein kann. Es scheint demnach durchaus denkbar, daß in- aktivierte Antisera eine größere Spezifität der Wirkung bei der Komplement- bindung dokumentieren als aktive. So berichtet auch Nogüchi über unspezifische Reaktionen beim Zusammenwirken aktiver menschlicher Blutsera mit Tuberkulin, Pepton, Albumosen, Glykogen, Extrakten aus Bakterien und Organen, während diese Reaktionen beim Inaktivieren der Sera schwinden. Xoguchi fordert daher im Interesse der Spezifität die Verwendung inaktivierter Sera für die Kom- plementbindung (vgl. hierzu auch Morgenroth & Rabinowitsch, Müller & Suess, Schultz). Unter gleichen Gesichtspunkten sind offenbar auch die thermolabilen Peptonambozeptoren Fükuharas zu betrachten. Vgl. auch An- gaben über unspezifische Bindung mit Tetanus-. Diphtherie- und Tuberkulose- sera bei Schürmann & Sonntag. Wenn man auch bei der WASSERMANNSchen Reaktion eine Be- teiligung von spezifischen Antigenen nicht ganz ausschließen will, so ergeben sich doch zum mindesten für die große Reihe auch mit reinen Lipoidlösungen positiv reagierender Sera keine zwingenden Anhaltspunkte für die Interferenz spezifischer Antikörperreaktionen. Trotzdem ist es bei den mannigfachen Analogien verlockend, beide Erscheinungsformen in letzter Hinsicht auf einheitliche Ursachen zurückzuführen. Friedemann glaubt ja in der Tat, in der anti- komplementären Globulinwirkung hier das gemeinsame Band gefunden zu haben. Auf Grund der physikalischen Betrachtungsweise hat man ver- sucht, die antikomplementären Wirkungen im allgemeinen auf eine einheitliche Ursache zurückzuführen, wie das besonders die Arbeiten von Landsteiner, Seligmann u. a. erstreben. Auch Wassermann & CiTRON haben die Möglichkeit diskutiert, daß die Veränderung der physikalisch-chemischen Beschaffenheit eines Moleküls durch den Ein- tritt von anderen Substanzen in dieses die Ursache der Komplement- bindung ist. Trotzdem handelt es sich aber bei einem derartigen Erklä- rungsversuch auch nur um die letzte Stufe des Prozesses. Als wesent- liches Moment erscheint immerhin die Tatsache, daß die spezifischen Antigen-Antikörperreaktionen und nichtspezifisches Zusammenwirken zweier Komponenten das gleiche Resultat ergeben. Wenn man den physikalischen Zustand verantwortlich machen will, kann man daher vielleicht in der Funktion des Extraktes bei der Wassermann- schen Reaktion bereits das Analogon der durch das Zusammenwirken von Antigen und Antikörper resultierenden Funktionsfähigkeit vermuten, und das Syphili- tikerserum könnte dann normalen Bestandteilen des Antiserums entsprechen, nur wäre es eben von dem normalen Serum dadurch differenziert, daß es bereits durch erheblich geringgradigere Einflüsse noch mit dem Ausdruck der Komplenient- bindung reagiert. So harren, gerade wenn man bestrebt ist, die mannigfachen Er- scheinungsformen einer einheitlichen Betrachtung zu unterziehen, noch zahlreiche Fragen aus dem Gebiete der Komplementbindung trotz der ausgiebigen Bearbeitung, welche dieses Kapitel in den letzten Jahren erfahren hat, ihrer Lösung. 926 Hans Sachs, Anhang. Cytotoxische Antikörper. Im Verlauf der vorangeheuden Darstellung ist bereits mehrfach berührt worden, daß die Serumwirkungen nicht allein gegen Blutkörperchen und Bak- terien, sondern auch gegen andere Zelltypen gerichtet sein können. Tatsächlich entstehen gleichsinnig wirkende Antikörper (Ambozeptoren, Agglutinine) auch bei Einführung der verschiedenartigsten Organzellen in den fremdartigen Organismus, und man bezeichnet ihre Gesamtheit in der Regel, dem Vorgang Metschnikoffs folgend, als ,,Cy totoxine" *) Direkt wahrnehmbar sind die Cytotoxiuwirkungen naturgemäß nur bei solchen Zellarten, welche, ebenso wie die Blutkörperchen, sinnfällige Veränderungen leicht erkennen lassen. Es kommen dabei wesentlich in Betracht die Cytotoxine gegen Flimmerepithel- zellen (v. Dungern), gegen Spermatozoen (Landsteiner, Metschnikoff, MoxTER, London u. a.), gegen Leukocyten (Metschnikoff), gegen Corpus- luteum-Zellen (Lichtwitz). In anderen Fällen muß man sich mit den indirekten Methoden des Anti- körpernachweises begnügen. Dafür kommen an erster Stelle die Komplement- bindungsmethode, die jedoch nur dem Antikörpernachweis, nicht der Analyse der Toxinwirkung gelten kann, in Betracht (vgl. das vorangehende Kapitel, sowie den 3. Band), ferner die sog. bioskopischen Methoden (vergleiche Band 3)**). Ueber Beobachtung von Cytotoxinwirkungen durch Prüfung auf elek- trische Erregbarkeit berichtet Bayer. Die Kulturen lebender' Gewebe haben zum Nachweis von Cytotoxinwirkungen Hadda & Rosenthal benutzt (cf. auch Chandier Foot und Lambert & Hanes). Zahlreiche Arbeiten über Cytotoxine***) suchten einerseits durch spezi- fische Einwirkung auf bestüumte Zellterritorien oder Organe zur experimen- tellen Erzeugung und Analyse von Organerkrankungen zu gelangen imd galten andererseits einen Emblick in die Pathogenese von gewissen Krankheiten zu gewinnen. Es handelt sich dabei insbesondere um die Frage, ob durch Cyto- toxiubildung und Wirkung infolge von Zellzerfall ein Circulus vitiosus entstehen könnte, der zur Schädigung des Organs führt. Die experimentellen Ergebnisse sind im allgemeinen nicht leicht zu beurteilen, weil die Mehrheit der Cytotoxine keineswegs streng organspezifisch wirkt, vielmehr ein weitgehendes Uebergreifen der Rezeptoren zwischen den Geweben einer Tierart statt hat. Für die Frage der Pathogenese von Krankheiten ist es zudem an erster Stelle maßgebend, ob die Möglichkeit einer Autoantikörperbildung gegeben ist. Manche Organeiweiße wie die Linse (Uhlenhuth, Römer) und die Geschlechtszellen f) (Metallni- KOFF, Adler, Dunbar u. a.) sind allerdings in ihrer Antigenfunktion hoch- gradig organspezifisch charakterisiert ff). Bei den anderen Organen kann man nur von einer mehr oder weniger partiellen Organspezifität sprechen (vgl. ins- besondere die neueren Arbeiten von v. Dungern & Hirschfeld, Halpern etc.). Dabei ist es aber denkbar, daß ein geringer Teil organspezifischer Partial- rezeptoren zu Autoimmunisierungsprozessen hinreicht, v. Dungern & Hirsch- feld sehen als Vorbedingung für die Möglichkeit einer Autoantikörperbildung an, daß die Antigene blutfremd sind. Damit wären allerdings die Bedingungen für die Entstehung von Autocytotoxinen durch Organrezeptoren eher gegeben, als durch die Rezeptoren des Blutes. Trotzdem fehlt es bisher für die An- nahme, daß ein durch Autocylotoxinbildung veranlaßter Circulus vitiosus zu Organerkrankungen führen könnte, an hinreichenden experimentellen Belegen. *) Je nach den Zellarten, gegen welche die Cytotoxinwirkungen ge- richtet sind, spricht man von Epitheliotoxin, Spermotoxin, Leukotoxin, Hepato- toxin, Nephrotoxin, Neurotoxin etc. **) Agglutininwirkungen kan^i man ünmerhin auch an Organzellemulsionen beobachten, wie das Michaelis & Steindorff für das Ricin gezeigt haben. ***) Daß auch normales Blutserum ebenso wie die Blutkörperchen auch andere tierische Zellen (Leukocyten) schädigen kann, hat bereits Buchener beobachtet. Ueber cytotoxische Normalserumwirkungen vgl. ferner die Arbeiten von London, Sachs, Flexner & Noguchi, Noguchi. Hess & Römer u. a. t) Dementsprechend können auch im Normalserum A u t o spermotoxine nachgewiesen werden (London); vgl. auch Hess & Römer. tt) Verwiesen sei auf die Versuche v. Dungerns, nach denen Eier- immunsera auch auf die Spermatozoen der gleichen Art wirken (Asterias etc.). Hämolysine des Blutserums. (Cytotoxische Sera.) 927 Zu rechnen ist immerhin mit der Möglichkeit, daß unter dem Einfluß patho- logischer Prozesse Veränderungen eintreten, die erst die Bedingungen zu einer wesentlichen Autoantikörperbildung schaffen. Im einzelnen soll auf die große vorliegende Literatur nicht eingegangen werden; es mag genügen, noch auf die Arbeiten und zusammenfassenden Uebersichten von London, Metschnikoff, Weichardt, Flexner, Lüdke, Römer, Sachs, Sata, Sobernheim, Theo- HARi & Babes, Fleischmann & Davidsohn, Centanni, Fiessinger, van Cal- CAR, Joannovics. Landsteiner, Kapsenberg u. a. zu verweisen. In ihrem Wirkungsmechanismus stünmen die cytotoxischen Sera mit den hämolytischen und bakteriolytischen prinzipiell überein (vgl. die zitierten Ar- beiten). Bezüglich der Beziehungen der Cytotoxine zu der Carcinomforschung sei auf das letzteres Gebiet behandelnde Kapitel dieses Handbuchs verwiesen. Von dem Gedanken ausgehend, daß die in größeren Mengen cytotoxisch oder hämolytisch wirkenden Sera in geringen Dosen einen stimulierenden Reiz auf die betreffenden Organe ausüben müßten, hat Metschnikoff auf die Mög- lichkeit hingewiesen, Cytotoxine therapeutisch als ZeUstimulantien zu verwenden (cf. auch M. Jacoby, Kapsenberg). Von Cantacuzene wurde über eine stimulierende Wirkung von hämolytischem Serum auf das hämatopoetische System berichtet, von Metschnikoff & Besredka über günstige Erfolge von Leuko- toxininjektionen bei Leprakranken. . Literatur. I. Zusammenfassende Darstellungen. 1 Armand-Delille, P. F., Anticorps, antigenes et deviation du complemeut. L'oeuvre medico-chirugical, Nr. 55. Paris, Masson & Co., 1909. - — Technique du dosage par ia methode de deviation du complement. Paris, Masson, 1911. ^Arrhenius, S., Immunochemie. 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Aus einer Eeilie klinischer Beobachtungen hat v. Pirquet den Begriff der „Allergie" abstrahiert. Er definiert ihn^ als die veränderte Reaktionsfähigkeit («aatj spY=ia), welche der menschliche oder tierische Organismus durch das Ueberstehen einer Krankheit oder durch die Vorbehandlung mit körperfremden Sub- stanzen erwirbt. Der allergische Zustand kann sich, wenn das patho- gene xlgens ein zweites Mal in den Körper eingeführt wird, in ver- schiedener Weise äußern, und zwar : 1. als zeitliche Aenderung der Reaktionsgeschwindigkeit, indem eine sonst vorhandene Inkubationsperiode fehlt oder gegen die Norm merklich abgekürzt erscheint; 2. als rein quantitative Aenderung der Reaktionsgröße, ent- weder im Sinne einer Verstärkung (Ueberempfindlichkeit) oder einer Verminderung, die alle Grade bis zur Reaktionsunfähigkeit zeigen kann (Unterempfindlichkeit, Unempfindlichkeit), und 3. als quaiitative Aenderung der Reaktionsart oder des reagierenden Gewebes. Alle Stoffe, die den Organismus allergisch machen, nennt v. Pir- quet Allergene. Er hatte bei der Formulierung des Allergie- begriffes, wie er selbst betont, nur Immunitätsreaktionen im Auge und beschäftigte sich auch ausschließlich mit dem Studium solcher Prozesse (Infektionen, Serumkrankheit); es ist jedoch leicht einzusehen, daß der Ausdruck „Allergie" entsprechend seinem AVortsinne und der Definition seines Schöpfers einer viel weiteren Deutung zugänglich ist. Die Gewebszellen können auf sehr verschiedenartige Reize in zeitlich, quantitativ und qualitativ ge- änderter Form reagieren, wenn eine wiederholte Einwirkung statt- findet; solcheReize können nicht nur von Antigenen (Mikroorganismen, Toxin, heterologem Eiweiß) ausgeübt werden, sondern auch von nicht antigenen Substanzen mit relativ einfacher und genau bekannter chemischer Konstitution. Nach häufiger Zufuhr von Morphium, Atropin (Fleischmann, Cloetta), Arsen, Digitalis (v. Lhotäk), Alko- 60* 948 Robert Doerr, hol etc. entwickelt sich eine oft hochgradige Unterempfindlichkeit („Angewöhnung"); andererseits kann Ueberempfindlichkeit eintreten nach wiederholter Injektion von Cocain (Adducco), Apomorphin (Richet), Atoxyl und Strychnin (Moro und Stheemann), Morphium, Antipyrin (Cruveilhier^), Salvarsan (Iwaschenzow, Hoffmann & Jaffe, Leven, Wechselmann, Lesne & Dreyfus), Chinin (Pereira Cabrera), ja Kochsalz (le Play 4^) oder nach mehrmaliger äußerer Applikation von Sublimat (Stein), Jothion und Salicyl (Sauerland), und zwar unter Verhältnissen, welche eine Summation der Gift- wirkung unwahrscheinlich machen. Die allergischen Phänomene in diesem weitesten Sinne müssen daher zunächst nach der Natur des die Reaktion auslösenden Stoffes in zwei große Gruppen eingeteilt werden : 1) Die erste umfaßt alle Fälle, in denen die geänderte Reaktionsfähigkeit auf Antigenwirkung beruht, also das Gesamtgebiet der Immunität. Die wirksamen Stoffe, die Antigene, sind hochmolekulare Kolloide, welche in chemischer Beziehung durchwegs in die Gruppe der Eiweißkörper und ihrer Derivate gehören ; ihre g,enauere Zu- sammensetzung und physikalische Beschaffenheit wurde bisher so wenig erschlossen, daß sich die wahrscheinlich gemeinsame Ursache des Antigencharakters noch größtenteils unserer Einsicht entzieht (vgl. E. P. Pick, Biochemie der Antigene, dieses Handb., Bd. I). Sie können zurzeit auf synthetischem Wege aus elementaren Grundstoffen nicht aufgebaut werden (über Polypeptide als Anaphylaktogene siehe S. 1005) ; die komplizierten Stoffwechselprozesse des pflanzlichen und tierischen Lebens bilden die einzige Quelle, welche Antigene liefert, und zwar in der Form heterogener, variabler Gemenge, aus welchen eine Isolierung (Reindarstellung) des essentiellen Faktors in Form einer chemisch definierbaren Substanz bisher noch nicht geglückt ist. Das wesentliche Kriterium der Antigene besteht nach dem heutigen Stande unseres Wissens darin, daß sie die Gewebe des leben- den Organismus zur Produktion eigenartiger Schutzstoffe veranlassen, die dann in das Blutplasma abgestoßen werden und die man als Antikörper (Ergine nach v. Pirquet) bezeichnet. Dies tritt — wenn man von den Ergebnissen forcierter oder anomaler Versuchs- bedingungen absieht — meist nur dann ein, wenn man die Antigene parenteral zuführt, da bei der Einverleibung per os teils durch die Verdauungsfermente, teils durch die Tätigkeit der Darmwand tiefgreifende Zersetzungen stattfinden, w^elche einen Abbau des Anti- gens zu nicht mehr antigenen Spaltprodukten bedingen. Die im Blutplasma resp. Serum enthaltenen Antikörper besitzen chemisch-physikalische, hochspezifische Affinitäten zu den Anti- genen, denen sie ihre Entstehung verdanken. Vermengt man ein be- stimmtes antikörperhaltiges Serum mit seinem korrespondierenden Antigen in vitro, so vollzieht sich eine (bisweilen von optisch wahr- nehmbaren Zustandsänderungen begleitete) Reaktion, durch welche die primären physiologischen Wirkungen des Antigens auf den nor- malen Organismus eine einschneidende Aenderung nach zwei Rich- tungen hin erfahren. Das parenteral injizierte Gemisch vermag näm- lich nicht mehr die Bildung des betreffenden Antikörpers auszulösen, wenn man die quantitativen und zeitlichen Bedingungen richtig ge- wählt hat; ferner antwortet das normale Tier auf einen solchen Allergie und Anaphylaxie. 949 Eingriff mit ganz anderen Symptomen, wie auf die parenterale Zu- fuhr des Antigens allein, indem entweder die primäre Toxizität des letzteren aufgehoben oder der ursprünglich blande Charakter in den einer intensiven A'^oxe umgewandelt erscheint. Da diese geänderten Wirkungen, welche die Produkte des in vitro ablaufenden Antigen- Antikörperprozesses im Vergleich zur primären Antigenwirkung nach sich ziehen, den allergischen Phänomenen entsprechen, die man bei \\ i e d e r h 1 1 e r Einwirkung desselben Antigens beob- achtet, so ergibt sich aus den angeführten Fundamentaltatsachen die Berechtigung, auch in letzterem Falle die Antikörper als zu- reichende Ursache der ßeaktionsänderung zu betrachten*). Klar ist dieser Zusammenhang allerdings nur dann, wenn die Allergie gegen ein Antigen dem experimentell nachweisbaren Anti- körpergehalt der Organe oder des Blutes entspricht, besonders bei den passiven Formen der antitoxischen Immunität und der Anaphylaxie, wo die Art und Stärke der allergischen Re- aktion stets durch die Menge des fertig zugeführten Antikörpers bestimmt wird. Hochgradige Antigenallergien können indes auch dann bestehen, wenn weder das Blut noch die Gewebe ausreichende Antikörper- mengen enthalten (lange bestehende aktive antitoxische Immunität oder aktive Anaphylaxie) ; ja es ergeben sich oft direkte Wider- sprüche zwischen der Reaktionsfähigkeit und dem Antikörperbestand eines Organismus, indem hochimmunisierte Tiere mit antitoxinreichem Blute nach kleinen Toxindosen eingehen, oder spezifisch vorbehandelte Meerschweinchen gegen Eiweiß nicht anaphylaktisch sind, trotzdem relativ geringe Mengen ihres Serums passive üeberempfindlichkeit erzeugen**). Es ist natürlich, daß man in allen diesen Fällen, in welchen die Beschaffenheit der Körpersäfte die bestehende Allergie nicht erklärt oder mit ihr kontrastiert, die Ursache in die reagieren- den Zellen verlegen muß. Geht man aber noch weiter und sucht der Tendenz nach einer einheitlichen Auffassung Rechnung zu tragen, indem man auch hier die Antikörper für die geänderte Reaktions- fähigkeit verantwortlich macht, so stößt man auf Schwierigkeiten, die bisher weder die Hypothese noch die Beobachtung oder das Experiment zu beseitigen vermochten. Man hat z. B. im Sinne der EHELicHschen Seitenkettentheorie die im Zellverbande stehenden Anti- körper als ,,sessile Rezeptoren" bezeichnet und mit ihrem Schwund in empfindlichen Zellen die histogene Immunität, mit ihrer Hyper- '■') Diese Ausführungen gelten sowohl für die Toxine als für die Eiweiß- antigene. Tetanustoxin ~j- Tetanusserum wirkt nicht mehr krampferzeugend, die damit injizierten Normaltiere verhalten sich wie aktiv immunisierte gegen das bloße Gift; das Gemisch ruft keine Autitoxinbildung hervor. Rindereiweiß + Antirinderserum ist nicht mehr antigen (Doerr & 5Ioldovan1), löst aber beim normalen Meerschweinchen eine hyperergische, anaphylaktische Reaktion aus, wie sie das spezifisch vorbehandelte Tier nach Rindereiweiß allein zeigt. — Aus der Aufstellung derartiger genereller Gesichtspunkte, welche eine An- wendung auf alle Antigenallergien gestatten, ergibt sich aber durchaus nicht die Notwendigkeit, daß alle Antigen- Antikörperreaktionen einen gemeinsamen Mechanismus besitzen (Friedberger^^). Wenn auch diese Möglichkeit nicht direkt in Abrede gestellt werden kann, so wäre es doch andererseits ebensogut denkbar, daß z. B. die Toxin-Antitoxinreaktion als Synthese, die zwischen Eiweiß und Antieiweißkörper als Abbau verläuft; sichere Kenntnisse in dieser Richtung fehlen. '**) Bei manchen Formen von Antianaphylaxie. 950 ROBEIIT DoElil?, trophie die histogene Ueberempfindlichkeit gegen Toxine begründet, und da man damit nicht ausreichte, außerdem den „sessilen" Anti- körpern andere Aviditäten zum Antigen zugeschrieben als den humo- ralen. Aehnliche Vorstellungen übertrug man auch eine Zeitlang auf die Eiweißantigene. Indes sind die stützenden Tatsachen gering an Zahl und wenig beweiskräftig und die histogenen Antigenallergien bis heute Gegenstand der Diskussion. 2) In die zweite Gruppe wären jene Reaktionsände- rungen zu subsumieren, welche sich nach wiederholter Zellreizung durch nicht antigene, zum Teil chemisch definierte Substanzen einstellen. Hier dürften verschiedene Mechanismen im Spiele sein, die zurzeit noch größtenteils unbekannt sind ; wir können ihnen nur das negative Charakteristikum vindizieren, daß eine Intervention von Antikörpern im Sinne der Immunitätslehre mit Sicherheit ausgeschlossen werden darf. Damit scheint ein prin- zipieller Gegensatz beider Gruppen gegeben zu sein ; ob aber nicht manche Reaktionsänderungen nach wiederholter Einwirkung nicht- antigener Stoffe in letzter Instanz auf denselben Gesetzen des Zell- lebens beruhen, wie bei den Antigenen, muß dahingestellt bleiben, da viele Tatsachen auf einen gewissen Konnex hindeuten. Zunächst ergibt eine von den Ursachen absehende und auf die bloßen Er- scheinungsformen gerichtete Betrachtung eine ganze Reihe von äußeren Analogien sowohl zu den Toxinen als zu den eigentlichen Eivveißantigenen. Nach nicht-antigenen Giften sieht man, wie bereits erwähnt, nicht nur ver- minderte, sondern auch erhöhte Empfindlichkeit eintreten, ebenso wie nach Toxinen, ja es existieren bei ihnen auch „paradoxe" Reaktionen, indem sich z. B. nach langem Morphingebrauch neben steigender allgemeiner Toleranz hochgradige lokale Hypersensibilität entwickeln kann. Eiweißantigene wirken ferner auf Tiere gleicher Species oft außerordentlich verschieden, wie die In- konstanz der Serumkrankheit erstinjizierter Menschen oder die verschiedene Inteu- sität anaphylaktischer Reaktionen bei gleicliartig vorbehandelten Kaninchen und Hunden lehrt; diesem Einfluß der besonderen Kö rper besc haf f eu- heit begegnen wir auch bei chemisch definierten Giften, sowohl was die Erst- wirkung anbelangt (medikamentöse Idiosynkrasien, Salvarsauexantheme) als auch hinsichtlich der Erwerbung hypersensibler Zustände, indem nur bestimmte Indivi- duen bei fortgesetzten Salvarsaninjektionen (Iwaschenzow, Mejrowskv, Hoff- mann & Jaffe, Wechselmann, Bruckler), oder wiederholter Anwendung von Chinhi (Pereira Cabrera), Sublmiat (Stein), Jothion, Salicyl (Sauer- land), Atoxyl, Strychnin (MoRO & Stheemann) etc. die Fähigkeit abnorm gesteigerter Reaktionen akquirieren. Allergien nach Eiweißantigenen und Ueber- empfindlichkeit gegen nicht antigene Gifte stimmen auch insofern vielfach überein, als hier wie dort gleiche Zellterritorien in Mitleidenschaft gezogen werden, so daß die klinische Phänomenologie zahlreiche verwandte Züge aufweist. So entsteht nach der 1. oder 2. Atoxyl- oder Str3^chnininjektion gar keine Lokal rea k t ion; nach wiederholten Einspritzungen entwickeln sich hin- gegen sehr rasch Infiltrate entzündlicher Natur (Mord & Stheemaxx). deren immer bösartiger werdende, zur Nekrose tendierende Beschaffenheit den Arzl oft zum Aufgeben der Therapie zwingt. Die Aehnlichkeit mit den örtlichen Folgen wiederholter Pferdeseruminjektionen (lokale Anaphylaxie nach Arthus^, v. Pir- quet, Lewis ^ Stanculeanu & Nita) ist nicht zu leugnen. Weiter wäre hervorzuheben, daß der menschlictie Organismus auf die erste Zufuhr von heterologem Serum mit denselben Allgemeinerscheinungen (Oedeme, Ex- antheme) antworten kann wie auf die erste Einwirkung bestimmter Medikamente bei vorhandener Idiosynkrasie, und daß die Anfälle, welche man nach wieder- holten intravenösen Salvarsaninjektionen in einzelnen Fällen beobachtet hat, durch ihre Symptome (Dyspnoe, Erbrechen, Husten, Oedeme, kurze Dauer und völlige Erholung trotz des anfangs bedrohliehen Charakters) sehr an das ge- wohnte Bild des anaphylaktischen Shocks erinnern. Es ist ferner gewiß auf- fällig, daß Exantheme nach Erstinjektionen von Serum, Salvarsan, Arsenophenyl- glyzin erst nach einer Inkubation von 7—10 Tagen auftreten, und daß die Allergie und Anaphylaxie. 951 hyperergischen Reaktionen nach wiederholter Salvarsaa- und Serumeinspritzung eine erhebliche Abkürzung der Latenzperiode aufweisen (Wechselmann, Schreiber, Moldovan, Cronquist, Alt u. a. m.); der Grund dieses Verhaltens braucht natürlich nicht in beiden Fällen derselbe zu sehr (Zieler). Die vom Antigenbegriff nicht abtrennbare Spezifität der Wirkung kann gleichfalls nicht mehr m dem strengen Sinne wie früher als unterscheiden- des Merkmal gegenüber den Allergien gegen Nichtantigene verwendet werden. Patienten z. E., welche eine Ueberempfindlichkeit gegen intravenöse Salvarsan- iujektionen erworben haben, vertragen Neosalvarsan in ziemlichen Dosen, ohne dalJ die eben erwähnten Anfälle ausgelöst werden, sind also nur auf ein ganz bestimmtes, nicht aber auf nahe verwandte Arsenpräparate eingestellt (Wechsel- mann, Gennerich J ; ebenso reagiert die hypersensibel gewordene Haut oft in spezifischer Weise nur auf jene Stoffe, welche das Entstehen der Allergie ver- anlaßten (Sauerland). Hochgradige Spezifität treffen wir auch bei ein- zelligen Organismen hinsichtlich der Angewöhnung an chemische Gifte, wie dies aus den chemotherapeutischen Erfahrungen bei Trypanosen, der Resistenz- erhöhung von Bakterien gegen Sublimat, von Hefezellen gegen Eluoride etc. erhellt. Es bestehen übrigens Relationen zwischen spezifischer Antigenallergie und unspezifischer Allergie gegen Nichtantigene; so wissen wir, daß ein durch Antigen spezifisch beeinflußter Organismus eine veränderte un spezifische Reaktionsfähigkeit gegen Nichtantigene erwerben kann (s. S. 990). Die Frage nach den Ursachen der Allergien gegen nichtanti- gene Stoffe läßt sich gegenwärtig weder in einheitlicher noch auch im Einzel- falle befriedigender Weise beantworten. Am genauesten studiert ist die An- gewöhnung an Morphium. Faust wies nach, daß Morphintiere einge- führtes Morphium mit steigender Toleranz immer rascher und vollständiger ver- brennen lernen, während normale fast das ganze Giftquantum im Magendarm- trakt unverändert zur Ausscheidung bringen. Die Verbrennbarkeit des Morphiums scheint auf seiner Hydroxylgruppe zu beruhen; das Kodein, in welchem dieselbe durch CH3 ersetzt ist, wird selbst bei längerer methodischer Zufuhr nicht zersetzt, und dieser mangelnden Oxydierbarkeit entspricht die Tatsache, daß eine Angewöhnung an Kodein nicht stattfindet (Bouma). Aehnlich wie gegen Morphium verhält sich der Organismus gegen Alkohol (Pringsheim), Atropin (Fleischmann, Cloetta) und Harmalagifte (Flury). Fausts Versuche reichen jedoch nicht aus, um zu erklären, warum der morphingewöhnte Körper auf hohe Dosen nur schwach oder gar nicht reagiert, da man unmöglich an eine so rasche Alkaloidverbrennung denken kann, wie sie bei der Schnelligkeit der Morphiumwirkung angenommen werden müßte (Cloetta); auch konnten Rübsamen, Hans Meyer und Gottlieb zeigen, daß der Organismus, speziell das Gehirn „giftimmuner" Ratten ^/2^1 Stunde nach der Injektion einer größeren Dosis noch immer viel Morphium enthält, ja sogar mehr, als das Gehirn gleichvergifteter normaler Tiere. Von der endgültigen Lösung des Problems ist man also zurzeit jedenfalls noch entfernt (Santesson, Egmond); daß man aber durch systematische Morphiumzufuhr eine Steigerung und Be- schleunigung des Giftabbaues erzielen kann, steht fest und bietet ein großes Inter- esse im Hinblick auf die Vorstellungen, die über die Elimination von wiederholt parenteral einverleibten Eiweißantigenen und die Folgen solcher Vorgänge herrschen. — Für Digitalisstoffe besitzt das Darmrohr von Kaninchen zerstörende Eigenschaften, weshalb bei interner Darreichung nur im Magen, aber nicht mehr im Duodenum, im Harn, in den Faeces, Blut, Herz oder Leber Digitoxin oder Digitalin nachweisbar sind; bei Angewöhnung (bis zu 11 g Digi- talispulver pro Tag und Kilogramm Kaninchen) werden diese Fähigkeiten erhöht (Lhotäk). — Die ,,A rseni m mu n i t ä t" soll wieder auf einer verminderten Resorption des AS2O3 beruhen, indem die Darmwand gegen den Arsenik ge- wissermaßen undurchlässig und so wie die anderen Schlehnhäute gegen seine Aetzwirkung resistent wird. Gibt man arsengewöhnten Hunden das Gift sub- kutan, so gehen sie nach ^/gg der per os tolerierten Dosis in wenigen Stunden ein (Cloetta, Hausmann); darnach scheint eine allgemeine Gewöhnung der arsenempfindlichen Gewebe an die spezifische Arsenwirkung nicht stattzufinden. — Bei der Angewöhnung an Kampfer wird die Fähigkeit der Zellen, das Gift durch Synthese mit Glykuronsäure in die unwirksame Camphoglykuronsäure überzuführen, erheblich gesteigert (Schmiedeberg & H. Meyer). — Hefezellen lernen einen bedeutenden Prozentsatz des sonst sehr giftigen Fluorammo- niums in der Nährlösung ertragen, indem sie durch zunehmende Kalk- speicherung im Protoplasma das Fluorid in unlösliches, daher ungiftiges Fluor- oalcium verwandeln (Effront). 952 Egbert Doeur, Noch dunkler als der Mechanismus der Angewöhnung, die sich doch bis- weilen auf eine Steigerung bekannter cellular- chemischer Entgiftungsprozesse zurückführen läßt, ist die durch nichtantigene Substanzen erworbene Ueber- empfindlichkeit. In manchen Fällen mögen stoffliche Kumulationen, Speicherungen von Giften im Körper vorliegen, so daß leicht verständliche Sumraationswirkungen entstehen; bei der überwiegenden Mehrzahl solcher Phä- nomene läßt sich aber keine Giftretention nachweisen oder sie ist zwar vor- handen wie beim Salvarsan (H. Ritter), reicht aber nicht aus, um eme ein- fache Erklärung durch Summation zu ermöglichen. Man hat für derartige Vorkommnisse den Begriff der „funktionellen'' Kumulation geschaffen (Lewin, Zieler), d. h. die Vorstellung, daß wiederholte Reize, welche die Zellen treffen, bevor sie zur Norm zurückgekehrt sind, exzessive Reaktionen auslösen können; diese Definition paßt aber auch auf gewisse Antigenallergien _ cellulären Ur- sprunges, vornehmlich für die Ueberempfmdlichkeit gegen Toxine. _ Im allge- meinen verursacht allerdings der Antigenreiz eme nachhaltigere Umstimmung der getroffenen Zellen als die Einwirkung von Nichtautigenen ; doch lassen sich Beispiele genug anführen, welche diese Regel nach beiden Richtungen durch- brechen. So sah Wechselmann eine einmal erworbene üeberempfindlichkeit gegen Salvarsan auch dann fortbestehen, wenn er zwischen die Injektionen ein Intervall von 3 Monaten legte, und Pereira Cabrera beobachtete „Chinin- anaphylaxie" 15 Jahre nach der ersten Einspritzung des Alkaloids. Im allgemeinen kann man aber wohl den Eindruck gewinnen, daß die Allergien gegen chemisch definierte und kristalloide Gifte cellulären Ursprunges sind und daß dabei Antikörper nicht intervenieren. Allerdhags kann auch die sj'stematische Zufuhr solcher und anderer (zwar kolloider, aber nichtantigener) Substanzen die Produktion antagonistischer Serum Stoffe bewirken; die- selben unterscheiden sich aber von den Antikörpern beträchtlich, vor allem durch den Mangel der Spezifität, und sind wohl auch untereinander nicht gleichwertig. Sie reagieren jedoch mit den Substanzen, deren Einwirkung auf den Organis- mus ihre Entstehung veranlaßte, in vitro, und zwar in dem Sinne, daß die geänderte Reaktionsfähigkeit des wiederholt beeinflußten Körpers aus ihrem Vorhandensein zum Teil erklärt werden kann. — Ein interessantes Beispiel dieser Art enthalten die Arbeiten von Hildebrandt über das Dimethyl-o- toluidin, ein starkes Hämolysin, dessen Dibromderivate weniger hämotoxisch wirken als die Muttersubstanz. Behandelt man ein Tier längere Zeit mit solchen Derivaten, so wird es gegen Dimethyl-o-toluidin resistent und sein Serum schützt in vitro normale Erythrocyten gegen Oelsäure und Saponin. Der schützende Serumstoff ist thermostabil und nach Hildebrandt mit dem Chole- sterin verwandt, da Kaninchen, innerlich oder subkutan mit Cholesterin behandelt, gegen Dimethyl-o-toluidin resistent werden. Die Bildung dieses chemischen An^tikörpers soll durch Abspaltung der Alkylradikale aus den bromierten _ und alkylierten o-Toluidinen erfolgen, an welche sich dann lipophile, antihämolytische Stoffe anlagern. — Etwas näher dürften den echten Antikörpern gewisse un- spezifische Fermente stehen, die im Serum auftreten, wenn man be- stimmte Stoffe parenteral zuführt, die unter normalen Verhältnissen, d. h. bei oraler Einverleibung nicht unverändert in die Zirkulation gelangen, die also nach einem von Abderhalden geprägten Ausdruck ,, blutfremd" sind. Wie der Versuch im Reagenzglas lehrt, vermögen sie das korrespondierende Allergen, allerdings auch chemisch nahestehende Stoffe abzubauen und in einfachere Ver- bindungen zu zerlegen: sie sind zwar nicht in dem Sinne spezifisch wie die Antikörper, doch zeigen sie Anklänge an dieses Phänomen, indem z. B. nach Proteinen nur proteolytische, nach Kohlehydraten nur glykolytische Fermente entstehen. Einzelne finden sich in geringen Mengen schon im Blute und in den Geweben normaler Tiere, wie z. B. die peptolytischen Fermente beim ge- sunden Kaninchen und Meerschweinchen ; man kann hierin ein Pendant zu den normalen, angeborenen Antikörpern erblicken. Letzteren ähnelt auch das atropinizide Serumferment, auf welchem die Immunität der Kaninchen gegen Atropin beruht (Fleischmann, Cloetta. Heffter u. a.), indem der Schutz- stoff das Gift in Tropin und Tropasäure spaltet. — Weinland machte die interessante Beobachtung, daß im Blute junger Hunde nach länger dauernder subkutaner Zufuhr von Rohrzucker das Ferment ..Invertin" auftritt, welches sich normalerweise nur im Darm findet. Nach Abderhalden & Kapfberger. Abderhalden & Rathmann wird dieses Ferment durch 60° C inaktiviert, ist djalysabel, spaltet nicht nur Saccharose, sondern auch Milchzucker und Stärke, nicht aber Raffinose: ebenso entwickelt sich nach Milchzucker- und Stärkeinjektionen ein Invertin für Milchzucker, Stärke und Rohrzucker. Wahr- Allergie und Anaphylaxie. 953 scheinlich besitzen übrigens schon normale Katzen, Hunde und Kaninchen ein gewisses Vermögen, Saccharose parenteral abzubauen, da nach einer ersten intra- venösen oder intraperitonealen Einspritzung grö(5erer Mengen nur ein Teil (65 Proz.) im Harn eliminiert wird (Heilner *, Mendel & Kleiner). — In diese Kategorie gehören auch die Untersuchungen von Abderhalden, Pincus- SOHN, Weichardt & ScHiTTENHELM, Gruber, nach welchen die parenterale Zufuhr der verschiedensten Eiweißkörper, und zwar sowohl solcher, die nebenbei auch Antikörper bilden, als auch nichtantigener (wie Gelatine, höher- und niedermolekularer Peptone) das Erscheinen peptolytischer Fermente im Blutplasma veranlaßt. Dieselben spalten im Reagenzglase in ganz unspezifischer Weise die verschiedensten Proteine, Peptone, Polypeptide, was sich durch das geänderte Drehungsvermögen für die Ebene "des polarisierten Lichtes, sowie durch die Bildung dialysabler Spaltprodukte in Geraischen von peptolytischem Serum mit adialysablen Eiweißkörpern zu erkennen gibt (Abderhalden & PiNCUSSOHN, Abderhalden). Derartige peptoly tische Fermente treten im Serum von Menschen und Tieren auch während der Gravidität auf infolge des Ein- dringens syncytialer Elemente, also blutfremder Stoffe, in die Zirkulation des mütterlichen Organismus; sie sind imstande, koaguliertes Placentargewebe oder aus Placenta hergestellte Peptone abzubauen und fehlen im Serum nichtgravider Individuen, so daß sich ihr Vorhandensein für die Schwangerschaftsdiagnose verwerten läßt (Abderhalden & Kiutsi). Daß sie tatsächlich einer Ein- schwemmung von Chorionzellen ihre Entstehung verdanken, geht daraus hervor, daß nichtschwangere oder männliche Tiere die gleichen Serumeigenschaften ge- winnen wie schwangere, wenn man ihnen Placentargewebe intraperitoneal ein- spritzt (Abderhalden). Wichtig für die Auffassung des Verhältnisses der peptolytischen Fermente zu den Antikörpern der Eiweißantigene ist die Tat- sache, daß auch die parenterale Zufuhr von arteigenem, nicht antigenem Material die Fermentbildung anregt, wie z. B. bei Hunden die Injektion des Blutes anderer Hunde, besonders bei Verschiedenheit der Rasse (Abderhalden und Kämpf). — Diese invertierenden und peptolytischen Fermente besorgen auch in vivo die raschere Aufspaltung blutfremder Substanzen, erleichtern dadurch ihre Elimination und gewinnen dann teleologisch die Funktion von Schutz- körpern (Heilner*, Schittenhelm, Abderhalden), da die Anwesenheit von blutfremdem Eiweiß, Rohr- oder Milchzucker im Säftestrom nicht irrelevant ist, sondern Fieber erzeugt, die Niere schädigt und den Stoffwechsel erheblich stört (Heilner*, Bingel, Davidsohn & Friedemann 2 u. v. a.). Diese zahlreichen, hier nur angedeuteten Analogien waren offen- bar die Ursache, daß man sich so oft bemüht hat, auch das letzte trennende Merkmal der beiden Gruppen allergischer Phänomene aus dem Wege zu räumen, indem man nach der Methodik der Immunitäts- forschung die Existenz von echten Antikörpern im Serum von Per- sonen oder Tieren nachzuweisen suchte, die gegen chemisch definierte Gifte unter- oder überempfindlich waren. Diese Antikörper sollten bei der Giftgewöhnung nach Art der Antitoxine, bei der angeborenen oder erworbenen Ueberempfindlichkeit gegen giftige Medikamente nach Art der anaphylaktischen Eeaktionskörper wirken. In erster Hinsicht sei auf das Antiraorphinserum (Hirschlaff), das Antisolanin- (Pohl) und Antialkoholserura (Toulouse d'Evelyn) verwiesen, welche durch die Untersuchungen von Bashford, Besredka, Morgenroth u. a. als widerlegt zu betrachten sind. Die neueren Arbeiten über antitoxische Sera gegen das alkaloidartige Amanitatoxin (Abel & Ford, Ford & Schle- singer; und die Glukoside aus Rhus toxicodendron (Ford) können hier über- gangen werden, da sie an anderer Stelle (Bd. 1, S. 810 ff.) ausführlich besprochen sind und die an ihnen geübte Kritik mit der Tendenz unserer Darstellung über- einstimmt. Die Versuche, die Ueberempfindlichkeit gegen Substanzen, die man als Nichtantigene anzusehen gewöhnt war, auf echte Antikörper zurückzuführen, und sie dergestalt unter die Antigenallergien, speziell die Anaphylaxie einzu- reihen, nahmen ihren Ausgang von der ätiologischen Analyse der sogenannten Idiosynkrasien. Man versteht unter dieser Bezeichnung eine besondere Körperbeschaffenheit vereinzelter Menschen, derzufolge die orale Aufnahme oder externe Applikation von bestimmten Stoffen, die sonst anstandslos vertragen werden, qualitativ abnorme und ungewöhnlich intensive Krankheitserscheinungen 954 Robert Doerk, nach sich zieht. Manche von diesen Stoffen, gegen welche Idiosynkrasien be- schrieben wurden, sind als Antigene bekannt, wie Eiereiweiß, Schweine- oder Hammelfleisch, Muskelplasma von Krebsen oder anderen Crustaceen, Insekten- gifte, und in solchen Fällen unterliegt es natürlich • keinen Bedenken, echte Antikörper als ätiologisches Moment des auffallenden Verhaltens der betreffen- den Individuen anzunehmen, wenn auch die vorliegenden Beweise noch recht dürftig sind (s. S. 1124). Die Mehrzahl der Idiosynkrasien richtet sich aber gegen nichtantigene, chemisch bekannte Gifte*), deren Zahl sehr groß ist; nach MoKO gibt es kaum einen Arzneikörper, nach dessen Anwendung man nicht bei manchen Menschen atypisch gesteigerte, ,,idiosynkrasi3che'' Reaktionen beobachtet hätte, an welchen sich besonders die Haut beteiligt, indem verschiedenartige Exantheme (Arzneidermatosen), vorwiegend Urticaria, Blasenbildungen, skarla- tinöse oder papulöse Ausschläge, Juckreiz und Oedenie auftreten; bisweilen ent- wickeln sich bald nach der Einverleibung des Medikamentes heftigere AUge- meinsymptonie (Cyanose, Dyspnoe, Ohnmacht, Schüttelfrost und Fieber, Durch- fälle, Darmblutungen), welche rasch vorübergehen und in ihrer Totalität an den anaphylaktischen Shock gemahnen. Die Arznei-Idiosynkrasie eines Individuums besteht entweder nur gegenüber einer bestimmten chemischen Verbindung oder ihren nächsten Verwandten, weist also eine gewisse Spezifität auf, oder ein und dieselbe Person ist gegen mehrere Medikamente idiosynkrasisch, deren chemische Konstitution keine gemeinsamen Charaktere erkennen läßt. Beispiele letzterer Art finden sich bei Wechselmann, Zieler u. a. m., das prägnanteste wohl bei Hertens. (Intoleranz einer Patientin gegen Jodoform, graue Salbe, Subli- mat, Brom, Veronal, Morphium, Bor, Zink, Erdbeeren und Krebse.) Nach Brück, Klausner, Wolfsohn, Cruveilhier, Manoiloff soll nun auch hier die Ursache in einer besonderen Beschaffenheit des Blutserums der idiosyn- krasischen Individuen liegen, welche Brück und Cruveilhier direkt als das Vorhandensein echter Antikörper definieren. Die experimentelle Grundlage dieser Hypothese bildet der Versuch, die Ueberempfindlichkeit mit dem Serum der idiosynkrasischen Patienten heterolog und passiv auf Tiere zu übertragen nach Analogie der spezifischen Eiweißanaphylaxie (s. S. 1012). Die Autoren injizierten ursprünglich bei Meerschweinchen von 300 — 400 g 5 ccm Serum eines idio- synkrasischen Patienten subkutan und reinjizierten gleichfalls subkutan eine subletale Dosis des betreffenden Arzneistoffes nach einem Intervall von 24 Stunden oder mehreren Tagen; später wurden die experimentellen Bedingungen variiert, die Serum- und Arznei-Injektionen auch intraperitoneal und intravenös ausgeführt und statt der Meerschweinchen auch Kaninchen (Manoiloff) ver- wendet. Die vorbehandelten Tiere zeigen kurz nach der Einspritzung des Giftes Symptome, welche eine gewisse äußere Aehnlichkeit mit den Erscheinungen der experimentellen Meerschweinehenanaphylaxie darbieten sollen und sehr intensiv sein können; in manchen Fällen erfolgt ziemlich akut (nach wenigen Sekunden bis mehreren Stunden) der Exitus und der Sektionsbefund kann dann mehr oder weniger dem typisch anaphylaktischen gleichen (Blähung und Oedem der Lunge). Normale Meerschweinchen oder solche, die statt ,, idiosynkrasischen" normales Menschenserum erhielten, reagieren auf gleiche Giftmengen gar nicht oder wenigstens nicht unmittelbar. Durch diese Experimente scheint aber der Nachweis von Antikörpern nach Art der anaphylaktischen Reaktionskörper nicht erbracht. Zunächst läßt sich vom technischen Standpunkte einwenden, daß ganz enorme, an die Letaütäts- greuze streifende Giftmengeu (Jodkali, Jodoform, Antipyrin, Brom und Chinin) erforderlich waren, um bei den mit idiosynkrasischem Serum vorbehandelten Tieren eine intensivere und schnellere R-eaktion zu erzielen als bei den Kon- trollen, während beim idiosynkrasischen Menschen z. B. ein Stäubchen Jodoform *) Zu diesen Substanzen gehört auch der Staub, der sich bei der gewerblichen Verarbeitung ausländischer Holzarten (Mahagoni-, Rosen-, Sandel-, Satin- oder Atlas-, Mouli-Holz) bildet. Die wirksamen Stoffe sollen alkohollösliche, alkaloid- ähnliche Körper _ sein, beim Satinholz das Chloroxylonin (Wechselmann). Nur einzelne Individuen sind überempfindlich und reagieren auf kleinste Mengen Holzstaub, die auf die Haut gelangen, mit Dermatitis; sie werden nach dem Ueberstehen des ersten Anfalles e'ntweder refraktär oder zunehmend hyper- sensibel (Wechselmann, Siegheim, Balbax, Czimatis & Hagemann). — Bei Tieren erzielte Stein durch allmählich steigende Dosen hautschädigender Stoffe eine gegen die Norm erhöhte Toleranz, also eine Allergie der Haut: beim Menschen beobachtete Stein erworbene Ueberempfindlichkeit gegen Sublimat, Sauerland gegen Jothion- und Salicylsalben. Allergie und Anaphylaxie. 955 genügt, um die heftigsten Syrnjitome zu bekommen. Auch erfahren wir nicht, ob die experimentell erzeugte Ueberempfindliclikeit spezifisch war d. h. ob die Tiere nicht auch gegen andere Gifte durch die Vorbehandlung mit idiosyn- krasischem Serum eine Resistenzverminderung erfahren (Volk;, was um so not- wendiger wäre, als Injektionen von Serum, Albumosen, Jodkali, Bouillon die Widerstandsfähigkeit gegen die verschiedensten Agentien herabsetzen. (Stejskal, Kraus, IIeilnek, Volk u. v. a.). Drittens ergaben die nach obigem Schema angestellten Uebertragungsversuche nur bei Jodkali-, Jodoform-, Antipyrin-, Sublimat-, Brom- und Chininidiosynkrasie positive Resultate, denen jedoch auch zweifelhafte oder negative gegenüberstehen (Volk, Zieler, Bloch, Brück, KvKLE, Klausner); bei anderen Formen medikamentöser, klinisch ganz ähn- licher Ueberempfindlichkeit (gegen Hg, Salicylsäure, Veronal, Salvarsan, Fibro- iysin, Absinth) waren völlige Mißerfolge zu verzeichnen (Brück, Klausner, Friedmann , Volk , Zieler , Hoffmann & Jaffe , Lesne & Dreyfus). Ferner wirken alle bekannten Anaphylaktogene bei parenteraler Zufuhr am besten oder sogar ausschließlich, die Jodoformidiosynkrasie manifestiert sich dagegen nur bei Aufbringen des Mittels auf die Haut, nicht aber bei Auf- streuen auf hautentblößte Wundflächen oder nach Injektionen, wenn nur die Haut selbst sicher vor jedem Kontakt geschützt wird (Volk); dieses Verhalten, dem wir auch bei anderen Idiosynkrasien begegnen, ist m'it Antikörpern im Blute als Ursache der Ueberempfindlichkeit nicht zu vereinen und spricht eher für einen cellulären und regionären Grund der abnormen Reaktion. Schließ- lich sind die Arzneiidiosynkrasien beim Menschen meist angeborene Zustände; selbst dort, wo sie nachweislich erworben werden können, wie beim Salvarsan, beim Cliinin, beim Hg etc. hängt die Erzielung der Ueberempfindlichkeit nicht vom Medikament und der Art seiner Anwefidung, sondern von unbekannten Eigen- schaften des Individuums ab (, »geweckte Idiosynkrasie" nach Jadassohn). Würde es sich um Antikörper handeln, so müßte gerade das Umgekehrte der Fall sein, die wiederholte Zufuhr des Antigens müßte viel häufiger die Hyper- sensibilität erst hervorrufen, die wir bis jetzt nur in der kongenitalen Form kennen. Durch die Annahme präexistierender normaler Antikörper (Brück) ist die Forderung nach der immunisatorischen Erzeugung solcher Prozesse beim Menschen und nach der Darstellung resp. Steigerung der hypothetischen Antikörper auf diesem Wege noch nicht erledigt. In diesem Sinne wäre auch zu verlangen, daß sich Tiere z. B. Meerschweinchen mit Arzneikörpern aktiv sensibilisieren lassen, derart, daß sie durch ein- oder mehrmalige Einspritzung eine spezifische Ueberempfindlichkeit akquirieren, und daß im Serum der- selben ähnliche Stoffe auftreten, wie sie Brück und Klausner bei den idiosyn- krasischen Personen voraussetzen. Cruveilhier^ will nun allerdings aktive Antipyrinüberempfindlichkeit beim Meerschweinchen und heterologe passive Uebertragung vom Kaninchen auf das Meerschweinchen erzielt haben; seine Versuche sind aber technisch nicht einwandfrei und lassen den Nachweis der Spezifität vermissen. Sonst waren alle Ergebnisse in dieser Richtung negativ (Volk, Friedberger & Ito^); auch durch wiederholte Salvarsaninjektionen werden weder Kaninchen noch Meerschweinchen gegen diese Droge überemp- findlich (Auer^, Lesne & Dreyfus). Für die Jodidiosynkrasie wäre übrigens eine Erklärung als Antigen-Anti- körperreaktion immerhin möglich. Obermayer & Pick, sowie später H.Freund haben mii Hilfe der Präzipitinreaktion festgestellt, daß die Antikörper, welche durch Jodeiweißinjektionen entstehen, mit Jodeiweiß ohne Unterschied seiner Abstammung, sogar mit jodiertem arteigenem Eiweiß reagieren. Wolff-Eisner hat dementsprechend die Jodidiosynkrasie als eine Antigenallergie, und zwar als Eiweißanaphylaxie aufgefaßt; sie soll auf angeborenen oder durch Jodzufuhr entstandenen Antikörpern gegen Jodeiweiß beruhen, die mit neuerlich zuge- führtem Jod resp. mit dem daraus gebildeten Jodeiweiß unter anaphylaktischen Erscheinungen zusammentreten. Die Experimente, auf welche sich diese Hypo- these (der auch Friedberger & Ito, Schittenhelm & Ströbel, Brück, MoRO beipflichten) zu stützen vermag, werden an anderer Stelle dieses Artikels ausführlich abgehandelt; hier genügt es, darauf hinzuweisen, daß sich derartige Gesichtspunkte auf andere Arzneiidiosynkrasien nicht anwenden lassen, da wir Kuppelungen der betreffenden Stoffe mit Eiweiß, die eine „konstitutive Spezi- fität" besitzen würden, nicht kennen. Noch bedeutungsvoller scheint es, daß sich nicht einmal alle Idiosynkrasien gegen Jodverbindungen diesem Ideengange anpassen lassen. Bloch hat gezeigt, daß die Jodoformidiosynkrasie höchst- wahrscheinlich nicht humoraler, sondern cellulärer Natur ist, da transplantierte Hautlappen von Idiosynkratikern auf normalen Menschen rasch zugrunde gehen, 956 Robert Doerr, wenn man sie mit Jodoform bestreut; auch ist es nicht das Jod, auf welches die Haut solcher Individuen exzessiv reagiert, sondern der Methanrest, indem CHCI2J, CH3CI, CHsBr, Dimethylsulfat oder Toluolsulfosäuremethylester ähnlich wirken wie Jodoform, während sich Jodsubstitutionsprodukte mit drei oder mehr Kohlenstoffatomen als indifferent erwiesen. Nach Bloch sollte man daher eher von einer Methyl- oder Methinüberempfindlichkeit als von einer Jodoform- idiosynkrasie sprechen. Nach allem lassen die geschilderten Experimente nur den Schluß zu, daß das „idios3'nkrasische" Serum schwerere Schädigungen setzt, als das normale, daher auch die Giftresistenz stärker vermindert; ob man soweit gehen darf, zu behaupten, daß die besondere Beschaffen- heit des Blutes (Serums) in vereinzelten Fällen die Ursache der Idiosynkrasie darstellt und daß der Zustand daher passiv übertragbar ist, bleibt sehr fraglich. Für die Auffassung der medikamentösen Idiosynkrasien als Antigen -Antikörperreaktionen liegen jedenfalls keine Beweise vor, und sind die bisher ermittelten Tatsachen nicht geeignet, die Abgrenzung der Immunitätsvorgänge von den aller- gischen Zuständen gegen (chemisch definierte) Nichtantigene zu ver- wischen. Fassen wir nun die Immunitätsallergieii näher uns Auge, ßo fällt es schwer, diesen großen Komplex in ein natürliches System zu bringen. Das wäre wohl erst dann realisierbar, wenn wir alle Anti- gene und Antikörper rein darstellen könnten und wenn uns der Mechanismus ihrer Reaktionen im lebenden Tiere genau bekannt wäre. Gegenwärtig studieren wir aber meist nur die Wirkung von Substraten, denen wie z. B. Bakterienzellen, Eiweißlösungen mehrere antigene neben anderen Funktionen zukommen. Demzufolge präsen- tieren sich auch die Wirkungen der antikörperhaltigen Sera auf ihre Antigene schon im Reagenzglase meist nicht als einheitliche Erschei- nungen, sondern als schwer zu analysierende Interferenzphänomene, welche überdies wie alle Kolloidreaktionen, nicht nur von der che- mischen Konstitution der reagierenden Körper, sondern auch von ihren physikalischen Zuständen, von quantitativen Verhältnissen, von der Gegenwart von Elektrolyten, von der Zeit, in der sie ablaufen, bestimmt werden. Wenn wir bei dieser Sachlage von bestimmten Antigenen und Antikörpern sprechen, so können damit nur be- stimmte Wirkungen gemeint sein, die unter ganz speziellen Ver- suchsbedingungen zutage treten. Da uns zu ihrem Studium vielfach nur das Experiment zu Gebote steht, welches zu ihrer Annahme und Benennung geführt hat, muß es oft unentschieden bleiben, ob es sich tatsächlich um besondere Körper handelt und welche Beziehungen zwischen ihnen herrschen. Noch schwieriger gestaltet sich die Er- forschung der Antigen-Antikörperreaktionen, die im lebenden Tier ablaufen, da hier der Wahl der das Resultat bestimmenden Faktoren engere Grenzen gezogen sind. Einen Versuch, die Einteilung aller Immunitätsprozesse auf ein einziges Prinzip zu basieren, hat Nicolle ^ gemacht, indem er sich an die Auffassungen anlehnte, welche Pfeiffer, Weichardt, Friedemann & Isaac gelegentlich der experimentellen Bearbeitung verschiedener Probleme gewannen. Er nahm an, daß jedes Antigen, sei es nun eine Zelle, ein Eiweißkörper oder ein Toxin, im Organismus die Bildung von zwei verschiedenen Antikörpern veranlaßt, eines Koagulins und eines Lysins, welche mit ihrem Antigen nach, den Gesetzen der Kolloide reagieren. Er unterscheidet darnach:* 1) Cytokoaguline (Agglutinine) und Cytolysine. 2) Albuminokoaguline (Präzipitine) und Albuminolysine (=sub- stances sensibilatrices, Eiweißambozeptoren). 3) Toxinokoaguline (Antitoxine) und Allergie und Anaphylaxie. 957 Toxinolysine. Alle Allergien (Immunität und Hypersensibilität) sind auf die Wirkung von Koagulin und Lysiu zu beziehen, und zwar in folgender Weise: die Koaguline „kondensieren" die Antigene und schützen so den Organismus, sie wirken ohne Komplement, die Lysine befreien mit Hilfe des Komplementes aus den Antigenen (Zellen, Hohendotoxinen, Hohtoxineu; die „wahren" Gifte durch Lösung (Aufspaltung) und führen so zur Intoxikation. Da immer, aucli im Normalserum beiderlei Stoffe vorhaudeu sind, so erfolgt stets zunächst eine Koagulation, dann Lyse. Der Eadeffekt hängt einerseits von dem Dominieren und der absoluten Menge einer Komponente, andererseits davon ab, ob viel oder wenig Antigen und ob es in leicht löslichem Zustande eingeführt wurde. Stürmische Lyse großer Antigenmengen bedingt foudroyante Symptome, weil be- deutende Giftmengen plötzlich in Freiheit gesetzt werden. — Es ist aber zunächst sciion fraglich, ob „Koagulin" und ,, Lysin" in allen Fällen als zwei differente Antikörper gegen ein identisches Antigen aufgefaßt werden dürfen oder ob nicht zuweilen den beiden Antikörpern chemisch verschiedene xVntigene entsprechen. Artfremde Erythrocyten z. B. erzeugen Koaguline (Präzipitine und Agglutinine) und Lysine (Hämolysine^; sie lassen sich aber in zwei Be- standteile zerlegen, von welchen der eine, das Hämoglobin, nicht lysinogen wirkt, sundern nur Agglutinine und Präzipitine bildet, während die Stromata vor- nehmlich die Lysinproduktion anregen (Levene). Nun sehen wir weiters gerade in dem angezogenen Beispiel, daß sowohl Hämoglobin wie Stromata spezifische Hypersensibilität (Anaphylaxie) hervorrufen, die bei ersterem wohl auf das Vorhandensein des „Koagulins" entgegen der Ansicht von Nicolle zu- rückgeführt werden müßte. — Ob im Organismus, speziell in der Blutbahn aus- gedehntere Koagulationsvorgänge im Sinne der m vitro zu beobachtenden Agglu- tination oder Präzipitation stattfinden, ist unentschieden und wird von manchen Autoren (v. Gruber, Kraus & Sternberg, Rostoski, Michaelis & Oppen- heimer) direkt in Abrede gestellt; Koagulationen bedeuten auch keinen Schutz gegen chemischen Abbau, sondern wie wir aus der Lehre von den peptischen und tryptischen Fermenten wissen, das gerade Gegenteil (Friedemann ^). Ferner ist es noch unbewiesen, daß die Wirkung der Albuniino- und Cytolysine über- haupt auf einem chemischen Abbau des Antigens beruht, daß durch diese hypothetische Aufspaltung Gifte in Freiheit gesetzt werden, ja. daß die physio- logischen Erscheinungen, die auf solche Antikörper zurückzuführen sind, das Bild der Vergiftung repräsentieren ; in einzelnen Fällen könnte es sich wie beim anaphylaktischen Shock um eine rein physikalische Störung handeln (s. S. 1113). Endlich ist die Annahme der ,, Toxinolysine" experimentell unbegründet (s. S. 9.58). Die Auffassungen von Landsteiner über das Wesen der Immunitätsreak- tionen und die darauf gegründete Einteilung derselben in zwei Gruppen, die den Ideen Landsteiners teilweise nachgebildete Resonanztheorie von Traube u. a. m. sind zwar bedeutungsvoll geworden, indem sie gegenüber einseitig chemi- schen Vorstellungen die physikalischen Eigenschaften von Antigen und Antikörper betonen, lassen sich aber nicht als Leitmotive für eine geordnete Darstellung der bisher bekannten Tatsachen auf dem Gebiete der Antigenallergien verwenden. Um die komplizierte Materie etwas übersichtlicher zu gestalten, wollen wir die allergischen Reaktionen des spezifisch vorbehandelten Organismus gegen die Infektion mit lebenden Mikroorga- nismen zunächst ausschalten, schon mit Rücksicht auf die ein- gehende Bearbeitung dieses Themas in anderen Kapiteln des Hand- buches. Bei wiederholter Zufuhr pathogener Keime hängt die Re- aktion des infizierten Körpers nicht nur vom Vorhandensein be- sonderer Antikörper und cellulärer Fähigkeiten ab, sondern auch von der Vermehrungsgeschwindigkeit und anderen größtenteils unbekannten Eigenschaften der Erreger, die wir unter dem Sammelnamen der Virulenz (Aggressivität) zusammenfassen. Dadurch erfährt dieser Teil des Problems, die antiinfektiöse Immunität, eine weitere Komplikation und erheischt die Anwendung anderer Gesichtspunkte, die für die Allergie gegen nicht vermehrungsfähige Anti- gene gar nicht in Betracht kommen. Die Allergien gegen nicht vermehrungsfähige Antigene lassen sich nun in zwei Abteilungen sondern : 958 Robert Doerr, I. Die Allergien gegen Toxine. Die Antigene, welche den Charakter dieser Gruppe am reinsten repräsentieren, sind die echten Bakterientoxine, in erster Linie das Diphtherie- und Tetanus-, dann das Botulismus- und Dysenterie- toxin. Sie stellen kolloidale Stoffwechsel- und Sekretions- produkte der Bakterienzelle dar, konnten bisher nicht in eiweißfreiem Zustande gewonnen werden und vermögen bei parenteraler Zufuhr nur eine einzige Art von Antikörpern zu bilden, die Antitoxine; E. P. Pick hat sie aus letzterem Grunde als monovalent wir- kende Antigene bezeichnet. Die Antitoxine sind spezifische Serumstoffe; sie reagieren mit den korrespondierenden Toxinen (Haptinen 1. Ordnung nach Ehrlich) in vitro nach dem Gesetz der multiplen Proportionen, und zwar ohne daß Komplement an der Re- aktion partizipiert. Der Effekt der Eeaktion, die ohne sichtbare Phasenänderung abläuft, besteht stets in einer partiellen oder totalen Aufhebung der toxischen Antigenwirkung. Man hat vielfach versucht, neben den Antitoxinen noch andere Antikörper der Toxine nachzuweisen, jedoch ohne entscheidenden Erfolg. Nicolle & PozERSKi ^ fanden zwar, daß das Serum von Meerschweinchen, die sie eine Zeitlang mit kleinen Dosen (^/sp der Dos. let.) von Tetanus- oder Diphtherie- toxin behandelt hatten und die schließlich geringen, subletalen Gittmengen erlagen, also überempfindlich geworden waren, mit der korrespondierenden Gift- lösung eine scheinbar spezifische Komplementablenkung lieferte, und schließen daraus auf die Existenz besonderer Toxinantikörper mit Ambozeptor- typus (Toxinolysine), die sie auch als Ursache der Toxi n über - empfindlichkeit ansehen. Armand-Delille^ bestätigte die Angaben von Nicolle & Pozerski für die Sera von Diphtherie- und Tetanuspferden, in welchen besonders bei ausgeprägter Ueberempfindlichkeit neben Antitoxinen spezi- fisch kompleraentbindende Stoffe vorkommen sollen, während P0UJOL& Delanoe bei hochimmunisierten Diphtheriepferden, die allerdings keine Symptome von ueberempfindlichkeit darboten, negative Ergebnisse erzielten, ebenso Kreuter mit Tetanusserum von Pferden und kranken Menschen. Sehr genaue Unter- suchungen verdanken wir Schürmann & Sonntag. Sie konnten in zahlreichen Tetanusheilsera verschiedenster Provenienz, die nach differenten Methoden (fil- trierte und unfiltrierte Kulturen als Antigen) hergestellt waren, niemals komple- mentbindende Stoffe von spezifischem Charakter auffinden, wohl aber erhielten sie mit Tetanus-, Diphtherie-, Tuberkulose-Serum (Höchst) als „Antikörper" und Tetanuskulturbodensatz oder Toxin, Diphtheriekulturbodensatz oder Toxin, Tuberkulin, Meningokokkenextrakt als „Antigenen" unspezifische Komplement- binduug d. h. Hemmung der Hämolyse. Sie nehmen daher in diesen Immun- sera einen Reaktionskörper gegen eine allen Antigenen gemeinsame Substanz an, die sie nicht näher bezeichnen. Diese Substanz könnte aber das Wittepepton sein, welches in Toxinlösungen, Tuberkulin, Bakterienpräparaten stets vorkommt und nach den Arbeiten von Wassermann & Citron die Fähigkeit hat, bei immunisatorischer Anwendung (Kaninchen) Antisera zu liefern, mit denen es eine intensive Komplementhemmung bewirkt; nach Müller & SuESS, Wasser- mann & Citron, Fukuhara* können übrigens die verschiedensten Normal- und Immunsera im Vereine mit Pepton die Komplementfunktion beeinträchtigen. Keinesfalls handelt es sich aber nach den Arbeiten von Schürmann & Sonntag um spezifische „Toxinambozeptoren". Die Methode der Komplemenjbindung erscheint überhaupt nicht geeignet, um für sich allein den Nachweis echter spezifischer Antikörper zu ermöglichen. So hat Graetz* gezeigt, daß das Serum von Kaninchen, die man mit Leucin oder Tyrosin, also chemisch definierten Substanzen, behandelt, Komplementdevia- tion mit Lösungen dieser Stoffe gibt, und im selben Sinne sprechen die Er- fahrungen, die man bei der WASSERMANNschen Reaktion, bei der Erzeugung komplementablenkender Sera mit alkoholischen Bakterienextrakten (Levaditi & Mutermilch, Citron & Klinkert), bei der Immunisierung mit Dibromdime- thyl-o-toluidin (Hildebrandt), Lecithin (Borissjak, Sieber & Metalnikow 1 etc. gemacht hat. Auf anderen Wegen als durch die Komplementreaktionen neue Allergie und Anaphylaxie. 959 Antikörper der Toxine zu finden, ist jedoch noch weniger geglückt, wie die folgen- den Ausführungen lehren. Die Allergie gegen Toxine äußert sich in der Regel als Unter- oder Unempfindlichkeit (antitoxische Immunität), entsprechend der vitro-Funktion ihrer Antikörper und konform der Tatsache, daß die verminderte Reaktionsfähigkeit mit antitoxinhaltigem Serum auf nor- male Tiere der gleichen oder anderer Species übertragen werden kann (passive an ti toxische Immunität). Es ist aber von größter Bedeutung, daß der Antitoxingehalt des Serums also das humorale ;Moment nicht genügt, um alle Fälle von immunisatorisch entstandener erhöhter Toxinresistenz zu erklären ; so steht bei Pferden die hohe Immunität gegen Diphtheriegift oft im Gegensatze zu dem minimalen Antitoxingehalt des Serums und Vaillard konnte Kanin- chen mit Tetanussporen gegen Tetanusgift aktiv immunisieren, ohne daß Antitoxin im Blute nachweisbar war. Hier muß die Im- munität celluläre (histogene) Ursachen haben ; Ehrlich und die An- hänger der ,, Seitenkettentheorie" meinen, daß es sich um einen ,, Re- zeptorenschwund", um einen durch die Immunisierung bedingten Ver- lust der giftbindenden Gruppen lebenswichtiger Zellen handelt, und führen als Stütze dieser Ansicht die Befunde von Kossel, Tschisto- wiTscH, Camus & Gley an, nach welchen die Erythrocyten von mit Aalblut lange behandelten Kaninchen ihre Empfindlichkeit gegen dieses Gift einbüßen. Außer der eben erwähnten Form der Toxinaller^ie kennt man schon seit längerer Zeit auch eine Ueberempfindlichkeit gegen echte bakterielle Toxine. V. Behring 1 machte bereits 1893 die Wahrnehmung, daß Pferde, Schafe und Ziegen bei der Immunisierung mit Diphtherie- oder Tetanustoxin so über- empfindlich werden können, daß sie bereits auf ^/looo» i^ ^loooooo derjenigen Dosis stark reagieren, welche für normale Tiere derselben Gattung noch in- different ist, ja, daß sie auf den hundertsten Teil der Giftdosis eingehen, die sonst bloß eine vorübergehende Reaktion hervorruft. Solche Tiere können nun ein Serum von hohen giftneutralisierenden Fähigkeiten, also von bedeuten- dem Antitoxingehalt liefern, weshalb v. Behring diese Erscheinung als para- doxe Reaktion bezeichnete. Aehnliches berichteten später Wladimiroff i, Brieger, Salomonsen & Madsex. — Knorr, sowie v. Behring & Kita- SHiMA haben diese Toxinüberempfindlichkeit auch an kleineren Versuchs- tieren weitergeprüft und gefunden, daß besonders Meerschweinchen bei ak- tiver Immunisierung mit Tetanus- oder Diphtheriegift so hochgradig hyper- sensibel werden, daß sie schließlich auf 1/700 — Vsoo der Dosis letalis minima eingehen : sie schüeßen eine Kumulativwirkung aus, weil die Gesamtmenge des injizierten Giftes nur einen Bruchteil der tödlichen Dosis betrug. Hierher gehört aucii das „paradoxe Phänomen" von Kretz, der fand, daß Normal- tiere auf die Injektion äquiübrierter Toxin- Antitoxin -Gemische nicht re- agieren, dal) dagegen spezifisch vorbehandelte mit einer lebhaften Reaktion und Antitoxinbildung antworten. — In neuerer Zeit haben sich LoEWi & Meyer mit diesem Thema beschäftigt. Sie bestimmten die kleinste Dosis eines Tetanustoxins, welche bei Kaninchen (von 1200 g) am Hinterschenkel subkutan injiziert, eben noch lokalen Tetanus auslöste, mit 25-f-ms p. g. Körpergewicht: bei subkutaner Injektion an der Vorderpfote genügten schon — 10 -|- ms, bei intraneuraler 0,06 + ms. Hatten nun die Kaninchen nach intraneu- raler oder an der Vorderpfote ausgeführter Subkutaninjektion einen leichten lokalen Tetanus überstanden, so rief die subkutane Vergiftung am Hinter- schenkel mit unterschwelligen Giftmengen (4 — 5 -'-ms) scliweren lokalen, ja allgemeinen tödlichen Tetanus hervor. Doch mußte ein Intervall von längerer Dauer (20 Tagen) eingehalten werden; wurde die 2. Injektion gleichzeitig oder wenige Tage nach der ersten gemacht, so blieb ein verstärkter Effekt aus. Nach präventiver intraneuraler Injektion erstreckte sich die UeberempfindUchkeit nicht nur auf das vergiftete Segment des Rückenmarkes, sondern auch auf 960 Robert Doerr, die motorischen Zentren in der ganzen Ausdehnung der Vorderhörner. — Auch DE Waele 1 versuchte bei Meerschweinchen und weißen Mäusen durch einmalige Vorbehandlung mit Toxin (Diphtheriegift, Ricin) Ueberempfindlichkeit her- vorzurufen; dieselbe war aber nur sehr schwach ausgeprägt, indem erst knapp subletale Toxindosen bei den j, überempfindlichen" Tieren Exitus hervorriefen, und dauerte wenige Tage, um dann einer ausgesprochenen Immunität Platz zu machen. Es scheint sich demnach hier um additioneile Giftwirkungen oder um eine Art „negativer Phase'" gehandelt zu haben, wie sie durch den Verbrauch normaler Schutzkräfte bedingt wird und bei jeder aktiven Immunisie- rung beobachtet werden kann (Doerr*). Sucht man nach einer Erklärung für die Toxinüberempfindlich- keit, so sind zunächst zwei wichtige Tatsachen in Erwägung zu ziehen. Erstens reagieren die toxinüberempfindlichen Tiere auf das Gift meist mit denselben Symptomen wie normale, auf Tetanus- toxin also mit Tetanus, auf Diphtherietoxin mit Infiltrat, Exsudat, Tod nach entsprechender Inkubation*). Bei jeder Form von Toxin- überempfindlichkeit sehen wir also andere, der primären Antigen- wirkung entsprechende Erscheinungen und der Mechanismus dieser Prozesse muß daher verschieden sein von dem der Eiweißanaphylaxie, wo die Phänomene der Hypersensibilität stets die gleichen sind, mögen die verwendeten Antigene auch noch so sehr differieren. Bei der Toxinüberempfindlichkeit wird das Tier durch das Antigen vergiftet, bei der Eiweißanaphylaxie wirkt nicht das Antigen, sondern seine Reaktion mit dem ilntikörper, wobei entweder immer dasselbe giftige Produkt entsteht oder der physikalische Vorgang der Reaktion trotz Verschiedenheit der Antigene und Antikörper eine identische Schä- digung des Körpers involviert. Friedemann ^ hat, um speziell diesen Unterschied zu unterstreichen, die Toxinüberempfindlichkeit als iso- toxische bezeichnet und der heterotoxischen gegen Eiweißantigene gegenübergestellt. Zweitens läßt sich die Toxinüberempfindlichkeit nicht passiv auf normale Tiere übertragen ; im Serum von Tieren, die überempfindlich gegen echte Toxine sind, konnten stets nur giftneutralisierende, normale Tiere schützende, nie jedoch die Gift- wirkung steigernde Stoffe nachgewiesen werden. Damit entfällt jede Basis, für die Toxinüberempfindlichkeit besondere, von den Anti- toxinen verschiedene Antikörper (Toxinolysine Nicolles) als Ur- sache anzunehmen. Die Unmöglichkeit einer passiven Uebertragung der Toxinüberempfindlich- keit behäll ihre prinzipielle Bedeutung trotz der in neuerer Zeit vielfach ange- stellten und von Erfolg begleiteten Versuche, die Wirkung von Toxinen dadurch zu steigern, daß man sie im Reagenzglase mit frischem, komplementhaltigem Serum von normalen Meerschweinchen oder Kaninchen behandelte. Neufeld & DoLD. DoLD & Uxgermaxx, de Waele vermochten auf diesem Wege bei Diphtherie- und Tetanustoxin, Ricin, Cobragift eine Abkürzung der Inkubations- periode zu erzielen, erklären das Phänomen aber nicht mit der Annahme von besonderen, von den Antitoxinen verschiedenen ,,Toxinanibozeptoren'', welche die Toxine mit Hilfe von Komplement zu giftigeren Produkten abbauen, sondern so, daß die Lipoide und das Lecithin des frischen Serums das Toxin an sich *) Bei hochimmunisierten Pferden scheinen Ausnahmen von dieser Regel vorzukommen, v. Behring ^ gibt an, daß Tetanuspferde, die überempfindlich wurden und daran zugrunde gingen, keine Tetanussymptome darboten, und Metschnikoff vermißte bei überempfindlichen Diphtheriepferden die für dieses Toxin charakteristischen Störungen. Brieger beschreibt wieder das gegenteilige Verhalten bei Ziegen. — Kleine Versuchstiere (Kaninchen, Meerschweinchen) verenden stets unter den pathognomonischen Zeichen der Toxinwirkung, auch bei hochgradigster Ueberempfindlichkeit d. h. nach der Injektion kleinster Toxin- mengen. Allergie und Anaphylaxie. 961 reißen und dabei rein physikalisch als Lösungsmittel wirken. Dies geht daraus hervor, daß auch Lecithin (de Waele, Dold & Ungermann), Phosphatide aus Hirnsubstanz wie Kephalin, Lecithin, Protagon (Laroche & Grigautj, Pyo- cyanase (Morgenroth) Toxine aktivieren, daß ein Ueberschuß der Lipoide eine Abschwächung zur Folge hat und daß Lecithin auch die Giftigkeit von nichtantigenen Alkaloiden (Coniin, Strychnin, Brucin, Cocain) erhöht (de Waele j. In allen diesen Experimenten blieb übrigens die primäre Toxinwirkung erhalten. \'ou Dold & Ungermann, Neufeld & Dold, Friedberger liegen allerdings Berichte vor, wonach aus Meerschweinchenkomplement und Tetanustoxiu akute Gifte gewonnen werden können, welche nicht Tetanus, sondern einen tödlichen, dem anaphylaktischen ähnlichen Shock erzeugen; ihre Deutung ist jedoch sehr zweifelhaft (vgl. das Kapitel Anaphylatoxine). Die Toxinüberempfindlichkeit kann demnach nur auf besondere erworbene Fähigkeiten der reagierenden Zellapparate zurückgeführt werden. Zunächst könnten die Antitoxine selbst unter Umständen auch Ueberempfindlichkeit bedingen. Nach Ehrlichs Auffassung beruht die Toxinwirkung darauf, daß das Protoplasma wichtiger Zellen be- sondere Bestandteile, Rezeptoren enthält, welche eine spezifische Af- finität zur haptophoren Gruppe des Toxinmoleküles besitzen. Ist die Bindung zwischen Zellrezeptor und toxophorer Gruppe des Gift- moleküles eingetreten, so geraten die Zellen unter den Einfluß der toxophoren Gruppe ; ihr weiteres Schicksal, und, wenn sie lebens- wichtig sind, das ihres Trägers hängt nun davon ab, ob soviel Gift verankert wurde, daß jede Funktion aufhört, oder ob die gebundene Giftmenge nur eine transitorische Störung verursacht. Im letzteren Falle werden die vom Toxin besetzten und hierbei geschädigten Ee- zeptoren vom Zellprotoplasma im Uebermaße regeneriert und schließ- lich als Antitoxin ans Blut abgegeben. Kretz faßt nun die gestei- gerte Giftempfindlichkeit als jene Reaktionsperiode auf, in welcher die regeneratorische Rezeptorenvermehrung in den lebenswichtigen Zellen bereits eingetreten, die Abstoßung der überschüssigen Rezeptoren in die Zirkulation aber noch nicht erfolgt ist (sessile Rezeptoren). Findet in diesem Moment eine erneute Giftzufuhr statt, so werden sich die Zellen viel stärker mit Toxin beladen, als im Normalzustande, der Organismus wird auf eine gleiche Giftdosis hyperergetisch reagieren. Nun ist aber das absolute Toxinquantum, welches ein hypersensibles Tier tötet, viel kleiner als die Dosis letalis minima für ein normales und um diese Tatsache zu erklären, nimmt Kretz an, daß die Toxinverteilung im immunisierten Tiere in der Phase der sessilen Rezeptoren eine Aenderung erfährt. Es binden nämlich nicht nur lebenswichtige, sondern auch untergeordnete Zellen Toxin ; ihre Avi- dität zum Gift ist aber nach Kretz bedeutend geringer. Wird daher die Rezeptorenzahl an den lebenswichtigen Zellen vermehrt, so muß die auf sie entfallende Toxinquote eine Steigerung erfahren, sie werden daher schon von einer kleineren Giftdosis elektiv den töd- lichen Anteil binden. Ebenso besitzen die etwa im Blute kreisenden Rezeptoren (Antitoxine) eine reduzierte Avidität, vermögen daher das Tier nicht zu schützen. Die Richtigkeit dieser Theorie läßt sich bezweifeln. Es ist zwar wahr- scheinlich, daß Zellen, besonders giftempfindliche, ein höheres Binduugsvermögen für Gift besitzen, als die Antitoxine des Serums, da es sonst unmöglich wäre, daß Tiere an einem Toxiü sterben oder lokal und allgemein auf dasselbe rea- gieren, trotzdem sie das korrespondierende Antitoxin reichlich im Blute haben (Weigert, A. Wassermann). Aviditätsdifferenzen bei Antikörpern (Kraus, P. Th. Müller) und Antigenen (Doerr & Moldovan) sind übrigens auch in Handbuch der pathogenen Mikroorganismen. 2. Aufl. II. 61 962 Robert Doerr, vitro nachweisbar. Ob aber die Ueberempfindlichkeit darauf beruhit, daß die Zahl der sessiien Rezeptoren an emptiudiiclieu Zellen vermehrt, das Antitoxin also zu gewissen Zeiten in ihnen besonders konzentriert ist und rladurch eine Attraktion auf neuzugeführtes Gift ausübt, wäre erst dann in bejahendem Sinne entschieden, wenn man zeigen könnte, daß die giftempfindlicheu Gewebe z. B. beim Tetanus das Rückenmark in der Phase der Ueberempfindlichkeit ein höheres Giftbindungsvermögen besitzen als die normaler oder in der immunen Phase stehender Tiere gleicher Species. Nach Kretz müßten gerade hoch- differenzierte Elemente, wie Ganglienzellen, nach vorausgegangener Schädigung mit besonders lebhaften Regenerationsvorgängen antworten, was mit anderen Er- fahrungen nicht im Einklang steht. LoEWi & Meyer schließen auch für ihre Tetanusversuche die Intervention der Antitoxine völlig aus, da das Zentralnerven- system als Bildungsstätte derselben beim Kaninchen gar nicht in Betracht kommt. Zu berücksichtigen ist jedenfalls, daß schon die iterative Einwirkung ge- wisser Noxen ohne Antigencharakter z. B. NaCl nach le Play eine Steigerung der krankhaften Reaktion zur Folge hat, und daß der Tod bei fraktionierter Anwendung solcher Substanzen erfolgen kann, wenn ihre einmalige Zufuhr in gleicher Gesamtmenge gut vertragen wird. Treffen wir derartige ., funktionelle Kumulationen" bei den antigenen Toxinen, so muß ihre Entstehung nicht not- wendig mit der Antitoxinproduktion zusammenhängen, sondern kann derart be- gründet werden, daß Reize, welche die Zelle im geschädigten Zustande, in einer Phase geänderten Stoffwechsels oder labil gewordenen Gleichgewichtes ihrer kolloidalen Bausteine treffen, stärkere Wirkungen nach sich ziehen, als unter nor- malen Verhältnissen. In diesem Sinne ist es wohl bezeichnend, daß besonders die rasch wiederholte Giftzufuhr nach v. Behring überempfindlich macht, wäh- rend sieb bei Einhaltung hinreichend langer Zeitabschnitte meist die gewohnte Unterempfindlichkeit einstellt; beim Meerschweinchen, welches am konstante- sten mit Toxinüberempfindlichkeit reagiert, wurden sogar tägliche oder doch sehr kurz distanzierte Injektionen benützt (Kxorr, Nicolle & Pozerski, V. Behrixg & KiTASHiMA). In anderen Fällen- scheint allerdings die durch den Toxinreiz gesetzte gesteigerte Reaktionsfähigkeit länger anzuhalten (LoEWi & Meyer). — Hans H. Meyer hat auch auf chemische Analogien verwiesen, die gewisse Beziehungen zur Toxinüberempfindlichkeit zeigen. Benzol z. B. ist schwer oxydabel, durch den Eintritt von 0-Atomen wird es aber sukzessive reak- tionsfähiger, so daß das zweifach hydroxylierte Brenzkatechin an der Luft spontan oxydiert. In ähnlicher Weise könnte das vom Tetanustoxin ,, ange- beizte" Rückenmark eine gesteigerte Giftaffinität akquirieren. Derselbe Autor macht auch in Anlehnung an Br. Robertsox darauf aufmerksam, daß viele biochemische Prozesse dadurch einen progressiven Charakter gewinnen, daß sich in ihrem Verlaufe Katalysatoren bilden, welche eine stetige Zunahme der Schnelligkeit und Intensität der einmal in Gang gesetzten Reaktion verursachen; bei solchen .,autokatalytischen" Vorgängen werden die aufeinander wirkenden Stoffe in ähnlicher Weise gegeneinander „sensibilisiert" wie Gift und empfind- liche Zelle bei der Hypersensibilität gegen echte Toxine. Die typische, passiv allein übertragbare Form der Toxinaliergie ist jedenfalls die Unterempfindlichkeit, deren "Wesen durch die in vitro ablaufende Reaktion zwischen antitoxischem Serum und Toxin unserem Verständnis näher gerückt ist. Die Hypersensibilität ist ein abnormer, passiv nicht übertragbarer Zustand, der sich daher nicht humoral durch das Vorhandensein besonderer Antikörper be- gründen, sondern nur histogen als ein von der Individualität, der Art der Immunisierung etc. abhängiger Zustand der empfindlichen Körperzellen auffassen läßt. Uebrigens darf man nietet alle Ueberempfindlichkeitssymptome, die sich bei immunisatorischer Anwendung von Toxinlösungen ein- stellen, ohne weiteres auf das Toxin beziehen, da dieselben oft auch Eiweißantigene enthalten, welche anaphylaktogen wirken. In dieser Hinsicht sind die Erfahrungen der Seruminstitute von Interesse, welche zeigen, daß man Pferde mit möglichst gereinigten Gift- präparaten sehr lange Zeit immunisieren kann (Tetanustrockentoxine), daß dagegen die Behandlung um so schlechter und kürzer vertragen Allergie und Anaphylaxie. 963 wird, je mehr antigene Eiweißstoffe (Bakterienproteine) oder primär giftige Peptone, Albumosen etc. dem Injektionsmaterial beigemengt sind. Da die Toxine bisher nicht absolut eiweißfrei dargestellt werden konnten, so läßt sich der Standpunkt vertreten (vgl. E. P. Pick, dieses Handbj, daß das Toxin als Antigen nur in Form einer Eiweißverbindung (Toxalbuinin) möglich ist. Die Eiweißkörper, an welchen die Toxinwirkung scheinbar unzer- trennlich haftet, sind aber niedermolekulare Albumosen, Peptone oder Peptide, und wir wissen, daß Stoffe dieser Kategorie an sich meist keine Präzi- pitine oder Ambozeptoren bilden und auch keine Anaphylaxie, d.h. auf besonderen Antikörpern beruhende Hypersensibilität erzeugen. Uebrigens kann man ja die Giftigkeit der Toxine mit Erhaltung des Eiweißcharakters und der Antigeufunk- rion zerstören z. B. durch Schwefelkohlenstoff (Ehrlich) oder bei Tetanus- toxiu durch Formalin (Löwenstein); das resultierende Produkt (Toxoid) bildet aber wie natives Toxin nur Antitoxine und macht gegen Toxin spezifisch resistent, ruft aber weder gegen Toxin noch gegen sich selbst Uebereniptindlich- keit hervor. Solche abgeschwächte, die Eiweißkomponente noch enthaltende Toxin- lösuugen sind doch bekanntlich gerade das Immunisierungsmaterial, dessen wir uns bedienen, um die Klippe der Toxinüberempfindlichkeit mit Erfolg zu um- gehen, selbst beim Meerschweinchen, wo unverändertes Diphtherie- oder Te- tanusgift nie zur Erhöhung der Toleranz, sondern stets zum Gegenteil führt, mag mau die Behandlung auch noch so vorsichtig beginnen (v. Behring & KiTASHiMA). Es erscheint daher auch nicht zulässig, die als ., Träger" des Toxins fungierenden Eiweißderivate für die Toxinüberempfindlichkeit verant- wortlich zu machen, an der, wie der Name richtig besagt, die spezifische Gift- wirkung essentiell beteiligt ist, und sie einfach als Eiweißanaphylaxie zu definieren (Friedberger), abgesehen von anderen, bereits angeführten Gründen, welche zu einer Scheidung beider Phänomene nötigen. II. Die Allergie gegen spezifisches Eiweiß (Anaphylaxie). Sie äußert sich in Form einer spezifischen Ueberempf ind- lichkeit, deren Symptomatologie fast stets die gleiche ist und in qualitativer Hinsicht nur nach der Tierspecies und Individualität einigermaßen variiert, von der Natur des verwendeten Antigens jedoch in keiner Weise abhängt. Das Antigen und der korrespondierende Antikörper üben nur insofern einen Einfluß aus, als ihr gegenseitiges Mengenverhältnis, die zeitlichen Bedingungen des Aufeinanderwirkens, die Beschaffenheit des Milieus etc. die Intensi- tät der Reaktion bestimmen. Die typischen Antigene dieser Gruppe sind hochmolekulare Eiweißstoffe und erweisen sich bei ihrer ersten Einwirkung auf den Organismus in vielen Fällen als primär atoxisch, oder können wenigstens durch besondere Eingriffe ihrer Toxizität beraubt werden, ohne eine Einbuße der allergisierenden Funktion zu erleiden. Die Ueberempfindlichkeit d. h. die Schädigung des Organismus bei wiederholter Einwirkung desselben Antigens beruht auf der Entstehung bestimmter (anaphylaktischer) Anti- körper, die im Serum der hypersensiblen Tiere auftreten, und kann durch letzteres auf normale Tiere gleicher oder anderer Art passiv übertragen werden. Die krankhaften Erscheinungen werden durch die Reaktion zwischen Antigen und Antikörper ausgelöst, sei es, daß hierbei mit oder ohne Beteiligung gewisser Stoffe des Körpers ein toxisches Produkt (anaphylaktisches Gift) gebildet wird, oder daß die Reaktion selbst Störungen in der Blutbahn oder im Niveau em- pfindlicher Gewebszellen hervorruft, welche einen mehr physikali- schen Charakter haben. Außer dieser Reaktion in vivo liefern die Eiweißantigene und ihre Antisera noch andere Reaktionen in vitro, Komplementbindung, 61* 9(54 Robert Doerr, Präzipitation, Agglutination, Cytolyse; es ist nocti ungewiß, ob man auf Grund dessen berechtigt ist, in den betreffenden Substraten mehrere Antigene als besondere Stoffe (Gruppen oder physikalische Phasen) oder eine Pluralität von Antikörpern anzunehmen, die wieder einem einheitlichen oder komplexen Antigen entsprechen könnten. Wegen der Vielheit der erzeugten Antikörperfunktionen nennt E. P. Pick diese Antigene polyvalente im Gegensatz zu den mono- valenten Toxinen; die Ursache des differenten Verhaltens beider Antigengruppen soll darin liegen, daß das Toxinmolekül bedeutend kleiner und einfacher aufgebaut ist als das der antigenen Eiweißstoffe. Tritt im Laufe einer aktiven Immunisierung mit spezifischem Eiweiß nach einer Periode der Ueberempfindlichkeit wieder temporäre Unempfindlichkeit (^Antianaphylaxie) zutage, so ist sie meist als Absättigungsphänomen aufzufassen d. h. als Verbrauch des die Ueber- empfindlichkeit bedingenden Antikörpers (Ambozeptors) bei wieder- holter Antigenzufuhr, wodurch schließlich neue Reaktionen unmög- lich werden, da ein notwendiges Reagens hierzu fehlt (FriedbergerI). Solche Unempfindlichkeitsphasen sind nur transitorisch, können als ,, negative Phase" der aktiven Eiweißimmunisierung bezeichnet werden, und gehen spontan wieder in Hypersensibilität über (Otto 2). Aehn- lich wie der Verbrauch des Antikörpers soll auch die momentane Reaktionsunfähigkeit des Komplementes (Friedberger & HartochI,^) oder das Fehlen desselben (Löffler, Hartoch & Sirensky) über- empfindliche Tiere vorübergehend unempfindlich machen. Es gibt jedoch auch Formen der Antianaphylaxie, die ihren Grund nur in Veränderungen des reagierenden Tieres haben können, z. B. jene „paradoxen'' Fälle, in denen Tiere, die reichlich anaphylaktischen Antikörper und Komplement im Blute haben, auf Antigen nicht anaphylaktisch, sondern normal reagieren. Sie sind noch größtenteils unaufgeklärt. Die Antianaphylaxie läßt sich passiv nicht auf überempfindliche Tiere übertragen, beruht also nicht auf einem besonderen, vom ana- phylaktischen verschiedenen Antikörper. Faßt man die extremen Fälle ins Auge, so können die Unter- schiede beider Gruppen von Antigenallergien folgendermaßen schema- tisch zusammengestellt werden : Allergie gegen Toxine gegen Eiweiß an tigene Eigenschaften des Antigens: primär toxisch primär atoxisch. A n t i k ö r p e !■ : nur Antitoxine. verschiedene Eiweißantikörper, die ohne Komplement wirken uijd zum Teil von Ambozeptortypus mit ihren Antigenen in vitro uu- (deren Identität strittig ist). Der schädliche, nichtantigene Verbin- anaphylaktische Antikörper rea- dungen liefern. Reaktionsablauf giert in vitro mit seinem Antigen in vivo nicht pathogen. unter Bildung eines nichtautigenen Produktes ; Reaktionsablauf in vivo für warmblütige Tiere hoch- pathogen. Allergie und Anaphylaxie. 965 Typische, auf der Wirkung des Antikörpers beruhende, daher auch passiv übertragbare Form der Allergie: Unterempfindlichkeit (aktive und Ueberempfindlichkeit (aktive und passive antitoxische Immunität). passive Anaphylaxie). Atypische Form der Allergie, für. welche eigene Anti- körper nicht existieren, daher passiv nicht übertragbar; oft im Widerspruch zur Wirkung des im Blute vor- handenen Antikörpers („paradoxe" Reaktionen): Ueberempfindlichkeit Schwund der Ueberempfindlich- keit, also Rückkehr zur Norm (Antianaphylaxiej. Die Polarität der Gegensätze, wie sie etwa zwischen Tetanustoxin und einem artfremden, primär ungiftigen Serumeiweiß bestehen, wird allerdings durch Antigene überbrückt, bei welchen ein meist höher- molekuläres, selbst antigeu wirkendes Eiweißmolekül den Träger toxinartiger Funktionen bildet. Diese Zwischenglieder sind viel zaJil- reicher als jene Extreme, welche sich ohne Zwang in die oben aufge- stellten Kategorien einreihen lassen ; sie nähern sich in Hinsicht ihrer allergischen Wirkungen entweder mehr den Toxinen (Schlangengifte, Ricin, Abrin) oder den Eiweißantigenen (Bakterienendotoxine, Gifte aus Miesmuscheln, Aktinien und Austern, Phytotoxine wie Krepitin u. a. m.), bilden Antitoxine ebenso wie Präzipitine, Lysine, Agglu- tinine, komplementablenkende und anaphylaktische Antikörper und können dementsprechend im lebenden Tiere sowohl antitoxische Im- munität als anaphylaktische Ueberempfindlichkeit hervorrufen, die sich beide unter Umständen passiv auf normale Individuen übertragen lassen. Welche Form der Antigenallergie dominiert, hängt in erster Linie wohl von dem gegenseitigen Verhältnis ab, in dem der ,,ictus immunisatorius" der Toxinkomponente zu dem Antigenreiz des Eiweiß- trägers steht, in zweiter Linie von der Art und Individualität des Tieres, in dem sich die Vorgänge abspielen. Da es fast immer unmöglich ist, das Toxin mit chemischen Methoden derart abzuspalten, daß nur seine Antigenfunktion erhalten bleibt, während die des Eiweißträgers eliminiert wird, so bereitet die Analyse derartiger Pro- zesse Schwierigkeiten und bietet der Theorie ein weiteres Feld als der exakten experimentellen Lösung. Wählt; man solche Zwischenglieder (Ophiotoxine, Toxalbumosen, Bakterien- endotoxine) zum Ausgangspunkt der Betrachtung, so müssen sich naturgemäß die Grenzen zwischen antitoxischer Immunität und Anaphylaxie vollständig ver- wischen. Dieser Erscheinung begegnen wir bereits bei Richet (s. S. 968). NoLF immunisierte Hunde mit Kobragift und konstatierte, daß kleine Mengen ihres Serums im Gemisch mit Kobragift akute Anaphylaxie auslösen, während große Dosen das Gift neutralisieren. Er will auf Grund dieser Ex- perimente keinen wesentlichen Unterschied zwischen antitoxischer Immunität und. Anaphylaxie anerkennen und meint, daß die äußeren Differenzen beider Er- scheinungen bloß in quantitativen Verhältnissen begründet seien; das, was man Anaphylaxie nennt, beruhe nur auf einer massiven Dosierung der Antigene oder auf einer besonders gefährlichen Applikationsart (intravenöse Injektion). Diese Idee hat Friedberger ^^ übernommen und noch schärfer gefaßt, indem er Antitoxin und Eiweißautikörper . als einen identischen Stoff auffaßt, der die Aufspaltung des Antigens über eine giftigere Zwischenstufe bevrirkt. _ Ist das Antigen primär stark toxisch, so kann man im Versuch nur wenig injizieren, der Abbau ist rasch und vollständig und äußert sich klinisch als Entgiftung: schwach giftige Antigene werden in großer Menge einverleibt, der Abbau ist 966 Robert Doerr, daher erschwert, erfolgt unter reichlicher Bildung hochgiftiger intermediärer Produkte und präsentiert sich als Ueberempfiudlichkeit. Nach M. Arthus reagieren normale Kaninchen auf 2 ccm einer 1-prom. Cobragiftlösung intravenös mit den Symptomen einer Curareintoxikation und ver- enden nach 20 — 25 Minuten ; der Blutdruck, die Blutgerinubarkeit, die Atmung sind unmittelbar nach der Injektion nicht wesentlich verändert. Mit Cobragift subkutan vorbehandelte Kaninchen zeigen nach der gleichen Dosis sofort die Erscheinungen des anaphylaktischen Shocks (starkes Absinken des Blutdruckes, Dyspnoe, Verminderung der Blutgerinnbarkeit ) ; dagegen fehlt die Curarisation, es' tritt rasche Erholung ein und die Tiere überleben: sie sind demnach gegenüber der Norm immun und gleichzeitig — hinsichtlich der Momentanreaktion — über- empfindlich. Solche Versuche gelangen auch mit den Giften von Vipera Russelii und Crotalus terrificus, welche normale Kaninchen durch intravaskuläre Throm- bosen töten ; spezifisch präparierte erlitten nur den anaphylaktischen Shock, während die charakteristischen Wirkungen des betreffenden Ophiotoxins aus- blieben. Arthus konstatierte, daß die Wirkungen des Cobragiftes auf das normale sowohl wie auf das vorbehandelte Kaninchen gleichmäßig abgeschwächt oder aufgehoben werden, wenn man demselben Anticobraserum zusetzt, und schließt daraus, daß das Cobragift nur eine einzige Substanz enthält, welche ira Organismus gleichzeitig Anaphylaxie gegen ihre shockauslösenden (,,proteo- toxischen") und Immunität für ihre kurarisierenden Eigenschaften hervorruft. Diese Ansicht von M. Arthus läßt sich vertreten. In allen Toxinen ist die Toxinfunktion an einen Eiweißträger gebunden, und die komplexe Natur der Ophiotoxine (sowie der Bakterienendotoxine, des Aalserums, des Kongestins, Krepitins und ähnliche Toxalbumosen ) braucht daher nicht gerade darauf zu beruhen, daß solche Substrate neben einem spezifischen Toxin noch ein selb- ständiges Eiweißantigen enthalten, sondern kann viel eher so erklärt werden, daß hier der Eiweißträger des Toxins selbst antigeue Fähigkeiten im Sinne eines Anaphylaktogens besitzt. Wichtig für diese Frage bleibt es jedenfalls, daß bei den echten Toxinen der Eiweißträger so niedermolekular ist, daß ihm keine besondere Antigenwirkung zukommt, und daß andererseits hochmolekulare Eiweißkörper ohne Toxinfunktion (artfremde Sera) existieren. Es empfiehlt sich zweifellos mehr, diese reinen Extreme der Theorie zugrunde zu legen als die komplexen Grenzfälle. Gegenstand des A-orliegenden Kapitels ist hauptsächlich die Lehre von der Eiweißallergie, welche indes zu vielen Gebieten der Immuni- tätsforschung und Pathologie enge Beziehungen besitzt, die im fol- genden entsprechend gewürdigt werden sollen. Die Eiweißallergie (TJeberempfindlichkeit gegen Eiweißantigene) oder Anaphylaxie. Historischer Ueberblick. Die gewöhnlichste, im Experiment und beim Menschen am häufig- sten beobachtete Erscheinungsform der Eiweißallergie besteht darin, daß sich infolge parenteraler — seltener enteraler — Zufuhr von artfremdem Eiweiß nach einer gewissen Inkubations- oder Latenz Periode eine spezifische Ueberempfindlichkeit entwickelt ; d. h. die neuerliche Injektion derselben Eiweißlösung, auch w'enn sie an sich ganz ungiftig ist, löst akute, , oft sehr intensive Krankheitserschei- nungen aus, die in wenigen Minuten mit dem Tode endigen können. Nach Morgenroth hat schon Magendi im Jahre 1839 beob- achtet, daß Kaninchen, die eine zweimalige intravenöse Injektion von Eiweiß ohne Schaden ertragen hatten, einer 3., nach einer Reihe von Tagen ausgeführten Einspritzung sofort erlagen. Ferner konsta- tierte Flexner 1894, daß Tiere zwar eine einmalige Injektion von Hundeserum aushalten, bei der 2., nach Tagen und Wochen vorge- Allergie und Anai^hvlaxie. 967 nommenen jedoch verenden, und zwar nach Dosen, welche für Kon- trollen nicht letal waren. Im selben Jahre berichteten auch Arloing & CouRMONT, daß wiederholte Injektionen von Eselserum beim Menschen immer toxischere Effekte nach sich ziehen. Endlich hat RicHET in Gemeinschaft mit Hericourt 1898 festgestellt, daß bei der Immunisierung von Hunden mit giftigem Aalserum statt Immunität üeberempfindlichkeit eintritt, und daß die Tiere nach wiederholten Injektionen zugrunde gehen. Zweifellos gehürea in diese Vorläuferperiode auch zahlreiche Experimente von Arloing, Courmoxt, Rodeti, -, Roger, Bouchard und anderen Autoren der Lyoner Schule, welche zeigen konnten, daß Kaninchen und Meerschwein- chen, die man mit Bouillonkulturfiltraten von Tuberkelbacillen, Streptokokken, Staphylokokken vorbehandelt hat, eine erhöhte Empfindlichkeit für die Infektion mit den betreffenden lebenden Mikroben aufweisen, derart, daß sie nicht nur auf gleiche Dosen viel intensiver reagieren als normale Kontrollen, sondern daß auch die Inkubation und die Krankheitsdauer erheblich reduziert erscheint. Namentlich diese Beschleunigung der Wirkung war sehr deutlich ausgeprägt, indem dei' Exitus schon in wenigen Stunden statt nach mehreren Tagen eintrat. Dabei konnte festgestellt werden, daß die erhöhte Disposition während der ersten Tage nach der Vorbehandlung mit Filtrat nicht nachweisbar war, sondern erst vom 4. Tage ab, daß sie sich bis zum 20. Tage auf voller Höhe hielt und dann lange Zeit (bis zum 90. Tag) fortbestand, daß also die Wirkung der löslichen Bakterienprodukte keine direkte war, sondern zu einer tiefen Modifikation der Eigenschaften des tierischen Organismus führte. J)ie wirk- samen Stoffe in den Bouillonkulturfiltraten nannten die Autoren prädisponie- rende Substanzen. Diese Arbeiten, welche auf die Zeit zwischen 1888 und 1891 fallen, haben zur Entwickelung der Lehre wenig beigetragen, da die Reinjektion mit lebenden Bakterien ausgeführt und die Symptome als be- schleunigte Infektion aufgefaßt wurden; daß die prädisponierenden Substanzen Eiweißcharakter haben, und daß der akute Tod nicht auf einer Infektion beruhen muß, blieb unerkannt. Die Angabe von Buchner ^ (1890), daß die Injektion verschiedener Bak- terienproteine Fieber hervorruft, und daß sich bereits einmal injizierte Tiere anders verhalten wie normale, blieb gleichfalls unbeachtet, trotzdem Krehl & M.\TTHEs2 5 Jahre später zeigten, daß auch andere Eiweißstoffe und ihre Derivate ( Albumosen und Peptone) Temperatursteigerungen bewirken, die sich bei wieder- holter Zufuhr steigern. Diese Tatsachen gewannen erst viel später durch Friedberger, Weichardt & ScHiTTENHELM eine Beziehung zu der inzwischen weit ausgebauten Lehre der Eiweißallergie. Ebenso wenig fördernd erwies sieh die Entdeckung der Tuberkulinüber- empfindlichkeit tuberkulöser Individuen durch KocH^~'^ (1890). Uebrigens ist es auch heute noch strittig, ob dieses Phänomen überhaupt als anaphylaktische Reaktion gegen Tuberkulin gedeutet und mit der Eiweißallergie in Parallele ge- setzt werden darf (s. S. 1109). Von größerer Tragweite waren dagegen die Experimente, welche der französische Physiologe Ch. Richet^ mit tierischen Toxalbuminen anstellte. Aus den Tentakeln von Seerosen (Actinia equina und Ane- monia cereus) gewann er durch Mazeration giftige Extrakte, welche Hunde bei intravenöser Injektion von 0,2 ccm pro kg Tier in 3 — 4 Tagen töteten. Wurde nur die Hälfte (0,1 ccm) injiziert, so zeigten •die Hunde bloß geringfügige krankhafte Symptome, dagegen erwiesen sich derart vorbehandelte Tiere nach einem Zeiträume von drei Wochen gegen eine neuerliche Injektion subletaler Dosen äußerst empfindlich, bekamen schon nach wenigen Sekunden Dyspnoe, Diarrhöe und Erbrechen und verendeten noch innerhalb der ersten Stunde. Gleich bei diesen Versuchen stellte es sich heraus, daß die üeberempfindlichkeit erst nach einer gewissen Zeit entsteht; führt man die 2. Injektion wenige Tage (3 — 5) nach der ersten aus, so verhält sich das vorbehandelte Tier nicht anders wie ein normales. 968 Robert Doerk, Erst später zeigen sich Andeutungen des hypersensiblen Zustandes, der zwischen dem 11. bis 50. Tage seine höchste Ausprägung er- reicht, um dann oft lange Zeit (mehrere Monate) in verminderter In- tensität fortzubestehen. RiCHET bemühte sich, das wirksame Priuzip des Aktinienextraktes durch wiederholte Präzipitation mit dem 4-fachen Volum absoluten Alkohols und Wiederauflüsen der erhalteneu Niederschläge iu 5-promill. Sodalösung zu isolieren. Er erhielt schließlich ein wasserlösliches, weißlichgrünes Pulver, welches er selbst wegen seiner Aschenbestandteile und Peptonbeimengungen für unrein erklärte Es gab gewisse Reaktionen der Eiweiß körper und war hocb toxisch (Dos. let. min. pro kg Hund 0,0042 g iv., pro kg Kaninchen 0,009 gj. RiCHET bezeichnete das Präparat als Aktino-Kongestin wegen seiner Provenienz und weil es bei Versuchstieren eine hochgradige kongestive Hyperämie der Magendarmwand hervorrief, die sich mit ausgedehnten Häraorrhagien auf der Schleimhaut des Damit raktes, auf dem Peritoneum, der Pleura und dem Endo- kard kombinierte. Der durch Alkohol nicht fällbare Teil des Aktinienextraktes lieferte einen zweiten, kristallisierten, weniger giftigen Körper, das Thalassin, der bei intravenöser Injektion kleiner Mengen beim Hunde Pruritus, Haut- und Schleimhautexantheme erzeugte. Das Thalassin rief niemals Ueberempfindlichkeit hervor, dagegen besaß das Kongestin diese Fähigkeit in hohem Maße. Mit subletalen Dosen vorbehandelte Hunde konnten schon durch 0,002 g, sensibilisierte Kaninchen durch 0,003 g getötet werden. Die Reaktionsfähigkeit war aber nicht nur quantitativ ge- steigert, sondern auch zeitlich verändert, indem die gefahrdrohenden Symptome auffallend schnell eintraten. Selbst die schwächsten, für einen nor- malen Hund unschädlichen Dosen riefen sofort Erbrechen, Dyspnoe und eine derartige lähmungsähnliche Schwäche hervor, daß sich das Tier nicht mehr auf- recht erhalten konnte. Normale Hunde erkranken dagegen selbst nach der ein- fach letalen Dosis erst nach einem längeren Latenzstadium und verenden erst. nach 3 oder mehr Tagen. Weiter zeigte sich, daß die primäre Giftigkeit des Kongestins und seine Fähigkeit, Ueberempfindlichkeit hervorzurufen, gegen höhere Temperaturen sehr ungleich resistent waren. In wässeriger Lösung auf 105" C erhitztes Kongestin (Mttakongestin) ist 3 — 4mal weniger toxisch als der ursprungliche Körper; es erzeugt aber dieselbe Ueberempfindlichkeit gegen die Reinjektion subletaler Kongestinmengen wie das primäre, nicht erhitzte, vollgiftige Präparat. Richet warf schon damals die Frage auf, ob mit Kongestin sensibilisierte Tiere nicht auch gegen die erhitzte Substanz (Metakongestin) überempfindlich sind, prüfte sie aber nicht im Experiment. Später arbeitete Eichet 11,12 mit ähnlichen Extrakten und Prä- paraten aus Mytilus edulis (Mytilokongestin), Suberites domuncula und hauptsächlich 21, 25 ^it einem Toxalbumin aus dem Milchsafte der Euphorbiacee Hura crepitans, dem Krepitin, und konstatierte ähn- liche Verhältnisse. Schon in seinen ersten Publikationen hat Eichet eine Eeihe von Gesetzen festgestellt, welche noch heute auf dem Gebiete der Eiweißallergie allgemeine Gültigkeit besitzen und auf vorzügliclien Beobachtungen beruhen. Seine Auffassung vom Mechanismus der Kongestinüberempfindlichkeit war aber in ihrer ursprünglichen Form nicht geeignet, die Basis für ein fruchtbares Fortarbeiten abzugeben. Eichet war es entgangen, daß er im Aktinieneiweiß ein kom- plexes Antigen in Händen hatl,e, welches neben dem sensibilisieren- den Eiweiß ein immunisierendes Toxin enthielt. Dementsprechend mußten auch die Immunisierungsvorgänge komplizierter Natur sein und Interferenzerscheinungen von antitoxischer Immunität gegen die giftige Komponente und von Eiweißallergie gegen das spezifische Aktinienprotein darstellen (DoerrI, '^). So finden wir z. B. bei Eichet 2 die Angabe, daß vorbehandelte Hunde nach der Eeinjektion hoher Kongestindosen zwar einen höchst intensiven, momentanen Shock Allergie und Anaphylaxie. 969 erleiden, dann aber bisweilen in kurzer Zeit genesen und überleben, während normale Tiere nach solchen Giftmengen absolut sicher ein- gehen, wenn sie auch erst nach einer längeren Inkubation erkranken. Erstere waren also über- und unterempfindlich zu gleicher Zeit. RiciiET verlegte jedoch trotz solcher Erfahrungen das Schwer- gewicht bei der Erklärung der Ueberempfindlichkeit gegen Kongestin nicht auf das Eiweiß, sondern auf den giftigen Charakter des Präparates. Er meinte, daß gewissen Giften (Toxinen) neben der Fähigkeit, in kleinen Dosen vaccinierend oder proph^vlaktisch gegen spätere Giftzufuhr zu wirken, auch die Eigenschaft zukommt, die , .Immunität zu vermindern", und nennt die letztere im Gegensatz zur ersten anaphylak tisch. Den Zustand der Ueberempfindlich- keit, den er charakteristischerweise in direkte Parallele zu den Beob- achtungen von V. Behring, Knorr, Brieger etc. bei den echten Bakterientoxinen setzt, bezeichnet er als Anaphylaxie*). — "Wir müssen daher eine neue Aera in der Geschichte der Eiweißallergie oder Anaphylaxie von dem Moment an datieren, wo man das art- spezifische Eiweiß als Träger der überempfindlich machenden Wir- kung erkannte, auch in jenen Fällen, wo von einer primären Toxizität desselben nicht gut die Rede sein kann. Die Substitution der Tox- albumine Richets durch ungiftiges Serumeiweiß war für die generelle Auffassung des Anaphylaxieproblems ebenso wie für das experimen- telle Studium desselben höchst bedeutungsvoll, wie schon daraus hervorgeht, daß fast die ganze weitere Entwickelung auf Versuchen mit artfremdem Serum beruht. Am 16. Juni 190.3 publizierte Arthus^ Versuche, in denen er zeigen konnte, daß Kaninchen, die weder auf die subkutane, noch intraperitoneale oder intravenöse einmalige Injektion von Pferdeserum reagieren, bei wiederholten Einspritzungen schwere Erscheinungen darbieten. Bei subkutanen, in sechstägigen Intervallen ausgeführten Injektionen wurde das Serum nur die ersten drei Male binnen einigen Stunden glatt resorbiert, nach der 4. Injektion entstand ein weiches, 2 bis 3 Tage persistierendes Infiltrat, nach der •'3. ein härteres, 5 Tage währendes, nach der 7. Injektion, bisweilen auch früher, wurde die Haut an der betreffenden Stelle gangränös und nach langsamer Sequestration blieb ein tiefes, schwer vernarbendes Geschwür zurück (lokale Anaphylaxie). Wurden aber 2 ccm Pferdeserum bei subkutan oder intraperitoneal wiederholt vorbehan- delten Kaninchen in eine Ohrvene injiziert, so traten fast augenblick- lich schwere Symptome auf (Dyspnoe, Entleerung von Kot, Krämpfe), die in 2 — 4 Minuten zum Tode führten oder in überraschend kurzer Zeit in völlige Erholung übergingen (allgemeine Anaphylaxie). Bei anderen Tieren (Meerschweinchen, Ratten) konnte ähnliches kon- statiert werden ; auch gelangen die Versuche nicht nur mit Pferde- *) Etymologisch ist der Ausdruck nicht zu rechtfertigen. Wie MoRO^ richtig auseinandersetzt, müßte der Gegensatz von Prophylaxis (erhöhter Schutz) Antiphylaxis oder Aphylaxis (Schutzlosigkeit) heißen. &va hat im Griecliischen nie den Sinn des Gegenteiles von upö. Das Wort Anaphylaxie ist jedoch derart eingebürgert und zu so vielen neuen Wortbildungen verwendet worden, daß seine Beibehaltung zweckmäßig erscheint. Man kann aber wohl fordern, daß es nur als Synonymum für Eiweißallergie gebraucht und nicht für alle mög- lichen, ihrer Aetiologie nach unbekannten oder von der Eiweißallergie total verschiedenen Phänomene von Ueberempfindlichkeit wahllos benützt wird. 970 Robert Doerr, serum, sondern auch mit Kuhmilch, doch war Pferdeserum ungefähr- lich für mit Kuhmilch präparierte Kaninchen und umgekehrt, so daß wir also bereits bei Arthus das Gesetz der Spezifität deutlich aus- gesprochen finden. Fast gleichzeitig mit Arthus (25. Juni 1903) veröffentlichten V. Pirquet & Schick i eine vorläufige Mitteilung, in welcher sie den Satz aufstellten, daß der mit gewissen pathogenen Substanzen vorbehandelte Organismus für längere Zeit die Fähigkeit behält, auf eine nochmalige Einwirkung desselben Agens rascher mit Krank- heitserscheinungen zu antworten bzw. den ganzen Prozeß in kürzerer Zeit durchzumachen. Unter diesen pathogenen Substanzen führen sie ausdrücklich das artfremde Serum an. Sie stützten sich dabei zunächst auf klinische Beobachtungen an mit Pferdeserum (Diphthe- rie-, Scharlachserum) injizierten resp. reinjizierten Kindern. Manche Menschen reagieren, wie schon aus der Zeit der Lammbluttransfu- sioneii bekannt war (Dallera), bereits auf die erste Injektion, be- sonders größerer Mengen artfremden Serums mit Krankheitserschei- nungen, w^elche v. Pirquet & Schick 2, 3 genau beschrieben und unter den Begriff der ,, Serumkrankheit" subsumierten. Das lukabations- stadium schwankt in solchen Fällen zwischen 7 und 11- Tagen, sinkt aber selten unter 6 Tage. Bei Eeinjizierten dagegen erfolgte, vor- ausgesetzt, daß das Intervall zwischen 1. und 2. Injektion nicht weniger als 12 Tage betrug, die Reaktion entweder sofort oder nach wenigen Stunden, sie war fast immer zu beobachten und trat schon nach sehr kleinen Mengen Serum (1 ccm) auf. Der Reinjizierte er- krankte also konstanter, schneller und nach kleineren Serumdosen : er war überempfindlich. Aehnliche Beobachtungen machten Marfan, LE Play u. a. V. Pirquet & Schick faßten die Serumkrankheit der Erst- und Reinjizierten als eine Antigen-Antikörper- reaktion auf. Sie nahmen an, daß das Pferdeserum an sich nicht toxisch wirkt, daß es aber im Organismus die Bildung eines antikörperartigen Reaktionsproduktes auslöst, dessen Einwirkung auf die noch vorhandenen Antigenreste die Erkrankung bedingt. Daher das lange Inkubationsstadium der Erstinjizierten, welches sonst unerklärlich wäre, da das Serum doch eine nicht vermehrungsfähige Substanz dar- stellt. Bei der Reinjektion trifft das artfremde Serum entweder auf vorhandenen Antikörper, die Erkrankung erfolgt momentan nach der Antigenzufuhr (sofortige Reaktion) oder die Zellen haben wenig- stens die Fähigkeit behalten, auf Neueinführung des Serums rascher mit Antikörperbildung zu antworten, wie das v. Dungern für die Präzipitation festgestellt hat ; dann ist die Inkubation erheblich ab- gekürzt (beschleunigte Reaktion). V. Pirquet & Schick sind indes noch nicht zu einer präzisen Auffassung des Gegensatzes zwischen Eiweißantigenen und echten Toxinen gelangt. Sie identifizieren die Ueberempfindlichkeit nach Di- phtherie- und Tetanustoxin, nach Aktiniengift, Aalserum und Pferde- serum und denken noch immer an die Möglichkeit, durch fortgesetzte Eiweißzufuhr eine ,, wahre" d. h. antitoxische Immunität gegen das- selbe zu erzeugen. Klarere Vorstellungen in dieser Hinsicht treffen wir in den Arbeiten von AYolff-EisnerS aus den Jahren 1903 und 1904, die Allergie und Anaphylaxie. 971 allerdings nur den konsequenten Ausbau einer von R. Pfeiffer 1893 angebahnten Ideenrichtung bilden. R. Pfeiffer befaßte sich bekanntlich mit dem Studium der peritonealen Cholerainfektion des Meerschweinchens und im An- schlüsse daran mit der Erforschung der pathogenen Wirkung der Vibrionen, Er sah, daß Filtrate von jungen Cholerabouillonkulturen, die noch frei von autolytischen Zerfallsprodukten waren, von Meer- schweinchen gut vertragen wurden, so daß der Schluß gerechtfertigt erschien, daß die Choleraerreger keine Sekretionsprodukte vom Charakter echter Toxine liefern. Injizierte er dagegen vorsichtig abgetötete Bakterienleiber (aus frischen Agarkulturen) in geeigneter Menge einem Meerschweinchen intraperitoneal, so traten 3 — 4 Stunden später schwere Vergiftungssymptome ein, die hauptsächlich in einem starken Abfall der Temperatur (bis auf 25 ^ C) und auffallender Schwäche bestanden ; diese Tiere verendeten entweder in kurzer Zeit oder erholten sich nach kleineren Dosen auffallend rasch und schienen nach 24 — 36 Stunden wieder völlig gesund. Wie die mikroskopische Untersuchung des Peritonealexsudates lehrte, bestanden die Prozesse in der Bauchhöhle, welche die Krankheitserscheinungen begleiteten, in einer fortschreitenden Auflösung der toten Bakterienleiber. In- jiziert man statt toter lebende Vibrionen, so gehen die Tiere nach 15 — 20 Stunden unter den gleichen Zeichen der Vergiftung ein ; mikroskopisch findet man auch hier Bakteriolyse, die aber nur lang- sam vor sich geht und nur nach Einspritzung kleiner Bakterien- mengen deutlich ist, wäJirend sie nach großen Mengen durch die Vermehrung verdeckt wird. Durch sukzessive Abstufung der In- fektionsdosis kann man es dahin bringen, daß die Meerschweinchen mit mikroskopisch sterilem Peritoneum verenden, so daß die Ursache nur in einer Vergiftung, nicht aber in einer Infektion gesucht werden kann. R. Pfeiffer nahm auf Grund dieser Tatsachen an, daß die Choleravibrionen besondere Gifte enthalten, die er Endotoxine nannte, weil sie von den Bakterien intra vitam nicht ausgeschieden, sondern erst durch die Auflösung frei gemacht werden können. Er zeigte ferner, daß dieser Zerfall, die ,, Bakteriolyse", exzessiv ge- steigert werden kann, wenn man präventiv oder gleichzeitig Cholera- immunserum, d. h. das Serum eines mit Vibrionen systematisch vor- behandelten Tieres zuführt. Das war auch dann der Fall, wenn man ein mit Vibrionen vorbehandeltes Tier nach entsprechendem Intervall selbst infiziert, weil sein Körper eben über die wirksamen Serum- stoffe, die ,,Bakteriolysine", verfügt. Pfeiffer konnte nun beob- achten, daß die ,, immunen" Meerschweinchen oft rascher zugrunde gingen als normale. Die Infektion konnte nicht die Ursache dieses ,, paradoxen" Verhaltens sein, weil das Peritoneum der verendeten Immuntiere bisweilen völlig steril war; auch hier konnte nur eine Intoxikation vorliegen, wie Pfeiffer dachte, durch die prä- formierten Endotoxine, und der raschere Verlauf war eben nur der Ausdruck der intensiven und sich in kurzer Zeit abspielenden Auflösungsprozesse, welche große Giftquanten plötzlich in resorbier- baren und deshalb wirksamen Zustand versetzten. Nachdem Bordet gezeigt hätte, daß die Bakteriolyse auch in vitro vor sich geht, wenn man Vibrionen mit frischem spezifischem Antiserum versetzt, war «s eigentlich naheliegend, die hypothetischen Endotoxine Pfeiffers auf diesem Wege darzusteUen und ihre Wirkung auf das Tier einerseits mit dem „paradoxen" 972 Robert Doeur, Verhalten der peiitoiieal infizierten Immuumeerscbweinchen, andererseits mit deu Vergiftungen zu vergleichien, welche durch andere Methoden (Autolyse, Ex- traiitionj gelöste Vibrionen im gesunden Organismus bewirken. Das wurde aber von keiner Seite versucht. Nur Weichardt^ berichtete 1902 über eine ein- schlägige Versuchsanordnung, die sich jedoch nicht auf Bakterien, sondern auf Körperzellen bezog, welche, wie inzwischen ermittelt worden war, gleichfalls lytische Antiköq)er (Cytolvsine) produzieren, die mit den Bakteriolysinen die größte Aehnlichkeit aufweisen. Weichardt versetzte zerriebene menschliclie Placentarzellen mit einem frischen spezifischen Antiserum vom Kaninchen und injizierte hohe Dosen des Gemisches normalen Kaninchen intravenös. Drei starben nach 2 — 3 Tagen unter Krämpfen, 6 blieben gesund. Der verspätete Tod und das inkonstante Verhalten machen es heute zweifelhaft, was in den wenigen positiven Fällen die Ursache gewesen sein mag; Weichardt zog aber daraus den Schluß, daß durch die Lyse der Syncytialzellen „Toxine' frei werden, welche den bei der menschlichen Eklampsie wirkenden Faktor darstellen, und gegen welche er wieder die Produktion von Antitoxinen für möglich hielt. Diese Vorstellungen übertrug er 1903 auch auf das Heufieber*. AVolff-Eisner2 unterscheidet als Erster scharf zwei Antigen- gruppen, denen auch zwei verschiedene Typen der Immunität entsprechen : in die erste gehören die Toxine, welche Antitoxine produzieren, in die zweite die verschiedenen Formen von „körper- fremdem Eiweiß". Letzteres findet Wolff-Eisxer in Organzellen fremder Species (Erythrocyten, Leukocyten, Spermatozöen), in den Leibern von Bakterien (Typhusbacillen, Choleravibrionen) und im artfremden Serum. Körperfremdes Eiweiß ist nach Wolff-Eisner spezifisch und hochgiftig; das, was man als Endotoxin der Bak- terien bezeichnet, sei gleichfalls nur körperfremdes Eiweiß, eine Ab- trennung besonderer endocellulärer Bakteriengifte vom spezifischen Bakterienprotein hält er für überflüssig. ,,Eine Antitoxinbildung gegen die Giftwirkung körperfremden Eiweißes findet nicht statt", daher kommt es auch hier nicht zu einer Immunität im engeren Sinne der Schutzwirkung, sondern im weiteren Sinne der Antikörperbil- dung, die sich aber klinisch als das gerade Gegenteil, als Ueber- empfindlichkeit ausprägt. Nach der Vorbehandlung mit Bakterien and Organzellen entstehen nämlich Cytolvsine ; während daher bei der 1. Injektion die Auflösung der eingespritzten Zellen langsam vor sich geht, erfolgt sie beim vorbehandelten Tier stürmisch (Ex- perimente von R. Pfeiffer bei Bakterien, von Wolff-Eisner bei Organzellen), das körperfremde, giftige Eiweiß wird schnell in die lösliche, resorbierbare Form übergeführt, die Intoxikation verläuft also akuter als beim normalen Tier. Bei den Organzellen, welche sich nicht vermehren können, liegen nach Wolff-Eisxer die Ver- hältnisse noch klarer als bei der Infektion vorbehandelter Tiere mit Bakterien (Pfeiffers Peritonealversuch) ; denn hier kann die schnelle Bakteriolyse auch eine schützende Wirkung ausüben, in- dem dadurch eine weitere Bakterienvermehrung unmöglich gemacht wird, so daß die schließlich in Lösung gebrachte Gesamtmenge des Endotoxins die Dosis letalis minima nicht erreicht. Umgekehrt kann eine kleine eingespritzte Bakterienmenge bei langsamer Lyse doch zum Intoxikationstod (bei stefilem Peritoneum!) führen, weil die initiale Vermehrung die Dosis efficax von Endotoxin für die ter- minale Lyse liefert. Bei Organzellen, die sich nicht vermehren, er- folgt der Tod hingegen nur dann, wenn von vornherein das nötige Quantum (von CitronI ,, absolut toxische Menge" genannt) einver- leibt wird. Wolff-Eisner beschrieb auch sehr anschaulich die Sym- ptome, die er bei Kaninchen nach wiederholter inti^avenöser Bakterien- Allergie und Anaphylaxie. 978 Injektion beobachtete, und die den von Arthus beobachteten völlig glichen. Die Ausführungen von Wolff-Eisxer treffen zweifellos in vielen Beziehungen zu und haben auf die Ideen- und Arbeitsrichtung der Folgezeit augenscheinlich bestimmend eingewirkt. Wolff-Eisxers Hy- pothese ist aber nicht allgemein anwendbar, da nicht alle Arten von körperfremdem Eiweiß primäre Giftigkeit besitzen, und die Ursache der Ueberempfindlichkeit infolgedessen nicht immer durch ein Frei- werden präformierter Gifte durch Lösung der sie enthaltenden Zellen bedingt sein kann. Das artfremde Serum, welches die Eiweiß- körper schon im gelösten Zustande enthält und oft völlig atoxisch ist (Pferdeserum), läßt sich in dieses System überhaupt nicht ein- fügen. Die nächsten Fortschritte der Anaphylaxieforsciiung waren durch eine ihrem Wesen nach rein technisch-experimentelle Neuerung, die Wahl eines geeigneten Versuchstieres, bedingt. Das Kanin- chen, welches Arthus i, v. Pirquet & Schick 3, Wolff-Eisner^ fast ausschließlich benutzt hatten, reagiert erst nach wiederholter Sensibi- lisierung und auf große Serumdosen, und zwar recht ungleichmäßig. Ungleich empfindlicher und brauchbarer ist das Meerschweinchen. NicoLLE gab allerdings an, daß anaphylaktische Reaktionen beim Meerschweinchen schwerer zu erzielen seien, doch präparierte er die Tiere durch tägliche Injektion hoher Serumdosen (2 ccm), ein Ver- fahren, von dem wir heute wissen, daß es nicht zum Ziele führt; in den gleichen Fehler verfiel RemlixgerI,^. Auf die richtige Methodik leitete erst ein beträchtlicher Umweg. Schon IDO-t hatte Theobald Smith 2 die Beobachtung mitgeteilt, daß Meerschweinchen, welche mehrere Wochen vorher ein Gemenge von Diphtherietoxin und Anti- toxin zu prüfungstechnischen Zwecken erhalten und sich dann schein- bar völlig erholt hatten, plötzlich verendeten oder schwere Krank- heitserscheinungen darboten, wenn man ihnen subkutan mehrere Kubikzentimeter normalen Pferdeserums injizierte (Phänomen von Theobald Smith). Auf Veranlassung Ehrlichs unterzog Otto^ diese Tatsache einer experimentellen Analyse und fand, wie nach den Versuchen von Arthus zu erwarten war, daß schon die einmalige Injektion von normalem Pferdeserum Meerschweinchen gegen die in entsprechendem Intervall ausgeführte Reinjektion großer Dosen des- selben Serums empfindlich macht. Das wirksame Prinzip in der Versuchsanordnung von Theobald Smith war also weder das Di- phtherietoxin noch das Antitoxin, sondern das Pferdeeiweiß, daher hatte auch nur die Reinjektion von Pferdeserum, nicht aber von Rinder-, Ziegen-, Kaninchenserum einen Erfolg. Es hat allerdings den Anschein, als ob die kombinierte Vorbehandlung mit Diphtherietoxin und Pferdeserum höhere Grade von ueberempfindlichkeit hervor- zurufen imstande sei, als die mit reinem Pferdeserum (Otto i^, 2, RemlingerI. Frey, Besredka & Steinhardt, Friedemann i, Kinyoun, Lewis S Gay & Southardi, Salus*, i, Braun i). Auch geben Kraus & Doerr*) an, daß Ka- ninchen, weiche Dysenteriegift und das korrespondierende antitoxische Pferde- serum erhalten hatten, oft hochgradiger überempfindlich sind, als .solche, die nur mit der gleichen Menge Pferdeserum präpariert worden waren. Man verwendete daher meist alte Diphtheriemeerschweinchen und suchte die Erscheinungen bei der Reinjektion noch dadurch zu verstärken, daß man das Serum nicht wie Theobald Smith subkutan, sondern intraperitoneal (Otto). *; Zitiert nach Doerr 2. 974 Robert Doerr, intracerebral (Besredka & Steinhardt^) und schließlich intravenös oder intracardial injizierte (Rosenau & Anderson 2, Kraus & Doerr, Doeur & Raübitschek, Gay & Soüthard^ Lewis u. v. a.). Doch sahen Rosenau & Anderson 2 schon nach einmaliger Sensibilisierung mit reinem Serum den Tod fast regelmä(3ig in einigen Minuten eintreten, wenn sie 10 bis 12 Tage später 0,1 cm-^ Pferdeserum intravenös reinjizierten. Später (seit 1909) wurden daher über Vorschlag von Doerr & Russ ^ Diphtherietiere überhaupt nicht mehr verwendet, da sie ein äußerst ungleichmä(]iges, mit sehr ver- schiedenen Serummengen vorbehandeltes Material darstellen und da durch die Einwirkung des Diphtherietoxins ganz unkontrollierbare Faktoren in Rechnung kommen. Sie gestatten daher nicht die Anwendung quantitativer Arbeits- methoden ; dies wird nur möglich, wenn man normale, mit gleichen Dosen Normalserum präparierte Meerschweinchen benützt. Eine weitere bedeutungsvolle Etappe \vurde inauguriert durch die Entdeckung der anapTiyiak tischen Antikörper, d. h. der Möglichkeit, die Eiweißanaphylaxie passiv durch das Serum der über- empfindlichen Tiere auf normale zu übertragen. Auch diese Ent- deckung hatte indes zahlreiche Vorläufer, die sich allerdings zum Teil erst heute in diesem Lichte darstellen. R. Pfeiffer sah bereits, daß mit bakteriolytischem Immunserum vorbehandelte Meerschwein- chen auf eine peritoneale Bakterieuinjektiou rascher eingehen können als normale; AVolff-Eisner- deutete diese Beobachtung richtig als passive ,, Immunität" gegen körperfremdes Bakterieneiweiß und dehnte den Versuch auf Organzellen aus. Beim artfremden Serum machten V. Pirquet & Schick ^ das Experiment in folgender Weise: sie inji- zierten 2 Kaninchen subkutan 10 ccm Pferdeserum, nach 24 Stunden 2 ccm Antipferdeserum (vom Kaninchen) in das Gewebe des Ohres. Eines zeigte starkes, das zweite geringes Oedem am Ohr, während eine normale Kontrolle auf Antipferdeserum gar nicht reagierte. Eine Umkehrung des Versuches oder Injektion eines Gemisches von Antigen und Antiserum führte nicht zu eindeutigen Resultaten. 1907 be- handelte XicoLLE- Kaninchen mit dem Serum überempfindlicher Tiere gleicher Species vor und reinjizierte 24 Stunden später Pferdeserum; bei subkutaner Reinjektion entstand Oedem (lokale Anaphylaxie), bei intracerebraler erfolgte der Tod in 24 Stunden. — Beim Meer- schweincheii. injizierten Rosenau & Anderson ein Gemenge von Pferdeserum und Serum gleichsinnig anaphylaktischer Meerschwein- chen, ohne Erscheinungen von Ueberempfindlichkeit zu bekommen. Dies erzielten erst Friedemann ^ und Otto 2 1907 mit der Versuchs- anordnung von Nicolle, nämlich präventive Injektion des Immun- serums und 24 Stunden später Reinjektion des Eiweißantigens. Von Wichtigkeit für die passiv anaphylaktischen Versuche, denen bald eine große Bedeutung zufiel, war auch die Tatsache, daß die passive Uebertragung der Anaphylaxie nicht nur homolog (von Kaninchen auf Kaninchen, Meerschweinchen auf Meerschweinchen) gelingt, son- dern auch heterolog von einer Tierspecies auf die andere (Otto-, AVeil-Halle & Lemaire^, Doerr & Raübitschek, Doerr & Russ 2). Durch die passive üebertfagung der Anaphylaxie war zur Evi- denz bewiesen, daß die Vereinigung von Eiweißantigen und anaphy- laktischem Antikörper die Ursache der Symptom^ sein müsse. Dies schien auch daraus hervorzugehen, daß aktiv oder passiv anaphylak- tische Tiere, denen man das betreffende Antigen zuführte, und welche die momentanen Symptome der Ueberempfindlichkeit, den anaphylaktischen Shock, überlebten, auf eine neuerliche Antigenzufuhr nicht mehr reagierten, weil eben der Antikörper total abgesättigt war Allergie und Anaphylaxie. 975 und für eine neuerliche Reaktion mit Antigen nicht mehr zur Dis- position stand (Otto 2, Rosenau & Anderson 2, ^, Besredka & Stein - hardt1,2). Besredka nannte diese Erscheinung Antianaphylaxie. Damit begann die vierte, gegenwärtige Epoche der Erforschung der Eiweißallergie, die sich mit der Natur des Antigens, des Anti- körpers, mit ihrem Verhältnis zu den bereits bekannten Immunitäts- phänomenen bei artfremdem Eiweiß, mit der experimentellen Analyse der anaphylaktischen Symptome (des anaphylaktischen Shocks) und der Ergründung ihrer Ursachen befaßte. Sie wurde im Jahre 1907 durch eine Publikation von de Waele^ eingeleitet, die allerdings sehr wenig beachtet wurde, historisch aber bedeutungsvoll ist, da sie nicht nur manche Tatsachen und Hinweise auf Analogien enthält, die später als neu beschrieben wurden, sondern auch in klarer Form die Hypothese formuliert, welche zurzeit fast das ganze Arbeitsgebiet beherrscht: die Lehre von der Entstehung anaphylaktischer Erschei- nungen durch toxische peptonartige Eiweißspaltprodukte, welche dem raschen fermentativen Abbau von Eiweißantigen bei sensibilisierten Tieren ihre Bildung verdanken. Nach den Arbeiten dieser Periode richtet sich hauptsächlich die folgende Darstellung des jetzigen Standes unserer Kenntnisse, wobei ältere Versuchsergebnisse nur so- weit berücksichtigt wurden, als sie nicht durch neuere Experimente überholt oder widerlegt erscheinen. Bei der Knappheit des zuge- wiesenen Raumes und der ungemein intensiven Bearbeitung des Ge- bietes im Laufe der letzten 2 Jahre mußte freilich auch unter der neueren Literatur eine gewisse Auswahl getroffen werden. Es empfiehlt sich, zunächst die Komponenten der anaphylak- tischen Prozesse zu besprechen und dann auf den Mechanismus der letzteren genauer einzugehen. A. Das anaphylaktische Antigen. (Synonym: Anaphylaktogen [Friedberger] , Anaphylaxogen [Kruse], Sensibilisinogen [Besredka], Sensibilisin, Anatoxin, Antianaphylaxin [v. Behring].) Definition. Unter anaphylaktischen Antigenen versteht man Substanzen, welche — wenn sie unverändert ins Blut ge- langen — den Organismus spezifisch überempfindlich machen (aktive Anaphylaxie) und die Produktion von echten Antikörpern auslösen, mit Hilfe deren es ge- lingt, den überempfindlichen Zustand vom vorbehan- delten auf das normale Tier zu übertragen (passive Ana- phylaxie). Ueberblickt man die bisher gesammelten Erfahrungen, so ergibt sich die Tatsache, daß alle völlig sichergestellten Anaph3'laktogene in Substraten vorkommen, welche natives pflanzliches oder tieri- sches Eiweiß enthalten; sämtlichen kommt das Merkmal der Anti- genfunktion und der damit enge verknüpften Spezifität auch in an- derer Hinsicht zu, indem sie Agglutinine, Präzipitine, Cytolysine, komplementablenkende Ambozeptoren oder mehrere der genannten Antikörper gleichzeitig zu erzeugen vermögen. 976 Robert Doerr, Die Stoffe, mit welchen man spezifische Anaphylaxie hervorrufen konnte, sind recht zahlreich; sie lassen sich in folgende Uebersicht einordnen: I. Tierische Provenienz. a) Lösungen. 1. Artfremdes Serum und aus demselben durch fraktioniertes Aus- salzen, Erhitzen, Jodieren, Diazotieren, Nitrieren etc. hergestellte Präparate. 2. Hämoglobin. 3. Milch (Kasein, Globulin, Albumin). 4. Eiereiweiß (Ovovitellin, Ovomukoid, Ovalbumin). 5. Organ- und Tumorextrakte ; Mumienraaterial ; Extrakte aus Fleisch- waren, gewisse Näiirpräparate. 6. Schweiß, Galle, eiweißhaltiger Harn, Magensaft, menschliche Ex- spirationsluft (Rosenau & Amos). 7. Inhalt von Echinokokkencysten, Succus perientericus von Ascariden. 8. Extrakte aus ganzen Tieren z. B. Schellfischen, Forellen, Kaul- quappen, Aktinien, Miesmuscheln, Austern, Insekten, Ascariden, Tänien. 9. Aus den sub 8 genannten Materialien hergestellte toxische Ei- weißkörper: Aktinokongestin, Mytüokongestin, Ostreokongestin. 10. Schlangengifte. IL Fermentlösungen, wie Papain, Lab, Papayotin, Pankreassaft, Try- psin, wobei allerdings nicht der Ferment- sondern der Eiweißgehalt anaphylaktogen zu wirken scheint. 12. Nukleoproteide aus Organen. b) Zellen. 1. Erythrocyten. 2. Leukocyten. 3. Spermatozoen und Eizellen. 4. Syncytialzellen. 5. Organzellen und Turaorzellen. n. Pflanzliche Provenienz. a) Lösungen. 1. Bakterienextrakte, Extrakte aus Hefe- und Schimmelpilzen, Pyo- cyanase. 2. Nukleoproteide aus Bakterien. 3. Extrakte aus höheren Pflanzen, besonders aus eiweißhaltigen Samen (Cerealien, Leguminosen). Milchsaft des Sandbüchsenbaumes, einer brasilianischen Euphorbiacee (Hura crepitans). 4. Gereinigte oder reine vegetabilische Eiweißkörper wie Exzelsin. Edestin, Gliadiu, Hordeizi, Zein, Vignin, Glyzinin, Ricin, Krepitin. .5. Rohe vegetabilische Fette und Oele. b) Zellen. 1. Lebende und abgetötete Bakterien, Hefen, Schimmelpilze. 2. Pollenkörner. Verhalten der verschiedenen Tierspecies. Die anaphylaktischen Antigene vermögen bei den meisten warm- blütigen Tierarten spezifische Ueberempfindlichkeit hervorzurufen. Am leichtesten gelingt der Versuch beim Meerschweinchen (Rosenau & Anderson 2, Besredka, Doerr &Russ1, Wells ^); es läßt sich schon durch die einmalige Injektion und durch die minimal- sten Mengen artfremden Eiweißes anaphylaktisch machen and zeigt bei der neuerlichen Zufuhr kleiner Antigendosen schwere Reaktionen. Das Meerschweinchen reagiert auch völlig konstant; bei geeigneter Versuchsanordnung erhält man 100 Proz. positive Resultate. Ver- sager infolge von individuellen und Rassenverschiedenheiten, wie sie Vasconcellos beschrieben hat, scheinen nur sehr selten vorzukommen. In allen jenen Fällen, wo ermittelt werden soll, ob ein Substrat über- haupt anaphylaktisches Antigen enthält, oder wo es sich um die Fest- stellung zahlenmäßiger Verhältnisse handelt, sollte man daher aus- Allergie und Anaphylaxie. 977 schließlich Meerschweinchen anwenden (Doerr'^), was auch gegen- wärtig meistens geschieht. Andere Tierspecies werden durch einmalige Injektion kleinster Eiweißmengen nicht oder nicht hochgradig anaphylaktisch, sondern erst nach größeren Dosen oder fortgesetzter metho- discher Immunisierung. Sie reagieren auch weniger kon- stant und zeigen individuelle, sowie Alters- und Rassedifferenzen, der Shock bei der Reinjektion verläuft milder und mehr protrahiert, akuter Exitus ist relativ selten oder wird wie beim Hunde selbst nach den größten Reinjektionsdosen überhaupt nicht beobachtet. Diese Umstände bringen es mit sich, daß manche Autoren über posi- tive, andere über negative Resultate bei derselben Tierspecies berichten. Eine Empfindlichkeitsskala der Warmblüter läßt sich, da Erfahrungen oder systematische Experimente mangeln, nicht auf- stellen. Ohne den Anspruch auf Vollständigkeit insbesondere hüisichtlich der Litera- turangabeu zu erheben, seien von anaphylaktisch reagierenden Tierarten erwähnt: Pferde (Kraus & v. Stenitzer, Briot & Dopter, Besredka 'S Flexner, CiucA, Alexandrescu & CiuCA, Briot & Dujardin-Beaumetz); Rinder (SoBERXHEiM, LÖFFLER, Alexandrescu & Ciuca); Ziegen (Kraus & v. Ste- nitzer); Hammel; Hunde (Richet, Biedl & Kraus, Remlinger ', Weichardt, & SCHITTENHELM, ArTHUS *, FrIEDEMANN, MiCHAELIS & RONA, NOLF, DE Stella, Manwaring, Pearce & Eisenbrey); Schweine (Uhlenhuth & Schern); Kaninchen (Arthus^, v. Pirquet & Schick 3, Kraus & Doerr, Richet, Friedemann, Friedberger & Gröber, Pick & Yamanouchi, Yama- NOucHii, Braun, Neufeld, Briot ^ Scott 2); Ratten (Arthus^, Uhlenhuth & Haendel^, Trommsdorff); weiße Mäuse (Doerr & Russ^, Braun, Tromms- dorff, Pfeiffer & Mita, Uhlenhuth & Haendel, Ritz, Frey, Fried- berger & Hartoch, Galli-Valerio); Tauben; Hühner; Enten; Gänse (Jouan, Joachimoglu, Friedberger & Hartoch i, Uhlenhuth & Haendel 2); Kalt- blüter z. B. Frösche (Friedberger). Affen scheinen merkwürdigerweise wenig empfindlich zu sein (Uhlenhuth & Haendel •^, Yamanol'chi ^). Schwierig zu beurteilen ist die Disposition des Menschen für anaphylaktische Prozesse. Um zu einem objektiven Urteil zu ge- langen, muß man zunächst von der sogenannten Serumkrankheit, d. h. von den Folgen einer ersten Injektion artfremder Proteine absehen, da es zwar wahrscheinlich, aber nicht absolut sicher ist, daß diese Zustände ursächlich mit der Anaphylaxie identisch sind ; man darf vielmehr nur solche Fälle heranziehen, welche dem Typus des aktiv anaphylaktischen Experimentes in jeder Richtung entsprechen. Da zeigen nun einzelne Beobachtungen, daß der Mensch schon durch eine einmalige Injektion von Pferdeserum sensibilisiert werden kann, daß dieser Zustand — wie beim Meerschweinchen — eine sehr lange Dauer besitzt, und daß die Schwere und Akuität der Symptome bei der Reinjektion relativ kleiner Dosen oft eine sehr bedeutende ist (Fälle von Goodall, v. Pirquet & Schick 3, Calcaterra, CurrieI, 2, LüDKE, Otto 3, Flexner, Gilette, Allard, Taylor, Ryfkogel, Hu- tinel, Miller & Rogt, Sloan, Haller, Kaufmann, Wiedemann, Thomas & Terriberry, Feer, Netter, Mac Keen, Grysez & Du- puiCH, Dreyfuss, Dicristina, Bomstein, Asam, Lenzmann u. a.). "Wenn beim Menschen bedrohliche Folgen nach Reinjektionen von Pferdeserum seltener beobachtet werden (11. französ. Kongreß für innere Medizin, A. v. Wassermann ^ u. a.), so liegt das daran, daß wiederholte Seruminjektionen zu 'therapeutischen Zwecken Handbuch der palhogenen Mikroorganismen. 2. Aufl. 11. 62 978 Robert Dober, meist kurz nacheinander, selten aber nach dem erforderlichen Inter- vall von mindestens 2—3 Wochen und auch dann nicht intravenös oder intraspinal, sondern subkutan ausgeführt werden. Bei subkutaner Beinjektion reagiert aber selbst das höchstempfindliche Meerschwein- chen entweder nur lokal oder mit leichten transitorischen Allgemein- symptomen ; erst exzessive Dosen führen bei dieser Applikations- methode zu schwerem Shock oder gar zum Exitus. Berücksichtigt man das Körpergewicht des Menschen und die höchst bedenklichen, ja letalen Folgen, die selbst subkutane Reinjektionen von wenigen Kubikzentimetern Serum bei einzelnen Individuen hervorriefen, so wird man die Fähigkeit des Menschen, anaphylaktisch zu reagieren, nicht zu gering veranschlagen. Darauf deuten auch die Erfah- rungen über die Konstanz der lokalen Anaphylaxie bei wieder- holter subkutaner oder intrakutaner Injektion artfremder Proteine, wie sie für Pferdeserum durch v, Pirquet & Schick, Stanculeanu & NiTA, EscH, MoNGOUR, für Kaninchenhirn (bei der Lyssaimmuni- sierung) von Frugoni & Gargiano, Stimsox festgestellt wurden. Derartige Erwägungen veranlaßten Doerr^, den Menschen hinsicht- lich seiner Empfindlichkeit für Anaphylaxie an zweiter Stelle, etwa zwischen Meerschweinchen und Kaninchen, cinzuordfien ; das mag diskutabel erscheinen, doch darf man keinesfalls die praktisch-thera- peutische Bedeutung der Anaphylaxiegefahr bagatellisieren, wie das von mancher Seite geschehen. Der aktiv anaphylaktische Versuch. Der aktiv anaphylaktische Versuch ist dem Gesagten zufolge am leichtesten beim Meerschweinchen auszuführen (am besten sind nach Doerr & Russ^ Tiere von 200 — 300 g) und gliedert sich in drei Etappen : 1. Die Vorbehandlung* (Sensibilisierung, Präparierung). Sie besteht beim ]\Ieersch weinchen in einer einmaligen In- jektion des Eiweißantigens, welche bei hinreichender Dosis zur Er- zeugung des anaphylaktischen Zustandes vollkommen genügt. "Wieder- holte Injektionen steigern die Ueberempfindlichkeit (OttoI, ■*), von welcher Tatsache man bei sehr eiweißarmen Substraten Gebrauch machen muß. Die präparierende Injektion wird meist subkutan (über dem Processus xyphoideus) ausgeführt; doch gelingt die Sensibilisierung des Tieres ebenso, wenn man das Antigen in die Peritonealhöhle (Otto*), in die Herzkammern (Rosexau & Andersox^), in die Venen, in das Auge (Krusius^, Kümmel), in die Cornea (Wessely), oder in das Gehirn einspritzt, welch letztere Tatsache Rosexau & Andersox'* im Gegensatze zu Besredka & Steinhardt^ bewiesen haben. Statt subkutan kann man natürlich auch submukös injizieren z. B. sub- conjunctival (beim Menschen ausgeführt von Stanculeaxu & Nita, bei Ka- ninchen von Michail). , Wichtig ist ferner, daß auch unverletzte Schleimhäute für .A.naphylaktogene permeabel sein können, vornehmlich die Conjunctiva und die Respirationssehleim- haut. Nach Rosenau & Anderson ^ lassen sich Meerschweinchen durch In- stillation eines Tropfens von tinverdünntem Pferdeserum in den Bindehautsack sensibilisieren und BussoN beobachtete das Entstehen einer spezifischen Ana- phylaxie nach Inhalation von •unverdünntem Rinderserum. Ströbel hatte zwar in letzterer Hinsicht negative Ergebnisse, doch ist die Möglichkeit der Passage unveränderter Antigene durch Conjunctiva und Respirationsschleimhaut auch auf anderen Gebieten sichergestellt (pulmonaler Tetanus, Ricinimmunisierung etc.). Allergie und Anaphylaxie. 979 In allen angeführten Fällen gelangt das Antigen mit Umgehung des Darmkanals direkt in die Gewebe und die Zirkulation (paren- terale Zufuhr) ; für die menschliche Pathologie bietet aber auch die Frage ein spezielles Interesse, ob es nicht möglich ist, Tiere durch Verfütterung von spezifischem Eiweiß, also auf enteralem Wege, anaphylaktisch zu machen. Diese Möglichkeit war nach den Erfahrungen, die man seit Ehrlichs oralen Ricinimmunisierungea bis auf die heutige Zeit über die Durchlässigkeit der Magendarmwand für die verschiedensten Antigene (Toxine, Bakterienproteine, Prä- zipitinogene und Lysinogene) gesammelt hat, a priori zu bejahen und konnte auch tatsächlich bestätigt werden ; doch sind die positiven Befunde stets als Ausnahmen zu betrachten, die zum Teil auf das Konto gewaltsamer Versuchsbedingungen gesetzt werden müssen. Bei Sondenfütterung läßt sich außerdem das Hineingelangen kleiner Antigenmengen in die Lunge schwer ausschließen. RosEXAU & Anderson-,^ vermochten Meerschweinchen gegen Pferdeserum zu sensibilisieren, indem sie dieselben längere Zeit mit einer Futtermischung nähr- ten, die getrocknetes Pferdeserum oder Pferdefleisch enthielt. Erhitzte man das Pferdefleisch auf 110° C, so ließ sich damit keine enterale Anaphylaxie erzeugen. Nur ein Teil der Versuche gab ein positives Resultat, und es war stets die Verfütte- rung größerer Antigenmengen ^erforderlich; die einmalige intrastomachale Einfüh- rung von Pferdeserura (0,004— 1,0 ccm) mit der Schlundsonde hatte keinen Erfolg (RosENAu & Anderson, McClintock & King). Diese Ergebnisse wurden von CiTKON, FuKUHARA^, LAROCHE, RiCHET fils & SaINT-GiRONS, KleIN- SCHMIDT für Meerschweinchen und verschiedene Antigene bestätigt z. B. defibri- niertes Hammelblut, rohe und gekochte Kuhmilch. Desgleichen werden nach RiCHET-^, -^, 21 Hunde, die man tnitKrepitin füttert, gegen dieses Toxalbumin spe- zifisch überempfindlich. — Nobecourt injizierte Kaninchen wiederholt, und zwar entweder täglich oder in Intervallen von 3 — 8 Tagen Hühnereiklar mit einer Sonde in den Magen oder das Rectum ; die Tiere gingen größtenteils ein, besonders wenn es sich um jugendliche Exemplare handelte oder wenn längere Intervalle einge- halten wurden. Die Obduktion ergab nephritische Veränderungen (Nobecourt & Paisseau). Hier erscheint es fraglich, ob der Exitus als Anaphylaxie gedeutet werden darf ; dasselbe gilt von den Experimenten Börnsteins, der 32 Kaninchen 9 — 16 Wochen täglich per Katheter mit Rinderlinse fütterte und schließlich bei 6 Tieren unmittelbar nach einer solchen Prozedur shockartigen Tod eintreten sah. — Zur weiteren Klärung dieser Verhältnisse unternahm Clough folgende Versuche: er verrieb bei Meerschweinchen eine Pferdeserum-Lanolinsalbe in die skarifizierte und die unverletzte Haut, sowie in die Conjunctivalschleimhaufc und zwar täglich an 7^12 aufeinander folgenden Tagen, wobei die einzelnen Einreibungen mehrere Minuten dauerten; ferner injizierte er dicke Mischungen von Pferdeserum und Gummi arabicum wiederholt in die Vagina oder das Rectum. Mit jeder von diesen Methoden gelang es ihm, wenn auch nicht konstaut, typische Anaphylaxie gegen Pferdeeiweiß hervorzurufen. Walko sah bisweilen nach rektaler Zufuhr von Pferdeserum, Eidotter, nicht aber von Hühnereiweiß spezifische Anaphylaxie beim Meerschweinchen, glaubt aber, daß kleine, durch den Katheter gesetzte Verletzungen daran Schuld tragen. — • Beim Menschen studierte die Resorption artfremder Proteine im Magendarmkanal Micheli. Er verabreichte normalen Individuen und Leuten mit gestörter Magendarra- funktion per os 70 — 120 ccm inaktiviertes Rinder- oder Hammelserum, entnahm ihnen nach einigen Stunden Blutproben und vermochte mit 5 ccm des abge- schiedenen Serums Meerschweinchen gegen das betreffende Eiweiß aktiv zu anaphylaktisieren. — Artfremdes Eiweiß, speziell anaphylaktisches Antigen, kann also zweifellos die Darmwand passieren und unverändert in die Zirkidation übertreten, woselbst es dann antigene Wirkung entfaltet. Doch betonen alle Untersucher die Inkonstanz der Resultate, wofür mehrere Momente verantwortlich gemacht werden können. Lesne&Dreyfüs^ injizierten bei laparotomierten Kanin- chen und Hunden Aktinokongestin und Hühnereiklar direkt in den Magen, Dünn- darm oder Dickdarm und sahen nur im letzten Fall Ueberempfindlichkeit eintreten. Sie konnten zeigen, daß nicht die Salzsäure die Sensibilisierung verhindert, wohl aber eine entsprechend lange Pepsin- oder Pankreatinverdauung, und daß hierbei die antigene Funktion des Hühnereiweißes stärker leidet, als die 62* 980 Robert Dobrr, des Toxalbumins. Darnach könnte also schon die normale Verdauung je nach ihrer Dauer und je nach der Art des Antigens die enterale Sensibili- sierung beeinflussen. Nach den Versuchen von Mayerhofer & Pribram besitzt ferner der jugendliche und der erkrankte (enteritische) Darm bei Mensch und Tier eine abnorme Durchlässigkeit für die verschiedensten Antigene, weil der Quellungszustand der Darmmembranen erhöht ist und die Permeabilität kolloidaler Membranen für wasserlösliche Kolloide (Antigene) mit ihrem Wassergehalt steigt. Endlich ist die Zusammensetzung der normalen Nahrung des Orga- nismus für die enterale Sensibilisierung von Bedeutung. Nach Rosenau & Anderson kann man bei Herbivoren leicht Fütterungsanaphylaxie mit Pferde- serum (tierischem Eiweiß) erzeugen, bei Omnivoren und Carnivoren dagegen schwer. Hierher gehört auch die Angabe von Wells & Osborne S daß Meer- schweinchen mit einem Pflanzenprotein auch auf parenteralem Wege nicht sensibilisiert werden können, wenn sie längere Zeit damit gefüttert wurden; später stellte Wells ergänzend fest, daß die Fütterung mit einem Protein die Tiere zunächst empfindlich macht d. h. enteral sensibilisiert, daß aber bei fortgesetzter oraler Zufuhr der überempfindliche Zustand abblaßt und schließlich durch einen refraktären ersetzt wird, in welchem auch die zwehnalige parenterale _ In- jektion nach Art eines anaphylaktischen Experimentes erfolglos bleibt. Dieses refraktäre Verhalten läßt sich nach Wells mit den vegetabilischen Pro- teinen der natürlichen Nahrung leichter erreichen, als mit animalischen, eine Tatsache , die mit dem von Rosenau & Anderson beschriebenen Ver- halten von Carni- und Herbivoren gegen tierisches Eiweiß gut stimmt. Die Beobachtung von Lesne & Dreyfus^, daß sensibilisierte Kaninchen, die man 4 Tage vor der sonst tödlichen Reinjektion von Eiweiß auf reine Wasserdiät setzt, völlig vor dem Shock geschützt erscheinen, sowie ähnliche Erfahrungen von KoNSTANSOFF bei Meerschweinchen lassen sich vielleicht auch so erklären, daß die Hungertiere zwar sensibilisiert werden, daß aber andere Bedingungen für das Zustandekommen der anaphylaktischen Reaktion durch die Aenderung des Stoffwechsels Störungen erleiden. Die zur einmaligen subkutanen Vorbehandlung von Meer- schweinchen ausreichenden Anti genmengen richten sich in erster Instanz nach dem Gehalt der betreffenden Substrate an biologisch ak- tivem Eiweiß. Für artfremde Sera sind sie außerordentlich klein, wie schon OttqI bei der Nachprüfung des Phänomens von Theobald Smith fand. Rosenau & Anderson 2 bekamen noch deutliche Ueber- empfindlichkeit nach subkutaner Injektion von 0,000001 ccm, Bes- REDKA & Steinhardt nach 0,00001 ccm Pferdeserum, Doerr et Rrssi nach 0,000 01 ccm Rinderserum, H. Pfeiffer ^^ nach derselben Dosis Schweineserum und Menschenserum. Für kristallisiertes und durch Umkristallisieren gereinigtes, nach Hopkins & Pincus dargestelltes Albumin aus Hühnereiweiß fand Wells als minimalste sensibili- sierende Dosis 0,00000005 g, für kristallisiertes Edestin (Pflanzen- eiweiß aus den Samen von Linum usitatissimum) 0,000 0001 g und für ein Globulin aus den frischen Samen von Cucurbita maxima 0,000 000 5 g (Wells & Osborne i). Nun enthält artfremdes Serum ungefähr 10 Proz. seines Gewichtes Eiweiß -Trockensubstanz und von dieser wirken hauptsächlich die Globuline (s. S. 1000) antigen. welche etwa die Hälfte betragen, so daß sich unter Berücksichtigung dieser Faktoren die Dosis sensibilisans minima für trockenes Serumglobulin auf 0,000 000 05 bis 0,0000005 g berechnet. Es ist nun gewiß inter- essant und auffällig, daß alle diese Ziffern für so verschiedene Pro- teine einerseits enorm klein sind, andererseits untereinander außer- ordentlich übereinstimmen. Die Anaphylaxie, welche beim Meerschweinchen durch einmalige Subkutaninjektion solcher Minima erzeugt wird, ist aber nicht kon- stant und auch nicht hochgradig. Um ausgeprägte, maximale üeber- empfindlichkeit zu erzielen, braucht man größere Antigenmengen, 0,1 ccm Rinderserum (Doerr & Russ^), 0,001 ccm Pferdeserum Allergie und Anaphylaxie. 981 (RosENAU & Anderson 2), 0,0001 g kristallisiertes Eiereiweiß (Wells) ; um sichere und gleichmäßige Resultate zu bekommen, präpariert man am besten mit 0,01—0,1 ccm artfremden Serums. Zur Sensibilisierung von Kaninchen kann man nach dem ur- sprünglichen Vorgange von ArthusI wiederholte subkutane, aber auch intraperitoneale oder intravenöse Antigeninjektionen (1 — 2 ccm artfremdes Serum) verwenden; Friedemann ^ empfiehlt 2 intravenöse Einspritzungen von 1 — 2 ccm in einem Abstände von 2 — 4 Wochen, denen man nach 8 Tagen die Probe mit hohen Antigendosen (3 — 5 ccm artfremdes Serum) folgen läßt. Nach Friedberger, Arthus^, ', Scott 2, Pick & Yamanouchi, Schürer & Strassmann läßt sich hoch- gradige Anaphylaxie beim Kaninchen auch durch eine einzige prä- parierende Injektion erzielen. Friedberger i^ behandelt nicht zu leichte Kaninchen (über 1500 g) mit 1 ccm Serum intravenös und prüft die Ueberempfindlichkeit schon nach 7 — 9 Tagen mit der- selben Dosis pro Kilo Körpergewicht. Scott ^ hat die Kaninchen- anaphylaxie sehr genau und systematisch untersucht und fand, daß diese Tiere am besten anaphylaktisch werden, wenn man ihnen 5 ccm artfremdes Serum pro Kilo Körpergewicht subkutan oder endovenös einspritzt und zwischen dem 10. bis 20. Tage die Probe mit 3 ccm intravenös vornimmt ; kommt das Tier durch, so wird es zunächst antianaphylaktisch, am 5. Tage erscheint aber wieder die Anaphylaxie und wird am 7. Tage bereits maximal. Nach wieder- holten Injektionen verkürzt sich also die Zeit, welche bis zur völligen Ausbildung der Ueberempfindlichkeit verstreicht. Eigene Versuche an größeren Kaninchenserien ergaben bei Anwendung aller ange- führten ^Methoden — auch der von Friedemann — höchst inkonstante und unbefriedigende Resultate, die geeignet scheinen, ein entschie- denes Mißtrauen gegen weitgehende, auf wenige Experimente au dieser Tierart basierte Schlüsse zu erwecken. Die kleinen Antigenmengen, welche Meerschweinchen anaphylak- tisch machen, sind beim Kaninchen ohne Wirkung (Scott 2). Wenn man auch die Differenz des Körpergewichtes und die Angabe von Arthus^, " berücksichtigt, daß nach einmaliger subkutaner Injektion von 0,1 ccm auch beim Kaninchen schwache Ueberempfindlichkeit eintritt, so ergeben sich für die Präparierungsfähigkeit beider Tier- specias noch immer 1000 — 10000-fache Differenzen (gemessen an der Dosis sensibilis. minim.). Hunde sensibilisiert man durch eine einmalige Injektion von 3 — 5 ccm Serum hinreichend, um bei der intravenösen Probe mit großen Dosen deutliche, der experimentellen Analyse zugängliche Sym- ptome zu erhalten (Biedl & Kraus 9). Mäuse werden schon durch einmalige intraperitoneale Injektion von 0,01 ccm Meerschweinchenserum oder 0,02 ccm Pferdeserum anaphylaktisch, zeigen aber bei der Probe ein sehr variables Ver- halten; diese individuellen Differenzen können zwar nicht völlig, aber wenigstens zum Teile durch einmalige oder besser zweimalige Vorbehandlung mit großen Dosen (0,3 — 0,-5 ccm intraperitoneal oder intravenös) ausgeglichen werden. Beim Präparieren in zwei Etappen wäre ein Intervall von 3 — 4 Tagen einzuhalten ; Prüfung der Ueber- empfindlichkeit 10—14 Tage später (Ritz). 2. Die Inkubationsperiode (Latenzstadium, präanaphylaktische Periode). 982 Robert Doerr, Schon den ersten Autoren^ welche sich mit der Eiweißallergie befaßten, war es bekannt, daß nach der Vorbehandlung bei Tier und Mensch ein gewisser Zeitraum verstreichen muß, bevor die Ueber- empfindlichkeit nachweisbar wird; sie ist im Moment ihres Er- scheinens zunächst schwach ausgeprägt, um dann allmählich zuzu- nehmen (KosENAU & Anderson 2, ^, ^^ Doerr & Russi, Friedberger & Burckhardt). In diesem Verhalten dürfen wir ein Argument er- blicken, daß es sich hier um eine Immunitätsreaktion handelt, um so mehr, als die Angaben über die üauer des Intervalles den Ge- setzen des zeitlichen Ablaufes der Antikörperproduktion entsprechen. Es ist aber klar, daß die Dauer der Inkubation durch zahlreiche Faktoren beeinflußt werden kann, und zwar: durch die Art des Antigens, die zur Vorbehandlung gewählte Dosis, die Methode der Applikation, durch die Species des Versuchstieres und schließlich durch die Methode der Prüfung des anaphylaktischen Zustandes, indem sich die leichteren initialen Grade desselben bei Anwendung einer wenig empfindlichen Prüfungstechnik der Beobachtung entziehen. In den neueren quantitativen Versuchen ist auf diese Verhältnisse zum Teil Rücksicht genommen. Doerr & Russ^ fanden, daß m-it U,U1 ccm Rinderserum sensibilisierte Meerschweinchen von 250g schon nach 5 Tagen leichte Sj^mptome zeigen können, wenn man ihnen 0,2 ccm Rinderserum intravenös reinjiziert, daß nach ß^^/o Tagen Exitus eintreten kann, daß derselbe aber erst nach 8 Tagen, also vom Beginne des 9. Tages an konstant erfolgt. Aehnliche Daten bekamen Rosenau & Anderson -, ^, ^ für Pferdeserum, Fried- berger & BuRKiiAKDT für Hammelserum, Pfeiffer & Mita ^ für Pferde- und Riaderserum. Gleiche Resultate wie mit 0,01 ccm erhält man auch durch die einmalige Vorbehandlung mit mittleren und hohen Antigendosen. Nach RosEXAtf & Anderson ^ reagieren Meerschweinchen auf die intracerebrale In- jektion von 0,25 ccm Pferdeserum mit schweren Symptomen, wenn man ihnen 14 Tage vorher subkutan Pferdeserum injiziert hat, gleichgültig, ob die prä- parierende Dosis 0,01, 0,1, 1,0 oder 8,0 ccm betrug. Auch berichten Fried- berger & BuRKHARDT, daß nach subkutaner Vorbehandlung mit 1,0 ccm Hammelserum die Anaphylaxie bereits am 5. bis 7. Tage angedeutet war und daß die Meerschweinchen vom 9. Tage au regelmäßig und akut der intravenösen Probe erlagen. Damit stehen ältere Angaben im Wider- spruch, denen zufolge sehr massive Antigenquantitäten, die man zur Vor- behandlung benützt (bis 10 ccm Pferdeserum), die präanaphylaktische Periode auf mehrere Wochen verlängern (Otto^, Gay & Southardi, frühere Versuche von Rosenau & Anderson). — Wiederholte Injektionen kompakter Dosen haben beim Meerschweinchen zweifellos diese Wirkung, da Remlinger ^ nach 3 — 4maliger Vorbehandlung mit 10 ccm Pferdeserum in Abständen von einer Woche erst 1 Monat nach der letzten Injektion ein Resultat erzielte (vgl. auch NicoLLE S. 973). Hierher gehört auch die Beobachtung von Besredka, daß man das Auftreten der Anaphylaxie verzögert, wenn man in der präanaphylakti- schen Periode größere Antigenmengen injiziert. Hier wird indes das späte Er- scheinen der Ueberempfindlichkeit durch die Einschaltung antianaphylaktischer Phasen bedingt. Eine Verlängerung des präauaphylaktischen Stadiums beobachtet man aber auch bei der Sensibilisierung mit minimalsten Antigenmengen (Rosenau & Anderson, Doerr & Russ ^). So reagieren mit 0,001 ccm Rinderserum präparierte Meerschweinchen schon» am 8. Tage auf 0,2 ccm Rinderserum intravenö.s mit Tod, während nach 0,0001 — 0,00001 ccm 19—25 Tage ver- streichen mußten, bevor die Anaphylaxie derart intensiv war. Eine Bestätigung dieser Tatsache ist auch in der Angabe von Uhlenhuth & Haexdel- ent- halten, daß man bei Anaphylaxieversuchen mit Oelen, Se- und Exkreten, Insekteneiweiß, Mumienmaterial etc. (also eiweißarmen oder partiell denaturierten Substanzen) die Prüfung des anaphylaktischen Zustandes zweckmäßig beträcht- lich später (nach 4 — 5 Wochen) anstellt, als bei Verwendung von nativem Eiweiß d. h. artfremdem Serum. Aehnlich verhält sich auf 80° erhitztes Rinderserum, welches in Dosen von 0,01 ccm erst in 30 Tagen x\naphylaxie erzeugt, während Allergie und Anaphylaxie. 983 nicht erhitztes in gleicher Menge schon binnen 6 — 8 Tagen wirkt (Doerr & Russ^j. Einschlägige Beobachtungen finden sich auch bei Hixtze, Laroche, RiCHET FILS & Saint-Giroxs u. a. — Zusatz von subletalen Dosen Diphtherie- toxin soll die Inkubation abkürzen (Frey). Der Weg, auf dem das sensibilisierende Antigen einverleibt wird, scheint von geringer Bedeutung zu sein. Nach Rosexau & Anderson ^ werden cerebral präparierte Meerschweinchen am 7., subkutan vorbehandelte (unter gleichen Versuchsbedingungenj erst am 9. Tage anaphylaktisch. Laroche, Richet fils & Saint-Girons geben für die Kuhrailchanaphylaxie von Kaninchen an, daß die enterale Sensibilisierung rascher wirkt als alle parenteralen Methoden, da sie schon am 5. Tage nacli der ersten Fütterung Erfolg hatten. HochempfängUche Tierspecies werden schneller hypersensibel als minder empfängliche. Die minimale Inkubationsdauer beträgt beim Meerschweinchen 5 Tage (Gay & Adler, Doerr & Russ S Pfeiffer & Mita), beim Menschen 7 Tage (v. Pirquet & Schick ^j, beim Kaninchen 10 Tage (Scott^j, beim Hunde 2 — 3 Wochen (für Aktinokongestin und Krepitin festgestellt von Richet, für Serum von Biedl & Kraus). Die längere Dauer der Latenzperiode bei den weniger empfind- lichen Species oder nach der Präparierung des Meerschweinchens mit minimalsten Antigenmengen ist vermutlich nicht so zu deuten, daß in diesen Fällen die Antikörperbildung später beginnt. Neueren Arbeiten zufolge setzt die letztere überhaupt nicht plötzlich ein, sondern schon bald nach der Antigenzufuhr (Friedberger & Mita^), und das beobachtete Intervall bezeichnet nur den Zeitpunkt, zu welchem die Immunsubstanz im Blute durch das Experiment nachweisbar wird. Der schwache ,,ictus immunisatorius'' klein- ster Antigenquantitäten oder träge Antikörperbildung bei bestimmten Tierarten schieben dann einfach den Termin weiter hinaus, bis zu dem die Anhäufung der Imnuinstoffe im Serum den für den Nach- weis erforderlichen Grad erreicht. Einen anderen Mechanismus besitzt die Verlängerung der Inku- bation durch die ,, Konkurrenz der Antigene" (Benjamin & Wit- zixger2). Spritzt man mehrere Eiweißantigene zu gleicher Zeit und in gleicher Menge ein, so bilden sich gleichzeitig mehrere spezifische Anaphylaxieformen aus, die sich nach dem gewohnten Intervall an demselben Tier einzeln demonstrieren lassen (MoriI, Doerr & Mol- DOVAxi, Friedberger 20^ Kumagai & Odaira). Injiziert man hin- gegen einem Meerschweinchen 1 ccm Pferdeserum und nach 24 Stunden 0,01 ccm ßinderserum subkutan, so wirkt die intra- venöse Eeinjektion von 0,2 ccm Rinderserum nach weiteren 7 Ta^en nicht wie sonst tödlich, sondern erst nach 11 — 15 Tagen und auch dann noch nicht regelmäßig. Minder intensiv wird die anaphylaktogene Wirkung des Einderserums beeinflußt, wenn man die Injektion von Pferdeserum nicht vorher, sondern gleich- zeitig vornimmt oder gar später. Es scheint, daß die 100-fach größeren Dosen des schützenden Antigens die Produktionsstätten der Eiweißajitikörper so stark in Anspruch nehmen, daß sie für den Eeiz einer viel kleineren Menge eines zweiten Antigens nicht empfänglich sind. Benjamin & Witzinger haben auf diese ,, Kon- kurrenz der Antigene" weitgehende klinische Folgerungen basiert, und wollen auf diesem AVege die Mitigierung des Scharlachs durch Injektion von normalem Pferdeserum, die Heilung einer Infektion durch eine andere (Leukämie durch Erisypel) erklären. Die maximale Dauer des aktiv-anaphj^laktischen Zustandes ist beim Meerschweinchen sehr beträchtlich, Eosenau & Anderson ", ^, '^ konstatierten stärkste Ueberempfindlichkeit 460, 732, ja 1096 Tage 984 Robert Doerk, nach einmaliger Sensibilisierung mit Pferdeserum. Die durchschnitt- liche Dauer ist nicht genau bekannt; sie scheint im allgemeinen nicht unerheblich zu sein, dürfte aber vom Antigen abhängen, da nacli XiNNi mit Schildkrötenserum präparierte Meerschweinchen 30 Tage nach der Vorbehandlung meist nicht mehr reagieren. Beim Menschen pflegt die sofortige Eeaktion auf Reinjektion von Pferdeserum bis zu 6 Monaten nach der ersten Injektion häufig aufzutreten, dann wird sie seltener. CürrieI studierte aber einen Fall von Serum- anaphylaxie bei einem Mädchen, bei dem 27 ccm Pferdeserum 1817 Tage nach der 1. Injektion einen schweren, typischen Symptomen- komplex auslösten, und bei einem Patienten von Allard beü'ug das Intervall sogar ö^/, Jahre. Beim Kaninchen verschwindet der anaphylaktische Zustand bald nach dem 20. Tage (Scott 2), beim Hunde nimmt er zu dieser Zeit ebenfalls ab, kann aber in geminderter Intensität mehrere Monate fortbestehen (Aktinokongestinversuche von Eichet 2j. 3. Die Probe (Reinjektion, epreuve, injection dechainante). Sie besteht in der neuerlichen Einverleibung des zur Vorbe- handlung verwendeten Substrates und hat den Zweck, das Vorhanden- sein und den Grad der Ueberempfindlichkeit der Beobachtung des Experimentators zugänglich zu machen. Je nach der Art der Antigenzufuhr sind die Ueberempfindlich- keitssymptome entweder rein lokal und äußern sich als rasch auf- tretende entzündliche Oedeme, die sich nach verschieden langer Dauer rückbilden oder in Nekrosen übergehen, oder es kommt zu Allge- meinerscheinungen, die alle Abstufungen von den Zeichen leichten Unbehagens bis zum schwersten Shock zeigen können. Es bleibt natürlich dem Ermessen des Einzelnen überlassen, welches Kriterium er für die Diagnose einer vorhandenen Anaphylaxie verwendet. Bei quantitativen Reihenversuchen an Meerschweinchen liefert der akute Tod im Vereine mit dem charakteristischen Ob- duktionsbefund zuverlässige Grenzwerte für die zahlenmäßige Be- urteilung (DoERR & Russi); ein derartiges Ergebnis beantwortet auch prinzipiell wichtige Fragen in der eindeutigsten Art. Wo es sich darum handelt, überhaupt das Bestehen einer Anaphylaxie, wenn auch in Spuren, nachzuweisen, oder wo man gezwungen ist, an Tieren zu arbeiten, die nicht oder nicht regelmäßig akut im Shock verenden, stehen andere, zum Teil feinere Indikatoren zur Disposition, wie z. B. der anaphylaktische Temperatursturz nach H. Pfeiffer*, Blut- drucksenkungen nach RicHET, Biedl & Kraus i, ^^ Arthus^, *, 6^ die eintretende Leukopenie, verzögerte Gerinnbarkeit des Blutes, die resultierende Antianaphylaxie (s. daselbst), die pyrogene Wirkung kleinster Antigendosen nach Friedberger & Mita^ etc.; bei ihrer Be- nützung ist man indes zahlreichen subjektiven und objektiven Fehler- quellen ausgesetzt und die Meinungen über ihre Brauchbarkeit divergieren oft beträchtlich. Die Schwere der Symf)tome richtet sich nach der Tier- species (Meerschweinchen reagieren absolut und relativ am stärksten), nach der Natur, speziell der Löslichkeit des Antigens, nach der zur Vorbehandlung benützten Dosis, der Dauer des Intervalles, der Tech- nik der Reinjektionsprobe und der hierzu gewählten Antigenmenge. Ceteris paribus ist natürlich auch das Körpergewicht der Tiere von Einfluß. Friedberger i^ präparierte Meerschweinchen von ver- Allergie und Anaphylaxie. 985 schiedenem Gewichte mit je 0,02 ccm Hammelserum pro 100 g Tier subkutan und bestimmte nach 15 Tagen die intravenös tödliche Re- injektionsdosis ; sie betrug (pro 100 g Körpergewicht) bei Meer- schweinchen von 190 — 220 g 0,005 ccm, bei solchen von 270 — 390 g ebensoviel, bei Tieren von 500—600 g aber 0,5 ccm. Die Dosis letalis ist also dem Körpergewicht nicht proportional. Nach Sachs sind Meerschweinchen von 300 — 350 g am empfindlichsten, solche von 200 g schon etwas weniger. Nach eigenen Erfahrungen scheinen die Angaben von Friedberger richtig zu sein, woraus sich die Folge- rung ergibt, im gleichen Versuch gleich schwere Tiere zu verwenden und solche über 350 g überhaupt zu vermeiden. Ob man den Fehler der Wahl ungleich schwerer Meerschweinchen selbst innerhalb ge- wisser Breiten (200 — 400 g) durch Umrechnen der Reinjektionsdosen auf 100 g Tiergewicht völlig kompensieren kann, ist sehr fraglich. Die Probe (Reinjektion) kauu erfolgen: a) Intrakutan (nach Art der Intradernioreaktion von Mantoux mit Tuberkuün, für die Eivveißallergie des Kaninchens als Methode verwendet von Knox, Moss & Brown, Amberg & Knox, beim Meerschweinchen von Löwen- stein, FuKUHARA 3, 5, Marbe & Rachewski 1, beim Menschen von Moss, EscH-^, LoMBARDO). Man rasiert bei präparierten Kaninchen die Haut an der Flanke oder am Bauche und injiziert 5 Stunden später 0,001 — 0,1 ccm Antigen (z. B. Pferdeserum) intrakutan. Die spezifische Lokalreaktion (eine kreisförmige, heilte, rote, 0,5 — 2 cm im Durchmesser haltende Quaddel) erscheint nach 12 bis 14 Stunden und erreicht ihr Maximum nach 24 — 36 Stunden ; sie kann 10 Tage nach einmaliger Vorbehandlung beim Kaninchen bereits ausgelöst werden und bleibt dann mindestens durch drei Monate positiv. b) Subkutan (beim Kaninchen benützt von Arthus\ v. Pirquet & Schick 3, Nicolle, beim Meerschweinchen von Smith, Otto^, Lewis ^). Beim Meerschweinchen lösen 5 — 10 ccm artfremden Serums, subkutan reinjiziert, schwere Symptome aus, welche sich nach ca. 30 Min. einstellen und nach einer bis mehreren Stunden zum Tode führen können. Sicheren Exitus be- wirken ersl 15 — 20 ccm Serum (Lewis i). Nach kleinen Dosen fehlen shockartige Allgemeinerscheinungen und es entwickelt sich nur eine Lokalreaktion (lokale Anaphylaxie nach Arthus) in Form eines Oedems, das von der Injektionsstelle aus fortschreitet und in Nekrose übergehen kann, wenn die Tiere nicht früher verenden (Lewis). Beim anaphylaktischen Menschen kann die subkutane In- jektion sowohl von Allgemeinerscheinungen als von lokaler Reaktion begleitet sein; wiederholte subconjunctivale Einspritzungen von Pferdeserum riefen an Intensität und Ausbreitung stetig zunehmende Oedeme und Intumeszenz der regionären Lymphknoten hervor (Stanculeanu & Nita). Kaninchen zeigen nach subkutaner Injektion nur Lokalreaktion; bei Hunden soll auch diese selbst nach wiederholter subkutaner Einspritzung von artfremdem Serum fehlen (Arthus, Biedl & Kraus). c) Intracorneal (Wessely). Es kommt zu einer unmittelbaren und stürmischen Lokalreaktion in Form einer Hornhauttrübung, an welche sich als- bald eine Vaskularisation des Gewebes (Keratitis parenchymatosa) unter schwäche- rer oder stärkerer Mitbeteiligung der Iris anschließt. d) Intraperitoneal, nur für Meerschweinchen geeignet (Otto i, 2, Besredka, Rosenau & Anderson, H. Pfeiffer, Thomsen u. a.). In neuerer Zeit wurde die Methode von Wells & Osborne für Pflanzenproteine empfohlen, die wegen ihrer hämagglutinierenden Eigenschaften nicht endovenös gegeben werden können. Die Dosis letalis beträgt für hochgradig anaphylaktische Meer- schweinchen bei artfremdem Serum 4 — 6 ccm, bei kristallisiertem üvalbumin 0,0005 g (Wells); der Exitus erfolgt in V2— 2 Std. Kleinere Dosen rufen mehr oder minder schwere Symptome hervor, von denen sich die Tiere in einigen Stunden wieder erholen ; die kleinste krankmachende Dosis beträgt für Edestin, Exzelsin und Cucurbitaglobulin 0,003—0,005 g. Nach Arthus gelingt es auch bei anaphylaktischen Kaninchen gewisse Allgemeinerscheinungen (Druck- senkung) durch intraperitoneale, ja sogar subkutane Antigeninjektion auszulösen. e) Subdural (Gay, Southard & Fitzgerald, Friedberger), intra- cerebral (Nicolle, Besredka & Steinhardt^) und intraspinal (Besredka & 986 Robert Doerr, LisoFSKi^). Dosis letalis für sensibilisierte Meerschweinchen und Pferdeserum nach Besredka schwankend zwischen 0,008—0,25 ccm, für Uühnereiklar 0,02 bis 0,05 ccm (Besredka & Bronfenbrenner ^ ). Für gleichmäßig sensibilisierte Meerschweinchen (0,01 subkutan) betrug die letale Dosis in einem Versuche Friedbergers 1^: subdural 0,05, intracerebral 0,04 — 0,05, intravenös 0,05 ccm pro 100 g Meerschweinchen. Beim Kaninchen (Arthus*, ^), sowie beim Hunde lassen sich durch die cerebrale Probe keine anaphylaktisclien Erscheinungen auslösen, offenbar, weil bei diesen wenig empfindlichen Tieren nur große Meugen Antigenlösung wirken, die auf diesem Wege nicht einverleibt werden können. f) Intrakardial (MoRGENROTHsche Technik, zuerst angewendet von RoSENAU & Anderson -). Gleichwertig mit intravenös hinsichtlich des Effektes, aber technisch schwieriger, eingreifender, daher weniger verläßlich; von Uhlen- HUTH und seinen Schülern bevorzugt. f) Intravenös. Seit Richet^ in Verwendung, für größere Versuchstiere e, Kaninchen) die einzig anwendbare, für Meerschweinchen die beste Methode (Kraus & Doerr, Doerr & Russ^). Sie ist sehr einfach und ge- stattet eine exakte Dosierung. Meerschweinchen werden am Rücken liegend auf- gespannt, die Jugularis durch einen seitlichen Hautschnitt freigelegt und durch 2 kleine Sperrpiuzetten zentral und peripher abgeklemmt. Dann sticht man die Kanüle der Spritze, deren Kolben keine Luft enthalten darf, in die Jugularis ein, lüftet die zentrale Klemme und injiziert die Flüssigkeit unter gelindem Druck. Im Momente des Herausziehens der Kanüle faßt der Assistent mit der Sperrpinzette die Einstichstelle, welche mit Seide ligiert wird.. Hautnaht mit Michel-Klammern. (Hinsichtlich der Technik vgl. auch H. Pfeiffer i** und FriedbergerI*; a. 1. O. finden sich Angaben über ein praktisches Spannbrett, welches sich für die Fixierung von intravenös zu injizierenden Meerschweinchen besonders eignet.) Die Symptome treten so wie bei intracerebraler und intra- kardialer Probeinjektion sofort auf, der Exitus erfolgt meist in wenigen (3 bis 8) Minuten ; überleben die Tiere den Shock, so erholen sie sich sehr rasch. Bei einmal mit 0,01 ccm Rinderserum sensibilisierten Meerschweinchen beträgt die intravenös letale Dosis nach einem Intervall von 14 Tagen 0,01 — 0,04 ccm; bei längerer Inkubation oder wiederholt vorbehandelten Tieren kann sie auf 0,005 ccm sinken. Die kleinste krankmachende Dosis, die noch sicher kon- statierbare Symptome erzeugt, dürfte bei 0,001 ccm artfremden Serums liegen (Doerr & Russ). Für Hühnereiklar beziffern Besredka & Bronfenbrenner die Dosis letalis min. gleichfalls mit 0,01 — 0,005 ccm bei intravenöser Probe. h) Retrookulär bzw. intraorbital (Mori, Baldwin, Gay, Southard & Fitzgerald). i) Intraokulär (Krusius, Kümmell). k) Durch Injektion des Antigens in den Ductus choledochus, was bei gleichartig präparierten Kaninchen stärker wirken soll als die intravenöse Ein- spritzung (Blaizot^). Zu diesem Zwecke müssen die Tiere laparotomiert, das Duodenum eröffnet und so die VATERsche Papille zugänglich gemacht werden. 1) Durch stomachale oder rectale Zufuhr des Antigens, die anaphylak- tischen Symptome werden also durch verfüttertes und unverändert resorbiertes Antigen ausgelöst. Positive Versuche müI Richet 26^29^ 3i jQJt Krepitin an Hunden bekommen haben; über Nobecourt und Börnstein s. S. 979. Beim Menschen ist eine enterale Antigenzufuhr zweifellos imstande, anaphylaktische Symptome hervorzurufen (s. S. 1123). m) Durch Inhalation von verspraytem Antigen (BussoN, Friedberger & MiTA^, Schlecht). Es entwickeln sich Entzündungen und Nekrosen, die als Analogon zu den Hautveränderungen nach subkutaner Antigenreinjektion, also als lokale Anaphylaxie aufzufassen sind ; gleichzeitig fiebern die Tiere (Meerschwein- chen). Ströbel erzielte mit dieser Methode weder Fieber noch Pneumonie ; um letztere zu erzeugen, mußte er di^ Antigen beim spezifisch präparierten Meer- schweinchen direkt in das Lungenparenchym einspritzen. Ebenso sah Ishioka nach Antigeninhalation nur geringgradige Veränderungen. n) Intratracheal (Ishioka). Nach Freilegung der Luftröhre werden in das Lumen derselben 0,05 — 0,1 ccm Antigen z. B. Pferdeserum mit feiner Kanüle injiziert. Ein Teil der Tiere verendet im Shock, andere erholen sich wieder und zeigen, wenn sie nach 1 — 3 Tagen getötet werden, emphysematöse und pneumonische Veränderungen, von denen die letzteren interstitiell oder parenchymatös sein können. Allergie und Anaphylaxie. 987 Identität der sensibilisierenden und s hock auslösenden Eigenschaft. Das anaphylaktische Antigen tritt bei aktiver Versuchs- anordnung zweimal in Funktion, erstens bei der Sensibilisierung dei- Tiere, zweitens bei der Reinjektion zur Auslösung der Sym- ptome. DoERR & Russi, -^ haben nun darauf hingewiesen, daß in diesen beiden Fällen sehr verschiedene Mengen desselben Eiweiß- antigens notwendig sind, um positive Ausschläge zu erzielen. Die Dosis sensibilisans minima ist bei Meerschweinchen 200 — 2000mal kleiner, als jene Antigenquantität, welche bei intracerebraler oder intravenöser Prolje Symptome hervorruft oder akuten Exitus bewirkt. Nun sind aber die Volumina der Eiweißlösungen, welche man beim ]\Ieersch\vein- chen zwecks Vornahme der Probe intravenös oder gar intracerebral injizieren kann, naturgemäß begrenzt und dürfen einige Kubikzenti- meter im ersten, 0,25 com im zweiten Fall nicht überschreiten. Ver- mindert man daher in einer Eiweißlösung sukzessive die Menge des wirksamen Antigens, indem man sie fortschreitend verdünnt, oder steigend erwärmt, indem man Säuren. Jod, ultraviolettes Licht, tryp- tische oder peptische Fermente in steigenden Konzentrationen oder durch zunehmende Zeitdauer einwirken läßt, so werden bei schwächeren Graden der Einwirkung dieser Agentien sensibilisierende und shockauslösende Eigenschaft zunächst gleichmäßig abnehmen unter Währung des schon beim nativen Material vorhandenen Ab- standes. Schließlich kommt man aber an eine Grenze, wo zwar noch genug Antigen vorhanden ist, um Anaphylaxie beim Meerschwein- chen zu erzeugen, wo aber die Menge des veränderten Substrates, die man diesem Versuchstier beibringen kann, nicht mehr ausreicht, um bei vorhandenem anaphylaktischem Zustand deutliche Erscheinungen auszulösen. Doerr & Russ^ Jiaben dies in Versuchen mit erhitztem Rinder- und Pferdeserum nachgewiesen. Es ist daher nicht begründet, aus solchen Experimenten zu folgern, daß dem anaphy- lak tischen Antigen zwei voneinander trennbare Eigenschaften oder Funktionen zukommen, eine thermostabile präparierende (Sensibili- sinogen) und eine thermolabile toxische (Antisensibilisin), wie dies Besredka^, Kraus & Volk^, ^, Levaditi u. a. getan haben. Dieselben Einwände wie gegen die Hitzetrennuug von Besredka lassen sich auch gegen alle anderen (bis in die neueste Zeit wiederholten) Versuche geltend machen, • durch die verschiedensten Methoden die „beiden Stoffe" der Eiweißantigene voneinander zu scheiden (Segale, Baroxi & Joxescu- Mihaüesti, toxophore und haptophore Gruppe nach Vaughan & Wheeler etc.), soweit die erzielten Resultate nicht etwa auf direkten Unrichtigkeiten beruhen, wie die Separation der hypothetischen Komponenten durch fraktioniertes Aus- salzen nach Gay & Adler. Da sie an anderer Stelle abgehandelt sind, so mögen hier nur die Ad- sorptionsexperimente und die eigenartigen Angaben von Richet^" über Kon- gestine Platz finden. Ettsterc beruhen auf der Beobachtung, daß man das Eiweißautigen aus seinen Lösungen (z. B. aus Pferdeserum) durch verschiedene korpuskulare Elemente, wie Erythrocyten (Levaditi & Rajchmann, Salus ^, Sleeswijk^), durch Bakterien (Braun i, Doerr & Moldovan'), Hefezellen, Kreide (Doerr & Moldovan'), Baryumsulfat (Sleeswijk^) adsorbieren kann. Mit den ge- waschenen Elementen kann man sensibilisieren, ebenso mit der durch Adsorption erschöpften Flüssigkeit, man kann aber mit letzterer beim anaphylaktischen Meerschweinchen keine Symptome auslösen, weil das Eiweißantigen (juantitativ zu stark reduziert ist (Doerr*). Aehnlich wie durch Adsorption erschöpfte verhalten sich dialysierte und dann filtrierte Sera (Sleeswijk-). 988 Robert Doerk, RiCHET^" stellte zunächst ein Rohkongestin durch Präzipitation eines wässerigen Aktinienextraktes mit dem 4 -fachen Volum 95-proz. Alkohols her, und fraktionierte die wässerige Lösung dieses Roliproduktes durch Fällung bei steigendem Alkoholzusatz. Er isolierte derart zwei Körper, einen in 35-proz. Alkohol unlöslichen, in Wasser schwer löslichen, grauen (schwarzes Kougestin) und einen in Wasser und 50-proz. Alkohol leichtlöslichen, doppelt brechenden, gelben (gelbes Kongestin). Nach Eichet soll nun das schwarze Kongestiu besser präparieren als das gelbe, soll aber nicht imstande sein Shock auszulösen, eine Fähigkeit, die dem gelben Kongestin exquisit anhaftet; die primäre Toxizität beider Stoffe war annähernd die gleiche. Eichet fühlt sich auf Grund dieser Erfahrungen berechtigt, nicht nur bei den Kongestinen und Krepitinen, sondern bei jedem anaphylaktischen Antigen eine .,substance preparante" und eine ,,s. dechainante" zu unterscheiden ; dazu liegt aber keine Veranlassung vor, um so mehr als sich die zitierten Beobachtungen wohl auch anders deuten lassen (man beachte z. B. die schwere Wasserlöslichkeit des schwarzen Kongestins, die un- genaue Bestimmung der sensibilisierenden Fähigkeit etc.). Gegenwärtig herrscht allgemein die Ansicht, daß bei der Vor- behandlung wie bei der Probe dieselbe Substanz, das körperfremde Eiweißantigen, wirksam ist (Doerr & Russ^, Rosen.4.u & Ander- son 3, Pick & Yamanouchi^, H. Pfeiffer i*, Moro^, v. Pirquet, Wells 1, FriedbergerI^, Friedemann 2, * u. v. a.). Diese Tatsache ist ,,für die theoretische Auffassung der Ueberempfindlichkeit von großer Bedeutung" (H. Pfeiffer i*), da daraus hervorgeht, daß die Anaphylaxie nichts anderes ist, als die Immunität gegen artfremdes Eiweiß (Doerr), wie dies v. Pirquet und AVolff-Eisner^ schon vor Jahren klar ausgesprochen haben. Die Eigenschaft artfremden Eiweißes, bei anaphylaktischen Tieren Symptome auszulösen, hat man allgemein als „Toxizität" bezeichnet, ein Ausdruck, der lieber vermieden werden sollte, da er zu der irr- tümlichen Anschauung verleiten könnte, daß das Antigen selbst bei der ßeinjektion giftig wirkt, wälirend doch erst die Reaktion des- selben mit dem Antikörper die Schädigung setzt. Primäre Toxizität der anaphylaktischen Antigene. Die anaphylaktischen Antigene können primär völlig atoxisch sein, so das meist benützte Pferdeserum, von welchem Meer- schweinchen 5,0 ccm intravenös und Kaninchen bis zu 10 Proz. ihres Körpergewichtes subkutan ohne momentane Störung vertragen. Es gibt aber auch Substrate, die Anaphylaxie er- zeugen und auslösen, anaphylaktogen wirken, und nebenbei auch primäre, ohne Inkubation auftreten de Schädigungen des tierischen Organismus herbeiführen. Diese primären Schädigungen können nun selbst zum Teil anaphylaktische Prozesse darstellen.— Zunächst kann es vorkommen, daß das Blut und dieGewebssäfte einer Tierspecies nor- male, präexistierende Antikörper gegen bestimmte Ei- weißantigene enthalten, wie solche ja in Form der normalen Hämo- lysine und Bakteriolysine bekannt sind. Injizieren wir . einem solchen Tier mit präexistierendem Antikörper das betreffende Anti- gen (Erythrocyten, Bakterien), so könnte eine Reaktion erfolgen, die eine ihrem Wesen nach anaphylaktische Störung auslöst (Doerr & Moldovan^, Versuche über die Wirkung erster Injektionen von Bakterienextrakten von AVeichardt & Schittenhelm^, Briot & DoPTER, Seitz, Aronsox, Friedberger & MitaS, Frosch, Goretti, Neufeld & Dold etc.). Das aktiv anaphylaktische Experiment, d. h. Allergie und Anaphylaxie. 989 die erneute Antigenzufuhr würde in solchen Fällen nur eine Steige- rung des normalen Vorganges durch die immunisatorische Vermehrung der präexistierenden Antikörper bedeuten. — Umgekehrt kann man einem Tier normale Sera injizieren, die Antikörper gegen das Eiweißantigen (Serumeiweiß, Zellen) des Tieres selbst enthalten. Die Folge kann ebenfalls eine Eiweißantigenantikörper- reaktion sein, welche die bekannten anaphylaktischen Symptome be- gleiten (s. S. 1088). Schließlich existieren auch anaphylaktogene Substrate, denen pri- märe Gift Wirkungen im engeren Sinne zugeschrieben werden müssen, die Toxalbumine (Aktino- und Mytilokongestin, Krepitin nach Eichet, Aalserum [Ichthyotoxin] nach Doerr & Raubitschek, Cobragift [Nolf^, Arthus], Viperngift [Billard i], gewisse Bakterien und Bakterienextrakte, Phytalbumosen [Raubitschek]). Sie sind wahr- scheinlich komplex gebaut und enthalten, wie Doerr & Raubitschek für das Aalserum nachwiesen, zwei Antigene: ein Toxin und einen spezifischen Eiweißkörper, die entweder getrennte Stoffe oder ein chemisches Individuum darstellen könnten, dem aber zwei voneinander unabhängige, biologisch aktive Gruppierungen eigen sind. Beide pro- duzieren Immunsubstanzen, das Toxin ein Antitoxin, das Eiweiß einen anaphylaktischen Antikörper, deren isolierter Nachweis im Immun- serum gelingt, sowohl wenn sie koexistieren, als wenn sie, was tat- sächlich vorkommt, getrennt auftreten. Aehnlich dürften die Ver- hältnisse bei den Kongestinen, beim Krepitin, Cobra- und Viperngift (vgl. S. 966) liegen. Bei den primär giftigen Bakterienproteinen (Endotoxinen ) sind die Verhältnisse noch unaufgeklärt und die dua- listische Auffassung der Antigenfunktion strittig (vgl. Bakterien- anaphylaxie). Spezifität. Wie alle Antigene sind auch die anaphylaktischen spezifisch. Die Spezifität folgt bis ins Detail jenen Gesetzen, die das Studium der antigenen Eiweißwirkung mit Hilfe anderer Reaktionen, der Präzipitation, Cytolyse und Komplementablenkung schon früher fest- gestellt hatte. Zunächst sind die anaphylaktischen Eiweißantigene spezifisch hinsichtlich der Pflanzen- oder Tierart, von welcher sie stammen; bei den höheren Tieren werden diese artspezifischen Eiweiß- körper in reinster Form im Blutplasma resp. im Serum angetroffen. Schon Otto ^ hatte beobachtet, daß mit Pferdeserum sensibilisierte Meer- schweinchen nur gegen dieses, nicht aber gegen Kaninchen-, Ziegen- oder Ochsen- serum überempfindlich werden. Seitdem wurde die Artspezifität für tierisches Eiweiß sowohl (Rosenau & Anderson ß, s, Doerr & Russ^, Uhlenhuth & Haendel^, H. Pfeiffer 1*, Arthus, Anderson & Frost, Ninni, Rachrach, Caporali^, Thomseni, Sleeswijk, Friedberger «6; Mita', Minet & Leclerq) als für pflanzliches (Kraus & Doerr, Tsuru, Holobuti, Ascoli^, Kraus & Ajoradzibi, Schern 1, AzuMA, Inomata, Wells & Osborne, Rosenau & Anderson ß etc.) so oft im anaphylaktischen Experiment nachgeprüft und be- stätigt, daß darüber kein Zweifel bestehen kann. Natürlich kommen hier ge- radeso wie bei der Präzipitinreaktion und Komplementablenkung, bei der Agglu- tination und Hämolyse Verwandtschaftsreaktionen vor, indem Meer- schweinchen, die mit einem bestimmten heterologen Serumeiweiß sensibilisiert sind, nicht n.ur auf die Reinjektion desselben, sondern auch auf die Probe mit dem Serum verwandter Tiere reagieren. So erwiesen sich im anaphylaktischen Experiment Menschen- und Affeneiweiß, Eiweiß von Pferd und Esel, Ziege und 990 Egbert Doerr, Hammel, ßatte und Maus, Hase und Kaninchen als scheinbar gleichwertig (Uhlexhuth & Haexdel-, Trommsdorff 1. 2, GraetzI). Aehulich verhalten sich Pflanzenproteiae, z. B. das Eiweiß verschiedener Linsensamenarten (Ino- mata), das Eiweiß von Erbsen und Saubohnen ( Wexdelstadt & Fellmer^, Legumino aus Erbsen und Wicken, GUadine aus Roggen und Weizen, Vignia (aus Vigna sinensis) und Wicken-Legumin (Wells & Osborne), Proteine nahe- stehender Bakterienarten (Studzixski, Delanoe^ u. a.)- Desgl^eichen trifft man Yerwandtschaftsreaktionen bei Anwendung von denaturiertem Eiwerß, gekochtem Fleisch, Auszügen aus gekochten Würsten und Fischen (Uhlexhuth & Haendel-, Miessxer, Mixet & Leclerq*;, aus angebrannten, gekochten oder gefaulten Knochen (Steffexhagex & Clough), aus Nährpräparaten (Hailer), die sich vielleicht durch den Uebergang der Artspezifität in die Zustands- oder konstitutive Spezifität erklären. — Bei Anwendung quantitativer Methoden (Doerr & Riss-) gelingt indes ähnlich wie bei der Präzipitation die Differenzie- rung selbst nahestehender Eiweißantigene, indem gleichartig sensibilisierte Meer- schweinchen auf das homologe Antigen stärker reagieren, d. h. durch geringere Dosen getötet werden können, als von verwandten heterologen Eiweißarten erforderlich sind; die passiv anaphylaktische Versuchsanordnung eignet sich für solche Zwecke nach Doerr & Russ- besser als die aktive, weil sie auch eine exakte Dosierung des Antikörpers d. h. des Grades der Ueberenipfind- lichkeit gestattet. Eiu anderer Weg besteht in der Benützung der sogenannten Antianaphylaxie. Ein mit Riaderserum sensibilisiertes und mit Rinderserum geprüftes "Meerschweinchen ist, falls es den Shock überlebt, gegen neuerliche Rinderserumiujektion unempfindlich (antianaphylaktisch): prüft, man es mit Hammelserum, so bekommt es gleichfalls Symptome, bleibt aber für Rinder- serum noch überempfindlich. Nach diesen Methoden vermochten Uhlexhuth & Haexdel-, ^ Menschen- und Affeneiweiß, Kaninchen- und Haseneiweiß zu unterscheiden, und Yamaxouchi ^ zeigte, daß Menschen- und Schinipansen- serum anaphylaktisch gleichwertig sind, daß sie aber schon vom Makakenserum merklich abweichen. H. Pfeiffer i* bekam sogar bei Mäuse- und Rattenblut quantitative Differenzen, wenn er das feinere Kriterium des Temperatursturzes für eine zahlenmäßige Bestimmung der Reaktionsstärke heranzog. Arthüs 2, *, ', * hält die Serumanaphylaxie beim Hunde für ein spezifisches, beim Kaninchen für ein unspezifisches Phänomen; er sah nämlich, daß letztere zwar nicht auf ein anderes Serum, als zur Vorbehandlung verwendet wurde, wohl aber auf die Reinjektion von Wittepepton reagieren und daß umgekehrt mit Eier- eiweiß, Gelatine, Pepton vorbehandelte Kaninchen gegen Pferdeserum über- empfindlich sind. Diese Angaben wurden von Biedl & Kraus* widerlegt. Es ist aber ganz zweifellos, daß Tiere, welche gegen Eiweiß (Serum) spezifisch anaphy- laktisch sind, auf eine Reihe sehr verschiedener Noxen unspezifisch und übermäßig reagieren. Eiweißallergische Meerschweinchen und Hunde sind gegen Infektionen empfänglicher (NicOLLE. Maxwarixg^), mit artfremdem Serum präparierte Ka- ninchen können durch sonst unschädliche hypertoneXaCl-Lösungen getötet werden (Heilxer-) oder antworten leichter, konstanter und stärker mit Fieber als nor- male, wenn man ihnen NaCl injiziert (David.-?ohx& Friedemaxx^). Richet^*, 3o konstatierte, daß mit Krepitin vorbehandelte Hunde auf Apomorphin leichter erbrechen als gesunde und nennt diese unspezifische Ueberempfindlichkeit, die mit der Eiweißanaphylaxie als solcher nichts zu schaffen hat, ,,anaphylaxie generale". Bei niedrigen, besonders einzelligen Lebewesen (Bakterien, Proto- zoen) scheint der Körper nur ein einziges, für die Art charakteristisches Eiweiß zu enthalten. Bei höher orga- nisierten Metazoen bilden sich dagegen infolge der fortschreitenden morphologischen und funktionellen Differenzierung der Zellarten Un- terschiede der Eiweißkörper ir^ den verschiedenen Organen aus. so daß sie weder mit dem Serumeiweiß noch untereinander über- einstimmen. Weicht das Eiweiß eines Organes vom Bluteiweiß der- selben Art erheblich ab, ist es , .blutfremd" (Abderhalden), so kann es — parenteral in Form von Organextrakten eingespritzt — zum Antigen für die Species, ja für das Individuum werden, von dem es stammt, und eine besondere Anaphylaxie gegen seine wiederholte Zufuhr erzeugen (Organ- oder Gewebsspezifität). Damit ver- Allergie und Anaphylaxie. 991 bindet sich — bei verschiedenen Organen allerdings in sehr ver- schiedenem Grade — eine zweite Erscheinung: das Organeiweiß ist für die Art nicht mehr oder doch nicht so spezifisch wie das Seriim- eiweiß, vielmehr zeigt das Eiweiß desselben Organes verschiedener Tiere eine größere oder geringere Verwandtschaft (Fehlen der xlrtspezif i tat), eine Erscheinung, die auf eine durch die gleiche Funktion bedingte Aehnlichkeit biochemischer Strukturen hindeutet. Der Nachweis dieser Verhältnisse mit Hilfe des anaphylaktischen Experimentes ist indes aus mehrfachen Gründen erschwert; einer- seits sind die Differenzen zwischen Serum- und Organeiweiß oder zwischen verschiedenen Organeiweißarten desselben Tieres nicht immer so beträchtlicli, daß sie bei Anwendung der gangbaren Methoden verwertbare Ausschläge geben, andererseits ist es schwer möglich, die Organzellen frei von Serumeiweiß zu bekommen, welches schon in infinitesimalen Mengen auf das Meerschweinchen sensibili- sierend wirkt und die organspezifische Ueberempfindlichkeit ver- deckt. Insbesondere der letztere Umstand scheint von Bedeutung zu sein, da die Organspezifität für Zellen, die sich leicht isolieren und relativ oder absolut serumfrei darstellen lassen, früher und über- zeugender nachgewiesen wurde, als für die Elemente der von reich- lichen Gefäßen durchzogenen Organe. So waren die Ergebnisse mit Extrakten aus der Leber, Niere, Milz, Gehirn etc. zunächst negativ (Ranzi ^ Uhlenhuth & IIaendel-, Pfeiffer & Mita^ JVIacFarland, Breccia); die damit vorbehandelten Meerschweinchen wurden zwar anaphylaktisch, aber nicht gegen das betreffende Organeiweiß, sondern gegen das zugehörige Serumeiweiß. Ohkubo behauptete sogar, daß nur dieses Resultat möglich sei, und daß reine i. e. von Blutbestandteilen befreite Organextrakte gar nicht imstande sind, Meerschweinchen zu sensibilisieren, prüfte aber die Anaphy- laxie mit einer wenig empfindlichen Methode (intraperitoneal). — H. Pfeiffer ^^ bekam, aber doch mit Rinderblut und Rinderserum eine andere Anaphylaxie als mit Niereneiweiß vom Rinde; die mit Niereneiweiß präparierten Meerschweinchen waren gegen Blut und Serum bedeutend weniger empfindlich als gegen das homologe Antigen. — Sensibilisiert man Meerschweinchen mit Mazeraten aus verschiedenen Kaninchen- oder Menschenorganen (Herz, Leber, Niere, Gehirn), so sind sie nach 20 Tagen zwar auch gegen das betreffende Serum ana- phylaktisch, können aber durch intraperitoneale Einspritzung desselben nur gegen die intrakardiale Probe mit Serum, nicht aber gegen die Reinjektion des zur Präparierung verwendeten Organextraktes geschützt, antianaphylaktisch gemacht werden (Minet & Brüyant). — Armand-Delille ^ erzielte bei Kaninchen mit blutfreiem Hundehirn organspezifische Anaphylaxie. — Guerrini verwendete Nukleoproteide aus blutfrei gewaschenen Organstücken (Milz und Leber von Pferd und Hund); sie wurden durch Zerreiben mit dem 20-fachen Volum 1-proz. Aetzkalis und Fällen mit 1-proz. Essigsäure gewonnen. Die Anaphylaxie war hochgradig, wenn zur Präparierung und Reinjektion ein und dasselbe Nukleoproteid benutzt wurde, schwächer, wenn beide Akte mit Nukleoproteiden aus verschiedenen Organen desselben Tieres vorgenommen wurden; alle anderen Konibinationen waren unwirksam. Auch Pearce, Karsner & Eisenbrey arbeiteten mit Nukleoprotein. sowie mit Albumin und Globulin aus Hunde- leber und Hundeniere. Sie fanden die toxische und sensibilisierende Kraft des Organeiweißes nur sehr gering, vermißten Unterschiede zwischen Organ- und Bluteiweiß, konnten aber andererseits doch eine gewisse Organspezifität kon- statieren. Die einzelnen Eiweißfraktionen aus einem Organ waren gleichwertig. Endlich erhielten noch Abderhalden & Kashiwoda mit Nukleoproteiden aus der Thymus und aus Ganserythrocyten spezifische Anaphylaxie. Durch diese Erfahrungen ist die Frage, ob das Eiweiß der Leber, Niere, des Gehirnes, der Thymus und der Milz vom Serumeiweiß abweicht, wohl in be- jahendem Sinne entschieden. Das geht übrigens auch aus anderen Immunitäts- reaktionen und den Experimenten über organspezifische Cytotoxine (Cytolysine) hervor. Joannovics immunisierte Kaninchen mit Katzenleber und stellte so ein „hepatotoxisches Serum dar, welches bei Katzen chronisch verlaufende, schwere 992 ROBEUT DOERR, Lebererkiankungen bewirkte. Calcaterra^ gewann von Kaninchen durch ent- blutete Schafslungen ein Antiserum, welches mit Lungenextrakt Ausflockung und Komplementdeviation gab, nicht aber mit Rückenmark oder Leberextrakt vom Schafe; bei Kaninchen rief es keine Lungenveränderungen hervor. Dementsprechend lassen sich Tiere auch durch arteigene Orgausubstanz anaphylaktisieren. Hertle & Pfeiffer gelang es, MeerschweincTien durch wiederholte Injektion von arteigener Niere, Nebenniere und Hoden gegen Meer- schweinchenniere überempfindlich zu machen. Desgleichen erzeugte die Zer- trümmerung einer Niere und Reposition des Gewebes beim Meerschweinchen, nicht aber beim Kaninchen hochgradige Anaphylaxie gegen artgleiche Nierenenaulsion. Wolff-Eisner & Vertes hatten mit arteigener Leber, Niere und Gehirn bei Meerschweinchen und Kaninchen positive Ergebnisse, wenn auch der Eintritt der Ueberempfindlichkeit länger dauerte als mit artfremdem Eiweiß. Weitere Belege hierfür liefert die Bildung anderer Antikörper gegen Gewebe des eigenen Orga- nismus (Literatur und neue Versuche bei H alpern) und die Existenz von Iso- oder Autocytotoxinen, wie sie in neuerer Zeit Kapsenberg und Rossi be- schrieben. Das Eiweiß desselben Organes verschiedener Tierspecies scheint dagegen nicht verwandt zu sein, wie aus den bereits zitierten Arbeiten von Gcerrini und Calcaterra erhellt. Zweifellose Unterschiede bestehen ferner zwischen Serumeiweiß und Erythrocyten desselben Tieres (Doerr & Moldovan^, H. Pfeif- fer i'^, Uhlenhuth & Haendel^, ThoxMsen 1). Mit Serum sensibili- sierte Meerschweinchen sind nicht oder wenig anaphylaktisch für die homologen Erythrocyten und umgekehrt; präpariert man mit Vollblut, so werden die Tiere durch Reinjektion von Serum nicht antianaphy- laktisch gegen Erythrocyten und vice versa. Das Erythrocyten- eiweiß ist nicht nur organ-, sondern auch in hohem Maße artspezi- fisch. Eine Sensibilisierung durch arteigene Erythrocyten dürfte nicht möglich sein (Kapsexberg). Wie sich Stromata und Hämoglobin derselben Erythrocytenart zueinander und zum Serum verlialten, ist nicht genau ermittelt. Der Träger der Organspezifität scheint das Hämoglobin zu sein, welches auch im kristallisierten Zustande eine vom korrespondierenden Blut- serum abweichende und für seine Artprovenienz spezifische Ana- phylaxie hervorruft (Thomsen). Pfeiffer & Mita ^ geben an, daß mit Serum präparierte Meerschweinchen gegen die Reinjektion von Serum 54mal. empfindlicher sind als gegen das zugehörige Hämoglobin, daß dagegen Hämoglobintiere gegen Hämoglobin nur 2mal so empfind- lich sind als gegen zugehöriges Serum. Der Grund liegt wohl darin, daß es zwar leicht ist, hämoglobinfreies Serum zu erhalten, daß es aber nicht gelingt, Erythrocyten durch Waschen von jeder Spur Serumanaphylaktogen zu befreien (Levaditi & Raichmann). Die ausgeprägteste Organspezifität zeigt die Kr istall linse des Auges, deren biologische Sonderstellung Uhlenhuth bereits früher hinsichtlich ihrer präzipitinogenen Eigenschaften konsta- tiert hat. Kraus, Doerr & Sohma konnten au Kaninehen, Uhlenhuth, Ajstdre- JEW, ScHERN & Haendel, Pfeiffer & MiTA ^ an Meerschweinchen zeigen, daß mit Rinderserum vorbehanielte Tiere nicht auf Rinderlinsenextrakt reagieren und daß umgekehrt mit Rinderlinse präparierte Kaninchen oder Meerschweinchen nur gegen Linseneiweiß, nicht aber gegen Serum über- empfindlich werden. Nach Krusius ist die Organspezifität der Linse allerdings nur eine relative, insofern als sich neben dem eigentlichen Linseneiweiß aucn noch in Spuren artspezifisches Serumeiweiß besonders in den peripheren Linsenteilen (Kapsel, Rinde) durch Anaphylaxie nachweisen läßt. Der Kern der Linse enthält das charakteristische Organeiweiß in reinerer Form. — Die Differenz zwischen Linsen- und Serumeiweiß macht es verständlich, daß man Meerschweinchen mit Meerschweinchenlinsen aktiv präparieren kann (nach Allergie und Anaphylaxie. 993 Römer & Gebe allerdings nicht so gut. wie mit artfremder Linse), ja daß es gelingt, ein Tier mit einer seiner eigenen Linsen vorzubehandeln und mit der anderen Symptome auszulösen (Uhlenhuth). Krusius präparierte Meer- schweinchen durch intraokulare Diszission beider oder einer Linse, und ver- mochte auch bei mit Meerschweinchenlinse sensibilisierten Tieren durch beider- seitige Linsendiszission schwere- Symptome auszulösen. — Nach Kraus & Doerr, Uhlenhuth ist das Linseneiweiß verschiedener Tiere identisch; es sind also z. ß. mit Rinderlinse präparierte Kaninchen auch gegen Linseneiweiß anderer Tiere überempfindlich. Krusius fand aber keine absolute, sondern nur eine relative Uebereinstimmung; es existieren doch Unterschiede, die nicht nur von der phylogenetischen Verwandtschaft der Tiere, sondern auch vom chemischen Aufbau abhängig zu sein scheinen. Die Linse des Schellfisches steht im anaphylaktischen Versuch der des Tintenfisches bedeutend näher als der des Rindes, obzwar die Fische als Vertebraten mit den Säugetieren näher verwandt sind als mit den Kephalopoden (Mollusken). Auch die Uvea des Auges soll in hohem Grade organspezifisch sein. Ueber ihre anaphylaktogenen Funktionen liegen allerdings keine Versuche vor, wohl aber konnte Elschxig durch Immunisierung von Kaninchen mit art- fremder oder arteigener Uveaemulsion, sowie mit chemisch reinem Rinderaugen- pigment komplementablenkende Antikörper (Ambozeptoren) erhalten, Avelche nicht artspezifisch waren und mit Uvea-Antigen verschiedener Tierarten reagierten. Aehnliche Resultate bekamen Weichardt & Kümmel mit der Epiphaninreaktion. Sollte sich die individuumgleiche Uvea als Anaphylaktogen erweisen, so wäre damit ein Verständnis für die bisher rätselhafte sjTnpathische Ophthalmie gewonnen : durch die Zerstörung und Resorption einer Uvea würde der Körper sensibilisiert und die geringsten Störungen im gleichen Gewebe des anderen Auges (Untergang einzelner Uvealelemente) würden wie eine intraokulare Reinjektion des Antigens schwere lokale Anaphylaxie hervorrufen (Bail, Elschxig, Kümmel). Von anderer Seite (E. v. Hippel, Reis) wird diese Theorie mit zahlreichen Gründen bekämpft. Die ektoder malen Horngebilde verhalten sich analog wie die Augenlinse. Löst man Kuhhorn, Pferdehufe, Menschen- haaie etc. in Antiformin, so läßt sich der Gehalt solcher Lösungen an Anaphylaktogen (Eiweißantigen) am Meerschweinchen demonstrie- ren (Uhlenhuth & Steffexhagex, Krusius). Man kann nun mit Pferdehut gegen Pferdehuf, aber auch gegen Pferdeserum sensibili- sieren, doch ist die Reaktion bei der Probe mit Serum schwächer und die Meerschweinchen bleiben für Pferdehuflösung empfindlich, werden nicht antianaphylaktisch. Da man ferner mit Menschenhaar gegen Kuhhorn, Kuhhuf, Pferdehuf etc. sensibilisieren kann, so muß in den verschiedenen Horngebilden ein eigenartiges, organspezifisches Eiweiß neben dem gewöhnlichen artspezifischen Serumantigen enthalten sein. Das organspezifische Protein der Horngebilde ist mit dem der Kristall- linse des Auges verwandt (Krusius). Sellei ^ gibt an, daß normale Menschen auf die subkutane Injektion von Extrakten ihrer eigenen Haut (oder ihres eigenen Prostatasekretes) viel stärker reagieren, als auf Hautextrakte (Prostatasekrete) anderer Individuen und nennt diese Erscheinung ,,Homä sthesie". Die Organspezifität der Linse und der Horngebilde beruht nach Krusius nicht, wie man früher _gewöhnlich annahm, auf einer angeborenen, phylogenetisch entstandenen Differenzierung der be- treffenden Gewebe, sondern auf einer Denaturierung ihres ursprüng- lichen artspezifischen Eiweißes durch Verhornung. Ist diese Ansicht richtig, so könnten auch pathologische Degenerations- prozesse das Arteiweiß denaturieren. Raubitschek- fand, daß gereinigtes, nach der Methode von Krawkow aus Organen isoliertes Amyloid bei Ka- ninchen Präzipitinbildung anregt, und daß derartige Antisera Amyloid aus den verschiedensten Organen und von verschiedenen Tierarten ausflocken, mit Serum- eiweiß des Tieres, von welchem das Amyloidantigen stammt, jedoch nicht Handbuch der pathogenen Mikroorganismen. 2. Aufl. II. 63 994 Robert Doerr, reagieren. Die Artspezifität war denanach verloren gegangen und durch eine andere (Amyloid- jSpezifität ersetzt, die mit den Eigenschaften der Horngebilde in Parallele zu setzen ist. Anapliylaxie ließ sicli mit dem durch chemische Eingriffe gewonnenen Amyloid an Kaninchen nicht erzielen; wahrscheinlich gelten aber für natives Amyloid bei geeigneter Versuchsanordnung dieselben Gesetze wie hinsichtlich der Präzipitation. Eine „biologische Sonderstellung" (Dunbar 3) nimmt endlich auch das Eiweiß der Geschlechtszellen ein, sowie das Eiweiß gewisser Organe, die mit den Geschlechtsfunktionen in engem Konnex stehen. Das gilt nicht nur für die präzipitinogenen und lysinogenen, sondern auch für die anaphylaktogenen Eigenschaften. Da die embryonale Ent- wickelung von der Eizelle bis zum vollendeten Organismus, die Onto- genese, eine abgekürzte Wiederholung der Phylogenese darstellt, so könnte man daran denken, daß das Eiweiß der Geschlechtszellen An- klänge an frühere phylogenetische Entwickelungsstadien enthält, die eine Verschiedenheit vom Serumeiw^eiß des erwachsenen Individuums bedingen ; dann sollte man aber erwarten, daß die Geschlechtszellen verschiedener Arten weitgehendere Verwandtschaften aufweisen, als das tatsächlich der Fall ist. Vielleicht ist es daher rationeller, die auf das Wachstum konzentrierte Tätigkeit der Geschlechts- und Embryonalzellen und das Zurücktreten spezifischer Zellfunktionen für die biologischen Eigenschaften verantW' ortlich zu machen, da hierdurch auch die Gemeinschaft gewisser Reaktionen mit den Car- cinomzellen (Freund-Kamixer) verständlich würde. Soweit das vorliegende Material ein abschließendes Urteil zuläßt, sind die männlichen Geschlechtszellen bis zu einem gewissen Grade ,, blutfremd", vom Serumeiweiß derselben Species verschieden, zeigen aber keine Organspezifität, sondern eine ausgeprägte Art- spezifität. V. DuxGERX & Hirschfeld ^ zerrieben aseptisch entnommenen Hoden und injizierten 0,3 g ins subkutane Gewebe des Kanhachenohres. Schon die erstmalige Injektion von artfremdem, aber auch artgleichem Hoden rief ein starkes, ausgebreitetes Oedem hervor, wie es nach anderen Organemulsionen nicht auftrat. Besonders häufig reagieren trächtige Weibchen*) auf Hodensubstanz; bei schwangeren Frauen traten dagegen nach Spermainjektion keine Erscheinungen auf. In einzelnen Fällen gelang es auch durch Vorbehandlung mit artgleichem oder eigenem Hodengewebe verstärkte Lokalreaktioneu gegen die Reinjektion desselben Materials zu erzeugen; in diesen Fällen kann man wohl von typischer lokaler Anaphylaxie sprechen, um so mehr, als den Autoren später die passive Uebertraguug der immunisatorisch gesteigerten Allergie gegen Hodengewebe auf normale Tiere glückte. Die Deutung der primären Reaktionen ist unsicher. Diese Ergebnisse wurden von Schenk^ bestätigt. — Gräfexberg&Thies- unter- suchten die Wirkungen der intravenösen Injektion filtrierter Extrakte von art- eigenen und artfremden Hoden bei Kaninchen; sie fanden, daß schon die erste Injektion entsprechender Dosen unter akuten Erscheinungen tötet, wobei sich kastrierte männliche, trächtige weibliche, normale männliche und nicht gravide weibliche Kaninchen absteigend empfindlich erwiesen und arteigener Hoden- extrakt „giftiger" war als der von Stier oder Meerschweinchen. Aehnlich lagen die Dinge bei Meerschweinchen. Die Autoren prüften ferner den Einfluß wiederholter Injektionen (aktive und passive Anaphylaxie), um über eine vor- handene Organspezifität ins klare* zu kommen, erzielten aber keine eindeutigen Ergebnisse (M. Wassermann, Zeitschr. f. Immunitätsf.. Ref.). In jüngster *) In der Schwangerschaft scheint übrigens eine unspezifische Ueber- empfindlichkeit für verschiedene Stoffe zu bestehen. So berichtet Fromme, daß Frauen eine in der 30. Schwangerschaftswoche beginnende und an Häufigkeit rasch zunehmende Allergie gegen die subkutane Injektion sterilen Rinderserums aufweisen, die sich als Rötung, Oedem und starke Schmerzhaftigkeit der Impf- stelle manifestiert. Allergie und Anaphylaxie. 995 Zeit berichten AVolff-Eisner & Vertes über Anaphylaxie mit arteigener Hoden- substaiiz bei Meerschweinchen und Kaninchen, während wieder Abderhalden & KÄMPF bei der erstgenannten Tierart weder mit Hodensubstanz noch mit Ovarialpreßsaft der gleichen Art Erfolg hatten, obwohl die männliche Keim- drüse bei Weibchen, die weibliche bei Männchen injiziert wurde. Ueber geschlechtsspezifische Giftigkeit des Hodenantiserums (Gräfenberg & Thies^) vgl. Ö. 1097. — Daß ein Unterschied zwischen Serum- und Spermaeiweiß besteht, beweisen die Versuche von Mixet & Leclerq^: danach reagieren Meerschwein- chen, die man mit menschlichem Sperma sensibilisiert, mit akutem Exitus, wenn man ihnen nach 15 Tagen 1 ccm Menschensperma intrakardial reinjiziert, sind dagegen unempfindlich gegen Menschenblut, Meerschweinchen- oder Kanmchen- sperma. Organspezifische Ueberempfindlichkeit gegen das Albumin aus Dorsch- sperma sah beim Meerschweinchen auch Wells - und gegen Spermatozoeneiweiß vom Rinde Hertle & Pfeiffer; nach letzteren vermag auch Rinderniereneiweiß gegen Rindersperma zu präparieren, was von Pfeiffer als Yerwandtschafts- reaktion der Keimanlage gedeutet wird. Zur medico-forensischen Identifizierung alter, eingetrockneter Spermaflecke (Minet & LeclerQ'^) eignet sich die Probe also nicht, um so mehr, als mit Mazerat aus Spermaflecken sensibilisierte Tiere auf Extrakte aus Flecken von Fluor albus akut eingehen können (Verger). Ebenso weicht das Eiweiß der Eizelle von dem des er- wachsenen Tieres ab, ist aber bei verschiedenen Species verschieden. — Uhlenhuth & H.\endel2 fanden, daß mit- Hühnerserum präparierte Meerschweinchen auf Hühnerserum stärker reagieren als auf Hühner- eiklar und Hühnerdotter und Maunu af Heurlin konstatierte geringe Differenzen zwischen Hühnerembryonenextrakt und Hühnerserum. Mit Fischeiereiweiß (Forelle) sensibilisierte Meerschweinchen werden nur gegen Fischeierextrakt deutlich anaphylaktisch, nicht aber gegen Fisch- fleisch oder Fischsperma derselben Art (Uhlenhuth & Haexdel^). Dunbar -i berichtet, daß die Organspezifität, welche dem Sperma, den Eiern, dem Blut und dem Muskeleiweiß der Forelle zukommt, im anaphylaktischen Versuch besonders dann zutage tritt, wenn man die Meerschweinchen mit kleinen Mengen dieser Antigene präpariert, wie das ja natürlich ist. Die Organspezifität der Forelleneier ist kurz nach der Befruchtung am ausgesprochensten, dann treten all- mählich die Reaktionen des Forellenblutes hervor; bei den ausge- schlüpften Fischen herrscht indes, solange noch Spuren des Dotter- sackes sichtbar sind, das spezifische Eiereiweiß vor. — ■ Ebenso ließen sich durchoreifende Differenzen zwischen Froschei und Froschfleisch ermitteln, während Froschei und Kaulquappenextrakt Verwandt- schaftsreaktionen zeigten (Uhlenhuth & Haendel^). Das Eiereiweiß ist, wie bereits hervorgehoben, artspezifisch (für Vogeleier von Rosenau & Anderson 9, Besredka, Maunu af Heurlin, für Fischeier von Dunbar* im anaphylaktischen Versuch bewiesen). Eier naJiestehender Arten bilden natürlich eine Ausnahme. Das Eier- eiweiß von Huhn und Ente, von Perlhuhn und Kranich, von Taube und Kranich, von Gans und Truthahn, von Truthahn und Kranich zeigen z. B. Verwandtschaftsreaktion, die zwischen dem Eiereiweiß von Taube und Huhn fehlt. — Eiklar und Eidotter desselben Eies sind different (Pfeiffer & Mita, Maunu af Heurlin). Nach den ge- nauen Arbeiten von Wells existieren im Hühnerei 5 biologisch ver- schiedene Anaphylaktogene, die sich zum Teil auch chemisch isolieren lassen. Je eines findet sich im kristallisierbaren Eieralbumin und in der Globulinfraktion des Eiereiweißes, die aber beide außerdem noch ein gemeinsames Antigen enthalten, welches durch Ammonsulfat- fällung von den besonderen Antigenen nicht abgeschieden werden kann. Dazu kommt das Ovomukoid und das Ovovitellin des Dotters. 63* 996 Robert Doerr, Nach AVells bilden diese Verhältnisse einen Beweis für eine von der Artspezifizität unabhängige chemische Spezifität. Sehr schwankend sind die Angaben über die Placenta, das fötale Blut und das Fruchtwasser. Weichardt hat als erster die Aufmerksamkeit auf die antigenen Fähig- keiten des Öyucytiums gelenkt. Er stellte sich au Kaninchen durch Immuni- sierung mit menschlicher Placenta ein syncytiolytisches sferum dar, welches mit seinem Antigen gemischt für normale Kaninchen giftig zu sein schien, iudem einzelne der damit injizierten Tiere nach 2' — 3 Tagen unter Krämpfen eingingen, während allerdings die Mehrzahl gesund blieb. Mit arteigener Placenta waren seine Resultate negativ. Rosexau & Anderson ^ sensibilisierten dagegen Meer- schweinchen subkutan mit zerriebener Meerschweinchen placenta und konnten 3 Wochen später durch intrakardiale oder intraperitoneale lleinjektion desselben Materials schwere anaphylaktische Symptome auslösen. Mit derselben Versuchsanordnung und dem gleichen Ergebnis arbeiteten später auch Hofbauer und namentlich Mosbacher, der die Beobachtung von Rosenau & Anderson dahin ergänzte, daß nicht nur aktiv präparierte, sondern auch normale, aber gravide Meerschweinchen auf die Injektion arteigener Pkcentarextrakte mit Temperatursturz, Krämpfen, Sopor und Exitus (nach 20 — 6ü Min.) reagieren, und bei der Obduktion das Symptom von Auer-Lewis (s. S. 1068) darbieten. Die Empfindlichkeit der schwangeren Tiere war im Beginne der Gestation be- sonders hochgradig und nahm dann allmählich ab. In schroffem Gegensatz dazu stehen Felländer, Johnstoxe, Kracek, die mit arteigener Placenta bei Meer- schweinchen niemals Erfolg hatten, und Mürray, der interessanterweise die Versuche von Rosenau & Anderson auf die Wirkung der Autolyse des Placentargewebes bezieht, da er mit autolysierter Leber ähnliche Effekte bekam. Nach Wells reagieren mit autolysierter menschlicher Placenta präparierte Meerschweinchen nicht nur auf diese, sondern auch auf Menschenserum, was nicht gerade für eine hohe Organspezifität spricht; indes mögen hier und bei anderen Experimenten mit artfremder Placenta mangelhafte Isolierungen der organspezifischen Syncytialzellen von anhaftenden mütterlichen Gewebs- und Blutresten eine Rolle spielen (KiUTSi). — Ebenso diametral lauten die Berichte über fötales Serum. Nach Lockemann & Thies^ zieht die zweite oder wiederholte Injektion fötalen Kaninchenserums bei Kaninchen öfters und inten- sivere Krankheitsorscheinungen nach sich als die erste (71 gegen 33 Proz.). Da es meist trächtige Tiere waren, die bei der ersten Injektion dieselbe Empfindlich- keit zeigten, wie nicht trächtige auf die zweite, so nehmen Lockemann & Thies an, daß die Gestation an sich die Mutter gegen das arteigene Fruchteiweiß allergisch macht, und von der Heide ging noch weiter, indem er die normale Geburt als einen anaphylaktischen Prozeß hinstellte, von der Heide injizierte schwangeren Frauen fötales Serum und sah in vereinzelten Fällen eine weheu- anr^ende Wirkung: in der Mehrzahl waren aber die Resultate trotz intravenöser Infusion von großen Serumdosen (bis zu 48ccml) negativ, so daßEscH gerade des- wegen eine Sensibilisierung der Mutter mit fötalem Eiweiß ausschließt. Auch re- agieren Schwangere auf die Intrakutanprobe mit fötalem Serum nicht lokal, während mit Pferdeserum vorbehandelte Menschen auf Pferdeserum prompt Quaddeln be- kommen (EscH, From:\ie). Rosenau & Anderson ^ konnten dementsprechend ebensowenig wie Felländer oder Kracek mit arteigenem fötalem Serum beim Meerschweinchen Anaphylaxie erhalten. — Man hat die positiven Beobachtungen dieser Art seit Weichardt für die Erklärung der Eklampsie herangezogen und dieselbe als anaphylaktischen Shock aufgefaßt, indem man sich vorstellte, daß die Mutter durch das spezifische Placentareiweiß (Rosenau & Anderson, Weichardt. Wolff-Eisner ) oder durch fötales Serum (Lockemann & Thies) oder durch Fruchtwasser (Gozony «6: W^iesinger) sensibilisiert wird und daß dann die plötzliche Resorption größerer Mengen dieser Substanzen (Embolien von Placentargewebe nach Schmorl, Veit) schwere SjTuptome herbeiführt. Diese Vermutung suchten Gozony & Wiesinger fester zu begründen, indem sie Meerschweinchen passiv mit dem Serum eklamptischer Frauen vorbehandelten und 48 Std. später durch intraperitoneale Injektion von 6 ccm Fruchtwasser Shock, ja akuten Exitus erzeugten, während Kontrollen Fruchtwasser gut ver- trugen. Felländer und Guggisberg aber war es nicht möglich. Meerschweinchen durch Eklampsieserum für menschliches Fruchtwasser oder Placentarextrakt passiv zu präparieren; sie stellen sich daher auf den Standpunkt, daß die Eklampsie nicht als Anaphylaxie aufzufassen sei, zumal auch ihre Symptome und der pathologisch-anatomische Befund von denen der Eiweißüberempfindlich- Allergie und Anaphylaxie. 997 keit weif verschieden sind. Nach Guggisberg fehlen bei der Eklampsie sowie auch bei anderen Schwangerscliaftstoxikosen der Komplementschwund, es werden keine Präzipitine gegen fötales oder Phicentareiweiß gebildet, es läßt sich aus dem Serum Eklamptischer oder Gravider und fötalem Antigen kein Anaphylatoxin ge- winnen, kurz, es werden alle Kriterien der Anaphylaxie vermißt. Der Streit um die Aetiologie der Eklampsie ist jedoch noch keinesfalls entschieden ; über Details, auf die hier nicht eingegangen werden kann, gibt die Eklainpsieliteratur Aus- kunft (Grube & Reifferscheid, Esch, Rosenthal, Bauereisen, Franz, Freund, Liepmann, Lichtenstein, Fieux & Mauriac, Abderhalden). Milch verhält sich anaphylaktisch anders als Serumeiweiß der- selben Tierspecies, so daß die Möglichkeit bestünde, daß laktierende Tiere spontan gegen ihre eigene Milch sensibilisiert werden. In der Tat konnten Michaelis & Rona bei Hündinnen, welche wenige Wochen vorher geworfen hatten uncT deren Milchdrüse sich in Rück- bildung befand, durch Subkutaninjektion von 3 g eigenen Kaseins, oder von Menschen-, Kuh- oder Hundemilch, nicht aber von Pferde- seruni und Pepton schwere lokale Oedeme erzeugen. Friedemann bezweifelt, daß es. sich hierbei um Anaphylaxie handelt; da in der Laktationsperiode die Tendenz bestehe, Kasein zu sezernieren, so müsse jede Ueberschwemmung des Blutes mit diesem Stoffe eine stürmische Absonderung in die Brustdrüsen zur Folge haben, die leicht lokale Entzündungen bedingen kann. Uhlenhuth & Clough wollen leichte anaphylaktische Symptome gesehen* haben, wenn sie laktierenden Meerschweinchen die eigene Milch injizierten, wäh- rend Felländer das Meerschweinchen mit arteigener Milch nicht einmal aktiv zu präparieren vermochte. — Zwischen ßinderserum und Kuhmilch, Menschenserum und Frauenmilch sind aber jedenfalls, wie erwähnt, Unterschiede vorhanden, die sich im anaphylaktischen Versuch demonstrieren lassen (Besredka^, Wells i), indem das Serum immer besser gegen Serum präpariert als gegen homologe Milch und umgekehrt: durchgreifend sind sie nicht (Uhlenhuth & Haendel 2, *, Thomsen^, Graetz^), was auch verständlich wird, wenn man berück- sichtigt, daß von den drei Eiweißkörpern der Kuh- und Frauen- milch, Kasein, Globulin und Albumin, die zwei letztgenannten den korrespondierenden Proteinen des homologen Blutserums naliestehen, und daß nur das Kasein stärker abweicht d. h. für Milch spezifisch ist. Das erhellt auch aus den anaphylaktischen Versuchen mit ge- sonderten Milchproteinen z. B. dem Kaseinogen (Wells) oder allen drei Körpern (Kleinschmidt, Heüner, Bauer & Engel). Wie weit verschiedene Milcharten oder richtiger ihre Kaseine differieren, ist noch nicht ganz klargestellt. Kleinschmidt hält sie für artspezifisch und auch Rosenau & Anderson 9, Besredka, Wells fanden nur Be- ziehungen zwischen Milch resp. Kasein von Kuh, Schaf und Ziege (wo sie auch für das Blutserum bestehen), nicht aber zwischen Kuh- und Frauenmilch (Uffenheimer & Yoshiyiro), Hunde- und Kuh- milch. Die Befunde von Michaelis & Rona, Laroche, Richet & St.-Girons, sowie die Präzipitin- und Komplementablenkungsversuche (Fleischer, Bauer) würden auf eine weitergehende Aehnlichkeit schließen lassen, als sie der bloßen Artverwandtschaft des Serum- eiweißes entspricht. Da die Zellen maligner Tumoren (Carcinome, Sarkome) morpho- logisch und funktionell von den Wirtszellen erheblich abweichen, so hat man wiederholt daran gedacht, ob hier nicht auch Verschiedenheiten in der Antigen- wirkung des Eiweißes bestehen, ob sich also Tumoreiweiß nicht vom normalen Gewebs- (Serum- )Eiweiß des Tumorträgers abgrenzen läßt. Wie bekannt, haben 998 Robert Doerr, diese Bestrebungen bei der Präzipitation und Komplementablenkung nicht zu be- friedigenden Ergebnissen geführt. Nun hat man auch die Anaphylaxie heran- gezogen. Die Deutung der sich vielfach widersprechenden Versuche ist zurzeit nicht möglich; sie seien daher einfach registriert. — Ranzi^ und Maragliano bekamen "bei Meerschweinchen, die sie mit measchlichem Tumormaterial sensi- bilisierten, stets nur Anaphylaxie gegen Menscheneiweiß, aber nicht spezifische Carcinomüberempfindlichkeit. Yamanouchis'^ Angabe, daß tumortragende Mäuse gegen die intraperitoneale Injektion des arteigenen Tumors überempfindlich sind, wurde zwar von Apolant bestritten; Lewin fand aber, daß auaphylaktische Erscheinungen bei Mäusen und Ratten zwar leichter durch artfremde, bisweilen jedoch auch durch arteigene Tumorsubstanz ausgelöst werden. Ferner konsta- cierten v. Dungerx & Gorowitz, daß carcinomatöse Menschen auf die Injektion ihres eigenen Tumorgewebes, das durch Erhitzen auf 5G° C abgetötet war, mit Oedem, Rötung und "Schmerzhaftigkeit reagieren, während Gesunde sowie merk- würdigerweise auch Krebskranke, denen ein anderer als der eigene Tumor inoku- liert wurde, keine auffallenden Veränderungen der Impfstelle darboten: Ranzi und Ravexa konnten diese Beobachtung nicht bestätigen, v. Duxgerx & Coca konnten ein transplantables Feldhasensarkom bei Kaninchen nur einmal zum Wachsen bringen; die 2. Impfung ging nicht an, sondern löste eine verstärkte Lokalreaktion aus, die rasch entstand, vom S.Tage an abnahm und schnell ausheilte. Auf Ueberempfindlichkeit gegen arteigenes Tumorgewebe sind viel- leicht auch die Symptome und der akute, unter Krämpfen erfolgende Exitus zu beziehen, den Friedberger ^^ bei Mäusen sah, wenn er in die Tumormasse kk^ine Mengen irgendeiner indifferenten Flüssigkeit injizierte. — Man hat der- artige Phänomene auch vielfach zur Frühdiagnose des Carcinoms benützen wollen. So versuchten Pfeiffer & Finsterer i, - im Serum Krebskranker spezifische Antikörper gegen das hypothetische Carcinomeiweiß nachzuweisen, peraturabfall als Kriterium einer positiven Reaktion betrachten. Ranzi ^,"-, und zwar mit Hilfe des passiv anaphylaktischen Versuches, wobei sie den Tem- Elias, Isaja bestritten Resultate und Methode, besonders die spezifische Be- deutung des Temperatursturzes, den auch Donati und Kelling nicht für ein zuverlässiges, absolut charakteristisches Zeichen spezifischer Ueberempfindlich- keit halten, obwohl sie mit Pfeiffer in manchen Punkten übereinstimmen. Livierato-, 3 präparierte Meerschweinchen mit wässerigen Extrakten vonMamma- carcinom und fand sie nach 1 — 10 Tagen überempfindlich gegen die subdurale Probe mit dem Magensaft von Patienten, die ein Magencarcinom hatten; normaler Magensaft oder solcher von Krebskrauken, deren Tumor an anderer Körperstelle saß, war wirkungslos. Livierato führt die Erscheinung auf Sekretionsprodukte des Tumors und Zellen desselben zurück, die dem Magensaft seine Fähigkeit verleihen. Diese Befunde stehen vielleicht mit der Entdeckung von Maragliano in Konnex, daß der Magensaft Carcinomkranker ein besonderes Präzipitinogen enthält, welches vom Serumeiweiß des Menschen abweicht und auch im Magen- saft Nichtcarcinomatöser fehlt. — Sehr eigentümlich sind die Experimente von Ransohoff, der angibt, daß Meerschweinchen mit Xormalserum präpariert und intraperitoneal reinjiziert bedeutend stärker reagieren, als wenn man Carcinom- serum oder Krebsascites verwendet. Augenlinsen- und Carcinomeiweiß sind different (Kraus ^. Uhlenhutii ä Weidanz^). C h e m i s c h - p h y s i k a 1 i s c h e Eigenschaften der a n a p li y 1 a ]v - tischen Antigene. Alle Substrate, welche anaphylaktogen wirken, d. h. eine em- pfindliche Tierspecies (Meerschweinchen) sensibilisieren und bei der Reinjektion die für Anaphylaxie charakteristischen Erscheinungen hervorrufen, enthalten relativ hochmolekulare Eiweißkörper. Daß in solchen Substraten das Eiweißmolekül selbst als anaphy laktischesAntigen fungiert, ergeben die Experi- mente mit reinen oder doch weitgehend gereinigten Eiweißpräpa- raten, wie sie mit kristallisiertem Hämoglobin (Oluf, Thomsen, H. Pfeiffer), mit kristallisiertem und durch Umkristallisieren ge- reinigtem Ovalbumin (Wells i, Armit), Kaseinogen (Wells 2), na- mentlich aber mit vegetabilischen Proteinen (Wells & Osborne) aus- Allergie und Anaphylaxie. 999 geführt wurden, die wegen ihrer leichten Kristallisierbarkeit, zum Teil auch wegen ihrer AlkohoUöslichkeit so weit von Beimengungen befreit werden können, daß sie als chemisch einheitliche Substanzen gelten dürfen. Es zeigte sich, daß Proben von Edestin und Exzcl- sin*), die bei der mikroskopischen Untersuchung nur mehr aus Kristallen bestanden und keine amorphen Beimengungen erkennen ließen, bei Meerschweinchen nicht nur Anaphylaxie hervorriefen und typischen Shock auslösten, sondern daß die Dosis sensibilisans minima so gering war (0,000 0001—0,000 0005 g), daß wohl nur die Eiweiß- verbindung selbst als Träger der beobachteten Effekte angesehen werden konnte. Aehnliche Ziffern erhielt man, wie bereits erwähnt, auch für tierische Eiweißkörper (kristallisiertes Ovalbumin, artfremde Sera als Trockensubstanz berechnet). Besonders wichtig ist aber in diesem Sinne die Tatsache, daß die gereinigten Eiweißsubstanzen in anaphylaktogener Beziehung nicht schwächer wirken als die Menge des rohen Ausgangsmaterial, welches zu ihrer Darstellung diente, daß also die Reinigung des Eiweißkörpers mit einer Reinigung des anaphylaktischen Antigens Hand in Hand geht. Ja, man hat sogar beobachtet, dal^ die reinen Präparate die anaphylakto- genen Effekte aliquoter Mengen Rohprodukt nicht unerheblich übertreffen; viel- leicht enthält daher das letztere anaphylaxie-henimende Stoffe (Wells) oder die Antigene finden sich in ihm in einem (chemischen oder physikalischen) Zu- stand, der ihre Wirksamkeit reduziert. So gab z. B. gereingtes Kasein im ana- phylaktischen Versuch bessere Kesultate als ein entsprechendes Quantum Kuh- milch (Wells-) und ebenso verhalten sich nach Cabannes Protei'nfraktionen, gewonnen durch Fällung mit Ammonsulfat, zu nativem Serum. Für rohes Eiereiweiß (Trockensubstanz) betrug die kleinste sensibilisierende Dosis liundert- mal mehr als für kristallisiertes Ovalbumin und die kleinste letale shockauslösende Menge war fünfmal größer, trotzdem das kristallisierbare Albumin die Hälfte von rohem, trockenem Eiereiweiß bildet. Dabei kommt noch in Betracht, daß im Eiereiweiß noch drei andere anaphylaktische Antigene existieren, von denen sich zwei, das Globulin und das Ovomukoid, sogar chemisch abscheiden lassen. (Wells-). Auch die Milch enthält außer Kasein noch andere Anaphylaktogene (Heuner, Kleinschmidt). Anaphylaktische Antigene, die nicht in die Gruppe der Eiweiß- körper gehören würden, sind nicht bekannt; es gelang bisher in keinem Falle, mit solchen Stoffen typische aktive und passive Ana- phylaxie zu erzeugen. Ueber chemisch definierte Substanzen und Kristalloide findet sich das Wichtigste im einleitenden Kapitel,, Allergie" ; ergänzend sei auf die nega- tiven Ergebnisse von Rilhet^o mit Emetin, Kokain und Apomorphin verwiesen. Abelous & Bardier extrahierten aus menschlichem Harn einen wasser- löslichen, durch Ammonsulfat fällbaren, nicht dialysierenden Stoff, also ein Kolloid, welches sie U rohy potensin nennen, weil es den Blutdruck in be- stimmter Dosis herabsetzt; Hunde und Kaninchen werden durch wiederholte Injektionen überempfindlich, reagieren schon auf kleinere Dosen, doch sagen Abelous & Bardier nichts über den Nachweis der Antikörperproduktion durch die passive Uebertragung des hypersensiblen Zustandes; sie geben ferner an, daß sich Tiere gegen dieses toxische Harnkolloid auch immunisieren lassen, und daß *) Nach Abderhalden enthält das Edestin und ähnliche kristallisierte Pflanzenglobuline NaCl, welches sich bei Erhaltung der kristallinischen Form nicht vollständig absondern läßt. Es scheint also in ähnlicher Weise wie das Ammoniumsulfat bei Ovalbumin und Serumalbumln (Mörner) die Kristallisier- barkeit zu bedingen, welche den Eiweißkörpern als solchen abgeht. Für die gezogenen Schlüsse kommt dieper Gehalt an Kochsalz nicht in Betracht, da sie sich bloß auf die chemische Einheitlichkeit stützen und auch dann gelten, wenn das Edestin von Wells & Osborne z. B. als Chlorid anzusehen wäre. 1000 Robert Doerr, das Serum derselben spezifische giftneutralisierende antitoxische Eigenschaften besitzt, wodurch das Urohypotensin als Anaphylaktogen einigermaßen zweifel- haft wird. Lipoide, die man aus anaphylaktogenen Substanzen wie Serum, Eidotter, Bakterien etc. durch Extraktion mit Alkohol. Aether oder anderen Fettsolventien herstellt, vermögen keine aktive spezifische Anaphylaxie hervorzurufen, welche durch Reinjektion des zur Vorbehandlung benützten Materials ausgelöst werden kann (Sleeswijk, Gay & Adler, Vaughan & Wheeler, Belonowski, Menard, Xicolle & Abt). Gegenteilige Behauptungen beruhen meist auf Ver- unreinigungen der verwendeten „Lipoide" mit Eiweißspuren; in solchen Fällen findet man immer die Angabe, daß das vermeintliche Lipoid nicht oder nur schwach gegen sich selbst sensibilisiert, wohl aber gegen das zu seiner Darstellung benützte Ausgangsmaterial (Bogomolez), was sich aus der Differenz der sensibilisierenden und shockauslösenden Antigendosis zwanglos erklärt (DoERR*). In diesem Sinne sprechen auch die zu praktischen Zwecken von Uhlexhüth & Haexdel^ angestellten Versuche mit rohen Oelen und Fetten, bei denen sich herausstellte, daß die mit Rüböl, Leinöl, Kokosbutter, ^Mandelöl präparierten Meerschweinchen nicht reagierten, wenn sie mit diesen Stoffen, wohl aber, wenn sie mit dem Eiweiß der Pflanzenteile reinjiziert Avurdeu, von denen die Fette stammten. Aehnlich verhielten sich Butter und andere animalische Fette. Pick & Yamanouchi^ präparierten Kaninchen mit den alkohollöslichen Teilen von Blutseren, machten mit ihrem Serum andere Kaninchen passiv anaphylaktisch, und erhielten bei diesen durch Reinjektion der Lipoide in vereinzelten Fällen Symptome; am Meerschweinchen (dem empfindlicheren Versuchstier) ließen sich aber diese Resultate nicht bestätigen, indem Gay & Adler diese Species nur mit ungereinigten, nicht aber mit ge- reinigten Aetherextrakten aus Pferdeserum sensibilisieren konnten. Bogomolez^, ^ sensibilisierte Meerschweinchen mit lipoiden Dotterextrakten (95-proz. Alkohol, der eingedampfte alkoholische Auszug extrahiert mit wasserfreiem Aether); 50 Tage später reagierten die Tiere zwar nicht auf den Fettextrakt, wohl aber auf unverändertes Eigelb, was nach den obigen Auseinandersetzungen wohl zu verstehen wäre. Bogomolez fand aber später, daß entfetteter Dotter gegen natives Eigelb fast nie sensibilisiert und schließt daraus, daß das Eiweiß durch die Behandlung mit Alkohol, Aether etc. koaguliert und unwirksam wird, daß daher auch die sensibilisierende Komponente der Lipoidfraktion nicht bloßes Eiweiß sein könne, sondern vielleicht eine Verbindung des Xukleoproteides Ovo- vitellin mit Lecithin (Bogomolez). Dann wären natürlich nicht die Lipoide das sensibilisierende Prinzip: Landsteixer denkt ebenfalls, um die (au Zahl geringen) positiven Versuche von Bogomolez zu erklären, daran, daß Eiweiß- spuren in Verbindung mit Lipoiden der denaturierenden Einwirkung der Extrak- tionsflüssigkeiten entgehen können und dann ausreichen, um gegen das Aus- gangsmaterial anaphylaktisch zu machen. Experimente mit Kohlehydraten (Leber- und Muskelglykogen) ergaben negative Resultate (Doerr & Russ); Citron 1 und Friedberg sahen zwar bei der Reinjektion stickstoffreien Glyko- gens anaphylaxieähnliche Erscheinungen, wollen sich aber nicht mit Bestimmt- heit über die anaphylaktogene Wirkung dieses Körpers aussprechen. Nach ihren chemisch-physikalischen Eigenschaften rangieren die Anaphylaktogene in verschiedene Kategorien der Eiweißstoffe. Man kennt anaphylaktisch wirkende Globuline (Serumglobuline, Milch- globuline. Globulin aus Eiereiweiß [Wells 2], Pflanzen2:lobuline [Wells & Osborxe]), Albumine (Laktalbumin, kristallisables Ov- albumin), Nukleoalbumine (Kasein, Ovovitellin, Antigene der Erythrocytenstromata, verschiedener Organzellen, das von Wells ^ dargestellte Albumin aus Dorschsperma), Hämoglobine, Glyko- Proteide (Mucin aus Schweiaemagen Wells^' , Ovomukoid [ Wells^ j , Amyloid, welches allerdings noch fraglich ist), Nukleoproteide (aus Organen und Bakterien [Guerrixi]) ; vielleicht sind auch die Keratine anaphylaktogen (Versuche mit ektodermalen Horngebilden). Im Blutserum haften die Anaphylaktogene an den Globulinen (de Waele^, Rosexau & AndersoxIi, Pick & Yamaxouchi^, Doerr &Rüssi, Bruynoghe, Turro & Gonzalez 2, Levi & Vida). Doerr & Russ zeigten, daß die Eiweißfraktion, welche bei 1/3 Sättigung von Allergie und Anaphylaxie. lOOl Pferde- oder Rinderseriim mit Aminonsulfat ausfällt, am besten sensi- bilisiert und auf vorbeliandelte Meerschweinchen am stärksten wirkt; setzt man dem bei der ersten Präzipitation erhaltenen Filtrat neuer- lich Ammonsulfat bis zur Halbsättigung zu, filtriert, präzipitiert neuer- lich bei 3/^ Stättigung, so werden Eiweißkörper erhalten, deren Sensi- bilisierungsvermögen und shockauslösende Effekte sukzessive und ganz parallel abnehmen. Die letzte bei Ganzsaturation präzipitierte Frak- tion (Albumin) war in Mengen von 4 ccm (auf Vollserum berechnet) unfähig, Erscheinungen beim anaphylaktischen Meerschweinchen aus- zulösen und sensibilisierte in der Dosis von 0,1 ccm nicht mehr. Es war das auch ein neues Argument für die Auffassung, daß Sensi- bilisierungsvermögen und shockauslösende Wirkung ein und derselben antigenen Substanz zukommen, da es durch Fraktionieren von Serum- eiweiß (entgegen den Angaben von Gay & Adler) ebensowenig möglich war, eine Trennung beider ,, Eigenschaften" herbeizuführen, wie durch Erhitzen. — Fällt man Rinderserum mit COg, so wirkt der erhaltene Niederschlag weniger intensiv als die bei ^/g Sättigung mit Ammonsulfat resultierende Fraktion, er präpariert in Mengen von 0,0001 ccm und tötet mit 0,01 Vollserum sensibilisierte Meer- schweinchen nach 14-tägigem Intervall erst in der Dosis von 1,0 ccm akut (Doerr & Russ^, Doerr & Raubitschek). Auch beim Pferdeserum herrschen ähnliche Verhältnisse (Levi & Vida). Durch CO2 wird demnach das anaphylaktische Antigen nur zum Teil prä- zipitiert, vielleicht auch nur partiell und passiv mitgerissen ; jedenfalls stehen auch hier präparierende und auslösende Kraft in strenger Uebereinstimmung (Doerr & Russ). Da die Komplemente des Nonnalserums und die Ambozeptoren der Emmun- sera an dem artspezifischen Eiweiß des Serums und zwar größtenteils an den Globulinen haften, so haben die Angaben von Moreschi & Perussia über „anaphylaktogene Eigenschaften von Komplement und Ambozeptor" nichts Meric- würdiges an sich. Meerschweinchen, die man mit sensibilisierten und mit Pferde- komplement beladenen Erythrocyten behandelt, werden gegen Pferdeeiweiß über- empfindlich, ebenso wie gegen das Eiweiß des Ambozeptorserums. Diese Ver- suche erinnern an die Experimente mit adsorbierten Anaphylaktogenen (s. S. 987). Im Eiweiß des Hühnereies koexistieren drei Anaphylaktogene, welche von- einander verschieden sind und durch chemische Methoden (Fällung mit Ammon- sulfat) substanziell getrennt werden können: das kristallisable Övalbumin, das Globulin und das OvomukoTd. Dazu kommt als 4. ein Stoff, der aber von den besonderen Antigenen der zwei erstgenannten Fraktionen durch Ammonsulfat nicht abgesondert werden kann und seine Anwesenheit nur im Tierversuch ver- rät. Eidotter enthält das Ovovitellin, das wieder eine besondere Spezifität besitzt (Wells 2). In den bisher geprüften Milcharten fand man Globulin, Albumin und Kasein (Wells 2, Heuner, Kleinschmidt); sie sind in anaphylaktischcr Hin- sicht nicht miteinander identisch und können auch chemisch getrennt werden. Für die Chemie der anaphylaktogenen Pflanzenproteine kommen die Versuche mit Bakterien (s. Bakterienanaphylaxie), Hefezellen (RosENAU & Anderson 9, Baroni & Ceaparu, Beurmann & Gougerot), Schimmelpilzen (Knox, ]\Ioss & Brown, Lombardo), mit Extrakten aus Samen und Keimlingen höherer Pflanzen (Raubitschek 1, Uhlen- HUTH & HaENDEl2, KaRASAWA, FuKUHARA 2, AzUMA, ScHERnI, Ij^q. MATA, Wendelstadt & Fellmer, Uhlenhuth & Weidanz), besonders aber die Arbeiten von Wells, Wells & Osborne über vegetabilische Eiweißstoffe von hohem Reinheitsgrade in Betracht. Zusammen- fassend läßt sich sagen, daß die vegetabilischen Anaphylaktogene meist zu den hitzekoagulablen Globulinen oder Albuminen gehören ; 1002 Robert Doerr, die Anaphylaktogene der pflanzlichen Mikroorganismen sind Nukleo- proteide (Guerrini), zum Teil vielleicht auch niedere Eiweißstoffe vom Charakter der Albumosen, Peptone oder gar der Polypeptide (wozu das von Löwenstein & E. P. Pick auf eiweißfreien Nähr- böden dargestellte Tuberkulin zählen würde, falls man die Tuber- kulinüberempfindlichkeit als Anaphylaxie bezeichnen darf). Ob auch in den Samen höherer Pflanzen (Weizen, Roggen, Reis, Bohnen, Erbsen, Linsen, Wicken) anaphylaktogene Albumosen oder Peptone vorkommen, ist höchst fraglich, mit Rücksicht auf die Angaben über präzipitinogene, durch Hitze nicht koagulable Eiweißkörper in solchen Materialien aber immerhin möglich. Weitere Details lieferten Wells & Osborne. Sie studierten die Globuline aus deu Samen von Ricinus communis, Linum usitatissimum, Cucurbita maxima, die Proteine aus den Samen von Cannabis sativa (Edestiu), Bertholletia excelsa (Exzelsin), Cocos nucifera, Pisura sativum (Legumin und Vicilin), Vicia sativa (Legumin), Vigna sinensis (Vignin), Soja hispida (Giycinin), Triticum vulgare (Giiadin), Secaie cereale, Hordeum vulgare (Hordein) und Zea mays (Zein). Meerscbweinchen ließen sich mit diesen Stoffen sensibilisieren unter der Voraus- setzung, daß der betreffende Körper nicht in dem gewöhnlichen Futter der Tiere enthalten war, da sonst keine Anaphylaxie durch parenterale Zufuhr er- reicht werden konnte. Manche der genannten Proteine waren leicht kristallisier- bar (Globuline aus Ricinus-, Flachs- und Kürbissamen, das Edestin aus Hanf- samen, das Exzelsin aus der Paranuß), einzelne alkohollöslich (Gliadine aus Weizen und Roggen, Hordei'n, Zein). Die minhnale sensibilisierende Dosis war bei allen Proteinen annähernd gleich und stimmte mit der von kristallisiertem Eier- eiweiß überein. Die kleinsten Mengen, welche bei der (intraperitonealen) Re- injektion deutliche Reaktion hervorriefen und besonders die tödlichen Minimal- dosen differierten dagegen erheblich, sowohl untereinander, als noch mehr gegen- über tierischen Proteinen, und zwar waren sie wesentlich höher als bei letzteren. Edestin rief bei vorbehandelten Meerschweinchen erst in Mengen von 30 — 40 mg schwere Symptome hervor, von Ovalbumin wirkt ein halbes Milligramm tödlich; dieser Widerspruch gegen die Identität der sensibilisierenden und shockauslösen- den Funktion der Antigene erklärt sich jedoch durch die verschiedene und schwere Löslichkeit der Pflanzenproteine in den Körpersäften, die zwar nicht für die Präparierung, wohl aber für die Probe (bes. vom Peritoneum) ins Gewicht fällt. Bei den Pflanzenproteinen, deren Chemie durch Osborne genauer bekannt wurde, ließen sich auch Aufschlüsse über die Frage ge- winnen, inwieweit eine verschiedene chemische Konstitution Ver- schiedenheit der Anaphylaktogene bedingt, und ob eine gleiche oder ähnliche Zusammensetzung zur totalen oder partiellen Identität der biologischen Eigenschaften führt. Durchgreifende Gesetzmäßigkeiten ließen sich freilich nicht eruieren. Die Pflanzenproteine erwiesen sich im allgemeinen als spezifisch. Legumine aus Erbsen und Wicken, sowie die Gliadine aus Roggen und Weizen waren im anaphylak- tischen Versuch nahe verwandt, wenn nicht identisch ; sie hatten auch sonst gleiche Eigenschaften und lieferten bei der Hydrolyse dieselben Abbauprodukte in den nämlichen Proportionen. Vignin und Legumin aus Wicken gaben gleichfalls Gruppenreaktionen ; sie sind zwar äußerlich und chemisch sehr ähnlich, aber nicht völlig identisch. Andererseits waren chemisch* nahestehende Stoffe wie die verschie- denen kristallisierten Globuline oder die alkohollöslichen Proteine aus Weizen, Hafer und Mais in anaphylaktischer Hinsicht total different. Nichtsdestoweniger neigt Wells doch der Ansicht zu, daß die Ver- wandtschaftsreaktionen mehr durch den chemischen Aufbau der Eiweißkörper als durch die biologischen Beziehungen der Samen, d. h. durch die Stellung ihrer Mutterpflanzen im natürlichen System bestimmt werden, ähnlich wie das Krusius für das Eiweiß der Allergie und Anaphylaxie. 1003 Kristallinsen und die ektodermalen Horngebilde verschiedener Tiere behauptet. Auch in der Tatsache, daß im Hühnerei 5 verschiedene Anaphylaktogene nachweisbar sind, sieht Wells einen Beweis dafür, daß die Spezifität unabhängig von der Artprovenienz chemisch be- gründet sein kann; dafür sprechen ja auch die Erfahrungen über Organspezifität, sowie die gleich zu besprechenden Phänomene der konstitutiven Spezifität (Obermayer & Pick). Die Anaphylaktogene sind nur als Eiweißhydrosole biologisch akiiv. Die große Zahl kristallisierbarer Antigene widerspricht diesem Satze nicht, da sie alle, namentlich um beim sensibilisierten Tiere Shock auszulösen, in kolloidaler Porm gelöst werden müssen ; prä- parieren könnte man natürlich auch durch parenterale Einbringung der Kristalle, da in diesem Falle die Körpersäfte die kolloidale Lösung hinreichend rasch bewerkstelligen. Meist wirken nur intakte native Proteine anaphylaktogen. Physikalische Einwirkungen, welche sie so verändern, daß sie ihre Löslichkeit und Koagulabilität verlieren, in einen irreversiblen Gelzustand übergehen, oder chemische Prozeduren, welche einen Abbau, eine Aufspaltung in Bausteine einleiten, ver- nichten die anaphylaktisierenden Fähigkeiten meist vollständig ("WELLb^, DoERR^, Armit) ; doch vollziehen sich diese Denatu- rierungsvorgänge nicht an allen Molekülen einer Probe gleichzeitig, so daß es zunächst zu einer quantitativen, allmählich fortschreitenden Abschwächung kommt. Hiezu gehört vor allem das Erhitzen, worüber Versuche von RosEXAU & Anderson 9, Besredka*^, Doerr & Russ^, ^, Kraus & Volk 1,3, Arthus^, Uhlenhuth, Gay & Adler, AVells^, Pichet u.a. vorliegen. Sie wurden meist mit artfremdem Serum angestellt, welches man zur Verhinderung einer grobflockigen Gerinnung auf das 4-faclie Volum mit Aq. dest. verdünnte. Doerr & Russ^ wiesen durch ihre quantitative Methodik nach, daß das Erhitzen auf 60 — 80 ^ das ana- phylaktische Antigen d. h. das Sensibilisierungsvermögen und die shockauslösende Wirkung quantitativ reduziert, indem beide Fähig- keiten gleichmäßig herabgesetzt erscheinen; bei 90 — 100 ^ werden die Antigenreste so gering, daJj 0,01 ccm nicht mehr sensibilisiert und 5 — 10 ccm keinen Shock beim allergischen Meerschweinchen bedingen. Ganz vernichtet ist aber das Antigen auch bei diesen Temperaturen nicht (das geschieht erst bei sehr hohen Graden), weil große Mengen noch immer präparieren, wenn sie auch nicht mehr auf anaphylak- tische Tiere wirken (Besredka, Kraus & Volk, Arthus, Uiii.ex- HUTH, RosENAUil' Anderson). Wells zeigte, daß die Abschwächung und schließliche Zerstörung des Antigens durch Hitze auf Gerinnung beruht; das Verdünnen mit Aq. dest. hebt die Koagulierbarkeit nicht auf, die Sera werden beim Erhitzen milchig, opaleszent und enthalten mikroskopisch das Eiweiß in körniger, ge- ronnener Form. In dieser Modifikation kann es nicht mehr antigen wirken, da es im Körper nicht aufgelöst, sondern intracellulär oder humora! zu nicht antigenen Spaltprodukten abgebaut wird. Daß selbst stark erhitzte (100 o C durch 45') Eiweißlösungen in großen Quantitäten doch noch aktiv sensibilisieren, erklärt Wells damit, daß vielleicht minimale Proteinmengen der Koagulation durch par- tielle Hydrolyse entschlüpfen, oder daß eine Spur des koagulierten Materials von Leukocyten aufgelöst, aber nicht abgebaut wird, so daß sie ins Blut gelangend noch als Antigen fungiert. — Der Einfluß der 1004 ROBEKT DOEUK, Gerinnung bei der Erhitzung ergibt sich übrigens auch aus einer Reihe anderer Erfahrungen. Trockenes Serum, trockenes Eiereivveiß u. dgl. kann bekanntlich ohne Verlust der Löslichkeit und Koagulier- barkeit stark (auf 130 — ITO^) erhitzt werden; es büßt dabei auch die anaphylaktisierende Wirkung nicht ein, solange nicht etwa die organische Substanz verbrennt (Rosenau & Anderson i^, Kraus & VolkI). Säuert man Eiweißlösungen mit Acid. acetic. an, so wird die Hitzegerinnung beschleunigt und dementsprechend das Antigen rascher geschädigt als im nicht angesäuerten Zustande. ^lilchkasein gerinnt beim Erhitzen nicht, wenn die Reaktion der Milch alkalisch ist ; daher verliert die Milch ihre allergisierende Fähigkeit auch bei längerem Erwärmen auf 100 ^ C nicht (Besredka^, Arthüs, Uhlen- HUTH & Haendel^, Wells); erhitzt man aber saure, geronnene Milch 30' auf 100 o, so ist sie für spezifisch vorbehandelte Aleer- schweinchen ungefährlich (Wells). — • Serumeiweiß bleibt nach Al- koholfällung noch einige Zeit wasserlöslich, Eiereiweiß nicht. Trock- net man die Präzipitate, so erweist sich das lösliche Serumeiweiß fähig, anaphylaktischen Shock bei vorbehandelten Tieren zu provo- zieren, das unlösliche, bloß emulgierbare Eiereiweiß nicht (Wells). — Ovomukoid kann durch Kochen nicht koaguliert werden und bleibt nach der Präzipitation durch Alkohol löslich; seine anaphylaktischen Eigenschaften werden selbst durch Wiederholung dieser Eingriffe nicht tangiert (Wells 2). Aehnlich wie das Erhitzen wirkt das Ozonisieren (Segale), das Osmieren (Busson) und die Bestrahlung durch intensives ultraviolettes Licht. Zu letzterem Zwecke erweist es sich als erforderlich, daß man die Eiweißlösungen mit physiologischer NaCl- Lösung verdünnt (da Kolloidsuspensionen eine sehr geringe Durch- lässigkeit für Ultrastrahlen besitzen [Nogier] ), daß man in Quarz- gefäßen exponiert und den Einfluß der Wärme völlig eliminiert. Sensibilisierungsvermögen und shockauslösende Wirkung nehmen pro- portional der Bestrahlungsdauer und der Diluition, umgekehrt pro- portional der Distanz von der Lichtquelle ab (Baroni & Jonescu- MiHAiESTii, 3) und zwar gleichmäßig (Doerr & Moldovan^), nur daß sich die Abnahme der zweitgenannten Fähigkeit bei nicht quantita- tiver Versuchsanordnung deutlicher markiert, als die der ersten, wie das für alle das Antigen sukzessive zerstörenden Faktoren (Er- hitzen, Ozonisieren, Osmieren, peptischer oder tryptischer Abbau) gilt : alle daraus abgeleiteten Schlüsse auf die Dualität der ,, prä- parierenden" und ,, toxischen Substanz" sind irrig (Doerr^). Die Wirkung der Ultrastrahlen beruht auf einem Gerinnungsprozeß, der unter deutlicher Säurebildung verläuft. Verdünnt man Pferdeserum 10 — 20000-fach mit NaCl und belichtet, so genügt eine minimale Bestrahlungsdauer (wenige Sekunden), um das Sensibilisinogcn zu vernichten, eine Tatsache, welche die keimtötende Wirkung ultra- violetten Lichtes als eine Folge tiefgreifender und schneller Eiweiß- Zersetzung bei genügender Kleinheit der belichteten Zellen erscheinen läßt (DoERR & Moldovan*, nicht publizierte Versuche). Besredka hat behauptet, daß frisches Pferdeserum stärker auf präparierte Meerschweinchen wirkt als 30 Tage altes. Danach würde also eine lauge, be- sonders eine mehrmonatliche oder mehrjährige Lagerung eine Ab- schwächung des anaphylaktischen Antigens im artfremden Serum zur Folge haben, die auf autoiytische Vorgänge bezogen werden könnte. Auch heißt es allgemein, daß frische Heilsera bei gleicher Dosis häufiger Serumkrankheit Allergie und Anaphylaxie. 1005 hervorrufen als 2 — 3 Monate lang konservierte (Bujvvid), was vielleicht auch auf eine größere Menge oder Aktivität des Antigens zu beziehen wäre. Rosexau & AxDERSOX ä konnten jedoch die Angaben von Besredka bei genauer Nach- prüfung nicht bestätigen. Auch bei der Verdauung findet durch allmählichen Abbau eine progrediente Abnahme von koagulablem Eiweiß und dementsprechend eine fortschreitende quantitative Reduktion des Antigens statt. Wells 2 stellte ein alkalisches Geraisch von Rinderserum und Trypsin her, dessen gesamter N zu 90 Proz. durch Hitze fällbar war, hielt es mit CHClj bei 37° C und entnahm nach 10, 21, 59 und 120 Tagen Proben, die er auf ihren Gehalt an koagulablem N, auf ihr Sensibilisierungsvermögen und auf die shockauslösende Wirkung prüfte. Alle drei Qualitäten sanken parallel, nacli 10 Tagen waren nur noch 22,7 Proz. X fällbar und die ., Toxizität'" merklich ge- mindert, nach 21 Tagen (8 Proz. N koagulabel) betrug die Dosis sensibilisans minima 0,004 ccm gegen 0,00001 des ursprünglichen Gemisches, die ,,To.x;izitäf' ließ sich kaum nachweisen, nach 59 Tagen (4,7 Proz. N fällbar) war die kleinste präparierende Dosis schon 0,02 ccm, die ,, Toxizität" völlig geschwunden, nach 129 Tagen (2,5 Proz. N fällbar) sensibilisierte nur mehr 0,1 ccm. Aber auch nach 16 Monaten waren noch Spuren von koagulablem Eiweiß und ein gewisses Präparierungsvermögen bei Anwendung eines ganzen Kubikzentimeters vor- handen ; nach zweijähriger Verdauung sensibilisierten nur noch 6 ccm, nach 3 Jahren waren erst 10 ccm imstande, ein Meerschweinchen in minimalem Grade anaphylaktisch zu machen. — Diese große Resistenz ist darin begründet, daß im Serum und in den Geweben Globuline die aktiven Körper bilden, die der tryptischen Verdauung bekanntlich gut widerstehen; das Eieralb um in wird rascher abgebaut (Wells, Lesne & Dreyfus^J, während Toxalbumine (Aktino- kongestin ) wieder weniger leicht angegriffen werden (Lesxe & Dreyfl's^i. Pepsin-HCl- Verdauung zerstört das sensibilisierende und shockauslösende Vermögen von Eieralbuniin sehr langsam, wobei ersteres noch in Spuren besteht, wenn koagulables Eiweiß nicht mehr nachgewiesen werden kann (Wells). In ähnlich langsamer Art erfolgt der Abbau durch Autolyse. Versetzt man Placentargewebe mit dem 5-fachen Volum Wasser und läßt es durch 2 Jahre unter Toluol bei Zimmertemperatur stehen, so enthält jeder Kubikzentimeter der überstehenden Flüssigkeit noch immer 10 mg koagulables Protein ; daher hat letztere auch ihre anaphylaktogenen Fähigkeiten bewahrt und die Artspezifität des Antigens scheint in keiner Weise verändert (Wells ). Diese Tatsachen lassen bereits den Schluß zu, daß auch ein schwacher Abbau des nativen Eiweißes zu verhältnismäßig noch hochmolekularen Spaltprodukten das Anaphylaktogen vernichtet. In der Tat ist es bisher meist nicht gelungen, mit Eiweißbausteinen oder Eiweißderivaten Anaphylaxie zu erzeugen. Einwandfreie negative Resultate (am Meerschweinchen) liegen über folgende Substanzen und Präparate vor: Leucin und Tyrosin (Rosexau & Axdersox, Graetz), Glykokoll, d-Alanin, l-Alanin, dl- Alanin (Weichardt & Abder- HALDEx), Polypeptide, die synthetisch darstellbar sind, wie Glycyl-l-ty rosin, dl- Leucyl-glycin oder das Pentapeptid l-Leucyl-triglycyl-glycin (Aijderhaldex &' KÄ.Aj'pf). Gelatine (Vaughax, Wells k nukleinsaures Natron (Wells ), Witte- peptou (Wells 2, JDoerr* & Riss, WerbitzkiI), Seidenpepton (Doerr & Ruys) ; ferner über Spaltprodukte, die bei der tryptischen oder peptischen Ver- dauung von Eiereiweiß entstehen und die man nach den gewöhnlichen Methoden isoliert, wie Albumosen, Peptone, Polypeptide, kristallisierbare Aminosäuren (Wells). Nach Zlxz wirken manche Deuteroalbumosen, ferner Thioalbumose und andere sekundäre Proteosen, die man aus Rinder- oder Pferdefibrin durch Pepsin-HCl-Verdauung gewinnt, das Fibrinpepsinpepton ß von Siegfried sowie abiurete Substanzgemenge (aus Fibrin durch kombinierte Pepsin-Trypsin-Erepsin- Verdaiiung dargestellt) nicht anaphylaktogen. Die positiven Kaninchenexperi- mente mit Gelatine und Peptonen (Arthus^, Pick & Yamaxolchi 2) können gegenüber den negativen am Meerschweinchen kaum als beweiskräftig angesehen werden; eigene Versuche mit Wittepepton am Kaninchen hatten zudem keinen Erfolg. Abderhalden & K.ämpf erzielten durch Vorbehandlung und Reinjektion mit dem Dekapeptid 1-Leucyl-oktaglycyl-glycin und mir 1-Leucyl- triglycyl-leucyl- oktaglycyl-l-leucin beim Meerschweinchen ein Absinken der Körpertenijjeratur 1006 Robert Doerr, um 3 — 5° C, was aber kaum genügen dürfte, um diese Stoffe als synthetisch darstellbare Antigene, speziell Anaphylaktogene zu bezeichnen (vgl. S. 1071). DaiJ aber zwischen dem intakten Eiweißmolekül und den immer- hin noch hochmolekularen Abbauprodukten vom Charakter der „sekun- dären" Albumosen doch auch Stadien möglich sind, welche Antigen- charakter besitzen, scheint aus Versuchen von E. Zuxz und aus ge- wissen Beobachtungen von "Wells hervorzugehen. E. ZuNZ gewann durch Pepsinverdauung von Rinderfibrin und weitere Behandlung der D igest ionsgemisc he nach den ^lethoden von Adler, IIaslam, E. P. Pick „primäre Albumosen", welche Meerschweinchen und Kaninchen zu sensibilisieren vermochten. Es waren das die Heteroalbumosen von Adler. HASLAiJ & Pick, die Protoalbumosen a und ß von Haslam, die Protoalbumosen von Adler und Pick und die Synalbumose (Glykalbumose) von Pick; diese Körper oder Substanzgemenge präparierten aber die Tiere nicht nur gegen das zur Vorbehandlung benützte Präparat, sondern auch gegen andere Albumosen aus demselben Ausgangsmaterial, gegen das zur Erzeugung verwendete artfremde Serum oder ein daraus hergestelltes Acidalbuniin. Synalbumose hatte nur prä- parierende Fähigkeit, löste aber keinen Shock aus. Die Dosis sensibilisans be- trug 0,001—0,0015 g pro 100 g Tier, die shockauslösende Menge 0,005—0,01 g; die Effekte waren sehr schwankend, der Tod erfolgte nur ausnahmsweise akut, gewöhnlich erst nach 12 — 24 Stunden. Auch wenn die mit Albumosen prä- parierten Tiere mit dem Ausgangsserum reinjiziert wurden, waren die Folgen nicht intensiver, allerdings auch nicht schwächer; wohl aber gewann ZuNZ den Eindruck, daß eine bestimmte Proteose gegen sich selbst besser anaphylaktisiert als gegen eine andere der gleichen Artprovenienz. Nach Wells scheint tryptisch angedautes Rinderserum auf gleichartig vor- behandelte Meerschweinchen intensiver zu wirken, als auf solche, die mit nativem Rinderserum präpariert wurden. Da die anaphylaktisierenden ., primären" Albumosen zumindest in physikalischer Beziehung (Verlust der Hitzekoagulabilität, Alkohol- löslichkeit bei Protoalbumosen ) von den nativen Proteinen erheblich abweichen, so sind die Befunde von Zuxz sicherlich von Bedeutung. Es wäre nur zu erinnern, daß derartige Eigenschaften auch bei nativen Anaphylaktogenen (Ovomukoid. Pflanzen- und Bakterien- proteine) vorkommen, und daß bei Zuxz sowohl wie bei AVells, Pick & Yamaxouchi die Artspezifität des Ausgangsproteins stets gewahrt blieb. Nie präparierte z. B. tryptisch angedautes Rinderserum gegen gleichartig verändertes Pferdeserum oder Eiereiweiß ; das zeigte sich auch bei der Autolyse. Die sensibilisierende und shockauslösende Kraft der primären Albumosen von E. Zuxz scheint erheblich geringer zu sein als die korrespondierenden Fähigkeiten des Ausgangsmateriales ; doch sind die Angaben des Autors gerade in dieser Hinsicht etwas dürftig. Geht der Abbau des Serumeiweißes noch um einen Schritt weiter, so ist die Antigenfunktion völlig ausgelöscht, wie das Zunz schon bei manchen primären und sämtlichen sekundären Albumosen kon- statierte. Damit dürfte die Tatsache in Konnex stehen, daß man mit nativen Proteinen, welche» in chemischer und physikalischer Be- ziehung von den Serumglobulinen abweichen und sich den Albumosen nähern, nur geringgradige, zuweilen sogar überhaupt keine Anaphy- laxie erzeugen kann ; selbst die positiven Resultate sind inkonstant, was ja nach Zunz auch für die primären Albumosen aus Serum gilt. Wir begegnen dieser Erscheinung bei den Nukleoproteiden der Ge- webszellen, besonders aber bei den Eiweißkörpern der Bakterien (vgl. Bakterienanaphylaxie). Allergie und Anaphylaxie. 1007 Niedere Spaltprodukte des Eiweißes, selbst wenn dieses im nativen Zustand ein hochwirksames Anaphylaktogen darstellt, sind anaphylaktisch inaktiv. Nur Friedemaxx hält eine weitgehende Aufspaltung- des Eiweiß- moleküles mit Konservierung der Antigene, speziell auch der Ana- phylaktogene für möglich, da parenteral zugeführtes artfremdes Ei- weiß einen bis zum Harnstoff gehenden, raschen Zerfall von Eiweiß auslöst (s.S. 1032), andererseits trotz derN-Ausscheidung im Harn tage- lang mit den biologischen Alethoden nachweisbar bleibt und Anti- körper hervorruft. Diese Folgerung hat aber zur Voraussetzung, daß die vermehrte X-Ausfuhr ausschließlich auf der Verbrennung des eingespritzten artfremden Eiweißes beruht, was nach Friedemaxx & IsAAC sicher nicht der Fall ist. Bedeutungsvoller für diese Frage wären die Versuche von Fraxceschelli, der Extrakte aus entbluteter Rinderleber fünf Monate autolysieren ließ und nach Ablauf dieser Zeit eine starke Abnahme des kolloiden, nicht dialysablen X (um 61,3 Proz.), sowie völliges Fehlen der Biuretreaktion konstatierte, während die Präzipitabilität anscheinend völlig erhalten und das ursprüngliche komplementablenkende Vermögen des Leberantigens nur um die Hälfte reduziert war ; diese Angaben sind aber durch Larsoxs Nachprüfung widerlegt worden. Umwandlung in A c i d a 1 b u m i n schwächt das anaphylaktische Antigen im kristallisierten Eieralbumin ab, ohne es zu vernichten, Umwandlung in Alkal ialbuminat zerstört es völlig (Wells i). Carnot und Sclavu vereetzten Pferdeseruna mit Normalsalzsäure, so daß die Säurekonzentration mindestens 3,3:1000 (=Vu normal) betrug, ließen 5 Minuten bis ^ o Stunde stehen und konnten nun das angesäuerte Serum ana- pliylaktischen Meerschweinchen endovenös oline Schaden injizieren, selbst in der doppelt letalen Menge nativen Serums. Stark ist die auf diese Weise erzielte Ab- schwächung nach eigenen Erfahrungen nicht, was auch daraus hervorgeht, daß das Sensibilisierungsvermögen bei schwach angesäuertem Pferdeserum (Pick & Yamanguchi-, Moruzzi & Repaci), Aalserum (Doerr & Raubitschek), angesäuertem Ovalbumin und Aktinokongestiu (Lesxe & Dreyfüs*) kaum merklich leidet. Dagegen scheint- Zusatz von NaOH auch auf Serumeiweiß stärker destruierend zu wirken (Moruzzi & Repaci). Bekanntlich haben Obermayer & Pick bei der Präzipitation ge- zeigt, daß artspezifisches Eiweiß durch physikalische Einflüsse (Er- hitzen, Einwirkung von Säuren, Alkali, Formaldehyd, Toluol, Chloro- form) oder durch chemische Prozesse (Jodieren, Nitrieren, Diazo- tieren, peptische oder tryptische Verdauung) so verändert werden kann, claß seine Artspezifität (originäre Spezifität) völlig ver- schwindet: die Antigenfunktion bleibt dabei erhalten, nur zeigte das veränderte Eiweiß eine neue Form der Spezifität, \velche man als Zustandsspezifität bezeichnet, wenn sie durch physikalische, oder als konstitutive Spezifität, wenn sie durch chemische Vorgänge am na- tiven Protein zustande kam. Diese neuen Spezifitätsformen äußern sich derart, daß z. B. ein mit Jodeiweiß hergestelltes Immunserum alle Arten von Jodeiweiß ohne Rücksicht auf die Artprovenienz präzipitiert. Diese Tatsachen sind von Freuxd, Schmidt, Fleisch- MAxx u. a. bestätigt w'orden. Merkwürdigerweise konnten Anaphylaktogene mit ausgesprochener Zustands- oder konstitutiver Spezifität nur in sehr wenigen Fällen aus nativen Proteinen dargestellt werden. Meist blieb die Artspezi- fität erhalten ; durch den Eingriff wurde nur das artspezifische 1008 EOBERT DOERR, Antigen abgeschwächt, um schließlich völlig zu verschwinden. Es sei hier auf die zumeist im Vorstehenden referierten Experimente mit Erhitzen, Ansäuern und Alkalisieren, peptischer und tryptischer Ver- dauung, Ozonisieren, Osmieren (Busson), Formaldehjd (v. Eisler & Löwenstein), Autolyse etc. verwiesen. Der Grund dieser Diffe- renz ist vorläufig unbekannt ; die Annahme, daß bei der versuchten Umwandlung der artspezifischen Anaphylaktogene in solche mit kon- stitutiver oder Zustandsspezifität Anteile von nativem Protein unver- sehrt bleiben, würde bloß erklären, warum die gewonnenen Eiweiß- derivate noch immer gegen das genuine Material sensibilisieren, zur Not auch noch, daß sie bei mit letzterem präparierten Tieren Shock auslösen. Daß aber das veränderte Eiweiß besser gegen natives als gegen sich selbst anaphylaktisiert, daß fast nie gleichartig ver- änderte Eiweißkörper verschiedener Artprovenienz aufeinander rea- gieren (z. B. Koktoeiweiß von Rind und Pferd), bleibt unver- ständlich. Indes scheinen auch Ausnahmen von dieser allgemeinen Regel vorzukommen; doch sind die betreffenden Angaben vielfach wider- sprechend. Besredka & Bronfenbrexneri verdiiunten Hühnereiklar 10-fach mit Wasser, kochten durch 10 Minuten und fanden, daß Meerschweineheu, die mit diesem Koktoeiweiß sensibilisiert waren, durch intravenöse Injektion von 0,01 ccm desselben getöter werden konnten, während von unerhitztera 0,1 ccm erforderlich war. Präparierten sie mit nativem Eiereiweiß, so betrug die tödliche Dosis desselben bei der Reinjektiou 0,002 ccm, erhitztes Eiereiweiß wirkte überhaupt nicht. Auch konnte mit erhitztem Eiereiweiß an Kaninchen ein Serum dar- gestellt werden, welches bei Meerschweinchen eine starke passive Anaphylaxie gegen erhitztes, und eine weit schwächere gegen unerhitztes hervorrief. — Hierzu ist zu bemerken, daß im Eiereiweiß 4 Anaphylaktogene vorkommen, von welchen eines (Ovomukoidj koktostabil ist, die anderen thermolabil ; weiters, daß nach Wells die isolierten Anaphjdaktogene aus Eiereiweiß stärker wirken als das entsprechende Quantum Ausgangsmaterial; drittens, daß wir nicht erfahren, ob Koktoeiweiß aus verschiedeneu Eiarten gleichwertig ist. Die meisten Bestrebungen konzentrierten sich auf das Jod- eiweiß. Jodiert man artfremde Sera, so erhält man verschiedene Resultate; partielle Jodierung bewirkt eine Abschwächung mit beibehaltener Artspezifität, voll- ständige ein Verschwinden des Antigens (Rosenau & Anderson 9, Wells ^, Pick & Yamanouchi, v. Dungern & Hirschfeld, H. Freund). Jodiertes Eieralbumin, welches weder die MiLLONsche Tyrosinreaktion noch die von HoPKiNS-CoLE auf Tryptophan liefert, also durch Absättigung aller unge- sättigten C-Atome des Benzolriuges mit Jod völlig saturiert ist, behält seine Artspezifität bei, es vermag gegen andere Proteme, auch wenn sie jodiert sind, nicht zu sensibilisieren und umgekelirt. Dagegen präpariert Jodovalbumin gegen .lodovalbumin und gegen unverändertes Ovalbumin, und zwar wirkt letzteres auf Jodtiere meist stärker; umgekehrt kann man auch mit Eiereiweiß gegen die daraus gewonnene Jodverbindung sensibilisieren. — Volk präparierte Meer- .schweinchen durch 1 — 2 subkutane Jodoform Injektionen und prüfte nach 2 bis 4 Wochen das Verhalten gegen jodiertes Pferdeeiweiß; es war nie Ana- phylaxie zu beobachten. » Im Gegensatz hierzu stehen die Experimente anderer Autoren. Fried- BERGEU und Tetsuta Ito stellten sich Jodeiweiß her durch Behandeln von Serum mit Tct. jodi. Sie geben an, daß Meerschweinchen durch Vorbehandlung mit arteigenem jodiertem Serum gegen dasselbe, gegen Jodnatrium, LuGOLSche Lösung und Jodoform, seltsamer Weise aber nicht gegen jodiertes artfremdes Serum überempfindlich werden. Umgekehrt präpariert LuGOLSche Lösung gegen jodiertes arteigenes Eiweiß, nicht aber gegen Jodnatrium und LuGOLsche Lösung. Die inneren Widersprüche sind nicht zu verkennen; die erzielten Symptome bestanden fast immer nur darin, daß die überempfindlichen Tiere kränker Allergie und Anaphylaxie. 1009 schienen als die Kontrollen, höher fieberten etc. Akuter Exitus trat sehr selten ein, und wiederholte Vorbehandlung hatte keinen besseren Erfolg als einmalige. Die konstitutive Spezifität fehlte. — Öchittexhelm & Stroebel jodierten ver- schiedene Eivveißautigene nach der Methode von Blum und bestätigten im all- gemeinen die Befunde von Wells. In einzelnen Fällen gelang es ihnen aber, das Auftreten einer Jodspezifität nachzuweisen, indem Ovalbumin. jodat. gegen Serum jodatum sensibilisierte und vice versa; auch konnten Meerschweinchen gegen arteigenes Serum überempfindlich gemacht werden, wenn man es durch Jodieren der Artspezifität beraubt hatte. Jodiertes Rinderserum präparierte auch gegen jodiertes Wittepepton (höhermolekulares Abbauprodukt), nicht aber gegen jodiertes Seidenpepton (niedermolekulare Monoaminosäuren). Studiert man diese positiven Versuche genau und vergleicht ihre spärlichen und zweifelhaften Ergebnisse mit dem eindeutigen und konstauten Resultat der Anaphylaxie gegen native Proteine, so wird man das Bedürfnis nach weiterer Klärung der Angelegenheit lebhaft empfinden. Daß sich die Artspezifität der Anaphylaktogene auf natürlichem Wege in eine ausgesprochene konstitutive Spezifität verwandeln kann, beweisen ja die Verhältnisse beim Eiweiß der Augenlinse und der Horngebilde ; dem Experiment fiele also bloß die Aufgabe zu, die Prozesse zu präzisieren, durch welche diese Umwandlung erfolgen kann und die bestehenden Widersprüche zwischen dem Verhalten des Eiweißes als Präzipitinogen und Ana- phylaktogen auf diesem Gebiete zu beseitigen. Beziehungen der anaphylaktogenen zu den anderen anti- genen Funktionen blutfremder Eiweißkörper. Artfremdes Eiweiß vermag nicht allein Anaphylaxie hervorzu- rufen und auszulösen, sondern entfaltet auch eine Reihe anderer Anti- genwirkungen, die man durch besondere Bezeichnungen (Präzipiti- nogene, Agglutinogene, Lysinogene, Antigen der komplementablen- kenden Ambozeptoren) charakterisiert hat. Es ist nun wahrschein- lich, daß es sich hier meist um eine rein begriffliche Aufspaltung handelt, das heißt, daß allen diesen Erscheinungen eine materiell und dynamisch einheitliche Substanz zugrunde liegt, das artfremde Eiweißantigen, welches man nur jeweils unter speziellen Bedingungen reagieren läßt. Wenn man versucht diesem Problem näherzutreten, so empfiehlt es sich, zunächst den Fall der gelösten Eiweißkörper als den ein- facheren zu betrachten. Friedberger^ hat darauf hingewiesen, daß vom rein theoretischen Standpunkte alles für eine Identität der Präzipitinogene (präzipitablen Substanzen) mit den anaphylaktischen Antigenen spricht, daß es kein Präzipitinogen gibt, mit dem man nicht Anaphylaxie erzeugen könnte, daß Spaltprodukte des Eiweißes (Leucin, Tyi'osin) nach beiden Richtungen inaktiv sind, daß er- hitztes Eiweiß Präzipitine bildet und sensibilisiert, daß die biologische Sonderstellung von Linseneiweiß auf beiden Gebieten nachweisbar ist usf. Seither wurden stets neue Argumente aufgedeckt, welche wenigstens in qualitativer Hinsicht die absolute Uebereinstimmung von Präzipitinogen und anaphylaktischem Antigen demonstrieren, namentlich auf dem so wichtigen Gebiete der Spezifität, wo hin- sichtlich der Art- und Gewebsdifferenzen die gleichen Gesetze Gel- tung haben, wie aus den früher mitgeteilten Tatsaclien und dem Vergleich mit der Lehre von den Präzipitinen (s. dieses Handbuch) klar hervorgeht. Handbuch der pathogenen Mikroorganismen. 2. Aufl. II. 64 1010 Robert Doerr. Unterwirft man antigeue Eiweißlösungen verschiedenen Einflüssen (Er- hitzen, Verdauen), so erleidet das präzipitinogene Vermögen (die Präzipitabilität ) dieselbe Abschwächung oder Zerstörung wie das anaphylaktische Antigen. Dies läßt sich auch in quantitativer Hinsicht konstatieren. — In erhitzten Lösungen von Pferde- oder Einderserum entspricht der Gehalt an präzipitabler Substanz stets den sensibilisierenden und shockauslösenden Eigenschaften und erfahren dieselben sämtlich mit zunehmender Temperatur eine gleichsinnige, parallele Abnahme (Doerr & ßuss-}. — Serumeiweißfraktionen, erhalten durch suk- zessive Sättigung mit Amraonsulfat, zeigen das gleiche Verhalten; die ersten bei \ 3 und I/2 Saturation ausfallenden enthalten die größten Mengen präzipitabler Substanz, sensibilisieren aber auch am besten und lösen in kleinster Menge Shock aus, die zwischen ^/^ und Ganzsättigung ausfallenden Albumine sind nach beiden Richtungen fast unwirksam (Doerr & Russ;. — Antihammelserum präzipitiert Hammeleiweiß, in abnehmendem Grade auch Ziegen-, Rinder-, Schweine-, Menschen-. Pferdeeiweiß, nicht aber Hühnerserum: Meerschweinchen, die mit 1,0 ccm desselben Antihammelserums passiv präpariert waren (s. S. I(jr2), konnten getötet werden durch intravenöse Reinjektion von 0,006 ccm Hammel- oder Ziegenserum, 0.02 ccm Rinderserum. 1,(3 ccm Schweineserum. 1,0 ccm Menschenserum erzeugte schwere, 2,0 Pferdeserum leichte Symptome. Hühner- serum war wirkungslos (DoERR & Russ-). — Ultraviolettes Licht soll nach Baroxi & JoxEscu - MiH.viESTi ^ Pferdeserum bei bestimmter Belichtungsdauer für anaphylaktische Meerschweinchen ungefährlich machen, wobei die Präzi- pitabilität jedoch erhalten bleibt oder sogar eine Steigerung erfährt ; Versuche von Doerr & Moldovax- zeigten, daß der letzte Teil dieser Angaben auf mangelhafter Auswertung beruht und daß die präzipitable Substanz gleichsinnig und im selben Maß abnimmt wie das anaphylaktische Antigen. — Pick & Yamaxouchi - fanden anaphylaktogene Fähigkeiten bei peptisch angedautem Ei- weiß, das keine präzipitable Substanz enthielt: da aber solche Substrate noch Präzipitinbildung auslösen, also zweifellos präzipitinogen wirken, so kommt dieser Beobachtung keine Beweiskraft für die Trennung beider Antigene zu (Pick & Yamanguchi, Michaelis). Für die materielle Identität sprechen auch die Versuche von "Wells, sowie Wells & Osborxe, wonach Proteine von hoher che- mischer Reinheit als Anaphylaktogene und Präzipitinogene (Ober- mayek il- Pick) wirken, z. B. das kristallisierbare Edestin. Es muß darnach wohl angenommen werden, daß ein und dieselbe Xer- bindung im chemischen Sinne der Träger beider "Wirkungen sein kann. Es wäre aber auch denkbar, daß in demselben Molekül zwei Gruppierungen vorkommen, von welchen die eine präzipitinogen, die andere anaphylaktogen wirkt, oder daß derselbe Körper je nach seinen physikalischen Zuständen verschiedene Antigenfunktionen hat (Zu- standsspezifität bei der Präzipitation, Fehlen derselben bei der Serum- anaphylaxiej. Ein direktes Argument für die Identität von Präzipitinogen und Anaphylaktogen versuchten Doerr & MoldovaxI zu erbringen. Sie versetzten Rinderserum mit Antirinderserum vom Kaninchen, war- teten die Ausflockuns: ab und untersuchten die gewaschenen Präzi- pitate, die überstehenden Flüssigkeiten und die "Waschwässer auf ihr Sensibilisierungsvermö2:en gegen Rindereiweiß beim Meerschweinchen. Bei einer gewissen Konzentration des Rinderserums und des Anri- serums waren alle Proben negativ, es waren also ziemlich bedeutende Mengen von anaphylakti^chem Antigen bei der Präzipitation in vitro restlos verschwunden, Mengen, die 0,01 ccm Rinderserum ent- sprachen, welches zur sicheren Sensibilisierung von 100 Meerschwein- chen ausreicht. Später zeigte Hartoch, daß man auch das shock- auslösende Vermögen eines Xormalserums reduzieren kann, wenn man seinen Gehalt an präzipitabler Substanz durch *U eberschichten mir einem korrespondierenden Präzipitinserum vermindert und erklärt auf Grund dieses Ergebnisses gleichfalls Anaphylaktogen und Präzi- Allergie und Anaphylaxie. 1011 pitinogen für identische Substanzen. Demgegenüber meinen Kraus und seine Mitarbeiter, es handle sich hier um eine passive Aus- flockung, ein Mitgerissenwerden von Stoffen, wie bei der Ausfällung von Antitoxinen, Agglutininen aus Pferdeimmunserum durch Pferde- präzipitin. Dieser Einwand trifft indes nicht zu, da das Präzipitat im Organismus wieder aufgelöst wird und die Tiere gegen Rinder- serum anaphylaktisch werden müßten, wenn der wirksame Stoff bloß passiv ausgeflockt und nicht wirklich bei der Präzipitation verändert worden wäre (Doerr^). üngeformtes Eiweiß bildet auch komplementableukende (Eiweiß- oder albu- ininoly tische j Ambozeptoren, die aber nach neueren Untersuchungen (Zinsser, Deax) höchstwahrscheinlich mit den Präzipitinen identisch sind, so daß auch die Identität ihrer Antigene und in Konsequenz der obigen Ausführungen die Identität des Arabozeptorenantigens mit dem, Anaphylaktogen angenommen werden darf. Bei den in Zellform vorkommenden Antigenen (Bakterien, Erythrocyten, Spermatozoen) werden die ^'erhältnisse noch kompli- zierter, weil sich hier neue Immunitätsphänomene (Agglutination. Cytolyse) zu den beim ungeformten Körpereiweiß beobachteten hinzu- gesellen. Aller Wahrscheinlichkeit nach entspricht aber auch hier eine Vielheit von Antikörperfunktionen jeweils einem bestimmten Antigen. Man darf freilich nicht in den Fehler verfallen, etwa eine Erythrocytenspecies unter diesem Gesichtswinkel zu betrachten. Erythrocyten sind allerdings Antigengemenge, ebenso wie etwa Milch oder Eiklar, und enthalten mindestens zwei in immunisatorischer Hin- sicht differente Anteile, Hämoglobin und Stromaeiweiß. Dem Hämo- globin, das in seiner Wirkung den Serumantigenen ähnelt, korre- spondiert aber wieder ein Präzipitin, ein anaphylaktischer Reaktions- körper und ein Hämoglobinambozeptor, den Stromata ein Agglu- tinin, der cytolytische Ambozeptor und ein anaphylaktischer Anti- körper anderer Art. Für gelöstes wie zellig geformtes Eiweißantigen hat mau schließ- lich noch darauf hingewiesen, daß die erzeugten Antikörper nicht immer in quantitativem Parallelismus stehen, also wohl verschieden seien. Diese Frage soll später behandelt werden; hier sei nur be- tont, daß auch eine nachgewiesene Verschiedenheit der Antikörper nicht gegen die Annahme eines identischen Antigens verwertbar ist. Der anaphylaktische Antikörper. [Synonym : Anaphylaktischer Reaktionskörper (v. Pirquet, Otto), Sen- sibilisin (Besredka), Toxogenine (Richet), Allergin (v. Pirquet, Ander- son & Prost), Albuminolysin (Nicolle), Anaphylaktin (Gay & Sout- hard), Anaphylaxin (Kruse), Analexin (v. Behring).] Homologe und heterologe passive Anaphylaxie. — • Versuchstechnik. Immunisiert man Tiere mit artfremdem Eiweiß, so tritt im Blute (Serum j derselben ein spezifischer Antikörper auf, den man meist als anaphylaktischen Reaktionskörper bezeichnet. Injiziert man normalen Tieren reaktionskörperhaltige Sera (Antieiweißseraj, so werden sie entweder sofort oder doch in so kurzer Zeit überempfind- 64* 1012 Robert Doere, lieh, daß nur au eine passive Uebertraguug des Zustandes gedacht werden kann, und reagieren dann auf die parenterale Zufuhr des korrespondierenden Antigens wie aktiv anaphylaktische. Man nennt eine auf diesem AVege erzeugte Eiweißallergie passive Anaphy- laxie; wir verdanken die äußerst wichtige Entdeckung derselben für artfremdes Serum hauptsächlich Otto^ und FriedemaxnI (siehe histor. Ueberblick), für Toxalbuminc Richet^^^ 15^ Präpariert man ein Tier aktiv durch Injektion des Antigens und später passiv durch daÄ Serum eines gleichsinnig überempfindlichen Tieres, so erhält man ceteris paribus einen höheren Grad von Anaphylaxie. (Anaphylaxie activo-passive von Marbe & Rachewski*.) Die Uebertraguug des überempfindlichen Zustandes auf nor- male Tiere durch das Blutserum anaphylaktischer gelingt nicht nur homolog (innerhalb derselben Tierspecies), wie z.B. von 5leerschwein- chen auf Meerschweinchen, von Kaninchen auf Kaninchen, von Hun- den auf Hunde, sondern auch heterolog von einer Tierspecies auf die andere. Positive Resultate wurden erzielt bei der Uebertragung der Anaphylaxie von: Mensch auf: Meerschwenichen (Xovotxy & Schick', Anderson & Frost, Yamanouchi% Avstrian), .. Affe „ Meerschweinchen (Uhlenhl'TH & Haexdel), Kaninchen „ Meerschweinchen (Otto-, Doerr i& Raubitschek), .. Hund „ Meerschweinchen (Doerr & Moldovas '), Katze „ Meerschweinchen (Anderson & Frost), ,. Pferd „ ^Meerschweinchen (Briot & Dujardix-Beaumetz), Huhn „ Taube (Friedberger •^), Meerschweinchen „ Kaninchen (Friedberger"*). Negativ fielen die Experimente aus von: Vögeln auf: Säuger (Uhlenhuth & Haendel^, Freedberger & Hartoch'). ,. Säugern .. Vögel (Friedberger & Hartoch'), Kaninchen .. weiße Mäuse (Doerr & Russ-, Braun ^), .. ^Meerschweinchen .. weiße Mäuse (Doerr & Rrss, Braun). Da bei weißen Mäusen eine aktive Anaphylaxie existiert, so dürfte auch die passive möglich sein und das Scheitern der betreffenden Versuche vielleicht nur auf der Wahl der Bedingungen beruhen. In technischer und didaktischer Hinsicht läßt sich das passiv anaphylaktische Experiment nach dem ^'organge von H. Pfeif- fers^ in folgende Stadien gliedern: 1. Die immunisatorische Erzeugung des antikörperhaltigeu Serums. 2. Die passive Uebertragung desselben auf ein normales Tier, und 3. Die Prüfung (Trobe) des anaphylaktischen Zustandes bei diesem passiv präparierten Tier durch eine Injektion des be- treffenden Antigens. Den zweiten und dritten *Akt nimmt man zweckmäßig am Meer- schweinchen vor, welches sich als Testobjekt für passive Anaphy- laxie aus Gründen ganz besonders eignet, die schon bei der aktiven Versuchsanordnung besprochen wurden. Man verfährt dabei so, daß mau zuerst ( s. S. 103.5 ) das immunkörperhaltige Serum injiziert und zwar intraperitoneal ; doch gelingt die passive Uebertragung auch bei subkutaner, intravenöser oder intracerebraler (Besredka & Stein- HARDT I Injektion des Antiserums. 24 Stunden später erfolgt die Allergie und Anaphylaxie. 1013 Probe mit Antigen nach den bei der aktiven Anaphylaxie gelten- den Normen. Der Kaninchenorganismus ist für anaphylaktische Prozesse absolut und relativ weit weniger empfindlich (Fhiedberger -^j und zeigt auch ein viel in- konstanteres Verhalten; als Reagens für passive Anaphylaxie ist er daher nicht gut brauclibar, wie schon die vielen negativen Resultate lehren, welche Braun S NovoTXY & Schick 1, Kraus ^ u. a. sowohl bei homologer als heterologer Ueber- tragung erzielten. Auch existieren über die optimale Versuchsauordnung sehr widersprechende Angaben. Yamanouchi i, Pick & Yamanouchi^ injizieren beim Kaninchen das Autiserum ebenfalls präventiv, 24 — 48 Stunden später das An- tigen, allerdings in ganz enormen Dosen und wiederholt. Auch Friedberger^, Friedberger & Hartoch, Friedberger & Gröber, Friedberger & Mita, Kraus, Doerr & Soh.ma, Schürer & Strassmanx hatten mit der gleichen Technik Erfolg, die man gewöhnlich beim Meerschweinchen benützt. Friede- maxn^ dagegen fand, daß die passive Kaninchenanaphylaxie stets am deutlichsten war, wenn Antigen und Antikörper gemischt injiziert wurden; es genügen dann für 900 — 1200 g Körpergewicht 2,0 ccm Antiserum und 0,025 Antigenserum, um Exitus, 0,0025 Antigen, um schwere Symptome auszulösen. Erfolgte aber die Autiseruminjektion präventiv, 24 Stunden vor dem Antigen, dann war von Krank- heitserscheinungen meist nichts zu bemerken. Nach den neueren Unter- suchungen von Scott 2 und Briot- scheinen die Angaben von Friedemax^^n richtig zu sein, womit ein auffälliger Unterschied zwischen Kaninchen und Meerschweinchen festgestellt wäre. — Bei Hunden sind sehr große Mengen Anti- serum nötig, um passiv zu anaphylaktisieren, Dosen von 20 bis 100 ccm resp. von mehreren Kubikzentimetern pro kg Körpergewicht (Richet i^, ^^, ^^ ^^ ^", BiEDL & Kraus 9, Maxwarix'G^) ; die präventive Injektion des Immunserums dürfte der wirksamere Modus sein. Der erste Akt, die Darstellung des anaphylaktischen Antikörpers, gelingt am besten am Kaninchen, tmd zwar nach den für die Ge- winnung von Präzipitinen bewährten Immunisierungsschemen. Besonders hochwertige Sera wurden in eigenen Versuchen er- zielt bei folgender Methode : Kaninchen von 20Ö0 — 3000 g erhielten am 1., 4. und 7. Tag je 2,0 artfremdes Serum intravenös, am 13. oder lA. Tage Probeaderlaß ; war das passive Präparierungsvermögen gering, so wurde eine Pause von weiteren 2 — 3 Wochen eingeschaltet, nochmals 1,0 intravenös gegeben und der eigentliche Aderlaß 4 bis 7 Tage später ausgeführt. Die Antikörpergewinnung beim Meerschweinchen erfolgt nach J. L. Buuk- HARDT am besten durch dreimalige intraperitoneale Antigeninjektion in Abständen von je 7 Tagen, wobei kleine Mengen artfremdes Serum (0,01 — 0,05 ccm) den- selben Effekt zu haben scheinen wie große (1,0 ccm); am 8. Tag nach der letzten Injektion wird entblutet. Immunisierung durch eine einzige oder zu oft wiederholte Antigeninjektionen, ferner intravenöse Einspritzungen liefern Sera von geringem Antikörpergehalt ( J. L. Burkhardt, Doerr & Moldovax i, Armit. Ax'dersox & Frost ). So hohe Werte wie bei Kaninchen lassen sich überhaupt nicht erzielen (Doerr, Axderson & Frost): da man ferner von Meerschwehi- chen nur geringe Serumquantitäten erhält, welche feinere Abstufungen oder Wiederholungen der Versuche nicht gestatten, da diese Tiere schließlich wieder- holte, auch intraperitoneale Antigeninjektionen sehr schlecht vertragen, so kann als vorteilhafteste Kombination für das passive Experiment nur die von Doerr und seinen Mitarbeitern empfohlene heterologe Uebert ragung bezeichnet werden: Antikörper gewinnung am Kaninchen, anaphylaktischer Versuch am Meerschweinchen. Quantitative Bestimmung des Antikörpers. Um die Menge des anaphylaktischen Antikörpers in einem Im- mun-(Antieiweiß-)Serum zu messen, haben Doerr & Russ^ folgende drei Methoden vorgeschlagen : 1. Man injiziert einer Reihe von Meerschweinchen (250 g) je 1,0 ccm des betreffenden Antiserums intraperitoneal und nach 24 1014 Egbert Doerr, Stunden fallende Antigendosen intravenös. Die kleinste Antigenmenge, welche noch akuten Exitus hervorruft (Dosis letalis minima) oder deut- liche Krankheitss3^mptome erzeugt (kleinste krankmachende Dosis) oder typischen Temperatursturz nach H. Pfeiffer auslöst, gibr das Maß für den Gehalt an anaphylaktischem Antikörper. 2. Man injiziert fallende Mengen (2,0, 1,0, 0,5, 0,3, 0,1 ccm) Antiserum intraperitoneal und prüft mit einer konstanten, etwas massiveren Antigendosis (0,2 ccm artfremdes Serum ) nach 24 Stun- den intravenös. 3. Man versetzt gleiche Dosen (1,0 ccm) Immunserum in vitro mit steigenden Antigenmengen und präpariert eine Serie von Meer- schweinchen durch intraperitoneale Injektion der Gemische. Nach 24 Stunden prüft man den Grad der Anaphylaxie durch eine größere, jedenfalls ausreichende Antigendosis intravenös. Hierbei erfährt der Reaktionskörper durch das in vitro zugesetzte Antigen eine präven- tive Absättigung, die bei kleinen Dosen nur partiell ist, so daß die Tiere bei der Probe noch reagieren ; von einer bestimmten Antigen- menge an ist aber die Absättigung komplett, die Tiere zeigen keine Erscheinungen mehr, weil sie keinen freien Antikörper erhalten haben und man kann diese zur totalen Bindung eben ausreichende Antigen- quantität als Maßstab für die in 1,0 ccm Immunserum enthaltene Antikörpermenge verwenden (vgl. hierzu den Absatz über passive Antianaphylaxie auf S. 1082). Als Einheit bezeichnen Doerr & Russ^ ein Serum, von dem 1,0 ccm intraperitoneal injiziert ein Meerschweinchen von 250 g so empfindlich macht, daß 0,2 ccm des betreffenden Serumantigens, nach 24 Stunden intravenös injiziert, gerade noch akuten Tod her- vorruft. Im Verhältnis zu diesem ,, einfachen" Immuuserum wäre dann ein zweifaches so beschaffen, daß mit einem Kubikzentimeter vorbe- handelte Meerschweinchen schon auf 0,1 ccm Antigen akut eingehen, ein hundertfaches würde so sensibilisieren, daß schon 0,002 Antigen akuten Tod bedingen. Die wirksamsten Kaninchensera sensibilisierten passiv Meer- schweinchen für 0,005 ccm artfremden Serumantigens tödlich ; nach der 2. Methode bestimmt, vermochte noch 0,01 — 0,02 ccm Immunserum gegen eine größere Antigendosis zu präparieren. — Vom Meerschwein- chen präparierten die höchstwertigen Antihammelsera, die Burkhardt gewann, in Mengen von 0,5 ccm passiv tödlich gegen 0,1 ccm Hammel- serum intravenös. Die kleinste Dosis Meerschweinchenimmunserum, die gegen eine massive Antigenin jektion passiv anaphylaktisch machte, betrug 0,05 ccm. In der Regel, besonders nach einer einzigen Antigen- injektion, präparieren Meerschweinchenimmunsera normale Tiere der- selben Art weit schwächer; 1 — 2 ccm sind häufig unwirksam und man braucht zur Erzielung passiver homologer Ueberempfindlichkeit gewöhnlich 3 ccm (Anderson & Frost). Derartige Auswertungen liefern natürlich nur dann glatte Resultate, wenn man die bei messenden Reihenexperimenten am Tiere notwendigen Kautelen berücksichtigt, ein gleichmäf5iges Meerschweinchenmaterial benützt und sich nicht mit wenigen, zu weit auseinanderliegeuden Dosen begnügt. Kleine Diffe- renzen sind hier immer möglich, ebenso wie bei der Auswertung anderer Anti- körper in vivo und müssen durch die Zahl der Einzelver^uche kompensiert werden. Ferner gelten die erhaltenen Ziffern natürlich nur als Vergleichs werte inner- halb von Versuchsserien mit demselben Antigen; die Antikörper verschiedener Antigene lassen sich wegen des differenten Eiweißgehaltes der letzteren, der den Allergie und Anaphylaxie. 1015 Ausfall der Probe bestimmt, nur schwer miteinander vergleichen. Auch bei Ver- wendung eines scheinbar gleichen Antigens sind ungleichmäljige AVirkungen mög- lich, wenn man nicht etwa kristallisiertes, «trockenes Eieralbumin, Edestin oder dergl. verwendet; so wechselt der Gehalt des Blutserums an Globulin bei derselben Tierspecies, lange gelagerte Sera sind angeblich weniger wirksam als frische, und manche Sera (Kinderserum z. B.j haben im aktiven Zustand eine primäre Eigen- wirkung, die ihnen im inaktiven Zustand fehlt. Nach H. Pfeiffer i* kommt diese ,, primäre Toxizität" gewisser komplementhaltiger Sera bei der Auslösung des anaphylaktischen Shocks vom Peritoneum nicht in Betracht; bei intravenöser Probe mif großen Dosen kann sie aber erhebliche Fehlerquellen involvieren, und sollte man daher solche Sera im inaktivierten Zustande benützen. Auch ganz frische Sera sind als shockauslösende Antigene zu meiden (Moldovan s. S. 1115;. Einzelne Meerschweinchen (ca. 4 Proz.J werden trotz intraperitonealer Ein- spritzung des Immunserums innerhalb des gewohnten Termines von 24 Stunden nicht passiv anaphylaktisch, sondern verhalten sich bei der Probe wie normale (DoERE & Russ^j. Friedberger konnte diese Beobachtung, die nur auf un- gleichmäßiger Resorption vom Peritoneum aus beruhen kann, nicht bestätigen. SIaxwarixg 1 sah bei den allerdings überhaupt sehr ungleichmäßig reagierenden Hunden das Ausbleiben passiver Anaphylaxie trotz intravenöser Infusion des Immunserums. Während Doere und seine Mitarbeiter, sowie auch viele spätere Autoren mit den angeführten Maßmethoden das Auslangen fanden und brauchbare Vergleichswerte erzielten, die aber aus den erörterten Gründen nicht die Bedeutung absoluter, an einer Standardeinheit meßbarer Zahlen besitzen können, meint Burkhardt, daß der Ver- gleich zweier Antieiweißsera durch Vorbehandlung mit einem kon- stanten präparierenden Volum Antiserum und Austitrieren der töd- lichen Antigenmenge bei der Probe rein willkürlich sei. Er beobachtete, daß von zwei Meerschweinchenimmunsera — A und B ^^ A das stärkere sein konnte, wenn man die Tiere mit großen Dosen Immun- serum (0,5 — 1,0) vorbehandelte, daß dagegen B besser wirkte, wenn man kleine Dosen (0,1 — 0,2 ccm) zur passiven Präparierung be- nützte. Auch konnte das Serum ein und desselben Immiinmeer- srhweinchens in verschiedenen Intervallen nach der letzten Antigen- injektion entnommen, die gleiche Uebertragungsfähigkeit in großen Dosen vom 4. bis zum 14. Tage behalten, während die präparierende Kraft kleiner Dosen sank. Diese Verhältnisse begreifen sich aber voll- kommen aus den Reaktionsgesetzen der Kolloide; wertet man 2 Prä- zipitine einmal in hohen, ein anderes Mal in niedrigen Quanten mit gleichen Antigenverdünnungen aus, so kann ebenfalls der von Burk- hardt beschriebene Fall eintreten. Die Schwierigkeit wird aber um- gangen, wenn man stets 1,0 ccm Immunserum zur passiven Anaphy- laktisierung wählt, wie eben Doerr vorschlug ; arbiträr sind alle Äles- sungen von Immunkörpern und lassen sich auch gar nicht anders realisieren, als daß man das Antigen bei konstantem Antikörper variiert oder umgekehrt. — Armit hält nach Versuchen mit kristalli- siertem Ovalbumin die zweite der von Doerr & Russ vorgeschlagenen Methoden nur geeignet für ganz rohe Abschätzungen ; er nahm die Probe aber nicht intravenös, sondern intraperitoneal vor, wo die un- gleichmäßige Resorption mitspielt. Die Erklärung, welche Friedberger ^^ für die von Burckhardt be- schriebenen Unstimmigkeiten gibt, besteht darin, daß die Immunsera einen variablen Rest von Antigen, der von der letzten Injektion des Serumspenders stammt, enthalten sollen, der die Wirkung des bei der Probe nachgespritzten Antigens verstärkt. Diese Theorie ist nach den Ergebnissen von Doerr & Russ, Anderson & Frost, Doerr & Weinfurter nicht haltbar. 1016 EOBEKT DOERR, Zeitlicher Ablauf der Produktion des a n a p h y 1 a k t i s c h e n Antikörpers. Das Erscheinen und Verschwinden des anaphylaktischen Anti- körpers folgt beim Kaninchen denselben Gesetzen wie die Bildung anderer Immunstoffe, besonders der Präzipitine (Weil-Halle & Le- maire3, Doerr & Russ'*). Xach einmaliger intravenöser Injektion von 5,0 ccm artfremden Serums treten am 10. Tage geringe Alengen Antikörper auf, die am 20. Tage wieder abnehmen und bald ver- schwinden ; bei wiederholt vorbehandelten (^allergischenj Kaninchen entstehen schon nach 1,0 ccm Antigen Antikörper, sie erscheinen rascher, sind bereits am 4. Tage in enormer Menge vorhanden, halten sich bis zum 10. Tage auf dieser Höhe, fallen vom 15. Tage an ab und sind am 30. Ta^e fast völlig geschwunden (Doerr & Russ). Beim Meerschweinchen stoßen wir im allgemeinen auf analoge Verhält- nisse. Nach einer einmaligen Antigeninjektion erscheinen die .^Jitikörper um den 10. Tag und zwar — wie schon erwähnt — in der Regel nur in unerheblichen Mengen, so daß 3,0 (Anderson & Frost), nach Friedberger & Burk- HARDT 1,5 — 2,5 ccm ihres Serums nötig sind, um normale Tiere passiv zu prä- parieren; sie halten sich etwa bis zum 30. Tage, vielleicht auch etwas länger (Anderson & Frost). Entgegen einer früheren Angabe von Otto- koinzidiert beim Meer- schweinchen das Auftreten der Antikörper im Blute mit jenem Moment, wo das Tier bereits aktiv anaphylaktisch ist: im präanaphylaktischen Stadium sind sie nicht nachweisbar (Friedberger & Burkhardt). Wiederholt (mit 0,05 bis 0,5 ccm artfremden Serums) intraperitoneal vorbehandelte Meerschweinchen bilden größere Quantitäten Antikörper, wenn auch niemals soviel wie Kaninchen (Anderson und Frost): derselbe ist schon am 4. Tage nach der letzten Antigen- injektion vollentwickelt und hält sich bis zum 14. Tage auf ziemlicher Höhe (.1. L. BlRKHARDT). ^Vährend der letzten Stadien eines anaphylaktischen Shocks (erzielt durch intraperitoneale Reinjektion von ein oder mehreren Kubikzentimetern Serum) und einige Zeit nachher ist das Blut aktiv präparierter Meerschweinchen frei von Antikörper; dasselbe zeigt sich aber schon am 17. Tage, wo das Tier selbst noch antianaphylaktisch ist, und kann sehr lange trotz fortbestehender Un- empfindlichkeit nachweisbar sein, nach Anderson & Frost sogar 450 Tage. Beim Meerschweinchen (vielleicht auch bei anderen Tieren und sicher auch beim ]\Ienschen) überdauert der aktiv anaph}laktische Zu- stand — wenigstens nach einmaliger Antigeninjektion — beträchtlich die Existenz des freien Antikörpers in der Blutbahn, was ja aus den angeführten Daten ohne weiteres hervorgeht. Manche Autoren nehmen an, daß es sich hier um Antikörper handelt, die im Zellverbande blieben, nicht zur Abstoßung ins Blutplasma gelangten, um die „sessilen Rezeptoren" von Kretz, deren Vorhandensein trotz fehlenden Serum- antikörpers Ueberempfindlichkeit bedingt (CiTRON ^ Pappexheim, Anderson & Frost, frühere Ansicht von Friedberger i). Ueber diese Theorie und ihre Be- gründung resp. Widerlegung für das Gebiet der Eiweißallergie vgl. den folgenden Abschnitt. Bei Beurteilung dieser "Erscheinung wird man übrigens nicht außer acht lassen, daß man den Serumantikörper an einem sehr kleinen Blutquantum bestimmt, nie an der Gesamtblutmenge des Tieres, von den anderen Körper- flüssigkeiten ganz abgesehen: nichtsdestoweniger dürfte man kaum umhin können, für solche Fälle eine celluläre Ursache der Ueberempfindlichkeit zuzulassen. Aktiv präparierte Tiere und Menschen reagieren nach dem Schwunde des freien Antikörpers im Blute nicht immer typisch anaphylaktisch d. h. mit Symptomen, welche sich sofort nach der Antigenzufuhr einstellen. Oft drückt sich die Allergie nur dadurch aus, daß eine Art ,, Serumkrankheit" mit verkürzter, 1 — 2-tägiger Inkubation, eine „beschleunigte Keaktion" eintritt; sie be- Allergie und Anaphylaxie. 1017 ruht darauf, daß die antikörperproduziereiiden Zellen, wenn sie ihre Tätigkeit einstellen, nicht zur Norm zurückkehren, sondern die Fähig- keit behalten, auf neue homologe Antigenreize mit einer viel rascher einsetzenden und viel intensiveren Neubildung zu antworten als nor- male Elemente (v. Dungern). Diese neu produzierten Antikörper stoßen auf Antigenreste und so entstehen hyperergische Phänomene. Beim Menschen haben diese „beschleunigte Reaktion" v. Pirquet & Schick^ nach Seruminjektionen und Revaccinationen beobachtet. Sie kommt aber auch bei Tieren vor, besonders bei Eiweißkaninchen, die häufig 1 — 2 Tage nach der letzten Antigenzufuhr erkranken und verenden. — Die „beschleunigte" kann sich beim Menschen mit einer „sofortigen" Reaktion kombinieren, wenn für letztere noch freier Antikörper von der letzten Antigeninjektion her vorhanden ist, was eine „Doppelreaktion" ergibt (v. Pirquet & Schick, v. Pirquet 1°, " ). Die Existenz freien Antikörpers im Serum eines Tieres ist nicht unbedingt mit Ueberempfindlichkeit verbunden. Es gibt Fälle, in denen das Blut aktiv oder passiv präparierter Tiere andere nor- male anaphylaktisch macht, ohne daß sie selbst auf Antigen hyper- ergisch reagieren. Befriedigende Erklärungen hierfür konnten bisher nicht gegeben werden (vgl. S. 1087). Die Dauer des passiv anaphylak tischen Zustandes ist noch nicht genau ermittelt: Otto^ konnte ihn noch 13, Gay & SouTHARD, Anderson & Frost 15 Tage nach der Injektion des passiv präparierenden Serums nachweisen, Weil-Halle & Lemaire, Braun sowie Otto 2 (in seinen Vererbungsversuchen) sogar nach mehreren AVochen. Homologe passive Anaphylaxie dürfte wegen der Elimi- nationsverhältnisse der am Eiweiß des Immunserums haftenden Anti- körper länger fortbestehen als heterologe (Otto 2). Bildungsstätten des a n a p h } 1 a k t i s c h e n Antikörpers. Um diese Frage beantworten zu können, benützt man meist ein bekanntes Versuchsschema (Pfeiffer et Marx): man injiziert einer Reihe von Tieren gleicher Art ein einziges Mal Eiweißantigen, tötet dieselben nach verschiedenen Intervallen und prüft, ob man nicht mit den Extrakten oder Emulsionen bestimmter Organe normale Meer- schweinchen passiv anaphylaktisieren kann. Alan sucht also den Ge- halt der Gewebe an anaphylaktisch em Antikörper nachzuweisen und muß daher auf irgendeine Weise die Antikörper des im Gewebe vor- handenen Blutes ausschalten; das geschieht entweder so, claß man die Organspender zu einer Zeit tötet, wo das Blut noch unwirksam ist, oder daß man die Organe möglichst sorgfältig von anhaftendem Blute befreit. Derartige Versuche erscheinen natürlich auch geeignet, über die Existenz der ,,sessilen Rezeptoren" Aufschlüsse zu bieten, die ja nichts anderes sind als Antikörper der Gewebe. Es zeigte sich nun unerwarteterweise, daß fast alle Ueber- tragungen der Anaphylaxie mit Organen (Milz, Leber, Niere, Ge- hirn, Erythrocyten) mißlaugen. Nur im präanaphylaktischen Stadium sollen nach einer Angabe konstante Erfolge zu erzielen sein. Wassermann & Leuchs fanden im Knochenmark von Kaninchen und Meerschweinchen bisweilen schon am 5. bis 6. Tag anaphylaktischen Antikörper, während das Serum passiv noch nicht präpaiierte. Nach weiteren 1 bis 2 Tagen gelang die L'ebertragung der Ueberempfindlichkeit mit Knochenmark konstant, auch wenn dasselbe durch Waschen von Serumresten tunlichst befreit war ; doch war um diese Zeit das Blut bereits antikörperhaltig. 1018 Robert Doekr, War die Ueberempfindlichkeit jedoch entwickelt, so konnte man meist weder mit Kaninchen- noch ^leerschweinchenorganen Meer- schweinchen passiv anaphylaktisch machen (Braun i, Doerr & Mol- dovanI, Anderson & Frost, Friedberger & Castelli, Busson & Kirschbaum) ; ja es geht mit fortschreitender Entwickelung des hyper- sensiblen Zustandes auch die passiv präparierende Kraft des Knochen- markes wieder verloren (Wassermann & Leuchs). Eine Uebertragung der Serumanaphylaxie durch die Leukocyten eines übererapfindliclien Meerschweinchens auf ein normales glückte Doerr & Moldo- VAN ' nur in einem Falle, in welchem allerdings das Öerura in weit größerer Menge nicht präparierte. KiciiET''" erhielt wiederholt passive Anaphylaxie mit dem Gehirn von Hunden, die gegen Krepitin überempfindlich waren, auch wenn das Serum frei von Anti- körper war ; er verlegt daher die Entstehung des letzteren in das Zentralnerven- system, eine Ansicht, der auch Achard & Flandin, sowie Belin beipflichten. Nach diesen Autoren bildet sich übrigens zunächst eine Vorstufe des Antikörpers (Protoxogenmej, die als solche nicht reaktionsfähig ist, sondern erst allmählich in den eigentlichen Antikörper umgesetzt wird. Abelocs & Bardier glauben, daß das, was man anaphylaktischen Antikörper nennt, durch Degeneration und Autolyse der Hirnsubstanz entsteht, welche durch die erste Antigeninjektion ausgelöst werden; normale Kaninchen reagierten nämlich wie iiberempfindliche, wenn man ilmen vorher durch Chamberlandkerzen filtrierte Extrakte aus nor- maler, autolysierter Hirnsubstanz intravenös injiziert hatte, während sich Aus- züge aus nicht autolysiertem Gehirn, aus autolysierten Muskeln oder Leber als unwirksam erwiesen. Nach L. Müller werden Komplement und normale cytolytische Ambo- zeptoren in der Leber erzeugt, da sie sofort verschwinden, wenn man dieses Organ aus der Zirkulation ausschaltet, während die Elimination aller anderen Baucheingeweide ohne Einfluß bleibt ; Schilddrüsenpräparate wirken reizend auf die Leber und steigern die Bildung von Komplement und Ambozeptor. Diese Erfahrung im Zusammenhang mit den Versuchen von ManwaringI.^ und NoLF über die Rolle der Leber beim anaphylaktischen Shock und bei der Pepton- vergiftung, sowie mit den Beobachtungen von Hoffmaxx über Koinzidenz von Hyperthyreoidie und Idiosynkrasie gegen Polleneiweiß lassen die Leber auch als Produktionsstätte anaphylaktischer Imraunambozeptoren möglich erscheinen und an eine Beeinflussung durch die innere Sekretion der Schilddrüse denken. Busson und Kirschbaum lassen die anaphylaktischen Antikörper in der Gefäßwand, speziell in den Endothelien entstehen, die ja nach Kraus & Schiffmann auch die Präzipitinbildung besorgen sollen; sie können aber nur den negativen Beweis der mißlungenen Organübertragungen als Stütze anführen. Die Darstellung „anaphylaktischer Gifte" in vitro durch Behandlung von Antigenen mit Organextrakten überempfindlicher Meerschweinchen (Vaughan, Vaughax jun. und Wright) kann schon deshalb weder für die Frage der Bildungsstätte noch für den Antikörpergehalt der Gewebe verwendet werden, weil das Serum der hypersensiblen Tiere dieselbe Wirkung hatte wie Organ- extrakte und letztere nicht aus völlig blutfreiem Material gewonnen wurden. Im allgemeinen hat es also den Anschein, als ob hauptsächlich die l3'mphoiden Organe auf den Immunisierungsreiz der Ana- phylaktogene antworten würden*). Vielleicht verhalten sich aber die Dingo hier so wie bei anderen Antigenen (Pfeiffer & Marx, Wasser- mann, V. Dungern, Deutsch), indem alle Gewebe die Immunkörper- '^) Diese Vermutung konnte v. Heinrich bestätigen (mündliche Mitteilung über eine im Druck befindliche Arbeit). Er sensibilisierte Meerschweinchen und exponierte dieselben eine Stunde lang Röntgenstrahlen ; die Tiere bekamen eine Erythemdosis = 3 Kalom. Nach Ablauf der Inkubation vertrugen sie 2 — 6mal soviel Antigen als gleich präparierte, nicht bestrahlte Kontrollen. Die Ab- schw'ächung des Shocks war am deutlichsten, wenn die Meerschweinchen gleich nach der sensibilisierenden Injektion bestrahlt wurden, kam aber in gewissem Grade auch noch zum Ausdruck, wenn zwischen Präparierung und Bestrahlung ein längeres Intervall lag ; Bestrahlung knapp vor der Reinjektion hatte hin- Allergie und Anaphylaxie. 1019 Produktion übernehmen können, wenn sie mit dem injizierten Anti- gen in direkten Kontakt kommen. Damit stehen die negativen Resul- tate der Versuche mit Organen nur in scheinbarem Widerspruche; nimmt man an, daß sich die Antikörper der Gewebe, die soge- nannten ,,sessilen Rezeptoren", von den freien Antikörpern des Serums dadurch unterscheiden, daß sie in engerem Verbände mit dem Zell- protoplasma stehen, so muß man auch zugeben, daß eine Abstoßung derselben in funktionstüchtigem, selbständigem Zustande vielleicht nur durch den Zellstoffwechsel, nicht aber durch bloße Zertrümmerung oder Auflösung der Gewebe ermöglicht wird (Anderson & Frost). Es existiert jedoch eine Versuehsanordnung, gegen welche dieser Einwand nicht erhoben werden kann und deren Wesen darin besteht, daß man die von Blut befreiten Organe nicht zertrümmert, extrahiert oder autolysiert, sondern aseptisch in normale Tiere, am besten Meerschweinchen, einheilen läl^t. Fried- berger & GiRGOLAFF, später auch Girgolaff sensibilisierten Meerschweinchen und Kaninchen mit Hammelserum und zwar, was nicht irrelevant ist, mit hohen Dosen (1 — 7 ccm) intravenös; 14 Tage später wurden die Tiere durch Ent- bluten getütet, ihre Gefäße mit physiologischer Lösung durchgespült und die verschiedenen Organe izi die Bauchhöhle normaler Meerschweinchen eingepflanzt. Nur im Falle einer reaktionslosen Einheilung der verpflanzten Organe wurden diese Meerschweinchen so weit anaphylaktisch, daß sie auf hohe Dosen intra- venös injizierten Hammelserums (1,0 — 1,5 ccm) mit Symptomen oder akutem Exitus reagierten; die Ueberempfiudlichkeit stellte sich nicht sofort nach der Implantation, sondern erst nach 8 — ^10 Tagen ein und war auch dann nachweis- bar, wenn man das eingeheilte Organ knapp vor der Probe wieder entfernte. Um eine passive Uebertragung fertiger Antikörper konnte es sich in Anbetracht der Inkubation nicht handeln ; Friedberger meint, daß das im Organspender vom Antigenreiz getroffene Organ an seinem neuen Standort weiter Anti- körper sezerniert. Eine dritte Möglichkeit bestünde darin, daß das Organ zur Zeit seiner Entnahme noch Antigenspuren enthält, welche das Tier, dem es implantiert wird, einfach aktiv präparieren. Friedberger & Girgolaff stellen das allerdings in Abrede. Girgolaff tötete nämlich Kaninchen 3 Stunden und 14 Tage nach intravenöser Injektion von 3 Oesen Vibrio Metschnikoff und sah, daß die Implantation ihrer Organe bei normalen Kaninchen nur im zweiten Falle Agglutiuinproduktion hervorrief; wären Antigenreste im Spiel, so hätte das Ver- hältnis gerade umgekehrt sein müssen. Derartige Kontrollversuche mit Organ- übertragung kurze Zeit nach Injektion von Serumantigen wurden jedoch nicht angestellt (mit Bakterien übrigens auch nur ein einziger), und es bleibt auffällig, warum den Organspendern 1000 — 10000 sensibilisierende Dosen Serum- antigerr injiziert werden müssen, warum die Latenzperiode bei den implantierten Tieren mit der Inkubation der aktiven Anaphylaxie so genau übereinstimmt u. dgl. m. Allerdings ist zuzugeben, daß das Intervall zwischen Antigeninjektion und Entnahme der Organe ziemlich lange war ; im Blute würde man aber nach einer solchen Zeit noch immer zur Sensibilisierung ausreichende Antigenspuren antreffen können. Wie lange sich das Antigen in den Organen hält d. h. ob die Organe Eiweißantigene festhalten, wenn sie aus dem Blute verschwunden sind, isr strittig. Nach Luckhardt & Becht bindet gerade die Milz, die sich auch für die üebertragungen von Friedberger & Girgolaff optimal eignete, sehr stark Eiweißantigen; sie injizierten einem Hunde Ziegen- oder Rattenblut, entfernten die Milz, emulgierten sie und spritzten die Emulsion einem nor- malen Hund intraperitoneal ein, worauf Antikörperbildung eintrat. Die Ein- spritzung von Herzmuskel, Leber, Lymphdrüsen ergab kein Resultat. Vaughan, Cumming & Mc Glumphy injizierten Kaninchen intra- venös Eiereiweiß und konnten mit den Organextralvten gegen Eiereiweiß noch gegen gar keinen Einfluß. Mit dem Serum präparierter und bestrahlter Tiere ließ sich bei normalen keine passive Anaphylaxie erzeugen ; der Grund, warum die Röntgenstrahlen die Entwickelung der Ueberempfindlichkeit hemmen, liegt somit in einer mangelhaften Produktion von Antikörper, und diese wird wieder verursacht durch die Schädigung der lyraphoiden Organe, auf welche die Röntgen- strahlen elektiv einwirken. Es ist von Interesse, daß nach Benjamin & Sluka auch die Präzipitinbildung beim Kaninchen durch Röntgenlicht antagonistisch beeinflußt wird. — 1020 Egbert Doerr, aktiv präparieren, wenn das artfremde Protein schon aus der Zirkulation ver- schwunden war; Pearce benützte ähnliehe Versuchsanordnungen und kam zu dem entgegengesetzten Resultat, daß die Gewebe kein Eiweißantigen festhalten, da gewaschene Organe schlechter präparieren als ungewaschene oder als ent- sprechende Mengen Blut. Die Iniplantationsversuche von Friedberger & Girgolaff geben also infolge ihrer zweifelhaften Deutung*) auf die Frage nach der Bildungsstätte der anaphylaktischen Antikörper keine sichere Auskunft. Ebenso wenig sprechen sie gegen das Vorhandensein ,,sessiler Rezeptoren", das Friedberger leugnet, weil die durch Implantation anaphylaktisch gewordenen Meerschweinchen auf die Probe auch dann reagieren, wenn man kurz vorher das eingeheilte Organ entfernt. Es unterliegt übrigens kaum einem Zweifel, daß es eine von der humoralen verschiedene Eiweißanaphylaxie gibt, die sich an der iso- lierten Zelle oder am isolierten Gewebe äußert und daher eine histogene (zelluläre) Ursache haben muß ; ob man sich letztere in Ermangelung eines besseren Ersatzes unter dem Bilde der ,,sessüen Rezeptoren" vorstellen will, bleibt natürlich dem Abstraktionsvermögen des Ein- zelnen überlassen. Die Beobachtungen von W. H. Schultz am ausgeschnittenen glatten Muskel, von Yamanouchi und Xling an peripheren Nerven, von Cesaris-Demel, Launoy u. a. am exzidierten Herzen beweisen, daß bei anaphylaktischen Tieren die Zelle selbst eine spezifische Proteinüberempfindlichkeit besitzt. Bloch & Massixi implantierten auf ein Ulcus cruris je ein Stückchen körpereigene Haut und eines, welches von einem gegen Trichophytie überempfind- lichen Individuum stammte ; letzteres reagierte nach der Einheilung auf Tricho- phytonimpfung noch immer hyperergisch. Diese letztere Erscheinung braucht übrigens nicht auf einem Vorhandensein spezifischer Antikörper im Transplantat zu beruhen, da ein ähnliches Verhalten auch überpflanzte Hautstücke von Idio- synkrasischen z. B. gegen Jodoform zeigen. Hereditäre Anaphylaxie. Eine besondere Form der passiven Anaphylaxie ist die Ueber- tragung derselben durch Vererbung. Sie wurde von Rosenau & Anderson 6, Gay & Southard, Otto 2, Lewis, Schenk 2, BelinI, Muri 2 für Pferdeserum, von Vaughan & Wheeler für Hühner- eiweiß, von Krause 3 für Tuberkuloproteine studiert. Als Versuchstier diente stets das Meerschweinchen. Die Vererbung beruht offenbar auf dem Uebergange des anaphylaktischen Antikörpers aus dem mütter- lichen in den kindlichen Organismus, erfolgt also auf placentarem Wege ; die Ana- phylaxie wird daher nur vom Weibchen, nicht aber vom Männchen auf die Nach- kommenschaft übertragen. Nur Schenk nimmt eine germinative Vererbung durch das Sperma der Männchen an, doch sind seine Versuche nicht beweisend. Durch die Milch kann Eiweißallergie gleichfalls nicht übertragen werden. Für die Ver- erbung ist es nicht gleichgültig, ob die Mutter vor oder nach der Konzeption (in der Gestationsperiode) sensibilisiert wird; nach MoRi wirkt die subkutane Prä- parierung in der mittleren Schwangerschaftsphase optimal. Die ererbte Ana- phylaxie ist von kurzer Dauer, was für ihren passiven Charakter zeugt; bei 2Ü-tägigen Jungen konnte Otto, durch Antigeninjektion Exitus, bei 44 Tage alten nur Krankheitserscheinungen, bei 72 Tage alten überhaupt keine deut- liche Reaktion bekommen. Nach Lewis verschwindet die ererbte Ueberempfind- *) Durch Röntgenbestrahlung der isolierten Organe, speziell der Milz vor der Implantation ließe sich vielleicht eine Entscheidung herbeiführen. Käme die Anaphylaxie ungehindert zustande, so würde eine aktive Präparierung durch Antigenreste vorliegen ; im gegenteiligen Falle wäre die Erklärung von Fried- berger die richtige. Allergie und Anaphylaxie. 1021 lichkeit noch schneller und bietet auch bei Jungen desselben Wurfes ein sehr wechselndes Verhalten. Die Eigenschaften des anaphylak tischen Antikörpers und seine Beziehungen zu anderen Eiweißantikörpern. Der anaphylaktische Antikörper verträgt das Erwärmen auf ößo C, in welcher Hinsicht er den Präzipitinen und Ambozeptoren gleicht, und büßt seine Wirksamkeit auch bei längerem Aufbe- wahren nicht ein (Otto 2, Pick & Yamanouchi^, Burkhardt, Ander- son & Frost). Von theoretischer Bedeutung ist das Verhältnis desselben zu den anderen Antikörpern artfremden Eiweißes (den Präzipitinen und komplementablenkenden Ambozeptoren für gelöste, den Cytolysinen für zellige Eiweißantigene). Fassen wir wieder den Fall der gelösten Eiweißantigene zunächst ins Auge, so sind hier drei Antikörperwirkungen bekannt: der ana- phylaktische Reaktionskörper, das Präzipitin und der komplement- ablenkende Ambozeptor. Friedberger^ ist nun bei kritischer Sich- tung des bereits vorliegenden Tatsachenmaterials zuerst dafür ein- getreten, den anaphylaktischen Reaktionskörper mit dem Präzipi- tin zu identifizieren. Doerr & Russ" konnten unabhängig davon bei einer großen Reihe von Immunsera vom Kaninchen zeigen, daß in quantitativer Hinsicht ein auffallender Parallelismus zwi- schen Präzipitingehalt und passiver Präparierfähig- keit besteht, der sich zahlenmäßig nachweisen ließ. Allerdings beschrieben Doerr & Russ^ auch Antieiweißsera, die zwar pas- sive Anaphylaxie hervorriefen, aber scheinbar kein Präzipitin ent- hielten. Das ist aber nur dann der Fall, wenn man das Vor- handensein des letzteren nach der ÜHLENHUTHschen Methode be- stimmt, indem man fallende Antigenmengen mit je 0,1 Immun- serum versetzt, während man im passiv anaphylaktischen Ver- such ein oder mehrere Kubikzentimeter Serum auf ihr passives üebertragungsvermögen prüft. Bringt man in vitro dieselben Mengen Antigen und Immunserum zur Reaktion wie im Tierkörper, so kann man sich leicht überzeugen, daß auch solche Sera Präzipitine und zwar entsprechend der Menge ihres Reaktionskörpers enthalten, ja daß man aus dem Präzipitationsversuch in der Eprouvette den Ausfall des Tierexperimentes mit großer Sicherheit vorauszusagen imstande ist (Doerr&AIoldovanI). Diese Angaben bestätigten HaendellI' Steffen- hagen 2, wenn sie auch nicht so glatte Versuchsreihen wie Doerr & MoLDOVAN erzielen konnten (intrakardiale Reinjektion !). Auch bei Kaninchen, die man ein einziges Mal mit 1,0 — .5,0 ccm artfrem- den Serums vorbehandelt, stimmen Präzipitin- und Reaktionskörperge- halt untereinander überein und zeigen denselben Parallelismus wie bei wiederholt immunisierten Tieren (Doerr & Russ), gleichgültig an welchem Tage man die Blutentnahme vornimmt. Hintze fand aller- dings nur nach einmaliger Dotterinjektion Uebereinstimmung, während nach einmaliger intravenöser Injektion von 5 ccm Pf er de - serum der Reaktionskörper am 5., das Präzipitin zwischen dem 7. und 9. Tage nachweisbar wurde; er verwendete indes zu wenig em- pfindliche Präzipitinnachweise (Uhlenhuth, Hauser-Carnwarth) und vernachlässigte jede nach 20 Minuten auftretende Trübung. — Scott ^ fand bei 30 zu verschiedenen Zeiten untersuchten Eiweißkaninchen, 1022 Robert Doekr, daß der Grad ihrer aktiven Ueberempfindlichkeit dem Präzipitin- gehalt ihres Serums proportional war und daß das Präzipitin im anaphyl aktischen Shock verbraucht wurde. Nach Cru- vEiLHiER enthalten Kaninchensera, welche Meerschweinchen passiv gegen Milch präparieren, auch starke Laktopräzipitine. Auch Knox, Moss & Brown geben an, daß Kaninchen, die man mit artfremdem Serum vorbehandelt hat, auf die intrakutane Probe erst und nur dann reagieren, wenn sie Präzipitine gebildet haben. Weuu man Pferdepräzipitin vom Kaninchen mit sensibilisierten Pneumo- kokken (d. h. mit solchen, die mit Pneumokokkenimmunserum vom Pferde in Kontakt waren) behandelt, so kann man gleichzeitig mit dem Präzipitin auch den Reaktionskörper durch spezifische Bindung entfernen (Braun ^). — Bestrahlt man Antieiweißsera mit ultraviolettem Licht, so wird ihre präzipi- tierende und passiv präparierende Funktion mit zunehmender Belichtungsdauer abgeschwächt, und zwar in parallelem Grade, um schließlich zu gleiciier Zeit zu verschwinden (Doerr & Moldovan^, Jonesco-Michaiesti & Baroni, Jousset). Läßt man präzipitable Substanz in vitro mit Präzipitin rea- gieren und variiert die Proportion der Komponenten, so kann man bekanntlich bei hochwertigen Präzipitinen die präzipitable Sub- stanz bis auf 0,0001, ja 0,00005 reduzieren, ohne den positiven Aus- fall der lieaktion aufzuheben ; vermindert man aber die Menge des Immunserums, so sieht man, daß 0,01 bereits einen Grenzwert darstellt, selbst für konzentrierteres Antigen. Die passiv anaphylak- tischen Experimente am Meerschweinchen (Doerr & Euss-, Doerr & MoldovanI) zeigen das gleiche Verhalten: zur passiven Vorbe- handlung braucht man immer relativ viel Immunserum, selbst von gut präparierenden Seris 0,3 ccm, um den Tod zu erzielen, mindestens aber 0,03 — 0,01, während als shockauslösende Antigendosis 0,005 ccm artfremdes Serum letal, 0,001 ccm noch krankmachend wirken. Bei der passiven Anaphylaxie der Kaninchen herrschen ebenfalls eigentümliche quantitative Verhältnisse, welche ein vollkommenes Ana- logen zur Präzipitinreaktion bilden (Friedemann 2); sobald nämlich der Niederschlag in vitro bei einseitiger Steigerung der Antigen- menge geringer wird, nehmen auch die Symptome der Anaphylaxie nach Injektion der Gemische kontinuierlich an Heftigkeit ab. Endlich scheint es von Bedeutung, daß sich gerade jene Tiere, welche die besten Präzipitine liefern, auch zur Gewinnung hochwertiger passiv präparieren- der Sera am meisten eignen, nämlich die Kaninchen, wie aus den Versuchen von Doerr, Friedberger, Friedemann u. v. a. mit Sicherheit hervorgeht. Hunde sind bekanntlich schlechte Präzipitinbildner (Michaelis, Doerr & Moldovan) und geben dementsprechend Antieiweißsera, die wenig Reaktions- körper enthalten d. h. nur in großen Dosen passive Anaphylaxie erzeugen. — Die Angabe, daß Meerschweinchen keine Präzipitine, wohl aber anaphylaktische Reaktionskörper produzieren (Kraus & Novotny), ist durch Friedberger & Burkhardt widerlegt. Schon nach einmaliger Antigeninjektion erhielt Friedberger Präzipitine, die freilich — wie das ja auch bei Kaninchen unter solchen Umständen der Fall ist -♦- nur schwach waren; durch mehrmalige intra- venöse Vorbehandlung konnten aber Präzipitationswerte bis 1:1000, ja 1:10000 erzeugt werden (Burkhardt). Dementsprechend ist auch die präparierende Kraft der Meerschweinchensera nach einmaliger Vorbehandlung gering, nach wiederholter größer, ganz wie beim Kaninchen. Burkhardt fand freilich, daß l'räzipitingehalt und präparierende Kraft nur dann, allerdings in hohem Grade parallel gehen, wenn man das serumspendende Meerschweinchen 3 — 5mal iutra- peritoneal immunisiert hat, daß dagegen die Smalige intravenöse Einspritzung hochwertige Präzipitine und relativ schwach präparierende Fähigkeiten ergab und daß hier auch kein Parallelismus der Sera untereinander zutage trat. • Allergie und Anaphylaxie. 1023 Andere Forscher lehnen im Gegensatze zu den angeführten Er- gebnissen jeden Zusammenhang zwischen anaphylaktischem Reaktions- körper und Präzipitin entschieden ab (Kraus äBiedl*, Armit, v. Dun- gern & Hirschfeld 3 u. a. m.). Den Grund bilden meist Unstimmig- keiten, welche sich bei einzelnen Kaninchensera und bei der Mehr- zahl der Antisera vom Meerschweinchen zwischen präparierender und ausllockender Kraft gegenüber dem Antigen herausstellten (Kraus & NovOTNY, BuRKHARDT [s. obeu], Armit), wobei aber, wie bereits betont, verschiedene Antigen- und Antikörperquanten in vivo und in vitro zur Reaktion gebracht wurden. Was die Identität der anaphylaktischen Immunstoffe mit den komplementablenkenden Ambozeptoren spezifischer Eiweiß- körper anlangt, so hat die Erörterung dieses Themas natürlich nur unter der Voraussetzung einen Sinn, daß man die Verschiedenheit der letzteren von den Präzipitinen für so sicher erwiesen hält, wie Neisser & Sachs, Haendel & Steffenhagen, v. Dungern & Hirsch- feld, Welsh & Chapmann etc. — Die Zahl der in dieser Hinsicht vor- liegenden Arbeiten ist gering und zeigt, daß passiv anaphylakti- sierende Kaninchen s er a in der Tat mit ihrem Antigen in vitro meist Komplement fixieren. Nach Hintze erscheinen bei Kaninchen, die eine intravenöse Injektion von Pferdeserum oder Dotter erhielten, komplementbindende und anaphylaktische Antikörper annähernd zur gleichen Zeit (am 5. Tage) und halten sich beide bis zum 14. bis 16. Tage im Blute in gleicher Höhe. Armit konstatierte in Ver- suchen mit Eiereiweiß, daß die passiv übertragende Kraft eines Serums und seine Fähigkeit, Komplement abzulenken, ungefähr parallel gehen. Kraus & Novotny sahen auch hier das Gegenteil. Meerschweinchenimmunserum gibt mit seinem Antigen in vitro nach Otto, Sleeswijk, Kraus & Novotny keine Komplementfixation ; DoERR & Russ, Nicolle & Abt berichten über positive Resultate, deren Möglichkeit übrigens schon aus der von Friedberger & Burck- habdt festgestellten präzipitierenden Kraft der Meerschweinchen- antisera hervorgeht. V. Dungern & Hirschfeld* behandelten ein präzipitierendes Serum mit LuGOLscher Lösung ; seine ausflockende Kraft wurde nur wenig abgeschwächt, sein passives Präparierungsvermögen dagegen stark reduziert. Da vitro- Versuche ergeben hatten, daß die Jodierung eines präzipitierenden Serums die präzipi- tierende Funktion intakt lassen kann, während die komplementbindende abge- schwächt oder aufgehoben ist, so schließen v. Dungern & Hirschfeld, daß die anaphylaktischen Antikörper Ambozeptorentypus haben müssen. Das schließt natürlich ihre Identität mit den nativen Präzipitinen, wie mehrfach erwähnt, nicht aus. Es haben sich also im allgemeinen zahlreiche Uebereinstimmungen und in vielen Fällen auffallende quantitative Parallelismen zwischen anaphylaktischen Reaktionskörpern, Präzipitinen und komplement- bindenden Ambozeptoren ergeben. Da aber die drei Eigenschaften doch bei einzelnen der zahlreichen untersuchten Sera Differenzen dar- boten, so zeigt die Majorität der Forscher die Tendenz, drei ver- schiedene Antikörper des artfremden Eiweißes anzunehmen. Man übersieht dabei, daß Präzipitation, Komplementbindung und ana- phylaktisches Experiment drei Reaktionen eines kolloidalen Anti- gens mit einem kolloidalen Antikörper darstellen können, die sich nur unter sehr verschiedenen Bedingungen vollziehen: sie verlaufen zum Teil im Tierkörper, zum Teil in der Eprouvette, gehen in Mi- 1024 Robert Dobrr, * Ileus vor sich, in welchen bald Elektrolyten, bald andere Kolloide prävalieren, sie werden mit verschiedenen Mengen der wirksamen Komponenten angestellt, welche das Ergebnis je nach der Reaktion in differenter Weise beeinflussen. Sie hängen in verschiedener Weise ab von der jeweiligen Avidität des Antikörpers und der dadurch bedingten Geschwindigkeit des Reaktionsablaufes, welche für die Ana- phylaxie viel maßgebender ist, als für die vitro-Reaktionen, da sich erstere in Minuten, letztere in Stunden vollziehen (Doerr & Moldo- van2). Ferner ist auch die Beschaffenheit der Eiweißkörper des Immunserums, an welche der Antikörper gekettet ist, nicht irrelevant und für jede Reaktion von anderer Bedeutung, so daß sich z. B. Pferdeantisera vom Kaninchen und Meerschweinchen in ihrer passiv präparierenden Fähigkeit gleich, bei der Präzipitation aber wegen der verschiedenen Stabilität der Eiweißkolloide verschieden verhalten können. Den Ausfall der Reaktion nennen wir endlich bei der Prä- zipitation positiv, wenn optisch wahrnehmbare Zustandsänderungen der reagierenden Kolloide auftreten, bei der Komplementbindung, wenn ein drittes Kolloid, das Komplement, in die Reaktion eingeht, beim anaphylaktischen Versuch, wenn die Vereinigung der Stoffe stärkere Schädigungen des lebenden Organismus bedingt. So ist es nur natür- lich, daß sich auch bei einem identischen Antikörper Differenzen je nach der Art des Nachweises ergeben können; eine absolute Uebereinstimmung der drei Reaktionen wird sich nach den bis- herigen Methoden wohl nie erzielen lassen und man mag daher immerhin für praktisch-serologische Zwecke an einem Eiweißanti- seruni drei Wirkungsarten durch die Namen Präzipitin, Ambozeptor und Reaktionskörper differenzieren. Dadurch wird aber die Wichtig- keit der Annahme nicht tangiert, daß ein Antikörper diese drei Re- aktionen liefert (Bürdet, Doerr, Römer, Friedberger u. a. m.), und wir sind zu einer solchen Annahme berechtigt, weil diesem Antikörper ein einheitliches, nach Wells & Osborne chemisch rein darstellbares Antigen entspricht, weil die diversen Energien des Antikörpers voneinander keineswegs unabhängig sind, sondern den gleichen Normen der Spezifität, der Resistenz gegen äußere Einflüsse, der Adsorbierbarkeit gehorchen, weil alle die Tendenz der Komplement- verankerung aufweisen und schließlich doch eine sehr weitgehende, •wenn auch nicht absolute quantitative Abhängigkeit voneinander do- kumentieren. Verfolgt man die neueste Entwickelung der Anaphy- laxieforschung, so drängt sich die Ueberzeugung von selbst auf, daß gerade der Umstand, daß man in den anaphylaktischen Antigenen und Antikörpern besondere, bisher unbekannte Stoffe oder Funktionen sah, einer richtigen Erfassung der Probleme am meisten hindernd im Wege stand. Bei den zelligen Antigenen (Spermatozoon, Erythrocyten etc.) sind die anaphylaktischen Reaktionskörper allem Anscheine nach mit den ly tischen Ambozeptoren» (und den Präzipitinen für Zelleiweiß) wesensgleich. Dieser schon von Pfeiffer konzipierte, von Weichardt, Wolff-Eisner, NicoLLE präziser gefaßte Gedanke erfuhr eine experimentelle Bestätigung durch die Versuche von Friedemann ^ über die Erythrocytenanaphylaxie des Kaninchens. Friedemann zeigte, daß mit Rinderblut wiederholt injizierte Kaninchen nicht nur aktiv anapliylaktisch werden, sondern in ihrem Serum einen spezifischen Reaktionskörper bilden, mit dem sich der Zustand auf normale Ka- ninchen übertragen ließ. Dieser Reaktionskörper war thermostabil, hielt das In- Allergie und Anaphylaxie. 1025 aktivieren ohne Abschwäctiung aus und konnte durcli Adsorption mit den homo- logen Erythrocyten dem Immunserum entzogen werden, alles Eigenschaften hämo- lytischer Ambozeptoren. Durch Austitrieren der hämolytischen und der passiv ana- phylaktisierenden Wirkung verschiedener Antierythrocytensera ergab sich zwischen beiden ein hochgradiger und durchgängiger Parallelismus. — Nachdem sich schon Thomsex mit derErythrocytenanaphylaxie des Meersch wei uchens beschäftigt hatte, griffen Doerr & Moldovax i die Versuche wieder auf und stellten fest, daß sich Meerschweincheu mit einem Hammelhämolysin vom Kaninchen passiv gegen die 24 Stunden später erfolgende Reinjektion von Hammelerythrocyten präparieren lassen. Die Symptome waren typisch anaphylaktische, die Hammel- erythrocyten für normale Tiere völlig unschädlich. Noch genauere Experhnente verdanken wir Pfeiffer & Mita^. Sie machten Meerschweinchen mit einem Rinderhäraolysin vom Kaninchen gegen Rindererythrocyten anaphylaktisch : da- fegen reagierten die Tiere nicht auf ßüiderserum. Das verwendete hämolytische mmunserum löste Rinderblutkörperchen in hohen Verdünnungen, gab mit Rinder h ämoglob in Ausflockung, war aber nicht imstande, Rinderserum zu präzipitieren. Demnach bestand im Tiere wie in vitro dieselbe Organspezifität für Erythrocyteneiweiß. In gleicher Weise sind die bakteriolytischen Ambozeptoren mit den Reaktionskörpern der Bakterienanaphylaxie identisch, die sich nach Vorbehandlung mit Bakterienproteinen bilden (Pfeiffer, Wolff- EtSNER, NiCOLLE & POZERSKI u. a.). Aus der Identität der ly tischen Ambozeptoren mit den ana- phylak tischen Antikörpern der Zeilantigene folgt natürlich durchaus nicht, daß die Anaphylaxiereaktion auf einer Hämo- oder Bakteriolyse oder auf einem Freiwejden prcäformierter Zellgifte beruht. Daß dies nicht der Fall sein kann, geht schon daraus hervor, daß präparierte Meerschweinchen bei der Probe mit minimalen Erythrocytenmengen in wenigen Sekunden verenden, also zu einer Zeit, wo nachweislich noch gar keine Hämolyse eingetreten ist (Doerr & MoldovanI). Es ist übrigens durch die Untersuchungen von Ehrlich & Morgex- ROTH u. a. sichergestellt, daß Antigen, Antikörper und Komplement schon längst reagiert haben, bevor die Reaktion in der Lyse ihren sichtbaren Ausdruck findet und man muß daher wenigstens die Möglichkeit ins Auge fassen, daß schon die Initialstadien der Anti- genantikörperreaktion zur Ursache der anaphylaktischen Erschei- nungen werden können, nicht nur die terminalen Phasen. Die Anti- genantikörperreaktion braucht dabei nicht direkt zu wirken, indem sie präformierte Gifte der Antigene frei macht, oder neue aus dem Komplex Antigen -Antikörper stammende liefert, son- dern indirekt als auslösendes Moment, indem ihr ^Ablauf im Körper chemisch-physikalische Veränderungen im Blute oder den Zellen nach sich zieht, die pathogen werden (s. S. 1117). Das Komplement. Da die passive Uebertragungsmöglichkeit der Anaphylaxie klar beweist, daß die anaphylaktischen Erscheinungen auf einer Antigen- antikörperreaktion beruhen oder doch durch eine solche ausgelöst werden, und da so viele Momente für den Ambozeptorcharakter des Antikörpers sprechen, so durfte man Von vornherein erwarten, daß noch ein dritter Faktor intervenieren kann : das Komplement. Schon im Jahre 1906 hatten Michaelis und Fleischmann bei mit Eiweiß immunisierten Kaninchen Komplementschwund beobachtet. Friedemann ^ suchte die essentielle Rolle des Komplementes bei der Erythrocytenanaphylaxie der Kaninchen auf einem besonderen Wege zu erweisen (s. S. 1041 j und Scott ^ Handbuch der pathogenen Mikroorganismen. 2. Aufl. II. 65 1026 Robert Doerr, fand, daß schAvere Symptome bei der Serumanapliylaxie dieser Tiere stets von einem Sinken der Komplementmenge im Serum begleitet sind. Am Mee rsch w ei 11 eil en untersuciite zuerst Otto^ das Verlialten desKnni- plemeutes und konnte keine Konii)lementverarmung nachi Eintritt der anapliyiakti- sclieii Erscheinungen konstatieren. Dagegen hat Sleeswijk - festgestellt, daß die Reinjektion von Antigen (Probe) bei aktiv anaphvlaktischen Meerschweineheu von einer Komplementreduktion im Blute gefolgt ist, die nach 5 Minuten nocfi nicht deutlicli ausgesprochen war, sondern erst nach 30 Minuten evident wurde; stirbt das Tier im Sliock nach wenigen Minuten, so ist sein Serum nach Sleeswijk noch nicht auffallend oder gar nicht komplementärmer, doch schreitet der Komplement- schwund in vitro bei längerem Stehen noch erheblich fort. Sleeswijk folgerte daraus, daß die Erscheinungen nicht durch den Ale.xinverlust bedingt sein können. Die genauesten Versuche in dieser Richtung verdanken wir Feiedberger & HartochI, ~. Nach iliren Angaben sinkt der Komple- menttiter bei aktiv anapliylaktischen Meerschweinchen im Shock von 0,03—0,008 vor der Probe auf 0,02—0,04 nach derselben; die Kom- plementabnahme ist also nur unbedeutend, aber konstant, erfolgt un- mittelbar nach der Reinjektion des Antigens und knapp vor Aus- bruch der Symptome und erfährt weder im Tiere noch in vitro eine» weitere Zunahme. Bei passiv anaphylaktischen Meerschweinchen war der Komplementschwund nach der Antigeninjektion ein viel inten- siverer, meist völliger ; schon die intraperitoneale Vorbehandluno- mit dem passiv präparierenden Serum veranlaßte ein Abfallen des Kom- plementtiters von 0,01 auf 0,04—0,08 ccm innerhalb der 24 Stunden, die bis zur Probe verliefen, und nach der Probe genügte nicht einmal 0,3 ccm zur Komplettierung eines hämolytischen Systems. Wenn die Meerschweinchen sich von der Shockwirkung erholten, so erreichte ihr Serum innerhalb einiger Stunden wieder seinen normalen Komplement- bestand. Endlich sollte die Intensität des Komplementschwundes der Schwere der Erscheinungen bis zu einem gewissen Grade parallel gehen (FriedbergerI^) ; an anderer Stelle findet sich freilich wieder die Behauptung, daß beide Phänomene voneinander völlig unab- hängig sind. In Uebereinstimmung mit Sleeswijk steht auch Friedberger auf dem Standpunkte, daß der Komplementverlust an sich nicht als Ursache der Symptome angesehen w^erden kann, schon deshalb, weil sich dieselben durch reichliche Komplementzufuhr nicht verhindern lassen, gleichgültig, ob die letztere vor oder nach der shockauslösenden Antigeninjektion ausgeführt wird. Viel- mehr kann der Zusammenhang nach Friedberger nur der sein, daß erst die Verbindung von Antigen, Antikörper und Komplement schädlich wirkt, oder, wie sich dieser Autor in seinen neueren Ar- beiten bestimmter ausdrückt, daß die Eiweißantieiweißver- bindung erst durch den Zutritt von Komplement zum Gift wird. Um dies experimentell zu erhärten, hat man auf verschiedene Art versucht, die anaphylaktischen Symptome durch Ausschaltung des Komplementes zu inhibieren. Nach Ehrlich cfe Sachs, Nolf, Hectoen & Rüdiger etc. kann man die Verankerung des Komple- mentes durch den Ambozeptor verhindern, wenn man das Reaktions- medium durch Salzzusatz hyperton macht. Friedberger &Hartoch1,^ vermochten nun in gleicher Weise sowohl bei aktiv als passiv ana- phylaktischen Meerschweinchen durch präventive intravenöse Injektion hoher Kochsalzdosen (mit und ohne Zusatz von 1 Proz. CaCU) die Allergie und Anaphylaxie. 1027 Wirkung einer unmittelbar darauffolgenden endovenösen Antigen- injektion zu _ paralysieren. Die Experimente gelangen übrigens nur, wenn man knapp letale Antigenmengen oder schwache (bis 4-fache) Multipla derselben injiziert und wenn die infundierten Salzmengen ausreichen, um die nötige Hypertonie zu erzielen ; auf Nichtbeachtung dieser Kautelen sollen nach Friedberger die negativen Resultate von BiEDL & Kraus an Hunden zurückzuführen sein. Ferner wurden noch folgende Argumente geltend gemacht: Vogelkomplement paßt nach den vitro-Versuchen von Wechs- berg nicht auf bakteriolytische Ambozeptoren der Säuger; dement- sprechend läßt sich bei Vögeln keine passive Anaphylaxie durch reaktionskörperhaltige Sera von Säugern erzeugen, weil das Vogel- komplement nicht imstande ist. mit dem Eiweißambozeptor des Säugers zu reagieren. Umgekehrt gelingt auch die heterologe passive Ueber- tragung vom Vogel auf den Säuger nicht; wohl aber lassen sich Vögel mit Immunserum von anderen Vogelarten passiv präparieren, auch wenn dieses gegen Säugereiweiß gerichtet ist, und ebenso ist eine aktive Sensibilisierung von Vögeln gegen Säugereiweiß und um- gekehrt ohne weiteres durchführbar (Uhlenhuth & Haendel^, Fried- berger & Hartoch), weil bei diesen Anordnungen stets Ambozeptoren und dazu passendes Komplement derselben Tierklasse disponibel sind. Das Serum von trypanosomenkranken Meerschweinchen weist in den aller- letzten Stadien der Krankheit eine Verminderung oder sogar einen vöUigen Schwund des hämolytischen Komplementes auf (Hartoch & Yakimoff). Sen- sibilisiert man nun Meerschweinchen vor der Inokulation der Trypanosomen mit 0,01 Pferdeserura und prüft sie zurzeit der Komplementverarmung mit 1,0 ccra Pferdeserum intravenös (Intervall 7 Wochen), so erscheinen sie unempfindlich (Hartoch & Sirexskij). LÖFFLER präparierte Meerschweinchen aktiv gegen Pferdeserum und spritzte vor der Probe bestimmte Giengen Hammelerythrocyten und eines korrespon- dierenden Ambozeptors ins Peritoneum, wodurch nach einer Stunde ein voll- ständiger Verbrauch von Komplement in der Bauchhöhle eintrat. Wurde jetzt Pferdeserum (5 ccm) intraperitoneal injiziert, so blieb der anaphyUiktische An- fall gänzlich aus. Doch ist hier zu erwägen,, daß Erythrocyten und Ambozeptor selbst einen anaphylaktischen Prozeß einleiten, der von unspezifischer Resistenz- erhöhung gefolgt sein kann (s. S. 1085 ). v. Dungern & Hirschfeld* jodierten ein Antihammelserura, welches durch diesen Eingriff kerne Aenderung der präzipitierenden Antikörper erfuhr, wohl aber die Fähigkeit der Komplementbindung in vitro einbüßte. Da es nicht mehr passiv präparierte, so halten die Autoren die wesentliche Beteiligung des Komplementes für erwiesen. Schließlich hat man auch alle jene Erfahrungen zugunsten der direkten lutervention des ,, Komplementes" verwertet, welche man über die Notwendigkeit komplementhaltigen Serums zur Darstellung der sogenannten „Anaphylatoxine" (s. daselbst) aus Erythrocyten, Bakterien, Präzipitaten, verschiedenen Proteinen etc. gesammelt hatte. In neuerer Zeit haben sich jedoch zahlreiche Stimmen erhoben, welche die Beweiskraft dieser Angaben zu erschüttern suchen ; auch wurden Tatsachen festgestellt, die sich mit der Betrachtungsweise Friedbergers nicht vertragen. Ein notwendiges Erfordernis jeder Theorie, die dem Komplement eine ausschlaggebende Rolle vindiziert, ist die Konstanz des Kom- plementsch wundes bei typisch anaphylaktischer Versuchsanord- nung. Die zahlreichen, exakten Titrationen von Friedberger & Har- toch, die Nachprüfungen von Doerr & Russ^, Doerr & Moldovan^, Nadejde^ an Meerschweinchen und Hunden, von Joachimoglu an Tauben ließen gerade über diesen Punkt zunächst kaum einen Zweifel 65* 1028 E.OBEET DOERR, aufkommen, und die gegenteiligen Angaben von Tsuru, die allerdings zum Teil auf eine mangelhafte Technik basiert waren, wurden mit großer Entschiedenheit abgelehnt (Doerr, Friedberger, Sleeswijk). BussoN & Takahashi, Loewit & Bayer haben aber in einwandfreier Weise gezeigt, daß aktiv präparierte Meerschweinchen bei der intra- venösen Injektion im Shock akut eingehen können, ohne daß die ge- ringste Komplementreduktion nachweisbar wird ; das ist besonders bei Verwendung atoxischer Antigene z. B. Pferdeserum der Fall (BussoN & Taivahashi), namentlich aber nach Hühnereiklar (Loewit cV- Bayer). Umgekehrt kann es sich mitunter ereignen, daß auch nor- male Meerschweinchen nach Pferdeserum, Einderserum oder Hühner- eiklar eine analoge Komplementabnahme zeigen (Loe-wit & Bayer) wie präparierte, trotzdem diese Proteine im normalen Organismus keine Erscheinungen hervorrufen. Weiter erscheint die enorme Differenz zwischen dem geringen oder fehlenden Komplementschwuud aktiv präparierter Tiere und dem totalen passiv anaphylaktischer unverständlich (Tsurü, Armand-De- LiLLE, Biedl & Kraus, Doerr, Busson & Takahashi) ebenso wie die nunmehr sichergestellte Tatsache, daß selbst innerhalb einer dieser beiden Kategorien jeder Parallelismus zwischen der Intensität der Symptome und dem Grade der Komplementabnahme vermißt wird. Oft zeigen gerade protrahiert und schwach reagierende Meerschwein- chen einen recht beträchtlichen Komplementverbrauch, was darauf beruht, daß letzterer im lebenden Tiere sowohl wie im Körper ana- phylaktisch verendeter weiter fortschreitet, wie aus den Experi- menten von BussoN & Takahashi im Gegensatze zu Friedberger und in Uebereinstimmung mit Sleeswijk klar hervorgeht. Es ist daher durchaus nicht gleichgültig, in welchem Zeitintervall von der Antigenreinjektion man die Serumprobe vom noch lebenden oder schon dem Shock erlegenen Meerschweinchen zwecks Komplementtitration entnimmt. Die Salzversuche wurden bd aktiver Meerschweincheiianaphylaxie zwar von Loewit, Armand-Delillb & Launoy, sowie Ritz bestätigt, der Schutz- wert des Kochsalzes aber viel niedriger veranschlagt (nur gegen eine anderthalb- fach oder einfach tödliche oder gar subletale Antigeudosis). — Uebrigens sind diese Experimente für die Auffassung von Friedberger nicht beweisend. Die ,, Salztiere" zeigen nämlich unmittelbar nach der Antigeninjektion doch etwas Komplenientschwund (Friedberger & Hartoch, Biedl & Kraus"), wenn auch angeblich in geringerem Grade als Kontrollen, die nur Antigen ohne Salz er- halten haben; wenn man aber bedenkt, wie gering die Komplementabnahme bei aktiver Anaphylaxie sein kann, so wird man zugeben, daß sie auch bei manchen Salztieren ausreichen müßte, um den Shock zu ermöglichen. Ferner gleicht sich ja die Hypertonie des Blutes sehr bald wieder aus und es kommt demnach die Ursache der behinderten Komplementbindung rasch in Wegfall; doch könnte immerhin die Verzögerung der Komplementwirkung für das Ausbleiben der plötzlichen shockartigen S\'mptome verantwortlich gemacht werden. HoheSalzkon- zentratiouen hemmen ferner in vitro nicht nur die Bindung zwischen Ambozeptor und Komplement, sondern auch die zwischen Eiweißautigen und Ambo- zeptor (Präzipitin) (Doerr & Rwss^, Sleeswijk 3). Friedberger & Gold- schmidt wollen allerdings nur eine Verlangsamung des sichtbaren Präzipitations- vorganges zugeben, während Ambozeptoren (Angerer), Agglutinine oder Eiweiß- antikörper bei hohem Salzgehalt mit ihren Antigenen quantitativ und zeitlich ungeschwächt reagieren; das steht aber mit den Beobachtungen von Land- steixer & Welecki, wonach die spezifische und unspezifische (Histon-)Agglu- tination von Erythrocyten durch Salze eine auffallende Hemmung und zwar infolge von verzögerter Agglutininbindung erfährt, im Widerspruch. — Ritz fand, daß Kochsalz nicht nur die aktive Anaphylaxie antagonistisch beeinflußt, sondern auch die Injektion bereits fertiger Gifte, wie Wittepepton, ,,Anaphyla- Allergie und Anaphylaxie. 1029 toxin" ; es ist daher auch im ersteren Fall sehr fraglich, ob das Kochsalz, wie Friedberger meint, die Entstehung des Giftes verhindert, oder ob es einfach seine Wirkung hemmt. Diese Hemmung könnte nach Borxstein darauf beruhen, daß das NaCl innerhalb von 3 Minuten eine Zunahme der Blutmenge um 60 — 100 Proz. bewirkt; die Wirkung aller ,,anaphylaktischen Gifte" wird nämlich durch zunehmende Diluition vermindert. Daß sich Vögel mit Säugerambozeptoren passiv nicht präparieren lassen, würde nur dann durch das Fehlen eines entsprechenden Komplementes er- klärt werden können, wenn es gelänge, durch Zufuhr von Säugerkomplement bei der Probe diesen Defekt auszugleichen und anapbylaktische Symptome zu erzeugen (Doerr). Auch lassen sich Säuger mit Vogelantiserum nicht passiv sensibilisieren, trotzdem Präzipitate (Reaktionsprodukte) aus Antigen und Vogel- antiserum Säugerkomplement binden (Moreschi, Biedl & Kraus). Uebrigens wären die ganzen Versuche dieser Art mit Rücksicht auf die neuen Ergebnisse von MuiR über das wechselnde gegenseitige Verhalten von Ambozeptoren und Komplementen der Vögel und Säuger dringend einer Revision bedürftig. Bei den Versuchen von Hartoch & Sirenskij hatten die trypanosomen- inf izierten, nicht empfindlichen Meerschweinchen noch immer genug Kom- plement (0,06 — 0,08 als Titer), etwa soviel wie ein passiv präparier- tes Tier; die Ursache des Ausbleibens der Symptome konnte also unmöglich der Komplementmangel sein. Ebenso bedeutungsvoll wie diese kritischen Bestrebungen wurden andere, welche gegen die Lehre von der Wirkung des Komplementes mit neuen experimentellen Ergebnissen auftraten. So kann man nach Ritz weiße Mäuse durch ein- oder zwei- malige Vorbehandlung mit artfremdem Serum anaphylaktisch machen, was bei intravenöser Antigenprobe deutlich hervortritt. Die weißen Mäuse bilden nun, wenn auch in geringer Menge, Präzipitine und komplementbindende Antikörper, enthalten aber in ihrem Serum kein vollständiges Komplement für hämolytische Kaninchenambozep- toren, sondern nur das Mittelstück. Daß aber das Mittelstück, welches auch bei anderen Antigenantikörperreaktionen am stärksten verbraucht wird (Michaelis & Skwirsky), für den anaphylaktischen Shock ge- nügt (^RiTz & S.^CHs), bestreiten Friedberger & Ito auf Grund ihrer Versuche über die Bildung der Anaphylatoxine. Ritz & Sachs lassen daher auch die Möglichkeit offen, daß die im Plasma (Serum) vorhandene Substanz, welche in die Antigenantikörperreaktion ein- gehen muß, damit anaphylaktische Erscheinungen zustande kommen, mit dem hämolytischen Komplement oder mit dem, was wir über- haupt Komplement nennen, nicht absolut identisch ist, sondern nur einen weitgehenden Parallelismus mit den Komplementfunktionen be- sitzt, woraus sich die tatsächlichen Befunde Friedbergers erklären würden. Loewit & Bayer führten bei aktiv präparierten Meerschweinchen ein passendes Antikomplementserum in die Zirkulation ein, durch welches eine vollständige (auch intravital erwiesene) Komplement- fixation bewirkt werden konnte ; trotzdem ließ sich in diesem Zu- stande ein typischer, anaphylaktischer Shock auslösen, zu dessen Ent- stehung mithin die Anwesenheit von freiem, aktionsfähigem Kom- plement nicht erforderlich ist. Endlich reduzieren nicht nur anaphylaktische Vorgänge (Eiweiß- antieiweißreaktionen) das Komplement im lebenden Organismus, son- dern auch Injektionen anderer Stoffe z. B. von Wittepepton (BussoN & Takahashi), dessen komplementbindende Fähigkeiten in vitro bereits Löwenstein 1902 beschrieben hatte. 1030 Robert Doerr, Berücksichtigt man pro und contra ofcg'ektiv, so kann man dem Komplementschwund, der die überwiegende Mehrzahl anapliylaktischer Prozesse in allerdings sehr wechselndem Grade begleitet, keine ur- sächliche, sondern nur eine akzidentelle, sekundäre Bedeutung zu- schreiben. Da die Eiweißantieiweißreaktion, welche den anaphylak- tischen Erscheinungen zugrunde liegt, ein zunächst rein humoraler Vorgang sein kann (passive Versuchsanordnung, Wirksamkeit der intravenösen Probe), so wird es ja auch nicht wunder nehmen, wenn das Milieu, in dem sie sich abspielt, das Blut, daran partizipiert. Wir werden sehen, daß die Komplementabnahme nur ein Glied in der Kette von Veränderungen ist, welche das Blut hinsichtlich seiner morphologischen und chemisch-physikalischen Eigenschaften im ana- phylaktischen Shock erleidet. Die Ursache der anaphylaktischen Erscheinungen. — Theorien über anaphylaktische Gifte (Anaphylatoxine von Fried- berger, Apotoxine von Riebet). Schon frühzeitig begegnen wir der Vorstellung, da& die letzte Ursache aller Ueberempfindlichkeitsphänomene nur In einer Vergif- tung gelegen sein könne. P.Pfeiffer meinte bereits, daß das Komple- ment ambozeptorbeladene Bakterien auflöst und aus den Leibern prä- formierte Gifte (^Endotoxine) in Lösung überführt, und wir stoßen auf diese Auffassung bei Weichardt, Wolff-Eisner, Nicolle u. a. immer wieder. Da sich die Hypothese indes nur auf Zellen anwenden ließ, die in gelöstem Zustande primär toxisch wirken, nicht aber auf Substanzen, die von vornherein gelöst und ungiftig sind, so dachte man sich die Sache später so, daß durch die Verbindung von Antigen und Antikörper ein neues, hochtoxisches Produkt entsteht (v. Pirquet & Schick, Pichet, Otto, Besredka, Nicolle, Vaughan & Wheeler, Doerr & Russ-), eine Vorstellung, die auf der passiven Uebertragung des anaphylaktischen Zustandes aufgebaut war. Friedbergers Unter- suchungen über die Beteiligung des Komplementes wirkten dann in der Weise modifizierend, daß man dem Antikörper bloß die Rolle des Vermittlers zuschrieb und in dem chemischen Abbau des Antigens durch das Komplement e i n e n g i f t b i 1 d e n d e n Pro- zeß erblickte, der zur Entstehung von schädlichenSpalt- produkten führt. Diese Ideenrichtung wurde fast von allen Seiten akzeptiert und eifrig weiter verfolgt; sie dominiert noch heute, trotz- dem auch die intensivste Arbeit drei Postulate nicht erfüllen konnte, die man notwendigerweise aufstellen muß: die Eruierung der Muttersubstanz, durch deren Aufspaltung Gift geliefert wird, die Erkenntnis der Natur und Eigenschaften dieses Giftes und endlich den effektiven Nachweis, daß das- selbe im anaphylaktischen Shock entsteht (Doerr, Auer). Die Lehre, daß die ,, anaphylaktischen Gifte" durch einen Anti- genabbau gebildet werden, bei dem das Komplement als spaltendes Enzym fungiert, steht im innigsten Konnex mit der Theorie der parenteralen Verdauung. Wird artfremdes Eiweiß in den Darmkanal eingeführt, so besorgen die Verdauungssäfte seinen Abbau, das ,, Zerschlagen in Bau- steine". Aus diesen einfachen Spaltprodukten, den Aminosäuren, ver- mag dann die assimilierende Tätigkeit der Körperzellen arteigenes Allergie und Anaphylaxie. 1031 Eiweiß synthetisch aufzubauen ; das ergibt sich u. a. daraus, daß das native Nahrungseiweiß vollkommen durch tiefabgebaute, abiurete Prä- parate ersetzt werden kann, wie man sie durch aufeinanderfolgende Pepsin-, Trypsin- und Erepsin-Verdauung nativen Eiweißes erhält (LoEwi, Abderhalden, Frank & Schittenhelm etc.). Darnach bildet also die Darmwand gewissermaßen einen Schutzwall, der die Arteigenheit des Organismus wahrt und das Eindringen artfremden Materiales in unverändertem Zustande in der Regel verhindert. Nach der herrschenden Ansicht ist aber der Körper höherer Tiere auch dann nicht wehrlos, wenn man ihm die blutfremden Stoffe, ins- besondere die artfremden Proteine, parenteral beibringt, und zwar soll ihre Beseitigung auf analogem Wege erfolgen wie bei der nor- malen Ernährung, nämlich durch fermentative Zerlegung in indifferente Bruchstücke (parenterale Verdauung) und Verwertung derselben als Baustein oder Energiequelle. Die Basis dieser Theorie bilden die Kenntnisse über die Schicksale parenteral injizierter Eiweißstoffe und der von Abderhalden geführte Nachweis, daß nach Einspritzung von Proteinen oder Proteinderivaten proteolytische Fermente im Blute auftreten. Bei der Wichtigkeit dieser Verhältnisse für unser Thema mögen die hauptsächlichsten Ergebnisse hier kurz skizziert werden. Ueber Schicksale parenteral injizierter Ei\veißkörper ist folgendes bekannt : I. Eiweißkörper aus den Gruppen der Albumine, Globuline, Nukleoalbumine, des Fibrins und der Albuminoide. a) Arteigenes Eiweiß (Serum) im Hungerzustande parenteral in- jiziert verursaciit nach Lommel Ijeine Steigerung der N-Zufulir, sclieint also unangreifbar, während es per os zugeführt, sofort zerlegt und als Harnstoff abgeschieden wird. Beide Einverleibuagsarten stünden demnach hier in scharfem Gegensatze. — Nach anderen Autoren (Forster, Friede- mann & IsAAC) erfolgt nach arteigenem Eiweiß dieselbe Steigerung der N-Zufuhr wie nach einmaliger Einspritzung von artfremdem; nur große Pflanzenfresser (Ziege, Hammel) und auch diese nur im Stickstoffgleichgewicht vermögen art- eigenes Eiweiß zu retinieren, jedoch bisweilen auch artfremdes. b) Artfremdes Eiweiß. a) Erste Zufuhr. Die Bestimmung des N im Harne ergibt bei Hunden, Ziegen und Kaninchen eine Vermehrung, die sich in den Grenzen der Zufuhr hält und der früheren N-Menge einfach superponiert wird (Friedemaxn & ISAAC, DE WaELE & VAN DEN VeLDEN, ScHITTENHELM & WeICHARDT, HeIL- ner); sie ist nach 6 — 12 Stunden am größten, nach kleineren Mengen bereits am nächsten Tage abgeklungen, kann sich aber nach größereu bis zum 2. oder 3. Tag hinziehen (Lommel, Heilner, Schittenhelm & Weichardt). Die N-Ausscheidung kann mitunter auch die Zufuhr erheblich übertreffen, insbe- sondere nach parenteraler Zufuhr von gewissen Bakterienproteinen i^Schitten- HELM & Weichardt), jedoch auch nach artfremdem Serum oder Eiereiweiß (Friedemann & Isaac). Das N-plus darf nicht einfach durch den Abbau des parenteral injizierten Eiweißes erklärt werden. Ein Teil des Harn-N, und zwar etwa 20 — 3ü Proz. (Lommel, Schittenhelm, Friedemann & Isaac) rührt von unverändertem, koagulablem Eiweiß her, da die Tiere nach der Eiweiß- injektion meist eine Albuminurie bekommen (Zuntz & Merino, Leube, Lilien- feld, Oppenheimer etc.); dieses nicht abgebaute Eiweiß ist zum Teile art- eigenes, zum Teile das injizierte artfremde, wie sich mit den biologischen Me- thoden nachweisen ließ (Chirayi,^, Castaigne & Chiray, Ascoli, Ham- burger). Der Rest des Stickstoffes (70 — 88, nach Lommel bei Hungerhunden bis zu 100 Proz.) kann nur durch Eiweißabbau entstanden sein, ob aus dem arteigenen Eiweiß des Tieres oder dem eingespritzten fremden, läßt sich aber natürlicli nicht mehr entscheiden. Hier können vikariierend jene Arbeiten eintreten, welche mit biologischen Methoden die Abnahme parenteral injizierter artfremder Eiweißstoffe im Orga- nismus studieren. Im Blute erfolgt sie in den ersten 24 — 48 Stunden rasch, 1032 ßOBERT DOERK, * jedoch nicht so schnell, daß daraus die Zunahme des Harn-N erklärlich wäre; auch bleiben beträchtliche Reste bis zum 5.— 10. Tage und darüber hinaus nach- weisbar (v.DungernS Hamburger & Moro\ Hamburger & Reuss^, Klug, Dehne «S: Hamburger, Uhlenhuth & Weidanz, Hixtze, Doerr & R. Pick). Ferner läßt der Schwund in der Blutbahn keinen Schluß auf das Verweilen und die Verteilung des Eiweißes im Körper zu. Vaughax, Cumming (tMcGuüMPHY konstatieren, daß Eiereiweiß, welches man Kaninchen intravenös injiziert, zwar schnell aus der Zirkulation eliminiert wird, jedoch noch später in der Bauch- höhle und in gewissen Organen nachgewiesen werden kann. Verschiedene Ei- weißarten bei demselben Tier und dasselbe Eiweißantigen bei verschiedenen Tierarten verhalten sich sicher different; Eiereiweiß und Milch verschwinden bei Kaninchen z. B. rasch aus der Blutbahn, während sich Pferdeserura lange Zeit unverändert im Kreislauf halten kann (Hamburger, Hamburger >& Reuss, HiNTZE, Vaughan, Cumming & Mc.Glumphy). Hierzu kommen noch die Angaben über das Verhalten heterologer Anti- körper im Organismus. Nach den Untersuchungen von Laxdsteiner it PräSek Doerr & R. Pick, Römer kann wohl kaum ein Zweifel bestehen, daß die Antikörper mit dem Eiweiß des Immunserums auf das innigste zusammen- hängen oder vielleicht nichts anderes sind als eben bestimmte Eiweißstoffe der Sera; nun können sich homologe Antikörper zwar im allgemeinen bedeutend länger im Körper halten als heterologe (Mausen), es gibt aber auch bei letzteren Beobachtungen über eine auffallende Persistenz. Subkutan injiziertes Tetanus- antitoxin vom Pferde verschwindet z. B. bei Schafen meist rasch, kann sich aber oft genug bis zu 6 Monaten halten, ohne daß man in- der Lage wäre, einen für alle Fälle ausreichenden Grund für diese Differenzen anzugeben. Vergleicht man alle diese Tatsachen miteinander, so wird es fast zur Ge- wißheit, daß das N-Plus des Harnes nach der einmaligen parenteralen Zufuhr heterologer Proteine auf dem Abbau körpereigenen Eiweißes beruhen muß, wenigstens während der ersten 24 Stunden (Schittenhelm). Dementsprechend fanden auch Vaughan, Cumming & Mac Glumphy, Chiray, C.^staigne & Chiray, daß bei Kaninchen nach intravenöser Injektion von Eiweiß der G e - samteiweißgehalt des Blutes innerhalb weniger Stunden sinkt. ß) Wiederholte Zufuhr wirkt im Gegensatze zur einmaligen pathogen (Anaphylaxie). Die N-Ausfuhr ist anhaltend und oft derart gesteigert, daß sie die Zufuhr um das Mehrfache übertrifft (Friedemann & Isaac, Schittenhelm & Weichardt). Schon diese Tatsache beweist, daß es sich hauptsächlich um den Zerfall von körpereigenem Eiweiß handeln muß. Auch hier kann ein Teil des llarn-N von nicht abgebautem koagulablem Eiweiß herrühren, das im Urin oft schon 10 — 30 Minuten post injectionem auftritt ; die Albuminurie, die im Anfang beträchtlich ist, läßt jedoch mit der Zeit nach wiederholten Injektionen nach, so daß der gesamte Harn-N schließlich der Harnstofffraktion angehört. Das geschilderte Verhalten gilt übrigens scheinbar nicht für alle Ver- suchsanordnungen. Heilner 2 präparierte Kaninchen mit Pferdeserum und reinjizierte ihnen hohe Dosen desselben (150 — 275 ccm) nach verschiedenen Intervallen subkutan; er fand die N-Aus^uhr im Vergleich zu Normalkaninchen nur dann beträchtlich gesteigert, wenn die 2. Injektion im präanaphylaktischen Stadium erfolgte, während sie bei bereits überempfindlichen Tieren sogar das Gegenteil, ein außerordentliches Absinken des Eiweißstoffwechsels, hervorrief. Schittenhelm & Weichardt geben an, daß Hunde auf wiederholte, in Abständen ausgeführte Injektionen artfremder Proteine zunächst anaphylaktisch reagieren und dabei eine ganz minimale Vermehrung der N-Ausfuhr zeigen. Später werden sie „immun'", vertragen große Dosen ohne viel Erscheinungen und verhalten sich im N-Umsatz genau wie bei der ersten Injektion d. h. sie superponieren die parenteral verabreichte N-Menge auf ihre tägliche Normal- ausscheidung. Nach den Aufschlüssen, welche die biologischen Methoden geben, ver- schwinden antigene (heterologe) Proteine bei spezifisch vorbehandelten (allergi- schen) Tieren rascher aus der Zirkulation als bei normalen; das gleiche gilt auch für Antikörper, die in heterologen Sera enthalten sind. Die Richtigkeit dieser Angabe ist aber an die Bedingung geknüpft, daß das Blut des Tieres freien Antikörper enthält, der das Antigen partiell absättigt, so daß es sich dem Nachweis durch Immunitätsreaktionen entzieht, ohne daß man deshalb das Recht hätte, einen Abbau im chemischen Sinne anzunehmen. Fehlt der Anti- körper in der Zirkulation, so verhält sich das injizierte Antigen zunächst wie im normalen Organismus. H. Pfeiffer i* & Mita konnten bei aktiv mit 0,01 Allergie und Anaphylaxie. 1088 Pferdeserum präparierten Meerschweinchen, denen sie Pferdeserum unter Shock- wirkung roinjizierten, kein rascheres Verschwinden des Antigens aus der Biut- bahn konstatieren, als bei normalen Kontrollen; bis zum 5. Tage waren die Verhältnisse gleich. Doerr & Pick injizierten normalen und allergischen Ka- ninchen, welch letztere keine Präzipitine mehr im Serum hatten, je 5 ccm Pferdeseruiu intravenös und fanden in ihrem Serum nach 1, 6 und 12 Stunden gleiche Mengen von präzipitableni Pferdeeiweiß, trotzdem die allergischen Tiere starke anaphylaktische Symptome gezeigt hatten; erst nach 24 — 48 Stunden, also zu einer Zeit, wo vorbehandelte Kaninchen Antikörper produzieren, trat eine leichte Differenz auf, die sich am 4. und 6. Tage deutlich markierte. Eine Abhängigkeit der anaphylaktischen Phänomene von der Schnelligkeit des Verbrauches oder Abbaues des Anti- gens scheint demnach nicht zu bestehen. II. Spalt- und Abbauprodukte der Eiweißkörper der ersten Gruppe. Sie wirken bei der ersten parenteralen Zufuhr so wie bei wiederholter ; Ueberempfindlichkeitserscheinungen bleiben aus. Sie besitzen zum Teil eine primäre Toxizität, wobei die Vergiftungs- bilder sehr mannigfaltig sein können (Schittexhelm), wenn auch hauptsäch- lich der Blutdruck, die Atmung, Blutgerinnung und die Leukocytenzahl be- troffen werden. Manche wie die Peptone wirken erregend auf die Speichel-, Tränen-, Magensaft-, Gallensekretion (Asher, Popielski-), steigern den Lymph- strom aus dem Ductus thoracicus (Heidenhein), erhöhen die Körpertemperatur und rufen hämorrhagische Enteritis hervor (Doyon & Gautier). Es prägen sich also vielfach größere oder geringere Analogien mit den Symptomen der Ana- phylaxie aus ; dieser Umstand und die Vorstellungen über parenteralen Eiweiß- abbau führten dazu, die Anaphylaxie toxischen Spaltprodukten des parenteral injizierten Eiweißes zu vindizieren. Ziehen wir das Resume, so zeigt sich : 1) daß die N-Bilanzen nach erstmaliger Injektion arteigenen und artfremden Eiweißes keine durchgreifenden Unterschiede aufweisen; 2) daß Eiereiweiß und artfremdes Serum auf die N-Bilanz denselben steigernden Einfluß ausüben, trotzdem sich ersteres nur kurz, letzteres lange im Organis- mus hält; 3) daß die Vermehrung des Ausfuhr-N, zu der es nach ein- maliger oder wiederholter Injektion artfremden Eiweißes kommen kann, zum größten Teil, wenn nicht ausschließlich, auf dem Zerfall körpereigenen Eiweißes beruht, nicht aber auf einem Abbau der injizierten Proteine; 4) daß wiederholte parenterale Zufuhr des- selben Proteins zu anaphylaktischen Erscheinungen führen kann, ohne daß der Harn-N vermehrt ist ; nach Heilxer ist sogar die Herab- setzung des Eiweißstoffwechsels bei anaphylaktischen Kaninchen die Regel, nach Schittenhelm die Steigerung der N-Ausfuhr bei ana- pliylaktischen Hunden gering; 5) daß umgekehrt ganz enorme Ver- mehrungen des Harn-N möglich sind, sowohl nach ein- wie mehr- maliger Injektion desselben Proteins, ohne daß anaphylaktische Er- scheinungen auftreten oder daß Anaphylaxie überhaupt vorhanden wäre (Erstinjektionen von Friedemann & Isaac, Heilners Versuche in der präanaphylaktischen Periode). Was die peptolytischen Fermente anlangt, wurde das Wichtigste schon auf S. 958 hervorgehoben. Sie bilden sich nach den Untersuchungen von Abderhalden und seinen zaliireichen Mitarbeitern, sowie von Gruber im Serum von Tieren, die parenteral Eiweiß erhalten haben. Solche peptolytische Fermente sind aber im Gegensatz zu den ana- phylaktischen Antikörpern un spezifisch d. h. sie zerlegen nicht nur den Eiweißstoff, durch dessen Einspritzung sie entstanden sind, sondern alle möglichen Proteine, hoch- und niedermolekularen Eiweiß- derivate (Peptone, Polypeptide) und treten nicht nur nach paren- 1034 Robert Doerr, teraler Zufuhr von antigenem Eiweiß auf, sondern auch nach In- jektion der sicher nicht antigenen (Pozerski, Pozerska) Peptone und Polypeptide oder wenn aus irgendeinem Grunde nicht das ge- wöhnliclie, per os zugeführte Xahrungseiweiß, sondern parenteral zer- fallendes körpereigenes Eiweiß abgebaut wird, wie z. B. im Hunger- zustand. Sie bilden sich bei Hunden auch nach der Injektion art- eigenen Blutes, falls dasselbe von Hunden anderer Rasse stammt (Abderhalden & Kämpf), während durch eine solche Versuchs- anordnung nie anaphylaktische Antikörper zu erzielen waren. Ferner werden die peptolytischen Fermente durch 56 — 60*^ inaktiviert und lassen sich dann durch frisches Serum nicht reaktivieren, sie erscheinen und verschwinden unabhängig von allen Antikörpern und sind von ihnen völlig verschieden (Gruber). Sie haben daher mit der Anaphy- laxie, welche auf spezifischen Antigenantikörperreaktionen beruht, nichtp zu schaffen (Weichardt) ; dies geht auch daraus hervor, daß nach Injektionen von antigenem Eiweiß die unspezifischen spaltenden Eigenschaften des Plasmas schon vorhanden sind, bevor die Tiere selbst auf Antigenreinjektion anaphylaktisch reagieren, und daß ein Unterschied des Spaltungsvermögens vor, während und nach dem Shock nicht zu ermitteln ist (Abderhalden & Pincussohx ). Ob sich aus den Stoffwechselversuchen und der Existenz pepto- lytischer Fermente im Plasma mit Gewißheit folgern läßt, dai3 par- enteral injiziertes Eiweiß auch parenteral abgebaut*) wird, braucht hier nicht auseinandergesetzt zu werden ; man findet bei Friedemann & IsAAc, Isaac, Abderhalden, Schittenhelm u. a. alle wichtigen Momente erörtert. Eindeutig entschieden ist die Frage kaum, wie schon aus den wenigen angeführten Tatsachen und der Gegnerschaft einzelner Autoren hervorgeht (Kassowitz, Freund). Dagegen kann man zurzeit wohl behaupten, daß die Konstruktion eines ursächlichen Zusammenhanges zwischen Anaphylaxie und par- enteraler Verdauung bloß durch Vermutungen gestützt ist und mit realen Fakten vielfach in Widerspruch steht. Sowohl für die N-Aus- fuhr als für die Entstehung peptolytischer Fermente ist es gleich- gültig, ob das parenteral zugeführte Eiweiß Antigencharakter hat oder nicht, für die Anaphylaxie ist gerade dieser Punkt entscheidend. Auch sind die Beziehungen einer eventuellen parenteralen Verdau- ung zum anaphylaktischen Shock unklar, indem letzterer in Minuten, ja Sekunden zum Tode führen kann, während alle fermentativen Vorgänge relativ langsam verlaufen. Ferner sind wir genötigt, für gewisse Fälle das bloße Zusammentreffen von Antigen und Anti- körper im Blutplasma als pathogenetisches Agens anzusehen ; würde *) Mil dem Problem des parenteralen Abbaues hängt natürlich die Frage zusammen, ob die aus dem vermuteten parenteralen Eiweißzerfall resultierenden Bruchstücke assimiliert d. h. zur Synthese von körpereigenem Eiweiß verwendet werden können, oder ob sie nur als Energiequelle dienen oder ob sie als wert- lose Schlacken eliminiert werden. Nun gelang es Michaelis & Rona, Nah- rungs-N durch injiziertes Pferdes^rum eine Zeitlang zu ersetzen, so daß sie einen prinzipiellen Unterschied zwischen enteral oder parenteral zugeführtem Eiweiß nicht anerkennen wollen. Ebenso vermochten Wolf & Holgardy einen Hund durch parenteral einverleibtes Wittepepton im N-Gleichgewicht zu erhalten. Wenn man aber auch den Abbau und die Verwertung damit für sichergestellt erachtet, bleibt es immer noch unsicher, ob nicht auch hier diese Prozesse im Darmlumen (Freund & Popper) oder in der Darmwand (KÖRÖsi, Abder- halden & London, Töpfer & Freund, Freund & Popper) unter Intervention der normalen Verdauungsfermente vor sich gehen. Allergie und Anaphylaxie. 1035 hier eine parenterale Proteolyse erfolgen, so müßte die bekannte anti- proteolytische Wirkung des nativen Serums zunächst aufgehoben werden, was nach Pribram & Pick nicht der Fall ist. Schließlich reagieren ja auch isolierte Zellen anaphylaktischer Tiere z. B. glatte Muskelfasern (W. H. Schultz) im Momente der Berührung mit dem Antigen anaphylaktisch und es wäre wohl recht gezwungen, in solchen Fällen den Reizeffekt auf ein in der Zelle durch Eiweißabbau entstandenes Gift zu beziehen. Trotz solcher Bedenken gewann die Vorstellung von einem fer- mentativen Abbau des Eiweißantigens durch Ambozeptor und Kom- plement zu einem akuten Gift den größten Einfluß. Man versuchte auf verschiedenen Wegen experimentelle Stützen zu gewinnen, und zwar 1) indem man im Tierkörper Antigen und Immunserum auf- einander einwirken ließ; 2) indem man in vitro A^itigen und Anti- körper sowie Komplement zur Reaktion brachte und die physiolo- gische Wirkung des Produktes ermittelte; 3) durch das chemische Studium der Spaltprodukte, die sich aus der vitro-Reaktion ergaben, und 4) indem man trachtete, mit peptischen, tryptischen und ander- weitigen Abbauprodukten von nativem Eiweiß die Erscheinungen der Anaphylaxie zu erzeugen. 1. Die Antigen-An tikörperreaktion im Tiere. Die anaphylaktische Noxe — oder, wie sich viele Forscher prä- judizierlich ausdrücken, das anaphylaktische Gift — kann entstehen, wenn Antigen und Antikörper im Blute einer empfindlichen Tierart abreagieren. Das lehrt das passiv anaphylaktische Experiment; doch bedarf der obige Satz einiger, sehr bedeutungsvoller Einschränkungen. Es wurde bereits hervorgehoben, daß man bei Meerschwein- chen nur dann Resultate erzielt, wenn man zuerst den Anti- körper (Immunserum) und erst nach einem gewissen Zeitintervall das Antigen zuführt. Dieses einzuhaltende Intervall beträgt bei subkutaner oder Lntraperitouealer Injektion des Iramuuserums einige Stunden, optimal 24, nach Anderson & Frost sogar noeli mehr ; bringt man den Antikörper direkt in die Zirkulation des Meerschweinchens, so bewirkt die gleichfalls intravenöse Probeinjektion des Antigens schon nach 1 Stunde leichte, nach 2 Stunden schwere Symptome, aber erst nach 4 Stunden Exitus (Doerr & Russ^). — Gewöhnlich gelingt es auch nicht, den Shock herbeizuführen, wenn man Antigen und Immunserum gleichzeitig, aber getrennt, z. B. beim Meerschweinchen in beide Jugular- yeuen (Doerr & ßuss^) oder sofort nach dem Vermischen in vitro in- jiziert (Otto2, Richet, Gay & Southardi, Nicolle, Friedemann^ u. v. a.). — Injiziert man Meerschweinchen zuerst das Antigen intraperitoneal und nach 24 Stunden Immunserum intravenös (Doerr & Russ^), so kommt es gleichfalls nicht zum Shock ; man kann dabei das Antigen bei kon- stanter Dosis Immunserum oder umgekehrt beliebig variieren, ohne etwas an dem negativen Resultat zu ändern. BiEDL & Kraus ^ bekamen allerdings auch Shockwirkungen, wenn sie Antigen und Antiserum gleichzeitig, getrennt und intravenös injizierten, und ebenso kann es nach intravenöser Injektion eben hergestellter Gemische zu akuten Erscheinungen kommen (Doerr & Russ, Doerr & Moldovan, Kraus & BiEDL^); das sind aber seltene Ausnahmen, die Symptome zeigen stets einen abgeschwächten Charakter und der akute Exitus, den man durch die übliche Versuchsanordnung so konstant erreichen kann, tritt niemals ein. Inter- essant ist, das bei demselben Antigen und Antiserum das Gemisch die erwähnten schwachen Shockwirkungen auslösen kann, während die intravenöse Injektion des Antiserunis und wenige Minuten darauf des Antigens ohne jeden Effekt hleibt (Biedl & Kraus ^) ; gesetzmäßig ist das Verhalten nicht. 1036 Robert Doerr, Wie soll man sich nun die Xotwendigkeit des Intervalles erklären? FriedbeegerIs meint, daß das vorgespritzte Immunserum eine wesent- liche Komplementverarmung des Blutes (Friedberger & Hartoch, Hartoch) herbeiführt, und daß das Antigen erst nach dem Abklingen derselben wirksam werden kann. Diese Ansicht fußt aber auf der noch unbewiesenen Bedeutung des Komplementes für die Entstehung des anaphylaktischen Giftes und kann zudem auf den Fall der Simul- taninjektion keine Anwendung finden ; letzterer wird auch nicht er- klärt durch eine auf anderen Ursachen beruhende unspezifische Resi- stenzerhöhung von kurzer Dauer, wie sie ja durch vorgespritztes Anti- serum möglich wäre. Es bleibt daher nichts übrig, als anzunehmen. daß der präventiv injizierte Antikörper im Meerschweinchen erst bestimmte Veränderungen eingehen oder Beziehungen zu Organen gewinnen muß, bevor er mit dem Antigen unter Krankheitserschei- nungen reagieren kann. Li vitro binden Organzellen verschiedener Art, auch wenn sie vom Meer- schweinchen stammen, den Antikörper nicht (Besredka, Friedberger, Kraus, Doerr & Russ^, Anderson & Frost); es ist dabei irrelevant, ob die Organe von normalen oder überempfindlichen Tieren genommen werden. — Im lebenden Körper suchten Doerr & ßuss ^ eine Bindung des Antikörpers an Organe durch sein Verschwinden aus der Zirkulation zu erweisen, was aber natürlich nicht genügt. BiEDL & Kraus ^ wollten den Antikörper durch Tierpassage aktivieren; die- Ergebnisse waren zwar positiv, aber technisch nicht einwandfrei (Moldovan). — Belin* entnahm aktiv präparierten Meerschweinchen Gehirn in der prä- anaphylaktischen Periode, versetzt es mit Alkali z. B. NaoCOa, NaOH,. fügte nach einiger Zeit Antigen hinzu und bekam durch Injektion des Ge- menges bei normalen Tieren Exitus oder schwere Symptome, während Kontrollen, bei welchen einer der drei Faktoren weggelassen oder statt Alkali Säure ver- wendet wurde, nicht reagierten. Belin nimmt daher — wie schon früher Friedemann 2 — an, daß zuerst eine Vorstufe des Antikörpers entsteht (Pro- toxogenine), die in vitro durch oxydierende Alkalien, im Körper durch Blut- alkali aktiviert und reaktionsfähig wird; eigene Nachprüfungen konnten das Tatsächliche nicht bestätigen. Wichtig und zuverlässig sind dagegen Experimente von Anderson & Frost ; sie injizierten einer Reihe von normalen Meerschweinchen zuerst homologes Antiserum, dann Antigen (0,01 Pferdeserum) in verschiedenen Intervallen, und es zeigte sich, daß die Tiere passiv nicht anaphylaktisch wurden, wenn das Inter- vall weniger als 6 Stunden betrug (infolge der Absättigung des Antikörpers); nach längerer Zeit nachgespritztes Antigen blieb ohne Einfluß, die passive Anaphylaxie kam ungehindert zustande, der Antikörper mußte demnach so modi- fiziert oder gebunden sein, daß er durch dieselbe Menge Antigen nicht mehr neutralisiert werden konnte. — Aehnlicli wie das Meerschweinchen scheinen sich Hunde zu verhalten. Richet^o, 13^ 15 fand zwar, daß Hunde, denen er das Serum von gegen Krepitin oder Aktinokongestin überempfindlichen Hunden intravenös injiziert hatte, schon nach 1 — 2 Stunden anaphylaktisch waren; die Vorbehandlung ge- schah aber intravenös und mit hohen Dosen Antiserum, in welchem Falle man auch schon beim Meerschweinchen Ausschläge erhält. Manwaring ^ führte mittels paraffinierter Schläuche ^ne kreuzweise Durchblutung eines aktiv gegen Pferdeserum anaphylaktischen großen und eines kleinen normalen Hundes herbei, indem er bei beiden Tieren die Arteria femoralis mit der Vena jugularis externa verband. Schon nach 5 Minuten langer Durchblutung erwies sich der normale Hund gegen große Dosen Pferdeserum überempfindlich. Aehnliciie Versuche stammen von Nolf, Eisenbrey, Pearce & Eisenbrey. Auch hier kamen enorme Mengen Antikörper und Antigen zur Verwendung und man erfährt nicht, ob die üeberempfindlichkeit schon nach 5 Minuten maximal war, oder ob sie einer Steigerung wie beim Meerschweinchen durch längeres Verweilen des traiis- fundierten Antikörpers fähig gewesen wäre. Uebrigens halten Manwaring, Allergie und Anaphylaxie. 1037 Pearce & EiSENBREV eine gewisse Disposition oder Beschaffenheit der Gewebe selbst für unentbehrlich, da manche Hunde trotz Einleitung von antikörper- haltigem Blute unempfindlich bleiben; übertrug man ihr Blut auf einen dritten normalen, so wurde derselbe anaphylaktisch. Beim Kaninchen zeigt die passive Anaphylaxie ein vom Meer- schweinchen abweichendes Verhalten. Schon v. Pirquet & Schick ^ erhielten spezifische lokale Oedeme, wenn sie zuerst Pferdeserum subkutan und 24 Stunden später Antipferdeserum injizierten. Reicht man das Immunserum präventiv, so wird das Kaninchen sofort anaphylaktisch; wartet man, wie beim Meerschweinchen, 24 Stunden mit der Probeinjektion des Antigens, so bekommt man viel weniger deutliche Erscheinungen (Friedemann 2, Scott 2, Briot). Kaninchen reagieren auch prompt auf Gemische von Eiweißantigen und Anti- serum, wenn dabei die Mengenverhältnisse eingehalten werden, die auch in vitro zu einem sichtbaren Resultat (Präzipitation) führen (Friedemann 2). Friedberger^ allein leugnet das Bestehen derartiger prinzipieller Unterschiede zwischen den einzelnen Tierspecies; nach seinen in Gemeinschaft mit Hartoch, Gröber & Mita gemachten Erfahrungen differieren Kaninchen und Meerschweinchen hinsicht- lich der passiven Präparierfähigkeit nur quantitativ, nicht aber quali- tativ. — Die Eigentümlichkeiten der passiven Meerschweinchenanaphylaxie haben bei ihrer Entdeckung allgemein befremdet. Die Möglichkeit der passiven Uebertragung ließ nur einen Antikörper als Ursache zu und man hätte erwartet, daß er mit seinem Antigen nach Art der Antitoxine reagiert. Letztere neutralisieren nun die Wirkung des Toxins in vivo und in vitro, indem sie sich mit diesem zu einem unschädlichen Reaktionsprodukt vereinen ; und da man als Effekt des anaph} laktischen Antikörpers resp. seiner Reaktion mit Antigen im Tiere eine Schädigung auftreten sah, so schloß man hier auf ein gif- tiges Reaktionsprodukt. Das Vermischen der Komponenten in vitro oder in vivo genügte aber zur Erzeugung des vermuteten ,,anaphy- laktischen Giftes" nicht und gerade dieser Mißerfolg wurde zum Aus- gangspunkt weiterer auf die Giftgewinnung »gerichteter Bestrebungen. Die Tatsache, daß normale Meerschweinchen gegen die gemischte oder gleichzeitige Injektion von Antiserum und Antigen in solchen Mengen, die bei sukzedaner Anwendung sofort töten, unempfindlich sind, ist stets im Auge zu behalten, einmal aus historischen Gründen, andererseits als eines der Argumente, daß das bloße Aufeinander- treffen von Antigen und Antikörper im komplementhaltigen Blut des empfindlichsten Tieres nicht ausreichen muß, um die Bildung der anaphylaktischen Noxe zu ermöglichen ; dadurch wird die Unzuläng- lichkeit aller rein chemischen oder immunologischen Betrachtungs- weisen des Problems in ein scharfes Licht gerückt. Daß im Tierkörper ein ,,Gift" gebildet wird, suchte man natür- lich auf den verschiedensten Wegen nachzuweisen. Friedemann und Braun konnten mit dem Serum von Tieren, welche im Shock gestorben waren, keine Shockwirkung bei normalen Individuen er- zeugen. Dagegen behaupten Achard & Flandin 1, daß das Gehirn von Meerschweinchen, die an akuter Anaphylaxie eingehen, Extrakte liefert, welche — subdural injiziert — für normale Meerschweinchen giftig sind, ja akuten Tod bedingen. Das Gehirn normaler oder aktiv präparierter, aber noch in der prä- anaphylaktischen Periode stellender Meerschweinchen, endlich auch die Leber der im Shock verendeten sollen keine wirksamen Extrakte geben; doch scheint 1038 Robert Doeur, die bekannte Giftigkeit normaler Organextrakte nicht genügend berücksichtigt und durch Kontrollen nicht sicher genug eliminiert. Friedberger & Nathan fanden die Peritonealexsudate von Meer- schweinchen, denen man Prodigiosusbacillen gemischt mit einem korrespondieren- den Immunserum in die Bauchhöhle injiziert, schon nach 20 — 30 Minuten giftig, wenn mau sie anderen Normalmeerschweinchen endovenös emspritzt. Nach 6 Stunden waren die Exsudate wieder atoxisch. Spritzt man bloß Bakterien ein, so erfolgt die Giftbildung langsamer, da hier nur normale Antikörper wirken ; sie ist erst in 6 Stunden nachweisbar, kann aber durch präventive intraperitoneale Injektion von Bouillon beschleunigt werden, wobei die maximale Toxizität nach 2V2 Stunden erreicht ist und nach 6 Stunden wieder fehlende Giftigkeit konstatiert wurde. Bei aktiv immunisierten Meerschweinchen gelingt es nach Friedberger & Nathan überhaupt nicht, giftige Exsudate abzufangen, weil das Stadium der Giftbildung zu schnell einsetzt und zu rasch abläuft. — Friedberger erklärt die in diesen Peritonealexsudaten vorhandenen schädlichen Stoffe als identisch mit dem ün anaphylaktischen Shock entstehenden ,,Gift" und folgert weiter, daß die Anaphylatoxinproduktion um so geschwinder er- folgt, je mehr Ambozeptor und Komplement zur Disposition steht; auch soll das bereits gebildete Gift durch weiteren Abbau wieder in unwirksame Modi- fikationen übergeführt werden. Das wiedergegebene Experiment entspricht aber nicht dem Typus anaphylaktischer Versuche, sondern ist mit der vitro-Darstellung der FRiEDBEKGERschen Gifte (s. das folgende Kapitel) bis auf den Umstand identisch, daß das Reagenzglas durch das Peritonealcavum eines Tieres ersetzt wird. Man kann allerdings bei sensibilisierten Meerschweinchen den Shock auch auslösen, wenn man ihnen sehr große Antigenmengen intraperitoneal einspritzt; nach den Untersuchungen von Doerr und R. Pick beruhen aber in diesem Falle die Symptome nicht auf der Resorption eines in der Bauchhöhle gebildeten Giftes, sondern kommen so zustande, daß unverändertes Antigen m die Zirkulation aufgenommen und mit dort vorhandenem Antikörper zur Reaktion gebracht wird, woraus sich allein die Notwendigkeit großer Antigendosen und die verlängerte Inkubation des Shocks erklärt. Außerdem benützten Friedberger & Nathan Bakterien statt der klassischen Anaphylaktogene (Pferdeserum). H. Pfeiffer ^^ berichtet, daß der Harn von aktiv anaphylaktischen Meer- schweinchen, bei denen man durch eine intraperitoneale Antigeninjektion einen schweren, aber protahiert in einigen Stunden ablaufenden Shock erzeugt hat, in Dosen von 1 — 2 ccm bei normalen Tieren der gleichen Art intraperitoneal inji- ziert, anaphylaktische Symptome, subkutan beigebracht Nekrosen hervorruft. Diese Toxizität ,,anaphj'laktisch6r" Meerschweinchenharne wächst mit der Schwere des Shocks, verliert sich bald mit dem Eintritt der Erholung und verschwindet nach 24 — 48 Std. völlig. Injiziert man überempfindliche Meerschweinchen nicht mit dem betreffenden Antigen, sondern mit irgendeinem anderen Eiweiß, oder injiziert man normalen Meerschweinchen Eiweißantigene ip., so bleibt die Steigerung des urotoxischen Koeffizienten aus. Aehnliche Giftstoffe wie der anaphylaktische Harn soll in minimalen Mengen auch der normale wegen des physiologischen Eiweißabbaues (H. Pfeiffer, Urohypotensin von Abelous & Bardiek), in größeren Quanten der Verbrennungsharn wegen der Zerlegung der durch die Hitze erzeugten Zerfallsprodukte des körpereigenen Eiweißes, der Harn von photodynamisch geschädigten Tieren, von Eklamptischen und Urämischen, so- wie dei' Harn von Meerschweinchen enthalten, denen man toxische Normal- oder Immunsera einmal peritoneal injiziert hat. Die Harngifte von H. Pfeiffer sind alkohollöslich und dialysabel, weichen daher beträchtlich von den „Ana- phylatoxinen"' von Friedberger ab ; H. Pfeiffer identifiziert aber beide und bezeichnet die ersteren als Produkte eines weiter vorgeschrittenen Abbaues der letzteren. H. Pfeiffer hält die Harngifte für peptonartige Stoffe, glaubt, daß sie den anaphylaktischen Shock verursachen, im Blute durch parenteralen Eiweiß- abbau entstehen und durch die Niere eliminiert werden. Die Toxizität des Harnes anaphylaktischer Meerschweinchen bestätigte Heyde 1, 2, führt sie aber ebenso wie die Giftigkeit des Verbrennungsharnes nicht auf intermediäre, sondern auf niedermolekulare Spaltprodukte des Eiweißes, speziell auf das Guanidinchlorid zurück (Kohlrausch), welches Symptomei erzeugt, die den anaphylaktischen sehr ähneln (s. S. 1058). Findet man gleich Pfeiffer und Heyde, daß der anaphylaktische Harn oder in demselben enthaltene Stoffe bei normalen Meerschweinchen anaphylaxie- artige Symptome auslösen, so darf man übrigens nicht gleich folgern, daß man es mit den ,, anaphylaktischen Giften" zu tun hat. Wie vorsichtig man in dieser Hinsicht sein muß, zeigen die Versuche von BussoN & Kirschbaum, nach denen Allergie und Anaphylaxie. 1039 auch normaler Meerschweinchenharn — intravenös injiziert — bei Meerschwein- chen Symptome und Obduktionsbefund der Anaphylaxie hervorruft, auf Hunde aber ganz anders wirkt; die Toxizität beruht hier auf dem Gehalt an Kalisalzen, da KCl in äquivalenter Menge analoge Intoxikationen erzeugt. H. & L. Hirschfeld wiesen im Plasma und Serum von Meerschweinchen, die im anaphylaktischen Shock verendet waren, vasokonstringierendc Substanzen für überlebende Froschgefäße nach; doch war der Befund nur in einem Teil der Fälle positiv. Diese Stoffe konnten im Plasma vorhanden sein, im Serum aber fehlen. Auch nach intravenöser Injektion der ^,Anaphylatoxine" von Friedberger, die selbst auf Froschgefäße nicht wirken, wurden Im Plasma der vergifteien Tiere vasokonstrmgierende Substanzen nachgewiesen, die sich demnach erst im Organismus entwickelt haben konnten; ob durch Eiweiß- zerfall oder intravaskuläre Gerinnungsvorgänge, lassen die Autoren unentschieden. Die Suche nach dem Gift, das man allein mit Sicherheit als das anaphylaktische bezeichnen könnte, weil es im typisch anaphy- laktischen Experiment neu entsteht, hatte also bisher keinen Erfolg. 2. Antigen - Antikörper reaktion in vitro und Prüfung der Reaktionsprodukte am Tiere. Einen breiten Raum nehmen in der Entwickelung der Anaphy- laxie die Experimente ein, welchen die Absicht zugrunde liegt, das gesuchte anaphylaktische Gift in vitro aus den Komponenten darzu- stellen, welche für seine Bildung im Organismus in Betracht kommen. Den ersten derartigen Versuch hat WeichardtI im Jahre 1901 angestellt. Er vermischte menschliche Placentarzellen mit einem spezifischen (syncytiolytischen) Antiserum vom Kaninchen und in- jizierte das Gemenge Kaninchen, welche zum Teil unter krampf- artigen Erscheinungen nach einigen Tagen verendeten. Frisches (kom- plementhaltiges !) Antiserum war wirksamer als abgestandenes. Mit Kaninchenplacenta waren die Ergebnisse negativ. E'erner gehören hierher auch alle späteren Experimente, in welchen Gemische von Immunserum und Antigen anaphylaktische Symptome bei normalen Tieren auslösten. RichetI^ führte sie an Hunden aus, Eriedemann^ u. a. am Kaninchen und schließlich glückten, sie nach anfänglichen Mißerfolgen auch an Meerschweinchen (Doerr & MoldovanI, Biedl & Kraus 6, Preisich & Heim, Kraus & Ami- RADZiBi etc.); nur waren hier die Erscheinungen schwach, verliefen protrahiert und akuter Exitus wurde nicht beobachtet. Man bemühte sich daher, vitro-Gifte mit Vollwirkung für Meerschweinchen zu bekommen. DoERR & Russ" ließen präzipitierende Sera auf präzipitables Antigen einwirken, wuschen die entstandenen Niederschläge mit NaCl und konnten durch intravenöse Injektion derselben beim Meerschwein- chen anaphylaktische Symptome erzeugen, die von hochgradigem Kom- plementschwund begleitet waren ; die Erscheinungen waren aber ge- rade so abgeschwächt und protrahiert wie nach Antigen-Antiserum- gemischen, akuter Exitus war nicht zu erzielen. Diese Angaben wurden von Friedberger & Vallardi, Mord & Tomono bestätigt. Damit war ein neues Argument für die These gewonnen, daß das Anaphylaktogen und sein Antikörper mit dem Präzipitiuogen und dem _ Prä- zipitm identisch sind, da das Reaktionsprodukt der Präzipitation in vitro die für Anaphylaxie typischen Erscheinungen erzeugte. Der Einwand, daß die Gift- wirkung der Präzipitate darauf beruht, daß eine der Komponenten, das Antigen oder das Iramunserura, schon primär toxische Stoffe enthalten, die bei der Ausflockung einfach in den Niederschlag mitgerissen werden (Biedl & Kraus), 1040 Robert Doerr, trifft nicht zu, da sich leicht zeigen läßt, daß aus völlig atoxischen Antigenen und Immunseren z. B. Pferdeserum und Antipferdeserum stark wirkende Präzipitate (Doerr & Russ^) zu erhalten sind. Diese Versuche gaben auch den Anlaß, die Präzipitate als Matrix der anaphylaktischen Noxe zu betrachten und bildeten so die Basis der ,,Anaphylatoxin"gewinnung aus Präzipitaten (s. w. u.); das Inter- esse an denselben blaßte allerdings wegen der fehlenden Vollwirkung, die kurz darauf auf einem anderen Wege erreicht wurde, bald ab. In jüngster Zeit nahmen aber Doerr & ßuss die Experimente mit Präzipitaten neuerlich auf und zeigten, daß man aus atoxischen Kom- ponenten (Pferdeserum und Antipferdeserum vom Kaninchen) durch einfaches Auspräzipitieren und längeres Stehenlassen (2 Stunden bei 37 0, 22 Stunden bei Zimmertemperatur) doch auch Substrate gewinnt, welche, Meerschweinchen intravenös injiziert, akut töten, wobei der Obduktionsbefund vollkommen dem für Anaphylaxie charakteristischen gleicht. Die Giftwirkung adhärierte ent- weder den Präzipitaten oder den überstehenden Flüssigkeiten ; hierauf sowie auf die Giftbildung überhaupt übte das Mengenverhältnis von Antigen und Antiserum einen entscheidenden Einfluß. Die Toxi- zität der Präzipitate oder der überstehenden Flüssigkeiten konnte durch Zusatz minimaler Mengen von Natronlauge aufgehoben werden. Ein Einfluß des Komplementes auf den vitro-Prozeß war nicht zu konstatieren ; die Gifte entstanden auch bei völliger Komplement- freiheit der beiden Komponenten. Friedberger & LuRA haben dagegen eingewendet, daß bei diesen Vollwirkungen von Präzipitaten oder Reaktionsgemischen das Kom- plement zwar nicht in vitro, wohl aber im Organismus interveniert, daß es sich also nicht um ein ,,fertiges Gift" handle, sondern uüi ein im Körper gebildetes. Nun liegt aber kein Beweis für die Teilnahme des Komplementes im Sinne Friedbergers vor; lösen Präzipitate protrahierte Symptome aus, dann ist freilich der Kom- plementschwund höchst intensiv, bei akutem Exitus kann er aber ebenso gering sein bzw. fehlen wie bei aktiver Anaphylaxie oder der Wirkung der FRiEDBERGERschen ,,Anaphylatoxine". Daß es sich bei akut tötenden Präzipitaten um ein ,, fertiges vitro-Gift" handelt, ist freilich zweifelhaft, ebenso zweifelhaft wie bei den gleich zu besprechenden ,,Anaphylatoxinen" ; die akut tötenden Präzipitate und Reaktionsgemische lösen aber in reinster Form das Ausgangsproblem, Antigen und Antiserum in vitro derart zu modifizieren, daß sie bei gleichzeitiger Einbringung in die Zirkulation mit jenem maximalen Effekt abreagieren, wie man ihn sonst nur bei präventiver Zufuhr des Antikörpers beobachtet. Schwer ist es, zu den Versuchen von Vaughan, Vaughan jr. & Wright Stellung zu nehmen, nach welchen Serum oder Organextrakte von aktiv ana- phylaktischen Meerschweinchen nach i/o-stündigem Kontakt mit Antigen akut tötende Gifte liefern (intracardialg Injektion), Sera oder Organextrakte normaler Tiere nicht. Bei längerem Kontakt sollen die Gifte wieder durch weitergehenden Abhau zerstört werden. Diese Versuche stehen im Widerspruch mit den Er- fahrungen über passive Anaphylaxie, über den Mangel von Antikörper in Or- ganen anaphylaktischer Tiere, mit den Angaben, daß Norraalserum aus Anti- genen Gifte bildet (Friedberger) etc. Die meisten Autoren arbeiteten bei der vitro-Gewinnung Ana- phylaxie erzeugender Substrate mit Komplement, richtiger kom- plementhaltigem Normalserum. Friedemann ließ frisches Kaninchen- Allergie und Anaphylaxie. lO-tl serum (Komplement) auf ambozeptorbeladene Rindererythrocyten einwirken, zentrifugierte vor eingetretener Lyse und injizierte die überstehende Flüssigkeit normalen Kaninchen, welche mit typisch- anaphylaktischen Symptomen reagierten. Verwendet man statt Kom- plement inaktives Kormal -Kaninchenserum, so sind die Abgüsse unwirksam. Die Tiere reagieren auch dann, wenn man sensibi- lisierte Erythrocyten durch Komplement löst und die Lösung endo- venös einspritzt. Friedemann nahm an, daß das ,,anaphylaktische Gift" nicht in den Erythrocyten präformiert ist, sondern erst durch den Chemismus der Cytolyse, und zwar noch vor dem Austritt des Hämoglobins in Lösung geht. Da bei der passiven Serumanaphylaxie der Kaninchen ähnliche Beziehungen obwalten wie bei der Erythro- cytenanaphylaxie, so dachte Friedemann auch hier an einen analogen Mechanismus, äußerte sich aber über die Rolle des Komplementes in unbestimmter Weise. Die ausgedehntesten Experimente über anaphylaktische vitro-Gifte aus Antigen, Antikörper und Komplement verdanken wir Fried- berger und seinen Mitarbeitern ; er nennt die nach seiner Methode gewonnenen toxischen Stoffe ,,Anaphylatoxine". Friedberger* arbeitete zunächst mit artfremdem Serumeiweiß und dem zugehörigen Antikörper. Er ließ in vitro Präzipitation eintreten, reinigte den Niederscidag durch Waschen auf der Zentrifuge, digerierte denselben mit frischem Meerschweincheuserum, zentrifugierte abermals und konnte nun mit den vom Präzipitat befreiten Abgüssen, welche lediglich Meerschweinchenserum und eventuell i?toffe enthielten, die aus dem Präzipitat in Lösung gegangen waren, schwere anaphyhiktische ir^ymptonie, ja bei entsprechender Dosierung der einzelnen Kom- ponenten regelmäßig akuten Exitus erzeugen. Extrakte von geringerer Wirk- samkeit konnten aus Präzipitaten auch mit NaCl-Lösung und inak- tivem Meerschweincheuserum erhalten werden, selbst dann, wenn Antigen und I mm unser um in komplement f r eiem (inakti- viertem) Zustande zur Präzipitation benützt wurden. Durch das einmalige Digerieren mit frischem Meerschweinclienserum wurden die Prä- zipitato nicht erschöpft, sondern lieferten bei Wiederholung der Prozedur noch immer giftige Extrakte; erst beim dritten Male konnten keine größeren ,,Ana- phylatoxiuraengen" ausgelaugt werden. Um wirksames ,,Anaphylatoxin" zu bekommen, müssen ganz bestimmte Mengenverhältnisse von präzipitabler Substanz und Präzipitin eingehalten werden. Einseitige Erliöhung der Antigenquantität oder des Antikörpers, ebenso starke Verminderung einer der beiden Komponenten ergaben negative Resultate ; mittlere Dosen lieferten Niederschläge, aus denen die Giftextraktion mit normalem Meerschweincheuserum optimal gelang. Dabei scheint weniger das Volum als die Zusammensetzung des Präzipitates auf die Extrahierbarkeit von Giften Einfluß zu nehmen (Friedberger & Vallardi, F. & Nathan). Die kleinsten Antigenmengen, die im Reagenzglase notwendig sind, um wirksame Giftdosen zu erzeugen, differieren nur wenig von jenen, welche bei der Reinjektion aktiv oder passiv anaphylaktischer Tiere ausreichen, um Sym- ptome zu erzielen. Friedberger & Vallardi bekamen mit 0,02 ccm Hammel- serum noch ein akut wirkendes Gift, mit 0,001 noch eines, das deutliche Er- scheinungen auslöste. Die zur Digestion der Präzipitate erforderlichen Komple- nientquanten sind stets beträchtlich (3 — 6 ccm) und der Giftig- keit der vom Präzipitat wieder befreiten Abgüsse in der Regel gerade proportional. Dieser Umstand bringt es mit sich, daß man eine wirksame Giftdosis meist nur in einem größeren Flüssigkeitsquantum erhält, welches man zwar intravenös, nicht aber zur Gänze intracerebral injizieren kann. Nimmt man daher an, daß die Meerschweinchen vom Gehirn aus ebenso em- pfindlich sind wie von der Blutbahn (s. S. 986), so ergibt sich bei intracerebraler Einspritzung eine scheinbare Unempfindlichkeit, die darauf beruht, daß es eben auf diesem Wege unmöglich ist, eine Dosis efficax einzuverleiben (Friedberger*^ gegen Biedl & Kraus). — Allzu große Komplementmengen sind für die Giftbildung ungünstig. Handbuch der pathogenen Mikroorganismen. 2. Aufl. II. 66 1042 Robert Doere, Nur das intakte Komplement entfaltet volle Wirksamkeit. Mittel- oder Endstück allein spalten keine Güte ab; nach ihrer Wiedervereinigung wirken sie schwächer als natives Komplement (.Friedberger & Ito^j. Die Zeit, welche das Komplement (frisches Meerschweinchenserum) braucht, um das „Anaphylatoxin'" aus dem Präzipitat auszulaugen, ist zumeist recht be- trächtlich: Friedberger*, Friedberger & Vallardi mußten stunden-, ja tagelang digerieren, um gute Giftlösungen zu erhalten, wenn auch allzulange Komplemeuteinwirkung wieder als schädlich befunden wurde. Nur bei sehr großen Präzipitatmengen und reichlichstem Komplenientzusatz konnte Fried- berger*, Friedberger & Szymanowski schnellere Giftbildung konstatieren (.15—90 Minuten). Nach Lattes ist es irrelevant, ob die Präzipitate spezifisch oder unspezi- fisch sind. Antihammelserum flockt nicht nur Hammel-, sondern auch Ziegen-, Rinder-, Schweine- und Pferdeserum aus; alle diese Niederschläge geben bei gleichen quantitativen Verhältnissen mit Normalmeerschweinchenserura gleiche Gifte. Wirksames „Anaphylatoxin" kann auch aus gekochten Präzipitaten erhalten werden (Friedberger & Jerusalem), was sich daraus erklären soll, daß nach Friedberger & Pinxzower Antikörper nach ihrer Bindung an das Antigen koktostabil werden. Dieser Schluß beruht auf der von Bessau be- strittenen, von KuMAGAi aber bestätigten Beobachtung, daß einfach gekochte Bakterien einem agglutinierenden Serum das Agglutiuin völlig zu entziehen ver- mögen, agglutininbeiadene und dann gekochte aber nicht oder nur in schwächerem Grade. Da sich bakterielles und Serumantigen hinsichtlich des -Verhaltens gegen Kochen wesentlich unterscheiden, so ist die Beobachtung von Friedberger & PI^■czo\VER nicht ausreichend, um die Giftbildung aus gekochten Präzipi- taten im Sinne Friedbergers zu motivieren. In ähnlicher Weise wie aus artfremdem Serumeiweiß konnte die Gift- produktion aus Blutschatten und Erythrocyten durch frisches Meer- schweinchenserum und entsprechende Ambozeptoren bewerkstelligt werden. Die optimalen Verhältnisse von Antigen und Antikörper waren bei den Blut- schatten dieselben wie beim Serumeiweiß; jeder einseitige Ueberschuß oder jede zu starke Reduktion eines Faktors beeinträchtigte die Giftigkeit der Extrakte (Friedberger & Vallardi j. Bei den Vol 1 ery t h rocy t en dagegen wurde die Giftbildung weder durch große Antigendosen nocli durch hohe Antikörper- mengen gestört, vielmehr bestand hier eüi gerade proportionales Verhältnis (Friedberger & Vallardi). Auch war die notwendige Dauer der Komple- menteinwirkung bei Schatten ebenso lang wie bei Seruraeiweiß und betrug meist mehrere Stunden oder ganze Tage; bei Erythrocyten wurden schon nach zehn Minuten toxische Extrakte erhalten. Friedberger & Vallardi glauben, daß bei der Verwendung von Blutkörperchen nicht nur das ,, Anaphylatoxin", sondern auch das in Lösung gehende Hämoglobin die Giftigkeit der Abgüsse bestimmt, bei kurzer Digestionsdauer sogar ausschließlich. Die Giftwirkung intravenös in- jizierten Hämoglobins, welches durch irgendwelche unspezifische Eingriffe aus den Erythrocyten frei gemacht wird, ist übrigens durch Batelli, Gottlieb & Lefmaxx, Friedemaxx festgestellt; bei dem Verhalten der Stromata be- zeichnet Friedberger eine Produktion seiner ,,Anaphylatoxine" innerhalb von wenigen Minuten als höchst unwahrscheinlich. Ebenso wie durch den Kontakt mit Präzipitaten oder ambozeptorbeladenen Erythrocyten wird Normalmeerschweinchenserum auch durch die Einwirkung sensibilisierter Bakterien für die gleiche Tierspecies zum akut tödlichen Gifte (Friedberger & Goldschmidt). Ja die Bakterien scheinen sich ganz be- sonders für die Anapliylatoxingewinnung zu eignen, und da sich außerdem herausstellte, daß der Ambozeptor ohne besonderen Einfluß auf den vitro-Vor- gang ist, so wurden sie in der Folge als bequemes Material fast ausschließlich zur Darstellung und zum Studium der FRiEDBERGERschen Gifte verwendet; hiebei war auch zum Teil der Wunsch maßgebend, über das Wesen der In- fektion und ihrer Begleiterscheinungen Aufschlüsse zu erlangen. Die Gifte von Friedberger d. li. also die durch die eben ge- schilderten Prozeduren giftig gewordenen Meerschweinchensera, werden durch halbstündiges Erhitzen auf 55° nicht alteriert, durch ebenso- langes Erwärmen auf 58 o C etwas abgeschwächt, durch kurze Ein- wirkung von 65° völlig zerstört. Sie lassen sich trocknen, im trockenen Zustande lange Zeit aufbewahren und durch Auflösen in geringeren Allergie und Anaphylaxie. 1043 Flüssigkeitsmengen konzentrieren; trocken auf 100 ^ C erhitzt büßen sie ihre Toxizität nicht ein. Durch Alkohol werden sie unverändert gefällt, Extraktion mit Aether und CHCI3 schwächt sie nicht ab; sie sind adialysabel. Beim Dialysieren fällt aus den giftigen Meer- schweinchenseren Globulin aus, welches atoxisch ist, während das in Lösung bleibende Albumin anaphylaxieartig wirkt (Friedberger & Jerusalem). Säuert man anaphylatoxinhaltiges Meerschweinchenserum an (mit HCl), so wird es hitzebestäiidig; mit Natronlauge versetzt büßt es seine akute Wirksam- keit schon bei Zimmertemperatur ein, indem die damit gespritzten Meerschwein- ehen nur chronisch innerhalb von 24 Stunden eingehen. Säuert man Ana- phylatoxin an, kocht, fügt dann Natronlauge im Ueberschuß zu und neutrali- siert, so wirken die Flüssigkeiten zwar akut toxisch, erzeugen aber keine Lungen- blähung (^FrIEDBERGER & MORESCHl). Wiederholtes Einfrieren und Wiederauftauen des Antigens, des Meer- schweinchenserums oder des fertigen Anaphylatoxins schwächt die Wirksamkeit des letzteren nicht ab (Versuche von Boehnke & Bierbaum an Bakterienana- pliylatoxinen aus Rotlauf bacillen). — Leukocyten wirken in vitro hemmend auf die Entstehung von Anaphylatoxinen aus Bakterien (Friedberger & Szyma- xovvsKi, Massoxe, Miyaji); diese Behinderung scheint eine mehr mechanische zu sein und größtenteils auf Phagocytose zu beruhen, da Leukocytenextrakte ohne Einfluß sind. Beim Meerschweinchen entfalten die intravenös injizierten Ana- ph3datoxine von Friedberger ähnliche physiologische Effekte, wie man sie bei echter Anaphylaxie beobachtet, und auch der autop- tische Befund der verendeten Tiere ist in beiden Fällen meist der gleiche. Gerade in dieser Hinsicht wurden zahlreiche Einwände von BiEDL & Kraus*, ^1 erhoben, die aber durch Friedberger, Graetz, Moreschi, Cesa Bianchi, Neufeld, Sachs, H. Pfeiffer, Fried- berger & Ito, Goretti, Kosenow u. a. widerlegt werden konnten. Ein durchgreifender Unterschied zwischen anaphylaktischer und Ana- phylatoxinvergiftung besteht also keinesfalls ; doch scheinen bei letz- terer zuweilen intravaskuläi'e Gerinnungen vorzukommen, die bei ak- tiver Anaphylaxie mit Pferdeserum nicht beschrieben wurden iBiedl & Kraus, Doerr & Russ). Nach Friedberger gibt es nur ein Anaphylatoxin, d. h. es entsteht immer derselbe Stoff, gleichgültig welche Antigenantikörper- kombination zur Darstellung diente. Nur der Vorgang der Gift- bildung ist also spezifisch, nicht aber das Gift selbst, welches in allen Fällen die nämliche physiologische Wirkung hat. Es ist auch kein Antigen, kein Haptin im Sinne Ehrlichs ; eine Er- zeugung von Antitoxin, eine Immunisierung gegen Anaphylatoxin ist unmöglich. Das Tatsächliche dieser grundlegenden Beobachtungen wurde als- bald von allen Seiten bestätigt; aus der großen Zahl einschlägiger Arbeiten seien hervorgehoben die von Friedberger und seinen Mit- arbeitern Reiter, Goldschmidt, Ito, Lurä, Mita, Vallardi, Gir- golaff, Szymanowski, Schütze, Nathan, Frosch, Joachimoglu, ferner von Aronson, Besredka & Stroebel, Bessau, Boehncke, Dewitzki, DoLD, DoLD & AoKi, Goretti, R. Kraus, Miyaji, Moreschi & Ta- dini, Marxer, P. Th. Müller, Moro & Tomono, Neufeld & Dold, Sachs & Ritz, Seitz, Rosenow, M. Wassermann & Keysser, Vay, Vaughan, Weil, Salus & Schleissner. Nur geben manche Autoren (Moro & ToMONO, Vay, Doerr & Russ, BussoN & Takahashi) ausdrücklich an, daß die Giftentstehung nicht mit Sicherheit zu erzielen ist, d. h. daß sie trotz genauester Einhaltung der von 66* 1044 Robert Doerr, Friedberger als optimal bezeichneten quantitativen Bedingungen und trotz Verwendung eines Normalmeerschweinchenseruras mit reichem Komplementgehalt auch ausbleiben kann, ohne daß man im Einzelfalle sagen könnte, wovon das Mißlingen abhängt. Auch dort, wo diese Erscheinung nicht besonders erwähnt wird, geht sie aus dem Studium der Versuchsprotokolle oft genug hervor. M. Wassermann & Keysser^ haben behauptet, daß schon das artgleiche intravenös injizierte Serum an sich für Meerschweinchen in 50 Proz. der Fälle pathogen ist, und Zadik fand, daß Meerschweinchenserum bei bloßem Stehen um 2. Tag giftig werden kann, dann bis zum 4. Tag seine Toxizität unver- ändert beibehält, um erst am 6. Tag wieder in seiner Toxizität abzunehmen ; bei anderen Proben blieben diese Veränderungen aus. Gerade in dieser Hinsicht liegen jedoch fast von allen Autoren, die über Anaphylatoxine gearbeitet haben. Kontrollexperimente vor, welche die völlige Ungiftigkeit des Meerschweinchen- serums für Meerschweinchen überzeugend darlegen. Ganz frisches, artgleiches Serum (bis zu einer Stunde nach der Blutentnahme gewonnen) kann zwar nach Moldovan anaphylaktische Symptomenbilder erzeugen ; doch fällt dieser Umstand bei der Technik der Anaphylatoxindarstellung weg. — Desgleichen ist die von BiEDL& Kraus ^ vertretene Ansicht, daß die giftigen Eigenschaften desAnaphyla- toxins von der primären Toxizität des Antigens oder Immunserums herrühren, nicht haltbar, schon aus dem Grunde, weil es gelang, aus ganz atoxischen Kom- ponenten (Pferdeserum und Pferdepräzipitin) regelmäßig hochwirksame ,, Ana- phylatoxine" zu erhalten (Friedberger i^); doch hat es nach Moro & Tomono den Anschein, als ob sich doch Hammelserura, Rinderserum, also toxische Serum- antigene zur Anaphylatoxingewinnung aus Präzipitaten besser eignen würden als Pferdeserum. Die Deutung der Anaphylatoxine ist eine sehr verschiedene. Aus den ersten Arbeiten von Friedberger und seinen Mit- arbeitern ergibt sich bei unvoreingenommener Kritik bloß die Tat- sache, daß frisches Meerschweinchenserum durch den Kontakt mit Präzipitaten, sowie mit ambozeptorbcladenen Bakterien oder Erythro- cyten die Eigenschaft gewinnt, auf Meerschweinchen bei intravenöser Injektion schädigend einzuwirken, wobei die Erscheinungen meist den typisch anaphylaktischen ähneln. Friedemann 2 und Friedberger ^ zogen jedoch aus ihren Ver- suchen viel weiter gehende Schlüsse, die bisher ihres hypothetischen Charakters nicht entkleidet werden konnten, Sie identifizieren die in ihren ,,Anaphylatoxinen" enthaltene Noxe mit dem Stoff, der im anaphylaktischen Shock entsteht und denselben verursacht, halten den Vorgang, der sich im Reagenzglase und im Tiere vollzieht, für den gleichen und bezeichnen denselben als Verdauung. Sie stellen sich die Bildung des ,,Anaphylatoxins" in vitro als einen chemischen Abbau der relativ ungiftigen Eiweißkörper des Antigens durch Am- bozeptor und Komplement zu hoch toxischen Zerfallsproduk- ten vor; dieses Stadium der Giftbildung sei transitorisch, da die Zerlegung weiter fortschreitet, und aus den toxischen Zwischen- produkten wieder ungiftige, niedriger zusammengesetzte Stoffe ent- stehen. Deshalb erhält man bei zu langer Digerierung mit frischem Meerschweinchenserum keine wirksamen Extrakte (vgl. auch S. 1038 über die Entstehung von Anaphylatoxin in der Bauchhöhle von Meer- schweinchen). Friedberger »formuliert diesen Gedankengang am schärfsten, da ihm ,,das ganze, ursprünglich so verwickelt erschienene Problem der Anaphylaxie nichts anderes ist, als ein Spezialfall der parenteralen Eiweißverdauung", ,,als die giftige AVirkung dabei, unter Einfluß des Komplementes aus Antigen und Antikörper entstehender Abbauprodukte". Dagegen erheben sich nun mehrfache Bedenken. Um die vitro- Gifte von Friedberger und Friedemann für das gesuchte ,,Anaphy- Allergie und Anaphylaxie. 1045 laxie-Gift" erklären zu können, dürften sie sich nur aus denjenigen Komponenten herstellen lassen, die bei dem anaphylaktischen Experi- ment in Funktion treten, und der vitro-Prozeß müßte die Grund- bedingungen der Vorgänge im lebenden Körper widerspiegeln. Schließ- lich könnte man noch den Nachweis der Entstehung eines mit dem vitro-Gift identischen Stoffes im anaphylaktischen Shock verlangen (Auer). Durch die ursprüngliche Technik der Autoren schien die erste Forderung bis zu einem gewissen Grade erfüllt; es werden Eiweißantigen und Antikörper zur Reaktion gebracht und als drittes Element Stoffe verwendet (frisches Normalserum), die als solche zwar nicht im tierischen Organismus vorkommen, die aber doch in einer etwas abweichenden Form, als Blutplasma, daselbst existieren. Im einzelnen sind aber erhebliche Abweichungen zu konstatieren. So ist die Zeit, die das frische Meerschweinchenseruni („Komplement") braucht, um im Kontakt mit Präzipitaten giftig zu werden, meist lecht beträchtlich. Darin liegt natürlich ein Widerspruch zu dem so schnellen Ablauf der anaph^ylaktischen Reaktion im Tiere. Friedberger weist demgegenüber darauf hin, daß im Tiere mehr Komplement zur Disposition steht, dalJ auch eine schnellere Giftbildung („akute Anaphylatoxinbildung") in vitro möglich ist (Friedberger*, Fried- berger & SzYMANOWSKi, Aronson), Und gibt sogar an 20^ daß sie regelmäßig eintritt, wenn man die Bedingungen des Reagenzglases soweit denen des Organis- mus anpaßt, daß alle Komponenten fvorher auf Körpertemperatur gebracht werden. Für eine derartige Konstanz schneller Giftbildung liegen aber keine aus- reichenden Beweise vor; vielmehr arbeiten fast alle Autoren mit protrahierter Digestionsdauer und Friedberger selbst bezweifelte sogar, ob die aus sensibili- sierten Erythrocyten gewonnenen Gifte „Anaphylatoxine" sein können, weil sie so schnell entstehen. Friedberger & Castelli (zitiert bei Friedberger & Vallardi) stellten ferner Präzipitate unter mannigfacher Variierung von Antigen und Amikörper her und fanden, daß sie in einer Versuchsreihe in keinem ein- zigen Falle akut oder innerhalb 24 Stunden tödlich wirkten: dagegen waren die aus Präzipitaten von genau gleicher Zusammensetzung gewonnenen anaphyla- toxinhaltigen Komplementabgüsse ausnahmslos akut tödlich. Das ist ein unlös- barer Widerspruch; wenn große Komplement mengen bei Körper- temperatur sofort Gift abspalten, so ist die Unwirksamkeit der Präzipitate im Tierkörper im Sinne von Friedberger un- verständlich. Später ergaben sich noch schwererwiegende Einwände, indem sich herausstellte, daß man ein oder das andere Element, welches für die anaphylaktische Reaktion in vivo erforderlich ist, weglassen oder so variieren kann, daß es im anaphylaktischen Versuch unwirksam wäre, ohne dadurch das Pathogenwerden des Normalmeerschweinchen- serums für die gleiche Species zu beeinträchtigen. So erhält man Anaphylatoxine aus gekochten Antigenen I koaguliertem Eiereiw^eiß, Pferdeserum, gekochten Bakterien) ebenso leicht, ja besser und schneller, als aus nativen (Friedberger, F. & seine Mitarbeiter Szymanowski, Schütze, Nathan, Neufeld & Dold, DoLD etc.), und zwar auch dann, wenn man das Antigen vor der Einwirkung des Antikörpers erhitzt, oder wenn man das Komplement direkt auf gekochtes Antigen ohne Ambozeptor einwirken läßt (vgl. den folgenden Absatz). Da die Hitze zumindest bei artfremdem Serum die Spezifität und das antigene Vermögen zerstört oder stark re- duziert, so kann die Giftbildung aus gekochtem Antigen nicht gut als Ambozeptor-Komplementwirkung aufgefaßt werden. Ferner ist es ganz sichergestellt, daß gerade die klassischen Antigene anaphy- laktischer Prozesse im erhitzten Zustande auf das überempfindliche Tier gar nicht wirken, daß also in diesem Falle der Vorgang im Organismus 1046 Robert Doerr, diametral von dem abweicht, was sich bei der FRiEDBKRGERschen Methodik in der Eprouvette abspielt. Daß auch der Ambozeptor bei der Bildung der Gifte von Fried- berger keine wesentliche Rolle spielt, geht daraus hervor, daß man in der Versuchsanordnung das Immunserum durch Normalserum oder heterologe Immunsera ersetzen kann (Friedberger, Kraus), ja daß die Erzeugung giftiger Extrakte auch dann möglich ist, wenn man diese Komponente ganz fortläßt und einfach Eiweißantigene mit frischem ]\Ieerschweinchenserum behandelt. Friedberger & Nathan - erhielten akut tötende Gifte, wenn sie normales, bei 56 — 60° C inaktiviertes Pferdeserura mit 4 — 8 ccm Normalmeersehweincheu- serum vermengten und 24 Stunden stehen ließen; 4—4,5 ccm der Gemische intra- venös wirkten letal. Die Antigenmengen, welche hierzu ausreichten, waren auf- fallend gering: schon Ü,ÜÜ1 ccm Pferdeserum genügte, während nach Fried- berger & Vallardi erst 0,02 ccm Hammelserum mit Komplement und Ambo- zeptor eine Dosis letalis lieferten. Ebenso wurde ein 24 Stunden digeriertes Ge- menge von 8 ccm frischen Pferdeserums mit 0,1 ccm inaktivem Meerschwein- chenserum giftig; die Dosis letalis betrug 4,5 ccm. Auch diese Versuche scheinen sehr wechselnde Resultate zu geben; in zahlreichen eigenen, mannigfach vari- ierten Nachprüfungen wurde kein einziger akuter Tod erzielt. Ebenso kann man bei Benutzung anderer Antigene den Ambozeptor (das antikörperhaltige Serum) ohne Schädigung der Giftbildung eliminieren. Bei den Bakterienanaphylatoxinen ist dieser Faktor so überflüssig, daß man ihn jetzt ganz allgemein vernachlässigt (vgl. Bakterienanaphylaxie). Auch Jlühnerspiro- ehäten (Mutermilch) und Trypanosomen (Friee)berger & Szymanowski, Marcora, Mutermilch) machen Meerschweinchenserum toxisch, ohne daß die Gegenwart spezifischer Ininuinkörper erforderlich oder auch nur förderlich wäre. Alle diese Versuche sprechen gegen die Identität der vitro-Pro- zesse mit den Vorgängen im anaphylaktisch reagierenden Tiere, da das antikörperfreie und bloß komplementreiche normale Tier durch die Injektion von Eiweißantigenen z. B. Pferdeserum nicht geschädigt wird, andererseits auch gegen die Auffassung, daß die Giftbildung im Reagenzglase eine Ambozeptor-Komplementreaktion sei. Um die Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen, nimmt Friedberger an, daß das frische Normalmeerschweinchenserum außer Komplement auch normale Ambozeptoren enthält (die dann freilich für alle möglichen Antigene vorgebildet sein müßten). Daß das gesunde Tier auf die Erstinjektion von heterologem Eiweiß nicht reagiert, während sein Serum mit letzterem in vitro Gift produziert, soll sich aus dem langsamen Tempo der Giftbildung erklären, welches eine Anhäufung akut tödlicher Mengen im Organismus verhindert, während in der Eprouvette eine fertige letale Dose erzeugt und dann einverleibt wird. Wäre es aber richtig, daß das „Anaphylatoxin" das gesuchte anapliylaktische Gift ist, und daß die Differenz in der Reaktion normaler und sensibilisierte!' Tiere bloß auf der verschiedenen Schnelligkeit der Giftproduktion ohne und mit Ambozeptor beruht, dann müßte man auch im Reagenzglase einen wesentlich beschleunigenden Einfluß des Ambozeptors auf die Giftbildung gegenüber reiner Komplementeinwirkung wahrnehmen, was aber nicht der Fall ist (Moreschi & Vallardi); Aroxsox erhielt aus trockenen und zerriebenen Bacillen durch Kontakt mit bloßem Meerschweinchenserura schon in einer Minute wirk- same Gifte. » Uebrigens ist es gar nicht notwendig, daß der Stoff, der dem Meerschweinchenserum die Pathogenität verleiht, ein Anaphylaktogen oder überhaupt ein Antigen ist. Das geht zum Teil schon aus den Experimenten mit gekochten Antigenen, Antikörpern und Komplement, noch mehr aber aus Anordnungen hervor, in welchen das Gift beim Kontakt von bloßem Meerschweinchenserum mit koaguliertem Eiweiß, mit auf 100 C erhitztem Pferdeserum (Friedberger, F. & Castelli), Allergie und Anaphylaxie. 1047 mit peptonhaltigem Nähragar (Besredka & Stroebel) oder Witte- pcpton entstand. Anaphyiatoxin bekamen Friedberger & Mita sogar aus Tetanustrocken- toxin und Friedberger will auf Grund dessen das Toxin als Anaphylaktogen erklären und alle prinzipiellen Unterschiede zwischen antitoxischer Immunität und Eiweißüberempfindlichkeit in Abrede stellen. Neufeld & Dold, Doed & Ungermann konnten dies nur beobachten, wenn die Toxin-Serunimischung bakteriell verunreinigt war und nehmen daher die Entstehung von Hakterien- anaphylatoxin an; aber Friedberger ^^ berichtet über regelmäßige Giftbildung aus slerilem Toxin und sterilem Meerschvveinchenserum. Nun hat Aronson gezeigt, daß man durch einfaches Aussalzen von steriler gewöhnlicher Nähr- bouillou mit Ammonsulfat Stoffe erhält, welche ebensolche Gifte liefern wie Tetanustrockentoxin, wodurch alle auf diese Ergebnisse basierten Schlüsse hin- fällig werden. Aroxsox"' erwärmte eine Mischung von Histidinchlorhydrat (0,0004 — 0,00025 gj und 4 ccm Normalmeerschweinchenserum durch IV2 Stunden im Wasserbado auf 38 ° C und fand, daß die Giftigkeit des Flistidins für intravenös injizierte Meerschweinchen um das 250-fache zugenommen hatte, so daß sie nun- mehr der des ß-Iminazolyläthylamins genau entsprach. Da das Histidin chemisch als ß-Imidazolaminopropionsäure aufgefaßt wird, so sieht Aronson darin einen Beweis, daß das Komplement die Karboxylgruppe abspalten, dekarboxylieren kann. Auch bei der Anaphylaxie soll es sich um einen solchen Abbau von Histidinen und Histonen durch Komplement zu giftigen Basen handeln. Sorgfältige Nach- prüfungen (nicht publiziert) ergaben aber, daß das Histidinchlorhydrat viel weniger giftig ist, als Aronson feststellte, und daß trotz Verwendung reinster wie auch unreiner Histidine und genauer Beobachtung aller Vorschriften nie eine merkliche Erhöhung der Giftigkeit durch Meerschweinchenserum eintrat. Endlich hat man noch das Komplement auszuschalten versucht, und zwar in der auch sonst üblichen Weise, daß man das frische Meerschweinchenserum vor seiner Verwendung durch 1/2 — 1 Stunde auf 5f» — 60^' erhitzte. Da blieb nun die Giftbildung in der über- wiegenden Mehrzahl der Fälle aus, war aber in geringerem Aus- maße doch auch sowohl bei Präzipitaten (Friedberger^) als nament- lich bei Bakterien zu konstatieren (Seitz, R. Kraus, Kruse, Aron- son), indem die mit den Inaktivabgüssen intravenös injizierten Meer- schweinchen schwächere Symptome darboten und meist nicht akut, sondern protrahiert nach einer oder mehreren Stunden eingingen. Man kann indes diese geringen Giftwirkungen nicht gut als Bildung neuer Gifte durch komplementfreies Serum auffassen ; Präzipitate, besonders aber Bakterien erzeugen derartige Erscheinungen milderen Charakters an sich und es ist daher denkbar, daß namentlich große Mengen derselben durch Inaktivsera einfach ausgelaugt werden und an dieselben Antigene und Antikörper oder Endotoxine so wie an irgendeine indifferente Flüssigkeit abgeben. In der Tat wird auch NaCl-Lösung im Kontakt mit Präzipitaten oder erheblichen Bakterien- massen toxisch (Aronson, Frosch, Neufeld & Dold, Seitz, Fried- berger & Mita, Lura). Man darf Friedberger daher recht geben, wenn er solche Ergebnisse nicht gegen die Bedeutung des Komple- mentes für die Anaphylatoxingewinnung in vitro gelten lassen will, and für das Wesen der letzteren das Phänomen erklärt, daß minimale, an sich nicht wirkende Dosen von Präzipitat oder Bakterien Normal- meerschweinchenserum in ein akut tötendes Gift verwandeln. In jüngster Zeit haben aber Friedemann & Herzfeld durch Behandlung von V2~l Prodigiosusagarkultur mit diluiertem (5 Proz.) inaktivem Serum akut tötende Gifte bekommen, die mit unver- dünntem Inaktivserum nicht zu erhalten waren. 1048 Robert Doerr, Durch das Erhitzen auf 60 o C wird ferner nicht nur das Kom- plement zerstört, sondern es gehen auch noch andere schwere Ver- änderungen vor sich, so daß es fraglich wird, ob gerade das Fehlen des Komplementes an der meist ausbleibenden Giftbildung Schuld trägt. In diesem Sinne scheint es von Bedeutung, daß Doerr & ßuss durch Mischen, Auspräzipitieren und Stehenlassen inaktiver Sera und inaktiver Antisera akut tötende Präzipitate, Abgüsse und Re- aktionsgemenge erhalten konnten ; die Komponenten waren für sich allein ungiftig. Angesichts dieser Tatsachen wird es natürlich sehr zweifelhaft, aus welchem Stoffe das ,,Anaphylatoxin" in vitro entsteht und welcher Mechanismus diesem Prozeß zugrunde liegt. Friedberger stellt als wesentlichste Quelle des Giftes das Antigen hin, welches durch Ambozeptor und Komplement verdaut, d. h. zu hochtoxischen Zerfallsprodukten fermentativ abgebaut wird. Das ist jedoch auch aus anderen Gründen als den angeführten wenig wahr- scheinlich ; vor allem genügen zur Darstellung des Anaphylatoxins schon Zehntel- oder Hundertelmilligramme Eiweißantigen (0,001 ccm Pferdeserum, i/jq Oese feuchter Bakterien) und die Abbaugifte könnten wieder nur einen Bruchteil dieser minimalen Quantitäten betragen, was mit unseren Kenntnissen über die Toxizität selbst der hochgiftigsten Eiweißbausteine nicht in Einklang zu bringen ist. Daher nehmen viele Autoren, welche auf dem Boden der Hypo- these des Eiweißabbaues zu Giften stehen, als Matrix den Komplex Ambozeptor-Komplement, wohl auch den Ambozeptor oder das Kom- plement allein an (Friedemann, Fuld, Wassermann & Brück, M. Wassermann & Keysser) oder lassen nebenbei eine Beteiligung des Antigens als möglich zu (Xeufeld & Dold). M. Wassermann & Keysser leiten das Gift, welches sie als „Toxopeptid" bezeichnen, aus dem Ambozeptor d. h. aus dem Eiweiß des Immunserums ab; dem Antigen soll bei der Technik der Anaphylatoxingewinnung lediglich die Rolle zukommen, daß es das Eiweiß des Immunserum? durch Bindung des Ambo- zeplors fixiert oder chemisch-physikalisch adsorbiert und dadurch der abbauenden Wirkung des Komplementes zugänglich macht. Sie versuchten diese Auffassung zu beweisen, indem sie an die Stelle des Antigens nicht abbaufähige Substanzen, Kaolin und Baryumsulfat setzten, dieselben mit inaktivem Pferdeserum durch Adsorption beluden und sodann mit frischem Meerschweinchenserum digerierten, welches dadurch pathogen wurde*). In diesen Versuchen, welche durch Neufeld & Dold bestätigt wurden, könnte aber das Pferdeserum die Funktion des Anti- gens und normale Ambozeptoren des Meerschweinchenseruras jene des Anti- körpers übernehmen (Friedberger i^). M. Wassermann & Keysser, Nelfeld & Dold haben daher das Pferdeserum durch artgleiches Serum ersetzt, wodurch jedes abbaubare heterologe Eiweiß als Antigen eliminiert wird; sie verwendeten Serum von aktiv präparierten Meerschweinchen (artgleichen Immunambozeptor), ließen es durch Kaolin adsorbieren, digerierten das beladene Kaolin mit frischem Meerschweinchenserum und fanden letzteres nach Entfernung des Kaolins so giftig, daß es akuten Tod unter anaphylaktischen Erscheinungen hervorrief. Sie sehen darin den Beweis, daß das „Toxopeptid" wirklich aus dem Immun- ambozeptor abgespalten wird; Ritz und Sachs konnten aber statt des Serums *) Auf einem ähnlichen Mechanismus beruht folgendes Experiment von Manoiloff^: Pferde- oder Kaninchenserum liefert mit Chininlösung (6 ccm -[- 6 ccm 5-proz. Chininsolution) einen Niederschlag ; zentrifugiert man denselben ab und digeriert ihn mit frischem Meerschweinchenserum, so wird letzteres zu einem für Meerschweinchen und Kaninchen hochwirksamen Gift, welches unter den Symptomen akuter Anaphylaxie shockartig tötet. Mit Bromlösung konnten solche Gifte nicht erhalten werden. Manoiloff glaubt, daß die Ent- stehung derartiger ,,Chininotoxine" bei der Chininidiosynkrasie eine Rolle spielt. Allergie und Anaphylaxie. 1049 präparierter Meerschweinchen auch das inaktivierte normaler Tiere benützen und so zeigen diese und ähnliche Experimente eben nur das, was auch Fried- berger behauptet, daß frisches Meerschweinchenserum durch jeden Eiweiß- körper toxisch werden kann, nicht aber, daß Ambozeptoren als Gift-Matrix fungieren. Sucht man alle angeführten Beobachtungen unter generelle Ge- sichtspunkte zu vereinen, so kommt man zu dem Schlüsse, daß jedes artgleiche oder artfremde Serum pathogen werden kann, wenn man es entsprechende Zeit mit adsorbierenden Substanzen in Kontakt bringt, mögen die letzteren nun aus Präzipitaten, sensibilisierten Zellen, Bakterien, koaguliertem Eiweiß, inaktiviertem Serum, Witte- pepton, Xähragar oder dgl. bestehen. Und da immer ein Gift von gleicher Wirksamkeit gebildet wird, so erscheint es natürlicher, als Matrix des Giftes das giftig gewordene Serum zu betrachten, als die nach Quantität und Qualität so außerordentlich variierenden so- genannten Antigene. Man könnte ja daran denken, daß durch die Adsorption antagonistische Faktoren entfernt werden, welche die Wir- kung von Stoffen verhindern, die in jedem Serum präformiert sind (Ritz & Sachs, Doerr, Bauer, Mutermilch u. v. a.) oder daß erst nach erfolgter Adsorption antagonistischer Stoffe ein Abbau von un- spezi fischen Serumbestandteilen zu Giften eintritt (Ritz & Sachs). Durch ihre Einfachheit bestechend ist die Konzeption, daß frische Sera durch Adsorption gewisser Bestandteile zu „Anaphylatoxinen" werden. Sie gab die Veranlassung, frische Meerschweinchensera mit adsorbierenden unveränderlichen Stoffen, geglühtem Kaolin, Kiesel- gur, Tier- und Pflanzenkohle etc. zu digerieren, um sie auf diesem Wege toxisch zu machen. Bei der Digestion mit Kaolm wurden recht widersprechende Resultate er- zielt. Bauer gibt summarisch an, daß sowohl arteigene Üeva. wie artfremde für Meerschweinchen regelmäßig hochtoxisch werden, wenn man sie mehrere Stunden mit Xaoün schüttelt, und das gleiche berichtet Mutermilch, der noch hinzu- fiigt, daß Meerschweinchenserum bei Abstufung der Kaolinmenge um so toxischer wird, je weiter die Adsorption des hämolytischen "Komplementes fortschreitet. Desgleichen hatten auch M. Wassermann & Keysser vereinzelte positive Erfolge; andere x\utoren sahen keine oder nur schwache Effekte der Kaolinsera (Ritz & Sachs, Friedberger & Szymanowski, Neufeld & Dolo, Aronson, Seitz) und sind geneigt, letztere darauf zurückzuführen, daß sich das Kaolin aus dem Serum nur schwer wieder entfernen läßt und daß Kaolinsuspensionen (2— 3 ccm einer 5-proz. Suspension) an sich fähig sind, schwere Allgemein- erscheinungen und erheblichen Temperatursturz (um 6°), also anaphylaktische Symptome bei intravenös injizierten Meerschweinchen hervorzurufen (Sachs & Ritz). Zentrifugiert man die schwach giftigen Kaolinsera scharf und lang genug, so verliert sich mit den Kaolinresten auch die Toxizität (Friedberger, Sachs, Ritz). Es bestehen aber doch Unterschiede zwischen der Giftigkeit reinen Kaolins und eines durch Adsorption mit Kaolin giftig gewordenen Meer- schweinchenserums, indem erstere thermostabil ist, während letztere durch 1/2" stündiges Erwärmen auf 60 C aufgehoben werden kann (Ritz). Die primäre Giftigkeit des Kaolins führen mehrere Autoren (Friedberger, Neufeld & Dold) auf Embolien und Tiirombosen zurück, wohl auch auf Ver- letzungen der Kapillarendotlielien durch die Spitzen der Kaolinpartikelchen, also auf mechanische Momente. Damit stimmt aber nicht, daß die Giftigkeit von Kaolinsuspensionen durch Meerschweinchenserum reduziert werden kann, und zwar durch aktives weit besser als durch inaktiviertes (Ritz). Vielleicht liegt die Sache doch so, daß das Kaolin auf das Plasma im Organismus so wirkt wie auf das Serum in der Eprouvette und ihm dieselben schädigenden Fähig- keiten verleiht. Die Entgiftung des Kaolins durch den Kontakt mit Serum, die gewisse Analogien zur Entgiftung der ■wässerigen Organextrakte bietet (Sachs), wäre dann jedenfalls leicht verständlich. M. Wassermann und Keysser sahen ebenfalls Giftwirkungen von intravenös injizierten Kaolinsus- pensionen sowohl bei Meerschweinchen als auch bei weißen Mäusen; bei ersteren 1050 Robert Doerr, waren sie inkonstant, bei letzteren traten sie in heftigster Form (Krämpfe, Dys- pnoe, Exitus innerliaib einer Minute; auf, wenn man das Kaolin vorher mit Pferdeserum oder arteigenem Serum beladen hatte. Waren die Kaolinkonzen- trationen geringer (1 com einer Aufschwemmung von 1:300— 1000 j, so traten Symptomo und Exitus erst nach 5 — 30 Minuten ein. Kaolin allein wurde von den Kontrollen angeblich selbst in größerer Menge vertragen, was im Wider- spruch zur primären KaoUngiftigkeit und Entgiftbarkeit durch Serum beim Meerschweinchen steht. Baryumsulfat macht Meerschweiuchenserum nach Mutermilch weniger toxisch als Kaolin ; noch schlechter wirkte Talk. Doerr & R. Pick (nicht publiziert) füllten eine Berkefeldkerze mit Normalmeerschweinchenserum, stellten dieselbe für 1 Stunde in den Thermo- staten und zogen mit der Pumpe durch; 3,5 ccm des Filtrates riefen einen schweren Shock mit Lungenblähung und verminderter Blutgerinnbarkeit hervor. In der Eprouvette mit 3 — 6 Oesen Kieselgur versetzt, wurde Meerschweinchen- serum nach 1 Stunde bei 37 ° so toxisch, daß 3,5 ccm einmal schwersten Shock, ein zweites Mal akuten Exitus in 3 Minuten hervorriefen. Wiederholungen er- gaben minder gute (Doerr & R. Pick) oder ganz negative Resultate (Fried- berger). — Die Kaolinversuche von Bauer mit Meerschweinchenserum konnten Doerr & R. Pick nicht bestätigen. Wohl aber wurde Pferdeserum durch mehrstündiges Schütteln mit Kaolin auffallend giftiger und wirkte nach dem Abzentrifugieren des Kaolins in Dosen von 2,5 — 3 ccm innerhalb einer oder mehrerer Stunden tödlich auf normale Meerschweinchen; Kaolinreste trugen daran nicht die Schuld, da primär toxisches Rinderserum die (Triftigkeit bei absolut gleicher Behandlung einbüßte, wohl aber schienen sich sehr frische Pferdesera besser zu eignen als alte. Ueberblickt man die Adsorptionsversuche, die sich natürlich noch in ihren ersten Anfängen befinden, so muß man zugeben, daß ver- einzelte positive Resultate zahlreichen negativen gegenüberstehen. In- des — und das ist gewiß nicht ohne Wichtigkeit — bei der Anaphyla- toxinbildung in vitro kann man ähnliche Beobachtungen machen ; manchen Autoren glückte die Gewinnung akut tödlicher Gifte nicht, vielen trotz zahlreicher Versuche ausnahmsweise, anderen scheinbar mühelos und recht konstant. Es scheinen da besondere Umstände mitzuspielen, die zum Teil unbekannt sind und es ist verständlich, daß sich bei der Adsorption durch Kaolin, Kieselgur etc. die Schwie- rigkeiten der Ermittelung optimaler Verhältnisse mehren. Es ist ja auch möglich, daß der Einfluß, den Antigen-Antikörperreaktionen in erster Linie, in zweiter verschiedene Eiweißstoffe, wie Wittepepton, Bakterien, inaktive Sera auf frisches Meerschweinchenserum ausüben, besonderer Art ist und nicht einfach durch ein beliebiges Adsorbens ersetzt werden kann. Ob man diesen Einfluß so definieren kann, daß frisches Serum toxisch wird, wenn ihm durch Antigene (und ihre Antikörper) Komplement entzogen wird (Citrox, Bauer, AIuter- milch), ist fraglich, aber nicht absurd; daß inaktive Sera, wie man sie durch Erhitzen oder Stehenlassen gewinnt, nicht giftig wirken (ßiTz & Sachs), ist keinesfalls ein Gegenbeweis, da bei diesen Prozeduren die Komplementfunktion, aber nicht der Träger der- selben dem Serum verloren geht. Inaktivieren durch Adsorption ist ein ganz anderer Vorgang. Daß bei der Darstellung von ,,Anaphy- latoxin'" aus Präzipitaten, sensibilisierten Zellen oder Bakterien die quantitativen Verhältnisse von Antigen und Ambozeptor so maß- gebend sind, läßt sich so erklären, daß die Adsorptionsvorgänge, die das Normalmeerschweinchenserum bei der Anordnung von Eried- berger giftig machen, je nach Menge und Konstitution des Adsor- bens variieren ; auch kann zu lange Adsorption die bereits gebildeten Gifte wieder entziehen, da Ritz & Sachs Anaphylatoxine durch Behandlung mit Kaolin oder Bakterien ihre Toxizität einbüßen sahen. Allergie und Anaphylaxie. 1051 Die Möglichkeit, daß artgleiche und artfremde Sera durch ein- fache Adsorption oder doch nahestehende Prozesse in Gifte trans- formiert werden können, ergibt sich auch daraus, daß der Umwand- lungsprozeß von Plasma zu Serum über eine hochgiftige Phase führt, die allerdings einen recht transitorischen Charakter hat, die aber durch Verzögerung der Gerinnung z. B. mittels Hirudin, einiger- maßen stabilisiert werden kann (Doerr). Diese Phase, wie wir sie z. B. im eben defibrinierten Blute oder durch rasches Zentrifugieren desselben auch im Serum antreffen, wirkt ganz älmlich wie die vitro-Gifte von Doerr & Russ, Friedberger u. a., ja sie steht ihnen näher als dem Agens, das sich im wahren anaphylaktischen Shock bildet, weil bei letzterem intravaskuläre Thrombosen fast immer ver- mißt werden, während sie nach Injektion der erstgenannten Sub- strate häufig vorkommen (Doerr, Biedl & Kraus). Das rasche Verschwinden dieser initialen Gerinnungstoxizität des Serums — _ im Blutkuchen bleibt sie ungleich länger erhalten — läßt sich nun nicht nur durch Zerstörung eines labilen Giftes, sondern auch durch das Auftreten antagonistischer Stoffe oder durch Inaktivierung von Fer- menten erklären. Ließe sich die Richtigkeit der Theorie erhärten, daß das_ Meer- schweinchenserum im Anaphylatoxinversuch die Giftquelle ist, so wären natürlich alle Hypothesen hinfällig, welche das Friedberger- sche Gift durch die Einwirkung des Antikörpers auf das Antigen entstehen lassen, oder durch die verdauende, abbauende Wirkung des Komplementes auf Antigen oder Ambozeptor; in letzterer Hinsicht muß übrigens betont werden, daß gar keine Erfahrungen zu Gebote stehen, welche gestatten würden, frischem komplementhaltigem Serum Fähigkeiten zuzuschreiben, die man als Verdauung bezeichnen dürfte. Ob die ..Anaphylatoxine" mit den Substanzen übereinstimmen, welche alle anaphylaktischen Erscheinungen oder auch nur den ana- phylaktischen Shock beim Tiere bedingen, und wie sich unter dieser Annahme die Phänomene der Eiweißallergie unserem Verständnis näher bringen lassen, soll auf S. 10.53 ff. diskutiert werden. 3. Chemischer Nachweis von Fermenten und Abbau- produkten bei der Antigen-Antikörperreaktion in vitro. Pfeiffer & Mita^ vermischen das Serum anaphylaktischer, aktiv präparierter Meerschweinchen in vitro mit dem zugehörigen Antigen, digerieren 24 Stunden bei Bruttemperatur, enteiweißen das Gemisch durch Erhitzen auf 80 o C unter Zusatz von Acid. acetic. und durch Filtration ; das Filtrat gibt Biuretreaktion, enthält also lösliche, in- koagulablc Spaltprodukte des Eiweißes von Peptoncharakter. Pfeiffer nimmt daher in Uebereinstimmung mit einer schon früher von Friede- MAxx2 geäußerten Auffassung an, daß im Gefolge der parenteralen Vorbehandlung mit Eiweißantigen ein proteolytisches Ferment entsteht, welches in Form einer Vorstufe (Proferment, Zymogen) in die Blut- bahn abgestoßen wird. Dieses Zymogen soll mit dem anaphylaktischen Antikörpei identisch sein und durch die Reinjektion von Antigen (Probe) spezifisch aktiviert werden ; es vermag dann das körpereigene Eiweiß des Tieres, vielleicht auch das Eiweiß des Antigens zu in- koagulablen, peptonartigen Spaltprodukten abzubauen^ welche das Ver- giftungsbild des anaphylaktischen Shocks hervorrufen, der somit als Ver- giftung mit körpereigenem Material, als Autotoxikose aufzufassen wäre. 1052 Robert Doerr, Das proteolytische Vermögen tritt im Seium der Meerschweincheu nach einmaliger Präparierung mit 0,01 ccm Pferdeserum schon am 5. Tage auf, zu einer Zeit, wo die Tiere noch gar nicht anaphylaktisch sind und verschwindet bereits zwischen dem 45. und 80. Tage, also früher als die aktive (Jeberempfind- lichkeit. Nach wiederholter Vorbehandlung bilden sich die fraglichen Stoffe rascher (am 3. — 4. Tag) und in größerer Menge resp. Aktivität. Zu ihren Versuchen mußten Pfeiffer & Mita stets frische, aktive Bera benützen; wurde das Antigen- oder Immunserum inaktiviert, so gaben die digerierten und enteiweißten Gemische schwache oder keine Biuretreaktion. Vom Antiserum waren 4, vom antigenen Serum mindestens 2 ccm erforderlich; die quantitativen Verhältnisse gestalteten sich also anders als im anaphylaktischen Experiment. Im Serum von Meerschweinchen, die im Shock verendet oder auf der Höhe des Shocks getötet waren, konnten Pfeiffer & Mita nie- mals peptonartige Spaltprodukte, die von ihnen angenommene Ursache der Erscheinung, nachweisen. Nur de Waele beschreibt in älteren Versuchen das Auftreten inkoagulabler Eiweißderivate in der Peri- tonealhöhle überempfindlicher, mit Antigen reinjizierter Meer- schweinchen. Positive Biuretreaktion erzielten Pfeiffer & Mita nur mit Im- munserum vom Meerschweinchen, nicht aber vom Kaninchen, obwohl doch letzteres viel mehr anaphylaktischen Antikörper (s. S. 1014) und auch genügend Komplement enthält. Eriedberger & MitaI bestätigen diese Angaben insofern, als ihre „Anaphylatoxine" (aus Eiweiß oder Bakterien) positive Biuretreaktion gaben, während sie in ähnlichen, aber mit inaktivem Meerschweinchen- serum hergestellten und daher ungiftigen Flüssigkeiten fehlte. (Ent- eiweißungstechnik nach Hohlweg & Meyer.) Schenk ^ will die Versuche von Pfeiffer nicht anerkennen, da nicht nur Gemische von anaphylaktischem Immunserum und Antigen, sondern auch einfache Normalsera (vom Meerschweinchen, Pferd, Rind) nach dem Enteiwcißen Fil- trate geben, die positive Biuretproben liefern; es liegt das daran, daß weder die einfache Hitzekoagulation nach vorausgegangenem Ansäuern, noch die Methode von Hohlweg & Meyer eine sichere und absolut vollständige Ausfällung der Eiweißkörper bei in Lösung verharrenden Peptonen gestatten (Wini'Ernitz, Hohlweg und Meyer). Demgegenüber hält Pfeiffer ^^ seine früheren Be- hauptungen aufrecht, stützt sie durch neue Versuche und führt die Resultate von Schenk auf Fehler bei der Enteiweißung zurück. Friedberger sowie H. Pfeiffer betonen außerdem, daß Schenk große Serummengen verarbeitete, während in ihren Versuchen kleine Serummengen bei einwandfrei negativen Kontrollen die Biuretreaktion lieferten. Ajviiradzibi hatte bei der Nachprüfung der Resultate von Pfeiffer (Ver- fahren von Michaelis & Rona) negative Ergebnisse, Kammann hingegen positive; optische Methoden lieferten bei beiden Autoren keine im Sinne eines Abbaues verwertbaren Ausschläge. Kammann brachte das Serum von gegen Hammeleiweiß anaphy- laktischen Meerschweinchen auf Platten, die aus einem Gemisch von Kioselsäuregallerte und Hammelserum bestanden und konnte eine Dellenbildung durch Verflüssigung beobachten ; sie blieb auf Kiesel- säureplatten, die mit andek-sartigem Serum hergestellt waren, aus, konnte daher nur auf der Wirkung spezifischer Proteasen beruhen. Doch ließen sich diese spezifischen Fermente durchaus nicht in jedem Falle nachweisen und waren namentlich bei der Anaphylaxie gegen Hammeleiweiß anzutreffen. Uebei die unspezifischen Proteasen von Abderhalden vgl. S. 1034. Das konstante Vorkommen eiweißspaltender spezifischer Fermente im Blute, wie es für die Anaphylaxie nicht nur von Pfeiffer Allergie und Anaphylaxie. 1053 und Friedemann, sondern auch von Weichardt, Schittenhelm, Levaditt, Anderson & Frost, Vaughan & Wheeler, Kammann, E. ZuNz, Vaughan & Wright, Heilner, Nicolle, Salus u. v. a. als Ursache postuliert wird, ist demnach nicht mit Sicherheit erbracht, wie auch Pick & Pribram auf Grund eigener Experimente betonen. 4, Die Erzeugung des anaphylak tischen Symptome n - komplexes mit chemisch dargestellten Derivaten primär atoxischer Eiweißantigene. Vaughan & Wheeler S Vaughan 3, Nicolle & Abt, Nicolle & Po- ZERSKi S White & Avery kochten Hühnereiweiß, Pferdeserum, Pankreassaft, ferner diverse pathogene und apathogene Bakterienarten mit absolutem, 2 Proz. NaOH enthaltendem Alkohol und erhielten so eine alkobollösliche und eine unlös- liche Fraktion. Erstere war hochtoxisch, tötete Meerschweinchen unter anaphy- laxieähnlichen Symptomen, vermochte aber nicht zu sensibilisieren, war also nicht antigen; letztere sensibilisierte gegen das Ausgangsmaterial (s. S. 1000), aber nicht gegen sich selbst und war primär ungiftig. Vaughan nimmt in Analogie mit Bes- ßEDKA (s. S. 987) im Eiweißantigen eine haptophore Gruppe an, die das Tier aktiv präpariert, und eine toxophore, die bei der Reinjektion abgespalten wird uud identifiziert diese hypothetischen Gruppen mit den künstlich dargestellten Alkohol- fraktionen; die toxophore wäre gleichbedeutend mit dem bei der Anaphylaxie wirksamen Agens und jenen vitro-Giften, welche Vaughan, Vaughan jr. und Wright aus Serum oder Organextrakten anaphylaktischer Meerschweinchen und Antigen dargestellt haben wollen. Diese Angaben wurden von Gay & Adler, Banzhaf & Steinhardt- für Pferdeserum, von Armit für reines Eiereiweiß bestritten, wo sich die alkohollösliche und unlösliche Fraktion weder antigen noch giftig erwiesen. Im Jahre 1907 machte de Waele^ auf die Analogie der ana- phylaktischen Erscheinungen mit der Pepton Vergiftung auf- merksam und betonte, daß Tiere, die einen anaphylaktischen Shock überstanden haben, gegen eine neuerliche Antigenzufuhr geradeso geschützt (antianaphylaktisch) sind, wie peptonvergiftete gegen noch- malige Peptonwirkung (Peptonimmunität). Biedl & Kraus i konnten an Hunden, denen sie endovenös Peptonum Witte (0,03—0,3 g pro kg Körpergewicht) injizierten, gleichfalls ein Vergiftungsbild wahrnehmen, welches bis ins Detail dem anaphylaktischen Shock glich ; sie fanden ferner, daß anaphylaktische Hunde durch präventive Peptoninjektion gegen die Probe mit Antigen refraktär werden und daß sie umgekehrt nach dem Ueberstehen des Shocks bis zu einem gewissen Grade gegen Wittepepton unterempfindlich sind. Später berichteten Hirschfelder, sowie Biedl & Kraus ^, daß Meerschwein- chen von 300 — 500 g durch intravenöse Injektion von 0,25 — 0,3 g Wittepepton (ca. 0,8 — 1,0 g pro kg Körpergewicht) getötet werden können, und daß auch hier „die Erscheinungen von Seite des Ee- spirationsmechanismus, das physiologische und anatomische Verhalten der Lunge völlig gleich waren den bei der Anaphylaxie wahrnehm- baren". Kraus & Biedl lassen daher die anaphylaktischen Sym- ptome beim Hund und beim Meerschweinchen durch ein Gift ent- stehen, welches physiologisch als vollkommen identisch zu betrachten ist mit dem Wittepepton. Die bestehenden Be- ziehungen wurden noch enger gestaltet durch Busson und Takahashi, denen zufolge intravenöse Peptonin jektionen beim Meerschweinchen starke Komplementverminderung erzeugen. Das Wittepepton ist ein sehr wechselnd zusammengesetztes Gemenge, dessen Fabrikation von der erzeugenden Firma geiieimgelialten wird (Weichardt ^9). Es enthält Peptone und Albumosen, welche aber nach Pick und Spiro für seine 1054 Robert Doerr, physiologische Wirkung nicht verantwortlich gemacht werden können : als Träger derselben wird ein bei der peptischen Verdauung des Rinderfibrins, dem Roh- material der Peptonerzpugung, entstehendes Abbauprodukt angenommen, welches Hofmeister als Peptozym, Popielsi^i als Vasodilatin bezeichnet. Das Vasodilatin zeigt weder die Charaktere emer Alburaose noch eines Peptons, ist vom ß-Iminazolyläthylamin entgegen den Angaben von Dale & Laidlaw ver- schieden, enthält auch diesen Körper nicht, sondern stellt eine abiurete Substanz dar, welche schon in Dosen von U,ül Milligramm starke Wirkungen hervorruft. Es soll bei der peptischen und tryptischen Verdauung aller Eiweißkörper z. B. Fibrin (Wittepepton), Kasein. Ovalbumin etc. sowie bei der Zerkleinerung oder wässerigen Extraktion der verschiedensten Organe entstehen. Seine physio- logischen Effekte äußern sich vornehmlich in Blutdrucksenkung und Herab- sei zung der Blutgerinnbarkeit. Letztere, für welche Hofmeister das im Witte- pepton enthaltene hypothetische Agens (Peptozym) direkt verantwortlich macht, soll nach Popielski nur indirekt und sekundär zustande kommen, und zwar bei der Passage des Vasodilatins durch die Darragefäße und den auf das Endo- thel derselben ausgeübten Reiz. Wenigstens wird das Entstehen der Blut- ungerinnbarkeit nur durch Ausschaltung des Darmes, nicht aber irgendeines anderen Organes (Milz, Lunge, Leber) antagonistisch beeinflußt (Popielski). Nach Friedberger & Mitä (zit. nach Friedbergeri^) wäre das wirk- same Prinzip des Wittepeptons eine primäre Albumose, die sich durch frak- tioniertes Aussalzen isolieren läßt. Sie soll mit dem ,,Anaphylatoxin" nahe verwandt sein und wird bei Behandlung mit Komplement ungiftiger; Witte- pepton selbst wird durch Komplement verstärkt, angeblich, weil Bestandteile desselben durch Abbau in die primäre Albumose übergehen. BiEDL & Kraus dachten sich den Zusammenhang zwischen Anaphylaxie und Wittepeptonvergiftung ursprünglich so, daß im Blute aktiv oder passiv präparierter Tiere eine Vorstufe des Vasodilatius kreist, die aus dem Antigen der präparierenden Lijektion entsteht, eine Vorstellung, die schon Gay & SouTHARD hatten (,,Anaphylaktin") : sie betrachten also den Antikörper gewisser- maßen als ein Antigenderivat. Bei der 2. Antigeninjektion wird diese Vorstufe in fertiges Vasodilatin umgesetzt. Pfeiffer & Mita lehnen diese Hypothese ab, weil sie der Spezifität der Anaphylaxie nicht gerecht wird, und weil es nach den Versuchen von Abderhalden und seiner Schüler ausgeschlossen ist, daß Spaltprodukte des Eiweißes längere Zeit hn Blute kreisen. — Auch hat sich die Lehre von der Entstehung der Antikörper aus Antigen auf allen anderen Im- munitätsgebieten als unhaltbar erwiesen. Trotzdem sehen wir in jüngster Zeit eine ähnliche Auffassung durch H. de Waele vertreten. Xach Xolf haben alle Proteine eine thromboplastische Wirkung und steigern bei parenteraler Zufuhr zunächst die Gerinnbarkeit des Blutes ; der Organismus antwortet darauf mit einer Sekretion von Antithrombin, welche besonders im Bereiche der Leber erfolgt und ihrerseits die Koagulabilität des Blutes erniedrigt. Das, was man als anaphylaktischen oder Pepton-Shock bezeichnet, ist nach Xolf nur der Ausdruck besonders intensiver und plötzlicher thromboplastischer Effekte. H. de Waele glaubt nun, daß diese Wirkung an das Vorhandensein eines ..Zwischenkörpers" gebunden ist, der aus Komplement und bestimmten Aminosäuren besteht ; Menge und Art der erforderlichen Amino- säuren variieren je nach der Beschaffenheit des Proteins. Die nativen Proteine (Eiereiweiß, artfremde Sera) sind arm an Aminosäuren und haben nur minimale thromboplastische Fähigkeiten ; sensibilisiert man aber mit denselben, so führt man teils fertige Aminosäuren zu, teils werden sie durch den Antigen- abbau neugebildet, es entsteht durch Zutritt des Komplementes der ,, Zwischen- körper'" und dieser verleiht dem zum zweiten Male zugeführten Protein die Thromboplastizität, die es das erste Mal nicht besaß. Der anaphylaktische Antikörper ist für de Waele eine Aminosäure, deren besondere Konstitution die Spezifität der Anaphylaxie bedingen soll : da der Abbau verschiedener Proteine ähnüche oder identische .Vminosäi^ren liefern kann, so ist auch diese Spezifität — wie de Waele meint — eine geringe und kann in manchen Fällen vollständig fehlen. Andere Eiweißpräparate, wie z. B. gewisse käufliche Peptone (Witte- pepton), ferner die wässerigen Organextrakte wirken primär anaphylaxieähnlich, weil sie von Haus aus die richtigen Aminosäuren im nötigen Ausmaße besitzen und Komplement im Organismus vorfinden ; die Annahme eines Peptozyms oder Vasodilatins im Wittepepton sei überflüssig. Diese Ansichten sind haupt- sächlich auf Versuche aufgebaut, in denen es gelang, die Wirkung verschiedener Proteine (wie Eiklar, daraus hergestelltes Acid- oder Alkalialbumin, Blutserum) durch Zufügen von Leucin zu steigern, und zwar sowohl bei normalen wie ana- Allergie und x\naphylaxie. 1055 phylaktischen Tieren (Hunden). Daß Leucin (Aminosäure) nicht allein den Zwischenkörper formiert, soll daraus hervorgehen, daß Wittepepton, welches^ auf Kaninchen nicht wirkt, erst durch Zusatz von frischem Normalserum (Kom- plement) aktiviert werden kann. Die Mehrzahl der Autoren, welche der Aehnlichkeit zwischen Anaphylaxie und Peptonintoxikation eine Bedeutung beimessen, stehen auf dem Standpunkte, daß im anaphylaktischen Shock ein plötzlicher fermentativer Abbau des reinjizierten artfremden oder des körper- eigenen Eiweißes zum giftigen Prinzip des Wittepeptons oder einem verwandten Stoff stattfindet. Die Gleichstellung des anaphylaktisclien Shocks mit der Pepton- intoxikation stößt indes auf mehrfache Schwierigkeiten. Zunächst dürfte die Behauptung von Biedl & Kraus, daß der anaphylaktische Shock das Zustandekommen des Peptonshocks verhindert und umge- kehrt, nur mit gewissen Einschränkungen gelten. Manwaring^ sah, daß anaphylaktische Hunde, welche nach der Reinjektion von Antigen den Shock überstanden haben und für Antigen völlig unempfindlich sind, auf Pepton noch stark reagieren. Beim Meerscliweinchen konstatierten H. I'feiffer & MiTA einen ausgesprochenen Antagonismus zwischen anaphylak- tischer und Peptonvergiftung, Loewit, Werbitzky^, Wells 2, Doerr & Russ das gerade Gegenteil ; diese Widersprüche wurden von Kumagai & Odaira be- seitigt, welche zeigen konnten, daß Pepton beim anaphylaktischen Meerschwein- chen die Resistenz gegen Antigen tatsächlich erhöht, allerdings nur vorüber- gehend und in geringem Grade, und daß in ähnlichem Ausmaße auch der anaphylaktische Shock einen schwachen Peptonschutz gewährt. Die Frage wäre also dahin zu formulieren, ob die geringe Aus- bildung des Antagonismus zwischen Wittepepton und Anaphylaxie speziell beim Meerschweinchen als Argument gegen die Gleich- stellung der in beiden Fällen wirksamen Prinzipien verwertbar ist, oder mit anderen Worten, ob man verlangen kann, daß irgendein Stoff, den man mit dem gesuchten ,,anaph3'laktischen Gift" identifizieren will, präparierte Meerschweinchen gegen eine Reinjektion von Antigen absolut refraktär macht. Bei Besprechung der Antianaphylaxie (s. daselbst) wird sich ergeben, daß man diese Frage nicht unbedingt bejahen kann, da aus den Arbeiten von Friedberger, Kumagai & Odaira, Lura hervorgeht, daß auch der Ablauf eines anaphy- laktischen Shocks also die Einwirkung der wahren anaphylaktischen Noxe eine zweite Reaktion derselben Art nicht völlig verhindert, sondern nur in geringem Grade hemmt ; man kann daher vom Witte- pepton oder ähnlichen Substraten, die mit dem anaphylaktischen Gift identisch sein sollen, nicht mehr erwarten, als das letztere in dieser Hinsicht selbst zeigt. Derartige Bestrebungen beruhen auf Vernach- lässigung der Tatsache, daß die Antianaphylaxie hauptsächlich auf einer Absättigung des ^Antikörpers und nicht auf einer erworbenen absoluten Widerstandskraft des Tieres gegen anaphylaktische Vor- gänge beruht. Beim Meerschweinchen ist übrigens auch das Phänomen der Pepton- imraunität nur schwach ausgebildet, jedenfalls weniger als beim Hunde (Wer- BiTZKY, Doerr & Russ, Kumagai ,& Odaira). Meerschweinchen sind aber gegen Anaphylaxie höchst empfind- lich, nach Friedberger, Pfeiffer 400mal empfindlicher als das Ka- ninchen und mindestens um ebensoviel empfindlicher als der Hund. Sie lassen sich mit den minimalsten Mengen Antigen resp. Antiserum aktiv und passiv sensibilisieren und gehen auf die kleinsten Antigen- 1056 Robert Doerr, dosen bei der Probe akut ein. Gegen Wittepepton sind sie dagegen bedeutend widerstandsfähiger als der Hund (20 — 30mal) und es ist daiier nicht gerechtfertigt, die im Wittepepton enthaltenen Stoffe mit dem anaphylaktischen, bei Hunden und Meerschweinchen wirk- samen ,,Gift" als wesensgleich zu betrachten. Beim Kaninchen variiert die Empfindlichkeit gegen Anaphylaxie von Tier zu Tier; gegen Wittepepton ist das Kaninchen fast refraktär, mdividuelle Dif- ferenzen bisher unbekannt. Statt das käufliche Wittepepton zu benutzen, bemühten sich andere Autoren, durch Eiweißverdauung akut wirkende Gifte zu gewinnen, welche anaphylaxieähnliche Effekte entfalten. Daß man durch Verdauen von atoxischem Eiweiß (Serumeiweiß, Fibrin) mit Pepsin-HCl oder Pankreatin in vitro akute Gifte erhalten kann, fand H. Pfeiffer bereits 1905 ; er ergänzte seine Mitteilungen später dahin, daß man mit solchen subkutan injizierten Abbau- produkten (wie auch Peptonen) beim Meerschweinchen ähnliche Haut- nekrosen beobachten kann, wie sie bei lokaler Anaphylaxie (s. S. 1079) auftreten. Hartoch & Sieenskij^ verdauen Pferdeserum mit ge- nuinem Pankreassaft und injizieren Proben des Verdauungsgemisches intravenös bei Meerschweinchen ; sie erhielten aus dem ursprünglich atoxischen Gemenge mit zunehmendem Gehalt an formoltitrierbarem Amidstickstoff immer giftigere Produkte, welche akute Symptome hervorriefen. Die ersten deutlichen Giftwirkungen traten nach 24- stündiger Digestionsdauer, schwere Erscheinungen erst nach intra- venöser Injektion von 1,5 ccm des 70-stündigen Verdauungsgemisches ein. Für Kaninchen waren selbst die vierfachen Dosen unschädlich. Nach ScHiTTENHELM & Ströbel bestcheu keine wesentlichen Diffe- renzen in der Wirkung der Abbauprodukte artfremden und arteigenen Organeiweißes ; arteigene frische Organe (Erythrocyten, Leber, Niere, Pankreas, quergestreifte Muskeln) liefern toxische, bei Hund und Meerschweinchen völlig anaphylaxieartig wirkende Substrate, wenn man sie mit an sich unschädlichen Pepsinlösungen (erhalten aus PAWLOwSchen Magenfisteln) verdaut. Auf analoge Weise wäre viel- leicht auch die Beobachtung von Friedberger & Gröber zu erklären, daß gewisse Handelsfermente, wie Trypsin, Pankreatin, Papa- yotin beim Meerschweinchen akut giftig wirken; sie könnten to- xische thermostabile Eiweißabbauprodukte enthalten, welche bei der Fermentgewinnung in die Auszüge übergehen. Da ein Teil der Gift- wirkung thermolabil war, nimmt Friedberger aUj daß auch das Ferment selbst schädigend wirkt, indem seine Injektion zu Eiweiß- spaltungen in der Blutbahn führt; Salus stellt aber fest, daß mög- lichst reine Fermentlösungen gut vertragen werden, und daß nur die den künstlichen Präparaten beigemengten Albumosen Träger der Toxi- zität sind, welche mit der des Wittepepton übereinstimmt. Pepsin, puriss. sicc. (Grübler) war nur in hohen Dosen giftig, erzeugte aber keine anaphyiaxieartigen EAcheinungen; das Dialysat war atoxisch trotz kräftiger Fermentwirkung. Pepsin, absol. in lam. Merck tötete in Mengen von 0,05 — 0,055 intravenös akut und in einer für Pepton charakteristischen Weise und schützte aktiv präparierte Meerschweinchen schon in kleinen Dosen gegen die nach 24 Stunden vorgenommene Probe. Reiner Magensaft vom Menschen oder Hunde ist ungiftig (Livierato, Schittenhelm & Ströbel, Salus). Schittenhelm und seine Mitarbeiter Weichardt, Grisshammer, Ströbel, Hartmann untersuchten die verschiedenen bei der Auf- Allergie und Anaphylaxie. 1057 Spaltung von Proteinen entstehenden Substanzen gesondert, um zu Beziehungen zwischen primärer Toxizität und chemischer Konstitu- tion zu gelangen. Es zeigte sich, daß sowohl hochmolekulare als niedere Eiweißabkömmlinge, ja sogar die Mono- und Diamine giftig sind, und daß der Abbau sowohl ein- facher als zusanimeugesetzter nativer Eiweißstoffe abwechselnd über toxische und atoxische Zwischenstufen führen kann. Hochgiftig sind die an Diamino- säuren reichen Protamine (Klupein, Salniin, Sturin, Skombrin), Histone und die von Siegfried beschriebenen ebenfalls stark diaminosäurehaltigen Kyrine; die vorwiegend aus Monoamiuosäuren bestehenden Peptone (Seidenpepton) ent- falten dagegen fast keine physiologischen Effekte. Die durch weitere Auf- spaltung der Histone und Protamine resultierenden Protone (Kossel) sind wenig wirksam, und die aus Peptonen und Protonen darstellbaren Mono- und Diamino- säuren erweisen sich als völlig uugiftig. Beim Abbau der Aminosäuren ent- stehen aber wieder die Amine, unter denen wir sehr intensive Gifte finden, wie das Sepsin (v. Bergmann & Faust, Heubnbr & Fornet), das ß-Imidazolyl- ätliylamin, das p-Oxyphenyläthylamin u. a. m. Es kann also beispielsweise aus dem ungiftigen Kasein ein giftiges Kyrin, aus diesem ein wenig wirksames Proton, daraus ganz blande Aminosäuren und aus diesen wieder ein stark toxisches Amin hervorgehen. Entgiftungen bei toxischen Eiweißabkömmlingen sind nach Schittexhelm & Weichardt, Kammann nicht nur durch Auf- spaltung, sondern auch durch Kuppelung möglich, indem z. B. Histon in freiem Zustande Effekte entfaltet, welche ihm in der Verbindung mit Nukleinsäure ganz fehlen. Nacii ScHiTTENHBLM & Weichardt wirken nicht alle Eiweißabbau- produkte gleichartig, wenn sich auch bei vielen gemeinsame Züge (Blutdruck- senkung, Krämpfe, Leukopenie, Verminderung der Blutgerinnbarkeit, Lungen- blähung beim Meerschweinchen) erkennen lassen; Oxyphenyläthylamin und Iso- amylamin z. B. erhöhen im Gegensatze zu den meisten anderen Spaltprodukten, besonders auch zu dem nahestehenden ß-Imidazolyläthylamin den Blutdruck. Die nativen Proteine sollen daher bei ihrer Zerlegung eine ganze Summe ver- schiedener Gifte, ein „Giftspektrum" liefern, nicht nur in vitro, sondern auch bei dem vermuteten parenteralen Abbau in vivo. Aus diesen Tatsachen erwachsen natürlich für die Lehre, daß die Anaphylaxie als ein parenteraler Verdauungsprozeß aufzufassen ist, neue Schwierigkeiten. Die Identität der anaphylaktischen Sym- ptome bei Benützung der verschiedensten Antigene drängt zur An- nahme eines einheitlichen Giftes (Friedberger), die Eiweiß- aufspaltung liefert aber zahllose Gifte mit differierender Wir- kung. Ferner wird es ungewiß, ob man die hypothetischen anaphy- laktischen Gifte unter den hochmolekularen oder niederen Eiweiß- abkömmlingen suchen soll ; bei der raschen Entstehung des anaphy- laktischen Shocks, die eine Aufspaltung zu tief stehenden Derivaten ganz besonders unwahrscheinlich macht, sollte man das erstere ver- muten. Friedberger denkt in der Tat an eine primäre Albumose. Doch sind gerade die Albumosen (Protalbumosen, Deutero- und Heteroalbumosen) nicht oder nur in geringem Grade giftig (E. Zunz, Pick & Spiro, Popielski, v. d. Heyde) und die durch sie hervor- gerufenen Intoxikationen ähneln dem anaphylaktischen Shock sehr wenig; Protamine und Kyrine wirken zwar zum Teil anaphylaxie- artig, ihre Toxizität ist aber noch immer zu schwach, um den anaphy- laktischen Symptomenkomplex durch Abspaltung eines solchen Stoffes aus dem reinjizierten Antigen zu erklären (Dos. let. pro Meerschwein- chen bei Klupeinsulfat 0,05, bei Kaseinokyrinsulfat ca. 0,1 g). Da- gegen sind intermediäre oder tiefstehende Eiweißabbauprodukte nicht nur in Bruchteilen von Milligrammen tödlich, sondern erzeugen auch Vergiftungsbilder, deren Aehnlichkeit mit dem anaphylaktischen Shock sehr suggestiv gewirkt hat. Handbuch der pathogenen Mikroorganismen. 2. Aufl. II. 67 1058 Robert Doeke, Das gilt in erster Linie vom ß-Imidazolyläthylamiu, das Barger & Dali; aus Mutterkorn resp. Ergotin isolierten. Es ist ein Abkömmling des Histidins (der ß-lmidazolpropionsäure), aus welchem es durch xlbspaltung von CO2 hervor- geht; dieser Prozeß kann durch Bakterien (Kutscher & Ackermanx, Mel- LANBY & TwoRTH, Berthelot & Bertraxd) oder angeblich durch frisches Normalmeerschweinchenserum (Aronson) erfolgen (s. S. 1047). i3-Imidazolyl- äthylamin wurde auch aus Dünndarmschleimhaut des Rindes isoliert und soll im Sekretin (Starling) enthalten sein. Es ist entgegen den Angaben von Dale & Laidlaw verschieden vom Vasodilatin, also vom giftigen Prinzip des Witte- peptons ; von den „Anaphylatoxinen" Friedbergers unterscheidet es sich wesentlich durch seine Resistenz gegen Kochen, gegen HCl und NaOH (Fried- berger & Moreschi). Nach den Berichten von Biedl & Kraus, Aronson, Schittenhelm, Busson & Kirschbaum etc. sollen die Folgen intravenöser Injektionen des Präparates beim Meerschweinchen und Hunde physiologisch und anatomisch dem anaphylaktischen Shock gleichwertig sein. Barger & Dale sahen aber intravaskuläre Gerinnungen, die bei der Anaphylaxie (sowie auch im Peptonshock) fehlen; Modrakowski stellte ferner fest, daß ß-Imidazolyl- äthylamin die Blutgerinnbarkeit 2 — 3mal steigert und keine Hypersekretion des Pankreassaftes auslöst, was ebenfalls gegen eine Identifizierung der Substanz mit dem hypothetischen anaphylaktischen Gitt spricht. Endlich gewähren untertöd- liche Doseu von ß-Imidazolyläthylamin keinen Schutz gegen letale (Dale & Laidlaw, Modrakowski, Lurä) und Meerschweinchen, die sich im anti- anaphylaktischen Stadium befinden, reagieren auf das Präparat wie normale. Wie man sieht, besteht mehr als ein Grund, dieses Amin nicht für das pathogene Agens im anaphylaktischen Shock zu erklären. Anhangsweise sei erwähnt, daß die Dosis letalis für Meerschweinchen von 170 g 0,066 Milligramm beträgt, die kleinste shockauslösende 0,044 ; Kaninchen reagieren außerordentlich different, indem ein Tier z. B. auf 0,22 Milligramm schwersten Shock zeigt, ein anderes gleich schweres auf 0,77 nichts (eigene Versuche). V. D. Heyde untersuchte das im Verbrühungsharn von Kohlrausch nachgewiesene Methylguanidin. Dasselbe ist (als Chlorid) giftig und tötet Mäuse in Mengen von 0,5 mg, Meerschweinchen in Dosen von 0,01 g und soll physiologisch und anatomisch die für Anaphylaxie typischen Phänomene er- zeugen (Juckreiz, Kaubewegungen, Dyspnoe, Krämpfe, arterielle Depression, Temperatursturz, Lungenstarre etc.). Im Gegensatze zu ß-Imidazoiyläthylamin, reinen Peptonen, Albumosen, Neurin, Cholin erzeugt es nach Heyde eine der Antianaphylaxie gleichwertige Immunität ; es schützt in subletalen Mengen anaphylaktische Meerschweinchen vor den Folgen einer Antigenreinjektion und hebt auch die Wirkung einer zweiten Guanidinvergiftung mit ausreichenden Dosen auf. Nach v. d. Heyde wäre das Guanidin der erste chemisch defi- nierte Körper, dem ein Schutzeffekt im Sinne der Antianaphylaxie zukommt. Da anaphylaktischer Harn ähnlich wirkt wie Guanidinchlorid, soll das „ana- phylaktische Gift" letzterem nahestehen (vgl. hierzu S. 1038). Eigene Unter- suchungen mit Monomethylguänidinchlorid und Dimethylguanidinnitrat ergaben stark abweichende Resultate. Alle diese Experimente mit Alkoliolextrakten der Antigene, Witte- pepton, tryptisclien und peptisclien Abbauprodukten von Eiweiß, ß-Imidazolyläthylamin etc. gehen von der vorgefaßten Meinung aus, daß der anaphylaktische Shock eine Vergiftung durch parenteral ent- standene Verdauungsprodukte des Eiweißes sein müsse und zielen dahin ab, diese toxischen Produkte aus Eiweiß ohne Immunitäts- reaktionen zu gewinnen. Die Beweiskette wird als geschlossen be- trachtet, wenn digestiv oder chemisch dargestellte Eiweißspaltpro- dukte Vergiftungen liefern, »die klinisch und anatomisch dem Shock entsprechen. Hierauf ist indes kein allzu großes Gewicht zu legen, da eine genauere experimentelle Analyse sehr häufig doch Differenzen erkennen ließ, wo man anfänglich eine völlige Uebereinstimmung an- nahm ; auch kann irgendein Gift bei einer Tierart genau so wie der anaphylaktische Insult, bei einer zweiten ganz anders wirken (z. B. die Kalisalze des Harnes nach Busson & Kirschbaum). In letzterer Hinsicht wurde namentlich viel gefehlt, indem man Stoffe, die bei Allergie und Anaphylaxie. 1059 Meerscliweinclien intravenös injiziert akuten Exitus undljungenblälmng hervorrufen, als anaphylaktische Gifte erklärte oder die Blutdruck- senkung beim Hunde für solche Schlüsse für ausreichend hielt. Man kann aber Lungenblähung bei Meerschweinchen durch alle möglichen Eingriffe erzeugen, z. B. durch intravenöse Injektion von Saponin, Oel- säure (Doerr & Moldovan, Friedbergerj, Cyankalium (Raubi- tschek), Sepsin, Phytotoxin (Raubitschek), kolloidale Kieselsäure, Hirudin, nucleinsaures Natron, kolloidales Eisen, Kupfersulfat, ver- dünnte Essigsäure und Natronlauge (Doerr & Moldovan), ja durch mechanische Insulte (Gröber i). Wie Auer neuerdings ganz richtig hervorhebt, besitzen wir über- haupt kein physiologisches Kriterium, welches gestatten würde, einen Stoff als das gesuchte anaphylaktische Gift zu erklären ; der chemische Nachweis allein, daß er im anaphylaktischen Shock bzw. beim Zu- sammentreffen von Antigen und Antikörper in vitro gebildet wird und zwar in ausreichenden Mengen, böte die hierfür nötige Sicherheit. Es fehlt also an ,, Beweisen für die Theorie der Komplement- wirkung und des parenteralen Eiweißabbaues" und die ,, herrschenden Anschauungen gestatten keineswegs einen hinreichend befriedigenden zusammenfassenden Ueberblick" (Sachs 2). Deshalb ist selbst Abder- halden, der Entdecker der proteolytischen Blutfermente, der Ansicht, daß das ganze Anaphylaxieproblem nicht einzig und allein von rein chemischen Gesichtspunkten lösbar zu sein braucht, und daß viel- leicht Störungen physikalischer Natur (Verschiebungen des osmoti- schen Gleichgewichtes, Wirkungen besonderer Elektronen) für die beobachteten Erscheinungen verantwortlich zu machen sind. Bevor wir auf diese ,, physikalischen Theorien" des anaphylaktischen Shocks näher eingehen, müssen wir uns aber mit einzelnen, bisher nicht be- handelten Kapiteln der Anaphylaxielehre vertraut machen. Die anaphylaktischen Krankheitserscheinungen und ihre experimentelle Analyse. Durch die Reinjektion von Antigen werden bei aktiv oder passiv anaphylaktischen Tieren Krankheitserscheinungen hervorgerufen. Ist das Tier hochgradig überempfindlich, die Antigendosis aus- reichend, und führt man die Probe intracerebral oder intravenös aus, so treten die Symptome sehr rasch auf, werden in wenigen Momenten höchst intensiv und führen nach ein bis fünf Minuten zum Tode. Man nennt das den anaphylaktischen Shock. Es war schon Richet^, ArthusI, Otto 2 bekannt, daß sich die Tiere trotz schwerster Erschei- nungen wieder erholen und dann nach kurzer Zeit wieder ein völlig normales Verhalten darbieten können und das gilt auch für den ana- phylaktischen Menschen (Fall von Allard, de Besche u. a.). Ist die Anaphylaxie nur schwach entwickelt, z. B. bei wenig empfänglichen Tierspecies, bei zu kleiner Präparierungsdosis, bei zu kurzem Intervall zwischen Sensibilisierung und Probe oder führt man letztere subkutan, intraperitoneal aus, so ist die Inkubation etwas verlängert, die Symptome schwächer, der Verlauf protrahiert, der Exitus bleibt aus oder erfolgt erst in einer bis mehreren Stunden. Sowohl Tiere, welche einen perakuten Shock überstanden und sich erholt haben, als solche, die verzögerte Symptome darboten, können noch nach verschieden langer Zeit — mehreren Stunden bis 67* 1060 Robert Doerr, Tagen — eingehen, wobei sich mit zunehmender Krankheitsdauer eine steigende, schließlich hochgradige Kachexie entwickelt. Allgemeine Symptomatologie. Die Phänomene zeigen bei den verschiedenen Tierarten und beim Menschen eine außerordentliche Aehnlichkeit, wenn auch nicht ver- kannt werden soll, daß je nach der besonderen Organisation der Species gewisse Wirkungen der anaphylaktischen Noxe mehr in den Vordergrund des Gesamtbildes treten können. Beträchtliche Diffe- renzen bestehen dagegen, wie hervorgehoben, sowohl bei verschie- denen Tieren als innerhalb der gleichen Art in quantitativer Hin- sicht ; sie werden durch die Schnelligkeit des Verlaufes und die Intensi- tät des Prozesses bedingt. Beim Meerschweinchen, dem empfindlichsten Reagens für die anaphylakti- sche Noxe, kann man schematiscli drei Intensitätsgrade des Symptomenkomplexes unterscheiden : 1) In den leichtesten Fällen zeigen die Meerschweinchen nur eine leichte Unruhe, sträuben den Pelz, machen Abwehrbewegungen, die auf einen intensiven Juckreiz der Haut schließen lassen (Kratzen mit den' Pfoten, Reiben an den Wänden des Käfigs), husten und lassen wiederholt Kot und Urm. 2) Bei mittelschwerer Reaktion sieht man meist einen protra- hierten Verlauf. Zu den beschriebenen Erscheinungen gesellen sich stärkere Zeichen von Exzitation (Sprünge, Jaktationen) und eine Dyspnoe, welche um so markierter ist, je rascher sich die Dinge abwickeln. Meist folgt dann nach 2—15 Minuten ein zweites Stadium der Depression, welches alle Ab- stufungen von leichter Somnolenz bis zum tiefsten Koma darbieten kann; die Tiere taumeln, fallen auf die Seite und bleiben wie gelähmt liegen, wobei jedoch die Comealreflexe stets erhalten sind und heftige Hautreize abwehrend beantwortet werden. Dieses Stadium kann nach kürzerer oder längeier Dauer (Minuten bis mehreren Stunden) in Erholung übergehen, wobei die Tiere wie aus einem Schlafe erwachen, sich wieder aufrichten und herumlaufen, oder es kann mit Exitus enden. 3) Schwere Reaktionen vollziehen sich stürmisch und führen rasch zum Tode. Die Tiere sind sofort nach der Injektion deutlich erregt, schnuppern herum, kratzen sich an der Schnauze oder hinter den Ohren, sträuben den Pelz und lassen Kot und Urin. Nach kurzer Zeit, etwa ^/2— 3 Minuten (dieses Intervall ist nach eigenen Erfahrungen bei passiver Anaphylaxie kleiner als bei aktiver) hustet das Tier, bekommt hochgradige Krämpfe, fällt um und zeigt heftige, ruckweise Streckbewegungen der Rücken- und Extreraitätenmuskulatur, die es oft ganze Strecken weit fortschleudern. Gleichzeitig tritt eine von zu- nehmender Zyanose begleitete Dyspnoe auf; die Respirationsbewegungen sind seltener, angestrengt, schließlich jappend, aber der Thorax bleibt dabei starr und sinkt in der Exspirationsphase nicht zusammen, so daß sich auch die Tätigkeit der Inspiratoren nur durch Einsinken der Interkostalräume, Be- wegungen der Bauchwand und das Spiel der Muskeln um Maul und Nüstern markiert. Die Atempausen werden bald länger, und endlich erfolgt 2 — 8 Minuten nach der Antigeninjektion der Tod unter einigen ganz flachen Atem- zügen, an denen sich nur die Nüstern beteiligen. Die Todesursache scheint Asphyxie zu sein. Derart stürmische Reaktionen werden auch bei Kaninchen, Mäusen, Katzen, Pferden, Tauben, Hühnern und Enten, endlich beim Menschen beobachtet. Bei dem weniger empfindiichan Hund kommt es meist zu Erbrechen, Kot- und Harnentleerung und bald darauf zu einem sehr ausgeprägten Depressions- stadium, welches durch auffallende Muskelschwäche, Taumeln und Umfallen eingeleitet wird. Die Tiere liegen dann mit erhaltenen Haut- und Corneal- reflexen da und zeigen einen Zustand von Somnolenz oder Koma, der an Narkose erinnert. Nach mehreren Stunden erholen sich die Tiere (Exitus wird nach artfremdem Serum meist nicht beobachtet) und scheinen am nächsten Tage wieder ganz gesund. Dyspnoe fehlt bei Hunden völlig (Biedl & Kraus ^j Artiius^) oder ist nur gering (Richet^o, Friedberger & Gröber). Es sei aber nochmals betont, daß man bei Meerschweinclien dieselbe mitigierte, durch Allergie und Anaphylaxie. 1061 ausgesprochene Somnolenz und fehlende Dyspnoe ausgezeichnete Verlaufsarfc beobachten kann. Die Differenzen, die bei der gewöhnlichen Versuchsanordnung der intravenösen Reinjektion hochanaphylaktischer Meerschweinchen gegenüber dem Hunde zutage treten, dürften wohl nur auf der verschiedenen Empfänglichkeit der Species beruhen. Ob prinzipielle Unterschiede in der anaphylaktischen Symptomatologie verschiedener Tierarten existieren, ist fraglich, ja unwahrschein- lich, wenn man die weitgehende Aehnlichkeit des akuten Shocks bei Meer- schweinchen, Mäusen, Tauben und Kaninchen in Betracht zieht. Beim Menschen, aber auch beim Rmde und Pferde (Alexandrescu & CiucA^) gesellen sich zu den beschriebenen Erscheinungen bei protrahiertem Verlaufe ausgebreitete Oedeme sowie universelle Exantheme, namentlich Urticaria. Ziegen reagieren ähnlich wie Hunde. Gänse zeigen besonders Dyspnoe und starken Juckreiz, der sie zu heftigen Kratzbewegungen am Kopf und Schnabel veranlaßt. Experimentelle Analyse der Symptome. 1. Der Blutdruck, das Herz und die Gefäße. Bei der experimentellen Erforschung des anaphylaktischen Syn- droms repräsentiert sich als eines der konstantesten Phänomene das Sinken des Blutdruckes. Schon von Eichet an seinen Aktino- kongestinhunden beobachtet, wurde es von Biedl & Kraus i, Arthus^, Kraus & Volk 2, Abelous & Bardier, Achard & Aynaud, Man- waringI, Modrakowski, Pearce&Eisenbrey, Nolf2 u.a. an mit art- fremdem Serum sensibilisierten Hunden bestätigt. Präpariert man Hunde mit 3 — 5 ccm Pferde- oder Einderserum und reinjiziert nach 3 Wochen 10 — 30 ccm dieser Antigene intravenös, so sinkt der ar- terielle Druck in der Femoralis von 120 — 150 mm Hg auf 80 — 60, ja 40 mm; die Blutdrucksenkung beginnt 30 — 60 Sekunden nach der Antigeninjektion, erreicht allmählich ihr Maximum, welches mit dem Eintritt des Depressionsstadiums koinzidiert, und geht wieder zurück, sobald sich das Tier erholt. Nach einer bis mehreren Stunden, sicher aber am nächsten Tage hat der Druck wieder seine frühere Höhe erreicht. Die Blutdrucksenkung ist bei der Anaphylaxie der Hunde sehr konstant und insoferne charakteristisch; sie soll bisweilen das einzig nachweisbare Zeichen spezifischer Ueberempfindlichkeit sein (Biedl & Kraus ^, Arthus«). Sie findet sich sowohl bei aktiver wie passiver Anaphylaxie und "bleibt aus, wenn man das Antigen im antianaphy- laktischen Stadium injiziert. Aus der druckseukenden Wirkung einer Substanz allein kann man natür- lich nicht schließen, daß dieselbe etwas mit der Anaphylaxie zu schaffen hat. Von diesem Gesichtspunkte aus ist die Blutdruckerniedrigung durch Wittepepton, ß-Imidazolyläthylamin, Vasodilatin, Methylguanidin, normalem Hundeharn (Pe- arce) etc. mit großer Vorsicht zu beurteilen. Da Biedl & Kraus, sowie neuerlich Eisenbrey & Pearce eine Herzaffektion wegen des regulären und nur etwas kleineren und fre- quenteren Pulses ausschließen, so verlegen sie die Ursache der Blut- drucksenkung beim Hunde in eine Verringerung der peripheren Widerstände, bedingt durch eine plötzliche Erweiterung der Ge- fäße der Baucheingeweide. In der Tat findet man bei der Obduktion von im Shock verendeten Tieren eine oft beträchtliche Hyperämie der Abdominalorgane. Die Vasodilatation kann nach Biedl & Kraus nicht zentral ausgelöst sein, weil chemische oder reflektorische Eeizung des Vasomotorenzentrums keine Drucksteige- 1062 Robert Doerk, ruiig bewirkt ; ebensowenig hat die Reizung des peripheren Splanch- nicusstumpfes einen Effekt, so daß eine Lähmung der von den Zentren zur Peripherie führenden Leitungsbahnen ausgeschlossen werden kann. Da ferner auch 1 — 2 mg Adrenalin, welches auf die Nervenendapparate der Gefäßwand erregend wirkt, den maximal gesunkenen Blutdruck nicht beeinflussen, so konnten Biedl & Kraus die anaph3iaktische Blutdrucksenkung nur auf eine Läh- mung der peripheren Vasomotorenapparate zurückführen. In der Tat wirkte Chlorbaryum, welches die glatte Gefäßmuskulatur direkt reizt, antagonistisch, sowohl wenn man es präventiv, als zur Zeit der voll ausgebildeten arteriellen Depression reichte, ja es be- seitigte oder verhinderte auch die sonstigen anaphylaktischen Symptome. Damit ist nach Biedl & Kraus die periphere Lähmung als Quelle der anaphylaktischen Gefäßerweiterung gesichert, wenn auch die Ent- scheidung noch aussteht, ob die Paralyse die glatten Muskelfasern selbst oder die Xervenendigungen betrifft ; sie halten ersteres für wahrscheinlicher und nehmen an, daß Chlorbaryum stärker reizend auf die glatten Gefäßmuskeln wirkt als das anaphylaktische Gift lähmend. Die antagonistische Wirkung des Chlorbarvuui wurde anfangs von Biedl & Kraus als inlionstant bezeichnet. Später gaben die Autoren ^ an, daß daran ein technischer Fehler schuld gewesen sei, nämlich die Füllung der bei den Blutdruckversucheu benützten Glasvoriage von Basch mit NaoSO^ zur Verhütung der Blutgerinnung. NaoSOi gibt aber mit BaClo unwirksames BaS04. Ersetzten sie das NaoSO^ durch zitronensaures oder kohlensaures Natrium, so wurde die typische Baryum Wirkung nie vermißt. Pearce & EisENBREY prüften die Ergebnisse von Biedl & Kraus nach und bestätigten sie im allgemeinen. Sie fanden weiter durch onkometrische Messungen, daß gleichzeitig mit dem Absinken des Blut- druckes das Volum der Niere und der Milz, des Gehirnes und der Extremitäten abnimmt; die Leber und die Abdominalvenen sind da- gegen stärker mit Blut gefüllt und dementsprechend der Druck in der unteren Cava um 6 — 10 mm Wasser erhöht. Durchtrennung des Rückenmarkes, der Vagi, des Sympathicus und der Splanchnici ver- mochte die Blutdrucksenkung nicht zu verhindern. Präparierte und dekapitierte Tiere, sowie solche mit Zerstörung des Rückenmarkes zeigten nach der Antigeninjektion noch immer Abfall des Druckes trotz des (infolge des Eingriffes) ohnehin niedrigen Niveaus. Wurde bei einem sensibilisierten Hund der Kopf derart künstlich mit Blut durchströmt, daß nichts von diesem Blut in die Rumpfzirkulation kam, und nun Antigen in die Kopfgefäße infundiert, so sank der Druck nur um 16 mm; brachte man das Antigen in die Rumpf- zirkulation, so betrug der Abfall 74 mm. Die Resultate mit Chlor- baryum und Epinephrin waren schwankend ; beide verursachten im anaphylaktischen Shock Blutdi-ucksteigerung, das Epinephrin aller- dings nicht so stark wie beim normalen Tier. Da der durch große Dosen Apocodein erniedrigte^ Blutdruck durch Seruminjektion beim präparierten Hunde nicht weiter reduziert wird, so halten Pearce & EisENBREY eine primäre Lähmung der Nervenendigungen durch die anaphylaktische Noxe für wahrscheinlicher als eine Paralyse der Mus- kelelemente. Durch das Einströmen des Blutes in die erweiterten Bauchgefäße wird das Hirn anämisiert und darauf führen Biedl & Kraus die anfänghche Exzitation. die Erregung der Zentren für den Brechakt, für Magen-, Darm- und Blaseu- kontraktion zurück. Auf diese Reizsymptome folgt bei lange anhaltender zen- Allergie und Anaphylaxie. 1063 traler Anämie die Depression als Ausdruck beginnender Lähmung. Die periphere Vasodilatation stellt nach Biedl & Kraus beim Hunde die einzige (primäre) und zureichende Ursache aller übrigen Erscheinungen dar, welche lediglich sekundären Charakter haben; Riciiet^o betont demgegenüber, daß ähnliche Druck- senkungen z. B. durch Amylnitrit nicht von denselben Folgen begleitet sind, und nimmt neben der arteriellen Depression noch eine primäre Vergiftung des Zentralnervensystems an, die Biedl & Kraus ^ auch neuerlich entschiedenst in Abrede stellen (vgl. S. 1077). Zweifellos kann aber die Blutdrucksenkung beim Hunde das einzige anaphylaktische Symptom sein und braucht nicht von den übrigen Erscheinungen gefolgt zu werden (Arthus, Biedl & Kraus ^). Dasselbe Verhalten des Blutdruckes im anaphylaktischen Shock zeigen auch Kaninchen (Arthus^, Scott 2, Abelous & Bardier, Friedberger & HartochI, Friedberger3, f. & Gröber, Armit, AuerS, Loewit), Katzen (W. H. Schultz) und Meerschweinchen (AuER & Lewis 2, Friedberger 3, Braun ^^ Loewit 2, 3), Bei allen diesen Tieren beobachtet man eine initiale Blutdrucksteigerung, welche 20 — -70 mm Hg betragen kann ; erst nach etwa einer Minute beginnt der Abfall. Bei hochgradig anaphylaktischen Kaninchen kann die arterielle Pression schon 2 Minuten nach der Antigeninjektion nur mehr 20, nach einer weiteren Minute nur mehr 10 Millimeter betragen ; die Pulsexkursionen nehmen im Anfange zu, um mit fallendem Blut- druck rapid kleiner zu werden, so daß die Kurve innerhalb von 6 Minuten das Aussehen einer geraden Linie bekommen kann. Von diesem Typus gibt es mehrfache Abweichungen (Auer, Friedberger & Gröber, Loewit) ; bei mäßig hypersensiblen Kaninchen erreicht der Druck oft erst in 7 — 15 Minuten sein tiefstes Xiveau (Scott). Adrenalin und Baryumchlorid sollen beim Kaninchen ebenso wie beim Hunde wirken (Scott-). Beim anaphylaktisch reagierenden Meerschweinchen vermag dagegen Baryumchlorid den gesunkenen Blutdruck nicht zu beeinflussen (Werbitzky), während Adrenalin denselben intensiv und nachhaltig steigert (Loewit). Die initiale Drucksteigerung wird von Loewit auf eine zen- trale Ursache bezogen, da sie nach Durchschneidung des Rücken- markes ausbleibt. Das Absinken des Druckes bei Meerschweinchen, Kaninchen und Katzen hat zweifellos eine periphere Genese, da der gesunkene Druck durch Reizung des Vasomotorenzentrums nicht erhöht werden kann (Loewit) und da eine präventive Durchschneidung resp. Zer- störung des Gehirnes oder Rückenmarkes das Zustandekommen der Blutdrucksenkung nicht verhindert (Auer^^ Loewit, W. H. Schultz). üeber die primäre Ursache des Absinkens der arteriellen Pression herrschen jedoch sehr geteilte "Ansichten. Ein Teil der Autoren iiat die von Biedl & Kraus, Pearce & Eisenbrey aus Experimenten am Hunde gezogenen Schlüsse auch hier verwertet; darnach wäre auch bei anderen Tieren die Blutdrucksenkung durch eine primäre Vaso- dilatation im Splanchnicusgebiete bedingt und würde zumindest beim Kaninchen die eigentliche Todesursache darstellen. Alle anderen anaphylaktischen Er- scheinungen würden erst Folgen dieser Aenderung der Blutverteilung sein (Scott 2 Loewit u. a.). Dagegen hat zunächst Auer^ Stellung genommen. Er zerstörte bei prä- parierten Kaninchen die basalen Hirnteile, die Medulla oblongata und das Rückenmark, klemmte die Aorta thoracica und die Cava inferior ab, so daß das Splanchnicusgebiet ausgeschaltet war und injizierte jetzt Antigen. Der Druck stieg zunächst etwas und sank dann rasch ab; nach 5 Minuten zeigte die Kurve keine Herzschläge mehr. Er schließt daraus, daß die Blutdruck- senkung und der Tod beim anapiiylaktischen Kaninchen durch Versagen des Herzens selbst herbeigeführt werden, und daß dieses Versagen auf einer Ver- 1064 ROBKRT DOERK. änderung des Myocards beruht ; denn das Herz reagierte selbst unmittelbar nach dem Aufhören der Atmung weder auf mechanische noch auf elektrische Reize, der Rand des rechten Ventrikels sah grau und opak aus und die Wand desselben zeigte eine vermehrte Konsistenz, so daß sie dem Nageleindruck wie Bindegewebe widerstand. Uebrigens lassen auch Scott und Loewit eine direkte Beeinflussung des Herzens durch die anaphylaktische Noxe als möglich zu, da man bei Kaninchen und Meerschweinchen oft starke Arhythmie oder gänzliches Aussetzen des Pulses wegen ,, Herzflimmern" konstatieren kann. Die Richtigkeit der Ergebnisse Auers wird übrigens auch durch die Versuche am ausgeschnittenen Herzen anaphylaktischer Kaninchen und Meerschweinchen bestätigt (Gi.EY & Pachon, Cesaris-Demel, Launoy, Zlatogoroff & Wil- lanen). Läßt man überlebende, isolierte Herzen anaphylaktischer Meerschwein- chen mit RiNGER-LocKEScher Flüssigkeit durchströmen und fügt zu dieser das Antigen, z. B. Pferdeserum in entsprechender Menge (20 Proz.) zu, so erfolgt eine piötziiciie Verlangsamung der Herzaktion und eine Verringerung des Schlag- volums ; das Herz kann sich entweder in der antigenhaltigen Flüssigkeit wieder erJiolen und ist dann interessanterweise gegen neuerliche Antigeneinwirkung refraktär (antianaphylaktisch) oder die Bradycardie nimmt zu und es tritt diastolischer Herzstillstand ein. Geringe Konzentrationen von Pferdeserum (5 Proz.) geben unsichere Resultate: normale Meerschweinchenherzen reagieren auf Pferdeserum nur mit Tachykardie und Tonussteigerung (Launoy i, 2). Kaninchenherzen scheinen schon im normalen Zustande gegen Pferdeserum em- pfindlich zu sein (Zlatogoroff & Willanen); die L'nterschiede des normalen und anaphylaktischen Herzens treten nur bei niederen Antigenkonzentrationen (1,3 — 5,5 Pferdeserum : 1000 Ringer-Locke) in der geschilderten Weise hervor (Cesaris-Demel). Alterationen der Schlagfolge und schließlichen Stillstand konnten Fried- berger & Mita 2 auch nach Füllung von überlebenden Froschherzen mit „Anaphylatoxinen" beobachten. Ersatz des ,,Anaphylatoxins" durch RiNGERSche Lösung war zuweilen imstande, die Herzparalyse aufzuheben und wieder regel- mäßige Kontraktionen herbeizuführen. W. H. Schultz operierte an Katzen. Auch er will die anaphy- laktische Drucksenkung bei diesen Tieren nicht auf eine Erweiterung der Splanchnicusgefäße beziehen ; letztere kommt zwar zustande, aber sekundär und kann keine ursächliche Bedeutung haben, da Abklemmen der Aorta descendens und der Cava inferior das Absinken des Druckes nicht verhindern. Als primäre Ursache nimmt Schultz gleich Aüer ein Versagen des Herzens an, führt dasselbe aber nur zum Teile auf direkte Schädigung des Myokards zurück, der Hauptsache nach auf eine plötzlich auftretende Verengerung der Lungengefäße. Durch diese Vasokonstriktion. die sich an exzidierten Lungen sowie am ganzen Tier im Durchströmungsversuch nachweisen läßt, wird in die Zirkulation ein unüberwindlicher Widerstand eingeschaltet, der den überdies direkt affizierten Herzmuskel sofort zum Erlahmen bringt. Hilft man der Expulsionskraft des Herzens im richtigen Moment durch Massieren nach, so lassen sich die Tiere bisweilen noch retten. Die Verengerung der Gefäße des kleinen und großen Kreislaufes beruht nach W. H. Schultz darauf, daß sich die Muskeln ihrer Wände, sobald sie mit dem Antigen in Kontakt treten, zusammenziehen ; das läßt sich an exzidierten glatten Muskeln als allgemeines Gesetz nachweisen (s. w. u.). Nach der Ansicht mehrerer Autoren soll übrigens nicht nur die Muskulatur, sondern auch das Endothel, speziell das der Kapil- laren, von der anaphylaktischen Noxe affiziert ^yerden (Scott ^, NoLF^, Doerr5). g^y & SouthardI wollen an Meerschweinchen, die einem akuten Shock erlegen sind, mikroskopisch fettige Degene- ration des Kapillarendothels beobachtet haben, was indes wenig wahr- scheinlich ist. Für eine unmittelbare Kapillarschädigung sprechen aber die öedeme, die kapillären Hämorrhagien in den Organen von Shocktieren, die Darmblutungen, die man bei Menschen und Tieren Allergie und Anaphylaxie. 1065 konstatiert hat (Enteritis anaphylactica von Schittenhelm). Auch wären die Erscheinungen der lokalen Anaphylaxie (regionäres Oedem, Infiltrat, Nekrose) nach Scott und Nolf am einfachsten mit Kapillarläsionen in Zusammenhang zu bringen. 2. Veränderungen des Blutplasmas, der Leukocyten und Blutplättchen. Eine weitere konstante Begleiterscheinung des anaphylaktischen Shocks ist die starke Herabsetzung oder das völlige Verschwinden der Gerinnbarkeit des Blutes, wie das Biedl& Kraus, Arthus, Nolf, Modrakowski beim Hunde, Arthus, Scott, Auer beim Kanin- chen, AVeiss & TsuRu, Sirenskij, Friedberger u. a. beim Meer- schweinchen ermittelt haben. Die Verminderung der Blutgerinnbarkeit erscheint beim Hunde je nach der Phase des Shoclcs verschieden ausgeprägt; entnimmt man das Blut während des Maximums der Blutdrucksenkung, so bleibt es tagelang ungeronnen, macht man den Aderlaß später, zu einer Zeit, wo sich der arterielle Druck wieder zu heben beginnt, so ist die Koagulationsdauer zwar gegen die Norm verlängert, beträgt aber nur mehr 17 — 54 Minuten. Plasma von völlig ungerinnbarem, auf der Höhe der Symptome gewonnenem Blute verzögert je nach seiner Menge verschieden stark die Gerinnung normalen Blutes (Modrakowski). Ueber die Beziehungen der Koagulationsfähigkeit des Blutes zur Antianaphylaxie s. das. Beim Meerschweinchen soll die Gerinnungsfähigkeit des Blutes um so mehr herabgesetzt, d. h. die experimentell meßbare Gerinnungszeit verlängert werden, je protrahierter die Symptome verlaufen oder je länger das Intervall ist, welches vom Beginn der Erscheinungen bis zur Zeit der Blutentnahme ver- streicht. Es ließ sich eine erhebliche Verminderung des Fibrinfermentes und eine nicht immer gleich stark ausgeprägte Reduktion des Fibrinogens nach- weisen, während Ca- und Mg-Salze unverändert blieben (Sirenskij). Die herabgesetzte Gerinnbarkeit des Blutes kommt allem An- scheine nach nicht primär zustande, sondern erst sekundär; sie ist als ein Zeichen aufzufassen, daß sich vorher thromboplastische Prozesse im Sinne einer beginnenden Koagulation in der Blutbahn abgespielt haben, welche allerdings bei der Anaphylaxie nicht bis zur intra- vaskulären Fibrinabscheidung gedeihen, sondern entweder schon in einer früheren Phase sistieren oder durch antagonistische Alecha- nismen kupiert werden. Nach Nolf, Doyon, Morel & Policard, DE Waele^ wäre der Vorgang so zu denken, daß der Organismus (be- sonders die Leber) die thromboplastische Wirkung bei einer Reinjek- tion nativer Proteine oder einer Erstinjektion von Wittepepton, wässerigen Organextrakten mit einer Sekretion von Antithrombin beantwortet. Der antitryptische Titer des Blutserums, der bei normalen Meer- schweinchen sehr konstant ist, soll um 100 Proz. erhöht werden, wenn man präparierte Tiere intraperitoneal mit Antigen reinjiziert und so anaphylaktische Erscheinungen mit protrahiertem Verlaufe auslöst (Ruszny.vk); E. Selicmann hat aber diese Angabe nachgeprüft und weder eine so bedeutende, noch über- haupt eine nennenswerte Vermehrung des Antitrypsins als Folge anaphylak- tischer Prozesse nachweisen können. Sehr beachtenswert sind die Arbeiten von Mario Segale über die Aende- rung der physiko-che mischen Konstanten des Blutes. Darnach nimmt während des Shocks der Gehalt des Blutes an H-Ionen und an Amino- säuren zu, die Alkaleszenz ab. Ferner zeigt der Gefrierpunkt des Blutes akut verendeter Meerschweinchen und Kaninchen eine auffallende, plötzlich zustande gekommene Erniedrigung, die beim Hunde allerdings in der ersten Zeit nicht konstant ist und erst nach mehrstündiger Shockdauer regelmäßig demonstrabel 1066 Robert Doerr, wird. Dieser Steigerung des osmotisclieu Druckes geht eine deutliche Erhöhung des Brechungsindex parallel; die elektrische Leitfähigkeit wird dagegen nur un- bedeutend alteriert. Segale faßt den Shock als eine Proteolyse, und zwar als eine Spaltung des eigenen Bluteiweißes auf, bei der nicht leitende Kristalloide frei werden. Gleichzeitig mit der Aenderung der Gerinnungsverhältnisse des Blutes vermindert sich die Gesamtzahl der Leukocyten beträchtlich ; beim Hunde ist diese Leukopenie hauptsächlich durch ein fast völliges Verschwinden der polynukleären bedingt, während die Lymphocyten relativ oder sogar absolut vermehrt sein können (Biedl & Kraus, Nolf). Nach Achard & Aynaud, Sacerdotti verschwinden auch die Blutplättchen, und zwar gleichzeitig mit den Leukocyten ; ihre Zahl steigt erst wieder an, wenn sich die Tiere erholen. Der ana- phylaktische Leukocytensturz kann auch beim Kaninchen (Sacerdotti) und Meerschweinchen (Weiss d- Tsuru) beobachtet werden. Sacerdotti ist der Ansicht, daß die Abnahme der Leukocyten im ana- phj'laktischen Shock nicht auf einer Leukolyse, sondern auf dem negativ chemo- taktischen Einfluß beruht, den die anaphylaktische Noxe auf Leukocyten und Blutplättchen ausübt, wodurch diese Blutelemente für kurze Zeit in die Kapillaren der inneren Organe zurückgedrängt werden. Baryunichlorid, welches beim Hunde die anaphylaktische Blutdrucksenkung und andere Symptome antagonistisch be- einflußt, vermag die quantitativen Schwankungen der weißen Blutzellen und -Plättchen nicht zu verhindern. Leukopenie sieht man auch nach Erstinjektion von nativen Pro- teinen (Pferdeserum [Moss & Brown], Hühnerserum, Hühnereiklar [Haai- BURGER & Reuss, Rostoski, Schittenhelm, Weichardt & Grieshammer]), sowie von höhermolekularen Peptonen (Wittepepton) und Bakterien- proteinen, wo sie stärker ausgeprägt ist; auf die Leukopenie, die einige Stunden anhält, folgt eine mehrtägige Leukocytose. Nach niedermoleku- larem Seidenpepton bleiben diese Blutveränderungen aus. Die Eosinophilen sind im akuten Shock nicht vermehrt. Bei pro- trahierter Reaktion der Meerschweinchen nehmen sie jedoch V2 — 1 Stunde nach der Keinjektion zu und steigen mit dem Momente der Erholung des Tieres stark an (Schlecht). Auch in den Lungen findet man mehrere Stunden und Tage nach nicht tödlichen anaphylaktischen Reaktionen zahlreiche Eosinophile, die zum Teil um Bronchien und Bronchiolen gruppiert, zum Teil in das Alveolargewebe eingelagert sind (Schlecht & Schwenker). Fortgesetzte par- enterale Zufuhr von artfremdem Serum, Eiereiweiß, Hemialbumose, Fibrin (täg- licli 3 ccm einer 1 — 2-proz. Lösung) erzeugt beim Meerschwemchen Eosinophilie des Blut&s (Zunahme von 150 auf 5000) und des Peritoneums. Interkurrente Lifektionen brachten die Eosinophilie wieder zum Verschwinden. Aminosäuren, Fette, Kohlehydrate, arteigenes Serum hat keine Verschiebung des Blutbildes zur Folge. 3. Verhalten der L y m p h e. Nach CalvaryI zeigen Hunde, wenn sie anaphylaktisch reagieren, eine starke Vermehrung der L y m p h m e ng e , die dabei gleich- zeitig ungerinnbar wird. Erstinjektionen artfremder Sera so- wie Reinjektionen von heterologem Eiweiß, welches nicht zur Sen- sibilisierung diente, sind ohiJe Einfluß. Die Steigerung der Lymph- sekretion hängt nicht vom Blutdruck ab, wird daher auch durch Baryunichlorid nicht beseitigt; Calvary erklärt somit das ., anaphy- laktische Gift" sowie das Pepton, dessen analoge Wirkung bereits Heidenhain entdeckt hatte, als Lymphagoga erster Ordnung d. h. als Substanzen, welche die Kapillarendot hellen direkt zu aktiver Sekretion reizen. Die vermehrte Lymphproduktion soll die Ursache der Oedeme, des Juckreizes und der Urticaria sein. Allergie und Anaphylaxie. 1067 4. Die lies pi rat ion. Respirationsstörungen (Dyspnoe, asthmatische Anfälle, Asphyxie) können bei verschiedenen Tieren (Kaninchen, Ziegen, Pferden, Tauben, Hühnern, Gänsen, Enten) und auch beim Menschen während einer intensiven anaphylaktischen Reaktion auftreten. Nur bei Hunden scheint die Atmung: gar nicht (Biedl & Kraus, Pearce & Eisenbrey) oder doch nur selten und in geringem Grade (Richet, Friedberger & Gröber) zu leiden. Bei hochgradig anaphylaktischen Meerschweinchen, denen man intravenös oder intracerebral Antigen injiziert hat und bei welchen die Symptome stürmisch ablaufen und innerhalb weniger Minuten zum Exitus führen, steht die Behinderung der Atmung im Vordergrunde der Erscheinungen und die schließliche Asphyxie wird zur unmittel- baren Todesursache. Die akut verendeten Tiere zeigen einen Obduk- tionsbefund, der schon Gay & Southard aufgefallen war. Die Lungen sind gebläht und starr, überlagern teilweise das Herz, sinken nach Eröffnung des Thorax, selbst wenn sie in toto herausgenommen werden, nicht zusammen, sind meist blaß, fast weiß mit einem Stich ins Bläuliche, ihre Ränder und Oberfläche sind glatt, ihr Gewebe enthält viel Luft und entleert auf Druck schwarzes Blut. Diese Tatsache konnte von Anderson & Schulz, xAuer & Lewis, Biedl & Kraus, Doerr, Friedberger, Graetz, Karsner, Auer, Schultz & Jordan, Karsner & XuTT, LoEwiT u. V. a. bestätigt werden. Die Lungen bieten auch mikroskopisch ein charakteristisches Aussehen dar: die Alveolarräume sind enorm dilatiert, ihre Septa schmal und zuweilen durchrissen, die Kapillaren blutleer, die Lumina der Bronchien stark verengt und ihre Schleimhaut in reichliche Falten gelegt (Biedl & Kraus, Schultz & Jordan. Graetz, Friedberger, Moreschi, Gesa Bianchi). Diesen makro- und mikroskopischen Befund trifft man wohl bei der über- wiegenden Mehrzahl der Meerschweinchen, die im Shock akut, d. h. innerhalb weniger Minuten eingehen. Bisweilen ist aber das Bild insofern alteriert, als sich zur Alveolarerweiterung Oedeme, Kapillar- übcrfüllung und Hämorrhagien hinzugesellen, die entweder auf der lymphagogen Wirkung der anaphylaktischen Noxe oder auf Endothel- schädigung beruhen und je nach ihrer Ausbildung der Lunge ein fleckiges oder diffus rötliches bis scharlachrotes Aussehen verleihen. Biedl & Kraus, sowie Karsner geben an, daß Oedeme, Hyperämien und Blutungen bei typischer aktiver und passiver Anaphylaxie nicht vorkommen, besonders wenn man atoxische Antigene wie Pferdeserum zur .Auslösung des Shocks verwendet; werden anaphylaktische Experimente mit primär toxischen Antigenen, z. B. Aalserum, Rinder- oder Hammelserum ausgefülirt, dann können die genannten Erscheinungen beobachtet werden, smd aber auf die Eigenwirkuug der Antigene und nicht auf die Anaphylaxie zu beziehen. Diese Angaben wurden von Graetz, Moreschi, Gesa Bl\nchi, Schultz & Jordan, J'ried- EERGER bestritten, welche auch bei einwandsfreier anaphylaktischer Versuchs- anordnung Oedeme und Blutungen sahen; nach Friedberger soll das Zustande- kommen derselben überiianpt nicht von der To.xizität des Antigens, sondern von der Menge und Beschaffenheit der Suspensionsflüssigkeit abhängen. So kann von zwei spezifisch präparierten und mit der einfach letalen Dosis Hammelserum reinjizierten Meerschweinchen das eine reine Lungenblähung, das andere stärkstes Oedem und reichliche interstitielle Blutungen zeigen, wenn man im *>rsten Falle das Hammelserum (0,005 — 0,025 ccm) in 1,0 ccm physiologischer NaCl-Lösung, im zweiten in 4,0 ccm Normal-Meerschweinchenserum intravenös einspritzt. Umgekehrt ist es auch nicht richtig, daß das Volumen auctum in Kom- bination mit Anämie und bei völlig fehlendem Oedem nur bei aktiver und 1068 Robert Doerh, passiver Anaphylaxie, beim Peptonshock und bei der Intoxikation mit ß-Imid- azolj'lätbylamin angetroffen wird (Biedl & Kraus, Karsxerj. Vielmehr stößt man auf absolut identische Befunde auch bei Meerschweinchen, welche nacli intravenöser Injektion toxischer Präzipitate (Doerr & Russ*), der Anaphyla- toxine Friedbergers, giftiger Normal- und Imniunsera (DoERR & Moldovan ^, Doerr & Weinfurter, Graetz^, Moreschi, Cesa Bianchi, Friedbergeri^.i^ und seine Mitarbeiter) akut eingehen und es ist daher auch nicht zulässig, diese Prozesse aus rein anatomischen Gründen von der Anaphylaxie abzutrennen. Durchgreifende Unterschiede existieren nicht. Allerdings muß man zugeben, daß nach Präzipitaten, ,,.\naphylatoxinen" und primär toxisclien Normal- und Immunsera weit häufiger Oedeme, Kapillarerweiterungen und Hämorrhagien auf- treten als nach anaphylaktischen Versuchen mit Pferdeserum oder Vergiftungen mit Wittepepton ; auch sieht man nach Eingriffen der erstgenannten Art oft genug intravaskuläre und intrakardiale Thrombosen, die zweifellos intravital zu- stande kommen (Biedl & Kraus. Kraus & Novotny, Doerr & Russ, Doerr & Weinfurter, Doerr & Moldovax), und nur wo diese ausbleiben, die ver- minderte Blutgerinnbarkeit, die beim anaphylaktischen und Peptonshock die Regel darstellt. Die ,,Lungeiiblähuiig'" ist an sich kein Beweis, daß sich ein ana- phylaktischer Prozeß beim Meerschweinchen abgespielt hat; sie ist vielmehr sehr vieldeutig und läßt sich als Kriterium für Anaphylaxie nur dann verwerten, und zwar bloß in positivem Sinne, w^enn sie durch eine typisch anaphylaktische Versuchsanordnung -bewirkt wmrde (Au er). Der geschilderte Befund kann z. B. auch bei Meerschweinchen fehlen, wenn dieselben unter protrahierten Symptomen in 20 Minuten bis mehreren Stunden verenden, wie das bei intraperitonealer Reinjektion des Antigens der Fall ist (Doerr 3, H. Pfeiffer, Hirschfelder, Friedberger^^); dement- sprechend konstatiert man ja auch intra vitam keine Dyspnoe. Nur Seitz sah bei Meerschweinchen, welche mehrere Stunden oder sogar einen Tag nach (intravenöser; Injektion von Bakterienantigen eingegangen waren, wiederholt Lungenbläliung und nimmt an, daß sich der einmal zustande gekommene Bronchospasmus nicht so rasch wieder löst. Das steht indes im Widerspruch mit den Untersuchungen von Anderson & Schultz, denen zufolge Meer- schweinchen, welche die intravenöse Antigeninjektion mehr als 5 Minuten über- leben, schon eine mehr oder weniger koliabierbare Lunge haben; das Intervall zwischen Probe und Tod und die Funktionsfähigkeit des Lungengewebes sollen sich nach diesen Autoren in geradem Verhältnis befinden. Andererseits tritt Lungenblähung ein nach intravenöser Injektion von Saponin, Oelsäure, Morphin, NaOH, Essigsäure, CuSO^, eiweißfällenden Kol- loiden, Hirudin (Doerr & Moldovan, Friedberger & Gröber, Gröber), Methylguanidin, normalen und pathologischen Harnen (v. d. Heyde, Esch, Mauthner, Aronsox u. V. a.), ja nach mechanischen Insulten TGröber). Analysiert man die Eespirationsstörung der Meerschweinchen mit Hilfe registrierender Apparate, so fällt es auf, daß die Dyspnoe einen zunächst inspiratorischen Charakter hat, daß dann die Exkursionen der Atemkurve unter gleichzeitiger Dehnung der Exspirationen zu- nehmend flacher werden, bis endlich ein Stillstand in der Inspirations- lage erfolgt. Schon nach kurzer Zeit ändert sich das Volum der Lunge nicht mehr, sie erhält weder Luft noch entläßt sie welche, trotzdem die Atemmuskulatur intensive Kontraktionen ausführt. Kurarisiert man die Meerschweinchen und führt künstliche Atmung bei geöffnetem Thorax durch, so tritt bald nach der Reinjektion von Antigen eine Ver- größerung und ein Starrwerden der Lungenflügel ein ; die durch die Atmung bedingten Volumschwankungen werden immer kleiner, schließ- lich stehen die Lungen ganz still, sie sind in der Inspirationsstellung immobilisiert (Biedl et Kraus). Die Ursache soll nach Au er & Lewis in einer tetanischen Kontraktion der glatten Bronchialmuskulatur zu suchen sein, wobei es zu einer Falten- Allergie und Anaphylaxie. 1069 bildung der Mucosa und zu einem ventilartigeu Verschluß des Lumens der kleineren (sekundären und tertiären) Bronchien kommt (Biedl & Kraus, Schultz & Jordan). — Da weder die Exstirpation des Großhirnes samt den basalen Ganglien (Schürer & Strassmann), noch die Durchschneidung der Medulla oblongata, die Zerstörung des Rückenmarkes, die Sektion beider Vagi oder die Intoxikation mit Curare etwas an dem Eintritt und Verlauf der As- phyxie resp. an dem Obduktionsbefund ändern (Biedl & Kraus, AuerX so kann der Broncliialmuskelkrampf nur eine periphere Genese haben. Eine wesent- liche Stütze für diese Annahme sahen Auer & Lewis, Biedl & Kraus auch in der antagonistischen Wirkung, welche Atropinsulfat ausübt, wenn man 0,002 bis 0,005 g in 1-proz. Lösung 10—15 Sekunden vor der intravenösen Injektion des Antigens in die Zirkulation bringt; der Schutz besteht aber nur gegenüber sehr kleinen, einfach letalen Antigendosen (0,01 ccm artfremdes Serum), nicht aber gegenüber einem Multiplum der tödlichen Menge. Läßt man auf eine sehr kleine eine größere Antigendosis (0,5 ccm) folgen, so wird die Lungenblähung doch hervorgerufen. Nach Biedl & Kraus soll man auch in der Phase, in welcher die Lungen bereits immobilisiert sind, aber das Herz noch schlägt, durch 1—10 mg Atropin die Atmung wieder in Gang bringen, also therapeutisch wirken können; Auer will solche Erfolge nur dann erzielt haben, wenn er 5 mg Atropin zu einer Zeit gab, wo sich bloß die ersten Anzeichen der verminderten Volumsschwankung bemerkbar machten. Manche Autoren wie Biedl & Kraus sahen die Schutzwirkung des Atropins für ein so konstantes Phänomen an, daß sie dasselbe sogar zur Abgrenzung^ der Anaphylaxie von anderen Prozessen (Intoxikation mit primär toxischen Sera, mit Anaphylatoxin), die ihrer Ansicht nach auf einem differenten Mechanismus beruhen, benützen wollten. Die Nachprüfungen von Auer, Friedberger & Mita, Mita, Anderson & Schultz, Karsner & Nutt, W. H. Schultz, DoERR & Moldovan haben jedoch ergeben, daß sich der Antagonismus des Atropins nicht nur bei der typischen aktiven und passiven Anaphylaxie zeigt, und daß derselbe andererseits auch bei letzterer ziemlich gering zu sein scheint. Auer & Lewis benützten 2 mg Atropin und konnten damit nicht einmal gegen die Dosis letalis minima des Antigens konstant schützen; das Verhältnis gestaltete sich so, daß Vi der Atropintiere am Leben blieben, 3/4 der Kontrollen starben. Erhöht man die Antigendosis nur bis zur absolut tödlichen Menge, so haben 2 mg Atropin fast gar keinen _ Effekt (Mita); man muß mehr Atropin geben und dasselbe überhaupt mit dem Antigen steigern, aber nicht in gerader Proportion, sondern ungleich schneller. Man kommt" dabei sehr bald zu einer Atropindosis, die an sich bei intravenöser Injektion Meerschweinchen blitzartig tötet (0,015 g pro 100 g Körpergewicht nach Karsner & Nutt). W. H. Schultz macht mit Recht aufmerksam, daß die wirksamen Atropindosen für alle Fälle kolossal, knapp subletal sind und daß man durch eine derartige Alkaloidvergiftung nicht nur die glatten Muskeln der Bronchien, sondern alle Zellen des Körpers in einen Zustand verminderter Erregbarkeit versetzt, in welchem sie auf den anaphylaktischen Reiz schlechter reagieren als de norma. In der Tat kann man Tiere auch durch Chloral oder Chioralurethan retten, so daß sich aus der Tatsache des so minimalen Atropin- schutzes keine sicheren Schlüsse auf den Mechanismus der Lungenblähung machen lassen. Grossmann will die Kontraktion der Bronchialmuskulatur nicht als al- leinige Ursache der Lungenblähung gelten lassen und denkt auch an Störungen im Lungenkreislauf, welche nach Basch eine Schwellung uiid Starrheit der Lunge bewirken können, die sich mit inspiratorischer Blähung und Erschwerung des exspiratorischen Kollabierens verbinden. Die von Biedl & Kraus vorge- brachten Gegengründe (Atropinwirkung, Entstehen der Lnngenblähung bei noch ungestörter Herztätigkeit, nachweisbare Anämie der Lunge) sind nach Gross- mann nicht geeignet, die Annahme von Störungen in der pulmonalen Zirkulation zu widerlegen (vgl. W. H. Schultz auf S. 1064) und eine Klappenbildung durch die gefaltete Schleimhaut in den Bronchien müßte nicht nur eine inspiratorische, sondern auch eine exspiratorische Dyspnoe zur Folge haben. Für die Erklärung der Respirationsstörung beim Meerschwein- chen ist die Tatsache wichtig, daß auch Kaninchen und Katzen im anaphylaktischen Shock unter heftigster Dyspnoe akut eingehen können, wobei aber der von Auer & Lewis beschriebene Lungen- befund nicht zustande kommt. Der Grund mag darin liegen, daß das 1070 Robert Doerr, Meerschweinchen eine besonders dicke und stark gefaltete Bronchial- schleinihaut besitzt und dadurch für einen Bronchialverschluß in- folge von Muskelkontraktion speziell disponiert ist. Jedenfalls muß der Eespirationsstillstand beim Kaninchen und bei der Katze eine andere Ursache haben als die Okklusion der Bronchien und es ist niclft auszuschließen, daß diese Ursache auch beim Meerschweinchen eine Rolle spielt; sie ist allerdings ihrer Natur nach unbekannt. LoEWiT und AuER sahen die Atemveränderungen erst einsetzen, wenn das Herz laugsamer zu schlagen beginnt; sie sind*daher geneigt, eine durch die Zir- kulationsstörung bedingte Hirnanämie für dieselben verantwortlich zu machen, halten aber auch eine direkte Einwirkung der anaphylaktischen Noxe auf das Atemzentrum für möglich. Nach Scott bleibt aber die künstliche Atmung auch im Shock des Kaninchens ohne Erfolg, so daß eine Anämie des .Uem- zentrums als alleinige Ursache unwahrscheinlich wird; Schürer & Strassmann schlössen zentrale Einflüsse überhaupt aus, da die hohe Durchschneidung des Halsmarkes am 6. Halswirbel, kombiniert mit doppelseitiger Vagusdurchtrennung, die Atemlähmung nicht verhindert. Auch Lungenödem besteht nur in geringem Grade. Atropin entfaltet bei der Katze keine Schutzwirkung (W. H. Schultz) selbst in solchen Dosen nicht, von denen ^/loo zur totalen Paralyse der Irisnerven ausreicht. Weiße Mäuse zeigen nach Schultz & Jordan keine, nach Kitz eine im Verhältnis zum Meerschweinchen geringere, aber ausgeprägte "Lungenblähung. Bei Kaninchen, die wiederholt einen Shock infolge langdauernder Immunisierung mit heterologen Proteinen überstanden haben, fand Doerr (nicht publiziert) enorme, die ganze Lunge betreffende, chro- nisch-emphysematöse Veränderungen, die man als Emphysema bullosum bezeichnen konnte und die histologisch durch starken Schwund der elastischen Elemente ausgezeichnet waren. Es war indes nicht mög- lich, reine, nicht durch Pneumonien komplizierte Emphyseme höheren Grades (geringe Randemphyseme finden sich auch bei normalen Kanin- chen) gesetzmäßig zu erzeugen. Ishioka tötete sensibilisierte Meer- schweinchen 1 — 3 Tage, nachdem sie infolge intratrachealer Injektion von 0,05 — 0,1 ccm Serumantigen einen Shock überstanden hatten, und konstatierte neben pneumonischen auch konstant emphysematöse Prozesse, die er als Residuen des Shocks auffaßt ; danach würde beim Meerschweinchen ein Shock genügen, um eine Rarefizierung des Lungenparenchyms einzuleiten, während beim Kaninchen wieder- holte Attacken und vielleicht eine besondere individuelle Disposition mithelfen müssen. 5. Das Verhalten der Körpertemperatur. Bei protrahiertem Verlaufe des Shocks beim Meerschweinchen (intraperitoneale Probe, intravenöse Injektion kleiner Antigenmengen) beobachteten Pfeiffer* und Mita^, Braun 3, Friedberger^, Wells & OsBORNE, Römer & Gebe u. v. a. als konstante und bisweilen ein- zige Erscheinung eine Abnahme der Körpertemperatur, die im Rectum gemessen, mindestens 1^ C beträgt, aber bei entsprechender Ueberempfindlichkeit und hinreichend langer Dauer der anaphylak- tischen Reaktion 7 — 9, ja 11 — 13 o C erreichen kann. Aehnliches konstatierte Scott beim Kaninchen, Joachimoglu beim anaphylak- tischen Shock der Taube, Weichardt & Schittenhelm bei dem des Hundes. Diese Störung in der Wärmeökonomie wurde von H. Pfeiffer als ,,anaphylaktischer Temperatursturz" bezeichnet und von der Blut- drucksenkung bzw. der Gefäßerweiterung im Bereiche der Bauch- Allergie und Anaphylaxie. 1071 eingeweidc abhängig gemacht; da diese Vorgänge zu ihrer vollen Entwickclung einige Zeit benötigen, so kann sich auch der Abfall der Körpertemperatur nur bei längerer Dauer der anaphylaktischen Er- scheinungen zeigen. Bei ganz akutem Verlaufe des Shocks (intra- venöse Probe) hat er keine Zeit manifest zu werden (H. Pfeiffer, Loewit). Nach LoENiNG begleitet aber das Sinken der Eigenwärme im länger dauernden (chronischen) anaphylaktischen Shock ein Nach- lassen des im Tier kör per stattfindenden Verbrennungs- prozesses, eine Aenderung der gesamten Umsatzleistungen. Dieses Darniederliegen der oxydierenden Funktion, welches sich in einer Verminderung der COg-Abgabe (Scott, Loening) und des 0-Ver- brauches (Loening) ausdrückt, ist als eigentliche und wesentliche Ursache des anaphylaktischen Temperatursturzes, nicht als dessen Folge anzusehen. Der Shock wirkt so wie gewisse Gifte (Cyankalium) primär dadurch, daß er die intracelluläre Verbrennungs- energie zunächst steigert, bald darnach aber lähmt; die Hypo- thermie ist sekundär. Diese Ansicht stimmt gut mit der Beobachtung von Heilner, daß die N-Ausfuhr im Harne geringer ist, wenn man anaphylaktischen Kaninchen das entsprechende heterologe Protein zu- führt als bei normalen. Pfeiffer & Mita betrachten den Temperatursturz als ein objektives Kri- terium der Anaphylaxie und halten es am besten geeignet, die Höhe aktiver oder passiver Uebererapfindlichkeit quantitativ zu bestimmen. Nur darf man zur Re- injektiou (Probe) keine an sich toxischen Sera, wie z. B. frisches Itinderserum verwenden, da diese schon beim unvorbehandelten Tiere Anaphylaxie und Tem- peraturabfall erzeugen ; man muß die Sera vorher durch sorgfältiges Inaktivieren ihrer Priraärwirkung berauben (H. Pfeiffer). Nach H. Pfeiffer & Mita soll der Temperatursturz die Spezifitätsdifferenzen nahe verwandter Eiweißarten, z. B. zwischen Hämoglobin und Serumeiweiß, Eiklar und Dotter, zwischen dem Eiweiß verschiedener Organe desselben Tieres am besten hervortreten lassen; sie benutzen ihn daher auch für die forensische Eiweißdiagnose, wogegen aber — wie gegen die alleinige Verwendung der Anaphylaxie zur praktischen Eiweißdifferen- zierung überhaupt — Uhlenhuth, Doerr* u. a. mit Recht Emsprache erheben. Für die Berechnung der Shockgröße stellten Pfeiffer & Mita die Formel ta • Z — ö — = Se (Shockgröße) auf, wobei ta die Temperaturabnahme in Zehntel Celsiusgraden, Z die Zeitdauer der anaphylaktischen Erkrankung in Minuten be- deutet; bei tödlich endendem Shock empfehlen sie die empirische Gleichung 8 -K = 30000 -f 20000 — ^^"^ ^ ^ , in welcher ta-f der bis zum Tode beobachteten Temperaturabnahme, Z-f^ der bis zum Tode verflossenen Zeit gleichzusetzen wäre. Die Begründung und Interpretation dieser Formeln kann hier nicht wieder- gegeben werden; ihre Zweckmäßigkeit und Verläßlichkeit erscheint sehr fraglich (UiiLENHUTH, Ranzi2, Thomsen, Neufeld, Isaja, Donati u. a.). In der Tat beschränken sich jene Autoren, welche den Temperatursturz für die Beurteilung der Anaphylaxie verwenden (Friedberger, Wells & Osborne, Braun), meist auf die bloße Angabe der effektiven Temperaturverminderung. Zur Vornahme der Temperaturmessuugen im Rectum dienen eigene von H. Pfeiffer i* und von Friedberger ^^ angegebene Thermometer. Auch der Temperatursturz ist an sich für anaphylaktische Vorgänge ebenso wenig charakteristisch wie irgendein anderes Symptom, sondern erhält seine Bedeutung ausschließlich durch den Rahmen des aktiv oder_ passiv ana- phylaktischen Experimentes. Man darf daher sein Auftreten nicht als ein Argument für die Identität gewisser Prozesse (Vergiftungen durch Anaphyla- toxine, Präzipitate, Normal- und Immunsera) mit der Anaphylaxie heranziehen, um so mehr, als nicht nur Erstinjektionen von Histonen, Protaminen, höher mole- kularen Peptonen, Bakterienproteinen (Schittenhelm, Weichardt & Hart- mann, Seitz, P. Th. Müller), sondern auch von eiweißfällenden Kolloiden (Doerr & Moldovan), von giftigem Harn (Esch, R. Franz u. a.), Ophio- 1072 RoBEltT DOERR, toxinen (Arthus) oder anderen Stoffen (Elias, Heubn'ER, Bock) die Tem- peratur rasch und beträchtlich herabsetzen. Entsprechend der Annahme von Loening, daß die anaphylak- tischen Vorgänge zunächst eine Steigerung der intracellulären Ver- brennungsprozesse nach sich ziehen, dann erst eine Reduktion, kann man nach Zufuhr von Antigen beim eiweißallergischen Tiere nicht nur Hypothermie, sondern unter Umständen auch eine Erhöhung der Eigenwärme, d. h. also Fieber feststellen. Schon Gamalem, Charrix & Keffer, Roux et Lepixe, Buchner i, Krehl et Matthes^ fanden, daß die verschiedensten Proteine (tieri- scher oder pflanzlicher [bakterieller] Provenienz), ferner Albumosen, Peptone etc. bei parenteraler Zufuhr pyrogen wirken und daß die wiederholte Einwirkung den Effekt steigert. Friedberger & Mita 1 wiesen später nach, daß eiweißanaphyiak- tische Meerschweinchen auf Antigenin jektion nicht nur mit Tempe- ratursturz, sondern auch mit Hyperthermie reagieren können, und daß das Verhalten der Körpertemperatur von der angewendeten Antigendosis bestimmt wird. Für artfremdes Serum stellt Friedberger 5 Grenzwerte auf: 1) Die tödliche Dosis. 2) Die Minimaldosis für Temperatursturz (psychrogeiie Dosis). 8) Die obere Konstauzgrenze, d. h. jene Mengen, die kleiner sind als die vorigen und die Temperatur konstant lassen. 4) Die fiebererzeugende (pyrogene) Dosis. ö) Die untere Konstanzgrenze, d. h. jene kleinsten Quanten, die nicht ein- mal mehr Fieber hervorrufen. Da Friedberger in der Ueberenipfindlichkeit nur eine exzessive Steige- rung physiologischer Vorgänge sieht und annimmt, daß alle Eiweißkörper, die beim präparierten Tier in mhaimalsteu Mengen wirken, auch beim normalen Anaphylaxie und Tod in entsprechender Menge auslösen, so suchte er in Ge- meinschaft mit Mita die obigen Grenzwerte vergleichsweise für normale und spezifisch sensibilisierte Meerschweinchen festzustellen. Eine seiner letzten Publi- kationen ^^ enthält für intravenös injiziertes Hammelserum folgende Zusammen- stellung: beim normalen beim präparierten Tier Tier Grenze für Temperatursturz: .3,0 ccm 0,00001 Obere Konstanzgrenze: 1,0 „ 0.000005 Fiebergrenze: 0,05 „ 0,000 00005 Untere Konstanzgrenze: 0,01 „ 0,000000 01 In einem anderen Versuche betrugen die Grenzwerte für Meerschwemchen, die vor 14 Tagen mit 0,01 ccm Hammelserum präpariert waren, 0,0005, 0,00001, 0,000005 und 0,000 001 ccm Hammelserum intravenös und die Werte für normale Tiere waren tausendmal größer. Bei intraperitonealer Reinjektion waren die Quantitäten im allgemeinen bedeutender; die pyrogene Dosis Hammelserum stieg z. B. für präparierte Tiere auf 0,005 ccm, für normale auf 0,05 ccm. Die Körpertemperatur nimmt bei Anwendung geeigneter Dosen um 2 — 3 " zu, kehrt aber in wenigen Stunden zur Norm zurück. Diese Fieberreaktion soll streng spezifisch sein und nach Friedberger die empfindlichste aller be- kannten diagnostischen Eiweißprooen darstellen. Führte Friedberger bei anaphylaktischen Meerschweinchen wiederholt die pyrogene Dosis ein, so konnte er ein mehr oder weniger konstantes Fieber erzeugen; durch Einhaltung verschiedener Intervalle und geänderte Antigen- mengen waren auch intermittierende oder remittierende Fieber, durch hohe Dosen kritischer Temperaturabfall (Temperatursturz von Pfeiffer) und Heilung der Ueberempfindlichkeit, d. h. refraktäres Verhalten gegen weitere Injektion von Antigen (Antianaphylaxie) zu erzielen. Die fiebererzeugende Wirkung kleinster Antigenmengen bei spezifisch über- empfindlichen Meerschweinchen wurde von einzelnen Autoren wie BussoN, Vau- Allergie und Anaphylaxie. 1073 GHAN, CuMMiNG & Wkight u. a. bestätigt. Römer und Gebe vermißten sie beim Linseneiweiß. Ebenso ergaben Versuche von Schittenhblm & Weichardt^, Schitten- iiEiM, Weichardt & Hartmaxn an Hunden, daß bei schwerer Anaphylaxie im Experiment Temperatursturz, bei leichterer Fieber auftritt, daß also die Tem- peratur im allgemeinen ein Maß für die Intensität des Prozesses darstellt. Gleich Friedberger konnten auch Vaughan, Wheeler & Gidley, Valghan, Cumming & Wright bei Kaninchen durch wiederholte subkutane Einspritzungen von Eiereiweiß eine dem typhösen Fieber des Menschen ähnliche Temperaturkurve bekommen; intravenöse Injektionen von steigenden, stündlich verabreichten Eiweißdosen (9 — 12 Portionen von 0,5 — 6,0 ccm anwachsend) riefen akutes, in ca. 12 Stunden tödlich endigendes Fieber hervor und zwar sowohl bei normalen als bei vorbehandelten Tieren. Aehnlich wirkten hämolysierte Menschen- oder Kaninchenerythrocyten bei direkter Einbringung in die Gefäße. Meerschweinchen zeigten akutes, zum Tode oder zu unspezifischer Immunität führendes Fieber, wenn man ihnen halbstündlich Kochsalzsuspensionen lebender Bakterien (Prodigiosus, Subtilis, V. cholerae, B. typhi) in die Bauchhöhle spritzte. Bei der Feststellung und Deutung der pyrogenen Aktion von Eiweißantigenen ist indes große Vorsicht geboten, da auch andere Agentien temperatursteigernd wirken, die mit der Anaphylaxie — so weit man das bis jetzt beurteilen kann — in keinem Zusammenhange stehen. Dazu gehört vor allem das NaCI, dessen Einfluß nach Heubner auf der spezifischen Wirkung des Na-Ions beruht. Nach Heubner, Bock, Davidsohn & Friedemann bewirken intravenöse NaCl-Injek- tionen bei Kaninchen, nach^^\UGHAN intraperitoneale bei Meerschwein- chen Fieber : eiweißanaphylaktische Kaninchen fiebern konstanter und stärker auf NaCl als normale (Davidsohn & Friedemann). Le Play konnte Kaninchen durch intraperitoneale Injektionen physiologischer NaCl-Lösung leichter töten als durch salzärmere, körperfremde Eiw'eiß- lösungen, z. B. Ascites. Ringer -LocKESche Flüssigkeit wirkt im Gegensatze zu ..physiologischer'" NaCl-Lösung auf die Körpertempe- ratur nicht ein, weil das Na-Ion in derselben entgiftet ist (Heubner, Bocic ). Heubner und Bock berichten ferner über Versuche, in denen Kanmchen nach 0,1 — 0,8 mg Arsenik pro Kilogramm Körpergewicht intravenös fiebern, nach 20-fach größeren Dosen Temperaturabfall zeigen. In diese Kategorie ge- hört auch das iSalvarsanfieber, das wohl nicht ausschließlich auf den Bakterien- gehalt des zur Lösung verwendeten Wassers bezogen werden kann. Auch die bloße EinbrLagung körperfremder Partikelchen in die Blutbahn wirkt pyrogen. Es tritt z. B. Fieber auf, wenn man feinst verteiltes Weich- paraffiu, Elektrargol und Elektroplatinol intravenös einbringt (Heubner, Bock). Vielleicht ist auch das , .Gießfieber" (Lehmann) und das Fieber nach Protozoen- einschwemmung in die Zirkulation (Malaria) auf diese Weise zu erklären. Endlich wirken auch manche Substrate temperatursteigernd, die man mit der Anaphylaxie in Konnex gesetzt hat, wie z. B. Anaphylatoxine (Moreschi & Tadini, Sebastian:), defibriniertes arteigenes Blut (Moldovan, Freund), Bakterienproteine, Peptone, Histone u. dgl., wie bereits hervorgehoben. Das Fieber soll nach Friedberger eine anaphylaktische Erschei- nung, und zwar konform der Lehre von der parenteralen Verdauung der Ausdruck einer Eiweißzerfallstoxikose sein. Untersuchungen von Aronsohn und Graefe haben jedoch ergeben, daß kein Grund vorliegt, im Fieber einen toxischen Eiweißzerfall anzunehmen. Außerdem ist die Intervention anderer Ursachen, wie z. B. der Zerfall von Blut- plättchen (H. Freund) bei der Entstehung des Fiebers nachge- wiesen. Handbuch der pathogenen Mikroorganismen. 2. Aufl. H. 68 1074 Robert Doerr, 6. Die Muskulatur. A. Quergestreifte Muskeln. Bei Meerschweinchen, die an aktiver und passiver Anaphylaxie, nach der Injektion von Bakterienanaphylatoxinen, Wittepepton, primär toxischen Antiseris shockartig innerhalb weniger Minuten eingegangen waren, konstatierten Beneke & Steinschneider schollige Zer- klüftung und wachsige oder glasige Entartung in der Muskulatur des Dia- phragmas, der Extremitäten und anderer Körperteile, die intravital entstanden und von Leukocytenansammlungen in den Interstitien der Schollen begleitet waren. Sie gleichen den Veränderungen bei Intoxikationen durch Schlangengifte, Koffein oder bei gewissen Infektionen (Typhus). Schon früher hatte Auer beobachtet, daß ein Kaninchen im protrahierten anaphylaktischen Shock eine gewisse Steifigkeit der hinteren Extremitäten zeigte ; intravital entnommene Proben der weißen Muskeln sahen grau, opak aus, rea- gierten nicht auf direkte faradische Reize und färbten blaues Lackmuspapier rot. Es handelte sich demnach um eine intravital entstandene Muskelstarre, die sich bei genauerem Nachforschen auch am Diaphragma nachweisen ließ, selbst dann, wenn der Exitus der Kaninchen rascher eingetreten war. Sie fand sich in gleicher Weise in der Wand der rechten Herzkammer in der Umgebung des Reiz- leitungssystemes, wo das Myokard häufig ein graues, opakes Ansehen und eine zähe, gegerbte Beschaffenheit darbot, wie man sie nach Digitalis- Intoxikationen wahrnimmt, nach Auer sind diese anatomischen Muskelveränderungen die Ur- sache des anaphylaktischen Herztodes der Kaninchen. B. Glatte Muskulatur. Darüber verdanken wir gründliche und für die ganze Anaphylaxiefrage sehr wichtige Untersuchungen W. H. Schultz. Derselbe überzeugte sich zunächst, daß Darmsegmente von Frosch, Maus, Katze, Hund und Meerschweinchen (in sauerstoffhaltiger EiNGERScher oder HowELLscher Lösung bei 32 — 34° C gehalten) sofort mit einer Kontraktion antworten, wenn man geringe Spuren Serum mit ihnen in Berührung bringt. Da sich der Meerschweinchen- darm bei weitem am besten für derartige Experimente eignet, so wurden für die weitere Analyse des Phänomens glatte Muskeln dieser Tierart verwendet. Es konnte festgestellt werden, daß sich ausge- schnittene, in indifferenter Flüssigkeit suspendierte glatte jMuskeln aus dem Darme, dem Uterus, der Blase, der Aorta und der Vena cava normaler Meerschweinchen sofort zusammenziehen, wenn man art- eigenes oder artfremdes Serum, Eiereiweiß oder Pepton auf sie ein- wirken läßt. Die Eeizwirkung der Sera oder hitzekoagulabler Proteine konnte durch langes Erhitzen auf 90 — 100 o C stark reduziert werden, doch blieb ein gewisser Grad trotz langen Kochens noch immer er- halten. Frisches arterielles Blut übte keinen Eeiz aus; sobald sich aber ein Gerinnsel zeigte, kontrahierten sich die Muskeln, d. h. sie reagierten wie auf Serum. Glatte Aluskeln von Meerschweinchen, die wenige Stunden vorher eine Injektion von Pferdeserum oder eines anderen art- fremden Proteins erhalten hatten, reagierten auf das betreffende Eiweiß nicht stärker als die normaler Tiere. War aber das Meerschweinchen, von dem der Muskel stammte, bereits anaphylak tisch, so zeigte letzterer einen höheren Grad vonKontraktilität gegen- über einer bestimmten Quantität des Antigens als der Muskel nicht sensibilisierter Tiere. Die Muskeln antianaphylaktischer Meerschweinchen (s. Antianaphylaxie) verhalten sich, wenn auch nicht immer, so doch unter bestimmten Umständen wie die normaler, nicht sensibilisierter. Atropin in mäßiger Konzentration oder Adrenalin in Dosen, welche bereits antiperistaltisch wirken, können die Kontraktion von ausgeschnittener normaler Allergie und Anaphylaxie. 1075 Darmmuskulatur nicht verhindern. Erst Atropinmengen, welche den Muskel so schwer vergiften, daß er auch auf Chlorbaryum nicht reagiert, wirken ant- agonistisch. Ein Muskel, der sich auf Serumkontakt kontrahiert hat, ist noch für Chlorbaryum deutlich reizbar. Die Experimente am exzidierten Muskel des normalen Meerschweinchens wurden in älinlicher Weise auch an isolierten, überlebenden iongitudinalen und Ringrauskeln des Katzen- und Hundedarmes, sowie an Muskeln der Pulmonal- arterie der Katze ergänzt und ergaben die gleichen Resultate. Durchströmuiigs- versuche an Meerschweinchen und an der Katze zeigten ferner, daß auch die Muskeln der Arterien der Lungen, des Körpers, Herzeus und Mesenteriums sich zusammenziehen, wenn lackmusneutrale Proteinlösungen (in höherer Konzen- tration) ihre Wände berühren. Die Arbeiten von W. H. Schultz klären viele anaphylaktische Symptome, z. B. den Bronchospasmus, die initiale Drucksteigerimg bei Meerschweinchen und Kaninchen, die Harn- und Kotentleerung, das Erbrechen etc. auf. Rätselhaft bleibt dagegen die starke Wirkung, welche Pferdeserum oder Eiereiweiß auf den exzidierten Muskel des normalen Tieres ausüben, wenn wir bedenken, daß wir einem nor- malen Meerschweinchen 5 ccm Pferdeserum ohne alle Folgen, einem anaphylaktischen nicht einmal 0,005 ccm ohne die Gefahr des Exitus injizieren können ; die Differenz der Eeizbarkeit der normalen und anaphylaktischen glatten Muskelfaser ist im Vergleich dazu verschwin- dend. Interessant ist die Tatsache, daß arteigenes Plasma erst durch den Uebergang zum Serum ein Muskelreiz wird. Auch erscheint es wichtig, daß sich bei den Durchströmungen der Proteinreiz vom Endothel auf die Muskulatur übertrug. 7. Der Magen darmkanal. Bei protrahiertem (chronischem) Shock beteiligt sich auch regel- mäßig der Magendarmkanal an dem anaphylaktischen Sym- ptomenkomplex, und zwar gilt das für alle Tierspecies inklus. des Menschen. Beim Meerschweinchen treten — wenn der Exitus nicht schon nach wenigen Sekunden bis zwei Minuten durch Erstickung herbeigeführt wird — Würge- und Kaubewegungen ein, und es wird reichlich und wiederholt. Kot ent- leert (gesteigerte Peristaltik) ; bei der Obduktion findet man meist nur Hyperämie, bisweilen Hämorrhagien der Baucheingeweide (Gay & SouthardI, Richet^), über welche Wolff-Eisner und Scott bei Kaninchen berichten. Rosenau & Anderson sahen bei Meerschwemchen nach dem Shock sogar Dünndarmge- schwüre auftreten. Beim Hunde, der nie akut an Anaphylaxie eingeht, sondern stets protrahiert erkrankt, beobachtet man fast ausnahmslos Erbrechen, Kot- und Urinabgang (Richet), auch blutige Diarrhöen mit Tenesmus. Verenden die Hunde, so zeigt sich der Darm mit blutig-schleimiger Flüssigkeit gefüllt, die Mukosa und Submukosa weisen zahlreiche, miliare Hämorrhagien auf, bisweilen auch die Serosa. Am stärksten affiziert ist das Duodenum, doch wird häufig der ganze Darm einbezogen; im Magen ist der Pylorus ergriffen, der Fundus bleibt frei (Pearce & Eisenbrey). Weichardt & Schittenhelm ^^ nennen diese Darmaffektion Enteritis anaphylactica, obwohl es sich hier zunächst nicht um eine Entzündung handelt. Erstinjektionen von nativem Eiweiß (Eiereiweiß, Serum) beeinflussen den Darm nicht (Schittenhelm & Weichardt), wenn nicht exzessiv große Mengen zur Verwendung gelangen (v. KöRösy); in letzterem Falle kann auch Serum oder Vitellin bei normalen Hunden hämorrhagische Enteritis erzeugen. — Aehnlich wie auf wiederholte parenterale Zufuhr von Eiweiß- antigen reagiert der Hundedarm auf die erste Einspritzung von Toxalbuminen (Kongestine Richets), von höher molekularen Peptonen z. B. Wittepepton, peptischen Verdauungsprodukteu (Landois, Neumeister, Doyon & Gautier, Schittenhelm & Weichardt) und von Bakterienproteinen (Kruse, Selter, Schittenhelm & Weichardt). Niedermolekulare Peptone (Seidenpepton) sind wirkungslos. 68* 1076 Robert Doerr, Erbrechen und erhöhte Darmperistaltik beobachtet man auch beim Men- schen bei der Idiosynkrasie gegen Eiereiweiß. Blutigen Durchfall als Kom- plikation der Öerumkrankheit beschreibt Bomstein. 8. Drüse n. (Leber, Pankreas, Niere, Nebenniere, Tränen- und Speicheldrüsen, Tliyreoidea.) Die Sekretion der drüsigen Unterleibsorgane, besonders der Leber und des Pankreas (Modrakowski), ferner der Tränen- und Speichel- drüsen wird im anaphylaktischen Shock gesteigert. Dieselbe Beeinflussung der sekretorischen Funktionen erhält man auch durch Erstinjektion von Pepton, von Extrakten aus Blutegeln, Krebsen, Fluß- muscheln, durch intravenöse Einspritzungen wässeriger ürgauauszüge (Vaso- dilatinej, durch defibriniertes Blut und durch das aus Darmschleimhaut gewonnene Sekretin (Heidenhein, Wolf, Asher, Popielski, Starling u. a.). Starling meint, daß bei allen diesen Stoffen die Beschleunigung des Lymplistromes aus dem Ductus tJioracicus zum Teil von der Störung der Leber und der Erhöhung des Pfortaderdruckes abhängt. Nach länger dauernder parenteraler Eiweißzufuhr stellen sich parenchyma- töse und fettige Degenerationen in Leber, Niere, Herzmuskel ein, die von konsekutiver Wucherung des interstitiellen Bindegewebes begleitet erscheinen (le Play, Beaulieu & Villaret); die Schädigung der Niere ist insofern ver- ständlich, als schon die einmalige Emspritzung von heterologem Eiweiß Albu- minurie provoziert, das Nierenfilter also durchlässig macht. Ueber die Giftig- keit des im Shock sezernierten Harnes s. S. 1038. UcKE fand diffuse Grünfärbung des Markzellenprotoplasmas und der Kerne in der Nebennierenrinde und hält es für möglich, daß Blutdrucksenkung und Temperatursturz von einer Fixierung des Adrenalins durch das phäochrome System bedingt werden. FriedbergerI^ bemerkt hiezu mit Recht, daß man von einer Beteiligung des chroraaffinen Systems erst dann sprechen könnte, wenn die Bestimmung des Adrenalins im Bi.ute vor und nach dem anaphylakti- schen Shock einen Schwund oder eine Reduktion ergeben würde. Nach Hoffmann ist beim Heufieber des Menschen (Anaphylaxie gegen Polleneiweiß) häufig die Schilddrüse erkrankt und kann das Heufieber durch therapeutische gegen die bestehende Struma gerichtete Eingriffe (Strumektomie, Jod etc.) zum Schwinden gebracht werden. Daß der Leber beim anaphylaktischen Shock des Hundes die Hauptrolle zufällt, versuchte Manwaring zu erweisen. Er klemmte Aorta und Vena cava unterhalb des Zwerchfells ab und sah, daß "die obere Körperhälfte anaphylaktischer Hunde auf Antigeninjektion nicht mit Blutdrucksenkung reagierte ; löste er die Klemmen, so trat der Shock ein. Entfernung aller Eingeweide vom Pylorus bis zum Rektum samt der Milz oder Entfernung des Magens, der Nieren, Nebennieren, Ovarien und Uterus vermochten den Shock nicht zu verhindern. Es bleibt also nur die Leber. Um ihre Be- deutung darzutun, wurde der Darm entfernt, und die Leber ganz aus der Zirkulation ausgeschaltet (durch Ableitung des Blutes der unteren Hohlvene und der Pfortader in die Jugularis externa) ; von den 6 Tieren, bei denen das Experiment gelang, reagierten 4 auf Antigen gar nicht, 2 schwach. Wurden die angelegten Ligaturen 2 — 3 Mi- nuten nach der Antigeninjektion gelöst und die Leber auf diese Weise wieder in den Kreislauf interkaliert, so fiel der Blutdruck nunmehr in der typischen Art. Manwaring mußte seinen Tieren Hirudin injizieren oder das Blut ab- zapfen und defibriniertes infundieren, um Gerinnungen zu verhüten. Voegtlin & Bernheim legten, um dies zu vermeiden, eine EcKsche Fistel an und ligierten die Portalvene in der Nähe des Hilus und zwar erst in dem Moment, in welchem sie das Serum injizierten ; außerdem wurde die Arteria hepatica tem- Allergie und Anaphylaxie. 1077 porär abgeklemmt. Einzelne von den Hunden wurden vor, andere nach An- legung der EcKsclien Fistel sensibilisiert. Auf diese Art kamen Voegtlin & Bekxhei>j zum gleichen Schlüsse wie M.\xw.\rixg unter scheinbar ganz ein- wandsfreien BwJingungen ; bei völliger Ausschaltung der Leber sahen sie nicht die geringste Blutdrucksenkung und die Lösung der Ligaturen und Einschaltung der lieber hatte keinen Shock zur Folge, wenn diese Prozeduren lU Minuten nach der Antigenzufuhr erfolgten. W. H. Schultz bekam aber bei Hunden trotz Atisschaltung von Leber und Darm Blutdrucksenkung, wenn auch keine so intensive wie bei intakten Tieren. Er betont ferner, daß Hunde überhaupt un- regelmäßig im anaphylaktischen Experiment reagieren, so daß die wenigen Versuche von Manwarixg, Voegtlin & Bernheim nicht ausreichen, um die Bedeutung der Leber klarzustellen. Beim sensi- bilisierten Meerschweinchen kommt Shock und Lungenblähung bei ausgeschalteter Leber- und Darmzirkulation ungestört zustande (W. H. Schultz). 9. Periphere Xerven. Gay & SouTHARD konnten bei sensibilisierten Meerschweinchen die charakteristische ßespirationsstörung auslösen, wenn sie den Vagus- nerven mit einem Wattetampon berührten, der mit der Antigenlösung (Pferdeserum) getränkt war. Kochsalzlösung oder Pferdeserum bei normalen Tieren hatten keine Wirkung. Gay & Southard schlössen daraus, daß der Vagusnerv sensibilisiert sei. Aus späteren Arbeiten geht aber hervor, daß sich wahrscheinlich alle peripheren Xerven im Zustande allgemein erhöhter Erregbarkeit befinden und daß diese erst durch die neuerliche Antigenwirkung unter die Xorm herab- gesetzt wird. Kling injizierte bei Kaninchen rohe Kuhmilch intravenös und fand die Er- regbarkeil der motorischen Nerven gegen den galvanischen Strom nach Ablauf eines Monates gesteigert. Eine zweite Injektion machte das Phänomen zunächst noch deutlicher, docli fing die Erregbarkeit bald zu sinken an und näherte sich der Norm. Kling sieht darin eine Analogie zur Spasmophilie der mit artfremder Milch aufgezogenen Säuglinge, bei welchen die erhöhte elektrische Erregbarkeit eines der wichtigsten Symptome darstellt, das durch \'ermehrung oder Verminde- rung der Kuhmilchnahrung beeinflußt werden kann. Nach Yamanouchi wird die faradische Erregbarkeit des Ischiadicus bei sensibilisierten Kaninchen herabgesetzt, wenn man auf den freigelegten Nerv Watte auflegt, die mit dem betreffenden artfremden Serum getränkt ist. Wäscht man letzteres weg, so kehrt die Erregbarkeit zurück. Das Phänomen ist spezifisch, d. h. bei mit Pferdeserum vorbehandelten Kaninchen wirkt nur Pferdeserum erregbarkeitsherabsetzend. 10. Das Zentralnervensystem. BesredkaI stellte die Theorie auf, daß eine primäre Läsion des Zentralnervensystems als die dominierende Komponente des anaphy- laktischen Shockes zu betrachten sei. Er fühlte sich dazu berechtigt, weil die intracerebrale Injektion von Antigen auf allergische Meer- schweinchen stärker wirkt als die subkutane, intraperitoneale oder selbst intravenöse (nach Friedberger ist die intracerebrale und subdurale Probe der intravenösen ungefähr gleichwertig), und weil gewisse Narkotika den anaphylaktischen Shock verhindern oder ab- schwächen. Viele Autoren stimmten Besredka in der Folge zu, wie RicHET, Belin*, Achard & FlandinI, Cesaris-Demel u. a. ; andere wieder erklären die Hirnsymptome als den bloßen Ausdruck einer sekundären, durch Einströmen des Blutes in die Bauchorgane oder 1078 Robert Doerr. durcli Versagen des Herzens bedingten Hirnanämie (Biedl & Kraus, Scott, Auer u. a.)- Daß die wesentlichen Angriffsstellen der anaphylaktischen Noxe in der Peripherie liegen, ist heute wohl über allen Zweifel sichergestellt. Das beweisen die Experimente an Meerschweinchen, denen das Großhirn samt den basalen Hirnganglien entfernt (Schürer & Strassmann) oder nach vorausgegangener beiderseitiger Vagus- durchtrennung das gesamte Zentralnervensystem gründlich zerstört wurde (Auer), an Kaninchen, denen die basalen Hirnteile, die Me- dulla oblongata und das Rückenmark zerstört worden waren (Auer), an Hunden, die man dekapitiert oder deren Kopfzirkulation man durch Koppelung mit einem anderen Hund gänzlich eliminiert hatte (Pearce & Eisenbrey). In allen diesen Fällen verursachte die Anti- geninjektion typische anaphylaktische Symptome, bei Meerschwein- chen und Kaninchen auch akuten Exitus, vorausgesetzt, daß die Tiere vorher präpariert, also anaphylaktisch waren. Das Zentralnervensystem ist für das Zustandekommen eines maximalen ana- phylaktischen Shocks demnach sicher überflüssig. Damit ist aber natürlich nicht gesagt, daß sich das Zentralnervensystem beim intakten Tier an. den anaphylakti- schen Symptomen in keiner Weise beteiligt; es muß vielmehr durch die An- ämie, die gestörte Herztätigkeit etc. sekundär geschädigt werden, und es ist nicht einzusehen, warum die Funktion der Nervenzellen nicht auch primär leiden kann, wenn man berücksichtigt, daß glatte und quergestreifte Muskelfasern, Drüsen- zellen, periphere Nerven, Bindegewebe (lokale Anaphylaxie) auf die anaphylak- tische Noxe reagieren, und zwar unter Verhältnissen, die eine primäre Läsion höchstwahrscheinlich machen. Für eine wenigstens sekundäre Beteiligung des Gehirnes sprechen die Zustände von Somnoleuz, die man beim abgeschwächten Shock verschiedener Tierspecies beobachtet; die Tiere taumeln, fallen um, schließen die Lider, verharren stundenlang in soporösem Zustand und ihre Erholung gleicht oft völlig dem Wiedererwachen aus eüiem tiefen Schlaf. Dabei ist die Somuolenz oft genug das einzige direkt sichtbare Symptom und kann auch ohne Dyspnoe und Cyanose bestehen. Friedberger & Gröber vermochten ferner Meer- schweinchen durch Trepanation sowohl bei aktiver Anaphylaxie wie bei Ana- phylatoxinvergiftung gegen die sicher tödliche Dosis zu schützen, konform der von Gröber festgestellten Tatsache, daß dieser Eingriff auch andere Vergiftungen, die auf Erstickung beruhen, antagonistisch beeinflußt (Gröber); sie nehmen au, daß die Eröffnung der Schädelhöhle in beiden Fällen eüie Reizung des Vaso- motorenzentrums durch erhöhten Hirndruck verhütet. Auch meint Fried- berger 1^, daß die pyrogene Wirkung kleinster Antigendosen beim anaphylakti- schen Tiere nicht anders zu verstehen sei, als durch direkte Beeinflussung des Wärmezentrums. Nach Wolff-Eisner wirkt der anaphylaktische Prozeß be- sonders auf das Vasomotorenzentrum, durch dessen Reizung verschiedene Phäno- mene der Ueberempfindlichkeit (Quaddeln, Oedeme, Urticaria) zustande kommen. Dafür soll auch die Tatsache sprechen, daß die schwersten Symptome innerhalb so kurzer Zeit wieder verschwinden können, die antagonistische Wirkung gerade jener Narkotika, die am Vasomotorenzentrura angreifen (s. w. u.j und die große Empfindlichkeit, welche Menschen mit vasomotorischer Labilität gegen Sernm- injektionen aufweisen (Todesfälle bei Asthmatikern). Auffallend bleibt es, warum intracerebrale Antigeninjektionen bei anaphylaktischen Meerschweinchen gerade so starke Effekte entfalten wie intravenöse und warum sie die intraperitonealen und subkutanen Proben um so vieles übertreffen. Doerr & R. Pick sind der Ansicht, daß infolge der intracerebralen Antigeninjektion eine lokale Ana- phylaxie zustande kommt, die wegen der Dignität des betroffenen Organes so schwere Folgen zeitigt. Diese Erklärung läßt sich viel- leicht mit den Erfahrungen von Ishioka in Einklang bringen, der letalen Shock bekam, wenn er anaphylaktischen Meerschweinchen nur 0,05 — 0,1 ccm Serumantigen in die Luftröhre brachte. Doch bedarf die Angelegenheit weiterer Untersuchungen. Allerofie und Anaphylaxie. 1079 11. Lokale Anaphylaxie. Unter diesem Ausdruck versteht man lokale Reaktionen, die nach intrakutaner, subkutaner, intracornealer, subconjunctivaler, intra- trachealer Injektion des Antigens bei spezifisch präparierten Tieren und Menschen auftreten. Nach einzelnen Angaben können sie sich auch nach Inhalation zerstäubter Antigenlösungen in der Lunge entwickeln. Sie bestehen in rasch auftretenden Oedemen, die sich durch Zell- emigration in Infiltrate umwandeln, welche oft hämorrhagischen Cha- rakter haben; diese exsudativen Prozesse können sich rückbilden oder in Nekrosen übergehen, welche zur Abstoßung und narbigen Aus- heilung führen (Arthus, Arthus & Breton, Nicolle, Lewis, Rem- LINGER, KnOX, MoSS & BrOWN, StANCULEANU & NiTA, FUKUHARA u. a. ; vgl. auch S. 985 f.). Injiziert man sensibilisierten Tieren größere, aber niclit tödliche Mengen. Antigen (Pferdeserum j intravenös, so fallen bald nachher erzeugte Lokalreak- tionen geringer aus (lokale Antianaphylaxie). Ferner konnte gezeigt werden, daß Jodoxybenzoensäure (in einer mit Natriumkarbonat neutralisierten Lösung intravenös eingespritzt; bei Kaninchen die Lokalreaktion stets vermindert oder ganz unterdrückt. Das gleiclie ist der Fall, wenn man bei anaphylaktischen Kaninchen und Hunden das Pferdeserum mit der Oxysaure mischt und intrakutan zuführt; es soll das auf der Steigerung der Verbrennungsprozesse durch den der Jodoxybenzoesäure berulien, da das Cyannatrium, welches die Oxydatious- Torgänge vermindert, die Lokalreaktionen verstärkt (S. Amberg & M. Knox). Antagonisten des anaphylaktischen Shocks. Es lassen sich unspezifische und spezifische [d. h. im Wesen der Anaphylaxie (einer Antigenantikörperreaktion) begründete] Antago- nisten unterscheiden. Von den unspezifischen wäre zu nennen : 1) Die Ueberschwemmung des Blutes mit NaCl. 2) Der Einfluß der Hungerdiät*; oder einer besonderen Zu- sammensetzung der Nahrung. 3) Das Baryumchlorid. 4) Das Atropin. 5) Der Peptonshock. Die in den vorstehenden Punkten ange- führten Momente sind bereits an anderer Stelle abgehandelt worden. 6) Giftiger Harn (H. Pfeiffer), Guanidinchlorid (v. d. Heyde). Diese Angaben bedürfen einer Nachprüfung ; nach Esch schützt der anaphylaktische gegen den Harnshock, aber nicht umgekehrt. 7) CaClg (schon von Netter, Cousin, Gewin u. a. bei der Serum- krankheit des Menschen, später von Chiari & Januschke, R. Hoff- mann, C. Kaiser bei der Anaphylaxie gegen Polleneiweiß [Heufieber] und bei Asthma bronchiale empfohlen), KCIO3, Tallianine, ein ozoni- siertes Terpen, Persalze etc.; alle diese Stoffe sollen nach Belin* den *) Nach Besredka soll der Einfluß der Hungerdiät so zu erklären sein, daß durch die Inanition einerseits die Empfindlichkeit des Nervensystems herab- gesetzt, andererseits der Komplementgehalt des Blutes vermindert wird. KoN- ST.ixssow 2 gibt ebenfalls in seiner letzten Publikation an, daß bei aktiv prä- parierten Hungertieren die Komplementmenge und die Fähigkeit anaphylaktisch zu reagieren mit steigender Kachexie parallel abnehmen. Die Tatsachen, welche über die Bedeutung des Zentralnervensystemes und des Komplementes für das Zustandekommen des anaphylaktischen Shocks bekannt sind, befinden sich jedoch mit diesem Erklärungsversuch nicht im Einklang. 1080 Robert Doerr, anaphylak tischen Antikörper hyperoxydieren und dadurch beim sen- sibilisierten Meerschweinchen die Folgen der Antigenreinjektion ver- eiteln. CaClg soll diese Wirkung auch entfalten, wenn man es ver- füttert. Am sichersten wird der Shock nach Belin durch Tallianine verhindert, von dem angeblich 1,0 ccm intravenös gegen die tödliche Antigendosis sicher schützt. Eigene Nachprüfungen mit Tallianine ergaben ein völlig negatives Resultat ; CaClg fanden Rosenau & Anderson 9 wirkungslos. 8j Lecithin gegen den anaphylaktischen Shock des Meerschwein- chens (Banzhaf & Steinhardt^, Achard & Flandin). Doerr er- zielte mit Lecithinum purissimum und Lecithinum ex ovo in ver- schiedenen, zum Teil sehr hohen Dosen und unter mannigfacher Variierung der zeitlichen Verhältnisse keinen Schutz gegen den ana- phylaktischen Shock. 9) ß-Imidazolyläthylamin ist nach Dale & Laidlaw, v. d. Heyde, LuRÄ kein Antagonist, ebensowenig das Xa-Salz der Jodoxybenzoe- säure, obwohl letzteres die anaphylaktischen Lokalreaktionen zu unter- drücken vermag. 10) Die Narkose. Aktiv präparierte Meerschweinehen sollen nach Besredka die intracerebrale Probe im Aetherrausch ertragen, während nicht narkotisierte Kontrollen unter gleichen Bedingungen innerhalb von 2 — 3 Minuten eingingen. Morphin oder Opium schützen nicht, wohl aber Chloräthyl, Urethan oder Chloralose, welche die Tiere zwar nicht immer retten, aber den Prozeß von wenigen Minuten bis auf mindestens 16 Stunden verlängern. Die Angaben von Besredka über die Aethernarkose wurden durch Ro- senau & Anderson 3, '^ Biedl & Kraus 3, Banzhaf & Famulener, Anderson & Schultz zum Teile richtig gestellt, zum Teile erweitert. Es zeigte sich, daß der Schutz der Narkose kein absoluter ist, sondern nur ein relativ geringer und walirscheinlich darauf beruht, dalj primäre und sekundäre Angriffsstellen der anaphylaktischen Noxe (Bronchialmuskeln, Zentralnervensystem) in einen Zu- stand verminderter Erregbarkeit geraten, in welchem sie besonders auf wenig intensive Reize mit abgeschwächten Reaktionen antworten, die das Leben nicht so sehr bedrohen wie die Vollreaktionen des normalen Tieres. Beim Hunde bleiben in der Narkose die Brechbewegungen, die Krämpfe, die Harn- und Kotentleerung aus, während die Blutdrucksenkung ungehindert zur Entwickelung kommt (Biedl & Kraus 9). Im Aetherrausch dos Meer- schweinchens ist die anaphylaktische Respirationsstörung nach kleinen Antigen- dosen geringer, die Tiere lassen sich bisweilen künstlich atmen und auf diese Weise retten. Ein ähnliches Verhalten zeigen Meerschweinchen, welche durch intraperitoneale Injektion von Alkohol in tiefen Schlaf versetzt wurden (Biedl & Kraus). Auch mit Chloralhydrat und Chloral-Urethan kann man Meerschweinchen trotz des Sliocks am Leben erhalten, besonders wenn man vorher Adrenalin gibt und künstlidie Respiration mit reinem O durchführt (Anderson & Schultz). Sehr genaue Daten über Chloralhydrat verdanken wir Banzhaf & Famulener; Narkotisiert man sensibilisierte Meerschweinchen mit 75 — 100 mg des Mittels intramuskulär, so sind sie gegen die letale intraperitoneal injizierte Antigen- dosis in 100 Proz. der Fälle g(^chützt, sterben jedoch im akuten Shock, wenn man das Autigen intrakardial einspritzt. Nur das direkt in die Blutbahn gebrachte Chloialhydrat (30 mg oder mehr in dosi refracta) macht die Tiere auch gegen die intrakardiale (75 Proz.) oder intrakranielle Probe (25 Proz.) lefraktär. Es scheinen enge Relationen zwischen der Konzentration der Droge im Blute, der Anligendosis, dem Grad der Uebererapfindlichkeit und der Hohe der Schutz- wirkung zu bestehen. Vielleicht ist es speziell für Meerschweinchen auch von Einfluß, daß Aether, Alkohol, Chloroform und Urethan nach Brodie & DixON in die Gruppe der bronchodilatatorischen Substanzen gehören (Biedl & Kraus). Allergie und Anaphylaxie. 1081 llj Die Röntgenstrahlen (vgl. S. 1018). 12) Die tuberkulöse Infektion. Sensibilisiert man Meerschwein- chen und infiziert sie gleichzeitig mit tuberkulösem Sputum, so ver- tragen sie bei der Probe 5— 20mal mehr Antigen als nicht-tuberkulöse Kontrollen. Die Erscheinung beruht nicht auf Komplementmangel, sondern auf Herabsetzung der Antikörperproduktion (E. Seligmann 2). Größeres Interesse als diese im allgemeinen nur sehr schwachen, kurz andauernden Schutzeffekte der unspezifischen Antagonisten bietet das Phänomen der Antianaphylaxie. AVenn ein anaphylaktisches Tier mit dem homologen Antigen reinjizierc wird, so erleidet es einen Shock ; übersteht es die Erkran- kung., so ist es nunmehr gegen eine neuerliche Antigenzufuhr unem- pfindlich, es ist also nicht mehr anaphylaktisch (Otto 2, Rosenau & Anderson "^ji!, Besredka & SteinhardtI,-). Besredka nannte diesen, dem Shock folgenden Zustand, in dem sich das Tier scheinbar wie ein normales verhält, Antianaphylaxie*). Der Grad der Antianaphylaxie, d. h. der Resistenz gegen das Antigen der Vorbehandlung schwankt innerhalb weiter Grenzen, kann aber ein sehr hoher sein. Man mißt ihn natürlich an den Antigen- dosen, welche das antianaphylaktische Tier ohne Zeichen einer Stö- rung verträgt ; diese tolerierten Antigenmengen können das 200-fache Multiplum (KuMAGAi & Odaira) oder noch mehr von jener Dosis darstellen, die das anaphylaktische Tier innerhalb weniger Minuten töten. Die Antianaphylaxie läßt sich sowohl bei aktiv als bei passiv sensibilisierten Tieren erzeugen (Doerr & Russ-, Bedredka^^^^ Bei aktiv präparierten Meerschweinchen kann man das Antigen zu diesem Zwecke zur Zeit der voll ausgebildeten Ueber- empfindlichkeit oder gegen das Ende der präanapiiylaktischen Periode (Besredka & Steinhardt), nicht aber zu Beginn derselben injizieren. Die Zufuhr des Antigens kann subkutan, intraperitoneal, intra- cerebral, intraspinal (Besredka) oder durch Verfütterung erfolgen (Richet, Besredka, Wells, Grineff). Bei subkutaner und intra- peritonealer Antigenzufuhr scheint man größere Antigendosen an- wenden zu müssen als bei intracerebraler und intravenöser, um aktiv anaphylaktische Meerschweinchen zu desensibilisieren ; im ersten Ealle benötigt man meist 2 — 5 ccm artfremden Serums, im letzteren ge- nügen viel kleinere Dosen, mit denen man sich ja auch meist be- gnügen muß, damit die Tiere nicht im Shock verenden. Die Diffe- renz dürfte auf der trägen und ungleichmäßigen Resorption von subkutan oder intraperitoneal eingespritztem Eiweiß beruhen. Im üb- rigen ist die zur Erreichung voller Antianaphylaxie nötige Antigeu- menge in erster Instanz von dem Grade der bestehenden Ueberemp- findlichkeit abhängig. *) Da es sich um ein Fehlen, um ein Ausbleiben der Anaphylaxie handelt, so wäre es sprachlich vielleicht riclitiger (Citron 1, A. v. Wassermann, Marbe & Rachewski etc.) statt Antianaphylaxie den Ausdrucii Ananaphylaxie zu ge- brauchen. Es ist aber die erste Bezeichnung allgemein eingeführt und das Grundwort Anaphylaxie schon an sich eine etymologisch falsche Bildung. 1082 Robert Doerr, Mit Kücksicht auf letzteren Umstand sollte man annehmen, daß die Erzeugung der Antianaphylaxie bei passiv anaphylak tischen Meerschweinchen eine ausgeprägtere Gesetzmäßigkeit erkennen lassen müßte, da ja hier die Ursache der Ueberempfindlichkeit rein humoral und ihr Grad nur von dem einverleibten Antikörper bestimmt ist. Das ist auch der Fall, doch herrschen hier eigentümliche Ver- hältnisse, deren Kenntnis aus den Arbeiten von Doerr & Russ^, Anderson & Frost, Kumagai & Odaira erschlossen werden kann. Anderson & Frost sensibilisierten Meerschweinchen passiv und homolog [mit 3 ccm Autipferdeserum vom Meerscli weinchen J und fanden, daß sich der im Immunserum vorhandene Realitionskörper absättigen ließ, wenn man in vitro ca. Ü,ÜÜ1 ccm Pferdeserum hinzusetzte (3. Methode von Doerr & RüSS s. S. 1014). Mit dem Gemisch injizierte normale Meerschweinchen wurden nicht passiv anaphylaktisch. Fügte man statt homologem heterologes Antigen hinzu, so vermochte 0,1 ccm Eselserum den Antikörper vollständig, 1 ccm Ziegen- und Schweineserum partiell, 1 ccm Menschen-, Kaninchen-, Rinderserura gar nicht ab- zusättigen, die mit dem Geraisch vorbehandelten Tiere wurden überempfindlich. Kleinere Dosen als 0,(J01 ccm Pferdeserum schwächten den Reaktionskörper partiell ab, es entstand ein verminderter Grad von Anaphylaxie (Doerr & Russ). In- jizierten Anderson & Frost zuerst 0,01 ccm Pferdeserum, hierauf in steigenden Intervallen 3 ccm Antiserura, so ließ sich eine passive Sensibilisierung nur dann verhüten, wenn das Intervall nicht mehr als 12 Std. betrug; "injizierten sie zuerst das Immunserum und dann 0,01 ccm Antigen, so blieb die passive Anaphylaxie nur aus, wenn zwischen beiden Operationen nicht mehr als 6 Stunden vergingen. Bei den stärker präparierenden Immunsera vom Kaninchen braucht man mehr Antigen, um den Antikörper in vitro abzusättigen (Doerr & Russ); Doerr & Russ mußten zu 1 ccm Antiserum 0,005 — 0,04 ccm des korrespondieren- den Serumantigens zufügen, damit die Meerschweinchen durch intraperitoneale Einspritzung der Geraische nicht mehr passiv anaphylaktisch wurden. Jedenfalls waren aber die neutralisierenden Antigenmengen auffallend klein und stets er- heblich geringer, als die Antigenmenge, die bei mit 1 ccm Immunserum prä- parierten Tieren tödlich wirkte. Kumagai & Odaira erzeugten bei Meer- schweinchen passive Anaphylaxie durch 0,4 ccm Antiserum vom Kaninchen und injizierten 24 Stunden später die intravenös tödliche Antigen- dosis iutraperitoneal: nach weiteren 24 Stunden waren die Meerschweinchen gegen ein 200-faches Multiplum Antigen auch von der Blutbahn aus refraktär. Sind auch diese Angaben lückenhaft, so gestatten sie doch den Schluß, daß genau wie bei den Antitoxinen die Neutralisation des Antikörpers am besten und mit den kleinsten Antigenmengen in vitro gelingt, daß sie aber im Tierkörper schwerer ist und um so größere Antigenquanten erfordert, je größer das Intervall zwischen der Zu- fuhr von Antigen und Antikörper wird ; dabei erscheint es gleich- gültig, ob man das Antigen oder den Antikörper zuerst einspritzt. Im letzteren Falle muß man annehmen, daß der präventiv injizierte Antikörper im Organismus entweder verändert oder gebunden oder dem Einflüsse des Antigens partiell entzogen wird; denn sonst ist nicht einzusehen, warum die Tiere passiv anaphylaktisch werden, trotzdem man ihnen 6 Stunden nach dem Antikörper lOmal mehr Antigen zuführt, als im Gemischtversuch zur Neutralisation, d. h. zur Verhütung der Anaph}'iaxie, ausgereicht hätte. Daß der Grad der Antianaphylaxie beim Meerschweinchen von der Intensität des Shocks abhängt, den es bei der desensibilisierenden Antigenzufuhr erleidet (Bessau), dürfte kaum auf Richtigkeit be- ruhen. Doerr sah wiederholt bei aktiv oder passiv präparierten Tieren, welche an zwei aufeinanderfolgenden Tagen intravenöse Antigeninjektionen erhielten, schwersten Shock, der bei der zweiten Einspritzung tödlich enden konnte. Eine Allergie und Anaphylaxie. 1083 gleiche Beobachtung machte Netter am Menschen. Ein 6-jähriges Kind, das schon früher Pferdeserum bekommen hatte, sollte mit Diphtherieserum injiziert werden, und erhielt zunächst, um Autianaphylaxie herbeizuführen, 2 ccm, am nächsten Tage 10 ccm Serum subkutan; beidemale trat ein höchst bedenklicher Shock eui. Andererseits ist es bekannt, daß man bei anaphylaktischeii Menschen und Tieren durch fraktionierte oder protrahierte Antigeninjektion eine völlige Antianaplndaxie bei Vermeidung aller Symptome erreichen kann. Es dauert nur sehr kurze Zeit nach der Antige ii - reinjektion, bis sich der refraktäre Zustand, die Anti- anaphylaxie, einstellt; nach intraperitonealer Zufuhr l^/g — 2 Stunden (Besredka), nach subkutaner länger, nach intracerebraler oder intravenöser geschieht dies fast momentan (Besredka & Stein- HARDT, MaNAVARIXgI q^ ^/j Von dieser Regel macht nur die Autianaphylaxie durch Antigen- verfütterung eine Ausnahme, die sich aus begreiflichen Gründen viel später einstellt als die parenteral bewerkstelligte (Besredka). Das momentane Zustandekommen der Autianaphylaxie bei endo- venöser Antigenzufulir ermöglicht es, einem anapliylaktischen Tiere tödliche Antigendosen oder Multipla derselben ohne Schaden in die Zirkulation zu bringen, wenn man die Gesamtmenge nicht auf ein- mal, sondern fraktioniert in kurzen Zeitabständen einspritzt (Methode des doses subintrantes von Besredka); es entsteht auf diese Art sehr rasch ein Zustand kompletter Autianaphylaxie. Dieses Ziel läßt sich (wie Doerr in einer Kritik des Verfahrens von Besredka voraus- gesagt hat) auch erreichen, wenn man das Antigen intravenös, aber nicht fraktioniert, sondern protrahiert injiziert, wie aus späteren Ver- suchen von Friedberger & Mita hervorgeht. Es ist nicht ohne Interesse, daß die verschiedensten Gifte, nicht nur ,,Anaphylatoxine", Wittepepton, toxische Xormalsera (W. H. Schultz) etc., sondern auch giftige Harne (Esch, Mauthner), Alkaloide etc. l3ei intra- venöser Zufuhr besser vertragen werden, wenn man bei gleicher Dosis langsamer einspritzt, oder, was dasselbe ist, die Lösungen stark diluiert. Das Phänomen der Autianaphylaxie scheint bei allen Tierarten, die anaphylaktisch werden können, vorzukommen und besteht zweifellos auch beim Menschen. Die früheren Behauptungen, daß die Autiana- phylaxie beim Kaninchen nicht auftritt (Friedemann ^^ Pick & Ya- manouchi, YamanouchiI), entsprechen nicht den Tatsachen (Scott, Friedberger & Gröber). Wohl aber bestehen Unterschiede zwischen den einzelnen Species in anderer Hinsicht. Die Dauer der Autianaphylaxie ist nämlich beim Kanin- chen nur gering, sie beträgt 3 — 4 Tage nach dem Ueberstehen des Shocks, am 5. Tage erscheint wieder die Hypersensibilität und er- reicht am 7. Tage ihr Maximum (Scott). Aktiv präparierte Meer- schweinchen dagegen, die mit sehr großen Antigendosen intraperi- toneal injiziert wurden, können sehr lange im antianaphylak- tischen Zustande verharren (Otto, Besredka, Rosenau & Anderson, Gay & Southard, Pfeiffer & Mita, Anderson & Frost) ; doch zeigen sich schon am 17. Tage bisweilen Spuren zurück- kehrender Anaphylaxie, die dann allmählich zunimmt, jedoch erst nach Wochen, Monaten oder Jahren wieder maximal wird (Otto, Anderson & Schultz). Worauf dieses Verhalten der Meerschweinchen beruht, ist schwer zu sagen. Sicher ist nur, daß der anaphylaktische Antikörper im Blute der Meerschwein- 1084 Robert Doerr, chen nur in den letzten Stadien des Shocks und kurze Zeit nachher fehlt. Nach einigen Tagen (längstens 17 Tagen) tritt er wieder auf und kann sehr lange (bis zu 450 Tagen und darüber) in größeren Mengen im Blute nachweisbar sein, trotzdem die Tiere selbst sehr wenig gegen Antigen empfindlich sind (Otto, KoSENAü & Anderson", Anderson & Frost). Die antianaphylaktisclie Periode läßc sich beim Aleerschweinclieii nicht abkürzen, wenn man während derselben kleine Antigendosen injiziert, etwa in der Absicht, die Tiere frisch zu sensibilisieren (Otto 2); wohl aber kann man sie beliebig verlängern, wenn man neuerlich große Antigenmengen zuführt. Ebenso läßt sich beim Meerschweinchen von vorneherein lange dauernde Antianaphylaxie erzielen, oder richtiger, der Eintritt der Anaphylaxie für geraume Zeit (viele Monate nach Rosenau & Anderson) verhindern, wenn man in kurzen Intervallen, z, B. täglich, 2 — 5 ccm Pferdeserum intra- peritoneal injiziert (Otto, Rosenau & Anderson, Besredka & Stein- HARDT, W. H. Schultz, Nadejde). Manche Autoren bezeichnen das letztere Verfahren als ,, Immunisieren gegen Pferdeserum resp. gegen irgendein Eiweißantigen" und stellen es in Gegensatz zum Sensi- bilisieren mit einer einzigen kleineren Dosis, was aber zu Mißverständ- nissen führen kann. Nach wiederholten intravenösen Injektionen in kurzen Abständen bleiben Meerschweinchen nicht unempfindlich, sondern gehen bei der 3. Injektion oder später akut oder protrahiert ein (Friedberger & Burckhardt). Vielleicht waren in diesen Versuchen die Antigenmengen zu klein oder die Intervalle zu groß; möglicherweise ist auch die Applikationsmethode an dem Hervortreten der Ueberempfindlichkeit schuld. Die Antianaphylaxie beruht in erster Instanz auf der Absätti- gung des anaphylaktischen Reaktionskörpers durch das zugeführte Antigen (Friedberger i). Daher versciiwindet der Re- aktionskörper im Shock; auch ist aus diesem Grunde der Grad der xlntianaphylaxie abhängig von der Menge des eingespritzten Anti- gens (Doerr & Russ^, Anderson & Frost). Injiziert man nur w^enig Antigen, so bleibt ein Rest von Antikörper bestehen, dem ein redu- zierter Grad von Anaphylaxie entspricht, der dann bei weiterer Antigenzufuhr in Erscheinung tritt. Der Reaktionskörper läßt sich demgemäß ,,refracta dosi" mit Antigen absättigen (Friedberger^) und auf dieser Tatsache beruhen ja die verschiedenen Methoden, eine voll ausgeprägte Anaphylaxie unter Vermeidung des Shocks in Antianaphy- laxie zu konvertieren. Ob man das Antigen in kleinen Einzeldosen (Besredka), in möglichst diluiertem Zustande oder auch sehr langsam zuführt (Friedberger & Mita), ob man zunächst ein durch Erhitzen abgeschwächtes Antigen (Vaccin de Besredka) und dann erst voll- wirksames einspritzt, ob man der bedrohlichen intravenösen oder intra- spinalen Injektion eine relativ ungefährliche subkutane vorangehen läßt, stets handelt es sich um dasselbe Prinzip der präventiven partiellen oder totalen Neutralisation des anaphylaktischen Antikörpers auf eine tunlichst blande ArtK In der Veterinärpraxis und im Tierexperiment, zum Teil wohl auch beim Menschen haben sich die diversen, besonders von I^esredka und seinen Mit- arbeitern angegebenen Verfahren zur Erzeugung von Antianaphylaxie resp. zur Verhütung akut anaphylaktischer Anfälle als brauchbar bewährt (Besredka & LissoFSKYi, Stanculeanu & Nita, Alexaxdrescu & CiucA, CucA, Gas- PERi, Cruveilhieri, Briot & DoPTER, Banzhaf & Steinhardt^, Moxgour, LissowsKAjA, Grineff, Marbe & Rachewski, Rosanow). Beim Menschen scheinen sie manchmal zu versagen, und zwar in doppelter Richtung : einmal Allergie und Anaphylaxie. 1085 bleibt die schützende Einspritzung selbst kleiner Mengen z. B. 1 — 2 ccm subkutan nicht ohne unangenehme Folgen (Netter), andererseits verhütet sie nicht immer, daü sich nicht nach 24 Stunden nach einer größeren Quantität neuerlich be- drohliche Symptome entwickeln (Netter, Grysez & Dupuich). Zweifellos ist aber der Verbrauch des Antikörpers nicht die einzige Ursache des refraktären Zustandes, der sich unmittelbar nach dem Abklingen des Shocks einstellt. Das ergibt sich schon aus der Tatsache, daß man einen ähnlichen Zustand bei aktiv oder passiv präparierten Tieren auch durch verschiedene aspezifisclie Eingriffe herbeiführen kann, z. B. durch eine Intoxikation mit Wittepepton (Biedl & Kraus, H. Pfeiffer, H. Pfeiffer & Mita, KuMAGAi & Odaira, Bessau), durch Guanidinchlorid (v. d. Heyde), und daß andererseits das Ueberstehen des anaphylaktischen Shocks gegen die Injektion von Wittepepton, gegen Guanidinchlorid (v. d. Heyde), gegen giftigen Harn (Esch) und manche andere Noxen schützt. Daraus läßt sich im vorhinein schließen, daß der Ablauf eines anaphylaktischen Shocks bis zu einem gewissen Grade das Zu- standekommen eines zweiten Shocks oder eines damit verwandten Pro- zesses beeinträchtigen dürfte, auch wenn für die neuerliche Reaktion Antikörper disponibel sind. Es existiert eine ganze Reihe von Beob- achtungen, welche die Richtigkeit dieser Vermutung beweisen. Manwaring machte einen Hund durch Ueberleiten von antikörperhaltigem Blut passiv anaphylaktiscn gegen Pferdeserum, injizierte hierauf Pferdeserum und ließ den Shock ablaufen. Sodann ersetzte er das gesamte Blut dieses Hundes durch normales und dieses wieder durch antikörperhaltiges, konnte aber nunmehr durch Antigeninjektion keinen Shock auslösen. — Injiziert man einem normalen Meerschweinchen ein wirksames Gemisch von Pferde- und Antipferdeserum zweimal hintereinander, so reagiert es das zweite Mal nicht (Kraus & Biedl j, obwohl hier die Ursache nicht in einem Manko an Anti- körper gelegen sein kann. — Pfeiffer & Mita fanden nach dem anaphylak- tischen Shock herabgesetzte Empfindlichkeit für aktives toxisches Rinderserum. — Ruft man bei einem Meerschweinchen einen schweren Shock durch intra- venöse Injektion eines Meerschweinchenpräzipitins vom Kaninchen hervor, so wird es gegen eine nochmalige Wiederholung des Eingriffes resistent (Uhlen- huth & HANDEL). In keinem der genannten Fälle kommt eine Absättigung von Antikörpern in Frage. Diese unspezifischen Herabsetzungen der Reaktionsfähigkeit des Organismus durch den anaphylaktischen Shock erinnern in vielfacher Hinsicht an die bekannte Peptonimmunität oder an die Erhöhung der Resistenz, die man durch intravenöse Injektion wässeriger Organ- extrakte herbeiführen kann. Ihre Erklärung ist zurzeit unsicher. Da die Wirkung von Wittepepton und der anaphylaktische Shock Ant- agonisten sind, so könnte man die unspezifische Resistenzsteigerung durch ana- phylaktische Prozesse der Peptoninmiunität gleichstellen. Wenn die Pepton- vergiftung und der Shock auf gleichsinnigen physikalischen Veränderungen, des Blutes oder Zellplasmas beruhen, wäre es möglich, daß nach einmaligem Ablauf derselben die Bedingungen für ein erneutes Zustandekommen fehlen, vielleicht infolge des Verbrauches bestimmter Stoffe oder funktioneller Er- schöpfung der reagierenden Apparate, vornehmlich der Leber oder der Kapillar- endothelien (Nolf, Manwaring). Schaltet man die Leber bei einem anaphylak- tischen Hund aus der Zirkulation aus und spritzt dann Antigen ein, so bleibt der Shock aus ; löst man nun die Li^^aturen 2 oder 3 Minuten nach der Antigen- injektion, so tritt gewöhnlich der Öliock ein, dagegen bleibt er aus, wenn das Intervall mehr als 5 Minuten beträgt, woraus man schließen kann, daß das Antigen irgendwie gebunden oder zerstört würde. Doch wirkt in letzterem Falle eine zweite Antigeninjektion shockauslösend, weil die Leber 1086 ROBEKT DOBRR, der ersten Antigendosis entzogen, also für eine zweite Reaktion intakt war (Manwaring). Ferner wäre es möglich, daß sicli im Shock hemmende Stoffe im Blute oder in den Geweben bilden, welche das erneute Entstehen der für die Reaktion des Körpers nötigen Vorgänge verhindern (Friedemann). MODRAKOVVSKI gibt au, daß Hunde in jener Phase des anaphylaktischea Shocks, in welcher die Blutdrucksenkung und die Inkoagulabüität des Blutes ihr Maximum erreichen, für Antigen noch empfindlich sind und daß der re- fraktäre Zustand sich erst mit der wiederkehrenden Blutgerinnbarkeit einstellt. Andere Autoren, vornehmlich DE Waele, Nolf u. a., welche das Wesen anaphylaktischer Prozesse in der thromboplastischen Wirkung der Proteine sehen, identifizieren dagegen die Phase der Ungerinnbarkeit des Blutes (der Anti- thrombin-Sekretion) mit der Antianaphylaxie oder genauer ausgedrückt mit dem Zustande unspezifischer Resistenzerhöhung, der dem Shock unmittelbar nachfolgt. Wie man aus diesen Ausführungen ersieht, setzt sich der Zustand, in dem sich das Tier nach dem Ueberstehen eines anaphylaktischen Shocks befindet, aus zwei Komponenten zusammen: 1) der Anti- anaphylaxie im engeren Sinne, die durch Antikörperabsättigung, d. h. durch einen streng spezifischen Vorgang zustande kommt und daher gleichfalls spezifisch sein muß, und 2) einer unspezifischen Resistenz- erhöhung, die eine neuerliche anaphylaktische Reaktion oder auch andere shockartig verlaufende Vergiftungen (Peptonshock, Harnshock u. dgl.) abschwächt. Daher treffen wir in der Literatur zunächst die Angabe, daß die Anti- anaphylaxie spezifisch ist d. h. daß anaphylaktische Tiere nur durch Zufuhr des homologen Antigens refraktär werden ; injiziert man ihnen statt des homologen ein heterologes Antigen, so bleiben sie auaphylaktisch, verwendet man ein nahe verwandtes, so resultiert ein verminderter Grad von Ueberempfindlichkeit (partielle Antianaphylaxie) für das homologe. Dementsprechend sehen wir die Prüfung der Antianaphylaxie wiederholt mit Erfolg benutzt, um die Identität, die größere oder geringere Verwandtschaft oder die Verschiedenheit von Eiweiß- körpern zu erweisen ; es haben sich sogar auf diesem Wege manche schwierigere Probleme der Eiweißdifferenzierung lösen lassen (Doerr & Russ, H. Pfeiffer & Mita, Anderson & Frost, Wells, Uhlenhuth & Händel-, Krusius, Yamanouchi, Besredka, Thomsen, Kraus & Doerr u. v. a.). Otto, H. Pfeiffer, Calvary und in neuerer Zeit Bessau haben die Anti- anaphylaxie wieder als einen unspezifischen Zustand aufgefaßt, der nach Dessau nicht auf einer Neutralisation von Antikörpern, also auf einer „negativen Phase", sondern darauf beruhen soll, daß die Reaktionsfähigkeit des Organis- mus gegen anaphylaktisches Gift durch die einmalige Einwirkung desselben herabgesetzt wird. Veranlassung hierzu gaben vor allem die Erfahrungen über die Ant- agonisten des anaphylaktischen Shocks (s. daselbst), zu welchen Keysser und M. Wassermann auch anorganische Stoffe (Kaolin) zählen. Ferner konnten H. Pfeiffer & Mita i mit Pferdeserum präparierte Meerschweinchen durch Injektion von Schweineserum, Calvary ^ gegen Pferdeserum sensibilisierte Hunde durch Rinderserum gegen die Reinjektion des homologen Antigens resistent machen. Allerdings mußte in diesen Versuchen 60 — lOümal mehr heterologes Serum injiziert werden als von homologem zur Erzeugung einer Antianaphylaxie nötig gewesen wäre. Bessau endlich präparierte Meerschweinchen mit 2 Antigenen gleichzeitig, indem er an 2 Stellen des Körpers je 0,5 ccm Pferde- resp. Rinderserum sub- kutan injizierte. 14 — 16 Tage später reinjizierte er das eine Antigen (Rinder- serum) und zwar 0,05 ccm intravenös oder 1,0 ccm intraperitoneal und prüfte nach weiteren 24 Stunden die Antianaphylaxie durch abermalige Injektion von 0,5 ccm Pferde- oder Rinderserum intravenös. Es zeigten sich die gemischt prä- parierten Meerschweinchen, die einen durch Rinderserum bedingten Shock durch- gemacht hatten, gegen Pferdeserum ebenso geschützt wie gegen Rinderserum, allerdings auch gegen letzteres nur unvollkommen, besonders bei den intravenös desensibilisierten Tieren. Daraus ergab sich für Bessau die Folgerung, daß die Antianaphylaxie nicht darauf beruhen kann, daß sich wegen mangelnder Anti- körper kein anaphylaktisches Gift bildet, sondern daß sie durch die Reaktions- Allergie und Anaphylaxie. 1087 Unfähigkeit des Körpers gegen dieses Gift erklärt werden muß. Um dies noch stringenter zu erweisen, injizierte Bessau Meerschweinchen, die einen anaphylak- tisctien Shock überstanden hatte, ein „Anaphylatoxin" aus Typhusbacillen und fand die Tiere geschützt, wenn das Intervall nur 1 — 2 Tage betrug, nach 5 Tagen allerdings nicht mehr. Da es sich im Anaphylatoxin um ein ,, fertiges Gift" han- delt, welches in vitro hergestellt wird, so kann die Resistenz gegen dasselbe nicht auf das Fehlen von Antikörpern infolge vorausgegangener Absättigung zurück- geführt werden. Es ist das Verdienst von Friedberger (und seinen Mitarbeitern), diese Frage einer Entscheidung nähergebracht zu haben. Er verwies darauf, daß sich die spezifische Antianaphylaxie und die aspezifische Resistenz in wichtigen Punkten unterscheiden, vor allem durch ihre Dauer und ihren Grad. Die Antianaphylaxie besitzt eine erhebliche Dauer — wenigstens beim Meerschweinchen — und ist so hoch- gradig, daß das Tier das 100 — 200-fache Multiplum der sonst töd- lichen Antigendosis verträgt; die Resistenzerhöhung verschwindet nach kurzer Zeit und ist so schwach ausgeprägt, daß gerade nur die letale Dosis oder höchstens ein 2 — 4-faches Multiplum derselben injiziert werden kann, ohne schwerere Störungen zu erhalten. Durch richtige Wahl der quantitativen und eventuell der zeitlichen Bedingungen hat man es daher in der Hand, die aspezifischen Einflüsse in den Hinter- grund zu drängen und die Bedeutung der spezifischen Antikörper- neutralisation deutlich hervortreten zu lassen. SzYMAXOWSKY präparierte gleich Bessau Meerschweinchen mit zwei Anti- genen (je 0,02 ccmj und reinjizierte dann untertödliche Dosen des einen Antigens; gegen dieses wurden die Tiere absolut refraktär und vertrugen nach 24 Stunden beHebige Dosen, gegen das zweite erwiesen sie sich nur wenig resistent und ver- endeten bereits akut, wenn man die sicher tödliche Menge nur um weniges über- schritt. Das gleiche Verhalten boten Meerschweinchen, welche passiv gegen 2 Antigene präpariert und mit einem derselben desensibilisiert waren (Kumagai & Odaira) ; auch hier war die Antianaphylaxie nur gegen dieses Antigen gerichtet, gegen das andere bestand nur ein minimaler Schutz. Der anaphylaktische Shock erhöht auch die Resistenz gegen die Intoxikation mit Wittepepton oder gegen die Injektion der Anaphylatoxine Friedbergers nur in so geringem Grade, daß von einem Vergleiche mit homologer Antianaphylaxie (Biedl & Kraus) nicht die Rede sein kann (Kumagai & Odaira, Ritz & Sachs, Lurä); des- gleichen schützen die genannten Vorgänge nicht gegen die Reinjektion von Antigen beim anaphylaktischen Tiere, wenn man die sicher letale Dosis nur einigermaßen überschreitet. Lurä untersuchte auch, ob bei normalen Meerschweinchen, die mit sub- letalen Dosen von Anaphylatoxin behandelt waren, ein Schutz gegen eine In- jektion von tödlichen Mengen eines gleichartigen (homologen) oder aus einem anderen Material hergestellten (heterologen) Anaphylatoxins wahrzunehmen ist und verneint diese Frage; die vorbehandelten Tiere waren nach 24 Stunden so empfänglich wie normale. Eine kurz dauernde Erhöhung der Resistenz dürfte indes auch hier vorkommen (Friedberger. Bessau, Sachs & Ritz). Endlich schützt auch Wittepepton oder ß-Imidazolyläthylamin nicht nennenswert gegen Anaphylatoxin und umgekehrt (Lurä, Sachs & Ritz). Durch diese Abtrennung einer aspezifischen, kurzdauernden und geringgradigen Resistenz von der spezifischen, langwährenden und bis zur absoluten Unempfindlichkeit steigerungsfähigen Antianaphy- laxie werden viele Phänomene klarer und durchsichtiger. Eine Lücke aber bleibt offen : das ist die Tatsache, daß Meerschweinchen, die durch große Dosen Antigen antianaphylaktisch wurden, monate-, ja jahrelang unempfindlich bleiben, trotzdem ihr Blut relativ kurze Zeit nach dem Shock antikörperhaltig wird, und zwar in solchem Grade, daß einige Kubikzentimeter genügen, um ein normales Meerschweinchen passiv 1088 Robert Doebr, hochgradig anaph3-laktisch zu macheu. Um die aspezifische Resi- steuz kanu es sich bei der langeu Dauer des refraktäi'en Zustandes nicht handeln. Man wäre, hier versucht, an eine verminderte Reaktionsfähigkeit der Ge- webe, insbesondere der glatten Muskelfasern zu denken, die ja beim Shock der Meerschweinehen eine so große Rolle spielen. W. H. Schultz hat nun die Reaktionsfähigkeit ausgeschnittener glatter Muskeln von antianaphylaktischen Meerschweinchen untersucht und gefunden, daß sie sich meist so verhält wie beim normalen Tier. In anderen Fällen reagierte aber der Muskel des anti- anaphylaktischen Meerschweinchens wie der eines überempfindlichen, und zwar bisweilen dann, wenn die Desensibilisierung unter milden Symptomen erfolgt war, regelmäßig aber, wenn der unempfindliche Zustand durch wiederholte In- jektionen großer Antigendosen in kurzen Intervallen hervorgerufen wurde. Diese interessanten Experimente bedürfen allerdings einer Ergänzung z. B. in der Richtung, wie sich Antikörpergehalt des Blutes, Reaktionsfähigkeit der Muskeln und des ganzen Tieres zueinander verhalten. Vorläufig kann man nicht sagen, ob der Hemmungsmechanismus, der die langdauernde Antianaphylaxie bei zirku- lierendem Antikörper bedingt, in den glatten Muskeln seinen Sitz hat. ScHiTTENHELM, der ganz auf dem Boden der Hypothese von der Ent- stehung des Shocks durch parenteralen Eiweißabbau steht, hält es, wie früher schon Weichardt, für wahrscheinlich, daß sich Antitoxine gegen jene sup- ponierten toxischen und höhermolekularen Spaltprodukte bilderi können, welche die Ursache des Shocks sein sollen ; er faßt also die Antianaphylaxie als anti- toxische Immunität gegen das „anaphylaktische Gift" auf. Das vorliegende Tat- sachenmaterial läßt diese Auffassung; nicht als haltbar erscheinen. Antisenrnianaphylaxie. a) Normalsera. Gewisse Xormalsera besitzen die Fähigkeit, die Erythrocyten anderer Species in vitro zu lösen, jedoch meist nur in frischem, kom- plementhaltigem Zustande (Rinder-, Schweine-, Ziegenserum). Inji- ziert man solche Sera jenem Tiere, dessen Blutkörperclien sie an- greifen, so entstehen akute Symptome, welche, wie Kraus, Doerr & MoLDovAX 3 hervorhoben, den anaphylaktischen ähneln ; es treten Krämpfe, Dyspnoe, Asphyxie, Zyanose, plötzlicher Exitus auf, wie die Erfahrungen bei der Transfusion (Landois) und die Experimente von Uhlexhuthi und Pfeiffer-, ^ schon frühzeitig gelehrt haben. Dieses Krankheitsbild entwickelt sich beim Meerschweinchen nach intraperitonealer Einspritzung größerer oder nach intravenöser In- jektion kleinerer Mengen von aktivem Rinder-, Schweine- oder Men- schenserum (Uhlexhuth & HaexdelI); erfolgt die Applikation eines solchen Normalserums subkutan, so bilden sich Infiltrate aus. die in Nekrose und Ulzeration übergehen (Uhlexhuth, Pfeiffer), aJso ähnliche Lokalwirkungen wie nach wiederholter Injektion von primär unschädlichem Pferdeserura beim Kaninchen, Meerschwein- chen oder Menschen. Erhitzt man solche toxische Normalsera auf 56 — 60 ^ C oder läßt man dieselben in sterilem Zustande längere Zeit stehen, so nimmt ihre Giftigkeit ab. Im allgemeinen hat es den Anschein, als ob die Ee- sistenz des giftigen Faktors der des betreffenden Serumkomplementes entsprechen würde ; im einzelnen ergaben sich mehrfache Differenzen (Uhlexhuth & Haexdel, Doerr & Moldovax, H. Pfeiffer). Durch Adsorption unverdünnter toxischer Sera z. B. ßinderserum mit Kaolin wird die Toxizität reduziert "(Friedberger & Szymaxowski, eigene Allergie und Anaphylaxie. 1089 Versuche); gleichzeitig schwindet das Komplement, während die hämolytischen Normalambozeptoren erhalten bleiben (Friedberger & Saalecker). Im Tiere ruft die Injektion toxischer Normalsera Koraplementverminde- ruag hervor, wie das für Riuder- und Hundeserum am Meerschweinchen (TsuRU, DoERR & MoLDOVAN, Markoff, Loewit & Bayer, Busson & Takahashi), für Ziegenserum am Kaninchen (Zinsser) festgestellt wurde. Dieser Kom- plementschwund ist oft sehr bedeutend und theoretisch interessant, da manche der in Betracht kommenden Normalambozeptoren in vitro durch Meerschwein- chenkomplement nicht aktiviert werden, besonders wenn Meerschweinchenerythro- oyten als Antigen fungieren; auch steht die Intensität des Komplementverbrauches iu vivo zu der geringen vitro-Wirkung resp. Menge von Normalambozeptoren nicht im Verhältnis. Es ist das ein weiterer Beweis, daß Komplementverbrauch nicht immer als Ausdruck einer Antigen-Antikörperreaktion gelten darf. Die Symptome der Intoxikation mit Normalserum gleichen, wie bereits erwähnt, den Erscheinungen der typischen Anaphylaxie ; auch den Temperatursturz (Zinsser J, sowie die vermehrte Harntoxizität bei protrahierter Wirkung (intraperitoneale Injektion) hat man festgestellt (H. Pfeiffer). Nur sieht man zweifellos un- gleich häufiger, als das bei aktiver oder passiver Anaphylaxie der Fall ist, daß aus Maul und Nüstern der Tiere reichlicher, blutiger Schaum tritt als Ausdruck eines rasch (innerhalb weniger Minuten) auftretenden Lungenödems. Die Lungen akut verendeter Meerschweinchen sind balloniert, oft ekchymosiert, diffus oder fleckig gerötet und ödematös (Biedl & Kraus, Karsner); im Herzen und in den großen Gefäßstämmen begegnet man häufig intravital entstandenen Thromben (Kraus und seine Mitarbeiter). Doch beobachtet man auch nach toxischen Normalsera blasse, nicht ödematöse, stark geblähte Lungen und verzögerte Ge- rinnbarkeit des flüssigen Blutes, so daß durchgreifende Unterschiede gegen- über der Anaphylaxie in dieser Beziehung nicht existieren (Graetz, Doerr & MoLDOVAN, Gesa Bianchi, Moreschi, Friedberger). Die tödliche Dosis toxischer Normalsera variiert innerhalb weiter Grenzen. Sie hängt ab: 1) von der Art und vom Alter (Uhlenhüth & Haendel, Doerr e^- Weinfurter^), vielleicht auch von der Indi- vidualität des serumspendenden Tieres ; 2) von der Zeit, welche zwi- schen Blutentnahme und Toxizitätsprüfung verstreicht; 3) von der Art des Tieres, dem das Serum injiziert wird; 4) von der Applikations- methode. Im allgemeinen sind die tödlichen Mengen groß (0,5 — -2,0 ccm Rinderserum für ein Meerschweinchen von 250 g, von Menschen- serum noch mehr) ; nur Aalserum tötet in Dosen von 0,01 — 0,02 ccm intravenös oder intracerebral innerhalb weniger Minuten (Doerr & Raubitschek). Für mittelgroße Kaninchen sind 2 — 5 ccm frisches Ziegenserum tödlich. Ein Antagonismus des Atropius gegen die Wirkung giftiger Normalsera wird von einzelnen Autoren (Zinsser, Auer, Biedl & Kraus) bestritten, von an- deren (Friedberger, Doerr & Moldovan, Mita^) zugegeben, allerdings nur in dem beschränkten Ausmaß, wie es auch bei der Anaphylaxie zu beobachten ist. Subletale Dosen toxischer Normalsera schützen gegen letale; die Schutz- wirkung ist aber gering, versagt, wenn man die knapp tödlichen Mengen über- schreitet und hält sich demnach im Rahmen einer kurzdauernden Kesistenz- erhöhung. Bis zu dieser Grenze beeinträchtigen auch Vergiftungen mit Normal- serum einen folgenden anaphylaktischen Shock (H. Pfeiffer). Da im allgemeinen jene Sera toxisch sind, welche die Erythro- cyten des Empfängers in vitro lösen, so lag es nahe, beide Erschei- nungen miteinander in Konnex zu bringen. Nun wird das lytische Vermögen der Normalsera durch Erwärmen auf 56 — 60° C aufge- hoben und läßt sich meist durch Zusatz von frischem Normalserum anderer Tiere nicht reaktivieren; wie bekannt erklärt man das so, daß die Normalhämolysine aus einem thermostabilen Ambozeptor und Handbuch der pathogenen Mikroorganismen. 2. Aufl. II. 69 1090 ROBEET DOERR, einem tliermolabilen Komplement bestehen und daß zum "Ambozeptor meist nur das Komplement desselben, nicht aber das anderer Tiere paßt. Die Toxizität der Normalsera wird ebenfalls durch 56 — 60 ^ zerstört, regeneriert sich weder im Organismus noch in vitro durch die Einwirkung eines anderen Normalserums und es haben daher schon E. Pfeiffer sowie später Uhlenhuth & Haendel dieselbe als ein Ambozeptor-Komplementphänomen aufgefaßt. Unter dem Einfluß der von Friedberger entwickelten Theorie über die Genese des anaphylaktischen Shocks haben dann Doerr^, Doerr & MoLDOvAN die Giftwirkung frischen Rinderserums, sowie die ähnlichen Effekte aller cytolytischen Normalsera zu den ana- phylaktischen Prozessen gerechnet. Doerr stellte sich vor, daß die Abweichung von der typischen Versuchsanordnung nur darin besteht, daß hier das Anti_gen in Form der Erythrocyten schon im Körper des Tieres vorhanden ist und daß man einen Normalambozeptor samt dem passenden Komplement einführt, wodurch die Bedingungen für das Zustandekommen des Shocks im Sinne der Lehre von der Bedeutung des Komplementes erfüllt wären. Da eine Erythrocytenanaphylaxie tatsächlich existiert und die Identität des dabei fungierenden Anti- körpers mit dem hämolytischen höchstwahrscheinlich ist, so war es nur eine logische Konsequenz, die Wirkungen der cytotoxischen Nor- malsera als Anaphylaxie zu bezeichnen, eine Ansicht, der sich auch Graetz, Gasbarrini, Markoff, Friedemann anschlössen. In letzter Zeit ist aber die Rolle des Komplementes bei der Ana- phylaxie sehr zweifelhaft geworden und es haben sich außerdem manche Einzelheiten ergeben, welche der Deutung von Doerr zu- wider laufen. ZiNSSER studierte die Toxizität des frischen Ziegeiiseruras für Kaninciien (letale Dosis intravenös 2 — 5 ccra). Er fand, daß Aether und Atropin keine Schutz Wirkung entfalten, konnte keine Antianaphylaxie konstatieren (eine ge- ringe Schutzwirkung ist doch vorhanden), beobachtete aber Konaplementver- minderung, Temperatursturz und Lungenblähung. Zinsser hält es nicht für aus- geschlossen, daß es sich um einen anaphylaktischen Prozeß handelt, erachtet aber die bisherigen Beweise nicht als ausreichend. Eine intravaskuläre Häm- agglutination als Ursache der Symptome läßt Zinsser nicht gelten, da inaktives, hänuxgglutinierendes Ziegenserum ungiftig ist. Ueber den Träger der Gift- wirkung konnte der Autor nicht ins Klare kommen ; mit dem hämolytischen Normalambozeptor will er ihn nicht identifizieren, da inaktives Ziegenserum in vitro durch Meerschweinchenkomplement zum Hämolysin reaktiviert wird, seine Giftigkeit aber nicht wiedererlangt. Auch bleibt Ziegenserum toxisch, wenn man es auf überschüssige Kaninchenerythrocyten einwirken läßt und letztere wieder abzentrifugiert. Zinsser neigt daher der Auffassung zu, daß das Gift ein gegen Kanincheneiweiß gerichtetes Albuminolysin im Sinne von Nicolle darstellt. Beim Aalserum besteht ferner kein Parallelismus zwischen der lytischen Wirkung auf die Erythrocyten und der Toxizität für das betreffende Tier ; Katze und Murmeltier sind gegen das Aalgift äußerst empfindlich, viel empfindlicher als das Kaninchen, trotzdem die Blutkörperchen der ersten beiden Arten im Reagenzglase erst durch hohe Konzentrationen, die des Kaninchens schon durch die stärksten Verdünnungen von» Ichthyotoxin gelöst werden (Camus & Gley). Es ist ja außerdem selir fraglich, ob die hämolytische Wirkung des Aalserums komplex ist, auf Normalambozeptor und Komplement beruht (Camus & Gley). Pferdeserum löst bekanntlich weder die Erythrocyten des Menschen noch irgendeiner Tierspecies, wenigstens nicht in nennenswertem Grade. Es müßte daher am besten von allen Serumsorten vertragen werden d. h. die geringsten unmittelbaren Störungen auslösen. Das trifft für den Menschen, das Kaninchen, Meerschweinchen, den Hund tatsächlich zu. Tür die Katze ist Pferdeserura aber keineswegs harmlos; injiziert man Pferdeserum gesunden Katzen intravenös in Dosen von 0,001 — 0,0025 ccm pro Gramm Körpergewicht, so entsteht ein Allergie und Anaphylaxie. 1091 akuter Shock, der bei jungen Tieren in wenigen Minuten zum Exitus führt, während sich ältere erholen. Dabei ist es gleichgültig, ob man frisches oder in- aktiviertes Pferdeserum verwendet (W. H. Schultz). Friedberger ist zwar gleichfalls geneigt, in der Toxizität der Normalsera einen anaphylaktischen Vorgang zu erblicken, erklärt aber die Giftwirkung anders. Er meint, daß alle artfremden Proteine bei parenteraler, speziell intravenöser Einverleibung auf das Normaltier giftig wirken ; dabei soll derselbe Mechanismus eine Rolle spielen, wie beim spezifisch vorbehandelten Tier, nämlich eine fermentative Aufspaltung des eingeführten Antigens durch Normalambozeptoren und Komplement zu toxischen Abbauprodukten, nur daß man beim normalen Tier entsprechend mehr Antigen braucht als beim präpa- rierten. Das Verhältnis der Toxizität für den normalen zu der für den präparierten Organismus soll angeben, um wieviel die Empfindlichkeit gegenüber der Norm durch die Präparierung gestiegen ist und wird anaphylaktischer Index genannt (Friedberger i^, Friedberger S: Mita). Abgesehen davon, daß die Entstehung des anaphylaktischen Shocks durch parenteralen Eiweißabbau unbewiesen ist (Ritz & Sachs, Doerr), lehrt eine kurze Ueberlegung, daß sie, auf die toxischen Normalsera angewendet, zu unhaltbaren Konsequenzen führt. Vor allem wirken die verschiedenen artfremden Sera außerordentlich un- gleich auf normale, annähernd gleich stark auf präparierte Tiere derselben Species. Aalserum ist für normale Meerschweinchen in der Menge von 0,01 ccm akut tödlich, Pferdeserum wird in der Dosis von 5 ccm intravenös glatt ver- trtigen; für das anaphylaktische Meerschweinchen beträgt die Dosis letalis minima beider Sera ca. 0,005 ccm. Erhitzt man toxische Sera auf 56 °, so sind sie für das normale Tier ungiftig, für das sensibilisierte gerade so schädlich wie im nativen Zustande. Es ist daher wohl ausgeschlossen, daß in beiden Fällen ein identischer Abbau artfremden Proteins zu ein und demselben Gift vorliegt. Ferner ist vom Standpunkte Friedbergers nicht einzusehen, warum man beim Normaltier mehr Antigen zuführt; es kann sich ja vom vorbehaudelten nur durch die geringe Menge oder schwache Wirksamkeit der Ambozeptoren unterscheiden und dieser Defekt kann durch Antigenüberschuß nicht gedeckt werden. Sehr einleuchtend werden die Widersprüche, wenn man sie in die mathematische Form des anaphylaktischen Index kleidet. Derselbe würde z. B. für aktives Aalserum beim Meerschweinchen 1 — 2, für inaktives 1000 oder noch mehr betragen; für dasselbe Versuchstier und aktives Hammelserum berechnet er sich auf 100, für inaktives Hammelserum nach einer Tabelle Friedbergers ^'^ auf 30 000 usf. LoEB, Strickler und Tuttle sehen die Todesursache nach intravenöser Injektion frischer, artfremder Blutsera in einer Verstopfung der Lungen- gefäße. Sie unterscheiden auf Grund ihrer mit Hunde- und Rinderserum an Kaninchen angestellten Versuche zwei Typen toxischer Normalsera. Der eine (beim Kaninchen das Hundeserura) löst die Erythrocyten des Empfängers und setzt auf diese Weise gerinnungserregende Stoffe in Freiheit; es bilden sich um die Stromata kleine Fibringerinnsel, welche in Kapillaren stecken bleiben und dort als Gerinnungszentren fungieren, wodurch weitere Fibrinablagerungen veranlaßt werden. So kommt es in kurzer Zeit zur Obturation der Lungen- gefäße durch Fibrinpfröpfe und das Zirkulationshindernis führt zu Oedem, Dyspnoe, Hämorrhagien und Exitus. Hirudin vermag dem Gerinnungsprozeß entgegenzuwirken. 56 ^ zerstören die Giftigkeit derartiger Sera rasch; bei syste- matischer Zufuhr entstehen Antihämolysine, welche die Tiere gegen größere Dosen resistent machen. Die Vertreter des anderen Typs (z. B. Rinderserum) sind Hämagglutinine, ballen die Erythrocyten zu größeren Aggregaten zu- sammen und führen auf diesem Weg ebenfalls zur Verlegung der Lungen- zirkulation und zur Erstickung. Die Koagulation spielt hier keine oder nur eine sekundäre Rolle, Hirudin hat daher auch keinen Schutzeffekt. 56" schädigen die Toxizität erst nacli längerer Einwirkung. ' Auch Dewitzky, Biedl "& Kraus haben ähnliche Ansichten geäußert. — Daß die Symptome auf einer Lyse_ der Erythrocyten und nachfolgenden intravaskulären Gerinnung mit Ob- turation der Lungengefäße beruhen, trifft aber schon deshalb nicht zu, weil 69* 1092 Robert Doere, der Tod nach Injektion lytisch wirkender Sera blitzartig eintreten kann, ohne daß eine Hämolyse oder irgendeine Spur intravaskulärer Gerinnung nach- weisbar wäre. Eine Hämagglutiuation wäre allerdings möglich, doch bestreiten Kraus & Sternberg, daß äie sich im strömenden Blute entwickelt, da sie die Verklumpung der Erythrocyten nach intravenöser Einspritzung hämolytischer Immunsera stets erst extravaskulär zustande kommen sahen. — Auch wirkt das für Katzen so giftige (aktive oder inaktive Pferdeserum) auf Katzenblut- körperchen nicht lytisch, aber auch nicht in nennenswertem Grade agglutinierend ein (viel schwächer als auf Meerschweinchenerythrocyten). Es läßt sich demnach keiner der bis jetzt vorliegenden Er- klärungsversuche auf alle Fälle anwenden, und solange wir keinen klareren Einblick in die Ursachen der Toxizität der Normalsera haben, muß es in suspenso bleiben, ob und wieweit das Phänomen mit der Anaphylaxie verwandt ist. Von Bedeutung ist aber, daß auch das arteigene Serum ganz dieselbe Toxizität zeigen kann wie ein art- fremdes, und zwar: 1) während seiner Entstehung aus dem Blut- plasma d. h. während der Gerinnung, 2) nachdem es mit artfremden Proteinen in Kontakt war (sogenannte Anaphylatoxindarstellung nach Feiedemann und Feiedberger). Darauf kommen wir noch zurück. b) Immunsera. Für die Toxizität solcher Immunsera, deren Antikörper gegen die Zellen oder das Serumeiweiß jenes Tieres gerichtet sind, dem man sie injiziert, ist die von Doere & Moldovan gegebene Deutung einer umgekehrten Anaphylaxie, d. h. einer Zuführung von Anti- körper in den antigenhaltigen Organismus plausibel. Sie wurde auch von Hartoch, Friedemann, Feiedberger und von Turro & Gon- zalez akzeptiert, welch letztere diesen Spezialfall als ,, Anaphylaxie inverse" bezeichnen. Daß hämolytische Immunsera auf solche Species, deren Ery- throcyten sie in vitro zu lösen vermögen, bei intraperitonealer oder intravenöser Injektion akut toxisch wirken, ist seit Belfanti & Carbone (1898) bekannt und von Bürdet, Gruber, Kraus & Stern- berg, H. Pfeiffer u. a. bestätigt. In dieselbe Kategorie rangieren auch alle Angaben über akuten Exitus nach intravenöser Einspritzung verschiedener Cytolysine (der Leukotoxine von Delezenne & Metsch- nikoff, der Neurotoxine und Hepatotoxine von Rossi, Joannovics u. a. m.). Subkutan eingespritzt erzeugen solche Sera Infiltrate und Nekrosen (lokale Anaphylaxie); endovenös führen sie in Mengen von 0,5 — 2,0 ccra akuten Exitus herbei, und zwar sowolil im aktiven wie mi inaktiven Zustande, falls sie vom Kaninchen stammen. Werden dagegen hämolytische Ambozeptoren gegen Meer- schweinchenerythrocyten vom Rinde gewonnen und komplementfrei d. h. als inaktives Serum Meerschweinchen eingespritzt, so bleiben Shockphänomene aus; die Ursache soll nach Uhlenhuth & Haendel darin liegen, daß die Ambo- zeptoren des Rindes im Meerschweinchen kein passendes Komplement finden, was aber nicht zutrifft, da auch ülaktive Kaninchensera durch Meerschweinchen- komj)lement nicht zum Lysin für Meerschweinchenerythrocyten ergänzt werden und sich doch für Meerschweinchen nahezu so giftig erweisen wie aktive. Die Symptome am lebenden und die Sektionsbefunde am verendeten Meerschweinchen sind im Prinzip dieselben wie bei der Anaphylaxie; doch sind Oedeme und intravaskuläre Thrombosen häufiger; Atropinum sulfuricum zeigt eine deut- lich antagonistische Wirkung. Die Injektion der aktiven Sera hat nur geringen Kompleraentschwund zur Folge; im inaktivierten Zustand einverleibt, reduzieren sie das Komplement derart, daß es sich in vitro dem Nachweis entzieht (Doerr & Moldovan). Allergie und Anaphylaxie. 1093 Daß der Träger des toxischen Einflusses bei den hämolytischen Sera mit dem hämolytischen Ambozeptor identisch ist, geht daraus hervor, daß sich inaktive Sera durch Adsorption mit Erythrocyten in vitro entgiften lassen und daß die shockauslösende Wirkung nun- mehr in den ambozeptorbeladenen Erythrocyten nachweisbar wird. Doch beruht die Giftwirkung solcher Sera nicht auf der Hämolyse der Erythrocyten des vergifteten Tieres, da der Exitus nachweislich auch hier vor der Hämolyse eintritt. Für Sera, welche sich nicht gegen die Zellen, sondern gegen das Serumeiweiß des Empfängers kehren, kommt die Hämolyse als ur- sächliches Moment a priori nicht in Betracht. Doerk & Moldovan, Uhlenhuth & Haendel, Hartoch, Turrö & Gonzalez konnten näm- lich im Gegensatz zu älteren Angaben beweisen, daß auch Meer- schweinchenpräzipitine vom Kaninchen auf Meerschweinchen akut tödlich wirken, selbst wenn sie keine Spur von Hämolysin für Meer- schweinchenerythrocyten enthalten. Doerr & Moldovan haben die Wirkungen dieser präzipitierenden Sera dem Verständnis näher ge- bracht. Indem sie dieselben Effekte (akuter Exitus, Lungenblähung, Nekrosen bei Subkutaninjektion, Temperatursturz etc.) mit eiweißfäJ- lenden Kolloiden, vornehmlich mit Kieselsäurehydrosol (in 0,7 — 1- proz. Lösung) hervorbringen konnten. Da die Wirkung der Kiesel- säure auf Meerschweincheneiweiß auch in vitro der Ausflockung durch ein spezifisches Präzipitin gleicht, so war es zulässig, in der Reaktion zwischen Eiweiß und Kolloid resp. Präzipitin im Tiere das ursäch- liche Moment des Shocks zu suchen ; hier kann es sich natürlich nicht um einen parenteralen Abbau handeln, sondern nur um einen Ge- rinnungsvorgang, um eine thromboplastische Wirkung, welche durch die Störung des labilen Gleichgewichtes der Blutkolloide ausgelöst wird. Dementsprechend finden sich bei beiden Vorgängen häufig intravaskuläre Thromben, w^enn auch Bilder wie bei typischer Ana- phylaxie mit flüssigem, ungerinnbarem Blute oft genug zur Beobach- tung kommen. Die Intoxikation mit Meerschweinchenpräzipitin schützt Meerschweinchen nur wenig oder gar nicht gegen eine neuerliche Vergiftung mit tödlichen Dosen (Uhlenhuth & Haendel, Turrö & Gonzalez, Doerr & Moldovan) ; sie erhöht die Resistenz gegen den Peptonshock in geringem Grade und umgekehrt. Es handelt sich hier offenbar um schwache, aspezifische Resistenzerhöhuugen im Sinne von Friedberger. Prinzipiell verschieden und viel schwerer verständlich sind die akuten Giftwirkungen solcher Immunsera, welche mit den Zellen oder dem Eiweiß des vergiftbaren Tieres in vitro keine Reaktion geben, Giflwirkungen, welche schon Pick & Yamanouchi, sowie v. Dungern & Hirschfeld in einzelnen Fällen beobachtet hatten. Friedberger & Hartoch 2 fanden dann, daß An tihammelsera vom Kaninchen, bei Meerschweinchen intraperitoneal injiziert, Komplementschwuud erzeugen, und Hartoch i konstatierte weiter, daß die intravenöse Zufuhr unter anaphylaktischen Erscheinungen tötet. Später nahmen Friedberger & Castelli die Frage nochmals in Angriff und zeigten, daß sowohl präzipitierende als hämolytische An tihammel- sera. ferner Antityphussera (bakterioly tische Ambozeptoren für Typhusbacillen, gewonnen vom Kaninchen) Meerschweinchen intra- venös akut töten können und zwar in Dosen, welche zwischen 0,05 bis 1,0 ccm und darüber pro 100 g Körpergewicht schwankten. 1094 Robert Doerr, Später dehnten Friedberger und seine Mitarbeiter Mita, Nathan, Ito und GiRGOLAFF diese Untersuchungen auf Kaninchenimmunsera aus, die mit anderen Eiweißantigenen (Pferde- und Rinderserum, Bier- hefe, verschiedenen Bakterien) hergestellt waren und fanden sie sämt- lich giftiger als Normalkaninchenserum. Friedberger ^^ formuliert daher das Gesetz, daß alle Immunisierungen mit artfremdem Eiweiß die Serumtoxizität steigern, ja er hält es trotz negativer Untersuchungs- ergebnisse für möglich, daß auch antitoxische Sera diese erhöhte Giftigkeit besitzen können, da Beobachtungen vorliegen, ,,nach welchen bestimmte Fabrikationsnummern eines Diphtherieserums in besonders zahlreichen Fällen toxisch wirkten." Nach Friedberger sind auch Antihammelsera vom Meerschwein- chen in geringem Grade für Meerschweinchen, nach Joachimoglu solche von Enten und Hühnern für Tauben primär giftig. lutoxikationssymptome und Obduktionsbefund gleichen im allgemeinen jenen bei der Anaphylaxie (Friedberger, Doerr & Moldovan, Graetz), doch sind Oedeme und Hämorrhagien der Lunge sowie intravaskuläre Thrombosen relativ oft zu beobachten (Biedl & Kraus, Doerr & Weinfurteri, 2)_ Atropin hat eine geringe Schutzwirkung (Doerr & Moldovan, Friedberger & Castellij ; die Vergiftung wird von intensivem Komplementschwund begleitet (Friedberger & Hartoch) und hinterläßt eine geringe Resistenz gegen erneute Injektionen eines solchen Antiserums. Subkutane Applikation von Hammelhämolysin pro- voziert beim Meerschweinchen Nekrosen (Doerr & Moldovan). Durch Erhitzen auf 65 o w4rd die Toxizität dieser Kaninchen- immunsera für Meerschweinchen fast völlig zerstört, durch Erwärmen auf 56 nur in geringem Grade abgeschwächt (Friedberger & Castelli). Fällt oder adsorbiert man den Antikörper des Immun- serums mit dem homologen Antigen, so wird es atoxisch (Friedberger & Castelli, Doerr & Moldovan) ; desgleichen kann man die Giftig- keit der Immunsera vermindern, wenn man sie gemischt mit Antigen einführt oder das Antigen präventiv injiziert (Friedberger & Ca- stelli). Behandeln mit Jodlösung reduziert bei Konservierung der fallenden Funktionen (z. B. präzipitierender Antihammelsera) die Fähigkeil, in vitro Komplement zu binden und in vivo akute Sym- ptome auszulösen, in hohem Grade (v. Dungern & Hirschfeld*). Da die Toxizität innerhalb weiter Grenzen vom Antikörpergehalt der Immunsera unabhängig war, soferne man diesen als Präzipitin oder lytischen Ambozeptor in vitro bestimmte, so nahmen Friedberger & Castelli an, daß die giftig befundenen Sera neben Antikörper noch einen Rest von Antigen enthalten, welche beide im Immuntier (Kaninchen) koexistieren, ohne miteinander zu reagieren; erst im Körper des mit dem Immunserum injizierten Meerschweinchens fände die Vereinigung und unter Intervention von Komplement die ,,Ana- phylatoxinbildung" statt. Nach der Beobachtung von Friedberger & Castelli sinkt die Toxizität, der Sera von wiederholt immunisierten Kaninchen nach jeder Antigenzufuhr (negative Phase), kehrt dann allmählich zur maximalen Höhe zurück, um schließlich wieder zu sinken ; in diesem 3. Stadium können aber Prä- zipitine und lytische Ambozeptoren noch eine weitere Zunahme e rf ahren. Die tatsächliche Existenz der Antigenreste erscheint jedoch unbewiesen. Friedberger beruft sich auf Versuche von Hintze, aus denen hervorgehen soll, daß anaphylaktisches Antigen und zugehöriger Antikörper im Serum von Kanin- chen nebeneinander nachweisbar sein können. Aus den Experimenten von HiNTZE läßt sich aber nur entnehmen, daß bei normalen Kaninchen, denen man ein einziges Mal relativ große Dosen von Pferdeserum oder Eidotter Allergie und Anaiihvlaxie. 1095 intravenös einspritzt, Antikörper (Präzipitine, komplementablenkende Ambozep- torenj zu einer Zeit auftreten, wo die Immunitätsreaktionen auf Eiweißantigen noch positive Ausschläge geben; dor Zeitraum, innerhalb dessen dies der Fall ist, beträgt aber nur 1 — 2 Tage. Antikörper und Antigen sind während dieses Termines nur in Spuren vorhanden, und wie die Menge des Antikörpers einigermaßen steigt, verschwindet das Antigen völlig. Wiederholt injizierte Kaninchen produzieren rasch und viel Antikörper in Form von Präzipitin oder Ambozeptor und haben daher auch wenige (3 — 4) Tage post injectiouem keine nachweisbaren Antigenreste; die Toxizität des Serums ist aber gerade nach wieder- holter Antigenzufuhr viel stärker als nach einmaliger und überdauert in beiden Fällen beträchtlich die Existenz von Antigenresten, »soweit diese als präzipitables Eiweiß oder mit der Komplementablenkung demonstrabel sind. Ebensowenig kann die Arbeit von Joxesco-Mihaiesti zur Beurteilung der Frage herangezogen werden. Er injizierte Kaninchen innerhalb von 12 — 2U Tagen in 4-tägigen Abständen 40 — 70 ccni Pferdeserum und machte am 7. bis 14. Tage nach der letzten Einspritzung einen Aderlaß. Mit 0,02 — 0,03 ccm des erhaltenen Serums konnte er Meerschweinchen aktiv gegen Pferdeserum präparieren, so daß sie nach IS — 22 Tagen auf die Probe mit" Exitus reagierten. Derartige Mengen von Antigen werden aber nie zur Immunisierung der Ka- ninchen verwendet, so daß wir durch diese Versuche keinen Aufschluß über die Existenz von Antikörpern unter gewöhnlichen Bedingungen erhalten; die Toxizität der antigenhaltigen Antisera hat Joxesco-Mihaiesti nicht geprüft. Friedbergers Annahme ist auch a priori unwahrscheinlich, da nicht einzu- sehen ist, warum die Antigenreste des Immunserums im Kaninchen keine Ver- bindung mit dem Antikörper eingehen sollen, wohl aber im Meerschweinchen, und warum die Toxizität durch weiteren künstlichen Zusatz von Antigen nicht gesteigert, sondern vermindert wird. Auffallend ist ferner die Angabe, daß Kaninchenimmunsera nur für Meerschweinchen, nicht aber für Kaninchen toxisch sind, selbst in der 5 — 7-fachen Menge der Dosis letalis und daß auch Immun- sera vom Meerschweinchen auf Kaninchen primär nicht toxisch wirken. V. DuxGERX vk Hirschfeld 2 lehnen daher die Hypothese von Fried- berger entschieden ab. Sie nehmen als Ursache der primären Giftigkeit der Immunsera einen vorläufig unbekannten Antikörper au, weil nach Antigen- injektion die Toxizität sinkt, und diese negative Phase nur als Absättigung eines Antikörpers, der Träger der physiologischen Wirkung ist, gedeutet werden könne. DoERE & WeinfurterI haben daher die ganze Frage nochmals nachgeprüft und bestätigt, daß das Serum von Kaninchen durch Im- munisierung mit artfremdem Eiweiß oder heterologen Ervthrocyten für Meerschweinchen tatsächlich pathogen werden kann. Das toxische Prinzip ist im Blute der Kaninchen präformiert und wird nicht etwa extravaskulär bei der Abscheidung des Serums aus dem geronneneu Blute gebildet. Doerr & "W'eixfurter bestimmten bei jeder Serum- probe außer der Toxizität auch den Gehalt an Präzipitin, Lysin (Am- bozeptor) und anaphylaktischem Eeaktionskörper sowie das Vorhanden- sein von Antigenspuren in Form von präzipitabler Substanz oder in Form von Anaphylaktogen und kamen wie Friedberger & Castelli zu dem Schlüsse, daß die Giftigkeit nicht von dem Gehalt an irgend- einem der bekannten Antikörper bedingt sein kann ; aber auch die Koexistenz von Antigenresten darf nicht als Ursache der Toxizität Sfelten, da die Antigenreste vor eintretender Giftigkeit völlig aus dem Blute des Immuntieres schwinden und die Toxizität gerade in jener Phase nicht nachweisbar ist, in welcher Antigen und Anti- körper koexistieren. Auch waren die wirksamen Mengen Antieiweiß- serum bisweilen so minimal, daß sie weder genug Antigen, noch genug Antikörper enthalten konnten, als für eine anaphylaktische Reaktion erforderlich wäre. Endlich wissen wir ja. daß Gemische von Antigen und Antikörper beim Meerschweinchen in den seltensten Fällen schwere Shocksymptome oder gar akuten Exitus auslösen und die Antieiweißsera können daher nicht solche Gemische sein. 1096 ßOBEKT DOERR, DoERR & Weinfurter^ koiistatierteii ferner, daß den Hammel- antigenen eine Sonderstellung zukommt, wie das früher schon Ritz & Sachs vermutet. Hammelserum und Hammelerythro- cyten machen schon nach einmaliger Injektion das Serum von Kanin- chen toxisch ; wiederholte Zufuhr wirkt in dieser Richtung äußerst regelmäßig und es lassen sich dabei sehr beträchtliche Giftigkeits- grade erzielen (Dosis letal, pro 100 g Meerschweinchen 0,03 ccm). Andere Eiweißantigene vermögen zwar auch Serumtoxizität herbeizu- führen ; die Erscheinung ist aber inkonstant, relativ selten, wird nur nach längerer, methodischer Immunisierung beobachtet und der toxische Titer hält sich in niedrigen Grenzen. Da zu diesen Experimenten Pferde-, Rinder- und Hundeserum, die entsprechenden Erythrocyten, Hühnereiklar, Cholera-, El Tor-Vibrionen, Staphylokokken, Typhus- bacillen, Hefezellen benutzt worden waren, Antigene, von welchen einzelne für Meerschweinchen bedeutend giftiger sind als Hammel- serum, so kann die Toxizität der Antisera nicht durch die Giftigkeit des Antigens bedingt sein (Biedl & Krausj. Ferner vermochten DoEER & WeinflrterI ZU zeigen, daß auch ein verschieden rascher ,, Abbau" der verschiedenen Eiweißantigene (Friedberger & Nathan) für die Differenz der Giftigkeit der korrespondierenden Immunsera nicht verantwortlich gemacht . werden kann. Die Sonderstellung der Hammelantigene, die auch Biedl& Kraus, DoFRR & MoLDOvAN u. a. aufgefallen war, legt den Gedanken nahe, daß der Zusammenhang zwischen Serumtoxizität und Tmmunisierungs- prozeß ein mehr indirekter sein dürfte und daß auch vielleicht andere Eingriffe das Serum von Kaninchen giftiger machen können, als das de norma der Fall ist. Dementsprechend fanden Doerr & Weinfurter 2, daß das Serum von Kaninchen nach wiederholten, ausgiebigen Aderlässen 2 — 3mal so giftig werden kann, als vor der Anämisierung. Injektionen von Wittepepton, Kieselsäure- hydrosol, langes Hungern (Zerfall körpereigenen Eiweißes) beeinflußten die Patho- genität von Kaninchenserum für Meerschweinchen nicht. Die Wirkung der Hammelantigene findet übrigens ein Pendant in der Steigerung der Serumgiftigkeit durch Organextrakte, und es ist nun sehr interessant, daß Forssman durch Immunisierung von Kaninchen mit Meerschweinchenorganen (Leber, Milz, Niere, Ge- hirn, Herz), mit Pferde- und Katzennieren hochwertige, spezifische Hammelhämolysine erhalten konnte. Die Identität der durch Hammel- eiweiß und Organextrakt geschaffenen Serumveränderungen kommt also nicht allein in der Toxizität für Aleerschweinchen zum Ausdruck. V. Düngern & Hirschfeld haben mehrere Experimente angestellt, die in dieses Gebiet fallen. Sie zeigten, wie früher schon v. Dungern, dali das Rhit von Kaninchen durch die Vorbehandlung mit arteigenen Organgeweben (Leber, Niere, Hoden) für manche andere Kaninchen toxische Eigenschaften gewinnt und daß diese auch dem Blute schwangerer Tiere zukommen. Das Blut normaler Männchen ist für andere Männchen ungefährlich. Nun hat Moldovan darauf verwiesen, daß alle Versuche, ir^ denen intravenös injiziertes, frisches defibri- niertes Blut in Verwendung kommt, nicht einwandsfrei sind, da in solcher Versuchsauordnung auch artgleiches, ja vom selben Individuum stammendes Blut, desgleichen ganz frisches oder aus den Koagulis abgepreßtes Serum den Tod durcli intravaskuläre Gerinnungen hervorruft. In der Tat bekam Schenk bei einer Nachprüfung der Befunde von v. Dungern Thrombosen, und zwar auch bei den männlichen Kontrollen. Die Behauptung, daß Organiramuni- sierung oder Gravidität das Serum in ahnlicher Weise giftig macht wie die Einspritzung von Hammeleiweiß, könnte darum noch immer richtig sein; (las_ durch V. Dungern & Hirschfeld vorgebrachte Beweismaterial erscheint aber Allergie und Anaphylaxie. 1097 nicht vollkommen überzeugend. Gräfenberg & Thies machten bei Kaninchen eine Einspritzung von Hodenextrakt und fanden die Toxizität des Serums für Meerschweinchen nach 1 — 3 Wochen gesteigert ; doch war die Erhöhung der Serumgiftigkeit nur dann nennenswert, wenn der Hode vom Meerschweinchen stammte, so daß es sich um die Wirkung eines gegen Meerschweincheneiweiß gerichteten Antikörpers (Anaphylaxie inverse) handeln könnte. Männliche Tiere waren gegen die Hodenantisera empfänglicher als weibliche. Forssman & Hintze verfielen in einen ähnlichen Fehler wie Gräfexberg & Thies. Sie immunisierten Kaninchen mit Meerschweinchenniere und fanden, daß das Serum derselben auf Hammelerythrocyten stark lytisch, auf Meerschweinchen toxisch wirkte (1,0—1,5 ccm = Dosis let.). Forssman & Hintze schließen allerdings einen Meerschweinchenantikörper als Ursache der Giftigkeit aus, da die letztere durch Adsorption mit Meerschweinchenerythrocyten nicht reduziert wurde. Um die Frage zu entscheiden, ließ Doerr durch R. Pick Kaninchen mit Pferde- niere immunisieren; schon nach zwei Injektionen betrug die einfach lösende Ambozeptordosis des Kaninchenserums 0,0003 ccm und 0,15 ccm waren pro 100 g Meerschweinchen akut tödlich. Der Träger der Toxizität widerstand dem halb- stündigen Erwärmen auf 56 <' C (nicht publiziert). Bakterienanaphylaxie. Da die Bakterien spezifisches, antigenes Pflanzeneiweiß ent- halten, wie dies schon aus der Existenz der Bakterienpräzipitine (R. Kraus) hervorgeht, so ist es nur natürlich, daß man mit ihren Leibern oder daraus hergestellten Extrakten aktive und passive Ana- phylaxie erzeugen kann. Es wurde bereits in der historischen Uebersicht der ersten Ver- suche in dieser Richtung gedacht, insbesondere der Arbeiten von R. Pfeiffer und Wolff-Eisxer, und die Vorstellung kritisch be- sprochen, welche man an die Ergebnisse derselben geknüpft hat. In der ausgesprochenen Absicht, eine der Serumanaphylaxie ähnliche Erscheinung zu erzeugen, experimentierten zuerst Rosenau & Ander- son ^ mit zellfreien Extrakten aus Typhus-, Coli-, Heu-, Tuberkel- und Anthraxbacillen, Axamit mit solchen aus Hefen und erzielten beim spezifisch sensibilisierten Meerschweinchen akute und intensive Symptome, beim unvorbehandelten (normalen) dagegen keine oder wenigstens keine unmittelbaren Wirkungen. Kraus & Doerr be- richteten dann über gleiche Resultate und wiesen die Spezifität, sowie die passive Ueber tragbarkeit der Bakterienanaphylaxie nach und später mehrten sich die positiven Erfolge (Kraus & v, Stenitzer, HolobutI, ^, Vaughan^, 3^ AscoLii, TsuRU, Delanoe1,2,4^ Livierato*, Kraus & Amiradzibi, Yamanouchi i, OrsixiI, Baldwin, Roseng^a, P. Th. Müller), wenn auch manche Widersprüche hin- sichtlich des Grades der Ueberempfindlichkeit, der Bedingungen ihrer Erzeugung und ihrer Spezifität zutage traten. Einzelnen Forschern gelang es nämlich überhaupt nicht, an Labo- ratoriumstieren aktive Bakterienanaphylaxie zu erzeugen (Weil und Braun), andere gaben wieder an, daß ihre Versuche mit bestimmten Bakterienarten (Sobernheim bei Milzbrandbacillen, P. Th. Müller i bei Streptokokken) gescheitert seien oder doch nur inkonstante, mit der Serumanaphylaxie nicht vergleichbare Ergebnisse geliefert hätten (Studzinski mit Bact. coli). Diese negativen oder schwankenden Befunde schrieben Kraus & Amiradzibi, Holobut einer ungeeigneten Technik beim Präparieren und Reinjizieren der Tiere, Priedberger hauptsächlich der Vernach- lässigung des Umstandes zu, daß die Bakterien nur wenig Eiweiß ent- 1098 EOBERT DOERR, halten, vorzüglich in den Mengen, in welchen wir sie sonst (zu Infektions versuchen) anzuwenden gewöhnt sind. Um 1 mg Eiweiß zu bekommen, müsse man nur 0,01 ccm Serum nehmen, während es bei "Bakterien einer ganzen Agarkultur bedarf (Friedberger). Außer- dem war es ja tatsächlich möglich, daß die Bakterienart, welche alle Arten von Immunitätsprozessen so weitgehend beeinflußt, auch hier einen ausschlaggebenden Faktor darstellt. Zur Sensibilisierung von Meerschweinchen mit Cholera Vibrionen, Ty- phus-, Coli-, Dysenteriebacillen empfehlen Kraus & Doerr, Kraus & A^rLRADZiBi, HoLOBUT mehrere subkutane oder intraperitoneale Injektionen von Vio — Vioo Oese der bei 70 ^ abgetöteten Bakterien an 6 — 10 aufeinanderfolgenden Tagen; nach 2 — 3 Wochen wird die Probe vorgenommen, indem mau in eine Jugularis 1 — 2 ccm einer dichten Bakterieususpension (1 Agarf lasche auf 10 — 15 ccm Vio Normalsodalüsuug ) einspritzt. Nach einer Berechnung von P. Th. MixLER^ enthält die präparierende Gesamtdosis bei dieser Methode 0.24 mg Trockensubstanz oder weniger; es sterben etwa 60 Proz. der Versuchstiere akut unter anaphylaktischen Erscheinungen. Verwendet man Streptokokken und präpariert durch einmalige In- jektion einer ganzen Agarflasche (ca. 5 mg) Trockensubstanz, so erhält man selbst bei der Keinjektion von 4 Agarf laschen nur 22 Proz. Todesfälle; erst bei einer Steigerung der Präparierungsdosis auf 15 — 20 mg Trockensubstanz (3 — 4 A^arflascheu ) erreicht die Mortalität ebenfalls die Ziffer von 60 Proz. (P. Tu. Müller 2, 3). Auch die Reinjektionsdosis ist für den Ausfall der Versuche von Bedeutung und zwar bei verschiedenen Bakterien in verschiedenem Grade. Betrug die bei der Probe intravenös injizierte Bakterienmenge ca. 3 — 6 mg Trockensubstanz, so starben von den Versuchsmeerschweinchen bei Milzbrandbacillen 41, bei Proteusbacillen 20 Proz. akut unter anaphylaktischen Symptomen; einer Erhöhung der Dosis auf ca. 7 — 18 mg entsprachen 66 resp. 83 Proz. Mortalität. — Bei Typhusbacillen hatten auch 8 — ]4 mg nur 20 Proz. akuter Todes- fälle zur Folge und erst 15,4 — 23 mg 75 Proz. (P. Th. Müller). Weiters konnte RoSEXOW zeigen, daß es auch nicht gleichgültig ist, in welchem Zustande man die Bakterien zur Probe verwendet ; Pneumokokkenautolysate wirken je nach dem Stadium der Autolyse verschieden auf sensibilisierte Meerschweinchen ein und können, wenn der autolytische Abbau zu weit fortgeschritten ist, alle shock- auslösenden Effekte einbüßen. Mit Vibrio Metschnikoff haben Friedberger & Mita genauere Versuche angestellt. Die akut tödliche Dosis (intravenös) für ein unpräpariertes Meerschweinchen von 200 g lag zwischen 0,2 — 0,25 g abgewogener, feuchter Masse von abgetöteten Bakterien. Präparierte man mit 0,02, 0.002, 0,0002 oder 0,00002 g subkutan, so mußte man nach 15 Tagen eine knapp letale Dosis (0,2 g) reinjizieren, um akuten Tod zu erzielen. Stieg man mit der sensibili- sierenden Dosis auf 0,2 g, so töteten bei der Probe nach 19 Tagen 0,025, 0,05. 0.07 und 0,1, nicht aber 0,01. In diesem Versuch war somit für sehr hohe Präparierungsdosen eine zehnfache Erhöhung der Empfindlichkeit, für etwas niedrigere nur eine ganz minimale zu beobachten. Versucht man selbst anaphylaktische Experimente mit Bakterien auszuführen, so überzeugt man sich aber bald, daß die Schwierig- keiten nicht in solchen technischen, sondern in prinzipiellen Momenten zu suchen sind. Das Phänomen der Serumanaphylaxie besteht darin, daß da^ normale Tier die größten Mengen inaktiver Sera ohne momentane oder spätere Störung verträgt, während das sensibilisierte schon auf minimalste Quantitäten mit schwerstem Shock antwortet, ein Gegensatz, der besonders hervortritt, wenn man ein empfindliches Reagens (das Meerschweinchen) verwendet. Bei den Bakterien liegen die Dinge ganz anders. Schon normale Tiere sind gegen Bakterien und aus denselben her- gestellte Präparate (Extrakte, Autolysate) äußerst empfindlich. Ueber die Wirkung intravenöser Injektionen von Suspensionen loben- der und gekochter Bakterien, von Extrakten mit Kochsalz, Lecithin, inaktivem Allergie und Anaphylaxie. 1099 Serum und von Autoly säten aut Meerschweinchen liegen zahlreiche Versuche aus früherer und letzter Zeit vor, von welchen hier nur die von DoPTER, Seitz, Dold, P. Th. Müller, Aronson, Friedberger & Mita, Kraus & Doerr, Frosch, Rosenow, Neufeld & Dold, Lurä angeführt werden mögen. Aus denselben geht hervor, daß man bei normalen Meerschwein- chen mit den verschiedensten pathogenen oder apathogenen Bakterien oder aus denselben hergestellten Extrakten und Autolysaten Temperatursturz und Exitus innerhalb von einigen Stunden herbeiführen kann. Zur Herstellung töd- licher Extraktmengen mit NaCl- Lösung genügt nach Dold schon 1/2 — 1 Agarkultur, vielleicht auch weniger ; die Extraktion kann bei 37 " oder im Eisschrank erfolgen und braucht bloß 24 Stunden zu dauern ; nur die Tu- berkelbacillen müssen mehrere Tage extrahiert oder vorher gekocht werden. In den meisten Publikationen findet man allerdmgs die Behauptung, daß die Wirkung der Bakterienpräparate auf normale und präparierte Meerschweinchen insoferne differiert, als nur letztere ganz akut in wenigen Minuten unter den typischen Symptomen des anaphylaktischen Shocks eingehen und das Phänomen der Lungenstarre darbieten ; das läßt sich indes nicht mehr aufrecht erhalten. Schon Dopter erzielte mit Meningokokkenautolysaten bei gesunden Meer- schweinchen den klassischen Shock, Aronson sah akuten Exitus nach Prä- paraten aus Bouillon- und Agarkulturen von Typhusbacillen (eine derartige Beob- achtung trifft man auch bei Dold) und ein reiches Material in diesem Belange bieten die Experimente von Rosenow mit Autolysaten aus Pneumokokken, Streptokokken, Meningokokken, Gonokokken, Typhusbacillen, Bact. coli und Vibrio Metsehnikoff, sowie die von P. Th. Müller mit gekochten und ge- waschenen Diphtherie-, Milzbrand-, Proteus- und Typhusbacillen. P. Th. Müller stellte fest, daß von normalen und präparierten Meerschweinchen eine gleiche Prozentzahl (30 Proz.) im akuten Shock eingeht, wenn man Diphtherie- bacillen intravenös injiziert ; nur bei Typhus-, Proteus- und Milzbrandbacillen sind Differenzen zu ermitteln, doch werden akute Tode auch bei Norraaltieren oft genug beobachtet. Kaninchen gehen nach Extrakten aus 3 — 8 Kulturen von Typhus-, Cholera-, Prodigiosus-, Tuberkelbacillen in V2 — 7 Stunden ein (Dold). Nach Kraus & v. Stenitzer sterben Ziegen in ca. 18 Stunden, wenn mau ihnen Mengen von Typhus- oder Paratyphus-Extrakten intravenös injiziert, die für Kaninchen nicht oder knapp letal sind (0,25 — 1 ccm eines päpier- filtrierten Extraktes aus 16 Agarröhrchen -|- 15 ccm NaCl -(- 0,5 ccm Normal- K0CO3). Hunde reagieren schon auf die erste Injektion von Aufschwemmungen, die man aus Agarkulturen von Dysenterie-, Typhus-, Cholerabakterien oder Tuberkel- bacillen gewinnt, mit typischen Anaphylaxiesymptomen (Biedl & Kraus 3); es ließ sich aber zeigen, daß man es hier mit einer Peptonvergiftung zu tun hatte, da gewöhnliche Nährbouillon oder Extrakte aus Agar ohne Bakterien die- selben Erscheinungen provozierten, während peptonfreie Bakterienex- trakte keine momentanen Effekte hatten. Hingegen erhält man auch mit letzteren beim spezifisch vorbehandelten Hund den charakteristischen Shock. ScHiTTEXHELM & Weichardt fanden aber Bakterienproteine schon für normale Hunde hochgiftig; kleine Dosen erzeugten Fieber, große Temperatursturz, läh- mungsartige Schwäche, soporöse Zustände, Leukopenie mit folgender Leuko- cytose, Enteritis anaphylactica (Kruse, Selter), Steigerung der N-Ausfuhr etc., kurz in jeder Hinsicht anaphylaxieartige Erscheinungen. Nur Tuberkel- bacillen waren bei der ersten Injektion für den Hund ziemlich indifferent und wurden erst durch vorausgehende Behandlung mit Ambozeptor und Kom- plement (Anaphylatoxindarstellung) in vitro toxisch. Bakterienproteine wirken also auf das normale Tier unter Um- ständen qualitativ ganz ebenso wie auf das spezifisch sensibilisierte. Zweitens, und das ist bisher nicht genügend scharf betont worden, ist die Steigerung der Empfindlichkeit durch die Vorbehandlung relativ gering und inkonstant, d. h. die Bakterienproteine sind im allgemeinen sehr schlechte Anaphylaktogene und mit den Serumanaphylaktogenen in bezug auf die Intensität ihres antigenen Vermögens nicht zu ver- gleichen. Die Richtigkeit dieses Satzes kann daraus gefolgert werden, daß die shockauslösende Dosis für präparierte Tiere nur unwesentlich 1100 Robert Doerr, niedriger liegt als für normale. Bei manchen Bakterienarten z. B. Diphtheriebacillen besteht sogar in beiden Fällen überhaupt kein Unter- schied oder nur ein so minimaler, daß von einer Sensibilisierung, d. h. von der Erzeugung eines überempfindlichen Zustandes gar nicht ge- sprochen werden kann (P. Th. Müller). Andere Bakterien (Typhus-, Tuberkelbacillen, Proteus-, Prodigiosusbakterien) wirken auf das über- empfindliclie Tier zwar stärker als auf das normale ; doch kommt dies nur in einem prozentuellen Ueberwiegen des akuten Shocks über die protrahierten Verlaufsformen zum Ausdruck. Sehr gut wird diese Tatsache durch die folgende, etwas gekürzt wiedergegebene Tabelle von P. Th. Müller illustriert, in welcher die akuten Shockformen und der tödliche Verlauf überhaupt (Gesamtmortalität) in Prozent- ziffern der Versuche angeführt werden, die Reinjektionsdosen in Milligramm Trockensubstanz : Bakterienart. Sensibilisierte Tiere Kontrollen Eeinjektionsdosis Eeinjektionsdosis Diphtheriebacillen sofort f überhaupt t 24—17 mg 28 Proz. 71 „ 14—2,5 mg Proz. 25 „ 24-17 mg 30 Proz. 60 „ 14-2,5 mg Proz. 22 „ Mikbran dbacillen sofort f überhaupt f 13-7 mg 66 Proz. 75 „ 6—3 mg 41 Proz. 58 „ 13-7 mg 14 Proz. 71 „ 6—3 mg 14 Proz. 57 „ ProteusbaciUen sofort t überhaupt f 18-9 mg 83 Proz. 100 „ 6—3 mg 20 Proz. 100 „ 18—9 mg 11 Proz. 88 „ 6-3 mg Proz. 25 „ Typhusbacillen sofort t überhaupt f 24-16 mg 75 Proz. 100 „ 14-8 mg 20 Proz. 100 „ 24-16 mg 17 Proz. 100 „ 14-8 mg Proz. 37 „ Um akuten Shock beim präparierten Meerschweinchen auszulösen, braucht man also selbst bei geeigneter Bakterienart hohe Dosen, die auch auf das Normal- tier wirken, und selbst dann ist das Resultat durchaus nicht konstant. Für die schwache antigene Kraft der Bakterienproteine spricht ja auch die Notwendigkeit der Präparierung mit großen Mengen, um diese so geringen Ueberempfindlich- keitsgrade zu erreichen. Das relativ geringe anaphylaktogene Vermögen des Bakterien- eiweißes dürfte chemisch darin begründet sein, daß wir es hier nicht mit so hochmolekularen Stoffen wie bei den Globulinen und Albu- minen des Serums zu tun haben, sondern mit niedrigeren, durch Hitze nicht koagulablen Eiweißkörpern vom Charakter der Albumosen (At- midalbumosen), Protamine, Histone, Nukleoproteide etc. (Ruppel, A. KossEL, London & Riwkind, Schittenhelm), die auch in anderer Richtung oft wenig oder gar* nicht antigen wirken. Die Bakterien sind z. B. im allgemeinen keine guten Präzipitinbildner und manche Arten kommen auch als Agglutinogene oder als Lysinogene (Antigene der komplementablenkenden Ambozeptoren) nicht in Betracht. Es zeigt sich daher auch, daß die verschiedenen antigenen Qualitäten mit- einander in einem gewissen Konnex stehen. P. Th. Müller und SoEERNHEiM macheu darauf aufmerksam, daß die Streptokokken und Milzbrandbacillen, mit denen sich so schwer Anaphylaxie erreichen Allergie und Anaphylaxie. 1101 läßt, im Organismus weder Präzipitine noch Ambozeptoren in nennens- wertem Grade produzieren ; umgekehrt gelingen anaphylaktische Ver- suche mit Vibrionen, denen hochwertige Agglutinine, Lysine etc. ent- sprechen, noch relativ am besten (Kraus & Doerr, Priedberger & Mita), und es ist gewiß kein Zufall, daß die ersten wichtigen Beob- achtungen über Bakterienüberempfindlichkeit (R. Pfeiffer) gerade Cholerakeime betrafen. Die Bakterienanaphylaxie ist ebenso spezifisch wie die Agglu- tination oder Präzipitation ; doch ist der Nachweis der Spezifität naturgemäß nur dort leicht, wo die Ueberempfindlichkeit höhere Grade erreicht, z. B. in der Gruppe der Vibrionen. Selbstverständlich gibt es hier ebenso wie bei den Serumanaphylaktogenen oder bei der Bak- terienagglutination Gruppenreaktionen zwischen nahe verwandten Mi- kroben. Kraus & Doerr konstatierten, daß mit Typbusbacillen vorbehandelte Meer- schweinchen nur auf Reinjektion von Typbusextrakten, nicht aber auf Cholera-, ja nicht einmal auf Paratyphusextrakte mit typischem Shock reagierten; und ebenso konnten Differenzen zwischen Cboleravibrionen und Vibrio Nasik (Kraus & Doerr), Choleravibrionen und Vibrio Finkler-Prior (Holobut), zwischen B. typhi, Vibrio cholerae und FLEXNERschen Dysenteriebacillen (Kraus & Amiradzibi) nachgewiesen werden. Entsprechend der Tatsache, daß sich ver- schiedene Colistämme durch Uir Verhalten bei der Agglutination und Präzipita- tion oft stark unterscheiden, wurden mit einer Colivarietät präparierte Meer- schweinchen nur gegen diese, nicht aber gegen andere Rassen hypersensibel (Kraus & Amiradzibi). — Gruppenreaktionen sah Holobut zwischen Bact. coli und Typhusbacillen, Vibrio cholerae und Vibrio Finkler-Prior, Baldwin zwischen humanen und bovinen Tuberkelbacilien, nicht aber zwischen ersteren und anderen säurefesten Mikroorganismen, z. B. Timotheebacillen. Die Angaben, daß die Bakterienanaphylaxie wenig (Studzinski) oder gar nicht (Delanoe, Livierato) spezifisch sei, daß Meerschweinchen, die mit Tuberkelbacilien vorbehandelt sind, auf die Reinjektion genügender Mengen von Bact. typhi, coli, paratyphi A oder B anaphylaktisch eingehen (Delanoe), sind durch die Nichtberücksichtigung der entwickelten Prinzipien der Bakterienana- phylaxie und die versuchte Gleichstellung von Serum- und Bakterieneiweiß zur Genüge erklärt. Hat sich bei einem Tiere ein anaphylaktischer Zustand gegen Bak- terieneiweiß entwickelt, so kann er mit dem Blute oder Serum des- selben auf ein normales Tier der gleichen oder einer anderen Species übertragen werden (homologe und heterologe passive Ana- phylaxie). Solche Uebertragungen glückten: von hypersensiblen Meerschweinchen auf normale (Kraus & Doerr), von Kaninchen auf Meerschweinchen (Kraus & Amiradzibi, Priedberger & Mita, Versuche von Baroni & Ceaparu mit Oidium albicans), vom Pferde auf das Meerschweinchen (Briot & Du.jardin-Beaumetz, Briot & DoPTER, FiNzi) und vom Menschen auf das Kaninchen (Yamanouchi, Baldwin). Mit Streptokokkenimmunserum vom Pferde (Tavel, Menzer, Aronson) oder vom Kaninchen gelang es nicht, passive Anaphylaxie bei Meerschwein- chen zu erzeugen (P. Th. Müller), was nach der mangelhaften Eignung dieser Bakterien für aktive Experimente verständlich ist. Am besten für hetero- loge und homologe passive Uebertragungen taugen Immunsera gegen Vibrionen (V. cholerae, V. Metschnikoff) oder gegen Bakterien der Typhus-Coli-Gruppe. Man gibt 1,0, besser mehr (2,0 — 3,5 ccm) Immunserum intraperitoneal und re- injiziert mit durch Erhitzen abgetöteten Bakterien 24 Stunden später intra- venös; die zur Auslösung des akuten Shocks nötige Antigenmenge kann bei Vi- brionen bis auf 1/30 der Dosis letalis acuta für normale Meerschweinchen absinken (Friedberger & Mita). Kraus & Adähradzibi, Nicolle & Loiseau, Briot & Dopter beobachteten auch tödlichen Shock nach intravenöser Injektion 1102 Robert Doerr, eines Gemisches von Bakterien und Autiserum (z. B. 1,0 ccm Antityphusserum vom Kaninchen + V2 Typhusagarkultur, abgetötet bei 70°). Die Versuche, durch passive Uebertragung der Antikörper vom kranken Menschen oder vom kranken Tiere auf das normale Meerschweinchen oder Kaninchen zu einer Diagnose der Infektionskrankheiten, z. B. des Milzbrandes, des Rotzes, der Tuberkulose, des Typhus etc. zu gelangen, waren praktisch er- folglos. Entsprechend der passiven Uebertragbarkeit gibt es auch eine Vererbung der Ueberempfindlichkeit gegen Bakterienproteine. Sie wurde von Krause für Tuberkuloproteine festgestellt und konnte bei den Jungen einer sensibilisierten Mutter bis zum 100., ja bis zum 404. Tage nach der Geburt nachgewiesen werden. Der dritten Generation wird der anaphylaktische Zustand nicht überliefert. Ob die hyperergischen Lokalreaktionen (Kutan-, Ophthalmo-, Intradermo- Reaktionen) Typhuskranker gegen Extrakte aus T3'phusbacillen, Geimpfter gegen \'acciue (v. Pirquet), Tuberkulöser gegen Tuberkuline, Syphilitischer gegen Luetin (Noguchi), rotzkranker Menschen und Tiere gegen Mallein, Sporo- trichosekranker gegen Sporotrichin (Beurmann & Gougerot), au Hyphomykosen der Haut leidender Menschen gegen Präparate aus den betreffenden Schimmel- pilzen etc. als lokale Anaphylaxie gegen das Erregereiweiß betrachtet werden dürfen, ist fraglich und nicht in allen der angeführten Fälle wahrscheinlich. Die anaphylaktischen Antikörper gegen Bakterienproteine sind mit den Präzipitinen und bakteriolytischen Ambozeptoren höchstwahr- scheinlich identisch, was schon daraus gefolgert werden kann, daß sich nur solche Arten, die Präzipitine und Lysine bilden (Typhiisbacillen, Vibrionen, Tuberkelbacillen), für anaphylaktische Zwecke als brauch- bar erweisen. Die Identität nüt den Lysinen hat man schon frühzeitig vermutet und aus derselben Vorstellungen über die Ursache der Symptome bei einer ersten oder wiederholten Bakterieninjektion abgeleitet, die kaum zutreffen dürften. Da man nämlich sah, daß man durch Auslaugung, Auflösung oder Autolyse gwisser Bakterien gelöste Gifte erhält, die am Bakterieneiweiß zu haften scheinen, die sogenannten Endotoxine, so dachte man, daß die Folgen einer ersten oder erneuten Bakterien- zufuhr als akute Vergiftungen durch präformierte Leibesbestandteile der Bakterien aufzufassen seien, welche durch Cytolyse in Freiheit ge- setzt werden. Die stärkere Wirkung beim präparierten Tier sollte durch das raschere Tempo der Auflösung infolge der vermehrten Anti- körper bedingt sein (B,. Pfeiffer, Wolff-Eisner, Bail, Weil u.a.m.). Diese Theorie erwies sich aus mehrfachen Gründen als unhaltbar. Vor allem setzen die Symptome, besonders beim sensibilisierten Tier und bei intravenöser Injektion von Vollbakterien, zu einer Zeit ein, zu der eine Lyse noch nicht nachweisbar ist; zweitens wirken zell- freie Extrakte oder Autolysate aus Bakterien auf das präparierte Tier in der gleichen Dosis stärker als auf das normale (mitunter um das Doppelte bis 30-fache). Endlich differieren auch die primären AVir- kungen gelöster, aus Bakterien hergestellter Gifte je nach der Natur der letzteren nicht unerhebMch, während der akute Shock bei allen Arten die gleichen Charaktere zeigt. Daher hielten Kraus & Doerr die Symptome der Bakterien- anaphylaxie zwar auch für den Ausdruck einer akuten Intoxikation, ließen aber das Gift erst im Tiere durch die Reaktion zwischen Anti- gen und Antikörper neu entstehen. Später wurde dieser Gedanke neuerlich modifiziert und gegenwärtig gilt es als ziemlich gesichert, daß das anaphylaktische Gift aus dem Bakterienprotein durch eine fer- Allergie und Anaphylaxie. 1103 mentative Aufspaltung, durch eine „parenterale Verdauung" hervor- geht, die auf der Wirkung des Komplementes und normaler oder im- munisatorisch gesteigerter Ambozeptoren beruht (Friedemann, Fried- berger, WeICHARDT & SCHITTENHELM, DOLD, ROSENOW, NeUFELD U. a. ). Das wesentlichste Argument bildete hiebei die Darstellung von Giften aus ambozeptorbeladenen Bakterien in vitro durch Digerierung mit großen Mengen frischen Meerschweinchenserums. Nach dem Ab- zentrifugieren der Bakterien erwies sich das überstehende Serum, welches nur gelöste Stoffe enthalten konnte, für Meerschweinchen, also Tiere der gleichen Art, bei intravenöser Injektion akut toxisch und rief die typischen physiologischen Befunde der Eiweißanaphylaxie hervor (Friedberger). Diese Gifte wurden „Bakterienanaphyla- toxine'" genannt. Die Einwände von R. Kraus, Kraus & Biedl, daß die Wirkungen dieser Baliterienanaphylatoxine nicht den Kriterien typisch anaphylaktischer Vorgänge entsprechen, konnten durch Friedberger, Graetz, Neufeld, Goretti u. a. widerlegt werden; durchgreifende und prinzipielle physiologische Unterschiede zwischen beiden Prozessen liefen sich nicht ermitteln. Besredka & Strubel, Besredka, Strubel & Jupille gaben an, daß das von Friedberger beschriebene Gift aus dem Wittepepton des Nährbodens stanmieu müsse und nannten dasselbe daher ,,Peptotoxtn". Sie sahen, daß man die Anaphylatoxine auch aus sterilem Nähragar ohne Bakterien erhalten kann und daß andererseits die Giftbildung ausbleibt, wenn man Bakterien benützt, die von peptonfreien Nährböden stammen. Wenn es nun auch sichergestellt ist, daß digerierte Gemische von Normalmeerschweinchenserum mit Wittepeptoa viel stärker toxisch sind, als es dem Peptongehalt entspricht ( Friedberger & Mita), so hat dieses Faktum doch auf die Bakterienanaphylatoxine keinen Be- zug ; das Pepton des Nährbodens kann nicht als alleinige Quelle derselben erklärt werden, weil ihre Darstellung auch mit Bakterien gelingt, die sich auf pepton- oder sogar eiweißfreien Kultursubstraten, wie FRÄNKEE-UsCHiNSKYScher oder Proskauer - BECKscher Asparaginflüssigkeit entwickelten (LürA, Boehncke, BiERBAUM & Boehncke). Nach den übereinstimmenden Erfahrungen der zahlreichen Autoren, die sich mit der Herstellung von Bakterienanaphylatoxinen bescliäftigt haben, ist der Ambozeptor d. h. das Immunserum in der ursprünglichen Kombination ganz überflüssig und jetzt werden nur mehr Bakterien und frisches Normalmeerschweinchenserum verwendet (Friedberger und seine Mitarbeiter Reiter, Goldschmidt, Ito, Vallardi, Szymanowski, Schütze, Nathan, Lurä, Frosch, ferner Neufeld & Dold i, ^, R. Kraus, Kruse, Dewitzki, W. Wassermann & Keysser, Sachs & Ritz, Boehncke & Bierbaüm, Goretti, Dold, Aronson, Dold & Aoki, Moro & Tomono, Vay, Izar etc. Die Bakterienanaphylatoxine und Gifte, die diesem Namen nicht entsprechen, aber offenbar dieselbe Art der Entstehung und dieselbe Wirkung besitzen, lassen sich gewinnen : A. Mit pathogenen Bakterien (Typhus-, Paratyphus-, Diphtherie-, Dys- enterie-, Milzbrand-, Rotz-, Pest-, Mäusetyphus-, Geflügelcholera-, Tuberkel- bacillen, aus Staphylo-, Strepto-, Gono-, Pneumo-, Malta- und Meningokokken, aus Vibrio Metschnikoff, V. cholerae etc.). B. Mit apathogenen Bakterien z. B. Bacillus prodigiosus, saprophyti- schen Kokken und Stäbchen aus Wasser- oder Milchproben (Friedberger, Goretti). C. Mit Schimmelpilzen z. B. Aktinomyces, Aspergillus fumigatus (Fried- berger mit Goldschmid & Szymanowski, Dold & Aoki). D. Mit Hefen (Hefe Busse, Dold & Aoki). E. Mit Spirochäten (Hühnerspirochäten, Spirochäten der russischen Re- currens nach Dold & AoKi, Mutermilch). 1104 Robert Doerk, F. Mit Protozoea z. B. Trypaüosomeu (Friedberger & Szymanowski, Marcorä). Optimal scheint sich zur Giftgewinnung der Bacillus prodigiosus, der Ty- phusbaciilus und manche Vibrionen zu eignen, weniger dagegen Milzbrand- bacillen und am wenigsten Streptokokken, mit denen einzelne Autoren (P. Th. Müller, Aroxson) keine, andere (Dold & Aoki) nur 50 Proz. positive Resul- tate erhielten. Pilzsporen von Penicillium glaucum und Aspergillus fumigatus liefern kein Gift. Gekochte Bakterien bilden leichter oder größere Mengen Gift als native, was besonders für den B. prodigiosus, den Tuberkelbacillus und den V. Metschnikoff gilt (Friedbergbr & Goldschmid, Friedberger & Szyma- NOWSKl). Die Mengen von Mikroorganismen, welche zur Darstellung einer akut töd- lichen Anaphylatoxindosis für ein Meerschweinchen von 200 g eben noch aus- reichen, werden von verschiedenen Autoren verschieden angegeben und variieren wohl auch nach der Bakterienart. Friedberger & Goldschmid benötigten nur i/io Oese Prodigiosusbacillen, von Vibrio Metschnikoff wird 1 Oese, von Tuberkelbacillen ^/o, von Vibrio cholerae 3 Oesen (Dold), von Pueumokokken- bouillonkultur das Sediment aus 10 ccm (Neüfeld & Dold) als Minimum ge- nannt: auch bei der gleichen Bakterieuart kann das Minimum nach dem Stamm differieren, indem Dold & Aoki von einer Streptokokkenvarietät das Sediment aus 50 ccm, von einer anderen nur aus 5 ccm 24-stündiger Bouillonkultur ver- wenden mußten, um eine Dosis letalis zu erhalten. In der R«gel genügen sehr kleine Bakterienquantitäten nicht und man braucht meist halbe oder ganze Agar- kulturen (3 — 5, nach Goretti 8 — 9 Oesen). Auch von Hefezellen und Try- panosomen sind größere Mengen erforderlich (Dold & Aoki, Marcora). Nach Friedberger gibt es aber nicht nur Minima, sondern auch Maxima, die man nicht überschreiten darf, und das Intervall der zulässigen Antigendosen ist angeblich ein sehr kleines. Variiert man nämlich bei gleichem Volum Normalmeerschweinchenserum die zugesetzten Mengen einer bestimmten Bakterien- kultur, so sollen die Grenzen für eine optimale Giftausbeute nach Friedberger recht enge sein: hat man sie aber ermittelt, so soll man ebenso ,,wie bei der aktiven Anaphylaxie bis zu 100 Proz. positive Resultate", d. h. Tod im akuten Shock erhalten können, während jenseits dieser Grenzen in allen Fällen negative Ergebnisse erzielt werden. Nach Neüfeld & Dold, Dold & Aoki, Aroxsox, Goretti trifft das aber insofern nicht zu, als die Minima und Maxima der Bakterien, bei welchen eine Giftbildung stattfindet, sehr weit auseinanderliegen; Aronsox will eine obere Grenze überhaupt nicht anerkennen. Ferner existieren keine scharf begrenzten Optima, d. h. es läßt sich auch für eine bestimmte Bakterienprobe keine Menge finden, die mit einem gegebenen Volum Normal- meerschweinchenserum eine letale Dosis Anaphylatoxin mit Sicherheit liefern würde. Aus den meisten einschlägigen Arbeiten gewinnt man nicht den Ein- druck, als ob quantitative Verhältnisse eine besondere Rolle spielen würden, son- dern das Gift entsteht unter absolut identischen Bedingungen einmal mit maxi- maler Wirkungsintensität, das andere Mal nicht. Wenn Dold diese vom Experi- mentator nicht beherrschbaren Faktoren in das Versuchstier, in die individuelle Disposition desselben verlegt, so könnte man das nur unter der Voraussetzung konzedieren, daß die .,Bakterienanaphylatoxine" mit der Anaphylaxie nichts zu schaffen haben, denn bei der Anaphylaxie des Meerschweinchens machen sich individuelle Einflüsse fast gar nicht bemerkbar. Trocknen und Zerreiben der Bakterien (z. B. von Tj'phus- oder Tuberkel- bacillen) beeinträchtigt ihre Fähigkeit zur Giftbildung nicht (Friedberger, Neüfeld & Dold, "Sachs & Ritz, Aronsox), ebensowenig Behandlung mit 10 -proz. Sublimat, 15 -proz. Salpetersäure oder 30 Tage langes Verweilen in 60 — 100-proz. Alkohol (Dold & Aoki). Dagegen wird diese Eigenschaft durch 40-proz. Formalin geschwächt, durch zweistündige Einwirkung von Natronlauge (15 Proz.) aufgehoben, was vielleicht mit der zerstörenden Wirkung von Lauge auf Anaphylatoxin zusammenhängt (Dold & Aoki). Umhüllt man scharf ge- trocknete Bakterien mit Fett (Sesamöl oder mit Paraffinum liquid.), so geben sie kein Anaphylatoxin. während Zusatz von Fett zu einem Gemisch von Bak- terien und Serum die Giftbildung nicht inhibiert (Dold & Aoki). Statt der (lebenden oder durch Kochen abgetöteten) Vollbakterien kann man auch Extrakte verwenden, die man mit Hilfe von NaCl- Lösung oder Lecithin-NaCl-Lösung gewinnt, und zwar auch dann, wenn man die Extrakte durch B er kefel d -Kerzen filtriert hat (Neüfeld & Dold). Die Volumina Normalmeerschweinchenserum dürfen nicht zu klein sein ; unter 3,0 ccm soll man nicht hinuntergehen. Goretti empfiehlt 6 — 7 ccm. Allergie und Anaphylaxie. 1105 DoLD 3 — 5 ccm als optimal. Die kleinste Menge „Komplement", bei der noch eine Dosis letalis Anaphylatoxin erzielt wurde, betrug bei Neufeld & Dold 2, bei Fkiedberger 1,5 ccm (Exitus erst nach einer Stunde). Bei konstant ge- haltener Bakterienmenge und Variation des Komplementes kann sich ein Ueber- scbuß des letzteren als hemmend erweisen (.Friedberger, Goretti). Nach Dold, Goretti u. a. soll man das ' Normalmeerschweinchenserum durch Entbluten von 400 — 450 g schweren Meerschweinchen mittels Ilals- schnittes gewinnen ; das Blut wird in Petrischalen aufgefangen, der Blutkuchen zwecks größerer Seruniausbeute in mehrere Stücke zerschnitten und das aus- gepreßte Serum, wenn nötig, zentrifugiert. Dold & Goretti geben ausdrück- lich an, daß die Serumgewinnuug nur 1 — 2 Stunden dauert und daß das Serum in dieseüi ganz frischen Zustande für die Anaphylatoxindarstellung verwendet werden soll. Vielleicht sind die Mißerfolge mancher Autoren auf Verwendung (mehrere Stunden bis einen Tag) alter Sera zu beziehen. Die Dauer des Kontaktes zwischen Meerschweinchenserum und Bakterien, die notwendig ist, um ersterem toxische Eigenschaften zu verleihen, beträgt bei niedriger Temperatur (Eisschrank) 20 — 24, bei 37 ° C 1 — 4 Stunden (Fried- berger & SzYMANOWSKi, Friedberger & Vallardi, Dold, Dold & AoKi); meist werden die Gemische 2 Stunden bei 37 o und weitere 18 — 20 Stunden im Eisschrank oder bei Zimmertemperatur (Goretti) gehalten. Als minimale Kontaktdauer bezeichnen Neufeld & Dold für Pneumokokken 30 Minuten, Friedberger & Szymanowski für Prodigiosusbacillen 10 Minuten, nach Aeonson ist sie noch kürzer und sollen tödliche Giftmengen bei Benützung getrockneter und zerriebener Bakterien schon in einer Minute entstehen können. Aus gekochten Bakterien soll sich das Gift rascher bilden als aus lebenden (Friedberger). Wartet man zu lange, so kann bereits gebildetes Gift wieder verschwinden (Friedberger); ebenso kann fertiges Anaphylatoxin leicht durdh Adsorption mit Kaolin, etwas schwieriger durch neuerlichen Kontakt mit Bak- terien z. B. Bacillus prödigiosus entgiftet werden (Ritz & Sachs). Die Bakteriolyse hat nach Neufeld & Dold mit der Anaphylatoxinbildung nichts zu schaffen. Digeriert man Choleravibrionen mit bloßem Komplement im Eisschrank, so daß die Auflösung zu Granula nur langsam vor sich geht, so entsteht das Gift; bebrütet man sie aber mit spezifischem Ambozeptor und Komplement bei 37 " C. so ist der Abguß trotz rascher Lyse unwirksam. Pneumokokken, die der Bakteriolyse gar nicht zugänglich sind, eignen sich für die Anaphylatoxingewinnung ziemlich gut. Die Bakteriolyse kann also nicht als Vorstufe der Giftbildung betrachtet werden, sondern vermag letztere bei raschem ^"erlaufe sogar zu verhindern. Dagegen erlauben die angeführten Ver- suche nicht den Schluß, daß der Antikörper bei der Bakterienanaphylaxie nicht mit dem bakteriolytischen Ambozeptor identisch ist (Dold). Auch die Phago- cytose beeinträchtigt nach Neufeld & Dold die Produktion von Anaphyla- toxin, welche auch Friedberger & Szymanowski, Miyaji in Gegenwart von Leukocyten verringert fanden ; ebenso können Leukocyt-en bereits fertiges Gift wieder abschwächen. Um über die Bedeutung der Bakterienanaphylatoxine ins Klare zu kommen, wäre es notwendig, den Mechanismus ihrer Entstehung und ihre Matrix genau zu kennen. Zunächst erscheint es nicht gut durchführbar, die Giftbildung als ein Ambozeptor-Komplement-Phänomen zu definieren; denn man kann statt passender Immunambozeptoren auch heterologe Immunsera, Nor- malpferdeserum verwenden, oder, wie hervorgehoben, diese Komponente ohne Schaden ganz eliminieren und die Digestion der Bakterien bloß mit frischem Normalmeerschweinchenserum durchführen, ohne daß die Giftbildung ausbleibt. Diese Versuche sprechen gegen eine Be- teiligung von Antikörpern bei der Bildung der „Bakterienanaphyla- toxine'' in vitro. Friedberger versucht den Widerspruch zwischen, der Tatsache, daß sich seine Gifte aus allen geeigneten Substraten ohne Mitwirkung spezifischer Antistoffe gewinnen lassen, und der Annahme einer Ambozeptorkomplementwirkung zu beseitigen, indem er auf den Gehalt des Normalmeerschweinchenserums an Ambozeptoren verweist. Wären aber die letzteren von Bedeutung, so müßte man verlangen, daß Handbuch der pathogenen Mikroorganismen. 2. AufL II. 70 1106 E.OBERT DOERR, der Zusatz von Immunserum die Giftproduktion beschleunigt oder er- höht; manche Versuche sprechen wohl in diesem Sinne (Friedberger & Nathan), in anderen (Dold, Aronsox, Moreschi & Vallardi) ließ sich kein entscheidender Einflui^ des Antikörpers nachweisen. Auch konnten Moreschi & Vallardi durch Abbinden der Normalambo- zeptoren ein bestimmtes Meerschweinchenserum seiner Fähigkeit zur Anaphylatoxinbildung nicht berauben. Endlich sind Normalambozep- toren für Milzbrandbacillen, Tuberkelbacillen, Staphylokokken im Kormalmeerschweinchenserum bisher auf keine "Weise nachgewiesen (Aronson). Da sich der Ambozeptor als überflüssig erweist, so wird es, wie Friedemann richtig hervorhebt, auch unwahrscheinlich, daß das Kom- plement von wesentlicher Bedeutung sei. Man begeht hier immer den Fehler, frisches Normalmeerschweinchenserum schlankweg als Kom- plement zu bezeichnen und damit zu präjudizieren, daß alle mit frischem Normalserum beobachteten Phänomene der Komplement- funktion zuzuschreiben seien. Um das Komplement auszuschalten, erhitzt man die frischen Sera verschieden lang auf 56— 60^ C und nennt sie dann inaktiviert d. h. der komplettierenden Fähigkeit be- raubt, ohne sich um die etwaige Zerstörung anderer Fermente, De- naturierung der Globuline etc. zu kümmern. Mit konzentriertem inaktivem Serum, mit NaCl - Lösung, Lecithin-Koch- salzlösung, destilliertem Wasser etc. gelaug es den meisten Autoren nicht, aus relativ kleineu Bakterienmengen Gifte zu erhalten, die akut tödlich wirkten ; intravenös injiziert, riefen sie bei Meerschweinchen und Kaninchen protrahierte Intoxikationen hervor, die erst nach mehreren "Stunden mit Exitus endigten (Neufeld & Dold, Seitz, Aronson, Lurä, Frosch, Goretti). Nur sehr große Bakterienmengen, die nach Friedberger & Mita, P. Th. Müller, Seitz schon als Vollbakterien akuten Exitus auslösen können, geben mit kom- plementfreien Extraktionsmittelu oder bei der Autolyse Gifte mit derselben Vollwirkung wie kleine Mengen mit frischem Normalserum (Frosch, Aronson, RosENOW u. a.)- Friedberger meint, daß es sich nur im letzteren Falle um fertige, in der Eprouvette entstandene Gifte handle, daß aber akut tötende, aus großen Mengen ohne Komplement dargestellte Extrakte oder Vollbakterien erst im Körper des Tieres durch Komplement zum Gifte werden; er und Frosch begründen ihre Ansicht damit, daß ein fertiges Gift keine Komple- mentverarmung im Blute hervorrufen dürfte, was aber bei Kochsalzextrakten der Fall sei. Von gegenteiligen Angaben wäre nur die von Friedemann & Herzfeld zu erwähnen, welche akut tödliche Gifte schon aus ^/o— 1 Prodigiosusagarkultur bekamen, und zwar mit inaktivem, aber verdünntem (5 Proz.) Meerschweinchen- serum, wenn auch nicht so konstant wie mit aktivem. Gegen die Beteiligung des Komplementes spricht auch die eigene Erfahrung, daß sich 24 — 36 Stunden alte, noch stark komplement- haltige Meerschweinchensera zur Gewinnung von Anaphj-latoxin schlechter eignen als die vorgeschriebenen 1 — 2 Stunden alten, und daß es mit mancher Probe von Normalmeerschweinchenserum das eine Mai gelingt, ein tödliches Gift zu erhalten, das andere Mal nicht, obzwar die Bedingungen der gleichzeitig angestellten Versuche ab- solut identische sind (Neufeld & Dold) ; das, was wir Komplement nennen, funktioniert jedoch in völlig regelmäßiger Weise. Noch fraglicher erscheint es, ob wir irgendein Eecht haben, die Entstehung der Bakterienanaphylatoxine als einen Verdauungsprozeß in vitro hinzustellen, der aus atoxischem Material giftige Spaltprodukte, erzeugt. Allergie und Anaphylaxie. 1107 Nach Friedberger & Mita geben die Bakterienanaphylatoxine allerdings positive Biuretreaktionen (ebenso wie Anaphylatoxine aus Präzipitaten), während Kontrollsera in gleicli kleiner Menge negative Ergebnisse liefern. Das würde darauf hinweisen, daß bei der AnaphylatoxindarsteUung Stoffe vom Charakter der Propeptone und Peptone entstehen ; wir wissen aber, daß reine Peptone gar nicht wirken wie Anaphylatoxine, sondern ziemlich bland sind und daß der toxische Stoff im sogenannten Wittepepton abiuret ist. Die Wirkung der Bakterienanaphylatoxine Avird außerdem durch Narkose mit Aether, Chloral, Urethan etc. aufgehoben (Ritz & Sachs, Rosenow), die des Wittepeptons nicht. Vom Komplement allein sind uns keine derart energischen chemischen Wirkungen bekannt, Wirkungen, ,die sich noch dazu an Bakterien mit Kon- servierung der Form abspielen müßten, da ja bei Auflösung (Bakteriolyse) der Leiber die Giftproduktion ausbleibt oder die schon gebildeten Gifte wieder ver- schwinden (Neufeld & Dold). Neben der noch unbewiesenen Verdauung durch Komplement halten Aron- SON und RosENOW noch einen zweiten Prozeß für möglich, der in vitro eben- falls zur fermentativen Aufspaltung von Bakterieneiweiß und zur Bildung von Anaphylatoxin führen soll : die Zerlegung durch proteolytische, in den Bakterien selbst enthaltene Enzyme. Die auf diesem Wege (durch Autolyse, Hitze- extraktion etc.) gewonnenen Gifte sind jedoch thermostabil. Was die Matrix des Giftes anlangt, so ist es höchst unwahrschein- lich, daß dasselbe aus den Bakterien oder wie man sich meist aus- drückt, aus dem Antigen hervorgeht (Friedberger, Neufeld & Dold, Dold), da bei Verwendung der verschiedensten Bakterien stets Gifte mit identischer Wirkung entstehen ; diese Gifte werden auch mit tierischem Eiweiß (Präzipitaten) erhalten und man müßte zugeben, daß der Abbau, die fermentative Aufspaltung von Proteinen, die eine so differente Konstitution besitzen, in vitro (und falls die vitro-Gifte mit der anaphylaktischen Noxe identisch sind, auch in vivo) stets bei denselben Zwischenstufen Halt macht. Noch weniger ist es akzep- tabel, den Ursprung des Giftes im Ambozeptor zu suchen (AI.Wasser- MANJJ & Keysser), dessen Vorhandensein und Menge für die Gift- bildung sichtlich irrelevant ist. Es bleibt also kaum etwas anderes übrig, als die Quelle der Anaphylatoxine in den dritten Faktor zu verlegen, der bei allen Darstellungen von ,,Bakterienanaphylatoxin'' identisch ist und dessen Menge und Beschaffenheit für die Giftbildung allein aussclilaggebend zu sein scheint, in das frische Normalmeerschweinchenserum, wobei man sich freilich davon emanzipieren muß, dasselbe als Komplement zu bezeichnen und über dieser einen Funktion alle anderen Bestandteile zu vernachlässigen. Das Serum, welches während seiner Bildung aus Plasma tatsächlich giftig ist und zwar ganz nach Art der Ana- phylatoxine, könnte seine Toxizität nach beendeter Koagulation nur deshalb verlieren, weil antagonistische Stoffe gebildet würden, welche das Serumgift verdecken. Fügt man Bakterien hinzu, so wirken sie auf diese Stoffe als Adsorbens und regenerieren die in latenter Form im Serum enthaltene Noxe (Eitz & Sachs, Doerr, Bauer, M. Neis- SER, Weil u, a.). Daß auch zellfreie Bakterienextrakte Meerschwein- chenserum pathogen machen (Dold), ist kein Gegenbeweis, da Ad- sorptionswirkungen nicht an das Vorhandensein mikroskopischer korpuskularer Elemente geknüpft sind; außerdem gelingt die Gift- bildung mit korpuskuläixn Gebilden (Erythrocyten, Bakterien, Prä- zipitaten) tatsächlich bedeutend leichter und konstanter als mit kol- loiden Lösungen (artfremdem Serum, Bakterienextrakten). Zugunsten der Adsorptionstheorie läßt sich auch das Ausbleiben der Gifthildung bei Umhüllung der Bakterien mit einer Fettschicht verwerten (Dold & AoKi). 70* 1108 Robert Doekr, Friedberger fand zwar, daß ein uud dasselbe normale Meerschweincheu- serum im Kontakt mit einer bestimmten Menge Prodigiosusbacillen giftig wurde, während es, mit Vibrio Metschnikoff in Berührung gebracht, ganz ungiftig blieb, oder daß das gleiche Serum aus rohen Metschnikoff- Vibrionen kein Gift, wohl aber aus gekochten extrahierte. Es soll daraus nach Friedberger erhellen, daß nicht das Meerschweinchenserum als solches für die gleiche Species giftig wird, sondern daß der Abbau des Antigens durch den Antikörper (Normal- ambozeptor -\- Komplement) das Gift liefert. Die Erscheinung kann aber auch besagen, daß verschiedene Bakterien oder dieselben Bakterien in verschiedenem Zustande ungleich auf Meerschweinchenserum einwirken. Diese Konzeption würde noch immer nicht ausschließen, daß die beschriebenen vitro-Gifte mit der Noxe verwandt sind, welche im Körper des Tieres nach einer Erstinjektion großer Bakterienmengen oder in gewissen Fällen nach erneuter Injektion kleinerer Dosen ent- steht und den Shock bedingt. So wie in der Eprouvette das Serum, so könnte in vivo das Plasma die Matrix darstellen ; und wenn sich in mancher Hinsicht Differenzen ergeben, so darf man nicht vergessen, daß es sich eben in beiden Fällen um eine verschiedene Matrix handelt, daß im Tier das Gesamtplasma, im Eeagenzglase nur eine beschränkte Quantität Serum in die Reaktion tritt, daß die Veränderung des Plasmas nur dann zum Shock führt, wenn sie sich momentan abspielt, während im Reagenzglase stundenlange gegenseitige Adsorptions- wirkungen das Serum in den Zustand versetzen, in dem es zur Noxe wird. Es ist jedenfalls natürlicher, den Shock, der sich z. B. nach der Erst- injektion großer Mengen eines beliebigen Bakteriums (in gekochtem Zustande) einstellt (P. Th. Müller), durch Alterationen im Blutplasma des injizierten Tieres zu erklären, als an einen momentanen Abbau eines blanden Körpers zu einem so intensiven Gift zu denken. Auch stimmt es nicht mit der Theorie vom parenteralen Abbau, daß in der Eprouvette eine tödliche Dosis Gift aus i/io — 1 Oese einer Bakterienart ,, abgespalten" werden kann, sogar durch bloßes Normalserum, während derartige Dosen selbst beim präparierten Tier, welches rascher ,, parenteral verdaut" als das normale und bei welchem der Abbau ja auch über die giftige Zwischenstufe führen mußte, niemals zur Erzeugung des akuten Todes ausreichen. Die Entdeckung der Bakterienanaphylatoxine und, ihre Erklärung als Abbau- produkte hat Friedberger in weiterer Konsequenz veranlaßt, die Existenz endocellulärer Bakteriengifte, der Endotoxine, ganz in Abrede zu stellen. Die primäre Wirkung von Bakterienleibern oder Extrakten auf das nicht vor- behandelte Tier soll ebenfalls auf der Vergiftung mit Anaphylatoxin beruhen, welches aus dem spezifischen Eiweiß durch parenterale Verdauung mit Hilfe von Normalambozeptoren und Komplement entsteht. Auch Dold hält es für das einfachste, sich die Leibessubstanz der Bakterien als relativ harmlos vor- zustellen und den Abbau für eine Vorbedingung jeder toxischen AVirkung zu erklären, solange nicht das Ge^nteil bewiesen ist. Nach Friedberger soll das Gift, welches der Wirkung von Bakterien bei ersten oder erneuten Injektionen zu- grunde liegt, ganz dasselbe sein^ wie bei allen anaphylaktischen Experimenten, während Weichardt & Schittenhelm meinen, daß sich je nach der Beschaffen- heit des Antigens verschiedene giftige Spaltprodukte bilden, daß jedes Antigen in ein anderes Giftspektrum fermentativ gespalten werden kann. Einen anderen Standpunkt vertreten R. Pfeiffer und Bessau. Sie unter- scheiden dreierlei Bakteriengifte: 1) die Ektotoxine (kurz Toxine), welchen spezifische, nach dem Gesetz det Multipla neutralisierende Antikörper, die Antitoxine gegenüberstehen, 2) die Endotoxine oder intracellulären Gifte, die gleichfalls spezifische Antikörper produzieren ; diese Antikörper entgiften das toxische Antigen aber nicht durch einfache Neutralisation, sondern durch einen Abbau des Endotoxins, haben Ambozeptortypus und bedürfen zu ihrer Wirkung der Mithilfe des im Tierkörper vorhandenen Komplementes. Die Entgiftung erfolgt nicht nach dem Gesetz der Multipla. Sowohl Ekto- als Endotoxine er- zeugen also eine spezifische Immunität, deren Mechanismus aber verschieden ist, 3) das Anaphylaxietoxin, dessen Einwirkung auf den Körper diesen in einen Zustand verminderter Reaktionsfähigkeit versetzt (aspezifische Resistenz;. Allergie und Anaphylaxie. 1109 Ohne auf die Berechtigung dieser Theorie genauer einzugehen, darf man doch die Sache soweit für entschieden halten, daß kein zwingender Grund vorliegt, die Endotoxine als präformierte Gifte zu streichen. Gegen das Anaphylatoxin kann man nicht immunisieren, ja gegen die vitro-Gifte konnte Lura nicht einmal eine Resistenz erzeugen, während uns Antiendotoxine von bedeutender entgiftender Wirkung (Besredka) bekannt sind. Auch unterscheiden sich die l)rimären Wirkungen verschiedener Bakterienproteine zum Teil nicht unbeträchtlich. Endlich sehen wir, daß Tiere, welche einen Shock nach Reinjektion artfremden Serums überstanden haben, sich rasch erholen und überleben, wälirend der Shock nach Erstinjektion oder Reinjektion von Bakterien zwar ebenfalls schnell nachlassen kann, nach einigen Stunden aber meist von Exitus gefolgt ist, so daß in beiden FäJlen nicht ein gleiches Anaphylaxiegift die einzige Ursache der Schädigung sein kann. Die Tuberkulinüberempfindlichkeit und die Anapliylaxie gegen Tuberkuloproteine. Daß sich mit spezifischem Tuberkelbacilleneiweiß Anaphylaxie erzielen läßt, ist von vorneherein anzunehmen, einerseits in Analogie mit anderen Bakterienproteinen, andererseits, weil sich mit diesem Antigen Eiweißantikörper (Präzipitine,* komplementablenkende Ambo- zeptoren) leicht darstellen lassen. Nach Friedberger & Mita verhalten sich die zur Präparierung und Reinjektion erforderlichen Mengen ähnlich wie bei anderen Bakterien. Von lufttrockenem Material waren bei intravenöser Injektion 0,02 g pro 100 g Körpergewicht für normale Meerschweinchen innerhalb von 3 Minuten tödlich; wurden die Tiere mit 0,02 g subkutan vorbehandelt und nach 11 Tagen reiujiziert, so war die akut tödliche Dosis auf ein Viertel = 0,005 g pro 100 g Körper- gewicht abgesurüien. Auch passive Anaphylaxie ließ sich erzeugen ; nach intra- peritonealer Injektion von 1 — 3 ccm Antituberkuloseserum vom Pferde (Höchst, Marburg) konnte man mit 0,005 — 0,007 g akuten Exitus herbeiführen. Neufeld & Dold gelang es dagegen weder mit dem Serum tuberkulöser Meer- schweinchen noch mit dem Serum immunisierter Tiere (Ziegenserum und Höchster Pferdeserum) auf gesunde Kaninchen oder Meerschweinchen eine Ueberempfindlichkeit gegen die intravenöse Injektion von TuberkelbaciUen zu übertragen: sie verwendeten aber nicht wie Friedberger getrocknete und zer- riebene Leiber, sondern die offenbar zu wenig aufgeschlossenen lebenden Bacillen. Wir sehen demnach auch hier eine starke primäre Toxizität des Bakterienproteins, hohe Präparierungsdosen und eine beim aktiv oder passiv präparierten Tier nur auf das 3 — ■4-fäche gesteigerte Empfind- lichkeit. Ob man mit einem der zahlreichen Tuberkelbacillenpräpa- rate (Tuberkuline) anaphylaktische Experimente ausführen kann, hängt natürlich in erster Linie von seinem Gehalt an unverändertem, spezifischem Tuberkuloprotein ab. Rosenäu & Anderson berichteten schon 1907, daß Meerschweinchen, die sie mit einem wässerigen Extrakt von humanen TuberkelbaciUen sensibilisiert hatten, auf die subkutane oder intraperitoneale Reinjektion mit Unruhe, Dyspnoe, Soranolenz, Juckreiz antworteten. Genauere Aufschlüsse lieferte Baldwin^, 2, der auf den Faktor des Eiweiß- gehaltes, den schon Doerr ausdrücklich hervorgehoben hatte, gebürende Rück- sicht nahm. Baldwin wusch, trocknete und pulverisierte auf Bouillon gewachsene TuberkelbaciUen, extrahierte das erhaltene Pulver 1 — 2 Tage bei 50" C mit 1110 ßOBERT DOERR, destilliertem Wasser und benützte die überstehende Flüssigkeit; sie wird als Extraktemulsion bezeichnet und entspricht dem unter dem Namen T. 0. be- kannten Tuberkulinpräparat. Baldwin konnte mit einer Menge dieses wässerigen Extraktes aktiv präparieren, die Ü,0ÜÜ8 g Trockengewicht entsprach. Krause fand später, daß mit 0,00005 g subkutan vorbehandelte Meerschweinchen so überempfindlich wurden, daß sie auf 0,0016 g postorbital (Reinjektion durch das Foramen opticum nach Baldwin) oder intravenös mit akutem Exitus, auf 0,0009 g mit Krankheitserscheinungen reagierten; einen Shock, der allerdiuga bald vorüberging, aber sehr deutlich war, konnte Krause auch durch die intra- peritoneale Probe mit U.0075 — 0,0125 g erzielen. Normale, nicht vorbehandelte Kontrollen vertrugen 0,005 g postorbital, 0,05 g intravenös oder 0,1 — 0,15 g intraperitoneal ohne Schaden (Krause). Für die Zwecke der Sensibilisierung lassen sich die Extrakte auch verwenden, wema man sie durch Berkefeldkerzea filtriert oder auf 90 — 120° C erhitzt, und ebenso kann man die sorgfältig ge- waschenen Extraktionsrückstände = T. R. (Baldwin), abgetötete Bacillen (0,02 g nach Friedberger & Mita, Sata) oder Alttuberkulin (Orsini, Sata) dazu benutzen, weil offenbar alle diese Präparate genug spezifisches Tuberkelbacillen- eiweiß enthalten, um Meerschweinchen aktiv hypersensibel zu machen. Dagegen wirkten filtrierte wässerige Extrakte wegen der Eiweißverarmung durch die Filteradsorption weniger gut shockauslösend als unfiltrierte, das durch Kochen dargestellte Alttuberkulin (Baldwin), in welchem das Eiweiß durch Hitze seiner antigenen Fähigkeiten größtenteils beraubt wurde, gar nicht, weil zur Aus- lösung des Shocks ebenso wie bei der Serumanaphylaxie mehr Eiweißantigen erforderlich ist, als zur Sensibilisierung. So ist es auch zu verstehen, daß Tuberkulin B, entfettete Tuberkelbacillen, in denen die Proteine bei der Her- stellung zu stark denaturiert wurden, nicht oder nur ausnahmsweise gegen eine Reinjektion desselben Materiales präparieren. — Aehnliche Unterschiede wie zwischen der shockauslösenden Kraft des Alttuberkulins und des wässerigen Bacillenextraktes zeigen sich auch beim Vergleiche ihrer PräzipitabUität durch Immuupräzipitine, die man durcJi Immunisierung mit Tuberkelbacillen gewonnen hat (Trudeau, Baldwin & Kinghorn), was wegen der Relation zwischen Ana- phylaxie und Präzipitation Beachtung verdient. Sehr gut scheint sich für anaphylaktische Experimente Tuberkulol B zu eignen (Landmanx), wenig dagegen Trockentuberkulin (Bruyant). Die meisten \'ersuche wurden begreiflicherweise mit Alttuberkulin ange- stellt und fielen größtenteils negativ aus, wenn das Präparat zum Sensibilisieren und zur Reinjektion benützt wurde (Hamburger, Kraus, Löwexstein & Volk, Wassermann, Pappenheim, v. Pirquet, Baldwin). Nur Marie & Tieffenau bericJiten über positive Resultate bei Kaninchen und Orsini erhielt 67 Proz. Todesfälle, wenn er Meerschweinchen mit 2 ccm Alttuberkulin sub- kutan präparierte und später eine gleiche Dosis intraperitoneal reinjizierte. Lewis klärte diesen Widerspruch auf, indem er feststellte, daß mit Alttuberkulin sensibilisierte Meerschweinchen auf den Verdampfungsrückstand von gewöhn- licher Fleischbrühe ebenso stark reagieren wie auf Alttuberkulin, wodurch die Versuche von Marie & Tieffenau und Orsini ihre Bedeutung für die Frage der Tuberkuloproteinanaphylaxie einbüßen. Die negativen Ergebnisse erklären sicli, wie erwähnt, aus dem geringen Gehalt des Alttuberkulins an spezifischem Bakterieueiweiß. Daß ein solcher vorhanden ist, beweisen aber die Angaben, daß man mit Alttuberkulin gegen eiweißreichere Tuberkelbacillenpräparate, z. B. Neutuberkulin (Slatineanu & Danielopolu, Marie & Tieffenau), gegen T.O. oder T. R. (Baldwin, Krause, Sata) etc. sensibilisieren kann. j3en zum Auslösen eines Shocks zu geringen Antigengehalt des Alttuberkulins durch Er- höhung der Reinjektionsdosen auszugleichen, ist wegen der primären Toxizität nicht möglich; doch gelingt es durch die Wahl einer geeigneten Methode, das Alttuberkulin auch zum Nachweis einer bestehenden Allergie gegen Tuberkulo- protein heranzuziehen. Nach Mantoux & Perroy zeigen gesunde, mit Tuber- kulin präparierte Meerschweincher» vom 10. Tage an während eines verschieden langen Zeitraumes positive Intradermoreaktion gegen Tuberkulin, allerdings schwächer als tuberkulöse. Ist die Reaktion negativ geworden und präpariert man nochmals subkutan, so ist die Intradermoreaktion jetzt stärker als das erste ]Mal. Das größte Interesse beansprucht natürlich die Frage, ob die nach- gewiesene Anaphylaxie gegen Tuberkiiloproteine (vgl. auch Capelle, Slatineanu & Danielopolu) mit der von R. Koch entdeckten Tuber- kulinüberempfindlichkeit des tuberkulösen Organismus identifiziert Allergie und Anaphylaxie. 1111 werden darf d. h. ob es sich hier um wesensgleiche, verwandte oder völlig disparate Phänomene handelt. Die Mehrzahl der Forscher lehnt jeden engeren Zusammenhang entschieden ab und will die Tuberkulinüberempfindlichkeit überhaupt nicht als einen anaphylaktischen Prozeß gelten lassen (Landmann, Heinemann, Kraus, Löwenstein & Volk, Aronson, Römer, Sorgo, Bruyant, Joseph, Lewis), andere wieder sprechen sich unentschieden aus (Armand-Delille, J. Bauer) und nur w^enige, wie Friedberger, Capelle gehen soweit, daß sie die Tuberkulinüberempfindlichkeit direkt als Anaphylaxie gegen Tuberkelbacilleneiweiß definieren. Will man zu diesem Thema Stellung nehmen, so ist folgendes zu berücksichtigen : Die eiweißarmen Tuberkuline, wie z. B. das Alttuberkulin, wirken auf das tuberkulöse Tier und den tuberkulösen Menschen mächtig ein, während gesunde, mit Tuberkuloprotein präparierte Tiere auf derartige Präparate gar nicht oder minimal reagieren. Friedberger hebt hervor, daß die einmalige experimentelle Sensibilisierung den Organismus in viel geringerem Grade überempfindlich machen dürfte als eine natürliche protrahierte Infektion und daß dalier im letzteren Falle auch die minimalen Eiw^eißspuren des Alttuberkulins für die Erzielung starker allergischer Wirkungen ausreichen. Das ist immer- hin möglich, trifft aber hier nicht zu. Drehen wir nämlich die Ver- suchsanordnung um und injizieren wir eiweißreiche Präparate (lebende oder tote Bacillen, Extraktemulsion, T. 0. etc.), so gelingt es zwar auch beim tuberkulösen Tier Erscheinungen zu erzeugen, die an anaphylaktische gemalmen (Babes, Römer, Proca, Straus & Gama- LEiA, Detre, Bail), aber durchaus nicht immer. Krause injizierte die für vorbehandelte (gesunde) Meerschweinchen in so geringen Mengen tödlichen Extraktemulsionen Baldwins nichtpräparierten, tuberkulösen Meerschweinchen postorbital und sah nur bei einigen akuten Exitus mit Lungenblähung ; selbst wenn man eine Serie von Tieren gleichartig tuberkulös infizierte, ließ sich akuter Tod nur bei 60 Proz. herbeiführen. Zweitens gleichen die Symptome, welche eiweißarme Tuber- kuline beim tuberkulösen Tier hervorrufen, nicht dem anaphy- laktischen Shock ; es fehlt die Lungenblähung, der Komplement- schwund, der Tod erfolgt nie so blitzartig (J. Bauer. Landmann). Es ist also kaum anzunehmen, daß der Stoff, der den anaphylak- tischen Shock bei einem mit Tuberkuloprotein sensibilisierten Tier auslöst, derselbe ist wie das auf Tuberkulöse wirkende Prinzip der Tuberkuline. Das geht auch aus Untersuchungen von Xöwenstein & E. P, Pick, Th. Pfeiffer u. a. hervor, nach welchen auf eiweiß- freien Nährböden gewonnene Tuberkuline das tuberkulöse Tier in typischer "Weise beeinflussen, trotzdem sie weder die chemischen Re- aktionen der Albumosen oder Peptone, sondern nur die der Polypeptide liefern. Polypeptide wirken aber nicht anaphylaktogen. Endlich kann man jede Form von Anaphylaxie, auch die gegen Tuberkuloproteine (Friedberger & Mita, Landmann, Capelle), mit dem Serum der anaphylaktischen Tiere auf normale übertragen. Bei der Tuberkulinempfindlichkeit ist diese passive Uebertragung bisher nicht geglückt (Kraus, Moro & Noda, Roepke & Busch, Landmann, Frugoni, Kraus, Löwenstein & Volk, Onaka^, Eitner & Stoerk, Friedemann, Neufeld & Dold, Vallardi, Quarelli, Bail, Joseph, 1112 Robert Doerk, XovotxyS. Sniox) und. die vereinzelten Angaben über positive Re- sultate (^Yamaxouchi 1, 3, Bauer 3, Lesxe & Dreyfus, Caraffa, Helm- HOLTZ, Delanoe) haben sich bei Xachprüfungen nicht bestätigen lassen. Natürlich muß inan bei derartigen passiven Uebertragungen zur Auslösung der allergischen Symptome jene eiweißarmen Tuberkuline verwenden, gegen welche ja der Tuberkulöse so empfindlich ist, und nicht die eiweißreichen Bacillen- extrakte oder Bacillenemulsionen (Yamanouchi), da man sonst Gefahr läuft, statt der Tuberkulinempfindlichkeit eine neben derselben bestehende Anaphylaxie gegen Tuberkuloproteine nachzuweisen. Andererseits wurde hervorgehoben, daß man echte Anaphylaxie mit den Organen der anaphylaktischen Tiere nicht auf normale tiber- tragen kann. Im Gegensatz dazu läßt sich die Tuberkulinüberempfind- lichkeiL bei normalen Meerschweinchen erzeugen, wenn man ihnen tuberkulöses Gewebe intraperitoneal einspritzt. War die Menge des tuberkulösen Gewebes (Organpreßsäfte oder Extrakte sind nicht geeignet) ausreichend und der tuberkulöse Prozeß in demselben ge- nügend fortgeschritten, so verenden die Tiere, wenn man gleichzeitig oder nach 2 — 72 Stunden 0,5 ccm Tuberkulin injiziert. Der Exitus erfolgt nach Stunden, und die Sektion ergibt stets an dem Orte hoch- gradige Veränderungen, an welchem das tuberkulöse Gewebe lag (ste- rile exsudative Peritonitis), gleichgültig, ob man das Tuberkulin auch intraperitoneal oder subkutan oder intravenös einspritzt. Diese Ver- suchsanordnung liefert 100 Proz. positive Resultate (Bail) und die nur partiellen oder negativen Erfolge anderer Autoren (Onaka, Jo- seph, Kraus, Löwexsteix & Volk, Neüfeld & Dold) sind dem Umstände zuzuschreiben, daß bestimmte, von Bail zum Teil erst später angegebene Kautelen unberücksichtigt blieben. Daraus läßt sich der Schluß ziehen, daß das Gift, welches die Symptome und den Exitus der mit Tuberkulin injizierten tuberkulösen Tiere bedingt, nur durch die Einwirkung von Tuberkulin auf tuber- kulöses Gewebe entstehen kann, wälirend sich die anaphylaktische Xoxe beim Zusammentreffen von Antigen und Serumantikörper bildet und in keiner Weise an die Anwesenheit von Gewebsbestandteilen der hypersensiblen Tiere gebunden ist. Neben der Tuberkulinempfindlichkeit kennt man auch eine Tuberkulinimmunität. die sich im Laufe der Immunisierung tuber- kulöser Individuen häufig einstellt. Man hat dieselbe mit der Anti- anaphylaxie verglichen, wie sie Rosexau & Axdersox bei Meer- schweinchen fanden, denen man in kurzen Intervallen große Serum- dosen einspritzt, aber mit Unrecht; denn im Serum solcher Meer- schweinchen finden sich anaphylaktische Antikörper, welche passiv überempfindlich machen, im Serum tuberkulinimmuner Menschen da- gegen Stoffe, welche die Wirkung des Tuberkulins aufheben, dasselbe entgiften, die sogenannten Antituberkuline (PicivErt & Löwexsteix). Solche Schutzstoffe, die eine gewisse Aehnlichkeit mit Antitoxinen aufweisen, sind auf dem Gebiete der Anaphylaxie bisher unbekannt. Daher sehen manche Forscher (Löwexsteix, E. P. Pick) im Tuberkulin kein spezifisches Bakterieneiweiß oder Endotoxin (Ruppel & Rickmaxx), sondern ein von den Bakterien sezemiertes, den_ echten Toxinen nahestehendes Produkt. Die Immunität oder der Schutz gegen tuberkulöse Infektion hängen viel- leicht mit der Immunität oder Empfindlichkeit gegen Tuberkulin zusammen. Mit der Anaphylaxie gegen Tuberkelbacilleneiweiß haben sie nichts zu tun, da Allergie und Anaphylaxie. 1113 mit demselben präparierte Meerschweinchen ihre Resbtenz gegen experimentelle tuberkulöse Infektion nicht ändern (Trudeau, Krause). Aul" Einzelheiten hinsichtlich der Lehre von der Tuberkulin- reaktion kann hier nicht eingegangen werden. Diese große Gebiet wird an anderer Stelle dieses Handbuches ohnehin in erschöpfender Form dargestellt. Physikalische Theorie des anaphylaktischen Shocks. Wir haben gesehen, daß die einseitig chemische Behandlung des Anaphylaxieproblems nicht zu einer allseitig befriedigenden Lösung, sondern zu einer Keihe von Einzelergebnissen und an sich gewiß inter- essanten Analogien geführt hat, deren Zusammenhang sowohl unter- einander als mit dem Ausgangspunkt dieser Forschungsrichtung nicht nur durch beweiskräftige Tatsachen, sondern zum Teile durch spekula- tive Erwägungen vermittelt wird. Man hat speziell den anaphylak- tischen Shock, der den Brennpunkt des Interesses bildet, als den Aus- druck einer perakuten Vergiftung durch Eiweißderivate erklärt, stieß aber auf beträchtliche Schwierigkeiten, als man die Natur des Giftes, seine Entstehung und seine Muttersubstanzen zu präzisieren suchte; weder die Theorie vom Freiwerden präformierter Antigengifte, noch die Hypothese, daß die Vereinigung von Antigen und Antikörper ein toxisches Eeaktionsprodukt liefert, oder daß das Antigen oder der Antikörper parenteral verdaut, zu Giften aufgespalten wird, passen für alle Fälle. Sie sind schon deshalb unwahrscheinlich, weil die Erscheinungen des Shocks sich immer gleichen und man dadurch gedrängt wird, die Bildung eines Giftes aus den verschiedensten Muttersubstanzen zu konzedieren. Verdauungsprozesse verlaufen auch außerdem viel zu langsam, als daß ihre Intervention wesentlich be- teiligt sein könnte ; nimmt man an, daß schon die allerersten Anfänge der parenteralen Aufspaltung das Gift liefern (FriedbergerI^), so gerät man in einen Widerspruch mit jenen Arbeiten, aus denen hervor- geht, daß gerade die hochmolekularen Eiweißbausteine, die sich zu- nächst aus den ungiftigen nativen Proteinen bilden, wenig oder gar nicht toxisch sind (E. Zünz, Hartoch & Sirexskij, Popielski u.a.). Ohne daher den Wert der erzielten Erkenntnisse im mindesten anzuzweifeln, darf man sich doch die Frage vorlegen, ob sich für den anaphylaktischen Shock das doktrinäre Festhalten am Begriff der Eiweißzerfallstoxikose empfiehlt, oder ob hier nicht andere Be- trachtungsweisen fruchtbar werden können. Einen vielversprechenden Anfang in dieser Richtung hat Nolf gemacht. XoLF denkt sich auf Grund von Versuchen, die er an Hunden vornahm, und zu welchen er sich durch die zahlreichen Analogien der Peptonvergiftuug und der anaphylaktischen Reaktion veranlaßt sah, den Vorgang so, daß art- fremde Proteine ebenso wie der wirksame Stoff des Wittepeptons zu den thrombopl astischen Substanzen gehören, deren Einführung in die Blutbahn das labile Gleichgewicht der Kolloide stört und zu einer Abscheidung von Fibrin an der Oberfläche der Leuko- cvten und KapiUarendothelien führt, die eine besondere Verwandt- schaft zum Pepton und artfremden Eiweiß haben. Die Endothelien antworten mit einer gesteigerten Sekretion von Antithrombosin, welche sich bei Durch- blutung der ausgeschnittenen Hundeleber unter Zusatz von Wittepepton oder heterologem Serum (Rinderserum) direkt nachweisen läßt (Nolf, Doyox, Morel & Policard). Der Verbrauch von Fibrinogen einerseits, die Bildung von Anti- 1114 Robert Doerr, thrombosin andererseits erklären die Ungerinnbarkeit des Blutes bei der Peptonvergiftung und beim aoapliylaktischen Shock. Durch den Koagulations- vorgang an der endothelialen Innenfläche der Gefäße wird die Viskosität der letzteren erhöht und die Leukocyten bleiben kleben; infolgedessen ist ihre Zahl im strömenden Blut vermindert. Die Endothelien werden durch die superfizielle Thrombenbildung geschädigt und entweder bloß abnorm durchlässig (lyraphagoge Wirkung, Oedeme bei lokaler Anaphylaxie) oder sterben ab, die Gefäße werdeu dann durch Gerinnsel total obturiert und es erfolgt lokale Nekrose (lokale Anaphylaxie, Ophthalmoreaktion etc.). Die Reizung des Endothels überträgt sich auch auf die glatte Muskulatur, daher die Vasoparalyse, das Sinken des Druckes. — Bei dem mit Eiweiß vorbehandelteu (anaphylaktischen) Tier ist die Affinität der Endothelien zum Antigen infolge ihres Antikörpergehaltes erhöht und sie werden daher ungleich rascher und intensiver in seine Wirkungs- sphäre gebracht, andererseits sind auch die ins Plasma abgestoßenen Produkte der Endothelien (Antikörper, Thrombenzym) mit dieser gesteigerten Affinität zum Antigen behaftet, so daß sich die initialen Gerinnungsphänomene schneller vollziehen. Dementsprechend liefert die Durchblutung einer anaphylaktischen Hundeleber mit Antigen oder die Durchblutung des normalen Orgaues mit ana- phylaktischem Blut und Antigen ungleich mehr Antithrombosin, als die Durch- leitung gleicher Antigenmengen bei Fehlen der anaphylaktischen Komponente. Die Beteiligung der Endothelien konnten M. Arthus und B. Ötawska auch noch auf einem anderen Wege erweisen. Cobragift wird in vivo durch eine bestimmte Menge vorinjizierten antitoxischen Pferdeserums neutralisiert, gleich- gültig, ob man den Versiich an einem normalen oder einem anaphylaktischen, mit Pferdeserum präparierten Kaninchen ausführt. Verwendet man aber einen Giftüberschuß, dann sterben die anaphylaktischen Tiere rascher, aber nicht des- halb, weil sie das vor dem Gift injizierte Antitoxin rascher abbauen, sondern weil das Pferdeserum beim sensibilisierten Kaninchen die Gefäße für das Gift permeabler macht, wie direkte Kontrollexperimente ergaben. NoLF nimmt also eine durch Gerinnungsvorgänge bedingte Veränderung im Blutplasma an, welche zunächst das Endo- thel beeinflußt und die Kapillarwände durchlässiger macht. Daß das Blut im anaphylaktischen Shock eine Alteration erleidet und daß diese in einem Zusammenhange mit der Gerinnung stehen muß, wußte man nun schon lange; nur hat man der Erscheinung keine Auf- merksamkeit geschenkt und sie als rein sekundär betrachtet. Es wäre abei" vielleicht natürlicher gewesen, den Vorgang im Blute in den Vordergrund zu stellen, da ja die intravenöse Injektion beim ana- phylaktischen Tier so außerordentlich wirksam ist, während man bei subkutaner und intraperitonealer Einspritzung nicht einmal mit 500- bis 1000-fachen Antigenmengen gleiche Effekte erzielt. Doerr & R. Pick injizierten spezifisch vorbehandelten Meerschweinchen Anti- gen (Pferdeserum) in die Bauchhöhle und untersuchten die Zeit, nach welcher dasselbe im Blut auftritt; es zeigte sich, daß dies gerade in jenem Moment der Fall ist, in welchem solche Tiere anaphylaktische Symptome darbieten, so daß es wahrscheinlich ist, daß sich bei dieser Art der Auslösung des Shocks nicht ein Gift in der Bauchhöhle bildet, sondern ein durch resorbiertes Antigen herbeigeführter patho- genetischer Vorgang im Blute abspielt. Es könnte demnach die Sache auch so liegen, daß im Sinne von NoLF der Gerinnungsvorgang eine primäre Bedeutung besitzt, und daß alle übrigen Erscheinungen erst durch denselben bedingt sind. Es bietet nun gewiß das größte Interesse, daß man das Patho- genwerden des arteigenen Blutes bei der extravaskulären Ge- rinnung mit Leichtigkeit verfolgen kann. Schon 1877 hatte Köhler Experimente veröffentlicht, in welchen er Kaninchen durch Injektion frischen, arteigenen, ja von demselben Tier stammen- den defibrinierten Blutes akut zu töten vermochte, und später wurde diese Allergie und Anaphylaxie. 1115 Tatsache von BoGGS, Morawitz, Weber, Studzixski, luunentlich aber von MoLDOVAX bestätigt und genauer studiert. Derselbe fand, daß arteigenes und artfremdes Blut, welches man soeben durch Schütteln mit Glasperlen defibriniert hat. bei Kaninchen und Meerschveeinchen akuten Exitus hervorruft, wenn man es intravenös in genügender Menge injiziert ; Meerschweinchen zeigen das für die Anaphylaxie typische Bild der blassen, anämischen, ballonierteu Lunge. Auf große, knapp letale Dosen erfolgt beim Meerschweinchen ein Abfall der Körpertemperatur um mehrere Grade, nach mittleren Dosen, die zwar nicht den Tod, wohl aber schwere Symptome hervorrufen, ebenfalls ein Temperatursturz, an den sich später Fieber anschließt ; nach kleinsten Mengen, die keine äußeren Erscheinungen auslösen, steigt die Körperwärme unmittelbar nach der Injektion allmählich an und erreicht schließlich extreme Grade. Die Wirkungen des defibrinierten Blutes sind labil und man braucht um so größere \'oluniina zur Tötung gleich schwerer Tiere, je längere Zeit zwischen dem Defibrinierakt und der Injektion verstreicht ; nach 1/2 — V4 Stunden genügen auch die größten Mengen nicht, um den Tod oder auch nur schwere Symptome zu provozieren. Serum, welches man aus frischem defibriniertem Blute durch rasches Zentri- fugieren gewinnen kann, ist gleichfalls giftig, ebenso die abzentrifugierten und einmal gewaschenen Erythrocyten. Läßt man das Blut aus der Ader in Xatrium- zitratlösung tropfen, um die Gerinnung zu verhüten, so wirken die abzentri- fugierten und zweimal mit NaCl gewaschenen Blutkörperchen an sich nicht toxisch ; erst wenn man sie mit Porzellanperlen schüttelt, verhalten sie sich wie defibriniertes Vollblut oder das aus letzterem ohne Verzug gewonnene Serum (Moldovax). Später wies Doerr nach, daß es nicht nötig ist, das Blut in der beschriebenen Weise zu defibriuieren, sondern daß dasselbe beim Stehen in paraffinierten Gefäßen spontan giftig wird, ebenso wie das daraus isolierte Plasma ; diese Toxizität ist nach beendeter Gerinnung im Serum nicht mehr nachweisbar, wohl aber im Preßsafte der Koagula. Verzögert man die Ge- rinnung, indem man das Blut in Hirudinlösung oder in 0,7-proz. kolloidaler Kieselsäure auffängt, so erhält sich die Toxizität des Vollblutes und Plasmas länger, oft durch mehrere Stunden (Doerr). Auch an der isolierten Zelle läßt sich das Toxischwerden arteigenen Blutes verfolgen. Der ausgeschnittene glatte Muskel antwortet auf den Kontakt mit artfremdem Protein mit einer Kontraktion ; arteigenes ungeronnenes Blut ist unwirksam, sowie sich aber die ersten Spuren eines Koagulums zeigen, reagiert der Muskel wie auf ein heterologes Protein; und ganz frisches Meerschweinchen- serum ist für den Meerschweinchenmusk.el ebenso stark erregend wie frisches Pferdeserum (W. H. Schultz). Woher stammt dieses bei der Gerinnung in vitro auftretende Gift und wodurch wirkt es auf das Tier? Köhler dachte, es sei mit dem Fibrinferment identisch, was aber später bestritten wurde, da nach Boggs arteigene Fibrinfermentlösungen von verschiedenen Tieren auch in größeren Mengen gut vertragen werden. Xach Stud- ziNSKi soll das Gift nicht durch den Gerinnungsprozeß, sondern durch die mechanische Schädigung der roten Blutkörperchen beim Defibri- nieren entstehen ; doch sind die Erythrocyten, wie man sich leicht überzeugen kann, mikroskopisch intakt, und das Schütteln mit Perlen erscheint für die Produktion der toxischen Substanz in keiner Weise erforderlich (Doerr). Da Moldovan und Doerr konstatierten, daß auch das hämoglobin- und zellfreie Plasma resp. Serum giftig ist, so dürften Erythrocyten und Leukocyten für die Giftbildung über- haupt weniger in Betracht kommen, sondern eher das Plasma selbst oder die Blutplättchen. H. Freund, der sich mit der schon von Moldovan genau geschilderten Fieberwirkung arteigenen defibrinierten Blutes befaßte, sucht die Quelle des toxischen Stoffes im Zerfall der Plättchen, der durch das mechanische Moment des Schütteins be- fördert wird. Blut mit intakten Plättchen ist nicht pyrogen, wohl aber isolierte, mit XaCl gewaschene oder in Wasser aufgelöste Plätt- chen. Daraus geht hervor, daß nicht die Anwesenheit der Plättchen als korpuskularer Elemente den Organismus schädigt, sondern be- 1116 Robert Doerr, Stimmte, von denselben an das Plasma abgegebene (adrenalinähnliche) Stoffe; daher erzeugt auch völlig blutplättchenfreies, durch inten- sives Zentrifugieren gewonnenes Plasma Fieber, besonders wenn es aus geschütteltem Citratblut stammt. Die Rolle, welche die Blutplättchen bei der Gerinnung übernehmen (vgl, auch die noch nicht vollendete Arbeit von Bordet, Ann. Pasteur, 1912), und die Beobachtung, daß ihre Extrakte (Plakine nach Gruber & Futaki) auch auf Zellen pflanzlichen Ursprunges deletär einwirken, macht ihre Bedeutung für die Toxizität des gerinnenden Blutes äußerst wahrscheinlich. Doch lassen sich ganz ähnliche Stoffe auch aus Erythrocyten, Leukocytea und den verschiedensten Organzellen durch Zertrümmerung gewinnen. Die Giftwirkung heterologer (Wooldridge) und homologer Organextrakte (Brieger & UhlenhuthJ ist schon seit Dezennien bekannt (Conradi, Fuld, BoGGS, Pekelharing, W. A. Schmidt). In neuerer Zeit wurde das Thema wieder aufgenommen und von Mathes, Harry, Gesa Bianchi, Kraus, Volk & Löwenstein, Briot, Jouan & Staub, Champy & Gley, Dold & Ogata, Roger. Blaizot, L. Loeb, Bouin, Ancel & Lambert etc. behandelt. Nach Bianchi eignen sich besonders die Lungen, dann die lymphatischen Organe (Lymphknoten und Appendix beim Kaninchen) und die Drüsen mit innerer Sekretion (Nebenniere, Hypophysis) zur Darstellung der Organextraktgifte, die nicht nur durch Zertrümmerung der Zellen, sondern auch durch Digerieren (2 Stunden) angeschnittener Organe in physiologischer NaCl-Lösung gewonnen werden können (Dold & Ogata). Homologe Orgänextrakte sind toxischer ala heterologe (Gesa Bianchi). Die Gifte werden durch 70° C zerstört, durch 56° C aber nicht angegriffen, passieren nicht durch Berkefeldfilter und werden durch Adsorption mit Kaolin so wie die Anaphylatoxine entgiftet. Frisches Serum in genügender Menge hebt die Toxizität nach 1/2 — 1-stündiger Kontakt- dauer nach Dold & Ogata, L. Loeb auf, und zwar homologes besser als heterologes ; diese Angabe wird aber von Gesa Bianchi bestritten, und AscoLi & IzAR wollen sogar das gerade Gegenteil, die Bildung tödlicher Gifte bei 12- stündiger Digestion subletaler Organextraktgiftdosen mit frischem Serum be- obachtet haben. Kaninchen sind für die Organextrakte am empfindlichsten. Nach eigenen Versuchen ist das beste Organextraktgift die frische, eben vom Kalbe mit dem scharfen Löffel abgekratzte Vaccine, die in minimalen Mengen Kaninchen blitzartig tötet und lange ohne jeden Zusatz im Eisschrank kon- serviert werden kann. Das frische defibrinierte Blut und die wässerigen Organextrakte sollen dadurch den Tod der Versuchstiere herbeiführen, daß sie in- folge ihres Gehaltes an einem gerinnungserregenden Ferment (Cyto- zym, Kinase, Gewebskoagulin) die rasche Entstehung von Thromben in den großen Gefäßstämmen veranlassen ; nimmt man die Sektion am agonalen Tier vor, so sind in der Tat die rechte Herzhälfte, die Lungenarterien und Venen meist völlig von Gerinnseln ausgefüllt (L. Loeb, Dold). Da bei der Anaphylaxie, w^enigstens in der Form des typischen aktiv anaphylaktischen Experimentes, das Blut nicht intravital gerinnt, sondern im Gegenteil eine verminderte Koagulations- fähigkeit zeigt, so hat man bisher einen Zusammenhang zwischen der Anaphylaxie und den beschriebenen Erscheinungen meist abgelehnt. Es ist aber nicht richtig, wenn man in der Obturation des Herzens und der Gefäße die einzige Todesursache nach Einspritzung von Organextrakten oder defibriniertem Blute sucht. Gesa Bianchi sah, daß die intravaskulären Thrombosen bei knapp tödlichen Dosen von Organextrakt fehlen, und das gleiche beschreibt Moldovan bei Meer- schweinchen, die intravenös defibriniertes, arteigenes Blut erhalten ; auch wirken diese Stoffe nicht nur von der Blutbalin aus toxisch, sondern auch vom Peritoneum und von der Subcutis, allerdings erst in weit größeren Mengen, genau wie die Anaphylaktogene bei der Reinjektion hypersensibler Tiere (Moldovan, Gesa Bianchi), An- Allergie und Anaphylaxie. 1117 dererseits finden sich intravitale Thrombenbildungen nach der Injek- tion primär toxischer Normal- und Immunsera, der „Anaphylatoxine" Friedbergers, nach Injektion von Antigen-Antikörpergemischen, Prä- zipitaten, nach der Vergiftung durch Immunsera, welche gegen das Eiweiß oder die Erythrocyten des injizierten Tieres gerichtet sind etc., wie das schon Biedl & Kraus richtig beobachtet und Dobrr & Wein- furter, DoERR & MoLDOVAN neuerlich bestätigt haben ; alle diese Prozesse rechnet man aber zu den anaphylaktischen Vorgängen, und zumindest bei den akuten Toden durch Injektion von Antigen -\- Antiserum (Doerr & Weinfurter) wohl mit Recht. Die Kluft wird auch dadurch überbrückt, daß Organextrakte in subletalen Dosen eine gewisse Widerstandsfähigkeit gegen sonst tüdliche Mengen erzeugen (Champy & Gley, Gesa Bianchi, Briot, Jouan & Staub, A^jcel, Bouin & Lambert), eine Erscheinung, die lebhaft an die Peptonimmunität (Fang & Mühlheim, Gley & Lebas), sowie an jene aspezifische Resistenz erinnert, die der anaphylaktische Shock gegen einen erneuten Shock (Kumagai & Odaira), gegen Pepton (Biedl & Kraus), gegen Harngifte (EscH, H.Pfeiffer) etc. hinterläßt. Die Wirksamkeit der anaphylaktischen Antigene bei der Reinjektion (Fried- BERGEE & Mita), die primäre Toxizität der Normal- und Immunsera (Fried- berger & Tassawa), der Anaphylatoxine (Friedberger), der wässerigen Organextrakte (Gesa Bianchi), des Harnes (Esch) etc. hängen ferner bei intravenöser Injektion in gleicher Weise vom Tempo der Einspritzung ab und stehen zu demselben oder zum Diluitionsgrad in umgekehrter Proportion. Es wäre daher sehr wohl denkbar, daß Veränderungen des Blutes im Sinne einer beginnenden Gerinnung auch im anaphylaktischen Shock den eigentlichen Grund der Erscheinungen bilden. Bei der aktiven Anaphylaxie wären sie dadurch bedingt, daß jene Anteile des Plasmaeiweißes, welche als Träger des Antikörpers fungieren, mit dem Antigen der Reinjektion abreagieren, wodurch die Zusammen- setzung des Plasmas eine momentane Veränderung erfährt und das Gleichgewicht der Blutkolloide plötzlich gestört wird. Bei passiver Anordnung treten im Plasma zwei von außen zugeführte Eiweißsub- strate in Reaktion und es ist an sich nicht notwendig, daß das Plasma daran partizipiert, wie ja aus der Tatsache erhellt, daß ein Meer- schweinchen, dem man intravenös Antiserum einspritzt, nicht sofort gegen intravenös eingespritztes Antigen überempfindlich ist, sondern erst nach geraumer Zeit (Doerr & Russ). Wahrscheinlich muß der passiv einverleibte Antikörper im Tiere erst in Beziehungen zum Plasma treten, deren Natur uns zurzeit unbekannt ist; erst dann be- teiligt sich das Blut des Tieres selbst und wird zur Noxe. Ob das veränderte Plasma selbst pathogen wird, oder ob seine alterierte Zu- sammensetzung zum Zerfall von Blutplättchen führt, vielleicht auch von Leukocyten oder Erythrocyten *), mag dahingestellt bleiben. Jeden- "*) Bordet & Gengou stellen fest, daß Immunsera und zugehörige Eiweiß- antigene beim Zusammentreffen in vitro, selbst wenn jede sichtbare Präzipitation ausbleibt, rote Blutkörperchen agglutinieren, und zwar auch dann, wenn diese Erythrocyten durch Antigen oder Immunserum allein nicht beeinflußt werden. Das Phänomen bezeichnen sie als Koagglutination. Es kann auch in vitro momentan eintreten, und zeigt sich am intensivsten bei Benützung von Meerschweinchenerythrocyten. Die vorherige Berührung von Immunserum mit Blutkörperchen entzieht demselben nicht die Eigenschaft, später mit Antigen unter Koagglutination zu reagieren. Dagegen wird der Komplex Antigen-Anti- korper durch die koagglutinierten Erythrocyten der Reaktionsflüssigkeit entzogen. Iii]iziert man normalen Tieren Immunserum, so überträgt sich die koagglu- tinierende Fähigkeit des letzteren auf das Serum des Tieres, und Bürdet & 1118 Robert Doerr, falls sehen wir, daß die Leukocyten und Blutplättchen im Shock an Zahl erheblich abnehmen, und daß das Blut der verendeten Tiere beim Gerinnen in vitro hämoglobinhaltiges Serum (Sleeswijk) auspreßt. Für eine bestimmte Versuchsanordnung hat sich der indirekte Beweis er- bringen lassen, daß nicht Giftabspaltungen aus dem Antigen, sondern Stö- rungen im gegenseitigen Mengenverhältnis der Eiweißkolloide des Plasmas und eine dadurch hervorgerufene Giftigkeit des Blutes die krankhaften Er- scheinungen bedingen. Injiziert man einem Meerschweinchen Meerschweinchen- präzipitin, so reagieren die Eiweißkörper des Meerschweincheublutes mit den zugeführten des Imraunserums im Sinne kolloidaler Fällung ; das Blut gerinnt entweder intravital oder es wird ungerinnbar. Nun läßt sich das Präzipitin durch eiweißfällende, in vitro absolut identisch wirkende Kolloide, vornehmlich Kieselsäurehydrosol (0,07 Proz., 1 ccm ) ersetzen, ohne etwas an dem Charakter der Symptome oder des Obduktionsbefundes zu ändern (Doerr & Moldovan). Bei weiterer Verfolgung dieser Richtung wäre überhaupt im Auge zu be- halten, daß man die diversen Formen der Anaphylaxie nicht völlig gleich- stellen darf, auch nicht die allseits anerkannte aktive und passive. Schon die außerordentlich verschiedene Beteiligung des Komplementes spricht dagegen ; weiter wissen wir, daß die glatten Muskeln beim aktiv sensibilisierten Meer- schweinchen eine größere Empfindlichkeit gegen das anaphylaktische Antigen zeigen als beim normalen (W. H. Schultz), ein Moment, das bei der passiven Anaphylaxie wegfällt. Auch die Serumanaphylaxie und die Erythrocyten- anaphylaxie sind wohl kaum gleichwertig, da bei letzterer aus den Blutkörperchen gerinnungserregende Stoffe in Freiheit gesetzt werden können ; dementsprechend folgt auch die Gewinnung von vitro-Giften bei den Erythrocyten anderen Ge- setzen als bei Serumantigenen (Friedberger). Ohne der weiteren Entwickelung dieser Anschauungen vorzu- greifen, kann man bei aller Reserve doch sagen, daß der Gedanke viel für sich hat, in einer Veränderung des Blutes die unmittelbare Ursache des Shockphänomens zu suchen. Wenn die Veränderung auch nicht genauer präzisiert, sondern nur vorläufig in einen erst zu definierenden Konnex mit Gerinnungsvorgängen gebracht ist, wenn es weiter auch noch festzustellen ist, wie sich die Dinge bei den ver- schiedenen Formen anaphylaktischer Versuche im Detail gestalten, so isr doch im Lichte der schon bekannten Tatsachen manches ver- ständlicher, als das bisher bei Anwendung der Theorie von einer parenteralen Aufspaltung des Antigens zu Giften der Fall war z. B. die Identität der anaphylaktischen Erscheinungen trotz Anwendung der verschiedensten Antigene, der antagonistische Einfluß von XaCl, CaCU, die Rolle der Leber bei der Anaphylaxie des Hundes u. v. a. Hirudin kann das Blut völlig ungerinnbar machen, ohne Shock auszulösen (Salus). Das ist aber kein Gegenargument gegen die erläuterte Hypothese, da die Verminderung der Koagulationsfähigkeit durch Hirudin und durch Anaphy- laxie auf ganz verschiedenen Wegen zustande kommen können. Auch bewirkt Hirudin die Ungerinnbarkeit ziemlich langsam, während eine Shockwirkung eine momentane Veränderung voraussetzt ; hinreichend aktives Hirudin (die einzelnen Proben variieren sehr beträchtlich) kann aber Meerschweinchen in Dosen von 0,01 bis 0,02 g akut unter den typisch anaphylaktischen Kriterien töten und schwächere Präparate sind nicht unschädlich, sondern erzeugen protrahierte, nach Stunden unter Hypotheraiie mit Exitus endende Krankheitsbilder bei Meerschweinchen, Kaninchen und Menschen (Doerr). — Ebensowenig ist der Gengou glauben, daß dann die Reinjektion von Antigen zu einer Koagglutination i der eigenen Erythrocyten führen kann. Wie man sieht und wie auch die Autoren j — mit einer vorläufigen Reserve — betonen, zeigen diese Erscheinungen j Beziehungen zur passiven Anaphylaxie, zum plötzlichen Eintritt des Shocks, , zur hohen Empfindlichkeit der Meerschweinchen gegen Reinjektion von Antigen u. dgl. Es wäre von Interesse, ob nicht auch die Blutplättchen die Erscheinung der Koagglutination zeigen oder eine derselben entsprechende Schädigung erfahren. Allergie und Anaphylaxie. 1119 fehlende Antagonismus von Hirudin gegen Anaphylaxie (Friedberger, Man- WARiNG, Lesne & Dreyfus) gegen die physikalische Theorie verwertbar, da Hirudin auch gegen kolloidale Kieselsäure keinen Schutz gewährt, wo die Genese der Symptome durch Blutalteration klar zutage liegt (Doerr & MoL- DOVAX). Die von Friedemann und Friedberger beschriebenen vitro-Gifte könnten von diesem Standpunkt aus mit der waliren anaphylaktischen Noxe nahe verwandt sein. Das arteigene Serum, welches seine Toxi- zität nach beendeter Gerinnung verliert, kann sie durch die Berührung mit verschiedenen Substanzen wiedergewinnen, sei es, daß antagonisti- sche Stoffe durch xAdsorption entfernt oder inaktive Fermente reakti- viert werden (Ritz & Sachs, Weil, Doerr, Bauer, Mutermilch). Blaizot verweist darauf, daß frische Sera in vitro durch Zu- fügen von Organextrakt sofort ein erhöhtes Koagulationsvermögen für Oxalatplasma gewinnen. Versetzt man nun Hundeserum mit einem Extrakt aus Darmschleimhaut des Hundes, Kaninchenserum mit Ex- trakt aus Darmschleimhaut des Kaninchens, so wirken die Sera nach minutenlangem Kontakt akut toxisch auf Meerschweinchen, wenn man sie intravenös injiziert. Die verendeten Tiere zeigen Thromben im Herzen und den großen Gefäßen. Meerschweinchenserum konnte durch homologe Darmschleimhaut nicht, wohl aber durch heterologe giftig gemacht werden. Blaizot setzt diese Erscheinung mit Recht in völlige Parallele zur Darstellung der Anaphylatoxine ; was bei letzteren nur langsam und unsicher erreicht wird, geschieht sofort, wenn man dem Serum wirksames Thrombozym in Gestalt des Ex- traktes aus Darmschleimhaut zufügt, nämlich eine Erhöhung des thromboplastischen Vermögens. Einen Zusammenhang zwischen der Anaphylaxie und den Ana- phylatoxinen lehnt Blaizot ab, weil im Vergiftungsbild der letzteren der Bronchospasmus fehlt. Das ist indes nicht zutreffend, da man z. B. bei nicht maximalen, zweifellos anaphylaktischen Reaktionen den Bronchialkrampf ebenfalls vermißt und da er andererseits bei den Anaphylatoxinen vorkommen kann. Durchgreifende Unterschiede bestehen nicht ; wenn bei den Anaphylatoxinen Thrombosen häufiger gesehen werden (Biedl & Kraus), wenn sich diese Gifte in vitro aus kleinen Mengen Pferdeserum und Meerschweinchenserum bilden, während Pferdeserum für das normale Meerschweinchen nicht giftig ist etc., so ist zu bedenken, daß in vivo das strömende Blut, in vitro das Serum schädigende Fähigkeiten gewinnen muß, zwei vom Stand- punkte der Gerinnungslehre recht verschiedene Elemente. Mit dieser physikalischen Hypothese des anaphylaktischen Shocks soll aber nicht in Abrede gestellt werden, daß bei protra- hiertem Verlaufe Vergiftungen im engeren Sinne durch Eiweiß- spaltprodukte mitintervenieren. Nur handelt es sich dabei meist nicht um abgebautes Antigen, sondern um zerfallendes körpereigenes Eiweiß des Tieres. Beziehungen der Anaphylaxie zur Pathologie des Menschen. Wenn . gerade dieses Kapitel besonders kurz gefaßt wurde, so geschah das nicht ohne Grund. So berechtigt das Bestreben sein mag, das Geltungsbereich der Anaphylaxie in der Pathologie des Menschen zu ermitteln, so darf man doch darüber nicht vergessen, daß das Phänomen selbst vorläufig 1120 Robert Doere, nur hypothetischen Deutungen, und zwar nicht nur in einem Sinne zugänglich ist; verweist man daher alle möglichen Krankheitsbilder, deren Aetiologie und Pathogenese ebenfalls unklar ist, auf Grund äußerer Analogien in das Gebiet der anaphylaktischen Prozesse, so kann man ein derartiges Vorgehen nicht gerade als kritisch bezeichnen. In der neueren Literatur erfährt man, daß die Geburt, die Eklampsie, die Epilepsie und andere cerebrale Affektionen, die Urämie, die Gicht, die sympathische Ophthalmie, das Asthma, der Verbrennungs- tod, photodynamische Schädigungen, Schwangerschaftsdermatosen und andere Hauterkrankungen, die Autointoxikationen, die Kachexien, das Säuglingsfieber, die Spasmophilie, die bei Entozoen (Bandwürmern, Echinokokken, Distomum) beobachteten Störungen, das Resorptions- fieber, die Idiosynkrasien, alle Erscheinungen bei Infektionskrank- heiten (Fieber, Inkubation, Hauteffloreszenzen, Heilung) u. v. a. auf Anaphylaxie zurückzuführen seien ; es ist gewiß begreiflich, wenn man dieser Tendenz, den Krankheitsbegriff fast zur Gänze durch den der Eiweißüberempfindlichkeit zu ersetzen, mit Skepsis begegnet. Da- her sollen im folgenden nur solche Angaben in Umrissen skizziert werden, welche wenigstens zum Teile durch Tatsachen motiviert sind. I. a) Die Serumkrankheit. Bei ca. 10 — 15 Proz. aller Menschen, denen man ein erstes Mal Pferdeserum injiziert, treten nach einer Inkubation von 7 — 12 Tagen Erscheinungen auf, welche in Fieber, Exanthemen, Drüsen seh wellungen, Oedemen, Gelenkerscheinungen, Juckreiz und Leukopenie bestehen und von v. Pirquet & Schick unter dem Xamen ,,Serumkrank- heit'' zusammengefaßt wurden. Sie sind w^ohl kaum anders zu er- klären, als daß der nach 7 — 12 Tagen im Blute auftretende Antikörper mit noch vorhandenen Antigenresten unter Krankheitssymptomen ab- reagiert (v. Pirquet & Schick). Hinsichtlich der Symptome sei bemerkt: Das Fieber ist remittierend oder intermittierend, fällt lytisch ab und ist eine der häufigeren Erscheinungen ; es kann bei vorhandenem Exanthem fehlen. — Das Exanthem beginnt meist an der Injektionsstelle, breitet sich von dort über den ganzen Körper aus und zeigt in der Regel den Charakter einer stark juckenden Urticaria. Masernähnliche, hämorrhagische oder andere Exanthemformen sind selten. — Die Schwellungen der Lymphknoten sind gewöhnlich regionär, im Gebiet der Injektionsstelle gelegen, können aber auch allgemein werden. — Die Gelenke ^ind nicht oft affiziert, schmerzhaft, geschwollen, sehr selten von serösem Exsudat erfüllt ; Vereiterungen von Lymphknoten oder Gelenken werden nicht beobachtet. — Die Oedeme treten gleichfalls zunächst an der Injektionsstelle auf, sodann im Gesicht, weniger häufig an den abhängigen Körperpartien. — Die Dauer der Serumkrankheit schwankt, beträgt aber meist mehrere bis zu 14 Tagen ; das Ende des Prozesses läßt sich prognostizieren, da es durch die Rückbildung der Oedeme und der Drüsenschwellungen einige Zeit vorher angezeigt wird. Die Intensität der Serumkrankheit weist alle Varianten von schweren Verlaufsformen bis zu ganz leichten, abortiven Fällen (formes frustes von Lehndorff) auf. Die Inkonstanz der Serumkrankheit Erstinjizierter beruht wohl in erster Instanz auf der großen Verschiedenheit der Antikörperproduktion bei Individuen derselben Art, die besonders bei einmaliger Antigeuwirkung hervortritt. Injiziert man einer Reihe von Kaninchen je 1 ccm Pferdeserum, so kann man beobachten, daß die Präzipitinbildung in vielen Fällen ganz ausbleibt, in den restlichen verschieden stark ist und daß der Antikörper auch nicht immer zu derselben Zeit im Blute erscheint. Zweitens kann sie von der Schnelligkeit abhängen, mit der das eingespritzte Pferdeserum eliminiert wird, da das Erscheinen des Anti- körpers nur dann Symptome bedingt, wenn noch Antigenreste vorhanden sind ; deshalb wächst die Häufigkeit der Serumkrankheit mit der Größe der Dosis Pferdeserum (Ruffer, Daut), da große Mengen Pferdeeiweiß weniger leicht Allergie und Anaphylaxie. 1121 und vollständig eliminiert oder abgebaut werden wie geringe ; allerdings ver- anlassen erstere auch im allgemeinen eine lebhaftere Antikörperbildung. Der Nachweis der Antikörper gegen Pferdeeiweiß ist in Form der Prä- zipitine bei der Serumkrankheit häufig (Hamburger & Moro), wenn auch nicht immer geglückt, woran die angewendete Technik Schuld tragen mag. — In jüngster Zeit fand Bauer, daß im Serum von Kindern, die einmal 8 — 16 ccm Diphtherieheilserum erhalten haben, konstant Agglutinine für Pferde- erythrocyten auftreten, welche sich mikroskopisch noch bei 200-facher Verdünnung nachweisen lassen ; sie erscheinen am 6. Tage, erreichen am 12. bis 14. das Maximum und verschwinden bisweilen erst nach längerer Zeit. Nach wiederholten Seruminjektionen tritt die Agglutininproduktion schon am 3. Tage ein und weist einen höheren Titer auf. Bauer schlägt vor, die Reaktion zur Diagnose von anaphylaktischen Zuständen zu verwenden z. B. zur Ent- scheidung der Frage, ob ein Exanthem (Urticaria) wirklich auf Serum beruht oder nicht. Kaninchen, die man mit Hühnereiweiß oder Menschenmilch be- handelt, bilden Hämagglutinine für die Erythrocyten der korrespondierenden Species ; doch ist es nicht möglich, die Artspezifität der Eiweißüberempfindlich- keit mit der Probe zu entscheiden, selbst bei quantitativem Vorgehen, da auch verwandte Erythrocyten verklumpt werden. Nach Francioni u. a. ist der Komplementgehalt des Serums während der ganzen Dauer der Serumkrankheit vermindert, nach F. Bauer nur im Beginne. Manche Kliniker verwenden als Prophylaktika gegen die Serum- krankheit Erstinjizierter Calciumsalze (Netter, Gewix, BlighJ, andere wie Schippers und Wentzel hatten damit gänzlich negative Resultate ; Wallace sah Serumsymptome nach Verabreichung von Nebennierenextrakt verblüffend rasch verschwinden. Analoga zu der Serumkrankheit des Menschen nach Erstinjektionen hat man auch bei Tieren mehrfach beobachtet. Nach H. Lemaire verlieren Kaninchen 7 — 12 Tage nach der Injektion artfremden Serums, also in der Zeit, wo in ihrem Blut Präzipitine auftreten, 100 — 200 g Gewicht. Beclere, Chambon & Menard injizierten 7 Kälber mit 10 ccm Pferdeserum pro 1 kg Körpergewicht ; 4 Tiere zeigten typische Serumkrankheit (Exantheme, Gelenkschmerzen), die nach 4 Tagen eintrat und 2 — 3 Tage dauerte. Aronson & Piorkowski sahen bei Pferden nach artfremdem Serum allgemeine Papeleruption auftreten ; auch Jellinek (zit. nach Biedl & Kraus) machte analoge Wahrnehmungen an Pferden. Manwaring sensibilisierte Hunde durch 1 — 2 ccm Pferdeserum pro Kilogramm subkutan ; ein Teil derselben starb etwa 2 Wochen nach der ersten Einspritzung spontan an Abmagerung, Enteritis und Pneumonie, woraus Man- waring schließt, daß die Tiere um diese Zeit einen Zustand durchmachen, in welchem sie für interkurrente Infektionen besonders empfänglich sind. — Ehr- lich & Morgenroth, Moreschi geben an, daß 10—12 Tage nach der Ein- spritzung größerer Serumquantitäten bei Kaninchen Komplementschwund eintritt und eine ganz ähnliche Beobachtung machte Nadejde an Meerschweinchen. b) Injiziert man einem Menschen ein zweites Mal Pferdeserum, und liegt zwischen beiden Injektionen ein Intervall von mindestens 10 — 14 Tagen, so entspricht diese Anordnung völlig dem Typus des aktiv anaphylaktischen Experimentes. Selbstverständlich ist demnach die intravenöse und intraspinale Reinjektion gefährlicher als die sub- kutane, große Dosen lösen schwerere Symptome aus als kleine, pasteu- risierte (vielleicht auch abgelagerte) Sera wirken schwächer als frische (BujwiD, Besredka, Spronk, Fein). Je nach der Länge des Intervalles kann die Reaktion einen ver- schiedenen Charakter aufweisen. 1) Beträgt das Intervall zwischen der ersten und zweiten Injektion ca. 10—40 Tage, so hat die letztere eine „sofortige" Reaktion zur Folge (v. Pirquet & Schick). Sie beruht darauf, daß das reinjizierte Antigen im Organismus noch auf erhebüche Mengen Antikörper stößt, die ihre Entstehung der ersten Ein- spritzung verdanken. Da die Injektionen meist subkutan ausgeführt werden, so hat diese sofortige Reaktion beim Menschen nur selten den Charakter des Shocks (vgl. S. 977); meist kommt es zu einer etwas protrahierteren Erkrankung, die indes viel kürzer dauert als die Serumkrankheit der Erstinjizierten (1—2 Tage). Es erfolgt ein Handbuch der pathogenen Mikroorganismen. 2. Aufl. II. 71 1122 Robert Doerr, hoher und rascher Anstieg der Körpertemperatur, an den Lidern und Lippen treten Oedeme auf und an der Haut zeigt sich ein ausgebreitetes Exanthem, welches meist die Beschaffenheit einer stark juckenden Urticaria darbietet, jedoch innerhalb 24 Stunden sein Aussehen mehrfach wechseln, masernähnlich oder erythemartig werden kann. Die Injektionsstelle schwillt sehr rasch unter Schmerzen an (spezifisches Oedem nach v. Pirquet & Schick) ; die Schwellung erreicht nach 24 Stunden ihr Maximum und geht dann unter Nachlassen der Schmerzen wieder zurück. 2) Ueberschreitet das Intervall 6 Monate, so sind nicht mehr genügende Mengen von Antikörpern vorhanden, um eine sofortige Reaktion auszulösen; der menschliche Organismus zeigt aber seine Allergie dadurch, daß er auf den erneuten Antigeureiz mit einer rascheren und intensiveren Produktion von Antikörpern antwortet. Dementsprechend ist die Inkubation der Serumkrankheit kürzer als bei Erstinjizierten (2 — 3 Tage), die Symptome intensiver und der ganze Prozeß wickelt sich meist innerhalb eines einzigen Tages ab: beschleu- nigte Reaktion nach v. Pirquet & Schick. 3) Bewegt sich das Intervall zwischen I1/2 und 6 Monaten, so kann die Menge des disponiblen Antikörpers groß genug sein, um eine sofortige Re- aktion hervorzurufen ; sie ist aber unter Umständen zu klein, um die gesamte Quantität des reinjizierten Antigens abzusättigen und es tritt daher außerdem noch eine beschleunigte Reaktion auf: es ist das die Doppelreaktion nach V. Pirquet & Schick. Diese verschiedenen Formen sind jedoch nicht streng voneinander ge- schieden, so daß z. B. eine bloß beschleunigte Reaktion ßchon nach einem Intervall von 3 Monaten, und umgekehrt eine sofortige auch nach mehreren Jahren beobachtet werden kann (v. Pirquet & Schick, Currie, Marfan u. a.). Um die Gefahren wiederholter Seruminjektionen zu vermeiden, hat schon Doerr erwogen, ob man nicht verschiedene Heilsera von verschiedenen Tieren gewinnen könnte. AscoLi empfiehlt für prophylaktische Injektionen gegen Di- phtherie antitoxische Hammelsera, für therapeutische hochwertige Pferdesera (an- allergische Sera). — Besredka, später auch Neufeld, Doerr, Friedberger u.a. machten den Vorschlag, besonders in solchen Fällen, wo intravenöse oder intra- spinale Reinjektionen unbedingt notwendig werden und böse Folgen wegen des zeit- lichen Abstandes von einer vorhergegangenen Pferdeseruraeinspritzung zu be- fürchten stehen, zunächst eine kleine Dosis Serum subkutan oder intramuskulär zur Absättigung des Reaktionskörpers, also zur Erzeugung von Antianaphylaxie zu geben , nach Lissowskaja, RosAiSrow wäre diese prophylaktische Injektion mit 0,05 ccm pro Kilogramm Körpergewicht zu bemessen und dürfte die eigent- liche Heildosis nicht früher als nach zwei Stunden nachinjiziert werden. Die prophylaktische Dosis soll nach RosAXOW. Gaussel u. a. keine Erscheinungen erzeugen und die Folgen der Heildosis völlig verhindern oder doch bedeutend abschwächen, was aber mit den Erfahrungen von Netter, Grysez & Dupuich im Widerspruch steht (s. S. 1083), durch welche insbesondere die Un^fährlich- keit der prophylaktischen Injektion wenigstens für bestimmte Fälle in Frage ge- stellt wird. Noch bedenklicher müßte es sein, die prophylaktische Injektion in dem von RosAXOW verlangten Ausmaß (0,4 — 2,0 ccm) intravenös vorzunehmen und die Heildosis 10 Minuten später nachfolgen zu lassen ; wenn auch Rosanow an seinem Material keine bedenklichen Zufälle sah, so könnten sie doch bei ge- wissen Individuen, wie die Fälle von Netter, Grysez & Dupuich zeigen, eintreten. Das Verlangen von Netter erscheint daher berechtigt, die prophy- laktische Seruminjektion vorsichtiger zu dosieren, besonders wenn sie direkt in die Venen ausgeführt wird. In letzterem Falle wäre es übrigens gar nicht nötig, die pi'ophylaktische von der Heildosis durch ein längeres Inter- vall zu trennen, vielmehr könnte man die gesamte Serummenge zwar intravenös, aber fraktioniert und zunächst in sehr kleinen Dosen injizieren (Doerr, Friedberger). Da die Antianaphylaxie sehr rasch eintritt, können die einzelnen Portionen ziemlich schnell aufeinander folgen und es müßte daher auch möglich sein, das Fraktionieren durch ein langsames Tempo der Injektion zu ersetzen (Doerr). Friedberger & Mita haben in der Tat experimentell gezeigt, daß aktiv sensibilisierte Meerschweinchen 10 - fache Multipla der letalen Antigendosis vertragen, wenn man dieselben nicht innerhalb weniger Sekunden, sondern innerhalb von 50 — 60 Minuten intravenös einspritzt ; die Autoren betonen, daß die günstige Wirkung der verlangsamten Injektionsgeschwindigkeit auch dadurch unterstützt wird, daß bekanntermaßen zur Neutralisation einer gegebenen Menge Antikörper weniger Antigen bei fraktioniertem Zusatz ausreicht. Sie konstruierten einen Apparat für intra- Allergie und Anaphylaxie. 1123 venöse Seruminjektionen beim Mensctien, der eben auf das Prinzip aufgebaut ist, daß das Serum zwar fortlaufend, aber immer nur in Spuren in die Zirkulation gelangt. Praktische Erfahrungen stehen noch aus. ^ Die Versuche, die Heilsera ohne Schädigung ihrer wirksamen Komponente durch Zusatz von NaOH (Mo- Ruzzi & Rkpacij oder HCl (Carxot & Sclavu) ungefährlich, „anallergisch" zu machen, mit anderen Worten des Anaphylaktogens bei Konservierung des Antikörpers zu berauben, sind experimentell nicht sicher begründet, am Menschen auch kaum anwendbar. Ebensowenig können die Folgen von Reinjektioneu durch Pasteurisieren der Sera oder durch Ausfällen der Antitoxine mit Amraon- sulfat (Heilserum nach Gibson, vgl. Park & Throne, Rosenau & Anderson) abgewendet werden. — Pharmakologische Antidota des Shocks wie Atropin (Auer), Chloralhydrat (Banzhaf & Famulener), Chlorbaryum sind im Tier- experiment erst in Dosen wirksam, die eine Verwendung beim Menschen aus- schließen. Belin empfiehlt die intravenöse präventive Injektion von Tallianine, einem ozonisierten Terpen, oder die interne Vorbehandlung resp. Therapie mit CaCU ', er stützt sich auf Tierversuche, die bei einer Nachprüfung nicht bestätigt werden konnten. c) In vereinzelten Fällen trifft man auch Individuen, welche auf die parenterale Zufuhr von Pferdeserum sofort — ohne Inkubation — mit schweren Erscheinungen reagieren, ohne daß eine par- enterale Sensibilisierung vorausgegangen wäre (Bokay, Allard, Gottstein, Langerhans, Neuwelt, Besche, Willey u.v.a.)- Da die anaphylaktischen Symptome in unmittelbarem Anschluß an die Autigenzufuhr auftreten, so kann der Mechanismus, der nach v. Pirquet der typischen Serumkrankheit Erstinjizierter zugrunde liegt, hier keine Geltung haben. Es existieren aber für solche Fälle andere Erklärungsmöglichkeiten. Zunächst könnte man an eine angeborene, konstitutionelle Allergie denken, die auf einem besonders hohen Gehalt des Blutes an Normalambozeptoren für Pferde- eiweiß beruhen müßte (Allard, C. Brück). Zweitens müssen wir es nach den experimentellen Erfahrungen über alimentäre und perkutane Sensibilisierung namentlich bei jugendlichen Individuen zulassen, daß eine Aufnahme von un- verändertem Eiweißantigen durch die Haut oder den Verdauungstrakt in irgend- einer Lebensperiode stattgefunden hat, die zur Bildung von Reaktionskörpern und damit zur Entstehung der Allergie führte (Doerr, Scheller). Auf diese letzte Kombination würden die Berichte von Rosenthal über die Häufigkeit der Serumkrankheit bei den mit Pferdemilch aufgezogenen Tartarenkindern hin- weisen. Drittens könnte die Empfindlichkeit auf einer besonderen nervösen Veranlagung des Individuums, auf einer Labilität nervöser Systeme (Wolff- Eisner, Eppinger) beruhen. Endlich kann auch die Beschaffenheit des Serums eine Rolle spielen, da nach Bokay sofortige Reaktionen Erstinjizierter nach manchen Serumproben besonders häufig konstatiert werden ; vielleicht sind frische Sera mehr zu fürchten als abgelagerte. II. Von ähnlichen Standpunkten sind auch die ,, Eiweißidiosyn- krasien" zu beurteilen, die sich nur insofern von den eben angefülirten Beobachtungen unterscheiden, als bei ihnen die orale Einverleibung von Eiweißantigenen von Krankheitserscheinungen gefolgt ist. Da es im Tierexperiment gelingt, nicht nur vom Darmkanal aus zu sensi- bilisieren, sondern auch Shock auszulösen und Antianaphylaxie zu er- zeugen (Eichet, Besredka, Nobecourt u. a.), so sind auch solche Fälle ihres rätselhaften Charakters zum Teil entkleidet. Sie sind auf enterale oder perkutane Sensibilisierung zurückzuführen, viel- leicht auch auf konstitutionelle Ursachen, unter denen namentlich eine abnorme Durchlässigkeit der Darmwand, Vorhandensein von Normalambozeptoren, neuropathische Veranlagung eine Rolle spielen durfte; für konstitutionelle Momente sprechen die Beobachtungen von FiNizio über Kuhmilchidiosynkrasien bei Zwillingen. Eine enterale Sensibilisierung scheint in dem Falle von Schönherr vor- zuliegen, ebenso in einer Selbstbeobachtung von Doerr, wo die Allergie nach einer Kur mit rohen Hühnereiern auftrat ; ferner dürfte ein Eindringen von 71* 1124 Robert Doerr, Antigen in die Blutbahn wohl für die Kuhmilchidiosynkrasie der Säuglinge als häufigstes ätiologisches Moment in Betracht kommen. In der Literatur findet man kasuistische Mitteilungen über Aller- gien gegen den Genuß von Hühnereiereiweiß (Horwitz, Schofield, Landmann, Moro, Schönherr, Kanrasaki. Gruber & Horiuchi), von Schweinefleisch (Doerr, Brück), von Kuhmilch (Wernstedt, Fi- Nizo), endlich von Hummern, Krebsen, Fischen und Austern, in denen ebenfalls das spezifische Eiweiß die pathogene Substanz dar- stellen soll. Der Nachweis von Antikörpern gelang Brück durch passive Uebertragung auf das Meerschweinchen in einem Falle von Schweinefleischidiosynkrasie und Kanrasaki bei einem 5-jälirigen Knaben, der beim Waschen des Kopfhaares mit Eiklar eine Con- junctivitis, nach dem Trinken von 30-proz. Eiereiweißwasser Urticaria und Dyspnoe bekam und auf die Kutan- und Conjunctivalprobe mit Eiereiweiß positiv und spezifisch reagierte. Finizio fand bei zwei Brüderpaaren (Säuglingen), die gegen Kuhmilch anaphylaktisch waren, Präzipitine im Serum. Eiweißidiosynkrasien können einen so hohen Grad erreichen, daß das bloße Aufbringen von Antigenspuren auf die Haut oder Respirationsschleimhaut augenblicklich zu heftiger Reaktion führt. Besche wurde bei bloßem Aufenthalt in einem Pferdestalle (nicht aber in einem Kuhstalle) oder bei längerem Fahren in einem pferdebespannten Wagen von Dyspnoe und Asthma befallen, offenbar weil die in den abgelösten Epithelschuppen und schweißimprägnierten Haaren der Pferde enthaltenen Eiweißspuren mit der Atmung auf die Schleim- häute gelangten. Eine Injektion von 2 ccm Pferdeserum rief nach 5 Minuten Asthma, Temperaturabnahme, Husten hervor, die sich in 1 Stunde völlig verloren, und der Patient war dann 3 Monate hindurch insofern antianaphylak- tisch, als er während dieser Zeit die Pferdeausdünstung ohne Schaden vertrug. Weichardt berichtet über einen Fall von hochgradiger Ueberempfindlichkeit gegen das Aufriechen von Wittepepton, über einen solchen gegen die Riechstoffe der Tuberkelbacillen, und die Zoologen kennen eine Hautkrankheit, die sich bei länger dauernder Beschäftigung mit Ascariden entwickelt und bei jeder Be- rührung derselben wiedererscheint. Die Behandlung der Eiweißidiosynkrasien kann, wenn sie nicht allzu hochgradig sind, in systematischer Zufuhr des Antigens zwecks Erzielung einer Antianaphylaxie bestehen. So brachte Schofield eine starke Idiosyn- krasie gegen Eiereiweiß bei einem 13-jährigen Knaben nach mehrmonatlicher Behandlung zum Schwinden, indem er anfänglich Pillen mit ('/loooo) Eiweiß und Calciumlaktat nehmen ließ und die Dosis ganz allmählich steigerte, bis Toleranz eintrat. III. Auf einer spezifischen Eiweißanaphylaxie beruht ferner das Heufieber. Nach Mord nahm schon Elliotson (1831) an, daß die Pollen des gemeinen Ruchgrases (Athoxanthum odoratum) die Ursache dieser Krankheit seien; doch haben erst die neueren Untersuchungen von Weichardt, Dunbar, Wolff-Eisner dieses Thema geklärt und ge- zeigt, daß das Pollen ei weiß ein Antigen darstellt, welches im Körper die Bildung eines Antikörpers veranlaßt. Das Zusammen- treffen des letzteren mit neu eingeatmetem Pollenantigen löst die Erscheinungen aus, welche in vielfacher Beziehung an anaphylaktische Symptome erinnern (Asthma', Niesen, Pruritus, Urticaria, Dyspnoe). Da das Heufieber erst im 5. Lebensjahre auftritt, so hält es Moro für eine erworbene Anaphylaxie, deren Zustandekommen vielleicht durch eine exzeptionelle Veranlagung der Respirationsschleimhaut unterstützt wird. — Sicher gibt es verschiedene Arten von Heufieber, da manche Personen in Europa verschont bleiben, während sie in tropischer Vege- tation sofort befallen werden (Coryza spasmodica, Rosenschnupfen - nach Mense und eigenen Beobachtungen). Allergie und Anaphylaxie. 1125 IV. Ob die alimentären Idiosynkrasien gegen Nahrungsmittel, die kein Eiweiß enthalten, oder die Idiosynkrasien gegen chemisch definierte Stoffe auf Anaphylaxie beruhen, ist zum mindesten fraglich, ja nach den experimentellen Erfahrungen direkt unwahrscheinlich (vgl. S. 9.34). Die Idiosynkrasie gegen Erdbeeren ist nach Volk sicher anderen Ursprunges. V. Ueber Eklampsie siehe S. 996 und VI. über sympathische Ophthalmie S, 993. VII. Nach der Punktion, der Inzision oder Kuptur von Echino- kokkencysten erfolgt häufig ein Shock, den Chaüffard, Boidin & Laroche, Deve, Finzi als anaphylaktischen auffassen. Wenn man annimmt, daß der Cysteninhalt ein spezifisches Parasiteneiweiß ent- hält, so wäre es möglich, daß dieses durch die Cystenwand diffun- diert und den Wirtskörper überempfindlich macht, indem es einen spezifischen Reaktionskörper erzeugt. Tritt bei der Operation Cysten- inhalt in die Bauchhöhle, so wäre die Bedingung zur Auslösung eines Shocks (nach der Art der intraperitonealen Reinjektion) vorhanden. Es ist aber recht fraglich, ob im Cysteninhalt ein spezifisches Echinokokken- eiweiß vorkommt. Das Serum von Parasitenträgern sowie das Serum von mit Cystenflüssigkeit immunisierten Kaninchen enthält keine Pi'äzipitine (Joest, Graetz ) : eine gelegentliche Ausflockung von Cystenflüssigkeit durch das Serum Echinokokkenkranker (Fleig & Lisbonne) ist nicht verwertbar, da solche Niederschläge auch mit dem Serum Gesunder oder andersartig Erkrankter er- halten werden (Weinberg). Die (diagnostisch brauchbare) Komplementablen- kung, welche das Serum von Parasitenträgern (Weinberg) oder experimentell immunisierten Kaninchen (Ghedini, Graetz, Rosello) mit Cysteninhalt gibt, ist kein Beweis für die Existenz von spezifischem Parasiteneiweiß, da man den Cysteninhalt auch durch alkoholische Extrakte aus demselben (Lipoide) er- setzen kann (Kurt Meyer ), und da sogar das Leucin und Tyrosin, die in der Cystenflüssigkeit vorhanden sind, beim Kaninchen die komplementfixierenden Fähigkeiten des Serums steigern (Graetz, BussoxV Dementsprechend ist es bisher auch nicht einwandsfrei gelungen, normale Meerschweinchen durch das Serum von Parasiten trägern passiv anaphylaktisch gegen Cystenflüssigkeit zu machen. Die Versuchs- ergebnisse waren entweder ganz negativ (Graetz, Chaüffard, Boidin & Laroche) oder inkonstant und nicht beweiskräftig, da auch die Kontrolltiere auf die Injektion gleicher Volumina Cysteninhalt mit Krankheitserscheinungen reagierten. Die Angaben, daß es gelingt, Meerschweinchen mit manchen Proben von Cystenflüssigkeit aktiv zu sensibilisieren und durch die Reinjektion des gleichen Materials anaphylaktische Symptome hervorzurufen (Chaüffard, Boidin & Laroche, Ghedini & Zamorani), haben durch die gründliche Arbeit von Graetz eine Bestätigung und Aufklärung erfahren. In solchen Fällen handelt es sich nicht um spezifisches Parasiteneiweiß, sondern um das Eiweiß des Trägers, welches von außen in die Cyste diffundiert ; daher erhält man positive Resultate auch nur dann, wenn man zur Vorbehandlung und Reinjektion Cystenflüssig- keiten derselben Wirtspecies, nicht aber verschiedener Träger (Mensch und Rind z. B.) verwendet. Daß eine Anaphylaxie gegen das spezifische Eiweiß von Entozoen möglich ist, scheinen Beobachtungen und Versuche von Mello zu lehren. Er präparierte Meerschweinchen passiv mit 1 — 2 ccm Serum von Pferden, die an Ascarideu litten, und prüfte nach 24—48 Stunden mit 0,2—0,3 ccm eines wässerigen Ascaridenextraktes ; die Tiere starben sofort oder protrahiert, oder zeigten wenigstens anaphylaktische Symptome. Ebenso gelang die Uebertragung der Reaktionskörper von Pferden, die an Taenia mamillaena litten, auf normale Meerschweinchen. Aktive Anaphylaxie ließ sich bei dem gleichen Versuchstier mit resp. gegen wässerige Extrakte aus Ascariden, mit dem Succus perientericus 1126 Robert Doerr, dieser Würmer und mit der Cystenflüssigkeit von Cysticercus tenuicollis leicht erzielen. VIII. Von großer Bedeutung sind die Bestrebungen, die Sympto- matologie der Infektionskrankheiten, das Inkubationsstadium, das Fieber, die Exantheme, den kritischen Temperaturabfall als anaphylak- tische Phänomene zu deuten. Schon V. Pirquet wies darauf hin, daß zahlreiche Infektionen des Menschen z. B. die Blattern, Masern, Varicellen, Keuchhusten u. a. m. eine Inkubation von 8 — 12 Tagen besitzen, und daß dieselbe Latenz- periode nicht nur bei der Kuhpockenimpfung, sondern auch bei der Serumkrankheit der Erstinjizierten besteht. Da es sich in letzterem Falle um eine nicht vermehrungsfähige Substanz handelt, lehnte V. Pirquet die bisherige Vorstellung ab, daß die Inkubation jenes Intervall sei, während dessen sich die Infektionskeime soweit ver- mehren, bis ihre Zahl ausreicht, um Symptome zu erzeugen, bis also die Eeizschwelle gewissermaßen überschritten ist, vielmehr falle es auf, daß der Beginn der Krankheit bei der Infektion wie bei der Serumkrankheit mit dem Auftreten größerer Antikörpermassen nach einmaliger Antigenzufuhr koinzidiert und auch dem- Zeitraum ent- spricht, nach welchem aktiv präparierte Meerschweinchen anaphylak- tisch werden. Er führte daher den Ausbruch der Krankheitssymptome auf die Aktion der Antikörper zurück, die mit den Antigenresten unter Giftbildung reagieren oder die im Blute zirkulierenden belebten Keime agglutinieren, wodurch ein Steckenbleiben der Agglomerate in engeren Kapillargebieten, besonders der Haut veranlaßt und disse- minierte Krankheitsherde (Variolaeruption) hervorgerufen werden. V. Pirquet betonte ferner die Aehnlichkeit der Serumexantheme mit den infektiösen, das Auftreten von Fieber nach der gesetzmäßigen Latenzperiode und mit beginnender Antikörperproduktion und das ver- änderte Verhalten von spezifisch vorbehandelten oder vorerkrankten Individuen, welche nicht nur auf die zweite Injektion von Pferdeserum, sondern auch auf wiederholte Infektionen (Variola, Vaccine) so- fort oder doch beschleunigt, hyperergisch und qualitativ geändert reagieren. Aehnliche Ansichten vertrat Wolff-Eisner hinsichtlich der Inku- bation beim Typhus ; nur ließ er in Konsequenz seiner Theorie das Krankheitsgift durch Lyse der Bakterienzellen freiwerden, statt die Genese der Symptome durch die bloße Antigenantikörperreaktion oder die Entstehung neuer Gifte (v, Pirquet) zu begründen, v. Pirquet hat später auch bei anderen Infektionen (Tuberkulose, Rotz, Aktino- mykose, Lepra, Syphilis, Hyphomycetenerkrankungen, Sporotrichose, Diphtherie, Scharlach) Analogien mit den Erscheinungen der Ueber- empfindlichkeit gefunden und zusammengestellt. Friedberger ist auf dem von v. Pirquet eingeschlagenen Wege weiter fortgeschritten und versuchte die Relation zwischen Eiweiß- allergie und Infektionskranlvheit noch enger zu gestalten. Die Vorstellungen, welche Friedberger i^ über das Wesen der Infektionskrankheiten entwickelt hat, stehen im engsten Zusammen- hange mit seiner bereits mehrfach erörterten Theorie über den Me- chanismus der Anaphylaxie. Diese gipfelt bekanntlich darin, daß alle anaphylaktischen Phänomene auf der Wirkung eines einheitlichen Giftes, des ,,AnaphyIatoxins", beruhen, und daß sich dieses Gift durch eine parenterale Verdauung der verschiedensten Antigene mit Hilfe Allergie und Anaphylaxie. 1127 von Komplement und Antikörper bildet; das im Organismus ent- stehende hypothetische Anaphylatoxin soll mit jenem vitro-Gift iden- tisch sein, das sich aus Normalserum und verschiedenen Eiweiß- substraten darstellen läßt. Da nun eine Bakterienanaphylaxie tat- sächlich existiert, und da das erwähnte vitro-Gift auch aus Bak- terien und Xormalserum gewonnen werden kann, so folgert Fried- BERGEK weiter, daß die Infektionskrankheiten nichts anderes seien als Anaphylatoxinvergiftungen. Auch bei der natürlichen Infektion sind artfremde Proteine in Form von Parasiten in den Geweben, mithin parenteral vorhanden, und ihr Abbau muß genau wie im anaphylaktischen Experiment zur Entstehung von Anaphylatoxin führen ; der ganze Unterschied zwischen Anaphylaxie und Infektion beschränkt sich darauf, daß das artfremde Eiweiß bei letzterer in Gestalt der Erregerelemente organisiert und proliferationsfähig ist, und daß die parenterale Eiweißzufuhr durch die Bakterienvermehrung ganz allmählich erfolgt, so daß auch die jeweils gebildeten Anaphyla- toxinmengen nur minimale sein können. Mit der Giftbildung geht außerdem noch ein zweiter, physiologisch entgegengesetzt wirkender Prozeß Hand in Hand : die Entgiftung durch weitere Aufspaltung des Anaphylatoxins zu atoxischen Bausteinen. Die Anaphylaxie könne man daher, da prinzipielle Unterschiede zwischen pflanzlichem und tierischem Eiweiß nicht existieren, als ,,eine extreme und akute Form der Infektion, die Infektion als eine milde und protrahierte Form der Anaphylaxie" definieren. Die Beteiligung besonderer spezifischer Endotoxine an der Patho- genese der Infektionskrankheiten hält Friedberger für unbewiesen und überflüssig. Er bezweifelt die primäre Giftigkeit der Bakterien- proteine; toxische Effekte nach einer ersten Bakterieninjektion sind nach seiner Meinung nur Folgen einer Anaphylatoxinbildung durch Xormalambozeptoren und Komplement, Das bei den verschiedenen Infektionskrankheiten so stark diffe- rierende Krankheitsbild spricht nach Friedberger nicht gegen die Erklärung durch eine Vergiftung mit einem einheitlichen Anaphyla- toxin. Eine genauere Betrachtung ergibt, daß trotz der scheinbaren Mannigfaltigkeit bei allen Infektionen dieselben Kardinalsymptome vorhanden sind, das Fieber, die entzündlichen Gewebsveränderungen und die toxischen Einwirkungen auf das Zentralnervensystem, und daß nur die Art und Weise, wie diese Komponenten sich abstufen und gruppieren, die zahlreichen Varianten und Verlaufsarten involviert. Gerade diese Kardinalsymptome seien es aber, die man durch kleine Eiweißmengen beim anaphylaktischen Tier oder durch kleine Dosen Anaphylatoxin beim normalen hervorrufen kann. Friedberger verweist darauf, daß es ihm in Gemeinschaft mit MiTA gelang, die verschiedenen Fiebertypen der Infektionskrankheiten an aktiv präparierten Meerschweinchen durch entsprechend distanzierte und richtig bemessene Dosen eines amorphen Eiweißantigens zu imi- tieren und „Eiweißkrankheiten" hervorzurufen, welche staffeiförmigen Temperaturanstieg, konstantes, remittierendes oder intermittierendes Fieber, lytischen oder kritischen Temperaturabfall etc. je nach den willkürlich gewählten Intervallen und quantitativen Verhältnissen auf- wiesen. Daß die Lokalisation der entzündlichen Veränderungen bei Infektionen lediglich durch den Ort bedingt wird, an welchem das 1128 Robert Doere. Antigen (die Bakterien) angehäuft ist, soll daraus hervorgehen, daß man durch Inhalation von verspraytem Pferdeserum bei aktiv sensi- bilisierten Meerschweinchen pneumonische Veränderungen herbeizu- führen imstande ist. Der verschiedene Verlauf der Infektionskrankheiten würde daher nach Friedberger nur davon abhängen, in welchem Organ die Bak- terien lokalisiert sind, w^elche Vermehrungsfälngkeit der betreffende Erreger besitzt, und in welchem Grade ihm die Fähigkeit zukommt, Antikörper zu produzieren, indem das Wechselspiel dieser Faktoren den zeitlichen und quantitativen Ablauf der Anaphviatoxinbildung und den Angriffspunkt des entstandenen Giftes in der mannigfachsten Weise beeinflußt. Der kritische Temperaturabfall wird von Fried- berger in Analogie zu dem PrEiFFERSchen Temperatursturz des ana- phylaktischen Shocks gesetzt und so gedeutet, daß durch wiederholte Zufuhr kleiner Dosen Bakterieneiweiß oder durch einmalige Ent- stehung größerer Mengen der Antikörper aufgebraucht wird ; es kommt daher zum Shock (Krise) und zum Temperaturabfall, gleichzeitig aber auch zur Antianaphylaxie, indem der Organismus unfähig ist, auf neue Antigenquantitäten wegen totalen Verbrauches des Anti- körpers irgendwie zu reagieren. Das Fieber erreicht damit sein Ende. Temporäre Antianaphylaxie kann auch bei progredienter Krankheit eintreten und in Form von Schwankungen (Remissionen und Inter- missionen) im Bilde der Fieberkurve zum Ausdruck kommen. Neufeld & Haendel schlössen sich Friedberger an, weil sie im Serum von Pneumonikern während oder nach der Krise das Vorhandensein von Antikörpern experimentell nachwiesen. Seligmanx konnte diese Behaup- tungen nicht bestätigen, er fand keinen Unterschied des Antikörpergehaltes in der vor- und nachkritischen Periode und ün Serum von Pneumonikern weder auaphylaktischen Reaktionskörper noch fertiges Anaphjdatoxin. Nach Fried- berger siud indes die Versuche von Seligmann technisch mangelhaft. Auch in neueren Experimenten gewinnt Neufeld (mit Dold) die Ueberzeugung, daß die Bildung des ,,Anaphylatoxins" aus Bakterien einen wesentlichen Fortschritt für die Erklärung der Infektionsvorgänge bedeute, da sie uns lehre, daß aus der Wechselwirkung von Bakterien und Serurastoffen (Antikörper. Lipoide, Komple- ment) Gifte entstehen, die nicht spezifisch und nicht antigen zu sein scheinen und auf die vermutlich ein großer Teil der bei allen schweren Infektionen zu beobachtenden Allgemeinerscheinungen zu beziehen ist. Neufeld & Dold an- erkennen jedoch nebenbei auch die echten Toxine und die Endotoxine, die durch Bakteriolyse frei werden, als reale und spezifische Krankheitsfaktoren. Da die Bakteriolyse die Entstehung von Anaphylatoxin in vitro verhindert, so sieht Dold in derselben eine Schutzeinrichtung ; bei Bakterienarten, welche nur in mäßigem Grade der Bakteriolyse unterliegen, können Endotoxin- und Anaphy- latoxinwirkungen kooperieren, so daß es im Einzelfalle schwer zu entscheiden ist, ob die eine oder die andere im Vordergrund steht. Ebenso wird die Anaphylatoxinproduktion durch die Phagocytose gehemmt und Dold findet darin die Erklärung, daß die fast vollständig intracellulär liegenden Lepra- bacillen trotz ihres massenhaften Vorhandenseins im infizierten Organismus nur geringe Allgemeinerscheinungen hervorrufen, während die frei in den Säften liegenden und zirkulierenden Septikämieerreger, bei denen Phagocytose und Bakteriolyse nur eine ganz minimale Ausdehnung gewinnen, die schwersten Intoxikationssyraptome erzeugen. R. Pfeiffer & Bessau stehen auf einem anderen Standpunkt. Sie unter- scheiden neben den echten Toxinen die Endotoxine und das Anaphylatoxin. Die Mehrzahl der Erscheinungen bei den akuten Infektionskrankheiten sind nach ihrer Ansicht durch die (präformierten) Endotoxine bedingt, welche spezifische Antikörper zu produzieren vermögen. Die Entgiftung der Antitoxine im im- munen Organismus erfolgt durch fermentativen Abbau zu ungiftigen Spaltpro- dukten, wobei sich außer dem Antikörper (dem bakteriolytischen Ambozeptor)' auch eine Komponente des tierischen Organismus, das Komplement, beteiligt. Allergie und Anaphylaxie. 1129 Das anaphylaktische Gift soll nach Bessau nur bei den Masern eine Rolle spielen, da hier ein Zustand beobachtet wird, der an Antianaphylaxie erinnert ; bei masernkranken Kindern versagt nämlich die Kutanprobe mit Tuberkulin, auch wenn sie vor und nach dem Exanthem positiv ausfällt, und bei geimpften ist die Revaccination nicht von der gewöhnlichen hyperergischen Reaktion begleitet. Friedberger nimmt an, daß die Anaphylatoxine wieder zu atoxischen Spaltprodukten abgebaut werden, und zwar durch Ambozeptor-Komplement- wirkung. Diese Entgiftung soll bei hinreichenden Mengen von Antikörpern be- sonderd rasch erfolgen ; daher verringert nach Friedberger ein Ueberschuß von Antieiweißserum im Reagenzglase die Ausbeute an Anaphylatoxin, und aus diesem Grunde zeigen vorbehandelte Tiere eine Immunität, eine erhöhte Re- sistenz gegen Bakterieneiweiß, weil sie Anaphylatoxin zwar bilden, aber auch schnell wieder zerstören, so daß es nur zu einer protrahierten Vergiftung, nicht aber zu einer Anhäufung akut tödlicher Giftdosen im Körper kommt. Aehn- liche Anschauungen vertreten Neufeld & Dold, R. Pfeiffer & Bessau nur teilweise mit dem im Vorhergehenden auseinandergesetzten Unterschied, daß der entgiftende Abbau außer den Anaphylatoxinen auch die primär giftigen Endotoxine betrifft. Da der Bakterienantikörper die Giftproduktion zwar nicht verhütet, die Giftzerstörung aber beschleunigt, so soll sich auf diese Weise auch die Heilkraft antibakterieller Sera erklären (R. Pfeiffer), die viele Autoren für kontraindiziert hielten, weil sie Endotoxine frei machen (Wolff-Eisxer). Dazu ist zu bemerken, daß das Anaphylatoxin nicht antigen ist nach den über- einstimmenden üntersuchungsergebnissen zahlreicher Arbeiten, weshalb es auch nicht ohne weiteres klar wird, wie es durch Ambozeptor-Komplement angegriffen und weiter aufgesplittert werden kann. Ferner kennen wir eine Immunität gegen gewisse Bakterien (Milzbrand), bei welcher es zu einer lebhaften Ver- mehrung eingeführter Erreger kommen kann ; Krankheitserscheinungen bleiben aus, trotzdem Ambozeptoren oder anaphylaktische Reaktionskörper unbekannt sind. Auch Vaughan und seine Mitarbeiter betrachten das Fieber bei Infektions- krankheiten als ein Resultat einer parenteralen Eiweißverdauung. Diese soll entweder durch rasch entstehende, im Blut kreisende und wir- kende unspezifische oder durch spezifische Enzyme bewerkstelligt werden, die sich viel langsamer bilden und zwar nur in den fixen Zellen, dort seßhaft bleiben und nur in loco den Eiweißabbau durchführen können. Führt man körperfremde Eiweißstoffe ins Blut ein, so verschwinden sie rasch aus der Zirkulation und werden in den Geweben abgelagert, deren Zellen die spezifischen Enzyme produzieren. Da nun diese Produktionsstätten für ver- schiedene Eiweißantigene verschieden sind, so müssen sich die parenteralen Abbauprodukte, die Ursache der Ueberempfindlichkeitsphänomene, bei den ein- zelneu Krankheiten in verschiedenen Organen ablagern und pathogen werden ; wenn also auch die giftigen Spaltprodukte identisch sind, so kann der Sitz und die Art der pathologischen Veränderung bei diversen Infektionen erheblich differieren. Als Quellen der abnormen Wärmeproduktion betrachtet Vaughan die Tätigkeit der enzymbildenden Zellen, die Spaltung des Eiweißantigens und die Reaktion zwischen den resultierenden Giften und den Körperzellen. Andere iVutoren stellen sich auf einen entgegengesetzten Stand- punkt, indem sie entweder in Abrede stellen, daß die Symptome der Infektionskrankheiten durchwegs auf anaphylaktischen Vorgängen be- ruhen, oder doch die Intervention der von Friedberger beschriebenen Vitro-Gifte (Bakterienanaphylatoxine) bei der Pathogenese der Infek- tionen gänzlich ablehnen (A. Wassermann, M. Wassermann & Keysser). In letzter Hinsicht hat Weil wichtige Versuche publi- ziert. Er gewinnt aus Hühnercholerabacillen nach der Friedberger- schen Methodik Anaphylatoxin, also durch Digestion der lebenden oder toten Bakterien mit Normalmeerschweinchenserum, und findet, daß dasselbe nur auf Meerschweinchen bei intravenöser Injektion akut tödlich wirkt, nicht aber auf Kaninchen. Das gleiche Resultat ergaben Experimente mit Pleuraexsudaten, die sich beim Kaninchen nach intrapleuraler Infektion mit Hühnercholerabacillen entwickeln. Nun ist aber gerade das Meerschweinchen gegen die Infektion mit Hühnercholera refraktär, das Kaninchen hochempfindlich, woraus 1130 ROBEKT DOBRB, hervorgeht, daß die Gifte von Friedberger, mögen sie nun in der Eprouvette oder im Körper entstehen, für das Zustandekommen und den Ablauf der Infektion nicht in Betracht zu ziehen sind. Wenn nun auch zugegeben werden muß, daß die Wirkung der- jenigen infektiösen Bakterien, bei welchen der befriedigende Nach- weis spezifischer Toxine bisher mißlungen ist, völlig unklar war, und daß die Ansichten, welche v, Pirquet, Friedberger, Vaughan, ScHiTTENHELM, Weichardt u. a. entwickelt haben, uns einen neuen Weg eröffnet haben, um zu einem Verständnis der Inkubation, des Fiebers, der Krise zu gelangen, so muß man andererseits doch im Auge behalten, daß die Prämissen dieser Ansichten nicht den Charakter von Beweisen besitzen. Es ist nicht festgestellt, daß die anaphylak- tischen Symptome auf einem parenteralen Eiweißabbau beruhen, ob die anaphylaktische Noxe mit den vitro-Giften identisch ist, ob sich beide aus dem „Antigen" bilden oder nicht u. v. a. Selbst wenn man Dold, Sachs & Ritz beipflichten wollte, daß es für die Holle der Anaphylaxie bei den Infektionskrankheiten irrelevant sei, aus welcher Matrix und durch welchen Prozeß die hypothetischen, ana- phylaktischen Gifte entstehen, so sind damit die Schwierigkeiten nicht aus dem Wege geräumt. Zahlreiche Krankheitserreger sind gar keine Anaphylalvtogene ; sie wirken auf das vorbehandelte Tier nicht anders als auf das normale und selbst dort, wo deutliche Differenzen vor- handen sind, sind sie verschwindend im Vergleich zu den Eiweiß- antigenen höherer Tiere und Pflanzen. Die relativ niedermolekulare Struktur der Bakterienproteine ist die Ursache dieser Erscheinung, Daher wird es fraglich, ob man das Recht hat, den hohen Grad, den die Serumüberempfindlichkeit erreichen kann, zum Ausgangspunkt einer einheitlichen Betrachtungsweise aller Infektionskrankheiten zu machen. Uebrigens sind die Infektionen durchaus nicht so monomorph, wie vielfach ausgeführt wird, oder doch nur für eine oberflächliche Betrachtung. Masern und Scharlach scheinen einander z. B. sicher ähnlich und doch bedingen erstere ein Verschwinden der Allergie gegen Tuberkulin und Vaccine, letzterer nicht. Literatur (bis 1. November 1912). ^Abderhalden, Mediz. Klinik, 1909. -- — Öchutzferm. d. tier. Organismus, Berlin 1912. "— Manch, med. Wochenschr., 1912. Nr. 24 u. 36. Abderhalden & Kaempf, Zeitschr. f. phys. Chem., Bd. 71, H. 5 6, 1911. Abderhalden & Kapfberger, Hoppe-Seylers Zeitschr., Bd. 69, 1910. ^Abderhalden & Pincussohn. Zeitschr. "f. phys. Chemie, Bd. 61, Nr. 3, 1909. 2 ebd., Bd. 62, Nr. 2 u. 3, 1909. Abderhalden & Rathmann, ebd., Bd. 71, H. 5 6, 1911. Abderhalden & ^V'eichardt, ebd., Bd. 62, 1909. 'Abelous & Bardier. C. r. soc. biol., T. 67, Nr. 27, 1909. ebd., T. 67, 1909. ^ ebd.. 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Die Vererbungsfra^e, welche sich mit der Entdeckung der Anti- körper gleichsam von selbst aufrollte, mußte durch die Uebersichtlich- keit des Problems und die anscheinend klarliegenden Wege zu seiner Lösung auf die Porscher, welche die neuen Erscheinungen unter all- gemein-biologischen Gesichtspunkten betrachteten, einen mächtigen ßeiz ausüben. Schien doch hier ein aussichtsreiches Gebiet eröffnet zu sein, auf dem sich die grundlegende Präge nach der Vererbung erworbener Eigenschaften bearbeiten ließ. Gegenüber den verhältnis- mäßig groben Eingriffen, die bis dahin zu den negativ verlaufenden Experimenten in dieser Richtung benutzt wurden, handelte es sich hier um eine äußerst subtile Beeinflussung des tierischen Chemismus, deren erbliche Uebertragung auf die Nachkommenschaft, welchen Mechanismus man auch hierfür zugrunde legen wollte, den groben morphologischen Veränderungen früherer Versuche gegenüber leichter vorstellbai' war. Hierzu kam wohl auch noch die Ueberlegung, daß eine auf den ersten Blick so eminent zweckmäßige Veränderung, wie sie das Eintreten der antitoxischen oder antibakteriellen Immunität darstellt, ein Objekt für die Tätigkeit der natürlichen Auslese sein konnte, und daß die mannigfachen Erscheinungen der natürlichen Im- munität als aus der Vererbung der erworbenen Immunität durch natür- liche Zuchtwahl entstanden gedacht werden konnten. Die natürliche Immunität, die sich als ein Artcharakter von erheblicher Konstanz manifestierte, bot ja als solche dem Experiment keine genügenden Angriffspunkte. Wenn gewisse Infektionskrankheiten, wie z. B. die Masern, die Syphilis, das gelbe Pieber bei lange durchseuchten Völkern die Bösartigkeit eingebüßt haben, die sie bei bis dahin unberührten Gruppen entfalten, so könnte es sich hier um den Ausdruck einer durch Zuchtwahl gesteigerten erworbenen Immunität handeln. Aller- dings kann hier, wie Ziegler ausführt, auch eine Auslese vor- liegen, die nur die Variationen der natürlichen Immunität zum Gegen- stand hat, indem die Glieder empfänglicher Pamilien ausstarben, die 73* 1156 J- MoRGESROTH und H. Braun, widerstandsfähigen Familien sich dagegen erlialten und resistenteren Generationen Ursprung gegeben hatten. Die folgende Darstellung wird zeigen, daß das Eindringen in die Vererbungsfrage von der Seite der Immunitätslehre her von dem er- warteten Erfolg nicht begleitet war. Die Immunität der Nachkommen immuner Eltern kann be- dingt sein : 1. durch eine echte erbliche Uebertragung eines der bedingen- den Faktoren der von den Eltern erworbenen Immunität durch eine Uebertragung der neu erworbenen Eigenschaft auf das Keimplasma; 2. durch eine direkte Beeinflussung des Keimplasmas oder der Gewebe des sich entwickelnden Fötus durch das auf den Organismus der Mutter einwirkende immunisierende Agens — aktive Immunisierung; 3. durch Abgabe des von der Mutter gebildeten Antikörpers an den Fötus — passive Immunisierung ; 4. durch Uebergang der in der Milch der Mutter enthaltenen Antikörper an das saugende Junge. Es ist klar, daß von einer Vererbung sensu strictiori nur in dem zuerst angeführten Fall gesprochen werden kann, wenn also die Immunität durch das Keimplasma als solches übertragen wird. Die ältesten Versuche, Tiere während der Tragzeit gegen patho- gene Bakterien zu immunisieren, fielen positiv aus. Chauveau fand die Jungen von Schafen, welche gegen Milzbrand immunisiert waren, immun, und analoge Eesultate erzielten Arloing, Cornevin & Tho- mas beim Eauschbraud. Die negativen Ergebnisse, zu denen Löffler bei seiner Nach- prüfung der CHAüVEAUschen Experimente an Ratten gelangte, stellen einen Einwand gegen die Zuverlässigkeit der Beobachtungen an sich nicht dai', da in diesen Fällen durch die Impfung selbst keine Immuni- tät oder nur eine solche sehr geringen Grades zu erlangen Avar, denn ,, weder fi'ühere Impfungen der Mutter, noch Impfung während der Schwangerschaft, noch selbsteigenes Ueberstehen mehrerer Impf- ungen hatte gegen die Infektion mit einer noch mäßigen Dosis wirk- samen Materials zu schützen vermocht." Negativ fielen auch die Versuche di Matteis mit Milzbrand, Schweinerotlauf und Hühnercholera an Kaninchen und Meerschwein- chen aus. Er immunisierte die trächtigen Muttertiere mit abge- schwächten Bacillen und fand in keinem Fall die Jungen immun. Die Entscheidung, welche der gegebenen Möglichkeiten für das Zustandekommen der Immunität hier in den positiv ausgefallenen Versuchen vorliegt, ist jedoch auf Grund dieser Versuche selbst nicht zu treffen. Wie Ehri^ich in Anschluß an seine gleich zu be- schreibenden Versuche mit Recht feststellt, erscheint es wahrschein- lich, daß hier eine passive Immunisierung der Föten durch Mitgabe der mütterlichen Antikörper vorliegt, da die Prüfung der Immunität derselben nur 12 — 16 Tage nach dem Wurf stattfand. Dasselbe gilt für die Versuche von F. Klemperer an Tieren, die gegen Pneumo- kokken immunisiert wai'en. Die Vererbungsfrage in der Immunitätslehre. 1157 Selbst in den Versuchen von Burchhardt, welcher die Prüfung der Immunität der von mit Schafpocken geimpften Müttern stam- menden Lämmer erst 4 — 6 Wochen nach dem Wurf vornahm, kann nach Ehrlich die Immunität noch auf der Mitgabe mütterlicher Anti- körper beruhen. Dasselbe kann auch für die Versuche Kitasatos am Meerschweinchen zutreffen, in denen sich die Jungen gegen Rausch- brand immunisierter Mütter noch 50 Tage nach der Geburt immun erwiesen. Der erste, der diese Fragen einer streng methodischen experi- mentellen Untersuchung unterwarf, war Ehrlich. Sein Programm ist mustergültig geblieben, seine Fragestellung hat im Laufe der Jahre weder eine Umgestaltung, noch auch nur eine Erweiterung oder Vertiefung erfahren, und seine Ergebnisse sind bis heute voll- kommen aufrechterhalten und mannigfach bestätigt worden. Es ist deshalb ein etwas gründlicheres Eingehen auf die Fragestellung und Methodik geboten. Ehrlich benutzte zu seinen Versuchen Mäuse, die durch syste- matische Verfütterung von Ricin, Abrin und Robin gegen diese pflanz- lichen Toxine eine hohe Immunität erlangt hatten, welche nach seinen früheren Feststellungen auf dem Antitoxingehalt des Serums beruht. Es waren durch dieses Verfahren bei den Eltern so bedeu- tende Immunit<ätsgrade zu erreichen, daß es schon fevident hervor- treten mußte, wenn auch nur ein geringer Bruchteil der Immunität vererbt wurde. Zunächst stellte Ehrlich fest, indem er ein Männ- chen von hoher Abrinimmunität mit einem normalen Weib- chen paarte, daß die Nachkommenschaft nicht den geringsten Grad von Abrinfestigkeit besaß, daß also das Idioplasma des Sper- mas nicht imstande ist, die Immunität zu übertragen*). Zum Studium der mütterlichen Vererbung ging Ehr- lich von Tieren aus, die schon vor Eintritt der Tragzeit immunisiert worden waren. Bei der Benutzung von Tieren, bei denen sich noch während der Gravidität Immunisierungsvorgänge abspielten, war nur ein negatives Resultat eindeutig, indem ein posi- tiver Erfolg auf eine aktiv intrauterine Immunisierung der fötalen Ge- webe zurückgeführt werden konnte. Bei all diesen Versuchen wurde gleichmäßig ein positives Resul- tat erzielt, indem etwa 4 Wochen nach der Geburt eine ausgesprochene Immunität der Nachkommenschaft nachzuweisen war. Etwa 1^/2 Mo- nate nach der Geburt war zweifellos noch Immunität vorhanden, aber im Laufe des 3. Monats erlosch jede Spur derselben. Diese kurze Dauer sprach dafür, daß die Immunität, die bei der Nachkommenschaft immuner Mütter beobachtet wird, als passive Immunität aufzufassen ist und auf einer Mit- gabe der mütterlichen Antikörper beruht. Gegen eine Ver- erbung der Immunität im eigentlichen Sinne spricht auch das völlige Fehlen derselben bei den Enkeln immuner Mütter. Ehrlich zieht *) Wie Ehrlich schon bemerkt, kommt diese Frage für die menschliche Pathologie nur bei dem sogenannten PROFETAschen Gesetz in Betracht, nach welchem auch die Nachkommen syphilitischer Väter gegen Syphüis immun sein sollen. Nach Ansicht der Syphilidologen ist jedoch dieses vermeintliche Gesetz durch die Tatsachen widerlegt. 1158 J- Morgenroth und H. Braun, aus diesen Tatsachen den Schluß, daß weder Spermatozoon noch Eizelle die Immunität übertragen kann, und daß somit eine erbliche Uebertragung der Immunität hier im eigentlichen Sinne des "Wortes nicht stattfindet. Die verhältnismäßig lange Dauer der passiven Immunität von 6, ja 8 Wochen stand mit der bekannten Tatsache der raschen Aus- scheidung der bei der passiven Immunisierung eingeführten Antikörper nicht im Einklang, so daß noch die Frage zu beantworten war, ob sich die Antikörper entweder im jugendlichen Organis- mus besser konservieren oder ob sie durch neue Zufuhr von außen her ergänzt werden. Als Träger dieser neu zuge- führten Antikörper konnte nur die Milch der immunen Mutter in Be- tracht kommen. Die Frage löste Ehrlich durch den ,,Vertauschungs- oder Ammenversuch", indem er die etwa gleichzeitig von einer nor- malen und einer immunen Mutter geborenen Jungen vertauschte, d. h. dem normalen Jungen eine immune Amme und dem immunen Jungen eine normale Amme gab. Die Versuche zeigten, daß eine längere Haltbarkeit des intrauterin zugeführten Antitoxins im jugend- lichen Organismus nicht existiert. Sie bewiesen mit Sicherheit, daß die Milch dem säugenden Organismus das Antitoxin zu- führt und ihm eine hohe, mit der Dauer der Säugung wach- sende Immunität verleiht. Die lange Persistenz des gift- f esten Zustandes beruht auf einer Uebertragung des An- tikörpers durch Säugung. Bei den Jungen immuner Mütter welche von normalen Ammen gesäugt wurden, war der Immunitäts- grad schon nach 21 Tagen ein außerordentlich geringer, während die Antitoxinübertragung durch die Milch bedeutend genug ist, daß die Nachkommen immuner Mütter, falls sie von diesen selbst genährt, werden, erst nach 7 — 8 Wochen ihre Immunität einbüßen. Auch bei der Immunisierung einer säugenden Maus gegen Schweinerotlauf nach dem Wurf konnte Ehrlich die Uebertragung der Immunität auf das saugende Junge durch die spezifischen bakteriziden Schutzstoffe der Milch feststellen. Die letzte, für das Zustandekommen der Säugungsimmunität in Betracht kommende Möglichkeit, daß nämlich durch die Milch im- munisierende Stoffe übertragen würden, welche eine aktive Immuni- sierung herbeiführten, konnte Ehrlich durch Versuche mit Ricin von der Hand weisen. Ricin erzeugt vom Darmkanal aus besonders leicht Immunität und müßte, falls es in die Milch überginge, den saugenden Jungen eine länger dauernde Immunität verleihen, als dies bei der Säugung durch Mütter der Fall ist, welche schon vor Eintritt der Tragzeit immunisiert sind. Dies tritt jedoch nicht ein. EsbleibtalsonachdiesenVersuchenvon einer eigent- lichen Vererbung der Immunität nichts übrig und die Immunität, welche nur bei den Jungen immuner Mütter vorkommt, beruht zum, Teil auf einem Uebergang der mütterlichen Antikörper in den Kreislauf des Fötus oder auf einer Ueberlieferung an das saugende Junge durch Milch der immunen Mutter. TizzoNi & Centanni gelangten bei ihren Untersuch angen zu Resultaten, die von denen, welche Ehrlich erhielt, prinzipiell ab- weichen. Sie führten ihre Experimente am Kaninchen aus, indem sie Die Vererbungsfrage in der Immunitätslehre. 1159 zur Zucht tollwutimmune Männchen und tetanusimmune Weibchen ver- wandten. Die Jungen waren immun gegen Tollwut. Es hätte also hier eine wirkliche Vererbung der Immunität vom Vater auf die Nach- kommen stattgefunden. Wenn Wernicke mit Tizzoni darauf hin- weist, daß entsprechend den Erfahrungen von Koüx und Calmette über Ausnahmen von der Spezifizität der Antitoxinwirkung vielleicht die Tetanusimmunität der Mütter für die Lyssairamunität der Jungen verantwortlich sei, so könnte über diese an sich sehr unwahrschein- liche Vermutung ebenso wie .über andere mögliche Fehlerquellen der Versuche von Tizzoni & Centanni nur das erneute und modifizierte Experiment entscheiden. Auf weittragende Versuchsfehler bei der Prü- fung der Immunität haben Ehrlich & Hübener hingewiesen. Die Versuche von Charrin & Gley über Vererbung der Im- munität gegen Bac. pyocyaneus führten diese Autoren zu der Ansicht, dali der Vater die Immunität in einigen seltenen Fällen auf die Jungen übertrage, daß diese Uebertragung eine inkonstante, und die Immunität der Jungen meistens eine unvollständige und unzureichende sei. Ehrlich & Hübener haben die Versuche von Charrin & Gley einer sorgfältigen kritischen Analyse unterzogen und kamen zu dem Schluß, daß die Ansicht von der Rolle des Vaters für die Ueber- tragung der Immunität auf die Nachkommen und die Inkonstanz der Ergebnisse auf Versuchsfehlern beruht. Bei Versuchen mit tetanusimmunisierten Meerschweinchen und Mäusen gelangten Ehrlich & Hübener demgegenüber zu Resul- taten, die mit den von Ehrlich früher erhaltenen durchaus überein- stimmten. Im Gegensatz zu den Angaben Tizzonis stellten Ehrlich & Hübener fest, daß auch beim Tetanus keine vom Vater übertragene Immunität besteht. Nur die immune Mutter übertrug eine Immunität, welche mit dem Ende des zweiten, sicher nach dem dritten Lebens- monat der Jungen erlosch. Eine vollkommene Bestätigung der prinzipiellen Befunde Ehr- lichs brachten Vaillards^s Versuche, die an Meerschweinchen und Kaninchen, welche gegen Tetanusgift immunisiert waren, an milz- brandimmunen Kaninchen und an Meerschweinchen, die gegen Cho- lera und Hühnercholera immunisiert waren, angestellt sind. Besonders zahlreich sind bei Vaillard Versuche über die Uebertragung der Immunität vom Vater auf die Nachkommen, die in Uebereinstimmung mit Ehrlichs Resultaten ergeben : Allein die Mutter ist im- stande, ihre Immunität an die Nachkommen zu über- tragen, der Vater vererbt seine Immunität niemals. Die Versuche, welche Wernicke an diphtherieimmunen Meer- schweinchen anstellte, fielen im gleichen Sinne aus. Es zeigt sich, „daß bei der Diphtherie eine Immunität vom Vater nicht übertragen wird; nur die Mutter ist imstande, dieselbe zu übermitteln. Die über- tragene Immunität ist bei den Enkeln nicht mehr zu konstatieren, scheint aber für die Kinder längere Zeit zu bestehen, da im 3. Monat eine erhebliche Immunität bei denselben noch vorhanden ist. Die Uebertragung der Immunität durch die Säugung besteht auch bei Meerschweinchen, doch scheint die Immunität der Jungen immuner Mütter bei Meerschweinchen namentlich auf dem Umstände zu be- ruhen, daß bei der Größe der neugeborenen Meerschweinchen, die nicht 1160 J- Morgenroth und H. Braun, selten 1/5 — ^/g des Gewichts des Muttertieres haben, ein großer Bruch- teil des mütterlichen Antikörpers den Jungen mitgegeben wird." Die Zufuhr von Muttermilch spielt auch für die Ernährung der jungen Meerschweinchen keine so wichtige Rolle, da sie schon einige Tage nach der Geburt selbständig zu fressen anfangen und auch am Leben bleiben, wenn die Mutter 4 — 6 Tage nach der Geburt stirbt. Eemlingers Versuche, welche sich auf die Uebertragung der Typhusschutzstoffe und Agglutinine erstrecken, bestätigen die nega- tiven Resultate bezüglich der Rolle des Vaters. Die Uebertragung der Antikörper durch Säugung hat nach Remlingers Ansicht beim Ka- ninchen und Meerschweinchen keine Bedeutung. Gründliche Versuche über die Uebertragung der Agglutinine liegen von DiEUDONNE vor. DiEUDONNE immunisicrte Meerschweinchen mit abgetöteten Cholerakulturen ; das Serum der Meerschweinchen agglu- tinierte noch in der Verdünnung 1 : 300 — 500. Die von zur Zeit der Zeugung hochimmunisierten Eltern stammenden Jungen besaßen sofort nach der Geburt ein agglutinierendes Serum, das aber weit weniger agglutinierte, als das der Eltern. Einen Monat nach der Geburt waren die Agglutinine fast völlig verschwunden. Wurde die Immunisierung des Weibchens bis zum Wurf fortgesetzt, so daß die Agglutinations- wirkung des Serums und der Milch eine beträchtlichere war, dann be- saßen auch die Jungen mehr Agglutinine im Serum. Innerhalb eines Monats trat auch hier ein erheblicher Rückgang und nach 2 Monaten ein völliges Verschwinden der Agglutinine ein. Auch hier war die Mutter von ausschließlicher Bedeutung und eine Uebertragung der Im- munität auf die Enkel fand nicht statt. Ein Versuch mit „Ammen- wechsel" zeigte im Einklang mit der Beobachtung Wernickes, daß auch hier die Uebertragung durch die Milch eine geringe Rolle spielt. Hierfür scheinen auch Dieudonn^ die von Wernicke hervorgehobenen, dem Meerschweinchen eigentümlichen Momente maßgebend. JuREwiTscH, Stäubli, Capaldi, Rostoski & FuNCK haben den Uebergang der Typhusagglutinine auf neugeborene Meerschwein- chen bei aktiver und passiver Immunisierung der Muttertiere bestätigt. Auch Schenk konnte bei seinen Untersuchungen über die kom- plementbindenden Antikörper gegenüber Tuberkelbacillen am Meer- schweinchen dieselben Erfahrungen machen. Am Kaninchen wurden außer den bereits mitgeteilten, Untersuchungen von Kraus, Römer, Vaillard, Merkel, Bertino und Panichi angestellt. Kraus beobachtete einen diaplazentaren Uebergang von immunisatorisch er- zeugten hämolytischen Ambozeptoren, Merkel von Präzipitinen, Pa- nichi von Pneumokokken -Schutzkörpern. Römer hatte mit Te- tanusantitoxin nur schwankendes Ergebnis und zu gleichen Re- sultaten gelangte auch Bertino. Dieser hatte in Uebereinstimmung mit früheren Beobachtungen festgestellt, daß die Hämolysine von der Mutter auf den Fötus nur dann übergehen, wenn die Immuni- sierung wälirend der Schwangerschaft stattgefunden, also unter Um- ständen, unter denen eine aktive Immunisierung der Föten nicht ausgeschlossen ist, hingegen nicht, wenn dieselbe v,or der Konzeption statthatte. Der Uebergang findet nach diesem Au- tor nicht im gleichen Maße auf alle Föten derselben Schwangerschaft statt. Die Vererbungsfrage in der Immunitätslehre. 1161 Am Hunde experimentierten Högyes, Konrädi, Dzier- zGowsKi, Kleine & Möllers. Die erstgenannten zwei Autoren be- arbeiteten die Lyssaimmunität und konnten eine Vererbung derselben feststellen, auch dann, wenn die Eltern eine geraume Zeit vor der Konzeption die Immunität erworben haben. Nach den Versuchen Kon- radis kann aber eine solche Vererbung nicht als eine allgemeine Regel betrachtet werden, denn die Jungen ein und desselben Wurfes zeigen kein gleiches Verhalten, manche zeigen Immunität, andere nicht. Kleine & Möllers studierten die Uebertragbarkeit der Im- munität bei der Hundepiroplasmose und konnten sich von dem üeber- gang der schützenden Antikörper auf neugeborene Tiere überzeugen. Die Immunität war kurzdauernd, hatte einen passiven Charakter und zeigte bei den einzelnen Tieren Schwankungen. DziERZGowsKi hat einen Uebergang von Antikörpern auf neu- geborene Hunde bei der passiven Immunisierung mittels artfremder Antitoxine nicht nachweisen können. Von Metschnikoff wurde ihm entgegengehalten, daß die von ihm gewählte Versuchsanordnung, bei welcher vom Pferd stammendes Diphtherieantitoxin Hündinnen injiziert wurde, die Bedingungen für den Durchtritt des Antitoxins durch die Placenta erheblich ändern könnte. Besonders interessante und eingehende Studien wurden von Kreide & Mandl und von Walter Wegelius an Ziegen ange- stellt. Kraus hatte schon früher feststellen können, daß die Hämo- lysine gegen Schaf erythrocyten auf die jungen Tiere übergehen. Diese Tatsache konnte durch die sorgfältigen Untersuchungen von Wegelius bestätigt werden. Zur Untersuchung gelangten neugeborene Ziegen und Kaninchen von Muttertieren, die a) aktiv immunisiert wurden vor der Deckung, b) aktiv immunisiert wurden während der Gravidität und c) passiv immunisiert wurden mit artgleichem Serum. Als Antigen benutzte er das Lysin des Vibrio Nasik und Coli- bacillen. Seine exakten Untersuchungen sind eine neuerliche Be- stätigung der grundlegenden Feststellungen Ehrlichs : Wenn Serum eines trächtigen Tieres Antikörper enthält, so sind dieselben auch bei den Jungen wiederzufinden. Dies trifft sowohl bei aktiver Im- munisierung des Muttertieres zu, als auch bei passiver Immunisierung und bei Immunisierung während der Gravidität. Die Immunität der Jungen hatte in allen Versuchen einen deutlich passiven Charakter und schien unabhängig von der Art und Weise zu sein, auf welche die Immunität des Muttertieres bewirkt wurde. In vereinzelten Fällen beobachtete Wegelius bei den Ziegen einen höheren Titer im Serum des neugeborenen Tieres im Verhältnis zu dem des Muttertieres, auch dann, wenn die Immunisierung vor der Konzeption statthatte oder durch Injektion von Serum stattfand. Es scheint dem Autor deshalb aus diesen Tatsachen hervorzugehen, daß die Uebertragung von Antikörpern von Mutter auf Kind nicht als ein ein- facher Filtrationsprozeß aufzufassen ist, sondern daß der Placenta eine elektive Kraft zuerkannt werden muß. Kreidi, & Mandl sind zu anderen Ergebnissen gelangt. Eine gegen Rinderblut immunisierte Ziege gibt nicht immer die in ihrem 1162 J- Morgenroth und H. Braun, Blute kreisenden Hämolysine an die Frucht ab. In der Mehrzahl der Fälle findet nach ihren Versuchen ein Uebertritt solcher Immunkörper überhaupt nicht statt. Sie haben außerdem die Fähigkeit des Fötus zur Antikörperproduktion untersucht und konnten nachweisen, daß der Fötus ,,in den letzten Stadien" seiner Entwickelung zur Ven ankerung von Antigenen und zur Immunreaktion befähigt ist und daß die von ihm gebildeten Antikörper passiv auf die Mutter iibergehen. Von verschiedenen Seiten wurden die Schutzstoffe untersucht, welche von immunisierten Hühnern dem Eiinhalt mitgegeben wurden. Klemperer fand in den Eiern gegen Tetanus immunisierter Hühner Tetanusantitoxin nur im Dotter, nicht im Eiweiß. Kitt injizierte Hühnern den Inhalt von Eiern, die von gegen Hühnercholera immuni- sierten Hühnern stammten, und erzielte Immunität. Sclavo immuni- sierte Hühner gegen Diphtherie durch Injektion abgeschwächter Kul- turen und fand, daß das Eiweiß der Eier Meerschweinchen gegen Infektion mit der tödlichen Dosis Diphtheriebacillen schützte. Dzier- zGowsKY hat Versuche über den Uebergang von Diphtherieanti- toxin in Hühnereier angestellt. Er immunisierte die -Hühner zuerst passiv durch Antitoxininjektion und fand in den Eiern derselben kein Antitoxin. Als er weiterhin die Hühner aktiv immunisierte, wies er Anti- toxin in sämtlichen Eiern, und zwar nur im Dotter, nach. Auch für diese Versuche nimmt Dzierzgowsky wohl mit Recht an, daß eben- sowenig wie bei den Säugetieren eine eigentliche Vererbung der Im- munität vorliegt, sondern daß die aus dem mütterlichen Organismus stammenden Antitoxine unverändert in die Eisubstanz übergehen. Es handelt sich auch hier höchstwahrscheinlich nur. um eine passive Uebertragung der Immunität. Figari untersuchte, ob Agglutinine gegen Tuberkelbacillen von der Mutter auf das Ei übergehen. Er verabreichte einer Reihe Hennen täglich ungefähr zwei Monate lang 20 g frischen Blutgerinnsels, das vom Pferde stammte, welches gegen Tubei'kulose immunisiert wurde, und will nach 1 -monatiger Eingabe des Gerinnsels im Eidotter Spuren von Tuberkelbacillenagglutinin festgestellt haben. Im Eiweiß soll es erst später in geringerer Menge aufgetreten sein. Einer Anzahl von Hühnern wurde aUe zwei Tage eine aus entfetteten Tuberkelbacillen und Protein ,,Maragliano" zusammengesetzte Pille verabreicht. Die Hennen wurden zwei Monate lang so behandelt und erhielten je 22 Pillen. Sowohl im Ei, als auch im Serum der Hennen glaubt er Agglutinine nachgewiesen zu haben. Lustig untersuchte die Immunität von Hühnern, die von Hennen abstammten, welche gegen Ricin und Abrin immunisiert waren. Er ließ folgende Arten von Eiern ausbrüten : 1) Eier von nicht immunisierten, durch einen immunisierten Hahn befruchteten Hennen, 2) Eier von immunisierten, durch einen nicht immunisierten Hahn befruchteten Hennen, 3) Eier von immunisierten, durch einen immunisierten Hahn be- fruchteten Hennen. Die Vererbangsfrage in der Immunitätslehre. 1163 Seine Versuche führten ebenfalls zu dem Resultate, daß es keine erbliche Uebertragung der Immunität gibt. Die neugeborenen Kücken waren schwächlich und zeigten sich weniger widerstandsfähig als Junge von normalen Tieren. Ein besonderes Interesse haben die an Menschen ausgeführten Untersuchungen : Jehle, Kasel & Mann, Charrier & Apert, Etienne fanden bei der Untersuchung von Föten und Embryonen Typhuskranker keine Agglutinine, während das Blut der Mutter Agglutinine enthielt. Zu entgegengesetzten Resultaten kamen Schultz, Chambrelent & St. Philippe, Mosse & Dennie, Stäubli, Schuh- macher und PoLANO. Schuhmacher fand in Fällen, wo die Mutter erst in den letzten Schwangerschaftsnionaten an Typhus erkrankt war, stets Agglutinine im fötalen Blut. Nach Injektion von Tetanus- resp. Diphtherieantitoxin kurz vor der Geburt fand Polano diese Stoffe im kindlichen Serum wieder. Lagriffoul & Pages beob- achteten einen Uebergang von Tuberkelbacillenagglutinin von der kranken Mutter auf das neugeborene Kind. "Wir haben in aller Kürze und ohne eingehende Kritik die Beob- achtungen, wie sie an den einzelnen Organismen gemacht worden sind, mitgeteilt. Eine Anzahl der ausgeführten Versuche wurden nicht unter streng wissenschaftlichen Gesichtspunkten, wie sie von Ehrlich für diese Frage aufgestellt worden sind, ausgeführt. Daher sind auch die gewonnenen Resultate für die Frage der Vererbung der Immunität nicht immer brauchbar. Wir stimmen darin mit Pfaundler, dem wir eine ausgezeichnete kritische Uebersicht über diesen Gegenstand ver- danken, überein. Insbesondere ist die Möglichkeit der aktiven Im- munisierung der Frucht während der Schwangerschaft nicht genügend beachtet worden, xlus den einwandfreien Untersuchungen geht hervor, daß ein Uebergang von immunisatorisch ge- wonnenen Antikörpern aus dem mütterlichen in das fö- tale Blut stattfindet, nur muß betont werden, daß er nicht regelmäßig zu beobachten ist. Wir wollen uns nun der Frage der Uebertragung durch Säugung zuwenden. Von Ehrlich & Brieger, Ehrlich & Wassermann, Salo- moxsen & Madsen, Bulloch, Stäubli, Römer, Bertarellj, de Blasi, Griffon & Abrami u. a. ist festgestellt worden, daß die Milch immunisierter Tiere und Menschen antikörper- halt ig ist. Doch die Beantwortung der Frage, inwieweit diese Antikörper vom Digestion st raktus assimiliert werden, ist verschieden ausgefallen. Auch hier wollen wir die Versuche, wie sie an den einzelnen Tierarten angestellt worden sind, nacheinander besprechen. Außer den schon oben ausführlich besprochenen, an Mäusen ausgeführten Unter- suchungen Ehrlichs, hatten an der Maus auch Vaillard und Widal & SiCARD experimentiert und einen Uebergang von Typhus- agglutininen durch die Milch auf das saugende Junge beobachtet. Dem- gegenüber sind sämtliche einwandfreien Versuche am Meerschwein- chen negativ ausgefallen (Widal & Sicard, Landouzy & Griffon, Stäubli [Typhusagglutinin], Dieudonne, Remlinger [Choleraagglu- tinin], Vaillard [Tetanusantitoxin]). Das gleiche Ergebnis hatten auch Untersuchungen, die an Kaninchen ausgeführt w^orden sind. Einen Uebergang von Antikörpern durch die Milch auf die jungen 1164 J. Morgenroth und H. Braun, Kaninchen konnten nicht feststellen Vaillard (Tetanusantitoxin), Castaigne & Remlinger (Typhusagglutinin), Bertino (Menschenhämo- lysin), R. Kraus (Hundeerythrocytenagglutinin). Nur von Ham- burger & Römer (Tetanusantitoxin vom Pferd) wurde eine Ueber- tragung der Antitoxine durch die Milch auf die jungen Kaninchen festgestellt. Bei der Ziege konnte Hamburger eine Assimilation von Tetanusantitoxin nachweisen. Die Ammen wurden in diesen Versuchen durch artfi'emdes Immunserum passiv vorbehandelt. Wegelius hat in seinen sorgfältigen Versuchen an Ziegen eine Uebertragung durch das Säugen nicht beobachtet. Auch die von Widal & Sicard mit Typhusagglutinin an Katzen ausgeführten Versuche führten zu nega- tiven Ergebnissen. Desgleichen die analogen Experimente von Lan- douzy & Griffon an derselben Tierart. Bertarelli hat bei jungen Hunden eine Assimilation von Typhusagglutininen der Milch be- obachten können, doch nur in den ersten 10 — 12 Lebenstagen und nur in geringer Menge. Diese Art der passiven Immunisierung war wirk- samer als bei Einführung eines agglutinierenden Serums in den Darmkanal der Säuglinge, Beobachtungen, die sich mit denjenigen von Sauge, Römer & Much decken. Sauge zeigte, daß bei mensch- lichen Neugeborenen das Diphtherieantitoxin in die Blutflüssig- keit überging, wenn er es der stillenden Mutter bzw. stillenden Amme in Form von antitoxischem Serum unter die Haut spritzte, daß dagegen die Resorption ausblieb, wenn er der Milch erst in der Flasche das antitoxische Serum zusetzte oder den Säuglingen Zie- genmilch verabreichte, die von einem aktiv gegen Diphtherietoxin immunisierten Tiere herrührte. Römer & Much injizierten einem Teil der Versuchstiere (Rinder) antitoxisches Pferdeserum subkutan, entweder vor dem Abkalben oder kurz nach demselben. Sie stellten dann die Menge Antitoxin fest, die in die Milch überging und dann wieviel Alilch und damit wieviel Antitoxin das von der Mutter genährte Kalb während der Versuchsperiode aufnahm, um zu ermitteln, wieviel von dem gesamten verfütterten jMilchantitoxin von dem Kalbe resorbiert wurde. In einer anderen Versuchsreihe, in der die neugeborenen Kälber ebenfalls mit der genuinen rohen Muttermilch ernährt wurden, setzten sie erst in der Flasche das anti- toxische Serum der Milch zu in Mengen, die der Quantität des ver- fütterten Milchantitoxins der ersten Versuchsreihe entsprach. Nach entsprechender Versuchsdauer wurde dann ebenfalls die Menge des re- sorbierten Antitoxins bestimmt. Dabei zeigte sich, daß in der ersten Versuchsreihe ca. lOmal mehr Antitoxin übergegangen war als in der letzten. Much hat die gleiche Versuchsanordnung auf den Menschen übertragen und hier das gleiche festgestellt, d. h. es gehen bedeutend größere Mengen Antitoxin auf den Neugeborenen über, wenn die Muttermilch indirekt durch subkutane Serumapplikation antitoxisch ge- macht wurde, als wenn derselben direkt antitoxisches Serum zugefügt wurde. In einem anderen Versuch von Römer zeigte sich beim Fohlen der Darmkanal fürMuttermilthantitoxin durchlässig, dagegen nicht für artgleiches Serumantitoxin, obwohl von letzterem erheblich größere Mengen verfüttert wurden. Durch diese F^rgebnisse ist die Behaup- tung Bertarellis als richtig erwiesen worden. DE Blasi beschäftigte sich mit derselben Frage und hat durch Experimente an Katzen, Meerschweinchen, Kaninchen zu beweisen Die Vei'erbungsfrage in der Immunitätslehre. 1165 gesucht, daß bei der passiven Immunität der Mutter die Neugeborenen durch Säugung nicht genügend immunisiert werden, daß dagegen bei der aktiven Immunität der Mutter die Antikörper nicht nur in die Milch übergehen, sondern, daß sie auch die Magen- und Darm- schleimhaut in genügender Menge passieren, um die Giftwirkung (Diphtherietoxin, Dysenteriebacillen) zu paralysieren. Nach Wlaeff ist die Milch eines Tieres, das gegen Blasto- iiiyceten immunisiert worden w^ar, noch lange Zeit nach Beendigung der Immunisierung imstande_, ein saugendes Junge zu schützen. Raxsom hat eine Uebertragung von Tetanusantitoxin durch die Milch beim Pferd im Gegensatz zu Kömer, der mit Diphtherieantitoxin arbeitete, nicht beobachtet. Zahlreiche Versuche wurden am Menschen angestellt, da sie ja nicht nur theoretisches, sondern auch großes praktisches Interesse haben. Einen Uebergang von Typhusagglutininen durch die Milch auf den Säugling in sehr spärlichen Mengen wurde von Castaigne, Landouzy & Griffon nachgewiesen, Schuhmacher und Achard & Bensaude sind dagegen zu negativen Eesultaten gekommen. Einen Uebergang von Diphtherieantitoxin von der Amme auf den Säugling haben, wie oben mitgeteilt, Salge & Much beschrieben. La Torre konnte nur einen geringen Uebergang von Diphtherieantitoxin ins Serum von Kindern beobachten, deren Ammen mit Diphtherieserum behandelt waren, weshalb dieser Weg dem Autor weder für prophy- laktische noch für Heilzwecke anwendbar erscheint. Griffon & Abrami untersuchten, ob eine Uebertragung von Typhusagglutininen während der Laktation stattfindet in einem Falle von Typhus zwei- einhalb Monate nach der Geburt. Das Serum der Mutter agglutinierte sowohl Typhus- wie Paratyphusbacillen. Die Milch enthielt beide Arten von Agglutininen, nur in geringerer Menge. Das Serum des Kindes, welches von der Mutter gestillt w^ar, agglutinierte Typhus- bacillen nicht, aber verschiedene Paratyphusbacillen. Aus den mitgeteilten Untersuchungen geht hervor, daß eine Assimilation von iintikörpern der Milch bei bestimmten Tierarten und beim Menschen nachweisbar ist, doch scheint dieselbe nicht die Regel zu sein. Es seien nun einige Beobachtungen angeführt, welche zeigen, daß in bezug auf den normalen Antikörpergehalt der fötale Organis- mus dem mütterlichen gegenüber seine Individualität bewahrt. Es kommt offenbar vor, daß gewisse Substanzen, die im Sinne Ehrlichs als Haptine zu bezeichnen sind und die dem Serum des mütterlichen Organismus zukommen, vom Fötus noch nicht gebildet werden, während des intrauterinen Lebens auch nicht auf denselben übertragen werden und erst nach der Geburt früher oder später ent- stehen. Als der erste hat wohl Resinelli festgestellt, daß die hämo- lytische Kraft des menschlichen fötalen Serums hinter der des Serums des erwachsenen Menschen zurücksteht. Auch Halban & Land- steiner fanden die hämolytische Kraft des menschlichen fötalen Serums Kaninchenblut gegenüber geringer als die des Serums Er- wachsener. Handelt es sich hier wohl nur um quantitative Unter- schiede, so konnte Marshall einen wesentlichen qualitativen Unter- 1166 J. Morgenroth und H. Braun, schied konstatieren, indem er fand, daß fötales menschliches Serum auch in großen Mengen auf Meerschweinchenblut überhaupt keine hämolytische Wirkung ausübt, während anderen Blutarten gegenüber eine dem Serum Erwachsener gegenüber geringere Wirkung besteht. H. Sachs fand dasselbe Verhalten beim fötalen ßinderserum und stellte durch eine sorgfältige Analyse fest, daß hier ein Fehlen des Ambozeptors vorliegt, während die andere Komponente dieses nor- malen Hämolysins, das Komplement, vorhanden ist. Ob es sich hier um einen Uebergang des Komplements von der Mutter auf den Fötus handelt, oder ob das Komplement dem Fötus selbst entstammt, ist vorläufig nicht festzustellen. Dasselbe Verhältnis konstatierte PoLANo beim Serum menschlicher Föten dem Taubenblut gegenüber. Eine Uebereinstimmung aller Säugetierarten in dieser Hinsicht scheint aber nicht stattzufinden, denn der Gehalt des Serums neugeborener Hunde an Hämolysinen für Meerschweinchen- und Kaninchenblut ist nach Morgenroths Beobachtungen quantitativ genau der gleiche, wie der des Serums erwachsener Hunde. Bezüglich normaler Bakterienagglutinine konnte G. Müller fest- stellen, daß dieselben im fötalen Blut verschiedener Tiere in erheblich geringerem Maße vorhanden sind, als im Serum ausgewachsener Tiere. PoLANo zeigte, daß der Gehalt des fötalen Menschenserums an Antitoxin gegenüber dem Staphylolysin im Vergleich zu dem des mütterlichen Serums zurücksteht. In den Fällen, in denen nur quantitative Unterschiede beob- achtet werden, kann natürlich ebenso gut das mütterliche Blut als auch der fötale Organismus selbst die Quelle der betreffenden Substanzen sein. Bei dem engen Zusammenhang, der zwischen Rezeptoren der Blutkörperchen und den normalen Hämolysinen des entsprechenden Serums besteht und der besonders seinen Ausdruck in dem Fehlen von Autolysinen findet (Ehrlich & Morgexroth), ist es nicht über- raschend, daß den Differenzen des fötalen und mütterlichen Serums auch Differenzen in den Rezeptoren des Blutes entsprechen. Dies findet besonders seinen Ausdruck darin, daß beim Menschen mütterliches Serum das Blut des Fötus und fötales Serum das Blut der Mutter agglutiniert, wie Halban fand. Ein Beispiel für die Ent- stehung von Rezeptoren der Blutkörperchen während der ersten Lebenstage teilte Sachs mit. Interessante Befunde über Vererbung gruppenspezifischer Struk- turen des tierischen und menschlichen Blutes sind in neuerer Zeit von Dungern und seinen Mitarbeitern Hirschfeld und Brockmann' mitgeteilt worden. Wir möchten auf dieselben etwas ausführlicher eingehen : Ehrlich & Morgenroth haben durch Injektion von Ziegen- blut bei Ziegen Isohämolysiije erzeugt und haben festgestellt, daß das Blut des antikörperliefernden Tieres dem Hämolysin gegenüber un- empfindlich bleibt. Die von drei Ziegen gewonnenen Sera verhielten sich verschieden, manche Ziegen bildeten überhaupt kein Hämolysin. V. Dungern & Hirschfeld haben die Gesetzmäßigkeit festgestellt. nach welcher die Bildung der Isoantikörper erfolgt. Sie haben in einigen Fällen nach der peritonealen Einspritzung von Hundeblut bei Die Vererbungsfrage in der Immunitätslehre. 1167 verschiedenen Himdeindividuen Agglutinine bekommen, die nicht bloß das zur Injektion verwandte Blut, sondern auch andere Blutsorten, nicht aber das eigene Blut agglutinierten. Sie erzielten zweierlei Agglutinine. Durch Absorptionsversuche konnte nachgewiesen werden, daß diesen Agglutininen bei den Blutkörperchen zweierlei spezi- fische Rezeptoren entsprechen. Die xVutoren sprechen daher von der Struktur A und der Struktur B, und von den Agglutininen a und ß. Sie fanden bei ihren Untersuchungen alle möglichen Kombinationen von A und B : A allein, B allein, oder beide, oder keines. Nach der Einführung von Hundeblut bildet sich nur dann ein Agglutinin aus, wenn das eingeführte Blut einen Bestandteil enthält, welcher im Blute des Versuchstieres nicht vorkommt. Bei Hunden mit Blut der Gruppe A erhielten sie Agglutinine gegen B, bei denen der Gruppe B Agglutinine gegen A. Bei Hunden, deren Blut gar nicht agglutinabel war, beide Agglutinine, aber immer nur dann, wenn das ein- geführte Blut A oder B enthielt. Solches Blut, das für beide Agglutinine a und ß unempfindlich war, also weder A noch B enthielt, löste in zahlreichen Versuchen keine Agglutininbildung aus. v. Düngern & Hirschfeld schließen daraus, daß alle anderen Bestandteile der Hundeblutkörperchen außer A und B allen Hunden gemeinsam sind. Man kann somit innerhalb der Art Gruppierungen von Hunden mit gleicher Struktur der Blutkörperchen feststellen. Die Rasseneigen- schaften der Hunde gehen dieser biochemischen Gruppierung nicht parallel. Aehnliche Gesetzmäßigkeiten hat schon früher Landsteiner durch Untersuchung der menschlichen ISrormalagglutinine festgestellt. Er unterscheidet zwei Strukturen A und B im menschlichen Blut. Die Menschen, deren Blut die Struktur A aufw^eist, besitzen im Serum ein gegen B gerichtetes Agglutinin. Das Umgekehrte gilt für die Men- schen mit der Blutstruktur B. Bei Menschen, die beide Bestandteile im Blute haben, besitzen die Sera keine Isoagglutinine, bei Menschen ohne spezifische Bestandteile im Blut reagiert das Serum sowohl mit dem Blut A, wie mit dem Blut B. v. Dungern & Hirschfeld haben die LANDSTEiNERschen Befunde bestätigt und durch Heranziehung von tierischen Seris noch weitere gruppenspezifische Rezeptoren entdeckt. Sie sind bestrebt, auf Grund dieser Tatsachen eine individuelle Blut- diagnostik durchzuführen und dieselbe forensischen Zwecken dienst- bar zu machen. Besonders wichtig erscheint hierbei die Beobachtung der Vererbung dieser gruppenspezifischen Struktur, v. Düngern & Hirschfeld konnten am Menschen folgende Tatsachen feststellen : Wenn die beiden Eltern die Struktur A besitzen, so findet man diese im allgemeinen auch bei sämtlichen Kindern vor. Es gibt aber auch Ausnahmen. Manchmal fehlt der Bestandteil bei dem einen oder dem anderen Kinde, auch wenn er bei beiden Eltern vertreten ist. Das gleiche Verhalten gilt auch für die seltene Struktur B. Am häufigsten sind die Fälle, bei denen A oder auch B bei dem einen der Eltern vor- kommt, bei dem anderen aber fehlt. Das Blut der Kinder verhält sich dann in bezug auf den Bestandteil entweder wie das mütterliche oder wie das väterliche. Es ist jedoch zu konstatieren, daß eine größere Anzahl der Kinder dann im Besitze der spezifischen Struktur ist. Niemals erscheint eine Gruppe bei den Kindern, die nicht bei den Eltern vertreten ist. Es muß daher nach Meinung der Autoren möglich sein, die Zugehörigkeit eines fremden Kindes zu 1168 J- Morgenroth und H. Braun, einer Familie sicher auszuschließen. Wenn das Blut vom Kinde und Mutter bekannt ist, so kann es möglich sein, unter mehreren Männern den Vater zu erkennen. Es gelingt dies dann, wenn das Kind eine Struktur x\ oder B besitzt, welche bei der Mutter nicht vorkommt. Dieser Bestandteil muß dann im Blute des richtigen Vaters zu finden sein. Wir wollen jetzt wieder zu der intrauterinen Uebertragung von Antikörpern zurückkehren, und einige kurze Bemerkungen noch über ^'ererbung von Immunität gegen Vaccine, Scharlach und Masern hinzufügen. Bei der Vaccineimmunität scheinen nach den vorliegenden Unter- suchungen die von der Mutter gebildeten Schutzstoffe nicht in erheb- licher Menge auf den Fötus überzugehen. Da ein einfacher Ausgleich der Schutzstoffe zwischen Mutter und Kind nicht stattfindet, wir auch eine Methode zur quantitativen Bestimmung dieser Schutzstoffe nicht besitzen, also auch nicht wissen können, in welcher Konzen- tration die Vaccineschutzstoffe im Serum der geimpften Mutter an- gehäuft sind, kann auf Grund der vorliegenden Versuche der Ueber- gang von Vaccineschutzstoffen von ^Mutter auf Kind durch die placen- tare Scheidewand nicht ganz als ausgeschlossen erachtet werden. Die vereinzelten Fälle von Behm und von Palm, die zahlreichen Fälle von BuRCHHARDT, iu deueu die Impfung von Kindern vaccinierter Mütter in den ersten Lebenstagen erfolglos blieb, auf Unwirksamkeit der Lymphe oder gelegentliches Versagen der Impftechnik zurückzu- führen, liegt zunächst keine zwingende Veranlassung vor. Am wahr- scheinlichsten dürfte es wohl sein, daß bei sehr intensiver Bildung von Schutzstoffen im mütterlichen Organismus das an den Fötus ab- gegebene Quantum derselben zu einem wirksamen Schutz in den ersten Lebenstagen gerade noch genügend sein kann, ohne daß dies Vor- kommnis die allgemeine Regel bildet. Die relative Widerstandsfähigkeit der neugeborenen Kinder gegen Masern und Scharlach bringen manche Autoren (z. B. Wege- Lius) mit der Uebertragung von Schutzkörpern von Mutter auf das Kind im Zusammenhang, doch lassen sich natürlich für diese Tat- sachen exakte Beweise nicht erbringen und andere Erklärungsmöglich- keiten sind denkbar. IL Vererbung der Anaphylaxie. Xachdem durch die Untersuchungen von Otto, Friedemann, Friedberger und anderen erkannt worden ist, daß die Eiweiß- überempfindlichkeit und die Immunität in ihrem Wesen gleichartige, nur in ihren Erscheinungen differente Prozesse sind, und daß auch die Anaphylaxie auf Anti- körper zurückzuführen ist, hat die Tatsache der Vererbung der Eiweißanaphylaxie nichts Rätselhaftes mehr an sich. Von RosENAU &■ Anderson, Gay & Southardt, Otto, Lewis konnte festge- stellt werden, daß bei Meerschweinchen die Ueberempfindlichkeit für Pferdeserum von der Mutter auf die Jungen regelmäßig über- geht, gleichgültig, ob die Mutter vor oder nach der Konzeption anaphylaktisch gemacht worden war. Dasselbe fanden Vaughan et Wheeler für Hühnereiweißanaphylaxie. Die Vererbungsfrage in der Immunitätslehre. 11(59 Die Ueberempfindlichkcit ließ sich nach Otto bei den Jungen noch bis zum 44. Lebenstage nachweisen, nach 72 resp. 73 Tagen war sie bereits undeutlich oder verschwunden. Lewis fand, daß zwischen den Tieren desselben "Wurfes große Unterschiede zu kon- statieren waren, und er konnte feststellen, daß gerade bei den Jungen, welche von Müttern abstammten, die mit einem Gemisch von Pferde- serum und Diphtherietoxin behandelt waren, die Ueberempfindlichkeit besonders deutlich ausgesprochen war, was mit der Tatsache im Zu- sammenhange steht, daß die Antikörperproduktion durch das Gift gesteigert wird. Die Uebertragung der Ueberempfindlich- keit erfolgt durch den diapla centaren Uebergang der Eiweißantikörper von der Mutter auf die Frucht. Durch die Milch erfolgt, wie die Untersuchungen von Rosenau & Anderson ergaben, keine Uebertragung der Anaphylaxie. Ebenso kann nach den letztgenannten Autoren die Ueberempfind- lichkeit von den Männchen nicht auf die Neugeborenen übertragen werden. Schenk glaubt, festgestellt zu haben, daß eine Uebertragung der Anaphylaxie auch durch das Sperma erfolgen kann, allerdings soll dies in viel schwächerem Grade als durch die placentare Uebertragung geschehen. Die Vererbung von dem Männchen auf die Jungen findet nach seinen Angaben in kaum der Hälfte der Fälle statt, wogegen der Uebergang des anaphylaktisierenden Antikörpers von Mutter auf Kind beinahe ausnahmslos stattfindet. Die von diesem Autor beobachteten leichten Erscheinungen lassen Zweifel darüber entstehen, ob es sich um eine walire Anaphylaxie gehandelt hat. Ueberblicken wir die mitgeteilten Erfahrungen bei der Eiweiß- anaphylaxie der ^Meerschweinchen, so ergibt sich, daß sich diese mit dem bei der Immunität Festgestellten vollständig decken. An anderen Tierarten außer Meerschweinchen sind bis jetzt in dieser Richtung Untersuchungen nicht angestellt worden. III, Serum- und Arzneifestigkeit von Bakterien und Trypanosomen und deren Vererbung. Wir müssen es uns natürlich versagen, im Detail auf diese interessanten Fragen einhergehen. An dieser Stelle sollen nur die wichtigsten "Befunde Erwähnung finden. Was die Bakterien betrifft, so ist die Inagglutinabilität und Resistenz bakteriziden Serumwirkungen gegenüber mancher frisch aus dem Körper gezüchteten Typhusstämme (Eisenberg) hinläng- lich bekannt. Die Vererbung dieser Eigenschaft erfolgt nur durch einige Passagen hindurch und wird zu keiner bleibenden Eigenschaft des Stammes. Eine Anpassung von Kulturbakterien an Gifte ist mehrfach beschrieben worden. Besonders eingehend geschah dies bei Arsen- präparaten (Danysz, Ruppel, Marks u. a.). L. H. Marks berichtet über einen Stamm von Hogcholerabakterien, der durch systematische Gewöhnung eine Festigkeit gegen arsenige Säure erworben hat. Dieser Stamm zeigte dann auch dauernde Veränderungen im kul- turellen Verhalten, sowie in der Agglutinierbarkeit, und war gleich- zeitig gegenüber Antimon fest. Was die Haltbarkeit der Veränderung Handbuch der pathogenen Mikroorganismen. 2. Aufl. II. ^4 1170 J- Morgenroth und H. Braun, betrifft, so konnte Makks Differenzen insofern finden, als manche Stämme trotz Züchtung auf gewöhnlichem Agar ihre Arsenfestig- keit längere Zeit beibehielten, während andere sie bereits nach etwa 50 Passagen verloren. Altmann & Rauth haben das Bacterium coli arsen- resp. karbolsäurefest gemacht und eine Aenderung in seinem antigenen Verhalten gegenüber dem Ausgangsstamm festgestellt. G. vSeiffert berichtete über Versuche, in denen es ihm gelungen ist^ durch mehrmalige Züchtung auf Malachitgrünagar Colistämme mala- chitgrünfest zu machen, so daß sie bei 10-fach höherer Earbstoff- konzentration gedeihen, als der Ausgangsstamm. Nennenswerte Ver- änderungen im biologischen Verhalten der giftfesten Stämme hat er nicht beobachtet. Besonders wichtige und interessante Befunde an Trypanosomen sind durch die grundlegenden Untersuchungen von Ehrlich und seinen Mitarbeitern Browning, Roehl und Gulbransen festgestellt worden. Es gelang, serumfeste und arzneifeste Trypanosomen zu erzielen, die der abtötenden Wirkung der trypanoziden Immunkörper resp. Arsenikalien und Farbstoffen nicht mehr unterworfen waren. Mäuse, die mit einer Trypanosomenart infiziert worden sind, wurden mit einer Menge eines Arzneimittels, z. B. Arsenophenylglycin be- handelt, die nicht dazu hinreichte, alle Trypanosomen abzutöten. Diese verschwinden auf eine Zeitlang aus dem Blute, und es kommt zur Bil- dung von trypanoziden Antikörpern. Einzelne Parasiten bleiben in den Organen zurück und passen sich den Antikörpern an, mit anderen Worten, sie werden serumfest und verursachen ein Rezidiv. Diese Serumfestigkeit des Rezidivstammes kann viele Mo- nate hindurch trotz fortwährender Passagen durch nor- male Tiere erhalten bleiben. Ein solcher Stamm zeichnet sich dadurch aus, daß er Tiere, die gegen den Ausgangsstamm immun ge- worden sind, gleich schnell zu töten vermag, wie unvorbehandelte Tiere. Die Rezidivparasiten haben also diejenigen Rezeptoren, an die sich die trypanoziden Antikörper verankern, eingebüßt. Nun hat Ehrlich aber eine andere fundamentale Tatsache entdeckt, die näm- lich, daß man auch gegen die Rezidivparasiten in der früher ange- führten Weise eine Immunität erzielen kann, während die Empfind- lichkeit dem originären Stamm gegenüber erhalten bleibt. Er schließt daraus, daß in dem Rezidivstamme nicht nur gewisse Rezeptoren zugrunde gegangen sein müssen (Theorie des Rezeptorenschwundes), sondern daß gleichzeitig auch ganz neue Rezeptoren entstanden sind, die dem Ausgangsstamm fehlten. Analoge Feststellungen hat Ehrlich auch an arzneifesten Trypanosomen gemacht. Die Arzneifestigkeit ist bis zu einem gewissen Grade spezifisch, und die Haltbarkeit dieser Ver- änderung ist eine sehr lange. So konnte Ehrlich von einem atoxylfesten Trypanosomenstamm berichten, der trotz 3- jähriger Passage durch normal*e Mäuse seine Festigkeit gegen Atoxyl nicht eingebüßt hatte. Die Arzneifestigkeit läßt sich auch durch Substanzen erzeugen, die keinen besonderen Heilwert haben. Die serum- und arzneifesten Stämme faßt Ehrlich als Mutationen auf. Werbitzki hat neben dieser biologischen sogar eine morphologische Veränderung bei einem pyroninfesten Stamme festgestellt. Derselbe erwies sich nämlich als^ Die Vererbungsfrage in der Immunitätslehre. 1171 bicpharoplastfrei. Wenn sich auch diese Arzneifestigkeit bei der Ueberimpfimg von Tier auf Tier jahrelang hindurch erhält, so konnte andererseits Goxder am arsenfesten Trypanosoma lewisi nach- weisen, daß bei der geschlechtlichen Fortpflanzung im Haematopinus spinulosus die Trypanosomen wieder zum normalen Zustand zurück- geführt werden und ihre Arsenfestigkeit vollkommen verlieren. Wir müssen uns mit der Mitteilung dieser Beobachtungen be- gnügen und bezüglich der näheren Details auf die Spezialkapitel verweisen. Literatur. Sammelreferate. Heymann, F., Neuere Arbeiten über die physiologische Blutbeschaffenheit der Schwangeren und Neugeborenen und über die Beziehungen zwischen mütter- lichem und fötalem Blut. Folia haeraatologica, Bd. 3, 1906. Kehrer, E., Der placentare Stoffaustausch in seiner physiologischen und patho- logischen Bedeutung. Würzburger Abhandl., Bd. 7, Würzburg, A. Stuber, 1907. Pfaundler, Meinhard, Die Antikörperübertragung von Mutter auf Kind. Arch. f. Kinderheilk., Bd. 47, 260—286, 1908. AcHARU & Bensaude, Semaine med., 1896. Altmann, K., & Rauth, A., Experimentelle Studien über Erzeugung sero- logisch nachweisbarer Variationen beim Baeterium coli. Zeitschr. f. Im- munitätsforsch., Bd. 7, Heft f), S. 629. Anderson, Maternal transmission of immunity etc. Ref. Bull. Pasteur, 1906. Behm, Zeitschr. f. Geburtsh. u. Gynäkologie, Bd. 8, 1882. 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Bereits in den ersten Anfängen der Serumtherapie liat es sich beim Diphtherieserum gezeigt, von wie hoher Bedeutung nicht nur in theoretisch -wissenschaftlicher, sondern auch in praktischer Hin- sicht für ein in die Therapie einzuführendes Heilserum dessen sichere Wertbemessung ist. Man ist daher auch später immer bestrebt ge- wesen, für neue in den Verkehr zu bringende Serumpräparate brauch- bare Wertbemessungsmethoden zu ermitteln, um so die Verwendung minderwertiger Sera zu verhindern und zugleich für die Beurteilung der spezifischen Serumwirksamkeit sichere Grundlagen zu schaffen. Dabei stellte sich das Bedürfnis heraus, neben der Prüfung auf Voll- wertigkeit auch für die Unschädlichkeit und sachgemäße Herstellung der Heilsera Garantien zu haben. Dies gab in einer Reihe von Län- dern Veranlassung dazu, mit der Herstellung der Heilsera bestimmte staatliche Institute zu beauftragen, zumal es dadurch ermöglicht wurde, wichtige Serumpräparate auf Staatskosten billig abzugeben. Einen anderen Weg hat man in den meisten größeren Staaten, z. B. auch in Deutschland eingeschlagen. Hier überließ man die Serumgewinnung privaten Fabrikationsstätten, führte aber zunächst für das Diphtherie- heilserum, später auch für andere Serumpräparate eine staatliche Kon- trolle ein, indem man zugleich die betreffenden Präparate dem fi'eien Verkehr entzog und in die Reihe der Heilmittel aufnahm, welche nur in den Apotheken (gegen ärztliches Rezept) verabfolgt werden dürfen. In üeutsciiland (Preußen) wurde mit der Vornahme der staatlichen Prüfung zunächst das unter der Leitung von Robert Koch stehende Institut für Infektionskrankheiten in Berlin betraut, an dem im Februar 1895 zu diesem Zwecke eine besondere „Kontrollstation" eingerichtet wurde. Im Juni 1896 wurde diese Station zu einem selbständigen Institut, dem ,, Institut für Serumforschung und Serumprüfung" erweitert, zu dessen Leiter Paul Ehrlich berufen wurde. Aus dem in Steglitz bei Berlin errichteten Institut ging 1899 das „Institut für experimentelle Therapie zu Frankfurt a. M." hervor, das noch heute als eine seiner Hauptaufgaben die staatliche Prüfung der Heilsera in Deutschland aus- zuführen hat. Zur Serurafabrikation werden nur solche Anstalten zugelassen, deren Ein- richtungen und Leiter in keiner Beziehung zu Bedenken Anlaß geben. Neben der Prüfung im Frankfurter Institut findet durch die Staatsbehörden eine lokale Kontrolle an der Fabrikationsstätte statt, um die emwandfreie Her- 1176 E- Otto und K. E. Boehncke, Stellung der Sera zu garantieren. Diese Kontrolle erstreckt sich demgemäß auf die zur Serumgewiunung benutzten Tiere, die Art der Serumgewinnung und dessen Abgabe. (Näheres siehe bei R. Otto, Die staatliche Prüfung der Heilsera.) Die Prüfungsstelle im Frankfurter Institut selbst hat neben der eigentlichen „Wertbemessung" die einwandfreie Beschaffenheit der Sera zu kontrollieren. Die Sera müssen 1; klar und frei von gröberen Niederschlägen sein, 2) sie dürfen keine bakteriellen Verunreinigungen*), sowie 3) nicht mehr als 0,5 Proz. Phenol, bzw. 0,4 Proz. Trikresol enthalten**) und müssen 4) frei von Toxinen, speziell Tetanustoxinen sein. Die Ausführung der hierzu erforderlichen Untersuchungen bereitet keine Schwierigkeiten. Die Sterilitätsprüfung erfolgt nach allgemein bakteriologischen Gesichtspunkten und hat sich auf aerobe und anaerobe Keime zu erstrecken. Der Pheuolgehalt der Sera wird mit Hilfe des Mäuseexperiments geprüft. Eine weiße Maus von 15 g Körpergewicht verträgt gerade die subkutane Injektion von 0,5 ccm eines 0,5 Proz. Phenol-haltigen Serums (= 0,0025 g Phenol). Bei stärkerem Phenolgehalt treten Vergiftungserscheinungen auf. Stirbt die Maus, auch bei der Wiederholung, so enthält das Serum sicher mehr wie 0,5 Proz. Phenol. Die Prüfung auf Tetanustoxin geschieht an Meerschweinchen durch subkutane Injektion von 5 — 10 ccm. Die Tiere müssen völlig gesund bleiben. Leider besitzen wir bisher noch keine sichere Prüfungsmethode dafür, ob und in welchem Grade einzelne Sera stärker als der Noi-ni entspricht in der Lage sind, die sog. ,,Ser umk raukheit'" zu erzeugen. Wir wissen nur, daß die „Serumexantheme" durch das fremdartige Eiweiß als solches hervor- gerufen werden und diese Erkenntnis ist gerade für die Einführung möglichst hochwertiger Sera mitbestimmend gewesen. Es sollten eben maximale Mengen Schutzstoffe durch möglichst kleine Serumdosen eingeführt werden können. Dieser Zweck kann natürlich nicht dadurch erzielt werden, daß man die Sera einfach ,, konzentriert", denn in diesem Falle werden auch die Eiweißstoffe, welche als Ursache der Krankheit anzusehen sind, konzentriert werden. Jede „Eindickung" des Serums muß deshalb als verfehlt angesehen werden. Dem- entsprechend werden bei der staatlichen Prüfung im Frankfurter Institut alle diejenigen Heilsera, welche mehr als 12 Proz. Eiweiß enthalten, beanstandet. Man ist nun schon lange bestrebt gewesen, die Heilsera zu „reinigen", d. h. aus ihnen alle Bestandteile bis auf diejenige Eiweißsubstanz, welche als Träger der spezifischen Wirkung in Frage kommt (nach v. Behring das „Par- albumin"), zu entfernen. In der Tat ist es möglich, schon durch bestimmte Reinigungsprozesse ein Serum wertvoller zu machen, da mit der Höherwertigkeit der Antitoxinlösung ihre Fähigkeit zur Hervorrufung von schädlichen Neben- ,, anatoxische Index", d. h. die Minimaldosis von Proteinsubstanz, welche bei Wirkungen immer geringer wird. v. Behring hat aber weiter gefunden, daß der sensibilisierten Individuen anaphylaktische Vergiftungssymptome auslöst, im ,, ge- reinigten" Serum ein anderer ist, als im Vollserum: die Proteindosis zur Er- zeugung anaphylaktischer Symptome übersteigt beim „gereinigten"' Serum um ein Mehrfaches diejenige Proteindosis, welche beim Vollserum dazu genügt. Was nun die eigentliche Wertbemessung der Sera anbetrifft, so bereitet diese hinsichtlich der rein anti toxisch wirkenden Sera keine Schwierigkeiten. Wie bereits v. Behring gezeigt hat, genügt es bei diesen, im Mischungsversuch ihren Gehalt an giftneutralisieren- den Antitoxinen festzustellen, um eine Aufklärung über ihren Immunisierungs- und Heilwert zu erhalten. In klassischer Weise ist 1897 für das Diphtherieserum von P. Ehrlich eine Wert- *) Bei den ausschließlich nur für die Veterinärpraxis bestimmten Seris kann auf absolute Keimfreiheit verzichtet werden, jedoch ist ein zu hoher Gehalt an saprophytischen Bakterien (über 100) auch hier zu beanstanden. **) In Deutschland ist für die zur Verwendung beim Menschen bestimmten Sera der Zusatz von Konservierungsmitteln vorgeschrieben, um einer etwaigen Uebertragung von Rotzkeimen vorzubeugen. Wie Boxhoff gezeigt hat, halten sich die Rotzbacillen in 0,5-proz. phenolhaltigen Seris nicht lange, jedenfalls keine 24 Stunden, lebend. Die Wertbemessung der Schutz- und Heilsera. 1177 bemessungsmethode ausgearbeitet, welche jetzt nahezu in der ganzen Welt im Gebrauch ist. Zugleich lehrte uns Ehrlich die Haupt- bedingunoen, welche für die Wertprüfung eines antitoxischen Serums erforderlich sind, kennen ; es sind dies der Besitz eines absolut kon- stanten Maßstabes und eines gleichmäßig für die betreffende Intoxi- kation empfänglichen Tieres, als Indikator der im Mischungsversuch erzielten Neutralisation von Toxin durch das Antitoxin. Die große Wichtigkeit eines absolut unveränderlichen Maßstabes haben uns die ersten Erfahrungen bei der Diphtherie- serumprüfung schätzen gelehrt. In England geriet bekanntlich damals die junge Serumtherapie in starken Mißkredit, weil sich die Wirkung der dortigen Heilsera als sehr unzuverlässig erwies. Auch in Däne- mark gelangte ein ungenügend antitoxinhaltiges Serum in den Verkehr, wie Mausen seinerzeit nachwies. Das Vorkommen solcher geprüfter Sera von ungenügendem Antitoxingehalt erfuhr eine Erklärung durch vergleichende Untersuchungen der englischen und dänischen Standard- maße mit denen des von P. Ehrlich geleiteten Steglitzer Instituts. Es zeigte sich dabei, daß jene Maßstäbe sich abgeschwächt hatten. Wie dies unauffällig möglich gewesen war, wurde durch die wichtige von Ehrlich aufgefundene Tatsache erklärt, daß beide Komponenten des Mischungsversuchs (Toxin und Antitoxin) durchaus harmonisch absinken und so ein Konstantbleiben vortäuschen können. Diese Er- faliruug veranlaßte seinerzeit Ehrlich Konservierungsmethoden zu suchen, die eine absolut sichere Haltbarkeit der Standardmaße geran- tierten. Als Träger der Maßeinheit wählte er das Antitoxin, nachdem sich gezeigt hatte, daß die Diphtherietoxine sich abschwächten, selbst wenn man sie sorgfältig vor äußeren Schädlichkeiten schützte. Xähere Angaben über die EnRLicHSche Konservierung der Standardsera in Vakuumapparaten finden sich beim Abschnitt ,, Wertbemessung des Diphtherieserums". Die EnRLicHsche Methode eignet sich ebensogut zur Konservierung größerer Mengen trockenen Serums wie zu der kleinster Serumdosen. Auch zur Giftkonservierung ist sie sehr gut brauchbar. Was andererseits die Verwendung des Tierkörpers als Indi- kator für die erzielte Giftneutralisierung anbetrifft, so gilt es für jedes Serum eine Tierspecies von genügend gleichmäßiger Empfänglichkeit bzw. Resistenz gegenüber dem entsprechenden Toxin zu ermitteln, da nur dann eine exakte Wertbemessung möglich ist. Dafür, daß dies nicht immer leicht zu erreichen ist, bietet nach Ehrlichs Erfahrungen das Crotin ein typisches Beispiel. Gegenüber diesem Gifte finden sich bei den Tieren derselben Art alle möglichen Differenzen ; das eine Tier ist völlig unempfindlich, das andere hoch empfindlich. Wendet man nun ein Gemisch von Crotin und Anticrotin an. das nicht voll- kommen gesättigt ist, so kann dies z. B. bei unempfindlichen Tieren als gesättigt erscheinen und so zu Fehlschlüssen führen. Dagegen be- sitzen wir für das Tetanusgift in der Maus (und im Kaninchen) und für das Diphtheriegift im Meerschweinchen Tiere von hoher gleich- mäßiger Empfänglichkeit. Wie leicht durch Verwendung ungeeigneter Tiere Fehlerquellen in der Wertbemessung entstehen können, konnte kürzlich erst wieder Berghaus bei Nachprüfung der Versuche von Kraus & Schwoner zeigen, die bei ihren Versuchen zur Diphtherie- serumprüfung als Versuchstiere zum Teil die hierzu wenig geeig- neten Kaninchen benutzt hatten. 1178 E- Otto und K. E. Boehncke, Xeben der Verwendung geeigneter Tiere sind noch eine Reihe wichtiger Faktoren bei der Wertbemessung der Antitoxine zu be- rücksichtigen, auf die hier nur kurz hingewiesen werden soll. Von größter Bedeutung für alle Prüfungsversuche ist die strenge Inne- haltung ein und derselben Technik, da bei der Reaktion zwischen Toxin und Antitoxin die Zeit, die Temperatur, die Konzen- tration der Lösungen, der Salzgehalt der Medien und manches andere eine große Rolle spielt. Nach Befunden von Morgex- ROTii, Otto und Sachs ist es z. B. sehr wahrscheinlich, daß man bei der Vereinigung von Toxin und Antitoxin auch mit katalytischen Einflüssen in den Subkutangeweben bzw. in dem Serum rechnen muß, worauf bereits v. Behring früher hingewiesen hatte. Außer der Innehaltung bestimmter Versuchsanordnungen ist schließlich in der Prüfungstechnik noch die Verwendung präziser Meßapparate erforderlich, um kleinste Flüssigkeitsmengen mit ab- soluter Genauigkeit abmessen zu können. Die hierfür gebräuchlichen Feinpipetten und sonstigen Apparate sind beim Kapitel „Diphtherie- serum" näher beschrieben. Wissenschaftlich viel weniger sicher begründet und technisch oft ungleich viel komplizierter als die Bewertung dei^ rein antitoxi- schen Heilsera ist die der antibakteriellen Sera. Wir kennen leider bis heute bei keinem dieser Immunseris Antikörper, welche als Träger der spezifischen Wirksamkeit eine gleich große und allgemein, anerkannte Bedeutung haben wie die Antitoxine im Diphtherie- und Tetanusserum. Zwar konnte man in einzelnen von ihnen neuerdings auch Antitoxine nachweisen (und die Wirkung des Dysenterieserums z. B. scheint in erster Linie eine antitoxische zu sein), aber im all- gemeinen kann man in dem antitoxischen Antikörpergehalt bei diesen Serumpräparaten doch nur einen der wirksamen Heilfaktoren sehen. Man muß daher mit R. Pfeiffer die einseitige Bewertung dieser Quote bei den echten ,, antiinfektiösen" Heilseris als nicht genügend ansehen. Dasselbe gilt aber auch von den übrigen im antibakteriellen Serum vorkommenden Antikörpern. Als solche sind uns bekannt : 1) die Bakteriolysine (R. Pfeiffer), 'Hu 2) die Bakteriotropine (Xeufeld) und die Opsonine (Wright), '^•) die BoRDETschen Antikörper, sowie 4) 'd\ie mehr negativ charakterisierten Antiaggressine (Bail) und 5) die" Antiendotoxine (MacFadyen, Besredka, Kraus u. a.). Ob damit die Summe aller Stoffe, welche in den antibakteriellen Seris, speziell in den ,, antiinfektiös'" (Kolle) wirkenden in Aktion treten, erschöpft ist, muß zweifelhaft erscheinen, solange es noch praktisch wirksame Immunsera gibt, bei denen bekannte Antikörper als Träger der spezifischen Seruu.^yjj-i^m^g bisher nicht sicher nachweisbar sind. In früherer Zeit n\.{- j^y^^i wohl geneigt, bei den antibakteriellen Seris die Bakteriolysi, ^ ^jg ^^^ Ursache der spezifischen Serum- wirkung anzusehen, nacha^^ ^^^ schon frühzeitig erkannt hatte, daß den Agglutininen undSj.^^2ipit,inen j^ dieser Hinsicht keine ausschlaggebende Bedeutuni 2ukommt. Wie R. Pfeiffer und seine Schüler zeigen konnten, geluv^ ^^^ ^-^ bakterienauflösende Kraft eines Choleraserums z. B. genau Q'^iytitativ festzulegen, wenn man fallende Dosen des Serums zusammen >^ lebenden Bakterien Meerschweinchen intraperitoneal injiziert .v^^^^ERscher Versuch). Bei dieser Bak- teriolyse in vivo läßt sicn Sicherheit diejenige Serumdosis er- Die Wertbemessung der Schutz- und Heilsera. 1179 mitteln, welche gerade ausreicht, um das Tier gegen eine bestimmte Prüfungsdosis, z. B. die 10-fach tödliche Dosis einer virulenten Kultur, zu schützen (1 Immunitätseinheit [I.E.] nach H. Pfeiffer). Die prak- tische Erfahrung lehrte nun aber, daß die Anwendung des Pfeiffer- schen Versuchs nur bei einigen Seris sich durchführen ließ (Typhus-, Cholera-, Kälberruhrserum) und daß andererseits bei vielen wirk- samen antibakteriellen Immunseris Antikörper, ähnlich den Pfeiffer- schen Bakteriolysinen, nicht nachweisbar waren. Hiermit war be- wiesen, daß sie nicht die ausschließlichen Träger der antibakteriellen Immunität sein konnten, wie denn auch andererseits bakteriolytisch wirksame Sera in der Therapie versagten (Herz). Xeben dem Versuch, die Bakteriolysine in vivo zur Wertbemes- sung zu benutzen, hat man auch die Bakterienauflösung im Reagenzglase zum quantitativen Nachweis der bakterioly tischen Ambozeptoren herangezogen (Laubenheimer, Stern & Körte, Hahn). Die hierzu gebrauchten Methoden ergaben, abgesehen davon, daß sie sehr kompliziert waren, sehr ungleichmäßige Resultate. Eine brauchbare Prüfungsmethode ist das , .Platten verfahren" erst durch die Einführung der von M. Neisser & Wechsberg angegebenen Ver- suchsanordnung geworden. Ihre Methodik ist folgende : Zu je ^/öooo ccm einer eintägigen Bouillonkultur des betreffenden Bakteriums werden in sterilen Röhrchen fallende Dosen des bei 56^0 inaktivierten Immunserums und gleiche Mengen aktiven Meerschwein- chenserums (als Komplement) gegeben. Die Abmessungen müssen derart sein, daß in allen Röhrchen gleiche Mengen Flüssigkeit (z. B. 2,5 ccm) vorhanden sind. Die Verdünnungen und die Auffüllungen erfolgen mit 0,85-proz. NaCl-Lösung. Außerdem werden jedem Röhr- chen 3 Tropfen Bouillon zugefügt, um dadurch ein ungestörtes Wachs- tum in den Kontrollproben zu gewährleisten. Umfangreiche Kon- trollen sind stets notwendig, schon um die verwandten Sera usw. auf Sterilität zu prüfen. Die Proben werden während 3 Stunden bei 370 C gehalten und schließlich zu Agarplatten verarbeitet, indem mit gleichmäßigen Pipetten je 5 Tropfen zur Aussaat verwendet werden. Die Beurteilung der Platten geschieht stets nur Vergleichs- und schätzungsweise, etwa nach folgendem Schema: Keime, vereinzelte „ hunderte „ tausende „ CO „ Zu beachten bleibt bei derartigen Bakterizidie-Versuchen in vitro einmal die Verwendung geeigneter Stämme (serum- [oder komplement-] feste Kulturen, die nach Beobachtungen von Schlemmer, Neufeld und Lindemann z. B. bei Typhus gar nicht so selten vorkommen, sind nicht brauchbar) ; ferner ist bei Vergleichen die Benutzung desselben Komplements zu fordern. Auch die Men^e der Einsaat spielt insofern eine RoUe^ als kleine Dosen große Ausschläge geben. Auf Grund dieser Beobachtung verwandten Neufeld & Lindemann minimale Mengen (bei Typhus V40000 bis Vioo.ooo Proz.) zur Aussaat und fanden dann Ausschläge bis zu Verdünnungen des Immunserums von Vioooooo bis ^/lopoooooo- Sehr häufig beobachtet man gerade bei den bakterio- lytischen Reagenzglasversuchen mit kleinen Aussaaten eine auch sonst 1180 E- Otto und K. E. Boehncke, nicht unbekannte Erscheinung, die darin besteht, daß hinsichtlich der Bakterienvernichtung mit größeren Serumdosen ein schlechterer Erfolg erzielt wird, als mit bestimmten mittleren Dosen. Als Erklärung für dieses Phänomen gilt die sog. „Komplementablenkung" durch die überschüssigen Ambozeptoren (Neisser-Wechsberg). Im allgemeinen ist die Brauchbarkeit des ,, Plattenverfahrens" als Wertbemessungs- methode nur eine beschränkte. Einmal tritt die Bakteriolyse in vitro auch nur bei bestimmten Bakterien auf, andererseits fehlt bisher der Nachweis, daß die Sera mit hohem bakteriolytischen Titer auch in der Praxis hochwirksam sind. Dazu kommt, daß — wie sich gezeigt hat — der in vitro und in vivo gefundene Titer bei einem Serum meist nicht parallel geht (Choleraserum, Neufeld & Hüne, Paratyphusserum,. TörFER & Jaffe u. a.). Dies spricht dafür, daß bei beiden Prozessen vielleicht zum Teil verschiedene Antikörper in Aktion treten, oder daß jedenfalls die bakteriolytischen Vorgänge sich in vitro und in vivo verschieden abspielen (Neufeld). Das gleiche, was hier bezüglich der Bakteriolysine gesagt ist, gilt im großen und ganzen auch für die übrigen im Reagenzglas bzw. unter bestimmten Versuchsanordnungen im Tierkörper wirksamen Anti- körper, von denen zunächst die Bakterie tropine '(Opsonine) ge- nannt seien. Auch diese Antikörper können nach unseren bisherigen Kenntnissen bei keinem Immunserum als die ausschließlichen Träger der Heil- und Schutzwirkung angesprochen werden, wenngleich bei bestimmten Seris (z. B. den von Neufeld und seinen Mitarbeitern studierten Pneumokokken-, Streptokokken- und Eotlaufsera) die phago- cytäre Quote unter den Immunkörpern sichtlich eine Hauptrolle spielt. Bezüglich des Rotlaufserums hat Späth allerdings Einwände gegen die Bedeutung der Bakteriotropine erhoben, indem er darauf hinweist, daß einmal das verhältnismäßig stark bakteriotrope normale Pferde- serum keine nennenswerte Schutzwirkung entfalte und daß anderer- seits Rotlaufsera nach völliger „Erschöpfung" unter Verlust der Bak- teriotropine nicht erheblich in ihrer Schutzwirkung abgeschwächt seien. Indessen wird man unter Umständen in Ermangelung sonstiger Methoden doch wohl zur Benutzung des Phagocytose-Versuches bei der Wertmessung dieser Sera schreiten dürfen. Beim Dysenterieserum scheint dagegen nach den Befunden von Bächer & Laub seine Ver- wendung zu Wertbemessungszwecken nicht statthaft. Bei der Anstellung des Phagocytose-Versuches sind nun eine Reihe von Fehlerquellen möglich, auf die hier kurz hingewiesen werden soll. Wenn bei ihm auch die Mitwirkung des Komplements nicht erforderlich ist und damit gewisse Versuchskomplikationen weg- fallen, so treten hierfür doch besonders durch die Verwendung der Leukocyten eine Reihe neuer Schwierigkeiten auf. Als Vergleichs- objekt hat auch hier ein Standardserum von bestimmtem Gehalt an Bakteriotropinen zu dienen, nachdem die Haltbarkeit der Tropine in . j diesem als erwiesen anzusehen ist. Bei jedem speziellen Eall ist I außerdem vorher die Phago'cytierbarkeit der betreffenden Bakterien genau zu ermitteln. Die Kulturen können sich hierin sehr verschieden verhalten und starke Schwankungen des Titers verursachen (Onaka), Die Reaktion kann speziell durch Spontanphagocytose sehr beein- flußt sein. Geeignete Stämme müssen nach Neufeld & HtJNE : 1) innerhalb der Versuchszeit von l^/g — 2 Stunden keine erheb- liche Spontanphagocytose zeigen und Die Wertbemessung der Schutz- und Heilsera. 1181 2) gut durch spezifisches Serum beeinflußt werden; ferner dürfen 3) sowohl die gefressenen wie auch die außerhalb der Zellen liegenden Kokken innerhalb der angegebenen Zeit keine stärkere Degeneration erleiden. — Diese Postulate werden nicht immer leicht zu erfüllen sein. Ueber die Versuchstechnik nach Neufeld siehe „Wertbemessung des Meningokokkenserums" (S. 1232). Zu bemerken ist schließlich noch, daß bei der Wertbemessung mit Hilfe des Phagocytose-Versuches im gewissen Grade die Beur- teilung des Befundes dem subjektiven Ermessen des Prüfenden über- lassen ist und daß hier erst eine gewisse Uebung zu gleichmäßigem Urteil führt. Außer dem NEUFELDschen Verfahren kann man auch die Leish- MANNWRiGHTSche Methodik zur Wertbemessung der Heilsera heran- ziehen. Im allgemeinen gilt für die Opsonine dasselbe, was oben für die Bakteriotropine gesagt ist. Bei ihrem Nachweis geht man nach Leishmann-Wright bekanntlich so vor, daß je ein Teil aktiven Serums (bzw. Serum und Komplement) mit einem Teil Bakterien- emulsion und einem Teil Leukocjten (Blutsediment) in Kapillaren ge- mischt wird. Hier näher auf die Technik einzugehen, erübrigt sich, da in der Prüfungstechnik selbst die Opsonin-Bestimmung als Wert- bemessungsmethode bisher keine größere Verbreitung gefunden hat. Häufiger ist dagegen der Versuch' gemacht worden, die Bor- D ET sehen Antikörper zu diesem Zwecke zu verwenden. Bezüglich der Methodik sei auf die Wertbemessung des Meningo- kokkenserums nach Kolle-Wassermann verwiesen (siehe Kapitel Meningokokkenserum S. 1232). Auch für diese Antikörper gilt das oben allgemein Gesagte. Da es sich bei ihnen außerdem um Antieiweißkörper handelt, so dürfte ihre Bedeutung als Träger der Schutzwirkung ähnlich beurteilt werden können, wie die der Agglutinine und Präzipitine. Nachgewiesen ist übrigens durch zahlreiche Versuche (Nedrigailoff : Rotlauf- und Streptokokkenserum ; Moreschi, Neufeld & Hüne : Typhusserum ; Haendel : Choleraserum ; Kolle & Hetsch, Jatta & Maggiora, Vay, Damperoff : Pestserum ; Spaeth : Rotlaufserum ; Onaka : Meningo- kokkenserum usw.), daß sie weder mit den Bakteriolysinen noch mit den die Schutzwirkung sonst ausübenden Schutzkörpeni (Bakteriotropine und andere antiinfektiös wirkende Körper) identisch sein können. Bei „Erschöpfungsversuchen" hat sich gezeigt, daß völlig erschöpfte Sera im Tierversuch noch wirksam waren. Man kann daher im all- gemeinen den Gehalt an „komplementbindenden" Stoffen nicht zur Wertbemessung benutzen, höchstens in Ermangelung anderer Metho- den sich ihres Nachweises bedienen, um festzustellen, ob das be- treffende Immunserum von einem spezifisch längere Zeit vorbehandel- ten Tiere stammt. Dabei ließe sich voraussetzen, daß im allgemeinen bei längerer Dauer der Immunisierung zugleich mit dem BoRDETSchen A.ntikörper auch die anderen Schutzstoffe im Serum ansteigen. Daß dies durchaus nicht der Fall zu sein braucht, ist aber vielfach be- wiesen und daher diese Methode wenig rationell. Wir sehen demnach, daß weder den Bakteriolysinen noch den Bakteriotropinen (Opsoninen) und BoRDETschen Antikörpern bei der Wertbemessung der Heilsera bisher eine ausschlaggebende Bedeutung zugesprochen werden kann. 1132 ß- Otto und K. E. Boehxcke, Noch weniger ist dies für die An tiaggr essine der Fall. Auf die Möglichkeit, ihren Kachweis als Wertbemessungsmethode zu be- nutzen, soll hier nicht näher eingegangen werden, zumal da es immer noch zweifelhaft erscheinen muß, ob es sich überhaupt bei den Bail- schen ,,Aggressinen" um neue, bis dahin unbekannte Antigene mit besonderer Aktion handelt (siehe auch Wertbemessung des Rotlauf- serums). Was die „Anti-Endo toxine" betrifft, so hat schon E.Pfeiffer bei seinen ersten Immunisierungsversuchen nachgewiesen, daß mit Choleravibrionen aktiv immunisierte Tiere schließlich enorme Mengen Vibrionenendotoxine vertragen. Speziell sprechen aber die Versuche von Macfadyen, Besredka, Kraus u. a. dafür, daß mit Endotoxinen gewonnene Sera spezifisch anti-endotoxische Eigenschaften besitzen. E. Pfeffer & Bessau haben den Mechanismus der Endotoxin- Entgiftung genauer studiert und nachgewiesen, daß es sich hierbei nicht um eine Neutralisation durch ein Antitoxin handelt, bei dem das ,, Gesetz der konstanten Proportionen" gilt, sondern daß bei der Entgiftung ein fermentativer Abbau des Endotoxins zu atoxischen Substanzen erfolgt. An diesem Abbauprozeß, der^ wahrscheinlich ein sehr komplizierter Vorgang ist, beteiligt sich nicht nur der spezi- fische Antikörper, sondern auch eine Komponente des (vergifteten) Organismus, die wahrscheinlich mit dem Komplement identisch ist. Das erste Stadium des Abbaus ist nach R. Pfeiffer & Bessaü die mikroskopisch nachweisbare Bakteriolyse; beide, Bakteriolyse und Endotoxinverbindung, sind Wirkuno-en desselben Agens. Nach diesen Autoren kann z. B. bei der Serumbehandlung des T3^phus von einer echten antitoxischen Therapie nicht die Rede sein, vielmehr bezeichnen sie als das Ziel die Gewinnung möglichst wirksamer bakteriolytischer Sera. Tf^'il'i Ob es möglich sein wird, die Wertbemessung anti-endotoxisch wirkender Sera z. B. des Typhusserums allein mit Hilfe der Aus- lösung ihrer bakteriolytischen bzw. antiendotoxischen Wirksamkeit durchzuführen, muß indessen vorläufig noch dahingestellt bleiben (s. oben). Wenn wir also zu dem Schlüsse gelangen, daß uns bisher bei den ,, antibakteriellen" (antiinfektiösen [Kolle] ) Seris keine Antikörper bekannt sind, deren alleinige ,, Bestimmung" — älmlich wie die der Antitoxine bei antitoxischem Serum — ■ genügt, um ihren Wirkungs- wert zu bemessen, so müssen wir noch kurz die Ansicht von Uxger- mann & Kandiba erwähnen, nach der die mit zahlreichen antiinfek- tiösen Seris beobachteten Mißerfolge nicht auf der Art der Anti- körper, sondern auf bisher nicht überwundenen, durch die qualitativen und Verteilungsverhältnisse gegebenen Schwierigkeiten beruht. Sollte es gelingen, durch deren Beseitigung bessere serumtherapeutische Er- folge zu erzielen, so wird damit auch der Prüfungstechnik der Weg gewiesen sein. — Aus deui Erfahrungen der Praxis wissen wir nun, daß es .doch eine Reihe von antiinfektiösen Seris gibt, die trotz schwankendem Gehalt an dem einen oder anderen Immunkörper sich praktisch bewähren und sich im Tierversuch genau quantitativ be- werten lassen, und zwar dann, wenn man auf die Messung bestimmter Antikörper verzichtet und der AVertbemessung die Schutzimpfung mit Serum gegen eine gleichzeitige oder nachfolgende Allaemeininf ektion mit lebenden Inf ektionserrearern zii- Die Wertbemessung der Schutz- und Heilsera. 1183 gründe legt. Es ist zur Erklärung dieser Tatsache wohl anzu- nehmen, daß bei der (nicht lokal beschränkten) Serumwirkung im Tierkörper außer den oben angeführten Antikörpern noch eine Reihe anderer (bisher nicht nachweisbarer oder uns unbekannter) Stoffe in Aktion treten. Inwieweit diese mit Antifermenten, Antiendotoxinen, Antiaggressinen oder anderen Körpern des Serums identisch sind, soll hier nicht näher geprüft werden. (Man kann, wie dies Neu- feld & Kandiba beim Rotlaufserum gezeigt haben, den negativen Befund an bekannten Antikörpern nicht als Beweis für das Vor- handensein irgendeines anderen (nicht nachweisbaren) Schutzkörpers ansehen. Die von verschiedener Seite (Kolle, Bürdet) betonte Tat- sache, daß mit lebenden Erregern gewonnene Heilsera günstiger wirken, kann man — ohne Annahme besonderer antiaggressiver oder anti- infektiöser Eigenschaften — damit erklären, daß zur Herstellung wirksamer Sera — worauf besonders R. Pfeiffer hingewiesen hat — möglichst wenig geschädigte Antigene erforderlich sind.) Annehmen darf man ferner, daß bei einem wirksamen Serum im Tierversuch annähernd die gleichen Faktoren in ihrer Gesamtlieit in Aktion treten, die auch bei Spontaninfektionen (bei Mensch und Tier) wirksam sind. Besonders berechtigt muß eine derartige Annahme ers^ieinen, wenn die Verhältnisse des Prüfungsversuchs eine Versuchsanordnung hin- sichtlich Infektion und Serumapplikation gestatten, die den natür- lichen Verhältnissen entspricht. So werden z. B. bei der Wert- bemessung des Pestserums an der Ratte sich fast die gleichen Be- dingungen experimentell herstellen lassen, wie in der Wirklichkeit bei Spontaninfektionen. Aber auch dann wird der Tierversuch (und schließlich auch jede andere quantitativ genau arbeitende Methode) mit der Zeit brauchbare Resultate erwarten lassen, wenn es sich um ein in der Praxis wirksames Immunserum handelt, wie denn überhaupt der Wert eines Serums nur nach den praktischen Erfolgen beurteilt werden kann. Ist in diesem Falle irgendeine Wertbemessungsmethode gefunden, wobei wir in erster Linie stets an den Tierversuch denken, so wird sich im Laufe der Zeit herausstellen, ob der im Prüfungs- versuch ermittelte Gehalt an spezifischen Immunkörpern mit dem praktischen Heilwert des Serums parallel geht. Ebenso wird man Sera, deren theoretisch angenommene Wirksamkeit bis dahin noch nicht mit Sicherheit erwiesen ist oder doch erst in der Praxis erprobt werden soll, zu einer Wertbemessung zulassen (,,provisorisch"), so- bald eine Wertbemessungsmethode vorliegt, die wenigstens im Labo- ratorium ihren Gehalt an Schutzkörpern, am besten im Tierversuch, fest bestimmen läßt. Wir müssen nun noch auf einige Schwierigkeiten hinweisen, welche sich theoretisch und praktisch der Wertbemessung im Tierversuch entgegensteilen können. Ein großer Nachteil des „Schutzversuches" beruht z. B. schon darin, daß nur von einer be- schränkten Anzahl der menschlichen Infektionskrankheiten die In- fektion auf Tiere übertragbar ist. Da wir, ohne auf die verschiedenen Möglichkeiten der Anti- körperwirkung näher einzugehen, mit .Ehrlich annehmen, daß bei der Schutzwirkung im Tierkörper die in erster Linie wirksamen Anti- körper Ambozeptortypus haben, so wird der Erfolg der Schutz- wirkung im Tierkörper von dem mehr oder weniger guten Zusammen- wirken beider Komponenten, des Ambozeptors und des Komplementes 1184 R- Otto und K. E. Boehncke, abhängen. Nun wissen wir, daß hier Störungen von beiden Seiten vorkommen können. Bezüglich des Komplementes fand Wechs- berg z, B., daß der durch die Immunisierung von Tauben mit Vibrio Metschnikoff gewonnene Ambozeptor zwar mit Taubenserum kom- plettiert wird, dagegen nicht der durch Immunisierung von Kaninchen erhaltene. Eine ähnliche Beobachtung machten Kolle and Otto. Ein bei Ratten und Mäusen hochwirksames, vom Pferde gewonnenes Pestserum versagte beim Meerschweinchen, dagegen war bei dieser Tierart das Serum immuner Meerschweinchen wirksam, trotzdem es bei Ratten und Mäusen keine nennenswerten schützenden Eigen- schaften entfaltete. Andererseits werden sich auch gewisse Störungen im Tierversuch von dem Immunkörper (Ambozeptor) herleiten lassen. Wir kennen ein- mal noch zu wenig die quantitativen Beziehungen zwischen den Schutzstoffen und den Infektionserregern im Tierkörper. AVie an anderer Stelle (siehe Wertbemessung des polyvalenten Schweineseuche- serums nach Ostertag & Wassermann) näher ausgeführt ist, spielt es unter Umständen auch eine Rolle, ob ein Serum ,, polyvalent" wirk- sam sein muß. Eine solche Polyvalenz wird erforderlich, wenn bei einer Infekti-onskrankheit — wie dies bei der Kälberruhr nach Jensen und Joest*) und bei der Schweineseuche nach den oben genannten Autoren der Fall ist — die Bakterienstämme in ihrem Rezeptorenapparat zwar bestimmte dominante Reseptoren besitzen, die einzelnen Stämme aber Partialambozeptoren aufweisen, die stark voneinander abweichen. In diesem Falle wird es notwendig, so- genannte ,,multipartiale" Sera zu gewinnen, d. h. Immunserum durch Vorbehandlung mit möglichst vielen untereinander differenten Stäm- men derselben Bakterienart zu erzeugen. Das resultierende ,,multi- partiale" Serum setzt sich dann aus einer weit größeren Anzahl verschiedener Partialteile zusammen, entsprechend den individuell verschiedenen Nebenrezeptoren, als ein nur mit einem Stamm ge- wonnenens ,, monovalentes" Serum, das seinerseits durch den hohen Gehalt an wenigen Partialambozeptoren ausgezeichnet sein kann, aber in bezug auf die Zahl der verschiedenen Partialambozeptoren sehr wenig breit ist. Ein solch monovalentes Serum wird nach den An- schauungen von Ostertag & Wassermann, wenn es zufällig einen homologen Stamm trifft, bereits in kleineren Dosen wirken^ als ein multipartiales. Dieses letztere wird den einzelnen Stamm erst in höheren Konzentrationen beeinflussen, dafür aber in den verschieden- sten Fällen seine schützende Wirkung entfalten. Das für die Prü- fung solcher ,,multipartialen" Sera notwendige Wertbemessungs- verfahren hat diesem Umstände durch Auswertung gegen eine be- stimmte Infektion mit verschiedenen Bakterienstämmen Rechnung zu tragen, wie dies näher beim Kapitel ,, Wertbemessung des Schweine- seuchenserums" ausgeführt ist. Eine andere, praktische Schwierigkeit bei der Prüfung der anti- bakteriellen Sera im Tierversuch bedeutet die Verwendung lebender Kulturen. Abgesehen von der Art der Infektion und der Serum - applikation ist die richtige Wahl der Infektions dos is vielfach von größter Bedeutung. Es hat sich gezeigt, daß das Gesetz der Multipla *) Siehe Hindersson: Mitteilungen aus dem Kgl. Veterinär- usw. Seruni- laboratorium in Kopenhagen, Heft XX. Die Wertbemessung der Schutz- und Heilsera. 1185 hier keine Gültigkeit hat. Eine bestimmte Serumdosis kann gegen die millionenfach tödliche Dosis schützen, während Bruchteile bereits bei der 10-fach tödlichen Dosis versagen. Es bestehen dagegen, wie Neufeld & Ungermann gezeigt haben, häufig sehr enge Relationen (,, Schwellenwerte") zwischen schützender Serummenge und Körper- gewicht, die genau berücksichtigt werden müssen (siehe Wertbe- messung des Pneumokokkenserums, S. 1222). Störend wirkt ferner beim Prüfungsversuch gegen die Infektion mit lebenden Erregern oft die schwankende Virulenz der Kulturen. Selbst wenn man sorgfältig bemüht ist, durch regelmäßige Ueberimpfung und durch Tierpassagen eine möglichst gleichmäßige Virulenz der Bakterienstämme zu erzielen, so wird man doch immer wieder auf große Schwankungen stoßen. Bei den amtlichen Prü- fungen im Frankfurter Institut hat sich dabei die sehr wichtige Tatsache ergeben, daß eine Prüfungskultur, ohne an ihrer pathogenen Wirkung zu verlieren, in ihrer Resistenz gegenüber dem Schutzserum nachlassen kann. Während z. B. die Kontrolltiere nach wie vor prompt durch i/^qo ccni der Bacillentestkultur getötet wurden, schützt nicht nur 0,01 ccm Standardseruni gegen diese Infektionsdosis, sondern plötzlich schon 0,001 ccm Serum, eine Serummenge, welche ursprünglich wirkungslos war. Die Resistenz der Kultur gegen das Immunserum hat sich also geändert und diese Aenderung der Re- sistenz erwies sich als ein viel feineres Reagens auf die beginnende Virulenzabschwächung der Prüfungskultur als der Termin des Todes- eintritts nach einer bestimmten Infektion. Die aus dieser Tatsache ent- stehenden Schwierigkeiten lassen sich nun aber leicht umgehen, wenn zur Serumprüfung der Vergleich mit einem Standardserum benutzt wird (P. Ehrlich). Es müssen dazu zwei Versuchsreihen an- gestellt werden; die erste mit dem Standardserum, sie gibt an, welche Serumdosis gegen die vorliegende Infektion noch schützt, die zweite mit dem zu prüfenden Serum, sie gestattet im Vergleich mit der ersten einen genauen Rückschluß über den Wert des betreffenden Serums. Xälieres über die einzelnen Prüfungsverfahren ist aus dem spe- ziellen Teil ersichtlich. Trotz der oft nicht unerheblichen Schwierig- keiten ist es doch gelungen, für eine Reihe antibakterieller Sera sicher arbeitende Wertbemessungsmethoden auszuarbeiten. In der Hauptsache handelt es sich dabei um Infektionskrankheiten, deren Erreger beim Prüfungstier eine Allgemeininfektion (ohne starke Toxin- wirkung hervorrufen. — Schließlich ist noch zu bemerken, daß auch Heilsera gegen Infektionskrankheiten mit noch unbekannten Erregern sehr wohl einer Wertbemessung unterzogen werden können. Zu emp- fehlen ist auch hier der Tierversuch. Man mischt z. B. infek- tiöses Material vom kranken Tiere (Lymphe, Blut) mit fallenden Dosen Serum und injiziert das Gemisch geeigneten Prüfungstieren, deren Auffindung, wie sich dies bei der Maul- und Klauenseuche ge- zeigt hat (Löffler), nicht immer ganz leicht ist. Man hat auch hier die Reagenzglasmethoden heranzuziehen versucht. Abgesehen davon, daß diese bei einzelnen Seris (Komplementbindung beim Lyssaserum, Poliomyelitisserum u. a.) versagen, müssen auch bei diesen Seris theoretisch die gleichen Bedenken gegen alle Wertbemessungs- methoden, welche vom Tierversuch absehen, erhoben werden, wie gegen die gleichen Prüfungsmethoden bei den antibakteriellen Seris. Handbuch der pathogenen Mikroorganismen. 2. Aufl. II. 75 1186 R. Otto und K. E. Boehncke, Wichtig ist bei der Prüfung mancher dieser Sera die vorherige Mischung des Serums mit dem Virus in vitro (z. B. beim rabiziden Serum). Von den Seris gegen Seuchen mit „unbekannten" Erregern, welche teils in der Praxis Verbreitung gefunden haben, teils große theore- tische Bedeutung besitzen, seien genannt : das Einderpestserum (Kolle & Turner), das Serum gegen Maul- und Klauenseuche (Löffler), das Schafpockenserum (Borrel), das rabizide Serum (Babes, Tizzoni, Kraus) und das Schweinepestserum (Dorset, Uhlenhuth), Ein Teil von ihnen wird hauptsächlich zur ,, kombinierten Im- munisierung" benutzt. Von den Schwierigkeiten, die sich bei der Wertbemessung solcher Sera mit unbekannten (filtrierbaren) Erregern im Tierversuch entgegenstellen können, seien hier nur die hervorgehoben, welche sich aus der Art des Infektionserregers er- geben. Da es sich um ein „ultravisibles" Virus handelt, so ist naturgemäß weder über die Menge noch über die Virulenz desselben im emzelnen Falle eine völlige Orientierung möglich. Diese Schwierigkeit hat Uhlenhujh dadurch um- gangen, daß er z. B. für die Auswertung seines Schwemepestserums den Prü- fungsversuch „im Seucheustall" einführte. Es hatte sich nämlich gezeigt, daß ein derartiger, verhältnismäßig leicht einzurichtender Seuchenstall seine Virulenz: in annähernd gleicher Weise behält. Die unbehandelten Tiere in einem solchen Stalle erkrankten regelmäßig und verendeten in 4 — 6 Wochen, die mit Immun- seruni behandelten Tiere müssen (mindestens 4 — 6 Wochen) vollkommen gesund bleiben. Sera, welche bei Ferkeln von 10 kg in der Dosis von 10 — 20 ccm diesen Schutz verleihen (während die Kontrollen eingehen), besitzen nach Uhlenhuth genügend praktische Wirksamkeit. B. Spezieller Teil. I. Die Wertbestimmung der rein antitoxischen Sera. Als solche sind anzusehen das Diphtherieheilserum, das Tetanus- antitoxin, das Botulismus-, Schlangengift- und Eauschbrandantitoxin sowie das Anti-Abrin, -Crotin und -Ricin und vielleicht auch das Heufieberantitoxin. Da nach allgemeiner Ansicht allein die Antitoxine die Träger der Serumwirkung sind, so ist zur Bestimmung des Wirkungswertes eines antitoxischen Serums nur nötig, seinen Gehalt an spezifischen Antitoxinen zu messen. Dazu vermischte v. Behring anfangs das (Diphtherie- )Gift, und zwar in der einfach tödlichen Minimaldosis, mit dem (Diphtherie- )Antitoxin und brachte das Gemisch Meer- schweinchen subkutan bei. Jedoch schon v. Behring und Boer be- tonten, daß für die vollständige Wertbemessung eines Serums vier Versuchsreihen anzustellen wären, die folgendes berücksichtigten : 1) den Immunisierungswert gegenüber einer Infektion, 2) den Heilwert gegenüber einer Infektion, 3) den Immunisierungswert gegenüber einer Intoxikation, 4) den Heilwert gegenüber einer Intoxikation. Auf Grund seiner Untersuchungen konnte nun v. Behring den Satz aufstellen, daß ein unveränderliches Verhältnis zwischen diesen vier Werten besteht, so zwar, daß wenn man einen derselben genau kennt, infolge des bestehenden Paralleiismus auf die anderen drei Rückschlüsse gestattet sind. Demgegenüber behauptete Roux, daß Die Wertbemessung der Schutz- uud Heilsera. 1187 diese Beziehungen zwischen dem antitoxischen Wert eines Serums einerseits und dem präventiven und kurativen Wert desselben anderer- seits in dem genannten Maße nicht beständen, sondern vielmehr bis- weilen hochwertige Sera weit geringere heilende und schützende Eigenschaften besäßen als geringwertige. Zur Klärung dieser Fragen stellte Marx mit Toxin und Antitoxin verschiedenster Stärke und wechselnder Herkunft umfassende Untersuchungen folgender Art an: 1) Heilversuche an Meerschweinchen : Gift subkutan, 3 Stunden später das Serum intraperitoneal ; 2) Immunisierungsversuche an Meerschweinchen : intraperitoneale Einverleibung des Serums und nach 6 Stunden Subkutaninjektion des Toxins ; 3) Heilversuche an Kaninchen : Gift und — nach verschiedenen Zeiten — Antitoxin intravenös. 4) Immunisierungsversuche an Kaninchen: intravenöse Injektion des Antitoxins und unmittelbar darauf des Toxins. Dabei zeigte sich, daß die toxinneutralisierende Kraft eines Di- phtherieheilserums, d. h. der Gehalt desselben an Antitoxineinheiten und die immunisierende und heilende Wirkung drei Faktoren sind, die in engster Beziehung stehen, und zwar so, daß der Immunisierungs- und Heilwert eines Serums dem Gehalt an Immunitätseinheiten direkt proportional ist. Wai* man also hiernach berechtigt, die Wert- bemessung der antitoxischen Sera allein durch Feststellung ihres Gehaltes an Immunitätseinheiten vorzunehmen, so schienen dem wieder die Ergebnisse Cruveilhiers zu widersprechen, der nach einer Reihe ähnlicher Versuche, jedoch unter Verwendung lebender DiphtJierie- kulturen, den Anschauungen Roux' entsprechend zu einem wesentlich anderen Resultat kam, nämlich daß der heilende Effekt eines Serums nicht ausschließlich von dessen Gehalt an Antitoxineinheiten ab- hängig sei und daß daher die übliche Titrationsmethode kein exaktes Maß für die Brauchbarkeit und Leistungsfähigkeit eines Serums sei. Wenn also für ein Serum ein hoher Antitoxingehalt auch erwünscht ist, so soll dies keineswegs die Hauptsache sein, vielmehr der Haupt- effekt anderen im Serum v/irksamen Stoffen zukommen. Dementsprechend vollzieht sich in Frankreich die Wertbemessung des Diptherieheilserums (s. u.) auch so, daß außer der Schutzkraft stets die Heilkraft festgestellt wird. Die Ergebnisse Cruveilhiers wurden nun bald arg erschüttert durch die Versuche von Steinhardt & Banzhaf, die, mit der gleichen Methodik wie der französische Autor arbeitend zu ganz entgegengesetzten Resultaten kamen, nämlich daß der Heilwert des Serums von dem Antitoxingehalt abhängig ist. Die Streitfrage kam aber bald wieder in Fluß, als Kraus & Schwoner im Jahre 1908 in ihrer Arbeit ,, lieber Beziehungen des Antitoxingehaltes des Diphtherie- serums zu dessen Heilwert" ihre Untersuchungsergebnisse in folgen- den Sätzen formulierten : 1) Zwischen Antitoxinmengen und Heilwert des Diphtherieserums bestehen keine fixen Beziehungen; 2) dem hochwertigen (300 — 600-fachen) Diphtherieserum kommt in der Regel geringere Heilwirkung zu als solchem, welches geringer- wertig ist; 75* 1188 E- Otto und K. E, Boehncke, 3) der Heilwert eines Serums i. e. Avidität scheint von der Zu- oder Abnahme der Antitoxinmenge während der Immunisierung un- abhängig zu sein; 4) die Avidität der antitoxischen Sera ist eine prinzipielle Eigen- schaft des Antitoxins und soll bei der Wertbemessung berücksichtigt werden ; 5) die bisherige "Wertbestimmung nach Ehrlich zeigt in aus- gezeichneter Weise die Menge der Antitoxine an, berücksichtigt aber nicht den Heilwert. In Uebereinstimmung mit Belfanti konnte nun Berghaus auf Grund seiner in drei Arbeiten niedergelegten Befunde in jüngster Zeit wieder die Sicherheit der EHRLicnschen Wertbemessungsmethode von neuem bestätigen. Berghaus, der seine Versuche zum Teil mit den- selben Seris wie Kraus anstellte, verwendete nicht wie dieser die subkutane Methode der Gift- und Serumeinverleibung, sondern zu- nächst nach dem Vorgang von Morgenroth die intracardiale Gift- und Serumeinspritzung. Konnte er aus den ersten den alten Satz wieder bestätigen, ,,daß für die Heilwirkung nicht die Herkunft der Sera, noch ein anderes Moment, sondern nur ein Faktor in Betracht kommt, und zwar nur der Gehalt an Antitoxineinheiten", so glaubte er aus seinen experimentellen Resultaten weiter die Folgerung ziehen zu dürfen, daß für die Prüfung der Frage der Aviditätsverhältnisse des Toxins und Antitoxins die Subkutanmethode, weil zu unzuverlässig, besser nicht in Anwendung gezogen wird. Da er fand, daß eine Stunde nach der Injektion derselben Giftmenge bei der subkutanen Injektion 40,0 I.E. bei der intraperitonealen Injektion 7.0 I.E. bei der intracardialen Injektion 0,08 I.E. zur Heilung nötig waren, so ergab sich daraus die bedeutsame Tat- sache, daß die Heilwirkung des Serums bei direkter Einverleibung in die Blutbahn 500mal größer als bei der subkutanen und noch 80 bis 90mal größer als bei der intraperitonealen Injektion war. Eine weitere Widerlegung fanden die Versuchsresultate von Kraus & Schwoner noch durch die entgegengesetzten Ergebnisse der diesbezüglichen, unter Kolles Leitung durchgeführten Unter- suchungeu Brüstleins. Dieser fand die hochwertigen Sera nämlich nicht nur nicht weniger wirksam als die geringwertigen, sondern es ergab sich ihm vielmehr eine absolut wie relativ stärkere Heilkraft der Hochwertsera im Vergleich zu entsprechenden Quantitäten nieder- wertiger Sera, da er bei ersteren mit absolut weniger Antitoxin- einheiten als bei letzteren genau denselben Effekt erzielen konnte. (Unregelmäßigkeit infolge der angewandten Technik? Siehe Neu- feld & Händel.) Wenn nun auch Kraus & Schwoner in einer folgenden Gegen- schrift entgegen den Feststellungen von Berghaus und Brüstlein daran festhalten, daß Heilweft und Antitoxingehalt nicht in direkter Proportionalität stehen und als Kriterium für den Ausfall der Ver- suche nicht so sehr die Art der Beibringung von Gift und Serum gelten lassen, als den zeitlichen Zwischenraum zwischen Toxin- und Antitoxininjektion, so wird man zurzeit unter Würdigung aller pro und contra doch noch die Ermittelung des Gehalts an Antitoxinen für die Wertbemessung der rein antitoxischen Sera insbesondere des . Diphtherieserums für ausreichend zu erklären haben. Die WertbemessuDg der Schutz- und Heilsera. 1189 Und das um so mehr, als ganz neuerdings wieder Neufeld &■ Händel bei ihren Versuchen über den Zusammenhang von Heilwert und Antitoxingehalt die Ergebnisse von Kraus & Schwoner nicht bestätigen konnten. Sie benutzten zu ihren Untersuchungen vier von Kraus überlassene Sera, die einen Wertgehalt von 70 bzw. 95 bzw. 140 bzw. 310 I.E. in 1 ccm hatten. Wie sich als Versuchsresultat zeigte, ließ sich mit derselben Antitoxinmenge bei allen 4 Seris der gleiche Heileffekt erzielen. Allerdings weisen Neufeld & Händel, besonders auf Grund der Befunde von Lindemann (ferner desgleichen von Bandi, Mena- BUONi, TuNicLEFF, V. Gruber uud Ohkubo) bezügUch der phago- cytären Wirkung nach der Simultanmethode erzeugter Diphtherie- sera auf die auch von Lindemann betonte Notwendigkeit hin, eventuell auch die bakteriotrope Wirkung der Diphtheriesera zu prüfen. Da nun in neuerer Zeit auch Angaben von Martin, Prevot & Loiseau vorliegen, die eine anscheinend bessere Wirkung antibakterieller Diphtheriesera nicht unwahrscheinlich machen, so könnte im Falle anderweitiger Bestätigung dieser Angaben allerdings vielleicht einmal auch die Wertbemessung dieser Sera hinsichtlich ihres Gehaltes an Bakteriotropinen und Immunopsoninen für spätere Zeit in Frage kommen. Die Ermittelung des Antitoxingehaltes bietet bei den rein an ti toxi- schen Seris keine weiteren Schwierigkeiten, da wir durch die grund- legenden Arbeiten Ehrlichs und v. Behrings sowohl die Konstitu- tion der Gifte als auch die Bindungsverhältnisse zwischen Toxin und Antitoxin klar überschauen. Speziell Ehrlich konnte bei seinen Unter- suchungen über die Beziehungen des Ricins zum Antiricin durch Ein- führung des Reagenzglasversuches zeigen, daß Gift und Gegengifte sich chemisch vereinigen, ohne daß vitale Kräfte dabei mitwirken und daß es sich bei dieser Bindung von Toxin-Antitoxin nicht um eine Zerstörung des ersteren handelt, sondern daß eine ganz neue und ungiftige Verbindung dabei entsteht. Spätere Untersuchungen von Morgenroth, Otto & Sachs machten die bereits von v. Behring aufgestellte Hypothese wahrscheinlich, daß man bei der Vereinigung Toxin-Antitoxin wohl auch mit kataly tischen Einflüssen (in dem Subkutangewebe bzw. dem Serum selbst) zu rechnen hat. Neuerdings hat Mentz von Krogh die Frage der Bindung von Toxin-Antitoxin durch genaue quantitative Messungen mit physikalisch-chemischen Methoden studiert. Seine Resultate sind, daß die Bindung von Di- phtherietoxin und -antitoxin in ihren ersten Stadien eine Ad- sorptionsbindung ist. Dabei führt die Adsorption des Toxins an und für sich, sei es an Antitoxin oder andere Stoffe, nicht zu einer Entgiftung des Toxins. Diese findet vielmehr erst nachträglich durch eine chemische Bindung statt, die spezifisch ist und beispiels- weise für das Diphtherietoxin und Antitoxin bei Zimmertemperatur eine halbe Stunde in Anspruch nimmt. Rusznyäk hält die Toxine für Fermente und nimmt an, daß die Antitoxine spezifische Spaltungs- produkte sind, wodurch sämtliche Gesetzmäßigkeiten der Toxin-Anti- toxinverbindungen eine einheitliche Erklärung fänden und die Er- scheinungen der Antitoxinbildung und Spezifität einer chemischen Deutung zugänglich würden. Nach M. Arthus & B. Stawska eignen sich die Schlangengifte und Gegengifte besonders gut zum Studium der B in dungs Vorgänge 1190 R- Otto und K. E. Boehncke, zwischen Toxin und Antitoxin. Sie konnten entgegen der Behauptung von Martin & Cherry, daß die Bindung Toxin-Antitoxin ein allmäh- lich fortschreitender, ziemlich langsamer, an die diastatischen Re- aktionen erinnernder Vorgang sei, zeigen, daß die neutralisierende Wirkung des Antitoxins auf das spezifische Toxin eine augenblick- liche ist. Zur Bestimmung der antitoxischen Wirkungskraft eines Serums, d. h. zur Messung seines Gehaltes an Antitoxinen bedarf man zu- nächst eines einheitlichen und stets konstanten Maßstabes. Hierzu dient die ,,Immunitätseinheit" (Antitoxineinheit). Schon v. Beh- ring hatte eine solche zur Messung verschiedener Antitoxinlösungen geeignete Maßeinheit in seinem ,, Tetanusnormalserum" eingeführt („1 ccm Tetanusnormalserum sollte den zur Erreichung eines Heil- effektes bei weißen Mäusen erforderlichen Mindestgehalt an Antitoxin enthalten"). Auch für das Diphtherieheilserum prägte er in ähn- licher Weise ein ,,Normalheilserum" als Maßeinheit. Da jedoch infolge der Abhängigkeit des Heileffekts von vielen nicht erkennbaren Faktoren dieser Maßstab sich als nicht brauchbar erwies, wurden diese Begriffe weiter entwickelt von v. Behring und Ehrlich, der die Immunitäts- oder Antitoxineinheit als die in 1 ccm des Normalheil- serums enthaltene eine Immunisierungseinheit bezeichnet; 0,1 ccm dieses Normalserums genügten zur Neutralisation von 1 ccm v. BEHRiNcschen „Normalgif tes" (dessen 1 ccm genau 100 einfach tödliche Dosen darstellte). Handelte es sich zunächst also um auf gewisse ,,Normal"begriffe zurückgeführte Maßeinheiten, so ist die jetzt in der Prüfungs- technik gebrauchte Immunitätseinheit eine willkürliche Größe und so entstanden, daß Ehrlich eine bestimmte (an sich beliebige) Menge Antitoxin als Einheit bezeichnete, welche von einem damals zur Verfügung stehenden Gift 100 Dos. let. so absättigte, daß nach Injektion dieses Gemisches auch nicht die geringste Spur von Krank- heit (lokaler und allgemeiner Reaktion) eintrat. Als Träger der Maßeinheit dient das Antitoxin wegen der dazu erwiesenen Ungeeignet- heit des labileren Toxins. Es ^alt also die Konstanz des Antitoxins auf das minutiöseste zu bewahren, was nur durch völligen Ausschluß aller schädigenden zersetzenden Faktoren als Wasser, Licht, Wärme und Sauerstoff geschehen konnte. Einmal verändert oder verloren, war der Maßstab unbrauchbar bzw. unersetzlich und die Grund- bedingung einer exakten Wertbemessung der antitoxischen Heilsera vernichtet, Aehnlich wie also unsere internationale Längeneinheit, das Metermaß, in Paris unter den umfassendsten Vorsichtsmaßregeln aufbewalirt wird, so wird in Frankfurt im Kgl. Institut für experi- mentelle Therapie (als der amtlichen Prüfungsstelle) mit allen zu Gebote stehenden Mitteln für die absolute Unveränderlichkeit der Maßstäbe Sorge getragen. Diese Mittel sind an die Hand gegeben durch die von Ehrlich au^earbeitete und in die Praxis eingeführte Methode der Serumkonservierung. Die Konservierung der Standardsera. Die EHRLicHSche Methode eignet sich sowohl zur Konservierung größerer wie auch allerkleinster Mengen trocknen Serums. Aber auch flüssige Präparate, die mit feinsten Pipetten oder Büretten in die Serumröhrchen abgefüllt werden, können konserviert werden. Vom Die Wertbemessung der Schutz- und Heilsera. 1191 Tetanusserum des Frankfurter Instituts ist beispielsweise in jedem Vakuumröhrchen nur 0,006 g Serum enthalten. Stets dürfen nur völlig native Sera ohne jeden Zusatz verwendet werden. Ehrlich wandte ein trockenes Serum als Standard an, da die gewöhnlichen glyzerinhaitigen Antitoxinlösungen meistens eine Abschwächung er fahren. Rosenau hat für die Eintrocknung des Serums einen be- sonderen Apparat angegeben, wobei das in kleinen Mengen in eine Trockenröhre gesaugte Serum schnell mittels eines vorgetrockneten Luftstromes eingedampft wird. Auf diese Weise gelingt in 25 Stunden die Eindampfung von über 4 Liter Serum auf 405 g großer, gold- farbiger Schuppen. Zur Konservierung werden einzelne Dosen che- misch genau abgewogen in die Serumröhrchen gefüllt und gestaltet sich die weitere Konservierung nach Otto folgendermaßen : die Serum- röhrchen a (s. Fig. 1) bilden den Teil eines Röhrensystems, zu 1^ rni"riiv'iVi"rh-[i '. ^^'n'm\wm\äi:>r:^^^^mss^Ma^ dem noch ein Kölbchen h, das zur Aufnahme von Phosphorsäure- anhydrid dienen soll, und ein Verbindungsstück c gehört. Nachdem das trockene Serum eingefüllt ist, werden die einzelnen Stücke des Röhrensystems in der aus obiger Figur ersichtlichen Anordnung an- einander geschmolzen und zur weiteren vollständigen Evakuierung eine Anzahl solcher Apparate mit einer Quecksilber-Luftpumpe in Verbindung gebracht. Unter dem Einfluß des Vakuums wird nun das Wasser, welches bei der gewöhnlichen Exsikkatorvortrocknung noch bis zu 10 Proz. in den Trockenseris enthalten sein kann, schnell durch das Phosphorsäureanhydrid absorbiert und zugleich mit dem Sauerstoff entfernt. Nachdem das Röhrchen dann bei x abge- schmolzen ist, bleibt es noch längere Zeit unter dem Einfluß des Phosphorsäureanhydrids stehen, bis dieses sichtbar keine Feuchtig- keit mehr aufnimmt, was erkenntlich wird, wenn das durch Klopfen vorsichtig aufgeschüttelte Anhydrid unverändert bleibt. Alsdann wird der das Serum enthaltende Apparatteil bei y abgeschmolzen und das Serum befindet sich nunmehr unter Bedingungen, die für seine Kon- servierung vorzüglich geeignet es gestatten, daß es dunkel und kühl aufbewahrt jahrelang sich unverändert hält. Rosenau verwendet zum gleichen Zwecke ein etwas anders ge- staltetes Vakuumröhrchen (s. Fig. 2). Jedes besitzt einen Doppelhals a 1192 R. Otto und K. E. Boehncke, und b bzw. a^ und ö^. Der Hals 6 wird mit h^ durch ein mit Watte gefülltes einseitig verengertes Verbindungsstück verbunden. Darauf wird Phosphorsäureanhydrid in den einen Tubus gefüllt und der Hals zugeschmolzen. Durch a wird in das andere Röhrchen eine bestimmte Quantität Trockenserum eingefüllt, der Hals mit einem Vakuumapparat verbunden und nach Erreichung des Vakuums abgeschmolzen. Danach Aufbewahrung wie oben. Kommt nun nach Verbrauch eines konservierten Standardserums die Neueinstellung eines solchen in Frage, so ist es natürlich das un- bedingte Erfordernis, daß das neue Serum absolut genau auf das alte Serum eingestellt wird. Handelt es sich z. B. um die Einstellung eines neuen Diphtherie- standardserums, so wird einesder oben beschriebenen zugeschmolze- nen evakuierten Serumröhrchen ge- öffnet und sein Inhalt in einer jeweils genau bestimmten Flüssig- keitsmenge gelöst. Mit dieser frischen Serumlösung wird nun zu- nächst der ungefähre Wert des Serums ermittelt, nachdem zuvor noch die Konstanz der Prüfungsdosis des verwendeten Testgiftes kon- trolliert ist (vgl. Tab. 1 und 2). TabeUe I. Kontrolle der Testgif tprüfungsdosis. Fig. 2. Gift- menge Altes Standard- serum Urstandard versucht am Erläuterung 4.XI.1902 4. XI. 7. XI. 11. XI. 14. XI. 18. XI. 21. XI. 0,76 0,77 0,78 0,79 davon » t4 t3V, davon t4 t3V. davon » t4 t3 davon » t4 t4 davon t4 davon t4 t3 t3 davon » t4 t3 Die Prüfungs L+- dosis des Giftes ist demnach = 0,78 ccm Tabelle 2. Ungefähre Einstellung des neuen Standardserums mit 0.78 Gift. . n -d Versuch ^»2 Erläuterung Se verdü auf I II in IV V VI VII VIII IX 12,5 davon davon davon davon davon] — ünterBenutzungder 12,75 — — — — t47o „ [davon davon t5 gefundenen Prü- 13,0 t5 t5 t4 davon t4 t4 ! „ t47o fungsdosis ist das 13,25 — t3 t3 t5 t4 ■•4 neue Serum 13,25- 13,5 — t3 t4 t3 t3 t3 t4 fach, event. aber 13,75 — — — t3 noch 13,0- bzw. 14,0 t3 — — — — — — — 13,5-fach Die Wertbemessung der Schutz- und Heilsera. 1193 Erst wenn dies beides geschelien, erfolgt die genaue Einstellung des neuen Serums. Dazu werden die betreffenden ausprobierten Öerumverdünnungen gegen dieselben fallenden Dosen Toxin geprüft, mit denen vorher eine I.E. des alten Standardserums eingestellt war. Wie Tabelle 3 zeigt, ist auf diese Weise eine ganz präzise Ermitte- lung des Wertes eines antitoxischen Serums möglich. Tabelle 3. Genaue Einstellung des neuen Standardserums. Gift- menge aml2.XII.02 als 13-fach aml2.XII.02 als 13,25-fach am 15. II. 03 als 13,25-fach am 15. n. 03 als 13,5-fach Erläuterung 0,76 0,77 0,78 0,79 davon davon t4 davon )) t4 t3 t4 t3 Das neue Serum ist genau 13,25-fach Als Prüfungsgift könnte man natürlich jedes beliebige verwenden. Dabei wäre aber durch die sukzessiven Vergleichsreihen der Standard- einheit und andererseits beliebiger Verdünnungen des Probeserums mit steigenden Toxindosen ein recht großer Verbrauch an Versuchs- tieren unumgänglich. Man benutzt daher in der Praxis die Erfah- rung, daß Gifte in ihren prüfungstechnischen Eigenschaften eine gewisse Zeit konstant bleiben. Beim Diphtheriegift ist dies einfach in der Konservierung in der gewöhnlichen Form (unter Toluol) mög- lich, sobald nur erst die Gifte ,, abgelagert" sind; beim Tetanustoxin ist dagegen eine Konservierung nur im trockenen Zustande möglich. Solche konstant bleibenden Gifte bezeichnet man als Standard- toxine. Mit diesen Standardgiften kann man in genauen Tier- serien ein für alle Mal zwei entscheidende Giftdosen, die Ehrlich- schen Lq und L+-Dosis bestimmen. Unter der Lq-DosIs versteht man bekanntlich diejenige Toxinmenge, die von der betreffenden Antitoxindosis so abgesättigt wird, daß überhaupt keine Giftwirkung mehr zustande kommt. Wird dagegen die injizierte Toxindosis durch das beigemengte Antitoxin so verändert, daß von den in der Gift- menge enthaltenen zahlreichen tödlichen Toxindosen nur eine einzige Dosis letalis übrig bleibt, so resultiert die sogenannte L-f-Dosis. Als Prüfungsdosis kann jede der beiden gelten. Nach Festlegung der Testdosis gestaltet sich die Bestimmung des antitoxischen Wertes eines Serums folgendermaßen: An- genommen, es handelt sich um ein Diphtherieserum, von dem man glaubt, daß sein Wert zwischen 350 bis 500 I.E. beträgt, so kann man 1 ccm desselben mit 349 bzw. 499 ccm phys. Kochsalzlösung verdünnen und 1 ccm dieser Verdünnung gemischt mit der Lq- oder L-f-Dosis des betreffenden Testgiftes je einem Meerschweinchen sub- kutan injizieren. Ist z. B. im ersteren Fall (Prüfung auf 350-fach mit Lq) das Tier ohne lokale Erscheinungen (d. h. am 4. Tage „glatt") geblieben, so ist der Wert des Serums mindestens 350 I.E. in 1 ccm. Ist in der gewählten Serumdosis weniger als 1 I.E. ent- halten, d. h. das Serum nicht mindestens 350-fach, so muß eine Indu- ration eintreten. Aehnlich verhält es sich bei der Prüfung mit der L-f--Dosis, die jetzt in der Prüfungspraxis beim Diphtherieseruni stets verwendet wird. Wird beispielsweise ein auszuwertendes Serum 1194 E- Otto und K. E. Boehncke, mit der L4-Dosis gemischt, so sind vier Möglichkeiten vorhanden : 1) Das Tier bleibt glatt, d. h. das Serum ist höherwertig; 2) das Tier stirbt chronisch unter lokalen Krankheitserscheinungen oder kommt gerade noch mit dem Leben davon, d. h. das Serum hat etwas über den supponierten AVirt; 3) das Tier stirbt am 4. Tage, d. h. der Wert des Serums ist genau der zu ermittelnde oder 4) das Tier stirbt früher als am 4. Tag, d. h. das Serum ist geringwertiger, als man angenommen hat. Im vorausgehenden sahen wir bereits, daß man außer den beiden konstanten Maßstäben Standardtoxin und -antitoxin noch eines In- dikators bedarf, an dem man den Grad der erfolgten Xeutralisierung von Gift und Gegengift ablesen kann. Man bedient sich hierzu in der Praxis des Tierkörpers. Natür- lich ist es nötig, für die einzelnen Toxine Species von ganz gleich- mäßiger Empfänglichkeit bzw. Resistenz herauszufinden. Für unsere wichtigsten antitoxischen Sera ist diese Voraussetzung in ganz be- sonderem Maße erfüllt, da wir im Meerschweinchen für das Di- phtheriegift und in der Maus (bzw. dem Kaninchen) für das Tetanus- gift Tiere von hoher gleichmäßiger Empfänglichkeit besitzen. Bei anderen Giften ist das absolut nicht der Fall. So finden sich z. B. gegenüber dem Crotin bei den Tieren alle möglichen Differenzen insofern, als das eine Tier unempfindlich und das andere hochempfind- lich ist. So kann ein Gemisch von Crotin und Anticrotin, das nicht vollkommen gesättigt ist, trotzdem bei unempfindlichen Tieren als gesättigt erscheinen. Außer des Tierkörpers kann man sich aber, besonders ira wissen- schaftlichen Experiment, auch des Versuchs in vitro als Indikator bedienen. Bei diesen sogenannten ,, Heilversuchen im Reagenzglas" (v. Wassermann) er- messen wir den AVert eines Antitoxins aus seinem Neutralisationsvermögen des bereits an rote Blutkörperchen gebundenen Toxins, das trotz dieser Bindung durch eüi wirksames spezifisches Antitoxin den Blutkörperchen auch wieder ent- zogen werden kann, allerdings nur bis zu einer Grenze, wo dies dann nicht mehr möglich ist. Sind nun die auseinandergesetzten Vorbedingungen für die Wert- bestimmung eines antitoxischen Serums erfüllt, so ist dessen genaue quantitative Wertmessung, exaktes Arbeiten des Untersuchers als selbstverständlich vorausgesetzt, nur noch abhängig von der Be- nutzung geeigneter, peinlich genauer Meßapparate, mit denen selbst die kleinsten Flüssigkeitsmengen auch absolut scharf abgeteilt werden können. Besondere Sorgfalt empfiehlt sich bei der Be- schaffung der Pipetten, die auf Inhalt geeicht sind und bei jeder Mischung wiederholt mit der Mischflüssigkeit ausgespült werden. Am besten hält man sich ganze Sätze dieser ,,Voll- oder Feinpipetten" vorrätig, die auf ^/\q geeicht eine Kalibrierung von stets nur 1 bis 1^/2 ccm aufweisen, wodurch ihre Größe immer auf ein relativ kleines Maß beschränkt werden kann. Die Mischungen von Gift -\- Serum nimmt man entweder nach RosENAU in der Spritze selbst vor, wobei man sich natürlich eine große Zahl gleichmäßiger Spritzen vorrätig halten muß, oder aber in kleinen Fläschchen, die wegen der Lichteinwirkung zweckmäßig aus dunklem Glase bestehen. Aus diesen Fläschchen entnimmt man bei kleineren Mengen, z. B. der Tetanusprüfung, mittels der gra- duierten Injektionsspritzen das zu injizierende Quantum, bei größeren Mengen Flüssigkeit, z. B. bei der Diphtherieserumprüfung, gießt Die Wertbemessung der Schutz- und Heilsera. 1195 man das Gemisch zur Injektion in die geöffnete KocHsche Spritze und spült das Fläschchen sorgfältig mit wenig Kochsalzlösung nach. Eine selbstverständliche Voraussetzung für ein sachgemäßes Arbeiten ist natürlich die absolute Sterilität aller Lösungsmittel, Gefäße und Instrumente. Von den antitoxischen Seris ist, wie schon eingangs erwähnt wurde, das Diphtherieheilserum und das Tetanusantitoxin in Deutschland der staatlichen i^^ontrolle unterstellt, und zwar ist die Prüfung eine ,, definitive und obligatorische", d. h. alles zum Verkauf gelangende Serum wird staatlich geprüft. Der Verkauf findet nur in Apotheken statt. Die amtliche Prüfung beider Heilsera findet auf der prüfungstechnischen Abteilung des Kgl. In- stituts für experimentelle Therapie in Frankfurt a. M. statt. Beim Diphtherieheilserum wird sie bestimmungsgemäß stets von zwei In- stitutsraitgliedern getrennt ausgeführt. Stimmen die Prüfungsergeb- nisse beider Beamten nicht überein, so muß die Prüfung von beiden wiederholt werden. Bei nochmaliger Differenz ist die Untersuchung in Gegenwart des Direktors des Instituts zu wiederholen. Die Prüfung des Tetanusantitoxins wird von einem Mitglied ausgeführt. Bei allen staatlich kontrollierten Seris in Deutschland geschieht nun außer der Feststellung des Wirkungswertes noch eine Prüfung auf Unschädlichkeit des Serums. Jedes in der Humanmedizin ver- wendete Serum muß zunächst bei aerober und anaerober Züchtung unbedingt steril sein. Ferner ist jedem Serum bestimmungsgemäß ein Antiseptikum, Karbol oder Trikresol, zugesetzt,' dessen Gehalt 0,5 Proz. nicht übersteigen soll. Endlich wird der Eiweißgehalt be- stimmt. (Näheres siehe oben S. 1176.) Die Wertbestimmung des Diphtherieheilserums erfolgt nach der von Ehrlich eingeführten Wertbemessungsmethode des Antitoxingehalts des Serums. Das Verfahren ist kurz folgendes : Man bestimmt die L+-Dosis (s.S. 1193); mit dieser als Testdosis mischt man verschiedene Mengen Serums und findet diejenige, die eben den Tod verhindert. Gehört dazu z. B. 1/500 ccm Serum, so nennt man dieses Heilserum 500-fach: es enthält in jedem Kubikzentimeter 500 I.E. Eigentlich müßte man ja die Serummenge feststellen, die mit der L+-Dosis gemischt den Tod des Versuchstieres am 4. (bis 5.) Tage eintreten läßt, die also in ihrer Wirkung genau 1 I.E. ent- spricht. Davon hat man aber aus prüfungstechnischen Gründen Ab- stand genommen, da es für die Beurteilung vorteilhafter schien, wenn das Tier am Leben bleibt. Die jetzige sicher arbeitende Methode ist erst das Resultat lang- wieriger mühsamer Versuche. Ursprünglich ging man bei der Wert- bemessung des Diphtherieheilserums in der Weise vor, daß man die Versuchstiere mit der sicheren tödlichen Dosis einer virulenten Kultur infizierte und ihnen dann fallende Mengen Heilserum injizierte, um derart die Dosis zu ermitteln, welche genügte, um das Tier vor dem Tode zu schützen. Da jedoch die Infektion mit lebender virulenter Kultur, wie sich bald herausstellte, sehr schwankende Resultate gab, so mußte man diese Methode, den ,, Heilwert" des Serums zu bestimmen, verlassen. Auch die Prüfung des „Im- munisierungswertes" gegen die nachfolgende Infektion erwies sich nicht als sicherer. Einen großen Fortschritt bedeutete das von 1196 ü- Otto und K. E. Boehxcke, V. Behring & Knorr im Jahre 1893 angegebene Verfahren, die Infektion durch die Intoxili;ation zu ersetzen, wie dies Ehrlich bereits bei seinen Untersuchungen über die Ricinimmunität getan hatte. Die Grundlage für die jetzige Prüfungstechnik des Diphtherie- serums wurde gelegt durch die von Ehrlich, Kossel & v. Wasser- mann ausgearbeitete Giftserummischungsmethode in vitro. Der Vor- zug dieser Methode, bei der mit der 10-fach tödlichen Giftdosis ge- arbeitet wurde, in der Vorstellung, daß das Toxin und das Antitoxin eine chemische Verbindung eingehen, gegenüber der früheren, be- stand darin, daß Gift -|- Serum im Gemisch injiziert wurden, wo- durch eine stets gleichmäßige Einwirkung beider Körper aufeinander innerhalb des Tierkörpers gewährleistet wurde. Zur 10-fachen Dosis letalis wurden deshalb im Reagenzglas fallende Dosen des zu prü- fenden Serums zugesetzt. Sämtliche Gemische wurden dann durch Zusatz von Kochsalzlösung auf 4 ccm aufgefüllt und Meerschweinchen von 250 g subkutan injiziert. Wenn nun z. B. die Testgiftdosis durch i/io ccm Serum neutralisiert wurde, so enthielt das Serum in 1 ccm genau 1 I.E. : man hatte ein einfaches Serum. Genügte zur Neutrali- sierung bereits 0,001 ccm, so war das Serum 100-fach, d. h. es ent- hielt in 1 ccm 100 I.E. Die Neutralisation wurde als genügend an- gesehen, wenn das Giftserumgemisch nur eine unbedeutende Reaktion hervorrief, die bis zum 4. Tage rückgängig geworden war (Lo-Wert). Diese Methode fand in vielen Laboratorien Anwendung. In Paris jedoch bediente man sich eines anderen, von Roux, Martin & Chail- lou ausgearbeiteten Verfahrens, wobei das Serum 1) auf seine Schutz- kraft (pouvoir preventif) und 2) auf seine Heilkraft (pouvoir curatif) geprüft wird. Man bezeichnet dort die Schutzkraft eines Serums mit 50 000, wenn i/j^qo ccm Serum ein Meerschweinchen von 500 g gegen die ein Kontrolltier von dem gleichen Gewicht in 30 bis 40 Stunden tötende, 12 Stunden später injizierte Kultur- oder Gift- dosis schützt. Es wird also die Schutzkraft des Serums bemessen durch die Beziehung zwischen dem Gewicht des Tieres und der ver werteten Serummenge. Andererseits bewertet man die Heilkraft des Serums, indem einem Meerschweinchen die für Kontrolltiere in 36 bis 40 Stunden letale Dosis und 6 Stunden später eine bestimmte Serum- menge injiziert wird. Die Meerschweinchen, welche am 6. Tage leben, werden als geheilt betrachtet und ein Serum würde beispielsweise 1000-fach sein, wenn 0,05 ein Aleerschweinchen von 500 g unter diesen Bedingungen zu retten vermögen. Mausen hat die Ehrlich- sche und die französische Methode in vergleichenden Versuchen ge- prüft. Er sagt darüber, daß unter beiden Methoden der EiiRLicHSchen unbedingt der Vorzug gebührt, denn sie mißt Differenzen von 5 bis 10 Proz., ist schneller (gibt mit Wahrscheinlichkeit das Resultat am 2,, mit Sicherheit am 4. Tage), billiger (es ist leichter und billiger Meerschweinchen von 250 g als solche von 500 g zu beschaffen) und bequemer, da die Einspritzung in einem Akte, statt wie bei dem von Roux empfohlenen Verfahren in zwei Akten unternommen wird. Zurzeit wird im PASTEURSchen Institut übrigens auch die Ehrlich- sche Wertbestimmungsmethode angewendet (Levaditi). Trotz der geschilderten Ueberlegenheit zeigte sich jedoch die EHRLicHsche Meßmethode nicht als genügend, so genaue Resultate sie in geübten Händen auch zeitigte. Ehrlichs weitere Untersuchungen, deren Ergebnisse in den Abhandlungen ,,Die AVertbemessung des Die Wertbemessung der Schutz- und Heilsera. 1197 Diphtherieheilserums" und „Ueber die Konstitution des Diphtherie- giftes" niedergelegt sind, und die ihm zeigten, daß das bindende Ver- mögen des Giftes nicht zahlenmäßig parallel zu dessen Giftigkeit einherging, bewogen ihn, das Toxin als Träger der Maßeinheit zu verlassen und statt dessen das stabile Antitoxin zu wählen. Der Grund für die Labilität der Giftigkeit bzw. für die konstant bleibende Fähig- keit der Antitoxinbindung des Diphtheriegiftes liegt nach Ehrlich in der komplexen Konstitution desselben. Er vindiziert dem Toxin- molekül zwei Gruppen: einmal eine toxophore, die Trägerin der Giftwirkung und mehr labil ist, und zweitens eine haptophore, mehr stabile antitoxinbindende Gruppe. Beim Lagern des Toxins sollen sich so durch sekundäre molekulare Umlagerungen weniger giftige oder auch ganz ungiftige sogenannte Toxoide bilden, deren antitoxin- bindendes Vermögen aber völlig erhalten ist. Eine weitere Verbesserung erfuhr das neue Meßverfahren noch dadurch, daß Ehrlich statt der bis dahin üblichen Lg-Dosis den L4- Wert als Prüfungsdosis einführte. Während nämlich das Urteil, ob noch eine geringgradige Reaktion am 2. Tage vorhanden ist oder nicht, bei der ersteren Methode bei verschiedenen Beobachtern sehr verschieden ausfallen kann, wurde durch Einführung der L+-Dosis als Prüfungsdosis an Stelle des unsicheren, mehr dem subjektiven Ermessen überlassenen Befundes ein objektives Kriterium gesetzt. Der Tod bzw. das Ueberleben des Tieres ist als solches unanfechtbar und zeigt gewissermaßen rein automatisch den Wertgehalt des Serums an. Weiter verschärft wurde die Wertbemessung noch dadurch, daß fortan nicht mehr der neutralisierende Wert einer i/^o, sondern einer vollen I.E. ermittelt wurde. Durch die genannten Verbesserungen wurde die neue Prüfungsmethode so genau, daß ihre Fehlerquelle auf knapp 2 Proz. sich reduzierte. Ihrer Genauigkeit ist es ferner allein zu verdanken, daß auch das Ausland fast allgemein sich den Ehrlich- schen Maßstab zu eigen gemacht hat, wodurch für die Einheit der Wertbemessung des Diphtherieheilserums und damit für die Be- urteilung der Serumtherapie überhaupt außerordentlich viel gewonnen wurde. So wird zurzeit die ,,EHRLiCHSche Immunitätseinheit" auch im Auslande von einer großen Zahl staatlicher Institute und wissen- schaftlicher Laboratorien, die als Abonnenten des Frankfurter Insti- tuts regelmäßig in zweimonatigem Turnus eine bestimmte Quantität frisch eingestelltes Standardserum erhalten, bei der Wertbemessung der Diphtheriesera verwendet. Es ist vielleicht nicht uninteressant, zu erfahren, daß beispielsweise zurzeit über 60 Anstalten in Ländern der ganzen Welt ihr Gift auf das Frankfurter Standardserum ein- stellen. In Deutschland ist für die Wertbemessung des Diphtherie- serums folgende amtliche, von Ehrlich ausgearbeitete und vom Mini- sterium genehmigte Prüfungsvorschrift maßgebend. ,.1) Als Maßstab für die Serumbestimmung dient ein unter Aus- schluß von Sauerstoff und Wasser konserviertes Serumpulver von genau bekanntem Wert. Dasselbe befindet sich in genau abgemessenen Quantitäten in besonders gearbeiteten Vakuumröhrchen. Die zurzeit im Institut vorhandenen Apparate sind mit je 2 g eines Trockenanti- toxins von 1700- (jetzt 5925-)f acher Stärke gefüllt. 2) Die Auflösung des Serums hat, um eine möglichst genaue Haltbarkeit zu gewährleisten, in einem aus gleichen Teilen 10-proz. Kochsalzlösung und Glyzerin bestehenden Gemenge (jetzt einer 1198 K- Otto und K. E. Boehncke, Mischung von 2/3 Glyzerin + 1/3 physiol. NaCl-Lösung) zu erfolgen. Es ist alle 3 (jetzt 2) Monate ein Eöhrchen zu öffnen und eine neue Lösung herzustellen. Von dem zurzeit im Institut aufbewahrten Trockenserum wird der Inhalt eines Köhrchens in 200 (jetzt 1185) ccm des oben genannten Gemisches gelöst und so eine Testserumlösung von 17-facher (jetzt 10-f acher) Stärke hergestellt, 3) Die jetzige Testgiftdosis wird mit Hilfe einer I.E. ermittelt, wie eine solche z. B. in 1 ccm der 17 -fachen (bzw. 10-fachen) Ver- dünnung des in Nr. 2 erwälmten 17- (bzw. iO-)fachen Testserums enthalten ist. Es wird diese Serummenge mit steigenden Mengen Gift versetzt und durch eine möglichst genaue Versuchsreihe der Grenzwert ermittelt, bei dem gerade ein den Tod des Versuchstieres in den ersten 4 Tagen herbeiführender Giftüberschuß manifest wird. Das so ermittelte Giftquantum stellt die jetzige Prüfungsdosis dar. Mit der gleichen Serumdosis erfolgt zur genauen Charakterisierung des Giftes die Bestimmung eines zweiten Grenzwertes, welcher die Giftdosis zu ermitteln hat, welche bei der Mischung mit der obigen Serummenge gerade neutralisiert wird. 4) Die Bestimmung des Wertes eines Diphtherieserums erfolgt mittels der nach Nr. 3 festgestellten Testgiftdosis in folgender Weise: die betreffende Testgiftdosis, z. ß. 0,39 eines im Institut geprüften Giftes, wird mit 4 ccm einer dem angegebenen Prüfungswert ent- sprechenden Serummenge gemischt. Da die Testgiftdosis auf 1 ccm des einfachen oder 4 ccm eines 1/4-fa.chen Normalserums eingestellt wird, wird bei einem Serum von x-facher Stärke die Serumverdünnung 1/4 x sein müssen, also bei der Prüfung eines 100-fachen Serums 1/400 betragen. 5) Die erhaltene Mischung wird einem Meerschweinchen von 250 — 280 g rein subkutan injiziert. Sterben bei der von den beiden Mitgliedern des Instituts ausgeführten Prüfung die Versuchstiere innerhalb der ersten 4 Tage, so besitzt das Serum nicht die ange- gebene Stärke. Sterben die Tiere innerhalb des 5. und 6. Tages, so steht das Serum knapp an der Grenze des Zulässigen und ist, um die voraussichtliche baldige Einziehung zu vermeiden, den Fabriken eine 5 — 10 Proz. betragende Aufbesserung zu empfehlen. Indu- rationen, die bei den Versuchstieren auftreten, sollen dagegen keinen Grund zur Beanstandung geben. Von den gestorbenen Tieren ist eine Sektion vorzunehmen und insbesondere auf Komplikationen mit vorher bestehenden Krankheiten (Tuberkulose, Pseudotuberkulose, Pneumonie) zu achten, welche eine Ueberempfindlichkeit des Versuchstieres bedingen können. 6) Als Testgift können sowohl flüssige wie feste Gifte verwendet werden, falls bei ihnen die in Nr. 3 definierten Grenzwerte scharf zu ermitteln sind. Kommen flüssige, durch Toluol konservierte Gifte zur Verwendung, so soll dies nur geschehen, wenn 1) durch längere Voruntersuchungen die Haltbarkeit der Prüfungskonstanten erwiesen ist, 2) wenn die Prüfungsdosis 1 ccm nicht überschreitet. Die Unter- suchungen über die Qualität der Testgifte sind weiter fortzusetzen. 7) Die Testgifte sind, wenn flüssig, allmonatlich durch Kultur- verfahren auf Sterilität zu prüfen. 8; Das Testgift ist alle 6 Wochen mittels der Testserumdosis neu zu bestimmen, indem jedesmal die Prüfungsdosis und der Glatt- wert neu ermittelt wird. Sollte bei der Nachprüfung sich eine irgend- Die Wertbemessuno; der Schutz- und Heilsera. 1199 wie erhebliche Abweichung von der Prüfungsdosis herausstellen, so ist das Gift als in Zersetzung befindlich anzusehen und durch ein neues zu ersetzen. 9) Die Fabrikationsstätten sind darauf aufmerksam zu machen, daß das Testgift in kleineren Quantitäten sich leicht zersetzt, und daß insbesondere schon eine kurze Belichtung eine erhebliche Ab- schwächung hervorrufen kann. Es ist daher den Fabriken anzuraten, etwa alle 3 Wochen das Gift von neuem vom Institut zu beziehen." Die Herstellung desStandardserums geschieht so, daß der Inhalt — 2 g 5925-fachen Diphtherietrockenserums — eines Standardröhrchens (Beschreibung s. oben) in soviel Glj^zerinkochsalz- lösung (also 1185 ccm), und zwar in einem eigens dafür konstruierten Mischkolben (Fig. 3) vorsichtig gelöst wird, so daß 1 ccm der resultierenden Lösung genau 10 I.E. enthält. Diese in der amtlichen Kon- trolle 2 Monate gültige Standardlösung muß nun zu- nächst mit dem jeweiligen Testgift geprüft werden. Da die Herstellung von Diphtherietrocken- giften äußerst schwierig ist, so werden bei der Diphtherieprüfung ausschließlich flüssige , mit Toluol konservierte Gifte benutzt. Auch ihre Gewinnung gelingt nur mit kräftig Gift bilden- den Kulturen von reinem Oberflächenwachstum. Wegen der mühsamen Einstellungsarbeit eines neuen Testgiftes empfiehlt es sich stets gleich größere Mengen Gift herzustellen, die man nach einer oberflächlich orientierenden Prüfung ca. ein Jahr lang unter Toluol konserviert bei niedriger Temperatur und vor Licht geschützt lagern läßt. Nach dieser Zeit ist die Umlagerung der Toxine etc. in der Regel abgelaufen und die nunmehr ermittelten Prü- fungsdosen zeigen sich, wie die Erfahrung in der Frankfurter prü- fungstechnischen Abteilung lehrt, lange Zeit hindurch unverändert. Es sind nämlich seit 1897, d. h. seit der Einführung der neuen EHKLicHschen Prüfungsmethode, 11 Gifte in Gebrauch gewesen, das letzte davon, das sogenannte März-Gift 1908, seit Mitte Juni 1910. Die folgenden Tabellen erläutern ohne weiteres die Einstellung eines Teslgiftes, wobei bemerkt sein mag, daß zur genauen Charakteri- sierung außer der Prüfungsdosis (L-1-) stets auch die Lo- und die ab- solut tödliche Dosis der Gifte ermittelt wird. Einstellung des Diphtheriegiftes März 1908 (= M.G. 1908). I. Bestimmung der L+ -Dosis. Fig. 3. Dosis des Giftes in ccm Datum des Versuchs 24.IV.09 29.IV.09'5.V.09 8.x. 09 15.XII.09 5. 1. 10 10. 1. 10 8. II. 10 0,36 davon 0,37 davon 0,38 „ davon davon davon davon 0,385 davon t5'/. ' . >. )) •) 0,39 t5 i t4 davon i f 3'/, f^ t4 t4 0,395 t3 t3 i t3V. t3 t3 0,4 t3 t4 t4 t2 1 0,45 t2 1200 R. Otto und K. E. Boehncke, Zu 1 I.E. werden fallende Mengen Toxin gefügt und Meer- schweinchen subkutan injiziert. Die Giftwirkung muß genügend stark sein, daß die Tiere am 4. Tage akut unter typischem Befunde ein- gehen. II. Bestiramuno; der einfach tödlichen Dosis. Dosis 15. XII. 09 1 18. XII. 09 21. XII. 09 5. 1. 10 0,005 0,006 0,0065 davon davon t3 t4 davon 1-5 t4V, davon 7) -j-4 0,007 0,0075 0,01 t3 t2 t3 t2V, t2V, t27. Fallende Dosen des verdünnten Giftes werden Meerschweinchen subkutan injiziert. Die Ermittelung dieser Dosis kann bei den indi- viduellen Verschiedenheiten der Tiere häufig schwierig werden. III. Bestimmung der L^-Dosis. Dosis 15. XII. 09 18. XII. 09 10. 1.-IO 0,2 0,25 0,275 0,29 0,3 zu wenig )> ?ob L„ zu wenig ?ob ausreichend 0,31 0.32 0,33 etwas zu stark zu stark Oedem Gift in fallenden Dosen mit je 1 I.E. gemischt wird Meerschwein- chen subkutan injiziert. Das Tier mit der Lq-DosIs muß am 4. Tage „glatt" sein. Um die hierfür richtige Reaktion zu treffen, tötet man zweckmäßig sämtliche Tiere am 2. Tage. Es läßt sich dann mit Sicherheit diejenige Reaktion feststellen, welche erfahrungsgemäß gerade für Lq hinreicht. Daß dies stets ein nur sehr subjektiv be- stimmter Wert sein kann, dürfte ohne weiteres klar sein. Bei der nicht geringen Schwierigkeit, die die genaue Ermittelung des L+-Wertes oft bietet, erscheint es nicht unangebracht, noch ein zweites Versuchsprotokoll dieser Art zu bringen, das die Versuche zur Einstellung des neuesten Testgiftes der staatlichen Prüfungs- stelle bringt. Einstellung der L-|--Dosis des Diphtherie-Testgiftes April 1909 (A.G. 1909). Gift- dosis in ccm Datum des Versuchs 19.XII.11 10. 1. 12 16. 1. 12 29. 1. 12 28. II. 12 4.Vn.l2 27.Vn.l2 9.Vin, 12 0,215 davon _ »' 0,22 ,, davon — — — — 0,225 ,, davon davon davon davon — — 0,23 )) — davon 0,235 ■•3 t4 davon 0.24 davon ^ t3 t4 t4 t4 » t4 0,2425 - : - — 0,245 t3 t3 t2 t3 t3 t4 t4 t4 - 0,25 — t3 t4 t3 0,255 — — . — — t3 Die Wertbemessung der Schutz- und Heilsera. 1201 Man ersieht aus der Tabelle, daß bei den ersten Einstellungen das Gift noch nicht genügend „abgelagert" war, woraus die beträcht- lichen Schwankungen resultieren. Dann werden die Resultate gleich- mäßiger, aber der Giftwert ist noch im Abnehmen begriffen, wie die nach ]\Ionaten vorgenommenen (3 letzten) Prüfungen ergeben. Es resultiert nun konstant als L-|— Dosis 0,245. Die Ausführung der staatlichen Diphtherieserum- prüfung, bei der es sich um keine Eichung, sondern um eine Messung der von der Fabrik angegebenen Wertigkeit handelt, wird an der Hand der amtlichen Prüfungsvorschrift bei einem beispielsweise 500- fachen Serum folgendermaßen vorgenommen : Zur Sterilitätsprobe werden je 5 Tropfen des Serums in ein Traubenzuckeragar- und 2 Bouillonröhrchen getan und außerdem eine Agarplatte gegossen. Sodann wird 1 ccm Serum mit physiologischer Kochsalzlösung auf 1:2000 verdünnt (1^-49, davon 1 + 39). Von der Verdünnung 1 : 2000 werden 4 ccm (= 1 ccm 1 : 500) in einem Fläschchen mit der L+-Dosis mittels Präzisionspipetten gemischt und diese Mischung einem Meerschweinchen von 250 g streng subkutan in der Mitte des Bauches injiziert, wozu die abgestumpfte Kanüle der KocHschen Spritze zweckmäßig in die linke Achselfalte des Tieres eingestochen und vorsichtig rein subkutan bis zur Mitte des Bauches geführt wird. Ein zweites Meerschweinchen (300—400 g) erhält 10 ccm Serum subkutan (zur Feststellung etwaiger Tetanuskeime) und eine 15 g schwere Maus 0,5 ccm Serum ebenfalls subkutan (zur Prüfung des Phenolgehaltes). Das Prüfungstier darf lokale Erscheinungen dar- bieten, aber der Giftwirkung nicht erliegen, wenigstens nicht inner- halb der ersten 4 Tage ; stirbt es am 5. oder 6. Tage, so steht das Serum an der Grenze des Zulässigen, stirbt es früher, so wird das Serum beanstandet. Das zweite (schwere) Meerschweinchen muß die Injektion der 10 ccm gut vertragen und munter bleiben, ebenso darf die Maus nicht sterben (s. oben S. 1176). Um eine spätere Abschwächung festzustellen, werden in Deutschland die Diphtheriesera 6 Monate und 2 Jalire nach ihrer Zulassung wieder geprüft und um mehr als 10 Proz. abgeschwächt be- fundene eingezogen. Außerdem werden seit März 1907 laut Mini- sterialerlaß alle 3 Jahre alten Sera vierteljährlich serienweise aus dem Verkehr gezogen. Endlich findet in mehreren besonders be- stimmten Krankenhäusern eine Nachprüfung auf Keimfreiheit statt. Bei erwiesener bakterieller Verunreinigung veranlaßt das Kgl. Institut in Frankfurt a. M. die sofortige Einziehung der betreffenden Serumnummer. Die Bestimmung des Diphtherieantitoxins in kleinsten Mengen. Während die EHRLicHsche Wertbemessung des Diphtherieanti- toxins in einigermaßen reichlicher Menge an Einfachheit und Genauig- keit unübertroffen ist, so wird sie undurchführbar, wenn in einem Serum kleinere Mengen von Diphtherieantitoxin als 0,1 in 1 ccm enthalten sind. Mit ihrer Hilfe konnten also vielfache, besonders klinisch wichtige Fragen nicht studiert werden, wie z. B. das Vorkommen von Diphtherieantitoxin im Blut normaler Tiere, Bestimmung des Resor- ptionsverlaufs und der Ausscheidung des Diphtherieantitoxins, Aus- wertung des Gehaltes an spezifischen Schutzkörpern im Serum Di- phtheriekranker u.a.m. Jetzt stehen uns dafür 2 sehr subtil arbeitende Handbuch der pathogenen Mikroorganismen. 2. Aufl. II. "9 76 1202 E- Otto und K. E. Boehncke, Methoden zu Gebote. Bei beiden wird als Indikator in der Haupt- sache die ödemerregende Wirkung des Diphtherietoxins benutzt. Die erste Methode stammt von Marx, der sie in Gemeinschaft mit Ehr- lich ausarbeitete und sich der subkutanen Injektion des Gift- Serumgemisches bediente. Bei der zweiten, erst neuerdings von Eömer angegebenen Methode ist die subkutane durch die intrakutane er- setzt. Marx benutzte als Grundlage die Tatsache, daß noch weit untertötliche Giftmengen an der Injektionsstelle ödemerregend wirken können. Durch Mischen von Toxinverdünnungen mit autitoxinhaltigem Serum werden diese Lokalreaktionen bei entsprechendem Gehalt an Antitoxin verhütet. Je kleiner die Giftmenge ist, die zurOedembildung ausreicht, d. h. also je stärker die Giftwirkung des benutzten Toxins ist, um so kleiner ist die zur Paral3'Sierung benötigte Antitoxinmenge, Eine conditio sine qua non ist also ein stark wirkendes Toxin, um kleinere oder kleinste Antitoxinmengen bestimmen zu können. Marx operierte mit Giften, von denen 1,7 bzw. ^/o der Dosis letalis zur Oedem- wirkung genügte. Seine Methodik gestaltet sich folgendermaßen • Nach Herstellung der hohen Toxinverdünnung wird je 1 ccm davon mit 1 ccm der zu prüfenden Serumverdünnungen in kleinen Fläschchen gemischt und die Mischung 2 Stunden bei 37 ^ und danach 22 Stunden im Eisschrank der Bindung überlassen. Die Zeit ist nötig zum sicheren Reaktionsablauf zwischen Toxin-Antitoxin. Nach Ablauf dieser Zeit wird ein möglichst kleines Quantum davon (0,5, jedoch nie mehr als 0,6 ccm) einem Meerschweinchen unter die Bauchhaut streng subkutan injiziert. Bei jedem Tier muß eine Kontrolle mit der betreffenden Giftmenge in Kochsalzverdünnung erfolgen. Bei Verwendung nicht zu kleiner Tiere und möglichst geringer Flüssig- keitsmengen (0,2 ccm) kann man, wie dies Boehn-cke stets gelang, ohne Beeinträchtigting der Schärfe der Reaktion bei einem Tier 4 In- jektionen ausführen. Nach Verlauf von 48 Stunden werden die Ver- suchstiere getötet. Marx konnte mit seinem hochwirksamen Toxin, dessen ödemerzeugende Menge 0,0005 ccm = i/^q der absolut töd- lichen Dosis betrug, den Antitoxingehalt des Serums noch bestimmen, wenn dieser mindestens 1/240 I-E. in 1 ccm w^ar, wie folgende Ver- suchsreihe zeigt : 0,0005 Gift T. f , + Serumdosis ^^^^^S '/eoo J-E- InjektioDsstelle glatt Vsoo n dgl. ^/looo >' Injektionsstelle glatt, rainimale Rötung ^/i5oo » Oedem schwächer als Kontrolle- ^'■2000 » Starkes Oedem, wie Kontrolle Kontrolle dgl. Hiernach genügte also Vi200 I-^- "^^^ Paralysierung von 0,0005 ccm Toxins. Da nur 0,2 ccm ir^jiziert war, mußte das Serum bis 1/240 I.E. im Kubikzentimeter enthalten. Salge benutzte diese Methode zum Nachweis kleinster Mengen Antitoxin, welche Säuglinge mit der Ammenmilch eingeführt erhielten. Uffenheimer bediente sich ihrer in abgeänderter Form mit Erfolg zum Nachweis von Diphtherie- toxin im Blut diphtheriekranker Kinder, desgleichen Menabuoxi, wäh- rend Fraenkel bei seinen diesbezüglichen Untersuchungen keine posi- tiven Resultate bekam. Die Wertbemessung der Schutz- und Heilsera. 1203 EöMER hat unter Benutzung der exsudatbildenden und ne- krotisierenden Eigenschaften des Diphtheriegiftes diese subkutane Methode durch eine intrakutane Methodik ersetzt. Da bei ihr noch kleinere Toxinmengen (}f2bQ — ■^/öoo ^g^ letalen Dosis) zur ßeaktionserzeugung genügen, so können noch geringere Mengen Anti- toxin bestimmt werden. Nach Karasawa & Schick geschieht die Ausführung so : Die Injektion wird mit einer 1 ccm Spritze, deren Kolbenstange eine Teilung in 20 Teilstriche trägt, vorgenommen. Die exakt passende Nadel muß möglichst dünn und die Spitze kurz ab- geschliffen sein, damit die Oeffnung der Nadel beim Vorschieben, das möglichst oT^erfLächlich erfolgt, rasch durch die Haut gedeckt wird. Als Injektionsstelle benützt man die Seitenteile des Stammes. Die Haare werden durch Ausrupfen (oder Bepinseln mit Calcium- hydrosulfid während 1 — 2 Minuten) entfernt. Die injizierte Flüssig- keitsmenge soll 0,05 — 0,1, höchstens 0,2 betragen. Bei gelungener Injektion sieht man einen kleinen Tumor entstehen, der längere Zeit sichtbar bleibt. Die Eeaktion entwickelt sich als Rötung und Infil- tration innerhalb der ersten 24 Stunden. Nach 48 Stunden nimmt die Eeaktion noch zu. Am 3. und 4. Tage bilden sich an der Injektions- stelle mehr oder weniger intensive Nekrosen, die unter Borkenbildung abheilen. Die Entscheidung, ob die Eeaktion positiv oder negativ aus- gefallen, ist meist schon nach 24, längstens nach 48 Stunden, möglich ; fortgesetzt wird die Besichtigung bis nach 7x24 Stunden. An einem Tier können ohne Beeinträchtigung des Eesultates 5 — 6 Injektionen vorgenommen werden. Zur Auswertung wird 1 ccm der sicher wirk- samen Toxinverdünnung, deren Wert nach Ehrlich bekannt ist, mit je 1 ccm verschiedener Verdünnungen des zu untersuchenden Serums gemischt. Diese Mischungen läßt man, wie oben beschrieben, 24 Stun- den binden und wird von ihr 0,1—0,2 ccm leicht erwärmt (im Brut- schrank) intrakutan injiziert. Eömer vermochte so mit einem Toxin, dessen wirksame Dosis 0,00001 war, noch ^/4ooo I- E. zu bestimmen. Die Methode bewälirte sich später auch bei seinen Mitarbeitern Sames & SoMOGYi. Auch Karasawa & Schick benutzten sie mit Erfolg bei ihren quantitativen Bestimmungen des Eesorptionsverlaufes sub- kutan eingeführten Diphtherieheilserums und ihren Untersuchungen über den Gehalt des Serums diphtherie- und masernkranker Kinder an Schutzkörpern gegen Diphtherietoxin. Die Wertbemessung des Tetanusantitoxins. Die Wertbemessung des Tetanusheilserums beruht auf denselben Grundsätzen wie die des Diphtherieheilserums, doch macht die außer- ordentliche Veränderlichkeit des Tetanusgiftes gewisse Abänderungen in der praktischen Durchführung der Methode nötig. Die Labilität des Giftes, von der sich bereits Kitasato überzeugt hatte, veranlaßte V. Behring, ein festes, durch Aussalzen gewonnenes Gift zu ver- wenden. Wie bei der Auswertung des Diphtherieheilserums wurde auch hier die Methode der Mischung eingeführt, jedoch mit der von Ehrlich angegebenen Abänderung, daß das Gemisch 3/^ Stunde lang bei 370 aufbewahrt WT.irde, um die Eeaktion in vitro zu beschleunigen. Im Gegensatz zu den beim Diphtherieserum gemachten Erfahrungen zeigte sich nämlich, daß bei der geringeren Avidität des Tetanus- giftes zu seinem Antitoxin im Serum beide Körper sich bei gewöhn- licher Temperatur nur ziemlich langsam verbinden. Da v. Behring 7G* j[204 R- Otto und K. E. Boehxcke, mit seiner Methode das Minimum an immunisierender Substanz zu bestimmen bezweckte, die noch gerade genügte, um gegen die ein- facli tödliche Dosis Schutz zu verleihen, so ließ er bei seiner Ver- suchsanordnung die Prüfungsdosis des Testgiftes stets konstant, wäh- rend er die Antitoxinmengen im Gemisch jeweils veränderte. Unter Zugrundelegung der v. BEHRiNGSchen Methode geschieht die Auswertung eines Tetanusantitoxins, dessen Antitoxingehalt man nicht kennt, in der Praxis in folgender Weise : Man legt sich von dem zu prüfenden Serum verschiedene Ver- dünnungen mit physiologischer Kochsalzlösung an, z. B. 1:100, 1:90 usw. Von dieser Verdünnung bringt man 1 ccm in ein Erlexmeyer- sches Kölbchen, welches 38 ccm destilliertes Wasser enthält, und fügt 1 ccm seines Prüfungsgiftes (z. B. i/\o BEHRixcschen Normalgiftes*) hinzu. Nach gleichmäßiger Verteilung durch kräftiges Umschütteln läßt man das Gemisch vor Licht geschützt 30 Minuten stehen und injiziert dann einer Maus von mittlerem Gewicht 0,4 ccm subkutan. Bleibt die Maus ganz gesund, so besitzt das Serum in 1 ccm min- destens 10 Antitoxineinheiten, da 1 ccm der Verdünnung 1:100 ein ccm des i/^o Xormalgiftes vollkommen neutralisiert hat. Wird die Maus nach der Injektion dieser 0,4 ccm leicht tetanisch, so enthält das Serum natürlich weniger als 10 A.E, Stirbt auch diese Maus nach einigen Tagen und treten bei den andern tetanische Erscheinungen auf bis auf die, welche die mit der Antitoxinverdünnung 1 : 80 her- gestellte Gift-Serummischung injiziert erhielt, so ist noch 1 : 70 und als Zwischenstufe etwa 1 : 85 zu prüfen. Durch diese Versuche wird die genaue Wertbestimmung des Serums, d. h. die Ermittelung der Mischung, bei der die Maus nach Injektion von 0,4 ccm ganz gesund bleibt, beendet. Ist sonach der Lg-Wert des Serums erreicht, so läßt sich die Wertigkeit des Serums durch einfache Berechnung ermitteln. Diejenige Serumdosis, welche in 0,4 ccm Flüssigkeit mit 0^01 ccm des gewälilten Testgifts (I/^q X. -Gifts) Lq gibt, ist genau = i/iqqqA.E. Von dieser Versuchsanordnung ausgehend ist die amtliche Wertbemessungsmethode des Tetanusantitoxins ausgearbeitet, das ebenfalls zu den „definitiv" geprüften Heilseris gehört. Die Schwierigkeiten, welche hierbei zu überwinden waren, wurden einmal, wie bereits oben erwähnt, dadurch verursacht, daß hier das Vereini- gungsbestreben zwischen Toxin und Antitoxin ein sehr geringes ist. Infolgedessen schwankte die Menge des bei der Einwirkung vo» Gift und Gegengift entstehenden neutralen Gemisches in hohem Grade, je nach der Länge der Eeaktionszeit und der Konzentration der Lö- sungen. Um die hierdurch bedingten Fehlerquellen auszuschalten, war es notwendig, stets unter den gleichen Bedingungen in bezug auf Zeit und Verdünnungen der Lösungen zu arbeiten und namentlich die Versuchsreihen stets unter gleichzeitiger Kontrolle eines Standard- serums anzusetzen. Eine weitere Schwierigkeit war bedingt durch die bereits erwähnte Labilität des Giftes. In der ersten Zeit verfuhr *) V. Behring rechnet mit Vio Normalgiften. Ein Normalgift ist eiu Toxin, das durch eine A.E. neutralisiert wird, wie sie in 1 ccm ,, einfach nor- malen Serums" enthalten ist. 1 A.E. = eine Antitoxineinheit ist in jener Menge eines Serums enthalten, welche eine Maus von 10 g gegen die 4 000 000- fache letale Dosis frischen Toxins bei subkutaner Injektion schützt, v. Behring- rechnet stets mit ^/looo ^-E. Die Wertbemessung der Schutz- und Heilsera. 1205 man dalier so, daß man zu jeder Prüfung eine gewisse Menge Trocken- gift jedesmal frisch löste und zentrifugierte (Dönitz), was zwar die Prüfung erheblich komplizierte, aber bei der Unmöglichkeit der Kon- servierung flüssigen Testgifts noch der einzige Ausweg blieb. Später benützte man mit gutem Erfolge die EHRLicHsche Serumkonservie- rungsmethode auch für das Testgift. Die Art der Giftgewinnung spielt dabei keine Rolle ; sie gelingt ebensogut nach der älteren Methode in einem durch Wasserstoffdurchleitung luftfrei gemachten Kolben, wie nach der TAROzzischen bzw. WRZosEKschen Methode, wobei das Wachstum, der Tetanusbacillen in der Zuckerbouillon auch bei Luft- zutritt ermöglicht wird durch Zusatz reduzierender Organstückchen oder — nach Liefmann bzw. Pfuhl — • anorganischer Reduktions- mittel, z. B. Eerroammonsulfat oder Platinschwamm etc. Eine Haupt- bedingung aber für ein Testgift ist seine völlige Sporenfreiheit, die durch wiederholtes Aussalzen, Wiederauflösen und Zentrifugieren der Giftlösung (Marx) gewonnen wird. Nach Vortrocknung im Exsik- kator wird dann das Gift im Verhältnis 1 : 2 in Wasser gelöst und mit Präzisionspipetten in absolut gleichen Dosen in die Yakuum- röhrchen gefüllt und, wie oben beschrieben, weiter behandelt. Die Menge des einzufüllenden Giftes richtet sich dabei nach den er- mittelten Giftwerten des Toxins. Im Frankfurter Institut sind die Werte so berechnet, daß 25 ccm Wasser gebraucht werden zur Her- stellung der Normaltestgif tlösung aus den mit 0,5 einer Gift- lösung 1:2 beschickten Röhrchen. Die so eingeschmolzenen Gifte sind außerordentlich beständig. Bei einen Monat dauernder Auf- bewahrung im Brutschrank von 37 o blieben sie unverändert und selbst die wochenlang dauernde Erhitzung auf 50 o bewirkte nur eine ge- ringe Abschwächung. In gleicherweise wie das Prüfungsgif t wird auch das Standard- serum in Einzelprüfungsdosen evakuiert vorrätig gehalten, da das Tetanusantitoxin in Glyzerinlösung in seinem* Wertgehalt nicht a"b- solut konstant bleibt. Bei den minimalen Mengen, die für jede Prü- fung nötig sind, bildet das Serum (jetzt z. B. 0,006 g eines 43,33- fachen Serums = 0,26 I.E.) im evakuierten Röhrchen einen gerade nur sichtbaren Schleier am Glase. Der Gang einer offiziellen Wertbemessung gestaltet sich darnach so: Nach entsprechender Ver- dünnung des Testgiftes, Standardserums und des zu prüfenden Serums derart, daß in 1 ccm der Verdünnung i/^oq AE. enthalten sein soll, er- folgt die Ansetzung der Giftserumgemische in vitro, wozu 2 Reihen von je 8 Fläschchen gehören. In die erste Serie kommt je 1 ccm Standard- serum, in die zweite Reihe je 1 ccm der von dem zu prüfenden Serum hergestellten Lösung. Zu jeder Reihe wird Gift in steigenden Dosen derart getan, daß damit voraussichtlich alle Werte von Lq bis L-f- getroffen sind (im Frankfurter Institut z. B. 0,8—1,5 ccm). Nach- dem dann die Einzelgemische mit physiologischer Kochsalzlösung auf 4,0 ccm aufgefüllt sind, bleiben die verkorkten Fläschchen 30 Mi- nuten vor Licht geschützt bei Zimmertemperatur stehen. Hierauf erhält, von 2 Reihen zu 8 Mäusen, jede Maus 0,4 ccm des betreffenden Gemisches unter die Haut des rechten Hinterbeins, also i/ipoo ^.E. + steigende Dosen Gift. Bei Richtigkeit des von der Fabrik ange- gebenen Titers müssen natürlich die Versuchsresultate in beiden Tier- reihen genau übereinstimmen. Ist das Serum schwächer als ange- gegeben, so verschieben sich die Resultate entsprechend. Erreicht der 1206 R- Otto und K. E. Boehncke, von der Kontrollbehörde genau eingestellte Titer den Mindestgehalt von 4 bzw. 40 A.E. in 1 ccm flüssigen bzw. in 1 g Trockenserum, so wird in Anbetracht der Kompliziertheit einer genauen Wertbe- messung des Tetanusantitoxins das fragliche Serum nicht direkt zurück- gewiesen, wie bei der Diphtherieheilserumprüfung, sondern zu dem neu ermittelten Titer zugelassen, es findet also in diesem Falle tat- sächlich eine „Eichung" des Serums statt. Die Prüfung auf Un- schädlichkeit findet in der gleichen Weise, wie beim Diphtherieheil- serum beschrieben, statt. Die flüssigen Sera werden 2 Jahre, die festen 2 und 4 Jahre nach ihrer Zulassung durch die amtliche Prü- fungsstelle einer Xachuntersuchung unterzogen. Xach 3 Jahren werden die ersteren durch Alinisterialerlaß aus dem Handel ge- zogen ; eine Einziehung des einmal zugelassenen festen Tetanusanti- toxins findet nicht statt. Berücksichtigten die im vorstehenden beschriebenen Methoden lediglich die Bestimmung des Mischungswertes, so kann es vielleicht in praktischer Hinsicht von besonderem Interesse sein, außerdem noch den Schutzwert und den Heilwert des Antitoxins besonders zu ermitteln. Als erster hat schon im Jahre 1901 Tizzoxi die Be- hauptung aufgestellt, daß der im Mischungsversuch ermittelte Ge- halt eines Tetanusserums an A.E. nicht dem Heilwert entspräche. Wenn nun auch seinen Versuchen infolge ihrer recht kleinen Reihe eine strikte Beweiskraft nicht innewohnt, so hebt doch v. Behring ebenfalls hervor, das es nicht ohne weiteres angängig ist, den durch Mischung in vitro festgestellten antitoxischen Wert eines Tetanus- heilserums in Beziehung zu setzen zu seinem Schutz- und Heilwert. Er hält es für möglich, daß ein gänzlich unverändertes Tetanus- serum im Schutz- und Heilversuch erheblich weniger leistet, als dem im Mischungsversuch ermittelten Wertgehalte entsprechen würde. BosENBEEG hat diese Frage einer vergleichenden experimentellen Prü- fung unterzogen, wobei sich in einigen Versuchen gewisse Differenzen zwischen der kurativen Leistungsfähigkeit und dem im Mischungs- versuch ermittelten Antitoxingehalt einzelner Sera zeigten. Da diese gelegentlichen Differenzen sich aber meist innerhalb der unvermeid- lichen Versuchsfehlergrenzen hielten und keine gesetzmäßigen wurden, so hält Rosenberg den strikten Beweis dafür, daß zwischen dem im Mischungsversuch ermittelten Antitoxingehalt eines Tetanusserums und seinem Heilwert ein Parallelismus nicht existiert, bisher für nicht erbracht. Vorläufig bliebe demnach die zuverlässigste und ein- fachste Bewertungsmethode des Tetanusserums der Mischunosversuch. Andererseits scheinen v. Behrings neuere Untersuchungen darauf zu deuten, daß der beim Diphtherieantitoixn stets zutage tretende Parallelismus zwischen Mischungswert, Schutzwert und Heilwert beim Tetanusantitoxin nur in ganz frischen Seris besteht. Die Bestimmung dieser Werte geschieht durch getrennte Injektion von Toxin und Antitoxin, und zwar wird zw Bemessung des Schutzwertes zuerst das Antitoxin und zeitlich später das Toxin injiziert, während bei um- gekehrtem Verfahren als Prüfungsergebnis der kurative Wert resul- tiert. Wälirend nun die präventive Wirkung mit der Zunahme des zeitlichen Zwischenraumes von Serum- und Gifteinverleibung sich steigert, verringert sich dagegen der kurative Effekt, je mehr der Intervall von 36 Stunden zwischen Toxin- und Antitoxininjektion überschritten wird. Von besonderer Bedeutung: dabei ist die Art der Die Wertbemessung der Schutz- und Heilsera. 1207 Antitoxineinveiieibung. Am schwächsten bei subkutaner Injektion, ist aber auch bei subaraclinoidaler oder direkter intravenöser In- jektion der Bedarf an Antitoxin zur Neutralisierung von im Blute kreisendem Toxin ein unvergleichlich größerer als seinem Schutzwerte entspricht. Camus fand bei seinen experimentellen Studien über die Heilung des Tetanus, daß der Heilwert je nach der Wahl des Ver- suchstiers schwankt; so vermochte er mehrfach Hunde m'it deutlich ausgeprägten Tetanuserscheinungen durch Seruminjektionen noch zu retten, wo in analogen Fällen kleine Versuchstiere (Meerschweinchen, Mäuse) sicher unterlagen. Stets spielt die Art der Einverleibung des Toxins eine große Rolle, da es bei verschiedenem Beibringungs- modus ganz verschieden rasch in das Nervensystem gelangt. Während dabei, wie Laroche & Grigaut zeigten, das Diphtherietoxin aktiv bleibt, wird im Gegenteil das Tetanustoxin neutralisiert, und zwar hauptsächlich durch die Proteinsubstanzen, denen nach ihren Versuchen ein energisches Fixationsvermögen gegenüber dem Tetanustoxin zu- kommt (bis zur Giftverdünnung 1 : 50). Besondere Eigenschaften zeigt endlich das Tetanustoxin und Antitoxin in der Toxin-Antitoxin- mischung. Umgekehrt wie das Diphtherietoxin erfordert das Tetanus- toxin zu seiner Neutralisierung in vitro bei steigender Menge stets ein relativ geringeres Antitoxinquantum. Ist die Neutralisierung perfekt, so ist ein großer Giftzusatz nötig, um eine tödliche Minimaldosis in Freiheit zu setzen. Dabei steigt der Toxinbedarf parallel mit der Menge der im neutralen Gemisch gebundenen letalen Dosen. Ein viel- leicht mit den Beobachtungen von Camus in Zusammenhang zubringendes auffälliges Phänomen bei der biologischen Wirkung eines kleinen Giftüberrestes einer sonst ausgeglichenen Toxin-Antitoxinmischung be- obachteten V. Behring & Knorr. Wird nämlich eine 10-proz. klare Lösung von Tetanustoxin mit soviel Antitoxin gemengt, daß ein Gift- überschuß in der Mischung resultiert, so übt dieser nicht neutralisierte Toxinrest auf verschiedene Versuchstiere eine verschiedene Wirkung, besonders bezüglich des Inkubationsstadiums aus. Wird dann eine solche Mischung, bei der der Toxinrest gerade eine eben tödliche Dosis darstellt, weiter verdünnt, so kann die Verdünnung in ziemlich erheb- licher Weise vorgenommen werden, ohne daß die Wirksamkeit der Mischung eine Schmälerung erleidet. Zum Schluß noch einige Worte über die in Frankreich ge- handhabte Methode zur Bestimmung des Tetanusantitoxins, die nach Mitteilung von Dr. Martin an Meerschweinchen, und zwar fol- gendermaßen ausgeführt wird : Das durch Fällung mit Ammonium- suifat erzielte Tetanustoxin wird getrocknet unter Luftabschluß auf- bewahrt. Mit diesem Trockentoxin wird zunächst die Dosis minima mortalis für Meerschweinchen von 250 — 300 g bestimmt. Als Prüfungsdosis wird die 100-fach tödliche Dosis dieses Toxins ver- wendet. Was die Technik des Prüfungsversuches betrifft, so werden von dem zu prüfenden Serum zunächst 3 Verdünnungen ange- legt: V10005 Vioooo und f^ooooo- Vom Toxin wird eine bestimmte Menge in einer bestimmten Quantität Wasser unter mehrfachem Schütteln gelöst und danach steril filtriert. Zu jeder der drei Serumver- dünnungen wird alsdann eine der 100-fach tödlichen Dosis ent- sprechende Menge der Toxinlösung hinzugefügt und das Gemisch nach i/g-stündiger Bindung einem Meerschweinchen intramuskulär in- jiziert. Das Antitoxin wird je nach dem Ausfall der Wertprüfung 1208 R. Otto und K. E. Boehncke, für den Gebrauch lediglich in der Veterinärprcaxis oder bei höherem Wertgehalt für die Humanmedizin zugelassen. Für ersteren Zweck ge- nügt es, wenn Vioooo bis Viooo ccm hundert tödliche Dosen so voll- stä.ndig absättigt, daß kein lokaler Tetanus entsteht. Für die Anwen- dung in der Medizin werden nur Sera zugelassen, die denselben Effekt noch in der Verdünnung von Viooooo ausüben. Zur Entscheidung der Frage, ob sich beim Tetanusserum außer von Antitoxinen auch von antibakteriellen Immunstoffen eine günstige Wirkung erhoffen läßt und ob nicht mit Toxin und Bakterienkulturen gewonnene Immunsera mehr leisten als nur mit Toxin erzeugte, haben Schürmann und Sonntag im Berner Scruminstitut letzthin Versuche angestellt. Niemals ließen sich komplementbindende Stoffe spezi- fischer Art nachweisen. Präzipitine und geringe agglutinierende Werte ließen sich nur bei intravenös erzeugten Seris feststellen. Die Schutzkraft der auf die verschiedenste Art hergestellten Tetanussera ging stets dem Antitoxingehalt parallel. Die Wertbestimmung des Bo tulismusantitoxins. Das Botulismusantitoxin wurde zuerst von Kempner -dargestellt, nach- dem vorher durch van Ermengem das spezifische Toxin nachgewiesen war. Für die Bewertung dieses Serums stehen zwei Methoden, von Kempner und von FoRSSMAN, zur Verfügung. Als Versuchstiere sind von beiden Autoren Meerschweinchen gewählt. Da es sich Kempner bei seinen Wertbestimmungsversuchen als unmög- lich erwies, die minimalste tödliche Dosis beim Meerschweinchen festzustellen, so wählte er als Tesldosis diejenige Giftmenge, welche ein Meerschweinchen von 250 g nach ca. 48 Stunden sicher tötet. Ein Serum, von dem 1 ccm genügte, um diese Testdosis unschädlich zu machen, bezeichnet er als Normalserum. In 1 ccm Normalserum ist eine Immunitätseinheit enthalten. Zur Immuni- sierung zeigten sich Ziegen besonders geeignet. Mit dem von ihnen gewonnenen Serum konnte er einmal den Mischungswert, dann den präventiven und endlich den kurativen Wert unter Zugrundelegung seiner Testdosis und seines Norraal- serums bestimmen. Da sich dabei 0,001 bez. 0,00001 ccm zur Neutralisierung der Testdosis genügend zeigte, so bezeichnete er den Titer dieses Serums als 1000- bzw. 100 000-fach. Forssman ging bei seiner Methode nicht von einem bestimmten Testtoxin, sondern von einer konstanten Serummenge aus, wobei er den Toxinzusatz so lange variierte, bis er eine Mischung erhielt, die ein Meerschweinchen von 250 g in 4 — 5 Tagen tötete. Die Wertigkeit des Serums berechnete er dann nach der Zahl der für 1 ccm Serum nötigen Testdosen. Zur Bestimmung der Lq- und L-(— Dosis beim Meerschweinchen führt Madsen die nachfolgende Versuchsreihe an, wo zu 0,1 ccm Toxin (ca. 250 tödliche Dosen) verschiedene Antitoxinmengen zugesetzt werden. Aus derselben geht auch das Kriterium für die Wirkung des Botulismustoxins hervor, die außer Gewichtsverlust (bzw. Tod) noch eine eigentümliche Erschlaffung der Muskeln bewirkt, besonders der Bauchmuskeln, die bei einiger Uebung unschwer gefühlt wird und wochenlang andauern kann: 0,1 ccm Toxin + n ccm Anti- toxin r 0,0020 0,0018 0,0017 0,0016 0,0015 0,0014 0,0012 0,0010 10,0002 t2'/. Tage t 3 Tage 1 3 Tage t2 „ 1 1 Tag Keine krankhaften Symptome Geringe Muskelschlaffheit in 3 Wochen „ „ 2 Tage dauernd „ 1 Woche „ 2 Wochen 3 Gewichts- verlust Die Wertbemessung der Schutz- und Heilsera. 1209 Bei der Bestimmung des Mischungswertes konnte schon Kempner für das Botuiismusantitoxhi feststellen, daß dieselbe Menge Serum bei gleichbleibender Toxindosis in vitro gemischt stärlier neutralisierend auf diese wirkt, als bei ge- trennter Serum- und Giftinjektion im Tierkörper. Als eine p]igentüinlichkeit der Mischung Botulismustoxin -|- -antitoxin konnte Mausen die Tatsache fest- stellen, daß nicht selten Bruchteile der Mischung sich bedeutend toxischer zeigen als die ganze "Mischung selber, so daß beispielsweise von einem be- stimmten Toxin-Antitoxingemenge Vi bis Vio g^t" keine Symptome oder nur vorübergehende Schlaffheit bewirkt, dagegen 1/20 bis Vsoo den Tod in 5—8 Tagen beim Versuchstier herbeiführte und endlich in den höchsten Verdün- nungen — Vioon bis \'3ooj — noch geringgradige Muskelschlaffheit zur Folge hatte. Otto & Sachs lionnten: die Beobachtungen Madsens bestätigen. Sie stellten noch ein weiteres Phänomen der Toxin — |- Antitoxinmischung dar, daß nämlich die nach dreistündiger Aufbewahrung bei subkutaner bzw. intravenöser Injektion differente Toxizität nach 24 Stunden wieder völlig geschwunden ist. Sie er- klären diese Erscheinung mit einem zweiphasigen Reaktionsverlauf (1. lockere Bindung. 2. sekundäre Verfestigung) der beiden Komponenten. Die Wertbemessung des Eauschbrandantitoxins. Kitt vermochte durch subkutane Injektionen von Rauschbraudfleisch bei einer Reihe von Tieren, besonders Schafen ein wirksames Immunserum zu er- zeugen. DÜNSCHMANN, sowie Leclainche & Vallee versuchten dann das spezifische Toxin der Rauschbrandbacilleu zu isolieren, um damit zu einem wirksamen antitoxischen Serum zu gelangen. Jedoch blieb die Toxinproduktion stets unbeständig und ließ der Erfolg viel zu wünschen übrig. Grassberger & Schattenfroh fanden dann im Jahre 1902, daß der Rauschbrandbacillus in Bouillon unter Zusatz von gärfähigen Substanzen ein sehr starkes Toxin bildet, das in seiner Wirksamkeit den übrigen bisher bekannten Lösungen echter Bakterientoxine nicht nachstand. Eine Giftlösung mit der Dosis letalis minima von 0,01 ccm für Meerschweinchen von 250 g wird als Normalgiftlösung bezeichnet. Durch Behandlung von geeigneten Versuchstieren, namentlich Rin- dern, mit ihren hochwirksamen Toxinen, besonders 5-fachem und 20-fachem Normalgift (Dosis letalis minima = 0,002 bzw. 0,0005 ccm), konnten sie sehr hochwertige Sera herstellen. Die Wertigkeit wird durch den einfachen Toxin- Antitoxinmischungsversuch bestimmt. Ein Serum beispielsweise, von dem 0,0025 ccm genügt, um 1,0 ccm Normalgift zu neutralisieren, besitzt den Wert eines 400- fachen N o r m a 1 s e r u m s. Zur Herstellung der Gemische benutzten Grassberger & Schattenfroh stets 1,0 ccm Giftlösung. Die Aichung der Giftlösungen wird sehr erleichtert durch die fast unbegrenzte Haltbarkeit des Antitoxins, wenn es unter Chloroformzusatz in wohlverschlossenen und zu- geschmolzenen Glasgefäßen in der Kälte konserviert wird. Foth gewinnt sein Iniraunserum durch Behandlung der Tiere mit einem aus Sporen und hochwirk- sameu_ Stoffwechselprodukten bestehenden wasserlöslichen eiweißreichen Alkohol- präzipitat. Die Auswertung geschieht mit ein- und mehrfachen Prüfungsdosen von Standardprüfungswert, indem die zur Paralysierung der Mindestdosis und des Mehrfachen dieser Prüfungsdosis nötige Serummenge am Meerschweinchen austitriert wird. Die Wertbemessung des Schlangengiftantitoxins. Das Schlangengiftantitoxin wird hauptsächlich vom Institut Pasteur in Lille, außerdem von einigen Speziallaboratorien in Britisch- indien sowie in Nordamerika und Brasilien hergestellt. Da die zu ihrer Herstellung nötigen Schlangengifte verschieden in ihrer Zu- sammensetzung und Wirkung sind, je nachdem sie von den Colubriden oder Viperiden stammen, sind erklärlicherweise auch die betreffenden Antitoxine wirksam nur gegen ihr spezifisches Toxin. So sind die mit Giften amerikanischer Viperiden hergestellten Sera unwirksam gegen das Toxin der giftigen Colubridenarten, da die Wirksamkeit des ersteren Giftes auf seinem Gehalt an Hämorrhagin und Hämolysin beruht, während das Colubridengift daran arm und reich ist an neurotoxischen Substanzen. 1210 E- Otto und K. E. Boehncke, Die. Methoden der Wertbemessung dieser Sera sind verscliieden. Feaser wandte für die Bewertung seines durch Immunisierung von Pferden gewonnenen Serums die Mischungsmethode an. Als Ver- suchstiere dienten Kaninchen und wurde zu den Mischungen die 1-fache, 11/2-fache, 2-, 3-, 4-, 5-, 8- und 10-fache sicher tödliche Minimaldosis verwendet. Von jeder Giftdosis wurde eine Reihe mit abgestuften Serummengen angelegt, so daß sich leicht berechnen ließ, wieviel Serum nötig ist, um gegen die 1 — 10-fache tödliche Dosis für 1 kg Lebendgewicht Kaninchen zu schützen. Weil die Bindung zwischen Toxin und Antitoxin nicht sofort erfolgt, muß das Gemisch vor der Injektion stehen bleiben.' Eine andere Methode- stammt von Myers, der zur Prüfung des Serums die 10-fache Giftdosis empfohlen hat. Als Immunitätseinheit bezeichnet er diejenige Menge Serum, welche die 10-fach tödliche Dosis Toxin für eine Maus von 15 g absättigt. Da man jetzt über wirksames und hochwertiges Serum verfügt, wird sich bei geeigneter Technik die ursprünglich der Methode anhaftende Fehlergrenze von 15 Proz. wesentlich verringern lassen. Calmette prüft den Schutzwert des Serums an Kaninchen, in- dem er dem Versuchstier erst 2 ccm Serum in eine Öhrvene injiziert und 2 Stunden später diesem und einem Kontrolltier 1 mg Gift, wo- nach letzteres bei intravenöser Applikation innerhalb 30 Minuten und bei subkutaner Einverleibung nach 2 — 3 Stunden zugrunde gehen muß. Zur Festsetzung der Immunisierungseinheit wird erst die Dosis letalis minima certe efficax des Giftes ermittelt. Dann wird eine Reihe Kaninchen mit abgestuften Mengen des zu prüfenden Serums behandelt, wonach die einfach tödliche Toxindosis injiziert wird. 1 I.E. wird repräsentiert durch 1 ccm Serum, das gegen den Tod von 1 g Kaninchen schützt. Schützt es z. B. ein Tier von II/2 kg, so enthält das Serum 1500 I.E. Als therapeutisch brauchbar wird von Cai,mette ein Schlangengiftantitoxin (Antivenin) bezeichnet, wenn 2,5 ccm davon 1 mg Cobragift im Gemisch soweit zu neutralisieren vermag, daß keine Vergiftungserscheinungen auftreten und wenn 2 ccm des Serums bei subkutaner Einverleibung ein Kaninchen gegen die Wirkung von 1 mg nach 2 Stunden beigebrachten Toxins vollkommen zu schützen vermögen. Xoch eine andere Methode benutzt Calmette zur Bestimmung des Antitoxingehalts, indem er weißen Mäusen '^fiovag (in 1-prom. Lösung) Gift -{- steigende Mengen Serum injiziert zur Feststellung des Gemisches in vitro, das eine Maus nicht mehr tötet. Hierbei darf die Serummenge 0,03 ccm nicht übersteigen, sonst ist das Serum nicht vollwertig. Bei Meerschweinchen gilt in gleicher Weise als höchstzulässiges Prüfungsgemisch 5 mg Gift -j- 1,2 ccm Serum. Von Wichtigkeit ist die Technik bei der Bereitung der zur Titerbestimmung dienenden Giftlösungen, die nach Calmette fol- gendermaßen sich gestaltet: 0,1 g trockenes Cobragift, genau gewogen, wird in 10 ccm physiologischer. NaCl-Lösung gelöst. Nach völliger Lösung wird das Reagenzglas mit der Lösung für ^/\ Stunde in ein 72° heißes Wasserbad gestellt. Nach Ausfall der atoxischen Albumine wird steril filtriert, das Filtrat in Glasampullen eingeschmolzen und kühl und dunkel aufbewahrt. Die Wertbemessung des Heufieberantitoxins. Dunbar gelang es durch Vorbehandlung von Pferden mit dem aus Roggeii- pollen hergestellten Toxin ein antitoxisches Heufieberserum herzustellen. Das- selbe kommt (fabrikmäßig von der Firma Schimmel & Co. in Leipzig- Miltiz Die Wertbemessung der Schutz- und Heilsera. 1211 dargestellt; in den Handel als „PoUantin flüssig" mit 0,25 Proz. Phenolzusatz, oder als „PoUantin Pulver" nach Trocknung im V^akuum bei 45*^. Zur Prüfung seines Wirkungswertes hat Dunbar folgende Methode angegeben. Als Testgift- dosis dienl die geringste Menge der spezifischen Toxinverdünnung, die bei Heufieberkranken die charakteristischen Heufiebersymptome an der Conjunc- tiva hervorzurufen vermag. Zu dieser konstanten Giftdosis wird das .\ntiserum in fallenden Mengen zu gleichen Teilen hinzugesetzt. Die Mischung wird dann 1 Stunde bei 37 " der Bindung überlassen. Die stärkste Serumverdünnung, die nach Einträufelung des Gemisches in den Conjunctivalsack das Toxm bis zur Reaktionslosigkeit zu neutralisieren vermag, gibt die Wertigkeitszahl an. Die in den Handel gelangenden Sera müssen die Neutralisierung mindestens in 30- facher Verdünnung bewirken, also 30-fach sein. Diese von Dunbar und Prausnitz stets angewandte Bewertungsmethode soll mit einer Fehlergrenze von 10 Proz. arbeiten. Demgegenüber bestreiten Weichardt und Wolff-Eisner den antitoxischen Charakter dieses Serums, sondern erklären es für zytolytisches Serum. Die AV e r t b e m e s s u n g des A n t i a b r i n s , - r i c i n s und - c r o t i n s. Zur Erzeugung dieser Immunsera dienen Antigene pflanzliclier Natur. Praktische Bedeutung kommt wohl nur dem Antiabrin zu, das erzielt wird durch Immunisation von \'ersuchstieren mit dem aus dem Samen der Je- quirity- oder Paternosterbohne (Abrus precatorius) gewonnenen Abrin. Wie bei allen antitoxischen Seris kann auch hier natürlich der Antitoxingehalt des Blutserums abrin-immuner Tiere dadurch bestimmt werden, daß z. B. an weißen Mäusen nach subkutaner Injektion von Gemischen, in denen die er- mittelte Testgiftdosis 1/9 Stunde lang der Bindung mit abgestuften xVntitoxin- mengen ausgesetzt war, diejenige Serummenge bestimmt wird, die gerade noch genügt, um die Testgiftdosis unschädlich zu machen. Eine andere, sehr ein- fache und genaue Wertbestimmung des Antiabrins stammt von Römer, der sich wegen der Bedeutung des Serums für die Augenheilkunde eingehend damit beschäftigt hat. Er benutzte das für Abrin sehr empfindliche Kaninchenauge als Indikator für den Antitoxingehalt des Antiabrins. Die nach Abrinein- träufelung am Auge stets auftretende sehr charakteristische Entzündung bleibt fort, sobald zum Toxin die zur Neutralisation erforderliche Antitoxinmenge zugesetzt wird. Um die Entzündungserscheinungen klinisch auch dann noch deutlich zu machen, wenn auch nur ein geringes Quantum Antitoxin zur voll- ständigen Bindung fehlt, arbeitete Römer nicht mit der einfachen Prüfungs- Testgiftdosis, sondern mit einem Multiplum derselben. In diesem Falle bleibt natürlich, auch wenn nur ein Bruchteil der Bindung entgangen ist, stets noch soviel freies Toxin übrig, um eine zur Sichtbarmachung genügende Entzündung hervorzurufen. Als Testgiftdosis bewährte sich Römer am besten das 10-fache der für Mäuse tödlichen Minimaldosis, da dies die äußerste Giftgrenze darstellt, die vom Kaninchenauge noch ohne Gefahr für die Cornea vertragen wird, so daß selbst dann, wenn keine Gifteinheit infolge mangelnden Antitoxins zur Bin- dung gelangt, die Tiere nicht verunstaltet werden und Tiermaterial gespart wird. Die Entscheidung ist bereits nach 15 — 20 Stunden ermöglicht, wenn es sich um Bestimmung nur der engeren Grenzwerte handelt. Jedoch erscheint die Methode auch genügend, um bei geeignetem Variieren der Toxin-Antitoxin- . gemische eine genauere Titerstellung des Abrinheilserums zu erzielen. Die Wertbestimmung des Antiricins und Anticrotins regelt sich ohne weiteres nach den allgemein für die antitoxischen Sera früher aufgestellten Regeln (siehe allgemeiner Teil, S. 1177). li. Die Wertbemessung der „antrbakteriellen" Sera. Xach den vorausgeschickten allgemeinen Bemerkungen ist bei den antibakteriellen (antiinfektiös wirkenden) Immunseris die Wertbemessung im Tierversuch (Schutzwirkung gegen die nachfolgende Infektion mit lebenden Krankheitserregern) vorzuziehen. Eine derartige Prüfung ist indessen nur bei einer bestimmten Anzahl der Sera möglich und üblich (Gruppe a). Bei einer Reihe anderer Seris hat sich gezeigt, daß höchstwahrscheinlich ihre Wirkungsweise keine rein antibakterielle ("antiinfektiöse), sondern zugleich eine anti- toxische (bzw. anti-endotoxische?) ist oder daß in ihnen bestimmte 1212 R- Otto und K. E. Boehncke, Antikörper (z. B. Bakteriotropine) nachweisbar sind^ denen eine be- sondere Eolle bei der Schutzwirkung zugesprochen wird (Gruppe b). Denigeniäii hat mau natürlich bei diesen Seris die Wertbemessungs- methoden auf die Ermittelung des Gehalts an diesen Antikörpern (Antitoxine bzw. Bakteriotropine usw.) ausgebaut, wobei bei einigen Seris noch der Umstand mit ins Gewicht fiel, daß geeignete Ver- suchstiere zu Infektionsversuchen nicht zur Verfügung standen. Zu der erwähnten Gruppeneinteilung ist übrigens noch zu bemerken, daß diese eine von uns rein willkürlich gewälilte ist, da die Frage der Träger der spezifischen Wirksamkeit bei den meisten antibakteriellen Seris heute noch nicht als endgültig gelöst angesehen werden kann. In der Gruppe b ist auch das Milzbrandserum aufgeführt. Bei diesem Serum, das in der Praxis sich zweifellos bewährt hat, ist es trotz zalilreicher Versuche bisher nicht gelungen, eine quantitativ arbeitende Wertbemessungraethode zu ermitteln. Als Anhang folgt eine kurze Besprechung über die Wertbemessung einiger Sera gegen Infektionskrankheiten mit noch unbekannten Er- regern. a) Prüfung des „Schutzwertes im Tierversuch". 1) Die Wertbemessung des Rotlaufserums. Als Versuchstiere für die Wertbemessung des Rotlaufserums kommen in Betracht das Schwein, das Kaninchen, die Taube und die Maus, und zwai' sowohl die graue Hausmaus wie die weiße Labora- toriumsmaus. Lorenz, von dem die erste Wertbemessungsmethode stammt, machte seine Serumprüfungen an grauen Mäusen in folgender Weise. Die Versuchstiere erhielten subkutan in eine Hauttasche in der Gegend der Schwanzwurzel 0,01 ccm einer 24-stündigen Bouillon- kultur und gleich danach ebenfalls subkutan fallende Dosen (0,005 — 0,01 — 0,015) des zu prüfenden Serums. Das Serum mußte so min- destens in der Menge von 0,01 auf 10 g Mäusegewicht eine Maus gegen eine Infektion mit 0,01 Eotlaufkultur schützen. Voges & ScHtJTZ nahmen die Prüfung des Schutzwertes auch an Mäusen vor, aber mit der Abänderung, daß sie Serum und Kultur (0,1 ccm = ca. 110- fachc tödliche Dosis) gemischt gleichzeitig subkutan injizierten. Tauben als Prüfungstiere benutzt Leclainche. Die Injektion der Serum-Kulturmischung erfolgt intramuskulär. Er verlangt von einem brauchbaren Immunserum, daß es in der Dosis von i/g ccm gegen 1 ccm einer virulenten Rotlaufkultur schützt, welche Kontroll- tauben in 2 — 3mal 24 Stunden tötet. Eine Modifikation dieses Verfalirens stellt die Methode von Deutsch dar. Dabei wird je 0,5 ccm virulenter, 36-stünd. Rotlauf- kultur mit fallenden Mengen Rotlaufserums 5 Minuten lang sensibili- siert und danach das Gemenge 300 bis 400 g schweren Tauben in den Brustmuskel injiziert. Soll der Schutz wert genügen, so muß 0,5 ccm des fraglichen SeruÄis ausreichen, um die Impfdosis zu neu- tralisieren und das Tier zu retten, während die Kontrollen nach 2 bis 2^/2 Tagen ihrer Infektion unterliegen. ScHNtJRER wertet das Rot- laufserum ebenfalls an Tauben aus. Serum- und Kulturinjektion ge- schieht getrennt. Während anfangs 0,5, 0,25, 0,1 und 0,05 ccm Serum gemischt mit je 0,5 ccm einer 48-stündigen Rotlauf kultur intramuskulär einverleibt wurde, erhöhte er bei der getrennten Beibringung die, Serumgaben auf 0,8, 0,4, 0,16 und 0,08 ccm. Als Auswertungskultur Die Wertbemessung der Schutz- und Heilsera. 1213 bediente er sich der Taubenpassage des vorhergegangenen Versuches. Die Virulenz soll eine recht konstante sein und die Kontrollen sehr regelmäßig am 3. bis 4. Tage der Infektion erliegen. Ein atypischer Ausfall soll bei dieser Wertbemessungsmethode sehr selten sein. Bei der staatlichen Prüfung der Rotlaufsera in Frankfurt a/M. ge- schah die Ausführung derselben ursprünglich so, daß eine immer gleich- bleibenden Menge Bouillonkultur gemischt mit fallenden Mengen Serum einer Reihe von Mäusen subkutan einverleibt wurde. Diejenigen Mäuse, welche nach 10 Tagen noch gesund waren, wurden als maßgebend an- gesehen und nach der zu diesem Schutze nötig gewesenen Serum- menge der Wert des Serums bezeichnet. Da bei dieser Methodik trotz größter Sorgfalt in der Ausführung der Prüfung nicht immer gleich- mäßige Prüfungsreihen erzielt werden konnten, so suchte Marx dem üebelstande durch eine Verbesserung der Methode abzuhelfen. Es ergab sich ihm als Ursache der Störungen die mangelhafte und lang- same Komplettierung des Rotlaufserums durch den Organismus der Maus. Ehe das mit der Kultur gemischte injizierte Serum im Körper aktiviert wurde, vergingen anscheinend mehrere Stunden, während- dessen die Bakterien reichlich Zeit zur Vermehrung im Tierkörper gefunden hatten. Das später aktivierte Serum fand dann, den indi- viduellen Verhältnissen entsprechend, durchaus verschiedene Mengen Kultur vor, wodurch, wie anzunehmen, war, die störenden Unregel- mäßigkeiten entstanden. Marx versuchte nun zunächst das inaktive Rotlaufserum durch natives komplementhaltiges zu aktivieren, was aber nicht gelang. Er änderte dann die bisherige Prüfungsmethode derart, daß den grauen Mäusen zuerst subkutan das Serum und 24 Stunden später die Kulturdosis einverleibt wurde, und zwar intra- peritoneal, damit „die Bakterien in einer Weise dem Tiere zugeführt werden, daß sie der Wirkung des Immunkörpers sofort unterliegen und eine AVucheriing ausgeschlossen wird." Später wählte man an- statt der grauen weiße Mäuse, weil bei ihnen die Infektion bereits 1 Stunde nach der Seruminjektion geschehen kann, sie also anscheinend das Immunserum schneller aktivieren wie die grauen Mäuse. Die amtliche Rotlauf serumprüf ung, die bisher nur eine fakultative ist und der zurzeit noch nicht alle fabrizierten Rotlauf- sera*,! unterliegen, gestaltet sich nach der MARxschen ^lethode folgen- dermaßen : Es werden zwei Prüfungsreiheu angesetzt, eine mit Staudard- serum — das bei jeder Prüfung stets frisch gelöst wird — und eine zweite mit dem zu prüfenden Rotlaufserum — , wobei sich der Grad der Verdünnung nach den Angaben der Fabrik richtet. Das Standard- serum ist in der für jede Prüfung nötigen Menge von 0,6 ccm (= 0,06 Trockenserum) in EuRLicHschen Vakuum-Trockenapparaten eingeschlossen und hat den konventionell angenommenen Wert von 100 I.E. in 1 ccm**). In der Regel schützen 0,01-5 ccm dieses Stan- dardserums gegen die folgende Infektion mit der Prüfungsdosis *) Staatlich geprüft werden zurzeit die Rotlaufsera aus den Farbwerken in Höchst, dem Pharmazeut. Institut L. W. Gans- Oberursel, dem Serum- iaboratorium Ruete Enoch in Hamburg und dem Serum institut Boese in Thorn. **) D. h. Schutzwert in der Dosis von 0,01 gegen die nachfolgende tödliche Dosis lebeuder Baiiterien. 50 50 50 20 20 1214 R- Otto und K. E. Boehncke, (= i/^Qy ccm einer virulenten 24-stündigen Bouillonkultur). Um alle Uebergänge von L+ bis Lq in den Versuchsreihen vorzufinden, vi^erden daher folgende Verdünnungen von Standardserum angewandt: 0,005 = 0,5 der Verdünnung 1 : 100 0,008 --=0,4 „ 0,01 =0,5 „ 0,015 = 0,75 „ 0,02 =0,4 „ 0,03 =0,6 „ Ist der Titre des zu prüfenden Serums ebenfalls als 100-fach*) angegeben, so hat man dementsprechend mit den gleichen Dosen und Verdünnungen zu arl^eiten. Mit jeder Serumdosis werden zwei weiße Mäuse subkutan injiziert. Nach 1 Stunde folgt zugleich mit der Infektion von zwei Kontrollen die intraperitoneale Infektion der Tiere mit i/^^oo ccm 24-stündiger Bouillonkultur (in praxi 0,3 ccm der Verdünnung 1/30). Verlaufen die Versuchsreihen regelmäßig, so müssen die Kon- trollen in 2 X 24 Stunden, spätestens in 3 X 24 Stunden sterben. Außerdem müssen von den mit Standardserum behandelten Tieren diejenigen bis 0,01 ccm mit einer Verzögerung von einigen Tagen eingehen, während alle anderen Tiere davonkommen sollen, und zwar zeigen in der Regel die Tiere mit 0,015 noch deutliche, die mit 0,02- kaum noch Krankheitserscheinungen. Die eingegangenen Tiere werden seziert, um interkurrente Krankheiten als Todesursache auszuschließen. Die Beobachtung der Versuchstiere wird 8 Tage lang fortgeführt, der Prüfungsabschluß findet demnach am 9. Tage statt. Entspricht in dem oben angegebenen Falle z. B. das 100-fache Serum seinem Titre, so muß die zweite Versuchsreihe einen der ersten ßeihe voll- ständig parallelen Versuchsverlauf zeigen. Sterben von dieser Ecihe noch die Tiere mit 0,015 ccm, so ist das Serum nicht vollwertig**). Neuere Untersuchungen von Neufeld & Kandiba lassen es walirscheinlich erscheinen, daß die Wirkung des ßotlaufserums — wenigstens in der Hauptsache — auf Tropinen beruht. Die Ansicht von Spät, daß es rein antiaggressiv wirkende und weder im Tier- versuch noch im Reagenzglas nachweisbare Antikörper enthalte, fanden sie nicht zutreffend, insofern als sie in vivo und in vitro spezifische Phagocytose nachweisen konnten (in Bestätigung früherer Versuche von Mesnil). 2. Die Wertbestimmung des Schweineseucheserums. Wassermann & Ostertag lassen ein ,,Schweineseucheserum" her- stellen, das insofern von den anderen Seris abweicht, als zur Immuni- sierung der Tiere möglichst zahlreiche Stämme des Bacillus suisepticus von möglichst verschiedener Provenienz gewählt werden. Zu diesem Immunisierungsverfahren waren sie auf Grund von Beobachtungen gekommen, bei denen sich gezeigt hatte, daß Schweineseuchesera zwar gegen den homologen Stamm wirksam waren, dagegen nicht gegen andere Stämme derselben Bakterienart schützten. Die Ergebnisse ihrer *) Bestimmungsgemäß müssen alle Rotlaufsera 100-fach sein. **) Da es vorkommen kann, daß einmal ein Tier ,, ausfällt" (z. B. infolge Verletzunjj bei der Kulturinjektion oder weil das Tier latent krank war), so- sind für jede Dosis immer zwei Tiere vorgesehen. Die Wertbemessung der Schutz- und Heilsera. 1215 Versuche wurden später von Brück bestätigt. Ftir das Verhalten der Sera geben v. Ostertag & v. Wassermann folgende Erklärung : das Bakterienprotoplasma ist nicht als eine biologische Einheit aufzufassen, sondern setzt sich aus einzelnen Komponenten zusammen. Diese Kom- ponenten können in relativ weiten Grenzen schwanken. Alle Schweineseuchebakterien haben zwar gemeinsame dominante Rezep- toren, jede einzelne besitzt aber Partialrezeptoren, die bei den ein- zelnen Stämmen erheblich voneinander abweichen. Bei der Immuni- sierung mit derartigen Bakterien (z. B. Schweineseuche) löst jede Komponente durch Bindung an den betreffenden Rezeptor einen ihr entsprechenden Antikörper (Ambozeptor) aus, so daß also der im Serum auftretende gesamte Immunkörper sich aus einzelnen geschie- denen Immunkörpern (Partialimmunkörpern) zusammensetzt. Dem- entsprechend resultiert bei der Immunisierung mit nur einem Stamm ein Serum, das neben den allen Schweineseuchebakterien ge- meinsamen Ambozeptoren eine bestimmte Anzahl Partialambozeptoren enthält, die nur für die Rezeptoren des Ausgangsstammes passen. Infolgedessen wird ein solches Serum nur gegen die Ausgangsstämme oder zufällig gleich gebaute Stämme wirksam sein können, v/ährend es gegenüber einer großen Reihe anderer Stämme wenig oder gar nicht wirksam sein wird. Um diesem Uebelstande zu begegnen, haben V. Ostertag & v. Wassermann die Immunisierung eines Tieres mit verschiedenen oder die Mischung verschiedener Sera, die mit ver- schiedenen Stämmen gewonnen sind, vorgeschlagen. Sie nennen ein solches Serum ,,multipartial". Es setzt sich im Gegensatz zu dem nur mit einem Stamme gewonnenen Serum aus einer weit größeren Zahl verschiedener Partialteile zusammen. Letzteres (das mono- valente Serum) wirkt, wenn es zufälligerweise einen Stamm trifft, auf den seine Partialambozeptoren passen, bereits in geringeren Mengen als ein multivalentes, dafür gibt es aber zahlreiche Stämme, bei denen es ungenügend wirksam sein muß, da deren individuell schwankende Nebenrezeptoren in ihm ungenügend vertreten sind. Das multipartiale Serum wird dagegen den einzelnen Stamm zwar erst in etwas höherer Konzentration beeinflussen,, dafür hat es aber den Vorteil, sofern es genügend multipartial ist, daß kaum ein Stamm vor- kommen wird, bei dem es infolge seines großen Gehaltes an den A^er- schiedenen Nebenrezeptoren keine schützende Wirkung ausübt. Zu bemerken ist dabei, daß v. Wassermann & v. Ostertag die Bezeichnung ,, multipartial" gebrauchten, im Gegensatz zu den schon früher von Denys & van de Velde (beim Streptokokkenserum) und von Lignieres & Spitz (beim Serum polyvalent contre les Pasteu- relloses) gewählten Ausdruck „polyvalent". Erstere bezeichneten als „polyvalent" Sera, die mit Bakterien derselben Gruppe, die aus klinisch verschiedenen Krankheitsfällen oder von verschiedenen Tierarten her- stammten, gewonnen wurden, letztere gebrauchen diesen Ausdruck für solche Immunsera, die gegen „alle" Pasteurellosen wirksam sein sollen. Im rein prüfungstechnischen Sinne verstehen wir unter polyvalent solche Sera, die im Prüfungsversuch gegen die ver- schiedensten Stämme derselben Bakterienart schützen. Dabei ist es im Grunde gleichgültig, wie diese Sera gewonnen werden. Für den Fall, daß jemand zur Immunisierung einen besonders geeigneten Stamm wählt, dessen Rezeptorenapparat besonders günstig gebaut ist, kann er unter Umständen auch so ein ,, polyvalentes" Serum gewinnen. 1216 K- Otto und K. E. Boehxcke, In der Eegel werden aber nur „nmltipartiale" Sera ,. polyvalent" wirksam sein. Soll ein Serum prüfungstechniscli als „polyvalent" gelten, so muß es dementsprechend auch gegen verschiedene Stämme geprüft werden. Die Prüfung des WASSERMANN-OsTERTAGSchen Serums geschieht infolgedessen in der Weise, daß seine Schutzwirkung im Vergleich mit einem Test(Standard)serum gegen ein Gemisch von acht verschie- denen Kulturen geprüft wird, wie dies das folgende Protokoll zeigt. Stand^erum Serumdosis Zu prüfendes Serum 2 Mäuse 0,005 =0,5 V.oo 2 Mäuse 2 „ 0,0075 = 0,75 V,„„ 2 „ 2 „ 0,01 =0,5 7,0 9 2 „ 0,015 =0,3 V20 9 2 „ 0,02 =0,4 V,o 2 „ 2 „ 0.03 =0,6 %„ 2 ,. Nach 24 Stunden erhalten alle Mäuse zugleich mit 2 Kontroll- tieren 0,3 ccm eines Bakteriengemisches, das aus acht verschiedenen Bouillonkulturen zusammengesetzt ist. Die einzelnen Kulturen werden vorher in dem Verhältnis von 1:30 mit physiologischer Kochsalz- lösung verdünnt, so daß also die Tiere i/^qo ccm Kultur "eines die Kon- trollen in 2 — 3 Tagen akut tötenden Bakteriengemisches enthalten. Die Beobachtungsdauer der Tiere beträgt 10 Tage. Andere Schweineseuchensera, z.B. dasSuisepsin, werden in gleicher Weise geprüft, indessen wird hier die Prüfungskultur nur aus einer Bakterienkultur gewonnen. 3. Wertbemessung des Pestserums. Die Bestimmung des Wirkungswertes beim Pestserum erfolgt im Institut Pasteur an Mäusen, und zwar wird einmal die Schutz- wirkung*) geprüft und zweitens seine Heilwirkung**). Schon die Deutsche Kommission fand bei der Nachprüfung diese Methode un- zulässig ; spätere Erfahrungen deutscher Autoren (R. Koch, v. Beh- ring, R. Pfeiffer, Kolle & Martixi***; lauteten fast sämtlich gleich wenig günstig. Besser eigneten sich zur Wertbemessung nach Beobachtungen der Deutschen Kommission Affen (braune Affen, Ma- kaken). Besonders die Arbeiten Kolles und seiner Mitarbeiter Otto & Ketsch haben dann gezeigt, daß die beste Wertbemessungsmethode die Prüfung des Schutz wert es an Ratten ist. Das Serum wird intraperitoneal injiziert, die Infektion erfolgt am besten gleichzeitig durch Stich mit infizierter Hohlnadel in die Schwanzwurzel. Zu em- pfehlen sind nicht zu kleine Versuchreihen und Ansetzen je zweier Tiere für jede Serumdosis. Daß auf diese Weise der Vergleich von Serumproben verschiedener Herkunft möglich ist, zeigen die Versuche von Kolle & Otto. Zu bemerken ist allerdings, daß ein absolut sicherer Schutz selbst mit großen Dosen nicht immer erzielt wird, da die individuellen Schwankungen der Tiere in ihrer Empfänglichkeit gegenüber der Pestinfektion auch bei den Ratten noch ziemlich groß sind. *) Serum in abgestuften Mengen subkutan oder intraperitoneal, Infektion 24 Stunden später mit infizierter Hohlnadel durch Stich in die Schwanzwurzel. **) Infektion mit infizierter Hohlnadel. 16 Stunden darauf Serum in fallenden Dosen subkutan. ***) Klinisches Jahrbuch, 1902. Die Wertbemessung der Schutz- und Heilsera. 1217 4. Wertbemessung des Geflügelcholeraserums. Zur Wertbemessung eignen sich einerseits Kaninchen, Mäuse usw., sowie andererseits — wenn auch wohl weniger — Hühner, Enten und Tauben. Um stets eine genau dosierte Infektionsmenge zu haben, empfiehlt sich gegenüber der Infektion durch Fütterung, die durch Injektion bestimmter Mengen lebender Kultur. Das von den Höchster Farbwerken unter der Bezeichnung Gallo- serin in den Handel gebrachte Serum wird im Vergleich zu einem Standardserum im Frankfurter Institut in der Weise geprüft, daß weißen Mäusen fallende Dosen Serum (0,005—0,0075—0,05—0,015 — 0,02 — 0,03) subkutan injiziert werden, und die Tiere 24 Stunden später (zusammen mit 2 Kontrollen) durch i/joo ccm einer virulenten Hühnercholerakultur intraperitoneal infiziert werden. Die Beobachtungsdauer beträgt 10 Tage. 5. Die Wertbemessung des Antistreptokokkenserums. Die Wertprüfung dieses Serums ist verschieden je nach der Art der Darstellung. Das von Menzer sowie von Moser mit möglichst vielen, direkt vom Menschen stammenden Originalstämmen ohne Tier- passage hergestellte Streptokokkenserum kann am Tier überhaupt nicht geprüft werden. Vor dem Gebrauch findet eine Prüfung beim Menschen am Krankenbett statt. Als Normalserum wird von Menzer ein Serum bezeichnet, das in der Menge von 1 ccm bei chronischen Streptokokkeninfektionen eine sichtbare lokale und allgemeine Reak- tion hervorzurufen imstande ist. Die anderen Streptokokkensera werden an weißen Mäusen ge- prüft. Es sind dies das Höchster Serum (nach Meyer-Ruppel) und das ScHERiNosche Serum (nach Aronson), welch letzteres der (provisorischen) staatlichen Kontrolle unterstellt ist. Meyer und Ruppel, die das Serum nach erzeugter Grundimmunität mit Passagestämmen lediglich mit virulenten, vom Menschen stammen- den Originalstämmen herstellen, verlangen vom Streptokokkenserum, daß es hochwertig und polyvalent sei. Demgemäß erstreckt sich ihre Prüfung auf eine Schutzwertbestimmung 1) gegen die Passagestämme, welche dem Pferde die Grundimmunität verliehen haben ; 2) gegen die zur Immunisierung gebrauchten menschlichen Originalstämme und 3) gegen andere, beim Immunisierungsakt nicht verwendete fremde Streptokokkenstämme. Die Seruminjektion geschieht präventiv sub- kutan, die Infektion intraperitoneal. Versuchstiere sind weiße Mäuse. Das Höchster Serum enthält 20 — 40 I.E. in 1 ccm. Es vermag also in der Verdünnung 1:2000 bis 1:4000 eine Maus vor der folgenden Infektion mit der 10- bis 100-fach tödlichen Kulturdosis zu schützen. Anders verfährt Neufeld, der den Mäusen gleichbleibende Serum- mengen und 24 Stunden später abgestufte Kulturmengen (0,00001 bis 0,1 ccm) gibt. Aronson prüft die Wertigkeit des Streptokokkenserums mittels eines für Mäuse hochvirulent gemachten Stammes. Als Normalserura bezeichnet er ein Serum, von dem 0,01 ccm eine Maus gegen die 10- bis 100-fach tödliche Dosis schützt. 1 ccm dieses Serums enthält 1 I.E. Aronson verwendete zur Immunisierung der Pferde durch Tierpassagen hochvirulent gemachte Steptokokkenkulturen und außer- dem direkt vom Menschen stammende, gleichzeitig (ohne Tierpassage) Handbuch der pathogenen Mikroorganismen. 2. Aufl. II. 77 1218 ^- Otto und K. E. Boehncke, für Tiere virulente Stämme, so daß demnach beide wirksamen Quoten im Tierversuch zur Bewertung gelangen könnten. Er prüft sein Serum an weißen Mäusen, denen da^ Serum in fallenden Dosen subkutan und 24 Stunden später die 10- bis 100-fache sicher letale Dosis intraperi- toneal gegeben wird. Unter Zugrundelegung dieser Methode geschieht die amtliche Wertbemessung, wobei als Maßstab ein Standardserum mit dem konventionell angenommenen Titer von 20 I.E. dient, und zwar in folgender Weise : Zur Wertprüfung werden 4 Parallelreihen mit fallenden Dosen Serum von 1:500 bis 1:6000 (subkutan injiziert) angesetzt. Reihe 1 + 3 werden vorbehandelt mit dem Standardserum, Reihe 2 -h 4 mit dem zu prüfenden Serum. 24 Stunden später wird in den ersten beiden Parallelreihen (1 + 2) die Infektion mit ^/iooooo> iii ^en beiden anderen IJeihen mit ^/loooo ccm intraperitoneal vorgenommen, und zwar von einer Kultur, die noch in der Verdünnung 1:1000000 weiße Mäuse akut innerhalb 24 — 48 Stunden tötet. Die Ausführung von zwei Doppelreihen ist einmal nötig, weil sich gezeigt hat, daß die Wirkung der Streptokokkensera bei der Anwendung verschieden starker Infektionen oft eine verschiedene ist, und daher sich eine ge- naue Wertbemessung meist nur bei einer bestimmten Infektionsdosis ausführen läßt, und andererseits, weil die Kulturen häufig starke Virulenzschwankungen aufweisen. Wie die nunmehr zahlreich ausgeführten Prüfungsversuche er- geben haben, läßt sich nach der von Aronson ausgearbeiteten Methode in der Tat die Wertbemessung eines xA.ntistreptokokkenserums mit genügender Genauigkeit durchführen. Zur Wertbestimmung des im Wiener K. K. serotherapeutischen Instituts erzeugten Streptokokkenserums bedient man sich ebenfalls der AßONSONSchen Prüfungsmethode (Sch woner). Ganz neuerdings veröffentlicht Spiess Untersuchungen von Ruppel über die Prüfung des Antistreptokokkenserums gegen einen bestimmten Stamm. Zur Feststellung, ob das Antistreptokokkenserum Höchst gegen die von Anginen herstammenden Streptokokken wirksam sei, wurden Reinkulturen davon gewonnen. Dabei zeigten sich hauptsächlich 2 Typen, und zwar 1) meistens kettenbildende Streptokokken und 2) seltener Streptokokken von der Klasse des Streptococcus viridans. Während die ersteren für weiße Mäuse wechselnde, meist geringe (1 : 10 bis 1 : 100) Virulenzgrade zeigen, haben die Stämme des Streptococcus viridans gar keine oder nur ganz geringe Tierpathogenität. Beim Titrieren des Höchster Streptokokkenserums gegen die Stämme der 1. Kategorie zeigte es sich meist wirksam, allerdings waren zur Xeu- tralisierung der zehnfachen tödlichen Dosis der verschiedenen Kulturen oft sehr wechselnde Mengen des Antistreptokokkenserums nötig. So zeigte sich beispielsweise Vöqo ccm des Serums hinreichend, um einen Streptokokkenstamm mit Virulenz 1 : 1000 in zehnfach tödlicher Dosis zu neutralisieren, während bei einem andern, weit weniger virulenten Stamm (Pathogenität nur 1 : 10) hierzu ^;\q ccm desselben Antistrepto- kokkenserums erforderlich war. Ganz wirkungslos zeigte es sich gegen die (tierpathogenen) Anginastämme der 2. Kategorie, weshalb zur Erzeugung eines besonderen Viridans-Serums geschritten wurde, das sich gegen die wenigen mit Tierpathogenität behafteten Kulturen des Die Wertbemessung der Schutz- und Heilsera. 1219 Streptococcus viridans im Prüfungsversuch an weißen MäTusen hoch- wirksam erwies. 6. Die Wertbemessung des Pneumokokkenserums. Die Möglichkeit einer exakten AVertbemessung hat beim Pneumo- kokkenserum in den letzten Jahren erhöhte Bedeutung gewonnen, nachdem es aus dem Rahmen eines der äi'ztlichen Allgemeinheit ferner- stehenden Mittels in der Ophthalmologie zur Behandlung des Ulcus serpens (Römer) herausgetreten und nach den Berichten zahlreicher Autoren (Crux, Knauth, Lindenstein, Monti, Winkelmann u. a.) mit Erfolg bei der Pneumonie angewendet ist. Vielleicht ist zu er- hoffen, daß die Ergebnisse der Serumbehandlung noch bessere werden, wenn an Stelle der Subkutanapplikation kleiner Mengen nach dem Vorschlag von Neufeld & Händel in Zukunft die intravenöse An- wendung des Pneumokokkenserums in größeren Dosen (Beltz, Ge- rönne, Weitz) getreten ist. Die ersten von Emmerich sowie von Mennes hergestellten Prä- parate wurden in ihrer Wirksamkeit nur gegen den Stamm, der zur Vorbehandlung der serumliefernden Tiere benutzt Avar, geprüft. Ein polyvalentes Serum stellt das auf Römers Veranlassung von Land- mann in der chemischen Fabrik von E. Merck -Darmstadt hergestellte Pneumokokkenserum dar. Anfangs bestand dasselbe aus einem Ge- misch von Pferde-, Rinder- und Schafserum, das aber zunächst im Tierversuch nicht prüfbar war. Als dann zur Immunisierung eine Reihe hochvirulenter Pneumokokkenstämme benutzt wurde, war es zuweilen möglich, die Wirksamkeit des Serums auch im Mäuse- versuch nachzuweisen. Doch erst nach längeren Versuchen mit be- sonders sorgfältig ausgewählten, auf geeigneten Nährsubstraten ge- züchteten Pneumokokkenstämmen und forcierter Immunisierung der Pferde gelang es Landmann ein höherwertiges Serum zu erreichen, mit dem er bei der Prüfung regelmäßig glatte Versuchsreihen er- hielt. Nachdem es so möglich geworden war, den Wirkungswert ziffernmäßig auszudrücken, wurde das MERCKSche Pneumokokken- serum der (provisorischen) staatlichen Prüfung (im Kgl. Institut für experimentelle Therapie in Frankfurt a. M.) unterstellt. Land- mann bezeichnete ein Serum, von dem 0,01 ccm eine Maus gegen die 24 Stunden danach injizierte 10 — 100-fache tödliche Dosis lebender Kultur schützt, als ein einfaches oder normales Serum, welches in 1 ccm 1 I.E. enthält. Die Prüfung geschah unter Zugrundelegung eines Standardserums an weißen Mäusen, denen das Serum in fal- lenden Mengen (1 : 500—1 : 600) subkutan und die Prüfungskultur 24 Stunden später intraperitoneal in der 10-fach, 100-fach und 1000- tach tödlichen Dosis (Prüfungsreihe I — III) injiziert wurde. [Da es sich in praxi äußerst schwierig erwies, die Prüfungskultur in einer bestimmten unveränderlichen Virulenz zu erhalten, so hörte die staatliche Kontrolle des MERCKSchen Pneumokokkenserums bald wieder auf.] Bei der jetzt geübten Prüfung des MERCKSchen Pneumo- I kokkenserums wird nach einer Mitteilung Landmanns zunächst in einem Vorversuch (s. Tabelle 1) die einfach tödliche Dosis der Prü- , fungskultur bestimmt. Das zu prüfende Serum wird subkutan in fallenden Mengen (s. Tabelle 2) jedesmal 5 Mäusen einverleibt, um etwaige Unregelmäßigkeiten völlig zu vermeiden. Die Kultur wird 77* 1220 R. Otto und K. E. Boehncke, 24 Stunden danach in der 1000-fach tödlichen Dosis einverleibt. Je 3 Kontrollraäusen wird Kultur allein in der einfach bis 100-fach tödlichen Dosis intraperitoneal einverleibt, der die Tiere in 24 bzw. 48 Stunden erliegen müssen (Tabelle 3). Tabelle 1. Bestimmung der Dosis letalis minima. Verdünnungsgrade der Kultur Resul- tat 3e 0,00 0.00 0,00 03 03 03 + + 4© 0.00 0,00 0,00 00 00 00 3 3 3 + + + 5 ! 0.00 0,00 0,00 00 00 00 03 03 03 + + 60 0.00 0,00 0,00 00 00 00 00 00 00 3 3 3 + + 70 0,00 0,00 0,00 00 00 00 00 00 00 03 03 03 + + + 8 0,00 0,00 0,00 00 00 00 00 00 00 00 00 00 3 3 3 + 90 0,00 0,00 0,00 00 00 00 00 00 00 00 00 00 03 03 03 — Tabelle 2. Serum-Titrierung. Serum- 1 Pneumo- Pneumo- Pneumo- Kultur kokkenserum kokkenserum kokkenseruiB menge I 1 11 III 20-fach 0,0005 0,00 00 3 0,0005 0,00 00 3 — — — 0,0005 0,00 00 3 + — — 0,0005 0,00 00 3 — _ — 0,0005 0,00 00 3 — — — 30-fach 0,00033 o,ou 00 3 — — + 0,00033 0,00 00 3 + — + 0,00033 0,00 00 3 — — 0,00033 0,00 00 3 + — ■ + 0,00033 0,00 00 3 — — • + 40-fach 0,00025 0,00 00 3 — — + 0,00025 0,00 00. 3 + + + 0,00025 0,00 00 3 + + + 0,00025 0,00 00 3 + + + 0,00025 0,00 00 3 + + + Es ist also: Pneumokokkensenim I knapp 30-fach II 30-facli in 20-fach Die Wertbemessung der Schutz- und Heilsera. 1221 Tabelle 3. Kontrollen. 5e 0,00 00 03 + 0,00 00 03 + 0,00 00 03 + 66 0,00 00 00 3 + 0,00 00 00 3 + 0,00 00 00 3 + 70 0,00 00 00 03 + 0,00 00 00 03 — 0,00 00 00 03 + Zur Prüfung des in den Höchster Farbwerken dargestellten Pneumokokkenserums dient nach einer Mitteilung Euppels folgendes Verfahren : Zur Einstellung der Prüfungskultur werden von 24-stün- digen Serumbouillonkulturen Verdünnungen folgenden Grades her- gestellt: 1:5 — 1:50—1:125 — 1:250—1:500—1:5000. Von jeder dieser Verdünnungen erhält eine weiße Maus von 15 — 20 g Körper- gewicht 0,5 ccm intraperitoneal injiziert. Die Mäuse bleiben 5 Tage in Beobachtung. Die in dieser Zeit eingehenden Mäuse werden noch als positiv gerechnet. Die Serumeinstellung erfolgt einmal gegen konstante Kulturmengen. Dazu erhält eine Reihe weißer Mäuse sub- kutane Injektionen von je 1 ccm der Serumverdünnungen : 1 : 10, 1:100, 1:2.50, 1:500, 1:1000, 1:2000-. Die Infektion der vorbe- handelten Mäuse erfolgt 24 Stunden später durch intraperitoneale Injektion mit der 10-fachen, aus dem Vorversuch ermittelten tödlichen Dosis für eine Maus. Außerdem wird das Pneumokokkenserum Höchst aucli gegen wechselnde Kulturmengen eingestellt. Dazu erhalten 6 Mäuse subkutan je 1 ccm einer Serumverdünnung 1 : 10. Nach 21 Stunden wird intraperitoneal 0,5 ccm von den Kulturverdünnungen 1:10, 1:100, 1:125, 1:250, 1:500, 1:5000 einverleibt. Ebenfalls an weißen Mäusen, jedoch nach einer anderen Methode, geschieht die Wertbemessung des nach den Angaben von Neufeld & Händel im Sächsischen Serumwerk hergestellten Pneumokokken- serums. Die Autoren legten besonderes Gewicht auf eine Konstant- erhaltung der Virulenz der Prüfungskultur. Dazu benützten sie von menschlichen Erkrankungen stammende, für Kaninchen und besonders weiße Mäuse sehr virulente Pneumokokkenstämme. Zur Virulenz- erhaltung dienen Organstücke von Tieren, die an PneumoTiokken- infektionen eingegangen sind, wozu die Organstücke in dicker Schicht im Exsikkator getrocknet aufbewahrt werden (Heim, Neufeld). Da- durch gelingt eine äußerst zuverlässige Virulenzerhaltung der zur Prüfung verwendeten Kultur für viele Monate, ja über 1 Jahr. Zum Prüfungsversuch wird dann das getrocknete Material, angefeuchtet mit einer ganz geringen Menge Bouillon (0,25 ccm), im Achatmörser fein zerrieben und einer Maus (oder einem Kaninchen) injiziert. Die mit dem Herzblut erzielte Bouillonkultur (10-proz. Serumbouillon) zeigt genau dieselbe Virulenz wie die Ursprungskultur. Bei der Prü- fung, die unter Verwendung eines Standardserums von bekanntem Wertgehalt und möglichst mit doppelten Tierreihen geschehen soll, werden gleichbleibende Mengen des Serums gegen steigende Kultur- mengen angesetzt. Die Applikation beider Komponenten geschieht am besten intraperitoneal. (Fast ebenso gute Resultate ergaben sich, wenn das Serum subkutan und 24 Stunden später die Kulturdosis 1222 K. Otto und K. E. Boehncke, intraperitoneal einverleibt wird.) Im einzelnen gestaltet sich die Prü- fung folgendermaßen : Zunächst wird der sog. Schwellenwert des Serums festgestellt. Es liegen nämlich nach den Untersuchungen von Neüfeld & Häxdel, sowie denjenigen von Ungermann & Kandiba bei den Pneumokokken (Streptokokken und Rotlaufbacillen) eigen- artige quantitative Bedingungen vor, insofern als bei einem bestimm- ten Verhältnis der Serummenge zum Körpergewicht die Wirkung der Sera sehr bald einen gewissen Höhepunkt erreicht. Oberhalb dieses schützt das Serum auch gegen sehr große Multipla der einfach tödlichen Dosis, während unterhalb desselben bei Verringerung der Serummenge die Schutzwirkung schnell absinkt und bald fast völlig erlischt. Es wird demgemäß mit einer höheren Serumdosis, z. B. 0,2 ccm gegen eine größere Kulturdosis geprüft. Die Kultur ist eine in oben geschilderter Weise mit Pneumokokkenherzblut geimpfte 24-stündige 10-proz. Rinderserumbouillonkultur. Gegen fallende Mengen dieser Kultur, von der 0,000001 ccm intraperitoneal injiziert, inner- Tabelle über Versuch 1—3 (nach Neufeld & Händel). V^ ersuch Serumdosen Pneumokokken -BouiUonkuItur - 0,2 0,1 0,01 0,001 0,0001 1 0,05 Pferd R I ++ 00 00 00 2 Tiere für jede 0,02 — +-+- 00 00 00 Dosis 0,01 — + + 00 00 00 0,05 Pferd R II — 00 00 00 00 0,02 ++ 00 00 00 0,01 ++ 00 00 00 2 0,03 Pferd R I — ++ 00 00 00 0,01 — -f+ 00 00 00 0,003 — + + 0+ 00 00 0,03 Pferd R III + + 00 00 00 0,01 — ++ 00 00 00 0,003 — -f+ -f+ 00 00 3 0,2 Pferd R II — — 1 Tier für jede 0,05 — Dosis 0,02 . — 0,01 — + 0,2 Esel I . 0,05 — + + 0,02 „ — + + + 0,01 „ — + -f + 0,2 Pferd S + — 0,05 — + 0.02 — + -t- + 0,01 — + + -f Kontrollmäuse in allen 3 Versuchen mit 0.000001 +. + =- innerhalb 48 Stunden gestorben. = nach 48 Stunden üb^iebend. halb 24 — 48 Stunden sicher Mäuse von 20 g tötet, wird je 0,2 ccm des zu prüfenden Serums im Tierversuch verwendet. Dazu erhalten 4 w'eiße Mäuse von 20 g je 0,2 des Serums intraperitoneal. Nach 2 — 3 Stunden erfolgt ebenfalls intraperitoneal die Infektion der Tiere mit 0,1, 0,01, 0,001 und 0,0001 der Prüfungskultur, die mit Bouillon ad 0,2 aufgefüllt wird. Zur Kontrolle werden 3 nicht mit Serum be- Die Wertbemessung der Schutz- und Heilsera. 1223 handelte Tiere mit 0,0001, 0,00001 und 0,000001 Kultur ebenfalls intraperitoneal infiziert. Die Kontrollen müssen innerhalb 48 Stunden eingehen; das Serum muß mit 0,2 gegen 0,01 bis 0,1 ccm Kultur schützen. Zur größeren Sicherheit werden die Serumreihen doppelt angesetzt. Schützt nun ein Serum nach 48 Stunden (Abschlußzeit der Prüfung) gegen 0,01 — 0,1 Kulturdosis, so soll dasselbe auch in geringeren Dosen, z. B. 0,05 und 0,02 geprüft werden. Doch warnen die Autoren davor, allzuweit in den Serumdosen herunterzugehen, weil die Prüfungsreihen dann trotz kleinster konstanter Kulturdosis ganz unregelmäßig werden, was sie damit erklären, daß für das Pneumokokkenserum das Gesetz der Multipla keine Anwendung findet. Ihr Prinzip ist dabei, das Serum nicht gegen kleine, sondern gegen große und mittlere Infektionsdosen zu prüfen, wie das vorstehende Prüfungsprotokoll von Neufeld & Händel zeigt (Abschluß nach 48 Stunden). Schließlich muß hier noch auf die beim Pneumokokkenserum speziell von Neufeld und seinen Mitarbeitern geklärte Polyvalenz eingegangen werden. Sie konnten nämlich nachweisen, daß im Gegen- satz zu der bisherigen Annahme man von einem Haupttj^pus der Pneumokokken sprechen kann und daß von diesem abweichende aty- pische Stämme vorkommen, gegen die das mit dem gewöhnlichen Pneumococcus hergestellte Serum nicht schützt. Solche Stämme von abweichendem Typus dürften nach den Untersuchungen Neufelds und seiner Mitarbeiter nicht allzuhäufig vorkommen, doch konnten sie trotz eines nicht sehr großen Untersuchungsmaterials bisher drei Typen finden, deren Antikörper untereinander verschieden waren. Ein Heilerfolg ist nach ihren Untersuchungen nur da möglich, wo die Krankheit durch einen Pneumococcus desselben Typus bedingt ist, wie diejenigen Stämme, die zur Serumgewinnung benutzt wurden. 7. Die Wertbemessung des Kälberr uhrserums. Jensex hat vorgeschlagen, die Bestimmung des Agglutinations- titers und Ambozeptorgehalts zur Wertprüfung zu benutzen, da es bisher noch nicht gelungen sei, im Laboratorium den Wert des Coli- serums zu messen. Nach Grosso kann die Agglutinationsprüfung keine besonderen Dienste leisten, weil manche Sera (besonders Para- colisera), die nicht schützen, trotzdem ein sehr starkes Agglutinations- vermögen besitzen können. Andererseits gibt es Sera, die nicht agglu- tinierend wirken und dennoch Schutzkraft haben (s. allg. Teil). Da ferner Grosso zeigte, daß die Aggressivität der Colistämme erhöht und auf einem gewissen, für die Titrierung des Serums völlig hin- reichenden Stand gehalten werden kann und bei Verwendung der intra- peritonealen Impfung stets gleichmäßige Reihen an Meerschweinchen sich ergaben, so schlägt dieser Autor vor, das Kälberruhrserum am besten durch den Meerschweinchenversuch zu prüfen. Auch .Joest hatte eine Schutzwirkung des Serums im Serum-Kulturmischungs- versuch am Meerschweinchen feststellen können. Zur Infizierung der Meerschweinchen wird eine prompt tödliche Dosis, je nach dem Typus i/^q — ^/ö Oese einer 24-stündigen Agar- kultur genommen. Das Serum wird zur Prüfung des Schutzeffekts entweder vorher (3 — 5 Stunden) oder gleichzeitig mit der Kultur einverleibt. Es gelingt auch noch eine Stunde nach der Infektion, 1224 E. Otto und K. E. Boehncke, das Meerschweinchen durch Serum zu retten, so daß dem Serum also auch kurative Fähigkeiten innewohnen. Vers 11 chsbeispiele. Gewicht des Meer- schweinchens Injekt.-Dosis des Semms Kulturdosis Ausgang 200 g 0,1 (3V„ Std. vor der Kultur) 7- Oese lebt 200 „ 0,05 (dgl.) dgl. » 290 „ — tl 220 „ 0,1 (2 Std. nach der Kultur) tl 260 ,. 0,1 (dgl.) tl 260 „ 0,1 (1 Std. nach der Kultur) lebt 220 ,. 0,1 (gleichzeitig) ?? 260 „ 0,1 (dgl.) •? 200 „ 0,1 Normalserum gleichzeitig „ + 1 240,, — — tl b) Sera, deren Wirkung keine rein antiinfektiöse ist oder deren „Wertbemessung gegen eine Infektion mit lebenden Erregern" nicht durchführbar ist. 1. Die Wertbemessung des Dysenterieserums. Daß dem Dysenterieserum nicht nur Schutzwirkung gegenüber der Bulirinfektion, sondern auch eine ausgesprochene Heilwirkung bei Dysenterieerkrankungen innewohnt, dürfte nach den neueren kli- nischen Arbeiten einem Zweifel nicht mehr begegnen. Damit ist die Schaffung einer möglichst einfachen und zuverlässigen Wertbestim- mungsmethode für die Praxis ein dringendes Erfordernis geworden. Für die Erreichung eines therapeutischen Effekts dürfte in erster Linie der Antitoxingehalt des Serums von Bedeutung sein, die anti- infektiösen Eigenschaften dagegen weit weniger von Belang sein. Zur Feststellung des Gehalts an wirksamen Immunkörpern sind einmal lebende Kulturen und dann besonders und vorteilhaft (auf ver- schiedenste Weise hergestellte) Dysenterietoxine benutzt. Als Versuchs- tiere dienten hierbei Meerschweinchen, Kaninchen und weiße Mäuse. Keaus & DoERR sowie Kolle, Heller und de Mestral betonen, daß das Meerschweinchen für das Studium des Dysenteriegiftes ganz un- geeignet ist. Aber auch die kombinierte Anwendung von Dysenterie- extrakten und lebenden Dysenteriebakterien (Pane & Lotti) scheint nur in ganz inkonstanter, unbeeinflußbarer Weise zum Tod der Meer- schweinchen unter Bakterienvermehrung zu führen, weshalb Meer- schweinchen als Versuchstiere abzulehnen sind (Kolle, Heller & DE Mestral). Weit mehr geeignet erscheinen Kaninchen, wenn auch die genannten Autoren öfters eine sehr ungleichmäßige Empfänglich- keit dieser Tiere gegenüber der Dysenterie-Intoxikation zu beobachten Gelegenheit hatten. Dopteh & Vaillard versuchten die antiinfektiöse Kraft ihres Serums in der Weise zu bestimmen, daß sie die Schutz- wirkung des subkutan injizierten Serums gegenüber der subkutanen Einverleibung lebender Dysenteriekultur an Kaninchen von 2000 g Gewicht ermittelten. Moses prüft den antitoxischen Wert seiner Sera am Kaninchen gegenüber der vierfach tödlichen Dosis Toxin (0,2). Die Neutralisierung dieser Dosis gelang im besten Falle noch mit 0,001 antitoxischem Serum. Rein bacilläres Euhrserum zeigte nur Die Wertbemessung der Schutz- und Heilsera. 1225 minimalen Schutzwert. Bei kombinierter Immunisierung (Toxin -{- Bacillen) erreichte er ein Serum, das noch in einer Dosis von 0,005 schützte. ScHOTTELius nimmt die Prüfung ebenfalls an Kaninchen vor. Er benutzt dazu die EnRLicHsche Gift-Serummischungsmethode und injiziert die in vitro hergestellten Gemische intravenös. Ganz besonders Kraus & Doerr bevorzugen das Kaninchen zur Wertbe- messung ihres antitoxischen Ruhrserums und bezeichnen es für diesen Zweck als Versuchstier kat' exochen. Sie verleiben Toxin und Antitoxin gleichzeitig aber getrennt ein. Das Wcährend der einzelnen Phasen des Immunisierungsaktes von den Versuchstieren (zuerst Ziegen, später lediglich Pferde) entnommene Serum wird von Kraus & Doerr in dreifacher Beziehung gewertet. Einmal bestimmen die Autoren nach Ehrlich durch den Mischungsversuch das Neutralisationsvermögen in vitro. Zwecks vollständiger Bindung wird dabei das Toxin-Anti- toxingemenge nach Durchschütteln 15 Minuten bei Zimmertemperatur sich selbst überlassen und erst dann Kaninchen intravenös injiziert. Weiter wird das Neutralisationsvermögen im Organismus festgestellt, indem Toxin und Antitoxin gleichzeitig, aber getrennt (je in eine Ohrvene des Kaninchens) einverleibt wird. Endlich wird der kura- tive Effekt geprüft, indem das Serum kürzere oder längere Zeit nach Injektion des Toxins beigebracht wird, da nach den Untersuchungen von Kraus & Doerr beim Dysenterieantitoxin der präventive vom kurativen Wert unabhängig sein soll, so daß Heilwirkung und Immuni- sationsvermögen nicht in der engen Beziehung zueinander stehen, wie dies beim Diphtherieserum*) nach der überwiegenden Meinung der Autoren entgegen der Ansicht von Kraus & Schwoxer der Fall ist. Unter diesen Umständen wird man vielleicht Rosexthal, der die Bestimmung des bloßen Neutralisationsvermögens zur Be- wertung des Dysenterieserums für genügend hält, nicht beipflichten können, sondern nach der Forderung von Kraus & Doerr wenigstens für das in der humanen Therapie verwendete Serum besser in jedem Fall auch den Heilwert bestimmen. So w-erden im staatlichen Wiener Seruminstitut zur therapeutischen Verwendung nur Dysenteriesera zu- gelassen, welche in Dosen von 0,1 ccm Kaninchen von 1000 g bei getrennter, intravenöser Applikation gegen die einfach letale Gift- dosis zu schützen vermögen. Folgendes Versuch.sbeispiel mag das vorher Gesagte illustrieren (Doerr): Vor Beginn der Immunisierung ist das Pferdeserum unwirksam: 0,5 ccm Serum -f 0,1 ccm Toxin (1 Std. bei 37") in vitro: Kaninchen f 1. Nach erfolgter Immunisierung neutralisiert in vitro 0,001 Serum die Dosis letalis beim 1. Aderlaß: 0,5 Serum + 0,1 Toxin in vitro gemischt, sofort intravenös: Kan. davon 0.1 „ +0,1 „ „ „ „ „ „ dgl. 0.01 „ +0,1 „ „ „ 0,005 „ +0,1 „ „ „ 0,001 „ +0,1 „ „ „ Dagegen kein Effekt bei gleichzeitiger, aber getrennter Injektion: 1,0 Serum +0,1 Toxin, intravenös gleichzeitig getrennt: t3 0,5 „ + 0,1 „ „ „ „13 ') Siehe auch oben S. 1186—1189. 1226 R- Otto und K. E. Boehncke, Ebenso kein kurativer Effekt: 0,1 Toxin, nach 15 Min. 0,5 Serum: Kan. t Paralyse 0,1 „ „ 30 „ 1,0 „ „ t 0,1 „ „ 30 „ 5,0 „ „ t Beim 3. Aderlaß : 0,5 Serum +0,1 Toxin, intravenös gleichzeitig, getrennt: Kan. davon "Jj-L ,, ~r U,l ,, ,, ,, ,, ,, ,, Beim 4. Aderlaß deutlicher kurativer Effekt: 0,2 Toxin, nach 15 Min. 2,0 Serum: Kan. davon 0,2 „ „ 30 „ 5,0 „ dgl. 0,2 „ „ 6 Std. 10,0 „ Die Behauptung von Kraus & Doerr, daß die neutralisierende, schützende und heilende Wirkung des Ruhrserums in keinen direkten Beziehungen stünden, vermochten Kolle, Hellrr & de Mestral in ihren Versuchen infolge der zutage getretenen übergroßen Empfäng- lichkeit der Kaninchen gegen große intravenöse Dysenterietoxingaben nicht zu bestätigen. Nur bei Anwendung des Mischungsversuchs in vitro erhielten die zuletzt genannten Autoren einigermaßen gleich- mäßige Resultate; weit regelmäßigere Ergebnisse dagegen erhielten sie mit ihren antitoxischen Seris an weißen Mäusen mit Hilfe der Mischungsmethode. Es gelang ihnen aber ferner mit Hilfe des Serums auch Mäuse, welche mit der 4-fach sicher tödlichen Dosis des Giftes intraperitoneal gespritzt waren, noch bis zu 6 Stunden nach der Gift- injektion am Leben zu erhalten, wenn das Serum die genügende/ Menge von Antitoxinen nach Maßgabe der Titrierung der Einheiten mittels 'der Giftserummischungsmethoden enthielt. Kolle, Heller & DE Mestral empfehlen daher, die Wertbestimmung des Dysenterie- serums in der Praxis nicht an Kaninchen, sondern an Mäusen vor- zunehmen. Das betreffende Gift (Bouillongift bzw. Waschwassergift bzw. Aggressingift) wird dazu in mindestens 4-fach tödlicher Dosis mit fallenden Mengen des Serums versetzt, 10 Minuten im Reagenz- glas bei Zimmertemperatur im Kontakt gelassen und intraperitoneal eingespritzt: 2 Mäuse je 0,5 ccm Toxin + je 0,05 ccm Serum : davon 2 „ „ 0,5 „ „ + „ 0,01 „ 2 „ „ 0,5 „ ,. + „ 0,005 „ 2 „ „ 0,5 „ „ + ., 0,003 „ 2 „ „ 0,5 „ „ + „ 0,001 „ 2 ,, ,, 0,5 „ „ + ,, 0,0005,, „ eine davon, die andere 1 5 Kontrollen mit Toxin + Norraalserum bzw. Toxin allein : f 1— f 3. Shiga bedient sich zur Wertprüfung seines multivalenten (durch kombinierte Immunisierung mit 5 Typen des Dysenteriebacillus ge- wonnenen) Ruhrserums folgender Methode : 5-fach tödliche Dosen der Dysenteriebacillenkulturen werden mit absteigenden Serummengen versetzt und dann Mäusen intraperitoneal injiziert. Die Dosis letalis minima für eine Maus von 12—14 g beträgt ca. 0,08 mg virulenter Dysenteriekultur. Die Erhaltung der Virulenz gelingt gut, wenn die frisch isolierte Stammkultur sofort im Eisschrank konserviert wird. Zum Gebrauch wird davon auf Agar übertragen. Von der 24-stün- digen Kultur wird mit einer genau gemessenen besonderen Platinöse Die Wertbemcssune: der Schutz- und Heilsera. 1227 eine bestimmte Menge herausgenommen und in einer bestimmten Menge Kochsalzlösung aufgeschwemmt, so daß in 1,0 ccm genau 2,U mg Kultur enthalten ist. Das Immunserum wird in folgenden Mengen in Eeagenzgläschen gefüllt: 0,.3, 0,2.5, 0,1, 0,025, 0,01 und 0,005 ccm. Alle Röhrchen werden mit physiologischer Kochsalz- lösung auf 1 ccm aufgefüllt. Dazu kommt je 1 ccm Bacillenemulsion. Je 2 (12 — 14 g schweren) weißen Mäusen wird von dieser Mischung 0,4 ccm intraperitoneal injiziert. Das Resultat wird nach 24 Stunden beurteilt (s. auch untenstehende Uebersicht). Dysenterieserum Physiol. Kochsalz- lösung Bacillen- emulsion Aus der Mischung wird inji- ziert In 0,4 der Mischung ist enthalten : Serum Bacillenmenge 2-facheVer-JJ'g««°^ dünnung (^'g^ ;' (1,0 „ 20-fache Ver- )0,5 „ dünnung j 0,25 „ 0,1 „ 0,5 0,75 0,5 0,75 0,9 l,0ccm = 2mg 1,0 1,0 1,0 1,0 1,0 1,0 0,4 0,4 0,4 0,4 0,4 0,4 0,4 0,1 0,05 0,025 0,01 0,005 0,0025 0,001 0,4 mg 0,4 0,4 0,4 0.4 0',4 0,4 Außer den Antitoxinen finden sich im Dysenterieserum auch Agglutinine, Bakteriotropine und Opsonine, sowie komplementbin- dende Substanzen, während das Vorhandensein von bakteriolytischen Immunkörpern bisher sicher wohl nur in vitro nachgewiesen werden konnte (Shiga, Kruse, Rittershaus, Kemp & Metz). Doch nehmen Kolle, Heller & de Mestral im Serum antiinfektiöse Stoffe an, als deren meßbaren Ausdruck sie den Gehalt an komplement- bindenden Substanzen ansehen. Die von zahlreichen Autoren im Dysenterieserum gefundenen Bakteriotropine zur Wertbemessung der- selben heranzuziehen, hat Auche vorgeschlagen. Jedoch bestreiten Bächer & Laub die Konstanz der bakteriotropen Wirkung und be- sonders das quantitative Ansteigen des Bakteriotropingehaltes wäh- rend des Immunisierungsaktes, so daß die Bestimmung des bakterio- tropen Titers wohl zur Ergänzung herangezogen werden, aber nicht als alleinige Wertbemessungsmethode dienen kann. 2. Die Wertbemessung des Typhusantitoxins. Von R. Kraus, von Meyer & Bergell sowie von Aronson sind aus Typhuskulturen lösliche, allerdings sehr labile Gifte dargestellt. Durch Vorbehandlung von Pferden und Ziegen mit diesen Toxinen wurde ein antitoxisches Serum hergestellt, das im Tierversuch schützende und heilende Eigenschaften gegenüber dem spezifischen Toxin zeigte. Aronson läßt das Toxin-Antitoxingemisch vor der Injektion mehrere Stunden im Brutschrank stehen, um die Bindung zu vervollständigen, oder er spritzt das Serum präventiv 24 Stunden vor der Toxingabe ein. v. Stenitzer erreichte bei Pferden und Ziegen antitoxisches Typhusserum, von dem 0,5 ccm die fi/g-fache Dosis^ letalis zu neutralisieren vermochte. Nach HoFF^[ANN' kommt dem Serum von Meyer & Bergell eine antitoxische AVirkung nicht zu, dagegen vermochte er reichlich bakteriotrope Substanzen und spärlicliere Bakteriolysine darin nachzuweisen. 1228 R- Otto und K. E. Boehncke, Besredka erzeugte am Pferd ein antiendotoxisches Serum, von dem 0.5 ccm 5, 1,0 ccm 10 und 2,0 ccm 12 tödliche Dosen Endotoxin beim Meerschweinchen zu neutralisieren vermochte. Er bestimmte auch den präventiven und kurativen Wert seines Serums, wobei es ihm gelang, durch Injektion größerer Serumdosen deutliche Heil- wirkung gegen die 2 Stunden vorher applizierte tödliche Endotoxin- dosis zu erreichen, Macfadyen bestimmte an seinem antiendotoxischen Serum gleich- falls den Neutralisationswert nach der Gift-Serummischungsmethode, sowie mit getrennter intravenöser Einverleibung von Endotoxin und Serum. Auch er vermochte mit seinem Serum Heilwirkung zu er- zielen. Nach Pfeiffer & Bessau beruht die Wirkung dieser Typhus- sera nicht auf dem Gehalt an echten Antitoxinen, da selbst mit den größten Serumdosen nicht eine völlige Entgiftung der Typhus- bacillen erfolgt und das Serum nicht dem Gesetz der Multipla folgt (s. 0. S. 1182). 3. Die W e r t b e m e s s u n g des C h o 1 e r a s e r u ra s. Nachdem noch vor wenigen Jahren das Choleraserum als ein rein bakterielles aufgefaßt wurde und seine Prüfung und Titerbestimmung mittels des bakteriziden modifizierten PFEiFFERSchen Versuchs ge- geschah, ist es inzwischen einwandfrei gelungen, aus flüssigen Cholerakulturen und nach Kraus bei toxigenen Stämmen auch aus Agarkulturen solcher toxinproduzierenden Stämme ein lösliches echtes Toxin darzustellen, mit dessen Hilfe durch Immunisierung von ge- eigneten Tieren (vorzugsweise Pferden, seltener den sonst gut ge- eigneten Eindern und Ziegen) die Herstellung eines mit antitoxischen Eigenschaften ausgestatteten Serums gelungen ist. Außerdem wirkt das Serum noch agglutinierend und präzipitierend. Die Bestimmung der antitoxischen Eigenschaften des Cholera- serums kann ausgeführt werden mit konstant bleibenden Serumdosen unter Variation des Toxinzusatzes oder unter Verwendung immer gleicher Toxinmengen mit fallenden Serumdosen. Die erstere, wenig empfehlenswerte Methode wurde angewandt von Metschnikoff, Roux & Salimbeni. Die Autoren bestimmten zunächst von ihrem Toxin die Dosis letalis minima. Steigende Mengen derselben mischten sie sodann mit einer gleichbleibenden Serummenge und spritzten diese Mischungen ihren Versuchstieren (Meerschweinchen) subkutan ein. Diese Versuche lieferten aber keine eindeutigen Resultate, da sich die antitoxische Kraft des Serums sehr variabel erwies. Infolge der relativen Schwäche des Toxins und Antitoxins sowie des Vor- handenseins gewisser toxischer Basen neben dem eigentlichen Toxin, die bei genügender Konzentration an sich schon ad mortem führen können, folgen die bei der Neutralisation des Toxins durch das Anti- toxin sich abspielenden Vorgänge nicht dem Gesetze der Multipla. So zeigt sich, daß 1/50 ccm eines Pferdeimmunserums in vitro bei- spielsweise zwei letale Dosen nach halbstündiger Bindung zu neu- tralisieren vermochte. Zur Neutralisierung von 3 Doses letales be- durfte es 1/20 ccm und für 4 Dosen zeigte sich schon 1 ccm Serum notwendig. Andererseits fand man, daß 1 ccm eines Choleraanti- toxins von einem Toxin mit der Dosis letalis von 1 ccm 4 Dosen, ferner bei einem Toxin mit der Dosis letalis von 0,5 ccm 5 — 6 Dosen,. Die Wertbemessung der Schutz- und Heilsera. 1229 aber nur 2 — 3 Dosen bei einem Toxin zu neutralisieren vermochte, dessen tödliche Dosis 2 ccm betrug. AVeit konstantere Ergebnisse erhielt Salimbeni, wenn er fallende Serummengen zur gleichen Toxindosis ganz bestimmter Stärke hinzu- fügte. Das Testgift gewann er durch Filtration aus 7-tägigcn flüssigen Kulturen. Dabei gelang es ohne Schwierigkeit, gleich- mäßig wirkende Toxine mittlerer Stärke zu gewinnen. Zur Ver- wendung gelangten solche, die bei subkutaner Einverleibung in Menge von 1,0 ccm Meerschweinchen von 250 g in 12 — 18 Stunden töten. Zu zwei tödlichen Toxindosen werden fallende Serumdosen hinzu- gefügt. Die Gift-Serumgemische bleiben 10 Alinuten lang in vitro der Bindung überlassen und werden dann Meerschweinchen subkutan injiziert. Zu jeder Versuchsreihe gehören 4 Tiere. 2 erhalten die Dosis letalis minima, die beiden anderen die doppelte Giftdosis -j- entsprechender Serumdosis. Entsprechend der Menge des zur Neu- tralisierung nötigen Serums bezeichnet Salimbeni die Aktivität des Choleraserums. Genügen beispielsweise 0,15 ccm Choleraantitoxins zur Xeutralisierung von zwei letalen Dosen Toxins bei obiger Ver- suchsanordnung (d. h. Dosis letalis für Meerschweinchen von 250 g 1 ccm). so hat das Serum eine Aktivität von 0,15. Carriere & ToMARKiN prüften bei ihren durch verschiedenartige Immunisierungsakte von verschiedenen Tieren gewonnenen Seris unter anderem das Neutralisationsvermögen gegenüber giftigen Schüttel- extrakten. Stets ließ sich ein Gehalt an antiendotoxischen Sub- stanzen im Serum nachweisen. Infolge der geringen Neutralisations- kraft der Sera und infolge der sehr verschiedenen Resistenz der Tiere gegenüber den Choleragiften ließ sich aber die Auswertung der anti- endotoxischen Fähigkeiten eines solchen Serums nur unter großen Schwierigkeiten erreichen. Für die bei der Neutralisation sich ab- spielenden Vorgänge zeigte sich das Gesetz der Multipla stets ohne Geltung. — Der ,, Heilwert" der Sera wurde auch gegenüber liebenden," intraperitoneal injizierten Vibrionen geprüft. 4. Die Wertbemessung des Meningokokkenserums. Während die therapeutische Wirksamkeit des Meningokokken- serums nach den ziemlich übereinstimmenden Berichten (neuerdings besonders Levy) der klinischen Beobachter außer Zweifel steht, herrscht über die Frage einer praktisch brauchbaren Wertbemessungs- methode des Serums unter den Autoren zurzeit noch keine Einig- keit. In der ersten Zeit, nachdem die Herstellung des Immanserums gelungen war, versuchte man seine antiinfektiöse Wirkung im Tier- versuch festzustellen und diese als Maßstab seiner Wertigkeit heran- zuziehen. Kolle & Wassermann konnten bei ihren gemeinschaftlichen Arbeiten nicht dazu gelangen, eine zuverlässige Prüfungsmethode an Tieren mittelst Infektion mit lebender Kultur zu erhalten und die entgegenstehenden Angaben Ruppels und Jochmanns zu be- stätigen. RuppELs Angaben, eine Wertigkeitsprüfung durch hoch- virulente, nach eigenem Verfahren gezüchtete Meningokokkenstämme an Mäusen ermöglicht zu haben, sind von keiner Seite bestätigt. Jochmann, der die Wirkung seines Serums an Mäusen und Meer- schweinchen prüft, gibt prophylaktisch subkutan oder intraperitoneal 1230 E. Otto und K. E. Boehxcke, 0,2 bzw. 0,1 Serum, die gegen die 4- bzw. 2-faclie, 24 Stunden später applizierte tödliche Kulturdosis schützen soll. In Ueberein- stimmung mit Kolle &, AVassermaxx konnten dagegen auch andere Autoren (Flexxer, Xeufeld, Kraus und Doerr) sich von der Brauch- barkeit des direkten Heilversuchs der Infektion am Tier zur Wert- bestimmung des Meningokokkenserums auf Grund ihrer Unter- suchungen nicht überzeugen und es sind daher verschiedene Ersatz- methoden zur Wertbemessung angegeben, von denen die- nachstehenden drei in der Hauptsache für die Praxis in Frage kommen dürften : 1) Die Prüfung des Serums auf seine giftneutralisierende Kraft ; 2) die Prüfung des Serums auf seinen Gehalt an komplement- bindenden Substanzen ; 3) die Prüfung des Serums auf seinen Gehalt an bakteriotropen Stoffen. AYie die Untersuchungen von Wassermax-x & Leuchs, Kraus & Doerr. Kraus & Bächer sowie von Dopter ergeben haben, läßt sich die giftneutralisierende Fähigkeit des Meningokokkenserums kon- staut und ziemlich sicher quantitativ nachweisen. Die Prüfung er- folgt im Tierversuch an Meerschweinchen von 150 g Gewicht (nach Kraus besser von 125 g) mit stets frisch hergestellten Giftlösungen, deren Dosis letalis 0,1 ccm beträgt. Diese toxischen Extrakte werden gewonnen durch Abschwemmen 24-stündiger Bakterienrasen Kolle- scher Schalen, die mit verschiedenen Meningokokkenstämmen beimpft sind, mit 5 ccm sterilen Aqu. dest. (Wassermanx & Leuchs) oder durch Abschwemmen 48-stündiger Kulturen mit 10 ccm i/^o Normal- sodalösung (Kraus & Bächer). Xach 4S-sttindigem Schütteln bei Zimmertemperatur und 0,5-proz. Phenolzusatz wird scharf zentrifugiert. Der klare, schwach gelbliche Abguß stellt dann eine stark toxische Flüssigkeit dar. Leider sind die Toxine sehr labil, die Toxizität der Flüssigkeit nimmt bereits spontan nach wenigen Tagen ab, noch mehr nach Karbolzusatz. Auch sind nicht alle Stämme in gleicher Weise zur Gewinnung eines wirksamen Toxins geeignet. Von einem solchen verlangt man, daß es in Mengen von 0.1, mindestens aber 0,3 ccm für Meerschweinchen von 150 g in 24 Stunden tödlich ist. Die Tiere erhalten je 0,1 ccm Toxin, gemischt mit steigenden Mengen anti- toxischen Serums in die Bauchhöhle injiziert. Es empfiehlt sich, das Gemenge vor der Injektion 1/2 Stunde der Bindung zu über- lassen. Wie Wassermanx & Leuchs in folgender Tabelle zeigen, gibt die Methode unter Umständen brauchbare Resultate. ^leerschweinchen a 150 g Toxin Immun- serum Normales Pferdesenim Impfart Eesiütat Nr. 1 0,1 1,0 intraperiton. lebt „ 2 0,1 0,5 — „ 3 0,1 0,3 — V 4 0,1 — 1,0 t nach 24 iStd „ 0,1 0,5 ?) t „ 24 ., „ 6 0,1 — 0.3 t M 24 „ „ 7 0.1 — — t „ 24 .. Bei diesem Verfahren sollen wirksame Sera in einer Menge von 0,5 die 2-fache tödliche Dosis neutralisieren. Kraus & Doerr (s. 0.) haben bei der präventiven Anwendung des Serums die schützenden Werte noch niedriger gefunden als bei dieser Methode. Krumbeix Die Wertbemessung der Schutz- und Heilsera. 1231 (t DiEHL lehnen die Prüfung gegen das Toxin beim Meerschweinchen wegen der starken Schwankungen in der Giftwirkung durchaus ab. Die zweite von Kolle & Wassermann angegebene Wertbestim- mungsart geschieht in vitro und benutzt zu diesem Behuf dieBoRDEx- GENGOusche Komplementbindungsmethode, und zwar in derWASSERMANN- BRUCKSchen Modifikation, wobei alsAntigen Bakterienextrakte (Gewin- nung s. 0.) statt Vollbakterien benutzt werden. Der möglichst multi- partial und in großen Mengen hergestellte Extrakt wird in dunklen Flaschen auf Eis aufgehoben. Zwecks Auswertung eines Heilserums werden dann in einer Versuchsreihe gleichbleibende Mengen des Ex- traktes, und zwar 0,1 ccm, mit fallenden Serummengen, umgekehrt gleiche Serummengen (0,1 ccm) mit fallenden Exfcraktmengen ver- setzt. Zur Kontrolle dient die gleiche Versuchsreihe mit normalem Pferdeserum. Als Endtiter gilt diejenige geringste Menge Serum oder Extrakt, welche noch völlige Hemmung der Hämolyse ergibt. Diese Methode wird im Berliner Institut für Infektionskrankheiten und im Berner Serum- und Impfinstitut angewendet, hier mit der Modifikation, daß als Antigen nicht Extrakt, sondern Bacillen- emulsion angewendet wird (Krumbein & Schatiloff). Da sich aber ergeben hat, daß die anfängliche Meinung der Autoren, mit ihrer Methode die bakteriolytischen Ambozeptoren messen zu können, auf einem Irrtum beruhte, wie dies auch von den Autoren selbst (Kolle) später mitgeteilt wurde, andererseits aber das komplementablenkende Vermögen der Sera auch nicht mit deren Gehalt an antitoxischen, agglutinierenden und bakteriotropen Substanzen sowie auch nicht mit deren Schutzwirkung im Infektionsversuch am Tier parallel geht, so sehen Neufeld sowie Bächer & Hachla die quantitative Fest- stellung der komplementbindenden Fähigkeit eines Serums für den Heilwert als nicht beweisender an wie die Bestimmung des Aggluti- nationstiters. Bei ihren Austitrierungsversuchen mehrerer poly- valenter Sera zeigte sich, daß die mit gleichen Kombinationen (Antigen und Serum) in wiederholten Versuchen erhaltenen absoluten Werte (Titer) keineswegs übereinstimmen ; ferner daß das relative Wert- verhältnis mehrerer Sera also auch einem Standardserum gegenüber selbst bei Anwendung des gleichen Antigens nicht das gleiche bleibt, sowie endlich, daß sich bei Verwendung verschiedener Antigene in den Wertbeziehungen der Sera eine völlige Inkonst^anz bemerkbar macht. AVegen dieser Unsicherheiten ist deshalb letzthin mehrfach empfohlen worden, außer der eben beschriebenen Komplement- bindungsmethode zur Wertbestimmung des Meningokokkenserums noch die von Neufeld angegebene Prüfung der bakteriotropen Substanzen des Serums mitheranzuziehen. Die Methode besteht darin, daß ab- gestufte Mengen des Immunserums im Reagenzglase mit Meningo- kokken und Leukocyten gemischt etwa l^/g Stunden bei 37 o gehalten werden und in den alsdann angefertigten Ausstrichpräparaten die unterste Serumverdünnung festgestellt wird, bei welcher noch eine spezifische Anregung der Phagocytose deutlich erkennbar ist. Be- züglich der speziellen Versuchstechnik sei noch bemerkt, daß die Leukocyten von mittelgroßen Meerschweinchen durch intraperitoneale Injektion von ca. 0,5 ccm mit Aleuronat versetzter Bouillon oder 10—20 ccm Bouillon-Kochsalzgemisch gewonnen werden nach gründ- licher Waschung mit physiologischer NaCl-Lösung. Die Leukocyten sind geeignet, wenn sie im ungefärbten Präparat in der Alehrzahl 1232 E. Otto und K. E. Boehncke, ganz feine filiforme Ausläufer oder auch plumpe Pseudopodien zeigen. Davon stellt man sich eine Aufschwemmung (nach Meyer im Aus- sehen einer 1/3-proz. Lecithiuaufschwemmung entsprechend) her, ebenso eine Bakterienaufschwemmuug, die man gewinnt durch Ab- schwemmen von ca. 20-stündigen Schrägagarkulturen mit je 1 com einer Mischung von gleichen Teilen Kochsalzlösung und Bouillon. Dann w^erden in kleine, etwa 5 cm lange und 12 mm weite Reagenz- gläschen abgemessene Mengen der Serumverdünnung gefüllt, wozu man diese zwischen 0,01 — 0,0002 abstuft, indem man von den Ver- dünnungen 1:10 und 1:100 je 0,1, 0,05 und 0,02 hinfüllt. Zur Kontrolle dienen Röhrcheu mit Kochsalzlösung und einer entsprechen- den Verdünnung Normalserum. In jedes Gläschen tropft man dann mit der Pipette je 1 Tropfen der Bakterienaufschwemmung und je 2 Tropfen Leukocyten. Nach 1^/2 Stunde bei 37 ^ haben sich die Leukocyten als fester Niederschlag am Boden des Röhrchens fest- gesetzt. Die überstehende Flüssigkeit wird abgegossen und mit der Platinösc Ausstrichpräparate gefertigt, die nach Fixierung mit Alkohol-Aether ää mit alter Mansonlösung oder Pyronin-Meth3igrün (Pappenheim) gefärbt werden. Geeignete Stämme düi'fen bei diesem Verfahren innerhalb der Versuchszeit von II/2— 2 Stunden keine er- hebliche Spontanphagocytose zeigen und sollen andererseits durch spezifisches Serum gut beeinflußt werden. Ferner dürfen sowohl die gefressenen wie auch die außerhalb der Zellen liegenden Kokken innerhalb der angegebenen Zeit keine stärkere Degeneration erleiden. Doch lassen sich diese Postulate nicht immer ganz erfüllen, da nicht alle Stämme sich infolge starker Spontanphagocytierbarkeit hierzu eignen und ebensowenig konstant überwiegend gut gefärbte Kokken geben. Jobling empfiehlt, um die Degeneration der von Leukocyten gefressenen Kokken zu vermindern, zunächst Serum und Kokken 1 Stunde bei 37 zu halten und dann nach Zusatz der Leukocyten Protokoll eines bakteriotropen Versuches. Lide. Nr. des Röhrchens Serumverdünnung Kokken- emulsion Leukocyten - emulsion jMikroskop. Resul- tat nach l'/j Std. 1 NaQ Kontrolle 1 Tropfen 2 Tropfen 2 0,01 (=0,1 7,0 ) ?! -f + + 3 0,005 (=0,057.0 ) + + + 4 ö 0,002 (=0,2 7,„J + + 5 ^' 0,001 (=0,1 7,„„) + + 6 N 0,0005 (=0,057,00) + bis + + 7 0,0002 (=0,2 7.„„J schwach -f 8 CO [0,0001 (=0,1 7,000) Normalserum 9 0,01 (=0,1 7.0 ) )) j? Es bedeutet: + + + sehr starke Phagocvtose, +-f starke Phagocytose, + deut- liche Phagocytose, keine Phagocytose. Anm. Es empfiehlt sich, stets mindestens je 2 Ausstriche aus jedem Röhrcheu zu machen, um so die Schätzungswerte am sichersten zu bestimmen. Auch scheint es für den Ausfall des Versuchs von Vorteil zu sein, die zur Gewinnung der Leuko- cyten und zur Verdünnung des Iramunserums benötigte physiologische Kochsalz- lösung bereits auf 37 " vorgewärmt zu benutzen und sie zur Vermeidung öfterer lästiger Gerinnuug bei der Ausspülung des Bauchhöhleninhalts zu \,p Proz. mit Natrium citricum zu versetzen (Boehncke). Die Wertbemessung der Schutz- und Heilsera. 1233 nur noch eine weitere halbe Stunde zu bebrüten. Eine zahlenmäßige Feststellung der Stärke der Phagocytose findet nicht statt. Brauch- bare Sera sollen nach Neufeld einen Titer von mindestens 1 : 1000 haben, also noch in dieser Verdünnung eine deutliche Vermehrung der Phagoc3^tose bewirken. Flexner hat, wie Jobling berichtet, die Wertbemessung des Meningokokkenserums nach dem Tropingehalt an- genommen, ebenso äußern sich Kraus & Bächer günstig über die- selbe und benutzen sie zur AVertbestimmung des im Wiener sero- therapeutischen Institut erzeugten Meningokokkenserums. Dabei hat Jobling auch Neufelds Wahrnehmung bestätigen können, daß die Tropine in karbolversetzten Seris sich recht lange haltbar erweisen und daß eine Konservierung des Serums sich in der einfachsten Weise durchführen läßt, was für die Frage der unveränderten Aufbewahrung eines Standardserums von größter Wichtigkeit ist, indem nämlich hochwertiges, in der üblichen Weise mit Karbol versetztes Serum in fest mit Gummistopfen verschlossenen Fläschchen im Eisschrank aufgehoben wird, wobei aber Neufeld die Frage offen läßt, ob sich die Anwendung der Trockenkonservierung nach Ehrlich nicht noch sicherer erweist. Bei der Bedeutung, die eine sichere Wertbemessungsniethode des Meningo- kokkenserums für die Praxis hat, sind vom Kgl. Preuß. Ministerium des Innern diesbezügliche Nachuntersuchungen angeordnet, die namentlich den Wert der Kompienientbindungs- und der Tropinmethode feststellen sollen, mit denen das Frankfurter Institut zurzeit beauftragt ist. 5. Die We r t b e m e s s u n g des M i 1 z b r a n d s e r u m s. Die Sonderstellung des Milzbrandbacillus unter den anderen Bakteriengruppen prägt sich auch aus bei dem durch Immunisierung mit ihm gewonnenen spezifischen Serum. Dies dokumentiert sich schon dadurch, daß bis jetzt von den zahlreichen zu eeiner Wert- bemessung angegebenen Methoden keine allgemein anerkannt ist, weil keine genau quantitative Werte ergibt. Die große Empfänglichkeit der kleinen sonst in der prüfungstechnischen Praxis mit Vorliebe verwendeten Laboratoriumstiere, wie Mäuse, Meerschweinchen, Ratten und Kaninchen für die Milzbrandinfektion erklärt die Schwierig- keiten, auf die eine exakte Wertbemessungsmethode, etwa nach Im- munitätseinheiten, beim Milzbrandserum stößt. Nach Sobernheim gelingt es am besten an Schafen eine exakte Wertbemessung des nach seinen Angaben von E. Merck bzw. Burow in Halle dargestellten Serums zu erzielen. Man begnügt sich daher mit Behelfsmethoden, die für praktische Zwecke noch genügend brauchbare Resultate er- geben. Das nach Sobernheims Angaben fabrizierte Milzbrandserum wird an Kaninchen ausgewertet, und zwar in der Weise, daß 5 Kaninchen mit Serumdosen von 2, 3, 4, 5 und 6 ccm intravenös gespritzt werden, worauf 5 — 10 Minuten später die Infektion mit ^/looo Oese einer virulenten Kultur subkutan erfolgt. Zur Kontrolle erhält ein 6. Ka- ninchen die gleiche Menge Kultur, jedoch ohne Vorbehandlung oder aber nach vorhergehender Injektion von 6 ccm eines normalen Serums vom Rind, Pferd oder Schaf. Wenn von den mit Milzbrandserum vorbehandelten Versuchstieren mindestens 2 — 3 die Infektion über- winden und die restierenden später eingehen als das Kontrolltier, Handbuch der pathogenen Mikroorganismen. 2. Aufl. II. 78 1234 E- Otto und K. E. Boehncke, SO wird das Serum als hochwertig genug angesehen, um für die Anwendung in der Praxis zugelassen zu werden. Sobern- HEiM bemerkt dabei ausdrücklich, daß die überlebenden Tiere nicht gerade diejenigen zu sein brauchen, welche die größten Serumdosen erhalten haben. Dies hat sich auch Burow gezeigt, dem sich diese Art der Prüfung trotzdem in Ermangelung einer exakter arbeitenden angeb- lich gut bewährt hat. Ferner ist diese Tatsache auch durch Schu- berts Versuche bestätigt, während Sclavo, dessen Serum in Italien viel Anwendung findet, angibt, daß bei dieser Versuchsanordnung völlig exakte Prüfungsergebnisse zu erwarten seien. Schubert hat mit der ScLAvoschen Versuchsanordnung an 6 Kaninchen (Serum 3mal je 2,0 ccm, 3mal je 5 ccm intravenös, Kultur 1,0 ccm 48-stündiger Bouillonkultur subkutan) keine regelmäßigen Resultate erzielt. Gleichfalls an Kaninchen nimmt Detre-Deutsch die Wertbestim- mung seines hauptsächlich für die Veterinärpraxis bestimmten Milz- brandserums vor. Er eruiert den Schutzwert des Serums durch intravenöse Serumapplikation mit 18 Stunden später erfolgender Sub- kutaninfektion mit virulenter Kultur. Ein ,,Xormalserum" vermag in der Dosis von 2,0 ccm ein 1500 g schweres Kaninchen gegen die Milzbrandinfektion zu schützen, während das Kontrolltier der In- fektion nach 21/2 — 3 Tagen erliegen muß. Als Titergrenze hoch- wertigen Immunserums wird von ihm 0,5 ccm angegeben. In Argentinien findet das Milzbrandserum von Mendez An- wendung, zu dessen Auswertung anfangs auch Kaninchen benutzt wurden. Die Prüfung geschali so, daß Serum und Kultur subkutan an verschiedenen Stellen des Rückens der Tiere appliziert wurden. Bei größeren Serummengen soll der Zeitpunkt der Einverleibung ohne Belang gewesen sein. Die Resultate blieben gleich, mochte das Milz- brandserum vor oder nach oder zugleich mit dem Virus gegeben Averden. Kleinere Serumdosen dagegen sollten merkwürdigerweise bei nachträglicher Einverleibung bessere Resultate gezeitigt haben. Mendez änderte später aber seinen Prüfungsmodus, indem er nicht mehr Kaninchen, sondern Meerschweinchen als Prüfungstiere für sein Milzbrandserum verwendete. Das Serum wird in fallenden Mengen, und zwar gemischt mit der 1000-fach tödlichen Dosis einer abgeschwächten Milzbrandkultur, subkutan einverleibt. Auf diese Weise sollen so exakte Ergebnisse erzielt werden können, daß die Wertigkeit des Serums zahlenmäßig nach I.E. ausgedrückt werden kann, wobei diejenige Serumdosis, welche das Leben des Prüfungs- tieres um 6 — 8 Stunden gea:enüber dem Kontrolltier verlängert, als V2 I-E. gilt. Ebenfalls an Meerschweinchen, aber nach einem anderen Prü- fungsmodus bestimmt Ascoli die Wertigkeit des im serotlierapeutischen Institut in Mailand erzeugten Milzbrandserums, nachdem es ihm nicht geglückt war, einen zur Wertbestimmung des Milzbrandserums ge- eigneten Milzbrandstamm b^i Kaninchen ausfindig zu machen. Zu Wertbestimmungszwecken zeigte sich ihm die intraperitoneale Injek- tion des Serums am besten geeignet mit 24 Stunden danach erfolgender Subkutaninjektion von 0,25 ccm einer als Impfstoff verwendeten Hühnerbouillonkultur eines abgeschwächten Milzbrandstammes. Zu- nächst erfolgt die Austitrierung des Vaccinestammes, der zum Schutz- versuch verwendet werden soll. Dazu ist der Stamm geeignet, wenn er einmal regelmäßig Meerschweinchen in 2 — 3 Tagen bei einer Dosis Die Wertbemessung der Schutz- und Heilsera. 1235 von 0,25 ccm tötet, was nach Ascoli als genügende Virulenz zur Tötung des Kontrolltieres angesehen werden kann. Andererseits muß die Virulenz des Stammes gegen ein in seiner Wertigkeit bereits be- kanntes Milzbrandserum an 6 bzw. 4 Meerschweinchen, die 24 Stun- den vorher eine Schutzdosis von 2,0 ccm desselben erhalten haben, bestimmt werden mit dem Postulat, daß 6 Tage nach der Infektion mindestens 4 bzw. 3 Tiere überleben. Die eigentliche Austitrierung des Milzbrandserums wird auch an 4 bis 6 Meerschweinchen von ca. 300 g vorgenommen, indem jedem Tier 2,0 ccm des zu prüfenden Serums intraperitoneal injiziert und 24 Stunden darauf der aus- titrierte Vaccinestamm in 0,25 ccm Bouillonkultur subkutan appli- ziert wird. Wenn die Kontrollen in 3 bis 4 Tagen sterben und nach 6 Tagen von den geschützten Tieren mindestens 3 bzw. 4 überleben, so wird das Milzbrandserum als geeignet für Zwecke der Veterinäi*- praxls angesehen. Für die Benutzung in der Humanmedizin werden diejenigen Sera freigegeben, die unter denselben Bedingungen die Meerschweinchen schon in einer Dosis von 0,5 bis 1,0 ccm schützen. Bei Xachuntersuchungen, mit denen der eine von uns (B.) in Verbindung mit Bierbaum seit einiger Zeit beschäftigt ist, zeigte sich die AscoLische AVertbemessungsmethode vielleicht im ganzen brauchbar zur ungefähren Püfung des von ihm erzeugten Milzbrand- serums bei Verwendung seines zur Verfügung gestellten besonderen Milzbrand-Prüfungsstammes. Ob die Methode auch auf die anderen Milzbrandsera unter Verwendung anderer Milzbrandkulturen anw^end- bar ist, kann zurzeit mangels genügend zahlreicher Untersuchungen an verschiedenen Milzbrandseris noch nicht entschieden werden, doch sprechen die bisher vorliegenden Resultate von Bierbaum & BoEHNCKE nicht dafür. Bei der Unsicherheit der Wertprüfungsmethoden im Tierversuch erschien es gerechtfertigt und notwendig, die Bestimmung der spe- zifischen Schutzstoffe im Reagenzglas zu versuchen. Das ist einmal die BoRDET-GEXGousche Eeaktion zur Bemessung der kom- plementbindenden Antikörper und zweitens die Bemessung der bak- teriotropen Substanzen (Neufeld). Mehrere xlutoren (Bordet & Gen- Gou, Guillain, Boidin & Friessinger, Cler u. a.) haben solche komplementbindenden Stoffe im Milzbrandserum nachgewiesen. So- bernheim, der verschiedene hochwertige Milzbrandsera vom E-ind, Schaf und Pferd daraufhin prüfte, kam zu einem völlig negativen Er- gebnis, wenn er als Antigen Milzbrandbacillenextrakt oder Milzbrand- ödem benutzte. ,, Dagegen zeigten die gleichen Sera eine gewisse Hemmungsreaktion in Verbindung mit lebenden Bakterienaufschwem- mungen, und zwar deutlicher mit virulenten als mit abgeschwächten Milzbrandbacillen. Dennoch war die W^irkung eine nur mäßige und wies in verschiedenen Versuchsreihen so eigentümliche Abweichungen und Schwankungen auf, daß es zweifelhaft erscheint, ob man hier wirklich ein spezifisches Phänomen annehmen darf." Sobernhelm erklärt die Widersprüche in der Literatur durch die verschiedene Methodik : ,,Mit Vollbakterien wirkt das Milzbrandserum mitunter komplementbindend, mit Extrakten und Oedemen niemals." Im Gegen- satz zu diesen Angaben stehen die Untersuchungsergebnisse von Djou- belieff, dem es mit verschiedenen Milzbrandseris bei Verwendung von Organextrakten milzbrandiger Tiere stets gelungen ist, eine spe- 78* 1236 R- Otto und K. E. Boehncke, zifisclie Komplementablenkung zu erhalten. Bei einer Nachprüfung (lieser Arbeit konnten Bierbaum & Boehncke feststellen, daß ein regelmäßiges und spezifisches Komplementablenkungsvermögen den Milzbrandseris im allgemeinen jedenfalls nicht zukommt. Inwieweit die auch von ihnen beobachtete Fähigkeit einzelner Milzbrandsera, eine positive Komplementablenkung zu geben, spezifischer Katur ist, läßt sich nach dem derzeitigen Stande ihrer Untersuchungen noch nicht mit Sicherheit erklären. Die Wertbemessung des Milzbrandserums durch Bestimmung der bak- teriotropen Substanzen auszuführen, erscheint nach bisherigen Resul- taten (Bierbaum & Boehncke) nicht möglich, da alle von diesen Autoren zurzeit geprüften Milzbrandstämme (starker und schwacher Virulenz) ausgesprochene Spontanphagocytose zeigten. Anhang. Wertbemessung von Heil- und Schutzseris mit unbekannten Infektionserregern. Hierzu gehören das Rinderpest- und Schweinepestserum, das Schaf- pockenserum, das Serum gegen Maul- und Klauenseuche, sowie das rabizide Serum. Beim Rinderpestserum werden als Versuchstiere am besten Rinder benutzt. Die Bestimmung des Gehalts an Immunkörpern geschieht nach Kolle in folgender Weise : 10 — 12 möglichst gleich- große, kräftige, nicht zu junge Tiere von möglichst gleichem Körper- gewicht werden mit je 1 ccm virulenten Blutes injiziert. 3 Tiere erhalten gleichzeitig Serumdosen, die einer Menge von 15 ccm für je 300 kg lebendes Gewicht entsprechen. Je weitere 3 Tiere erhalten Dosen des Serums entsprechend 20, 25 und 30 ccm für je 300 kg Lebendgewicht. Wenn nun in der Folge von den Rindern mit der Injektionsdosis von 15 ccm sämtliche eingehen oder auch nur 2 davon- kommen, so bedeutet die Dosis von 20 ccm den Titer des Serums, vorausgesetzt, daß diese Reihe ganz durchkommt, dann zeigen ferner die mit 25 ccm Serum gespritzten Rinder nur geringe und die mit 30 ccm injizierten gar keine Krankheitserscheinungen. Das Schweinepestserum wird von Uhlenhuth so geprüft, daß 4 Ferkeln „im Seuchenstali" 5, 10, 20, 30 ccm Serum injiziert werden. 1 — 2 Kontrollferkel, die mit normalem Schweineserum ge- impft werden, müssen prompt erkranken. Eine Serumdosis von 10 — 20 ccm pro 10 kg muß den Tieren einen genügenden Schutz ver- leihen, damit die Tiere mindestens 4 Wochen gesund bleiben. Das Schafpockenserum ward an Hammeln entweder im Schutzversuch oder nach der Giftserummischungsmethode geprüft. Da- neben ist auch eine Prüfung im Reagenzglas möglich (Levaditi), indem 1 Teil Virus mit 150 Teilen Nährbouillon emulsioniert wird. Vom Filtrat dieser Emulsioji vermag bereits 1 Tropfen eine sehr starke Pustel hervorzurufen. Vom Filtrat wird nun je 1 ccm mit 1, 0,5, 0,25 ccm, 3 bzw. 2 bzw. 1 Tropfen Serum gemischt und die Einzelmischungen Hammeln injiziert. Gleichzeitig erhalten weitere Tiere zur Kontrolle reines oder verdünntes Virus. 0,5 ccm Serum zeigt sich hinreichend, um jede Reaktion zu verhüten. Nach ähnlichen Prinzipien kann im Tierversuch die Prüfung des rabiziden Serums (an Kaninchen) und des Serums gegen' Die Wertbemessung der Schutz- und Heilsera. 1237 Maul- und Klauenseuche (an Ferkeln) (Löffler) erfolgen. Wichtig ist, daß bei ersterem nur bei Mischung in vitro, nie erst im Organismus spezifische Wirkungen nachweisbar sind. Literatur. (Bezüglich der älteren Literatur siehe R. Otto, die staatliche Prüfung der Heilsera. Jena 19Ü6.) ^Aronson, Berl. kliu. 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Wochenschr., 1902, Nr. 22. 3 — Handbuch der Serumtherapie von Wolff-Eisxer, München 1910. 4— Handb. d. Immunitätsforsch., Bd. 2, Jena 1909 und 1. Erg.-Bd., 1911. Steinhardt & Banzhaf, Proc. of soc. for exp. biol. med., Vol. 5, 1907. Tarozzi, Centralbl. f. Bakt., Orig., Bd. 38, 619. TizzONi, Riforma medica, 1901. Uffenheimer, Der Nachweis des Toxins in dem Blute der Diphtheriekranken. Münch. med. Wochenschr., 1906. S. 1607. HJhlenhuth, Handb. f. Immunitätsforsch., Bd. 2, 1909. 2— Centralbl. f. Bakt., Orig., Bd. 64. 1912. [Jngermänn, Centralbl. f. Bakt., Ref., Bd. 54, 1912. Ungermaxn & Kandiba, Arb. a. d. Kais. Ges.-Amt, Bd. 40, 1912. Väillard & Dopter, Serotherapie de la diphtherie bacillaire. Paris 1909. VoGES & Schütz, Zeitschr. f. Hyg., Bd. 28, 1898. Wassermann & Brück, Med. Klinik, 1905, Nr. 55. Wassermann & Leuchs, Klin. Jahrbuch. Bd. 19, Heft 3, 1908. Weichardt, Zur Serumbehandlung des Heufiebers. Berl. klin. Wochenschr., 1906. Weitz, Med. Klin., 1912, Nr. 26. Winkelmann, Münch. med. Wochenschr., 1906, Nr. 1. WoLFF-EiSNER, Handbuch der Serumtherapie, München 1910. Wrzosek, Wien. klin. Wochenschr., 1905. XIII. Kolloide und Lipoide in der Immunitätslelire. Von Dr. Karl Landsteiner in Wien. A. Beziehungen der Immunitätslehre zur Kolloidchemie*). I. Die Immunsubstanzen als Kolloide. Die für die Immunitcätslehre hauptsächlich in Betracht kommenden Stoffe, die Antigene und Antikörper, haben eine gemeinsame Eigentümliclikeit, insofern sie ohne Ausnalime Kolloide sind**). Wenn auch nicht alle Kolloideigenschaften sich an den Immun- substanzen leicht nachweisen lassen, da sie immer in Mischung mit großen Mengen anderer Stoffe vorkommen und manche Methoden der Kolloiduntersuchung, z. B. die optische, aus diesem Grunde ver- sagen, so ist trotzdem die Tatsache der kolloiden Beschaffenheit der Immunstoffe, wie aus den folgenden Abschnitten zu entnehmen ist, sicher genug bewiesen und gestattet schon jetzt eine ganze Reihe von Besonderheiten dieser Stoffe und ihrer Wirkungen aus dem allgemeinen Verhalten der kolloiden Lösungen abzuleiten. 1. Diffusion und Dialyse. Die entscheidendsten Kriterien für den Kolloidzustand der Immun- substanzen liefern jene Vorgänge, die zuerst zur Aufstellung des Be- griffs der Kolloide und zu deren Charakterisierung und Darstellung dienten, nämlich die Diffusion und Dialyse. In Uebereinstimmung mit den Kolloiden und im Gegensatz zu Kristalloiden diffundieren die Immunstoffe sehr langsam und passieren, wie zahlreiche Er- fahrungen lehren, Dialysiermembranen äußerst schwer***). Ueber die Verwendung verschiedener Dialysiervorrichtungen aus Pergament, Kollodium, tierischen und pflanzlichen Membranen und die technischen Einzel- *) Zusammenfassende Darstellungen bei Pauli'*); Za^jgger i*"! ; PoRGES 1°) LaOTJSTEINER ^d) ; BiLTZ'e); GeNGOU 'f ) ; IVIlCHAELIS ^g) ; PRIBRAM 'h). **) cf. Laxdsteiner, 1. c. ; Klein-*), Ueber die angebliche Bildung von Anti- körpern gegen Farbstoffe vgl. de Angelis-*') und dagegen Takemura 2"). ***) Ueber die Diffusion von Kolloiden vgl. z. B. Freundlich ä*); Wolfgang Ostwald =*") ; Müller 3<^). 1242 Kakl Landsteiner, heiten solcher Versuche siehe PiCK^, Abderhalden ^ Ostwald ^"j Zsigmondy & Heyer ''. Messende Versuche über die Diffusion von Immunstoffen stellten Arrhenius & Mausen " an. Sie schichteten Lösungen der zu untersuchenden Substanzen über erstarrte 5-proz. Gelatine und untersuchten nach wochenlangem Stehen verschiedene Schichten der Gelatine auf ihren Gehalt an den hineindiffuudierten Stoffen. Sie fanden als Diffusionskonstante bei 12 q^ ausgedrückt in Tagen und Zentimetern, für Natrium Chlorid 0,94 Diphtherietoxin 0,014 Diphtherieantitoxin 0,0015 Tetanolysin 0,037 Antitetanolysin 0,0021. Zum Vergleich seien nach einer Tabelle von Wolfg. Ostwald ^ die folgenden von Herzog bei 18° C ermittelten Zahlen angeführt: Ovalbumin 0,059 Pepsin 0,070 Invertin 0,033. Arrhenius berechnet aus seinen Messungen Werte für das Molekulargewicht der geprüften Stoffe, cUe mit denen des Eiweißes von gleicher Größenordnung sind *) **). Da zwischen Toxinen und Antitoxinen nach den angeführten Zahlen in bezug auf die Diffusionsgeschwindigkeit beträchtliche Unter- schiede bestehen, so ist eine Trennung der beiden Arten von Stoffen durch Diffusion möglich (vgl. Arrhenius ii). Diese Methode und ein prinzipiell neues Verfahren der Filtration durch Gelatine unter Druck benützten Martin & CherryI^ und Crawls. Martin & Cherry stellten ihre Filter in der Weise her, daß sie Chamberland- kerzen mit Gelatine tränkten und hohen Druck (50 — 100 Atmo- sphären) zur Anwendung brachten***). Mit Hilfe dieser Versuchs- anordnung konnten Martin & Cherry und Craw Toxine von anti- toxinhaltigen Lösungen abfiltrieren bzw. in der Gelatineschicht an- reichern f ). Die von van Calcar"' gemachte Angabe, daß sich durch Diffusion unter geringem Druck Toxine und Toxone trennen lassen, ist durch eine von Eoemer" gemachte Nachprüfung sehr zweifelhaft geworden. Druckfiltrationen unter Benützung von Membranen mit abge- stufter Durchlässigkeit führte BECHHOLDTi^ff) mit Hilfe des von ihm als Ultrafiltration bezeichneten Verfahrens aus. *) Bedenken gegen diese Schätzungen äußert Wolfg. Ostwald ^). lieber die Molekulargröße von Kolloiden vgl. Nernst. Lehrb. **) Aus DifFusionsversuchen von Flexner & Noguchi") ergibt es sich, daß die Diffusion von Toxinen durch die Anwesenheit anderer Kolloide verzögert werden kann. (Tetanolysin diifundiert schneller als Tetanotoxin, Cobraneixrotoxin schneller als Cobrahämolysin.) ***) üeber die Passage verschiedenartiger Stoffe durch Gelatinefilter und die Rolle der Adsorption bei diesem I*rozeß Craw"). t) Vgl. über Dialyse und Fütration von Immunstoffen und Kolloiden im allgemeinen Frouin^-"'). Marbe'^"); van Calcar^-'^''); Manea'^^); DucLAUX'^e); CoTTON & MouTON'^f); JVLi.LFiTANO'%); LiLLiE "h) ; Zangger ^"i) ; von Fermenten: Hedin '"k); Strada'^I). ff) Eine neue Technik zur Herstellung von IHtrafiltern (Zusatz von Glyzerin und Eicinusöl zur Kollodiumlösung), die bei sehr geringem Druck verwendbar sind, beschrieb Schoep '^''), die Herstellung trocken sterihsierbarer Filter Duclaux &. Hajnielin '*''). Kolloide und Lipoide in der Immunitätslehre. 1243 Die Filtration geschah durch Gallerten verschiedener Konzentrationen, die meist in Filtrierpapier eingelagert wurden, z. B. durch Kollodium oder mit Formaldehyd gehärtete Gelatine bei einem Ueberdruck von 0,2 — 5 Atmosphären. Die Methode gestattet nach den Erfahrungen des Verfassers durch Verwendung verschieden dichter Filter bis zu einem gewissen Grade die Teilchengröße der gelösten Stoffe zu bestimmen, und auch hier bestätigt es sich, daß die Teilchen- größe von gelösten Toxinen eine beträchtliche ist. So steht in bezug auf den Durchtritt durch Gallertfilter das Diphtherietoxin etwa zwischen Serum- albumin und Protalbumosen. Ein Vergleich zwischen gewöhnlichem Serum- eiweiß und Antitoxin ist anscheinend noch nicht vorgenommen worden. Die Ergebnisse dieser Experimente beruhen übrigens nicht durchaus auf der mecha- nischen, nur von der Porengröße abhängigen Filterwirkung, sondern auch auf Adsoi-ptionseffekten zwischen den gelösten Stoffen und dem Filtermaterial (s. S. 1245). Eine andere prinzipiell anwendbare Methode der Bestimmung der Teilchengröße kolloider Lösungen (des sog. Dispersitätsgrades nach der Nomenklatur von Wolfg. Ostwald), nämlich die Beobach- tung der Sedimentierung unter dem Einfluß der Schwere oder der Zen- trifugalkraft i^^ wurde bei Immunstoffen bisher nicht angewendet. 2. Verhalten im elektrischen Stromgefälle. Wird durch kolloide Lösungen ein elektrischer Strom geschickt, so zeigen die Kolloidpartikel je nach ihrer Beschaffenheit und den Eigenschaften des Lösungsmittels eine Bewegung zu dem einen oder dem anderen Pol, die eine elektrische Ladung der Teilchen erkennen läßt*). Häufig ist der Sinn der Ladung derart durch die chemische Beschaffenheit der Kolloidteilchen bestimmt, daß basische Stoffe zur Kathode, saure zur Anode wandern. Die Erklärung dieser Erscheinung ergibt sich am einfachsten aus der Hypothese, daß die Ladung der Kolloidteilchen durch elektrolytische Dissoziation**) erfolgen kann, eine Anschauung, die, wenn auch für die elektrische Ladung in Flüssigkeit suspendierter Teilchen außerdem andere Ursachen in Betracht kommen, doch besonders in der Anwendung auf organische Kolloide sich als sehr nützlich zu erweisen scheint. Es ist dann die elektrische Konvektion dieser Kolloide im Wesen der gewöhnlichen Elektrolyse sehr ähnlich und die Teilchen selbst können, wenn man von ihrer beträchtlichen Größe absieht, mit Ionen verglichen werden. Dieser Vorstellung entsprechen die Beobachtungen, die an Eiweiß- körpern gemacht wurden. Da die Proteine amphotere Elektrolyte sind, so ist zu erwarten, daß sie durch Zusätze von Basen, bzw. Säuren Ladungen entgegengesetzten Sinnes erhalten, und Hardy^^ hat bei koaguliertem, Pauli ^3 bei nativem Eiweiß ein solches Ver- halten wirklich nachgewiesen. Das dialysierte Eiweiß zeigt nach diesen Versuchen schwache elektronegative Ladung, wird durch Säuren positiv, durch Basen stärker negativ geladen. Ueber das Verhalten von Immunstoffen (Toxinen, Hämolysinen, Agglutininen) im Gefälle des elektrischen Stromes liegen eine Anzahl zum Teil widersprechender Angaben von^^***). Die Ursache der Schwierigkeiten liegt darin, daß sich die Immunstoffe ähnlich ver- halten wie Eiweißkörper, und es demnach von der Beschaffenheit der in der Lösung neben den Immunstoffen vorhandenen Körper ab- *) Vgl. Wolfg. Ostwald -"") ; Freundlich ^o") ; höber -""); Müller -"«i). **) BlLLITZER^i). ) Ueber das Verhalten von Fermenten s. Michaelis-^*). *** 1244 Karl Laxdsteixer, hängen kann, welche Ladung jene aufweisen. Es wurde außerdem nicht immer beachtet, daß die an den Elektroden sich bildenden sauren und basischen Produkte eine Umladung hervorrufen können. In Versuchen von Landsteiner & Pauli -^ wurden diese Fehler- quellen ausgeschaltet und es zeigten pflanzliche Agglutinine und Serum- hämagglutinine das Verhalten amphoterer Stoffe. Sie wanderten in schwach alkalischer Lösung zum positiven, in schwach saurer Lösung zum negativen Pol. xlehnlich verliefen unpublizierte Versuche der- selben Autoren mit Hämotoxinen i'Staphylolysin und Arachnolysin). Es ist also vorläufig zu schließen, daß sich Agglutinine und Toxine im elektrischen Gefälle ähnlich verhalten wie Eiweißkörper, und dem widersprechen wohl auch die zum Teil abweichenden Kesultate anderer Autoren nicht ; wenigstens ist es bisher niemals gelungen, durch An- wendung des elektrischen Stroms Immunstoffe von den begleitenden Eiweißkörpern zu trennen. üeber die Ladung der bei der AVASSERMAXxschen Reaktion wirk- samen Körper s. Schmidt ^6. 3. üebereinstimmung der Immunstoffe mit hydrophilen Kolloiden. Die kolloiden Lösungen werden gewöhnlich in zwei Gruppen ein- geteilt, in Suspensionskolloide und hydrophile oder Emul- sionskolloide-'^. Der Unterschied beider Kategorien tritt am auffallendsten darin zutage, daß Lösungen der ersten Art keine beträchtliche Viskosi- tä,t besitzen und schon bei geringem Salzgehalt nicht mehr be- stehen bleiben, während die hydrophilen Kolloide viskos sind und nur durch hohe Salzkonzentrationen, und zwar durch Alkali-, Am- monium- und Magnesiumsalze in der Regel in reversibler "Weise gefällt werden, also so, daß die Xiederschläge in Wasser löslich sind. Den Typus hydrophiler Kolloide zeigen die organischen Kolloidsubstanzen, deren wichtigste Vertreter die Eiweißkörper sind, und mit diesen stimmen die Immunstoffe, die nach der Ansicht vieler Autoren selbst Proteine oder diesen verwandte Körper sind*), in ihrem Verhalten im allgemeinen überein. Die Antikörper und Antigene lassen sich wie Albumin bzw. Albumosen und Peptone durch hohe Elektrolyt- konzentrationen aussalzen **), und das charakteristische Verhalten der Eällbarkeit macht für eine Anzahl der Körper den Schluß wahr- scheinlich, daß die Fällungen nicht nur durch Adsorption der Immun- stoffe an die aus den Lösungen ausfallenden Eiweißniederschläge zu- stande kommen. Es ist in dieser Beziehung auf einige genau unter- suchte Beispiele hinzuweisen, z. B. die Aussalzung von Phytotoxinen (OsBORNE. Mendel & Harris 30) und die Fällung der Antitoxine und Agglutinine des Serums (PicrSI). Auch andere Arten der Eiweißkoaguiation, z. B. die Fällung durch Alkohol, findet man bei den Antikörpern wieder. Die Alkohol- fällungen sind ähnlich wie dfe der Eiweißkörper in wechselndem, meist allerdings nur in beschränktem Grade reversibel. In einem Falle, näm- lich jenem der pflanzlichen Agglutinine (Abrin, Phasin), zeigt sich eine Üebereinstimmung darin, daß sowohl ein Teil der Eiweißkörper der betreffenden Pflanzensamen als auch die Agglutinine durch Alkohol *) cf. Landstedst:r & Pra§ek-*). **) Vgl. PiCK-^); Pribea^i-^), Ueber die Einwirkung von Fermenten s. '^^). Kolloide und Lijjoide in der Immunitätslehre. 1245 schwer denaturiert werden und aus den Niederschlägen auch nach längerer Einwirkung von Alkohol wieder zum großen Teil in Lösung zu bringen sind. Der Hitzeempfindlichkeit vieler hydrophiler Kolloide (und deren höherer Resistenz in trockenem Zustande) entspricht die Inakti- vierung der Immunstoffe durch Erwärmung, und eine Be- ziehung zu jenen Eiweißveränderungen, die bei der Hitzegerinnung stattfinden, ist zunächst recht wahrscheinlich. Unter dem gleichen Gesichtspunkt sind wohl auch andere Arten der Inaktivierung zu betrachten, z. B. jene, die durch Schütteln, langes Aufbe- wahren oder Belichtung vor sich gehen. (Bezüglich der Eigen- tümlichkeit gewisser kolloider Stoffe, durch Trocknen dauernde Aenderungen zu erfahren, vgl. z. B. B. Marie & Tiffeneau ^2. ) Ein eingehender experimenteller Vergleich der sogenannten Inaktivierung von Immunstoffen mit der Hitzeveränderung von Proteinen liegt allerdings noch nicht vor, doch bestehen Anhaltspunkte für eine Uebereinstimmung in manchen Zügen. So gibt Pick ^^ an, daß Harnstoff hemmend auf die Inaktivierung von Antikörpern und auf die Eiweißkoagulation einwirkt, und nach einer Beob- achtung von PoRGES 2* geht mit der Hemmung der Hitzekoagulation von Eiweiß- körpern durch Formaldehyd gleichzeitig eine Behinderung der Bildung soge- nannter Agglutinoide einher (s. S. 1200). Die auffallenden Versuchsergebnisse von Frouin ^^, denen zufolge sich im Serum ImmunstofTe vom Serumeiweiß duirh Koagulation trennen ließen , haben noch keine eingehende Nachprüfung erfahren. Eine Uebereinstimmung der Inaktivierungserscheinungen mit der Hitzekoagulation besteht auch darin, daß hier wie dort von einem kritischen Temperaturpunkt nicht gesprochen werden kann. Die In- aktivierungstemperatur ist keine bestimmte, sondern gilt nur für eine gewisse, aus praktischen Gründen gewöhnlich kurz bemessene Er- wärmungszeit und nimmt mit zunehmender Dauer der Inaktivierung ab. Dem entspricht es, daß auch bei niederer Temperatur die Immun- stoffe im allgemeinen mit der Zeit unwirksam werden. Zahlenmäßige Angaben und die Formulierung gesetzmäßiger Beziehungen zwischen Temperatur und luaktivierungszeit finden sich bei Arrhenius ^^ Streng ^^ Den Einfluß von Salzen auf die Inaktivierung der Komplemente untersuchte Feiedberger *'*, s. 1. c. '^■^ **'•". 4. Adsorption und Filtration der Immunstoffe (Komplementbindung). Unter Adsorption wird häufig unabhängig von einer theoretischen Begriffsbestimmung die Aufnahme gelöster (oder gasförmiger) Sub- stanzen durch fein verteilte feste Körper verstanden. Untersuchungen der letzten Jahre haben es wahrscheinlich gemacht, daß die sogenannte Adsorption gelöster Stoffe im Wesen verschiedene Vorgänge umfaßt. Einer dieser Prozesse wurde neuerdings durch H. Freundliches in eingehender Weise untersucht und dahin definiert, daß bei der xld- sorption kristalloider Lösungen ein echtes Gleichgewicht vorliege, das von der chemischen Natur des adsorbierenden Körpers wenig beeinflußt wird, und daß die Adsorption (nach einem Satze von GiBBs) darauf beruhe, daß solche gelöste Stoffe, die die Oberflächen- spannung erniedrigen, sich in der Oberfläche anreichern. Bei der Adsorption von Eiweißkörpern, die wegen der zu vermutenden Proteinnatur der Antikörper für die hier erörterten Erscheinungen 1246 Kakl Landsteinbr, von besonderer Bedeutung ist, kommt wahrscheinlich eine andere Art der Adsorption in erster Linie in Betracht*). Die Adsorption der Eiweißkörper wurde zum Zweck einer vorläufigen Uebersicht von Landsteiner & Uhlirz^^ mit Hilfe einer Reihe adsorbierender Substanzen untersucht. Es zeigte sich, daß Ei- weiß relativ leicht von anorganischen Pulvern mit sauren oder basi- schen Eigenschaften, z. B. von Eisenoxyd, Kieselsäure, sauren Sili- katen aufgenommen wird**), daß also hier die Adsorption in hohem Grade von der chemischen Beschaffenheit der adsorbierenden Körper abhängig ist, wie das aus der folgenden Tabelle hervorgeht. Aus Globulinlösungen von etwa 2 — 3 Prom. nahmen die nachstehenden Substanzen folgende, in Prozenten des gesamten Gehaltes ausgedrückte Mengen von Eiweiß auf: Meerschaum 100 Baiiumsulfat 26 gefällte Kieselsäure 100 Calci um Sulfat 18 Eisenoxyd 97 Bergkristall 10 Kaoün 64 Schwefel 2-3 Serpentin 53 Die Bedeutung der chemischen Natur des Adsorbens, die Ueber- einstimmung der Erscheinungen mit der von Suida*^ untersuchten und auf Salzbildung bezogenen Adsorption von basischen Farbstoffen durch saure Silikate, ferner die Verwandtschaft der Adsorption mit der Eiweißfällung durch kolloide Säuren und Basen machten es wahr- scheinlich, daß bei der Adsorption von Eiweißkörpern elektro- chemische Affinitäten wirksam sind (vgl. Wolfg. Ostwald^*). Diese Anschauung von Landsteiner &Uhlirz, die in Uebereinstimmung mit der Kolloidtheorie von Billitzer^^ steht, wurde von Michaelis & EoNA*6***) angenommen und durch neue Versuche gestützt, beson- ders durch den Kachweis der disproportionalen Adsorption von Kristal- loiden und Eiweißstoffen durch verschiedenartige Adsorbentien. Bei- spielsweise hat Kaolin ein sehr geringes Adsorptionsvermögen für zahlreiche Kristalloide, adsorbiert aber leicht Eiweißstoffe. Eine andere Eigentümlichkeit der Adsorption von Kolloiden, auf die schon Freundlich aufmerksam machte (vgl. Michaelis), ist deren unvoll- ständige Umkehrbarkeit, Der quantitative Verlauf der Eiweißadsorption ist ein ähnlicher wie bei Adsorptionsprozessen im allgemeinen. Die folgende Tabelle zeigt, wie aus verdünnten Lösungen relativ mehr aufgenommen wird als aus konzentrierten. Konzentration der Globulinlösung in Prom. Eiweiß 2,1 2,0 0,8 0.27 0,24 0,23 0,23 Von Kaoün adsor- bierte Menge in Proz. des EiweiSgehaltes 10 15 25 43 58, 70 67 Konzentration der Globulinlösung in Prom. Eiweiß 0,19 0,19 0,18 0,17 0,13 0.12 Von Kaolin adsor- bierte Menge in Proz. des Eiweißgehaltes 63 70 64 71 92 89 *) Ueber den Einfluß des Salzgehaltes von Eiweißlösungen auf die Adsor- | ption s. BiLTZ, MucH & Siebert ^o), Biltz*"'') s. S. 1262. Liter, d. Adsoiption von | Kolloiden bei Müller^'-). **) Ueber das korrespondierende Eiweißfällungsvermögen derartiger Substanzen { in kolloidgelöstem Zustande s. S. 1250. ***) Ueber die Adsoi-ption von Fermenten s. *^). Kolloide und Lipoide in der Immunitätslehre. 1247 Nach einer Berechnung von xIrrhenius *^ entsprechen diese von Landsteiner & Uhlirz approximativ bestimmten Zahlen der für Adsorptionsprozesse im allgemeinen gültigen Formel von Freundlich. Xeue exakte Bestimmungen der Eiweißadsorption durch Eisen- oxyd, Kaolin, Cellulose, stammen von Biltz*8_ ^^g ihnen geht hervor, daß die Eiweißadsorption unvollkommen reversibel ist und im Gegensatz zu der Adsorption von Kristalloiden der Adsorptions- formel nur in einem Teil der Fälle gehorcht. Die Immunsubstanzen haben auch in bezug auf die Ad- sorption ähnliche Eigenschaften wie Eiweißkörper*). So fanden BiLTz, MucH & Siebert 50^ daßToxine undAntik ö rper von Metall- hydroxyden, z. B. Eisenhydroxyd, und auch von Kieselsäure, in irre- versibler Weise adsorbiert und wie Eiweiß von kolloid gelösten Hydr- oxyden gefällt werden. Bei diesen Versuchen nahm der Gehalt au Toxinen vielleicht infolge chemischer Zersetzung viel stärker ab als unter ähnlichen Bedingungen der Peptongehalt der Lösungen ; über das Verhalten der Adsorption von Antikörpern des Serums im Ver- gleich zu gewöhnlichem Serumeiweiß gaben die Versuche keine Auf- schlüsse. Untersuchungen von Landsteiner & Stankovic^i zeigten ein eigenartiges Verhalten gewisser Agglutinine, wenn als Adsorbens Eiweißstoffe, besonders Kasein angewendet wurde. Pflanzenagglutinine und Agglutinine des normalen Blutserums wurden von Kasein leicht aufgenommen, und einige Beobachtungen sprechen dafür, daß dieser der spezifischen Agglutininbindung offenbar verwandte Prozeß Analogien mit der Anfärbung von Eiweißkörpern besitzt, die Agglu- tinine also wahrscheinlich eine Affinität ähnlicher Art äußern wie Farbstoffe (s. S. 1265). Andere Beobachtungen über die Adsorption von Agglutininen, Hämoly- sinen, Toxinen, Präzipitinen und komplementbindenden Stoffen stammen von Bechhold ^-, Landsteiner & Eaubitschek '"'■*, Jacque & Zunz, Andeejew ^*, NoGUCHi & Broxfenbrenner °^, Eisler & Tsuru^*^. Abgesehen von der ad- sorbierenden Wirkung von Lipoiden (s. S. 1268 ff.) wirkten Eiweißkörper, Stärke, Cellulose, Kollodium als Adsorbentien für Lysine und Toxine. Inwiefern diese Adsorptionseffekte in jedem einzelneu Fall an Intensität die Adsorption beliebiger gelöster Eiweißstoffe unter sonst gleichen Bedingungen übertreffen, wäxe zu erfahren wichtig, könnte aber nur aus ad hoc angestellten Untersuchungen ge- folgert werden, da zwischen Lösungen ganz verschiedenen Gehalts, wie es relativ konzentrierte Eiweißlösungen und sehr verdünnte Toxine sind, ein direkter Vergleich nicht möglich ist. Bei einer Anzahl von Kombinationen deuten aber die bis jetzt vorliegenden Versuche, in denen die Wirkung verschiedener Adsorbentien verglichen wurde, auf die Existenz besonderer Adsorptionsaffinitäten der Immunstoffe (Agglutinine, Toxine), die wahrscheinlich mit der immun- chemischen Wirkung der betreffenden Körper in naher Be- ziehung stehen (s. S. 1263 ff.). Auch Jacque & Zunz^" geben an, ein un- gleiches Verhalten der Adsorption beobachtet zu haben, als sie Toxine und Antitoxhie verschiedener Art mit Kohlenpulver, Tonerde, Kalk, Kieselgur, Barium - Sulfat in Berührung brachten**). Adsorptions- und Filtrationsversuche an Agglutininen, Präzipitinen und Lysinen machte Andrejew^s j^ii; Hilfe einer Reihe von Substanzen (Kaolin, Kieselsäure, Bariumsulfat, Kohle), ohne bei im übrigen mannigfachen Unter- *) Ueber die Adsorption von Toxinen und die Verwendung der Adsorption zur Abscheidung und Reinigung dieser Stoffe finden sich Angaben bei RoüX & Yersen"»^), Freund, Grosz & Jelinek, Lingelsheim, Rehns, Vaillard & Vincent, Brieger^9*) und Pick""). **) Dieselben Autoren beobachteten, daß Toxin- Antitoxin verbin düngen in auffälliger Weise wenig adsorbier bar sind. 1248 Karl Landsteinek, schieden im Verhalten der einzehien Sera generelle Regeln aufzufinden, so daß eine erneute eingehende Bearbeitung des Gegenstandes nötig erscheint, um die beobachteten Verschiedenheiten aufzuklären. Wie Andrejew wieder hervor- hebt, ist die Adsorption durch das Filterraaterial auch der maßgebende Faktor für die praktisch wichtigen Verluste an Immunstoffen bei der Passage durch Bakterienfilter. Eine besondere Rolle scheint der Adsorption bei manchen soge- nannten Inaktivierungserscheinungen zuzukommen. Nach Ver- suchen von Landsteiner & Stankovic^^*) werden Eiweißkörper dann in verstärktem Maße adsorbiert, wenn man ihre Lösungen derart erwärmt, daß zwar keine grobe Koagulation stattfindet, aber doch die Größe der Kolloidteilchen zunimmt, was man unter Umständen an der verstärkten Opaleszenz der Flüssigkeit bemerken kann. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß diese Erscheinuns^en eine Aufklärung einzelner jener Fälle geben können, in denen durch Erwärmen ver- änderte Immunstoffe ein verstärktes Bindungsvermögen besitzen. Andererseits kommt es vor, daß die durch Erwärmen verstärkte Ad- sorptionsfähigkeit der neben den wirksamen Stoffen in Lösung vor- handenen Substanzen eine Inaktivierung herbeiführt. Derartige Er- scheinungen beobachteten Landsteiner & v. Rauchenbichler *^i bei der Inaktivierung des Staph3^1ol3^sins. Passend verdünnte Lösungen dieses Lysins sind so wenig empfindlich gegen Erwärmung, daß sie selbst bei 100 ^ nicht sehr rasch zerstört werden. Setzt man aber dem Lysin Serumeiweiß zu, so wird es schon bei viel niederer Temperatur, z. B, bei halbstündigem Erhitzen auf 65 o, offenbar durch Adsorption von Seiten der durch die Erwärmung veränderten Eiweiß- teilchen, unwirksam. Werden diese inaktiven Lösungen weiter kurze Zeit auf 100 o erhitzt, so erhalten sie infolge der Zerlegung der ent- standenen Verbindung wieder einen Teil ihrer hämolytischen Wirk- samkeit. Durch analoge Vorgänge beim Erwärmen aktiver konzen- trierter Lysinlösungen sind wohl die zunächst paradox erscheinenden, von Dreyer & Jex-Blake62 am Megatheriolysin, von Arrhenius '''^ am Staphylolysin gemachten Beobachtungen zu erklären, denen zufolge diese Stoffe beim Erhitzen auf 60 — 70° ganz oder fast unwirksam werden und beim nachfolgenden Erhitzen auf 100 ^ ihre Wirksamkeit zum Teil wieder gewinnen. Eine wahrscheinlich analoge Erscheinung ist es, wenn beim Er- hitzen einer ^Mischung zweier verschiedener Serumarten in entsprechen- den quantitativen Verhältnissen durch Bildung von Adsorptions- verbindungen der beiden Eiweißkörper die Reaktionsfälligkeit gegen- über Präzipitinseren geändert wird (Landsteiner & Prasek^*). Ueber ähnliche Vorgänge bei der Erhitzung von Lipoideiweißgemischen s. S. 1280. Auch Saponin wird durch Erwärmen mit Eiweißlösungen unwirksam gemacht ^*. Ueber die gegenseitige Adsorption gelöster kolloider Stoffe und die vom Autor vermutete Beziehung zu der Tatsache, daß hämolytische Wirkungen von normalem Serum durch V^dünnung gesteigert werden können, s. Bech- HOLD^^. Als ein spezieller, sehr wichtiger Fall von Adsorption eines immunchemisch wirksamen Körpers ist die Komplementbindung *) s. Gengou^'"). Vgl. über die Eigenschaften von inaktiviertem Sennn Sachs""''), über die Bedeutung der Teilchengröße bei der Wirkung von Globuüneii Schmidt <^'"'). Kolloide und Lipoide, in der Immunitätslehre. 1249 anzusehen. Den Komplementen kommt nach zahlreichen Beobach- tungen die Eigenschaft zu, besonders leicht mit suspendierten und kolloid gelösten Stoffen Adsorptionsverbindungen einzugehen. Von Substanzen, die in der Richtung geprüft wurden, sind zu erwähnen: Zell- aufschwemmungen verschiedener Art (v. Duxgeen'^'^, Ehrlich & Sachs"', Wilde*'*, HoKE*'", ROEÄLER'", Hess ''), Blutkörpercheiistromata (MuiR'-), Pepton (Löwen- STELN '■*), Aleuronat, Kasein (^VILDE), Carragheenschleim, Seife (v. Llngelsheim '*), Glykogen, Inulin (AVendelstadt '■'^_), Kaoliu, Cholesterin, Protagon (Laxdsteiner & Stankovic™), Fette (Frouin ' ' [vgl. Buchner'*, Levene & Baldwin '^ NOGUCHi*"], MuiR*', Uhlexhuth ®-). Auch bei der Filtration durch Bakterienfilter werden die Komplemente in beträchtlicher Menge zurückgehalten fMuiR & Brow- NixG**', Ehrlich & Sachs***, Schmidt **", Andrejew); über Filtration durch Kollodium s. Mutermilch *^, Beeinflussung der Filtration durch Salze ^^-a. Für die Auffassung der sogenannten Komplementbindung ist es von Bedeutung, daß Komplemente auch durch geringe Mengen von Kolloidniederschlägen adsorbiert werden können. Landsteiner & Stankovic beobachteten diese Erscheinung bei Eiweißfällungen durch Abrin oder Kieselsäure 8^*), Seligmann ^s bei der Bildung von Mastix- niederschlägen durch Salze und, was hervorzuheben ist, bei der Ver- änderung von Mastix oder Schellack durch Kochsalz auch dann, wenn ein Zusatz von Gelatine oder Serum die Bildung eines sichtbaren Niederschlages verhinderte, also keine ohne weiteres erkennbare Modi- fikation des in Lösung gebliebenen Kolloids stattfand, wie öfters bei der typischen Komplementbindungsreaktion. Diesen Resultaten zufolge ist es die nächstliegende Annahme, daß die Komplementbindung durch spezifische Präzipitate oder mit Immun- körpern verbundene Zellen sich im Wesen nicht von den angeführten Adsorptionsvorgängen unterscheidet (Landsteiner & Stankovic). Der Umstand, daß Präzipitate nicht alle Arten von Komplementen gleichmäßig aufnehmen, bildet, da die Adsorption von Kolloiden von der chemischen Beschaffenheit des Adsorbens und Adsorbendum ab- hängig ist, keinen Einwand gegen diese Auffassung. Andererseits steht es damit in bester Uebereinstimmung, wenn Bezzola^^ die Angabc macht, daß spezifische Präzipitate auch Lecithin zu binden vermögen. Lab wird unter diesen Bedingungen nicht erheblich ad- sorbiert (Hailer 90). Einen neuen Beleg für die Aehnlichkeit der Komplemcntbindung durch spezifische und unspezifische Niederschläge lieferte das Studium der WAssERMANNSchen Reaktion. Bekanntlich beruht diese Re- aktion syphilitischer Sera auf der Verbindung gewisser Bestandteile der Sera mit alkohollöslichen Stoffen normaler oder pathologisch veränderter Organe, ist also keine im Sinn der Immunitätslehre spezifische Reaktion. Trotzdem stimmt sie mit der Komplemcnt- bindung durch spezifische Kombinationen in allen Punkten über- ein, auch darin, daß, wie Michaelis & Skwirski^i fanden, nur ein Teil der Komplemente, nämlich der bei der Säurefällung im Globulin - niederschlag enthaltene Teil gebunden wird. Es kommt demgegen- über für die Auffassung der Komplementbindung nicht in Betracht, daß nach Michaelis & Skwirski und Amako^^ durch einzelne Ad- sorbentien das ganze Komplement, nicht nur wie bei der sogenannten spezifischen Komplementbindung und der WASsERMANNSchen Re- aktion der Globulinteil gebunden wird, woraus diese Autoren einen *) Vgl. die Hämolyse durch Kieselsäure und Komplement, S. 1251. Handbuch der pathogenen Mikroorganismen. 2. Aufl. II. 79 1250 Karl Landsteiner, prinzipiellen Gegensatz zwischen spezifischer und unspezifischer Kom- plementbindung ableiten wollen. Da nur wenig zahlreiche Stoffe in (lieser Eichtung geprüft wurden, erscheint diese Deduktion unzu- länglich begründet, und tatsächlich wiesen Liefmann & Cohn^^ nach, daß Cholesterin ebenso wie spezifische Präzipitate nur den Globulin- anteil des Komplements bindet. Auch die Ergebnisse von Gengou^* dürften in gleichem Sinne sprechen. Wie Sachs & Rondoni ^^ bemerkteu, ist die Wiriisanikeit der allioho- lischen Organextrakte bei der W. Reaktion unter Umständen davon abhängig, ob die Verdünnung der Extrakte rasch oder langsam vorgenommen wird. S. & R. beziehen die Unterschiede darauf, daß Emulsionen verschiedener Teilchengröße entstehen, wie aus der ungleichen Trübung der Lösungen zu schließen ist. Gatz & Inaba ^^, die ebenfalls Unterschiede der liämolytischen Wirkung je nach der Art der Verdünnung des Extraktes bemerkten, und Friedemann ^'^ schließen sich dieser Erklärung nicht an. Die Komplementbindung ist unter Umständen mit einem sinnfälligen Phä- nomen verbunden, darin bestehend, daß in der Lösung stattfindende Flockungen von Zellen verstärkt, oder überhaupt erst unter dem Einfluß des Komplementes bemerkbar werden. Derartige Erscheinungen wurden von Bordet und seinen Mitarbeitern als Konglutin ation beschrieben. In einer sehr bemerkens- werten Untersuchung hat nun kürzlich Gexgou ^* gezeigt, daß ganz analoge Flockungen in Gegenwart von Komplement (und zwar des Globulinteiles) an gewöhnlichen Suspensionen, z. B. Mastixemulsion oder Stärkeaufschwemmung eintreten können. Auch diese Beobachtungen stützen offenbar in iiohem Grade eine physikalische Auffassung der Komplementwirkung. (Ueber die Cytolyse s. S. 1271.) II. Nachahmung immunchemischei: Vorgänge mit Hilfe kolloidaler Substanzen. Die Möglichkeit einer chemischen Bearbeitung der Immunitäts- reaktionen ergab sich, als es gelungen war, an Stelle der biologischen Experimente an Tieren prinzipiell gleichartige Reagenzglasversache zu setzen (Ehrlich). Die Phänomene, die man hier beobachtete — Agglutination, Präzipitation, Cytolyse — schienen zunächst ganz eigenartig zu sein und Analogien, die als Grundlage einer experi- mentellen Bearbeitung dienen konnten, wurden, solange man nur die Reaktionen der organischen Chemie zum Vergleiche heranzog, nicht bekannt. Erst die Berücksichtigung der Kolloidnatur der Immunstoffe führte zur Auffindung gleichartiger Wirkungen bei einfacheren Sub- stanzen. Versuche in dieser Richtung machten zuerst Landsteiner & Jagic^s*). Sie fanden, daß das Phänomen der Hämagglutination in typischer Weise zu erzielen ist, wenn man Blutkörperchenauf- schwemmungen mit Lösungen kolloidaler, anorganischer Säuren oder Basen (Kieselsäure, Alolybdänsäure, Eisenoxyd, Aluminiumhydroxyd) zusammenbringt. Am geeignetsten erwies sich für solche Versuche die in salzhaltigen Lösungen stabile kolloide Kieselsäure, die schon in sehr geringer Konzentration Ausflockung von Blutzellen hervor- ruft und dadurch an die höhe Wirksamkeit spezifischer Agglutinine erinnert. So ist mit Hilfe der Agglutination von Blut unter Um- ständen noch ein Gehalt von 0,001 o/qq der im übrigen so wenig reaktiven Säure nachweisbar, während viel stärkere nicht kolloide Säuren in solcher Konzentration keine Veränderung von Blut- *) Ueber die hier anzureihende Agglutination durch Schwernietallsalze s. Hiksch- FELD »«*). Kolloide und Lipoide in der Immunitätslehre. 1251 körperchen hervorbringen. Aehnlich wie bei organischen Agglu- tininen erfolgt die Verklumpung am raschesten, wenn mittlere Konzentrationen der Kieselsäure verwendet werden. Analoge Effekte erfolgen bei anderen Zellen, z. B. bei Spermatozoen, an denen gleichzeitig mit der Agglutination ein Verlust der Beweglichkeit zu beobachten ist, wie bei der Agglutination beweglicher Bakterien durch Blutserum. In Serumlösungen bewirkt Kieselsäure Eiweiß- fällung und demgemäß hebt ein Zusatz von Serum die hämagglu- tinierende Wirkung der Säure auf. Die Eiweißfällung wird wie die spezifische Präzipitation durch einen Ueberschuß an Serum ver- hindert. Auch die Inaktivierung der spezifischen Agglutinine durch Erhitzen läßt sich an Kieselsäurelösungen nachahmen, da diese ihre "Wirksamkeit offenbar durch Koagulation des Kolloids verlieren, wenn man sie in verdünnter salzhaltiger Lösung erwärmt. Die Agglutination von Blut erfolgt auch durch ausgefällte Metall- h3'droxyde (Landsteiner & Jagio), ferner, wie Gengou^oo zeigte (neben Hämolyse), durch fein verteilte anorganische Pulver, z. B. BaSO^, CaEU oder durch Mastixemulsionen. Diese Reaktion zeigt wie die oben beschriebene ihre maximale Intensität bei Anwendung mittlerer Mengen der anorganischen Salze und wird durch Eiweiß- lösungen und manche andere hydrophile Kolloide gehemmt. Vgl. Girard-Mangin & Henri ^"i und die Widerlegung der Ansichten dieser Autoren durch Gengou^"^. Ueber Agglutination durch Dextrin, Gummi, Gelatine s. K. Meyer 103^ Sackur^"*, über die Nachahmung der Konglutina- tion durch Gengou s. S. 1250. Daß Bakterien in ähnlicher Weise wie Blutkörperchen durch anorganische Kolloide agglutinierbar sind, lehren Experi- mente von BiLTz, MucH und Siebert i^^ über die Einwirkung kolloider Lösungen von Eisen-, Chrom-, Aluminiumhydroxyd*) auf Suspensionen von Typhus- und Colibacillen. Außer der Hämagglutination konnten Landsteiner & Jagic die Erscheinung der Hämolyse mit Hilfe kolloider Kieselsäure nach- ahmen. Als solche bewirkt diese Säure neben der Hämagglutination keine ausgesprochene Lösung des Blutes, sondern verhält sich in dieser Beziehung ähnlich wie die pflanzlichen Hämagglutinine. Hingegen gelingt es, typische Hämolyse durch Anwendung bestimmter, und zwar derselben Zusätze hervorzurufen, die auch bei Hämotoxinen und hämolysierenden Seren als sogenannte Komplemente fungieren. Die eine der aufgefundenen Kombinationen ist die von Kieselsäure mit Lecithin. Ob diese Form der Hämolyse mit irgendeiner der be- kannten Aktivierungen von Cobragift durch verschiedenartige Lipoide in Uebereinstimmung steht, muß vorläufig dahingestellt bleiben, da auch über die Vorgänge bei manchen Arten der Aktivierung von Cobragift noch keine volle Klarheit besteht. Trotzdem dürfte der angeführte Fall insofern von Wichtigkeit sein, als er ein ziemlich durchsichtiges Beispiel der toxischen Kombinationswirkung eines wasserlöslichen Kolloids und eines Lipoids gibt, die beide in den ver- wendeten Mengen an sich nur geringe hämolytische Wirksamkeit be- sitzen. *j lieber bakterizide Wirkungen von Hydrosolen s. Henri & Cernovodeajju und Girard-Mangin '05') ; Porges i"^*-). 79* 1252 Karl Landsteiner, Eine Verstärkung der Säurehäraolyse zeigte sich aucti in Versuciien von Aerhenius ^°^ *) bei der Kombination nicht kolloider Säuren (z. B. Borsäure) mit Lecithin. Die von Arrhenius untersuchten Substanzen sind aber ebenso wie eine von v. Liebermann & v. Fenyvessy '"" angegebene Anordnung, abgesehen von anderen Momenten, schon wegen der verhältnismäßig hohen angewendeten Säurekonzentrationen nicht gut mit Immunstoffen zu vergleichen. Hämolytische Effekte ließen sich auch erzielen, wenn man in geeigneter Weise hergestellte Kieselsäure mit Blutserum kombi- nierte, z. ß. Kieselsäure und Kaninchenserum auf Kaninchenblut einwirken ließ. Die Komplementwirkung des Serums wird in ähn- licher Weise wie bei hämolytischem Serum durch kurzes Er- hitzen auf 55^, durch Behandeln des Serums mit Aufschwem- mungen von Hefe oder Kokken, durch Einwirkung von Papayotin aufgehoben. Diese Versuche von Landsteiner & Jagic wurden von V. Dungern & CocaIos niit gleichem Erfolg wiederholt und ergänzt. V. Dungern & Coca zeigten, daß die Aktivierung von Kieselsäure durch frisches Blutserum nur bei bestimmten Mengenverhältnissen zu- stande kommt und durch Salzzusätze in derselben Weise beeinflußt wird wie die typische Serumhämolyse. In neuen Versuchen konnten Land- steiner & Rock i^^a außerdem K o m p 1 e m e n t b i n d u n g g r e a k t i o n e n mit Si02 + Serum erzielen, wenn diesem hämolytischen System Eiweiß und spezifisches Präzipitin oder Syphilisserum und alko- holischer Herzextrakt zugeführt wurde und sie fanden auch, daß die Eigenschaft des Serums, Kieselsäure zu komplettieren, bei der Ein- wirkung von Wasser und COg, und von Aether in prinzipiell ähn- licher Weise verändert wird, wie die gewöhnliche Komplement- funktion. Demnach ist der Schluß gerechtfertigt, daß die Akti- vierung von Kieselsäure mit den sogenannten Kompleraentwir- kungen im Wesen übereinstimmt. Aus den angeführten Ergebnissen geht hervor, daß man mit Hilfe organischer kolloider Lösungen Modelle von Immun reak- tionen herstellen kann, die ihren Vorbildern sehr nahe kommen, und zwar sowohl nach der Art der Eeaktionserscheinung als auch be- sonders in bezug auf die bei immunchemischen Prozessen so auffällige Wirkung sehr kleiner Substanzmengen. Mit Hilfe anderer als kol- loider Lösungen konnten ähnliche Effekte bisher nicht erzielt werden, und so liefern diese Modellversuche einen sehr anschaulichen Beweis dafür, daß die Besonderheit der immunchemischen Prozesse von der kolloiden Beschaffenheit ihrer Substrate abhängig ist. IM. Die immunchemischen Vorgänge als Kolloidreaktionen. Der gegebenen Charakterisierung der Antigene und Antikörper als Kolloidsubstanzen entspricht eine Reihe allgemeiner Gesetz- mäßigkeiten ihrer Reaktionen, wodurch diese den sogenannten Adsorptionsvorgängen nahestehen. 1. Quantitative Verhältnisse der Immunreaktionen. Die in der ersten Zeit des Studiums der Immunreaktionen auf Grund der EHRLiCHSchen Theorie gemachte Voraussetzung, daß die Immunkörper sich nach konstanten Proportionen vereinigen, stimmt *) Ueber kombinierte Wirkung verschiedener hämolytischer Stoffe s. Frei'"''*); Madsek & Arrheniüs "•^"j ; Zaxgger i*"^") ; Cernovodeaku ""'d) & Henri; - Sachs •ö'^e). Kolloide und Lipoide in der Immunitätslehre. 1253 zumeist nicht ohne weiteres mit den Versuchsergebnissen überein und erfordert deshalb komplizierte, von Fall zu Fall wechselnde (und ex- perimentell nicht verifizierte) Hilfshypothesen, besonders die Voraus- setzung der gleichzeitigen Reaktion mehrerer ähnlicher Substanzen mit verschieden großer Affinität(s.u.S. 1256). Es lag demgemäß genügende Veranlassung vor, nach einfacheren theoretischen Darstellungen zu suchen und Bürdet 1^9 vertrat auf Grund seiner Versuche zuerst die Ansicht, daß die Verbindung von Immunstoffen in der Regel nach inkonstanten Verhältnissen vor sich gehe und der je nach der Konzen- tration der Lösungen variierenden Adsorption von Farbstoffen vergleichbar sei. Demgemäß fallen die quantitativen Verhältnisse der Immunreaktionen, ganz abgesehen von hypothetischen Vorstellungen, unter ein allgemeines Gesetz iio, das für mannigfache Arten von Ad- sorptionsvorgängen gilt und dessen Zutreffen für die Immunreak- tionen bei der kolloiden Xatur der wirkenden Stoffe von vorn- herein zu erwarten ist (Landsteiner & JagicHi, Biltz^^^^ Zang- ger ii^ CrawH*). Als einfachster, zunächst zu betrachtender Fall bot sich die Ab- sorption der Agglutinine (und Lysinej aus dem Grunde dar, weil hier die aus zwei Komponenten gebildete Verbindung (z. B. Agglutinin + Bakterien) sich als Sediment abtrennen läßt und in der überstehenden Flüssigkeit der unverbundene Rest der. einen Substanz (des Agglu- tinins) quantitativ bestimmbar ist. Ermittelt man derart die Werte des aufgenommenen Agglutinins, so findet man, daß mit steigender Agglutininkonzentration zwar die Absorption absolut zunimmt, die aufgenommene relative Menge aber sinkt (Eisenberg & Volk*). Analoge Kurven wurden bei verschie- denen Adsorptions Vorgängen gefunden, so von van Bemme- LEN^i^ bei der AufnaJime von Salzsäure durch das Hydrogel der Zinnsäure, von Biltz^I'' bei der Adsorption von Benzopurpurin, Mo- lybdänblau, Kollargol durch Aluminiumhydroxyd, von Molybdänblau und Vanadinpentoxyd durch Seide, Benzopurpurin durch Baumwolle (vgl. Georgievics 118). Diese Vorgänge lassen sich in einer Anzahl der Fälle ^^^ an- P p nähernd durch eine empirische Formel von der Gestalt p- = k dar- stellen (bzw. bei variablen Mengen des Absorbens durch 1 — I = tC,), worin C^ die Konzentration der adsorbierten. C^ die Konzentration der gelöst gebliebenen Substanz bedeutet, und p > 1 ist (vgl. Biltz^-*' s. S. 1247; über Abweichungen von dieser Formel s. S. 1257). Ein zahlenmäßiges Beispiel für die Agglutininadsorption gibt die folgende Uebersicht einer der zahlreichen von Eisenberg & Volk i^i 3 angestellten Versuchsreihen, für die Arrhenius ^^^ die Formel : — ^ = k berechnet. (Die mangelhafte Uebereinstimmung bei niedrigen Kon- zentrationen führt Arrhenius auf Versuchsfehler zurück.) *) Die Angaben von Joes "*") über die Bildung konstant zusammengesetzter Ver- bindungen sind ungenügend begründet. 1254 Karl Landsteiner, Aufnahme von Typhusagglutinin durch eine gleichbleibende Menge von Typhusbacillen. Gesamte Agglu- c, C, c. tininmenge beobachtet berechnet 2 2 0,024 20 20 0,69 40 40 2,1 67 67 4,0 200 180 20 19,7 400 340 60 52,9 2000 1500 500 478 10000 6 500 3500 3890 20000 11000 9000 9160 Aehnliche Uebereinstimmimgen zeigten nach Arrhexius andere analoge Versuche über die Aufnahme von Agglutinin durch Bakterien, von hämolytischem Immunkörper durch Blutkörperchen (s. die fol- gende Tabelle von Arrhexius & Morgenroth i23) un(i jn fast allen Fällen ergab sich die angeführte Formel mit dem Exponenten f, während die Konstante verschiedene Werte aufwies", anscheinend meistens kleinere bei Seren von geringem AgglutiningehaRi^ö*). Absorption von hämolytischem Immunkörper durch Blutkörperchen. Gesamtmenge beobachtet berechnet des hämolyt. Immunkörpers c. 250 226 24 39 330 257 55 57 670 500 170 151 1330 850 480 376 2 700 1710 990 942 5000 3 070 1930 2 050 10000 5800 4200 4800 16 700 7 820 8 880 8 870 33 000 13 900 19100 19 700 Arrhenius gibt seinen Berechnungen der von Eisenberg & Volk gefundenen Zahlen eine hypothetische Deutung auf Grund des GuLDBERG-WAAGESchen IMasscnwirkungsgcsetzes, indem er die Agglu- tininabsorption als einen Lösungsvorgang auffaßt. In Versuchen über die Verteilung eines Stoffes zwischen zwei mischbaren Lösungsmitteln fand Nernst für den Zustand des Gleich- C " gewichts eine Gleichung von der Form ~ = k dann als gültig, wenn das Molekulargewicht der Substanz in dem Lösungsmittel, in dem die Konzentration Cg beträgt, x-mal so groß ist als in dem anderen ; so ergibt sich für die Verteilling von Benzoesäure zwischen Wasser und Benzol, da Benzoesäure in Benzol ein zweimal so großes Mole- kulargewicht besitzt als in wäßriger Lösung, die Formel „ r- = k. Arrhenius nimmt nun an, daß eine analoge Vorstellung für die *) Allerdings kommen auch andere Exponenten von C, vor, z. B. bei künstlich abgescn wachten Seren der Exponent 2 statt f. Kolloide und Lipoide in der Immunitätslehre. 1255 Agglutininbindung anwendbar sei und legt die von ihm ermittelte Formel dahin aus, daß bei der Agglutininbindung ein Gleichgewichts- zustand eintrete, der einer Verteilung des Agglutinins zwischen zwei Lösungsmitteln entspricht, wobei das Molekulargewicht in der Flüssig- keit l^/gmal so groß sei als in den Bakterien, bzw. das Molekular- gewicht des Agglutinins in gebundenem Zustand zu dem des freien Agglutinins sich verhalte wie 2 : 3. Diese Auffassung von Arrhenius, die übrigens das Bestehen einer chemischen Verbindung zwischen Agglutinin und Bakterien nicht ausschließt (Arrhenius), ist, sowie die Anwendung des Massen- wirkungsgesetzes überhaupt, mit den tatsächlichen Verhältnissen nicht zu vereinen, auch wenn man von den möglichen Versuchs- fehlern, die nach der Ansicht von NeisserI^s die rechnerische Ver- wertung der Resultate erschweren, absieht. Ein bedenklicher Umstand liegt schon darin, daß Versuchen von Müller ^27 zufolge in ein und demselben Imniunserum wahrscheinlich Agglutiuine ver- schiedenen Bindungsvermögens vorhanden sind, so daß die Adsorptionskurven in Wirklichkeit die ResuUanten einer Kurvenschar sein dürften. Noch ent- scheidender ist es, daß die für die Anwendung des Massenwirkungsgesetzes not- wendige Grundvoraussetzung vollkommen reversibler Prozesse bei der Agglu- tininabsorption nicht zutrifft, denn aus einer Angabe Neissers ^^^ und aus- führlichen Versuchen von Landsteiner & Reich ^-^ geht hervor, daß die einmal gebildeten Agglutininverbindungen besonders bei Irani unseren unter den Bedingungen ihres Entstehens nur zum geringen Teil wieder zerlegbar sind, ein echtes Gleichgewicht, das sich von beiden Seiten in gleicher Weise her- stellen läßt, also nicht vorliegt. Dieses Verhalten ist entscheidend gegen die Deutung der tatsächlich gefundenen Werte mit Hilfe der Hypothese von Arrhenius *). Andererseits wird die Einordnung der Agglutininbindung unter die Kolloidadsorptionen dadurch nahe gelegt, daß gerade bei diesen Prozessen mangelhafte Reversibilität immer wieder anzutreffen ist. Der Einwand von Arrhenius ^äi, daß die Größe des Exponenten in der Formel für die Agglutininabsorption eine andere sei als in der Regel bei Adsorptions- vorgängen (vgl. WiLH. Ostwald ^22)^ ist angesichts des geringen über Kolloid- reaktionen vorliegenden Zahlenmaterials und der Inkonstanz (vgl. BiLTZ ^^^) der Größe bei verschiedenen Adsorptionen nicht beweiskräftig. Für diese Ansicht sprechen neue Versuche von Dreyer & Douglas i^*, die überdies finden, daß der Exponent auch in einer und derselben Versuchsreihe keine Konstanz besitzt. Arrhenius **) hat weiterhin als Argument gegen einen Vergleich der Agglutininbindung mit der Färbung die größere Geschwindigkeit des ersten Vorganges angeführt. Nach neuen Untersuchungen von Dreyer & Sh. C. Douglas 1^^ ist aber die Geschwindigkeit, mit der der Endzustand bei der Agglu- tination erreicht wird, geringer als man bisher angenommen hat. Eine ähnliche Diskussion über die von Arrhenius 1^6 versuchte Anwendung des Massenwirkungsgesetzes und die Heranziehung der Adsorptionsformel ergab sich, wie in dem schon besprochenen Falle, auch für verschiedene andere immunchemische Prozesse und im be- sonderen die Reaktion zwischen Toxin und Antitoxin. Bekanntlich beobachtete Ehrlich an dieser Reaktion das Phä- nomen, daß Zusätze verschieden großer Mengen von Antitoxin zu einer bestimmten Quantität, z. B. von Diphtheriegift, disproportionale Toxinmengen absättigen und führte die Erscheinung auf die Anwesen- heit einer Anzahl verschiedener Toxine und Toxinderivate mit un- gleicher Giftigkeit und ungleicher Avidität für Antitoxin zurück. *) Ueber andere Argumente, namentlich die Möglichkeit, für gewisse Ver- suchsreihen andere Exponenten einzusetzen als Arrhenius s. Craw ""). **) Immunochemie, S. 17. 1256 Karl Landsteinkr, Arrhenius versuchte eine Erklärung auf Grund des Massenwirkungs- gesetzes und nahm au, daß Toxin und Antitoxin nach Art von schwachen Säuren und Basen unvollständig reagieren, so daß neben der Verbindung der beiden Komponenten, je nach deren Konzentration, verschieden große Anteile sich frei in der Lösung befinden. Auch auf "Grund dieser Vorstellung sind, wie Arrhexius am Beispiele der Absättigung von Ammoniak und Borsäure demonstrierte, Erschei- nungen zu erwarten, die dem EHRLicHSchen Phänomen entsprechen, und bei der Wahl bestimmter Formeln mit passend gewählten Kon- stanten ließen sich Werte berechnen, die mit den bei der Absättigung von Toxin durch Antitoxin gefundenen annähernd übereinstimmten. Es ist allerdings zu berücksichtigen, daß eine anscheinende Ueberein- stimmung mit dem Massengesetz auch in Fällen möglich ist, die diesem ihrem Wesen nach nicht unterliegen, wenn die aktive Menge eines kolloid gelösten oder in einer Flüssigkeit suspendierten Stoffes in analoger Weise in Erscheinung tritt wie eine Lösungs- konzentration (vgl. Bredig13^). Dazu kommt, wenn man von den Be- denken, die Nerxst^ss gegen die Berechnungen von Arrhenius vor- brachte, abstrahiert, der Umstand, daß in dessen Hypothese an Stelle der vielfachen Substanzen Ehrlichs mit ad hoc zugeteilten Eigen- schaften die willkürliche Wahl mehrerer, in den einzelnen Fällen wechselnder Konstanten gesetzt ist, wodurch die annähernde Ueberein- stimmung zwischen den beobachteten und berechneten Zahlen an Be- weiskraft verliert und die Formeln den Charakter von Interpolationen annehmen (vgl. Nerxst). Den entscheidendsten Einwand gegen die Anwendung des Massen Wirkungsgesetzes für die Berechnung bildet auch hier wieder die unvollkommene Reversibilität der üeaktion zwischen Toxin und Antitoxin. Dieses Verhalten wird, wie Nernst bemerkte, schon dadurch unwahrscheinlich, daß bei vollständiger Um- kehrbarkeit des Prozesses Antitoxine im Tierversuche keinen Schutz gewähren könnten, da aus den gebildeten Antitoxinverbindungen all- mählich alles Toxin abgespalten werden müßte; das Nicht-Bestehen eines echten Gleichgewichtes ist weiterhin mit Sicherheit aus dem sogenannten Phänomen von Bürdet -Danysz, v. Dungern zu er- schließen (s. u.). Bei dieser Sachlage und da reversible Reaktionen in homogenen Lösungen zwischen Kolloiden bisher nicht bekannt sind (Kernst), ergibt es sich vorläufig als einfachste Darstellung, wenn man die Reaktion zwischen Toxin und Antitoxin als einen Adsorptionsvorgang (vielleicht der kleinen Toxinteilchen durch die größeren Antitoxin- partikel) ansieht 139*). Das schließt keineswegs aus, daß, wie Ehr- lich annimmt und manche Gründe es wahrscheinlich machen, die Toxine nicht einheitliche Substanzen sind, und daß die Verbindungen teilweise dissoziierbar sind, also Toxin und Antitoxin in neutralen Mischungen zum Teil in unverbundener Form existieren **), da auch bei der Adsorption von Eiwfeiß eine partielle Spaltbarkeit der Ver- bindungen zu beobachten ist (s. BiltzI^i). *) Ein Analogon für die Art der Xeutralisierung von Toxin durch Antitoxin und für das EHRLiCHsche Phänomen wies Biltz am Beispiele der Adsorption von arseniger Säure durch gefälltes Eisenhydroxyd auf. Freilich handelt es sich hier nicht um eine zwischen gelösten Stoffen verlaufende Reaktion. **) Vgl. Mausen 1"»); Otto & Sachs'"") ; Craw ""<=); LAXDSTEINER& Reich »"d). Kolloide und Lipoide in der Immunitätslehre. 1257 Die Adsorptionshypothese impliziert die schon vorlier geäußerte Annahme BoRDETS 1^2 von der Existenz verschieden zusammengesetzter Toxin -Antitoxinverbindungen mit differenten Eigen- schaften, z. B. verschiedener Toxizität, wenn auch Bürdet die Existenz einer Reihe chemischer Verbindungen verschiedenen Sät- tigungsgrades zwischen Toxin und Antitoxin zur Veranschaulichung seiner Vorstellung benützt. Daß die Adsorptionshypothese auch den quantitativen Daten nicht wider- spricht, zeigte Biltz i*^. Er benützte die Adsorptionsformel I ^^ I = kC.,, worin wieder C] die Quantität der adsorbierten, C2 die Konzentration der nicht adsorbier- ten Substanz, n die Menge des Adsorbens (Antitoxin) bedeutet und k und p Kon- stanten sind (s. oben) und stellte die Berechnung der von Arrhenius mitge- teilten experimentellen Daten mit Hilfe graphisch bestimmter Mittelwerte des Exponenten p für eine Anzahl von Versuchen mit verschiedenen Toxinen und Antitoxinen an. Die von Biltz berechneten Werte stimmen mit den beobachteten im allgemeinen nicht so gut, aber doch nicht viel schlechter als die aus den Formeln von Arrhenius resultierenden, und die Adsorptionsformel ist demnach als empirischer Ausdruck ungefähr ebenso zu benützen wie die von Arrhenius. Ein Beispiel dafür gibt die folgende Tabelle der Toxizitätsbestimmung einer bestimmten Menge von Diphtherietoxin bei Zusätzen steigender Antitoxinmengen. C3 Kpr^Ko />}l tot C, berechn. nach Cg berech, nach n (Antitoxin) der Fornael von der Adsor- UC\J Ucll^il \^ V Arrhenius ptionsformel 0,05 74,4 87,5 86 0,1 72,8 75,1 71,2 0,15 57,6 62,7 59,5 0,2 49,8 50,6 48 0,25 32,2 38,6 35,5 0..3 28,0 27,3 25 0,35 17,2 17,5 16,5 0,4 11,1 9,9 10 0,45 5,6 6,0 5.3 0,5 1,2 ■1,1 2:3 Wenn in anderen Fällen die Berechnung von Biltz weniger gut stimmt als in dem angeführten, so ist zu bedenken, daß auch die Adsorption von Eiweiß- körper und Farbstoffen nicht immer der gewöhnlich benützten Adsorptionsformel gut entspricht (Biltz 1**) und daß über die Adsorption zweier gelöster Kolloide experimentelle Daten außer an Immunkörpern bisher überhaupt nicht vorliegen. Bevor über diese Prozesse genügende Erfahrungen gewonnen sind, wird es nicht möglich sein, die Berechnungen der Toxinreaktionen zu einer Ent- scheidung über die Adsorptionshypothese zu benützen. Die neuen quantitativen Untersuchungen von LoeweI*^ über die Aufnahme von Tetanustoxin durch Gehirnsubstanz deutet der Verfasser im Sinne eines Lösungsgleichgewichtes, doch sind die Beobachtungen nicht völlig beweisend. Aus einigen in letzter Zeit erschienenen Abhandlungen ergibt sich das Bestehen einer auffälligen Abweichung von dem als typisch geltenden Verlauf bei der Adsorption von Farbstoffen und Immun- kolloiden, darin bestehend, daß in hohen Konzentrationsbereichen die Adsorption mit steigender Konzentration der Lösung gleichbleiben oder selbst abnehmen kann, also z. B. in sehr konzentrierten Farb- lösungen Fasern sich schwächer färben als in Lösungen mittlerer Stärke. Solche von ihnen als „anormale" Adsorption bezeichnete Erscheinungen sahen Biltz &Steiner1^6*) bei der Aufnahme einzelner *) Nach Bayliss '''*^*) kann das Phänomen auf der Anwesenheit die Adsorption hindernder kristalloider Stoffe beruhen. 1258 Karl Landsteiner, Farbstoffe durch Baumwolle und Kohle und von Kupfersulfat durch Tone, und Freundlich ^^^ berichtet über eine ähnliche Erscheinung bei der Adsorption von Strychninnitrat durch Arsensulfid. Es ist gewiß bemerkenswert, daß ganz ähnliche Verhältnisse von Dreyer & Douglas 148 bei der Aufnahme von Agglutininen durch Bakterien beobachtet wurden, wenn auch die Ursachen der abnormen Adsor- ptionskurven in den einzelnen Fällen durchaus nicht die gleichen sein müssen (Biltz, Lottermoser i*^). Festzustellen bleibt, ob die Ansicht von Dreyer & Douglas, daß die Erscheinung bei der Agglu- tininadsorption durch Aenderungen der Viskosität, des Eiweiß- oder Salzgehaltes der Lösungen bedingt sein könnte, eine genügende Er- klärung gibt. Ueber die Verhältnisse der P räzi pi tin reaktion, die variable Zusammen- setzung der Präzipitate und das Voriiandensein unverbundener Komponenten neben dem Reaktionsprodukt, s. Eisenberg i^°, Müller i^^, Schur, Michaelis & Fleischmann >^-, v. Düngern'"^, Michaelis '-'^ Hamburger & Aerhenius '^*, über die variable Zusammensetzung der komplementbindenden Komplexe zwischen Antigen und Antikörper Gay ^^^. 2. Das Phänomen von Bordet-Danysz.- Immunreaktionen verlaufen fast regelmäßig so, daß der End- zustand der Systeme von der Zeit abhängt, innerhalb deren die reagierenden Substanzen zusammengebracht werden (Bürdet i^^^ Danysz^^s^ V. Dungern i^ö, Sachs i60*^_ Fügt man z. B. einer be- stimmten Menge Antitoxin eine Quantität Diphtheriegift zu, so ist die Lösung nach abgelaufener Reaktion giftiger, wenn der Giftzusatz in zwei Akten erfolgt, als wenn man die ganze Toxinmenge mit einem Male zufügt. Das Endergebnis wird sowohl durch die Größe der Fraktionen als auch durch die Zeit beeinflußt, die zwischen den Zusätzen verstrich. Die Erscheinung setzt offenbar das Bestehen irreversibler Re- aktionen voraus. Die Annahme von Arrhenius, daß die Irreversi- bilität eine Folge sekundärer Reaktionen ist, die erst dann in merk- lichem Grade stattfinden, wenn die umkehrbare Hauptreaktion zum größten Teile beendet ist, hielt der experimentellen Prüfung nicht stand, denn nach Versuchen von v. Dungern '*'^ ist das Phänomen tatsächlich schon vor dem völligen xlblauf der Hauptreaktion nach- weisbar, und auch die speziellen Hypothesen von Arrhenius i^^ über die Art der supponierten Nebenreaktionen wurden aus triftigen Grün- den bezweifelt (CrawI*^^). Eine Notwendigkeit, das Phänomen von Bordet-Danysz auf be- sondere die Hauptreaktion komplizierende Momente zu beziehen, liegt nicht vor. weil analoge Erscheinungen bei zahlreichen Kolloidreak- tioneu auftreten und sich aus der Tatsache der unvollständigen Um- kehrbarkeit dieser Vorgänge und aus der Gestalt der Adsorptions- kurveii ohne weiteres als ]^olgerung ergeben. Freundlich ^^* machte in dieser Richtung Untersuchungen über die Fällung von Hydrosolen durch Elektrolyte. Er fand beispielsweise, daß eine Menge von Bariumchlorid, die rasch zugesetzt eine bestimmte Quantität eines Arsensulfidsols innerhalb zwei Stunden ausfällte, nur eine sehr geringe Wirkung hatte, wenn die Zusätze langsam im Lauf von Tagen erfolgten, da dann noch ebenso viel des Elektrolyten zur raschen Ausflockung der Lösung nötig war *) Bezüglich der Erscheinungen bei fraktionierter Neutralisierung von Toxin durch Antitoxin s. Pick & Schwoner "^"*). Kolloide und Lipoide in der Immunitätslehre. 1259 wie im ursprünglichen Zustande. Analoga für das Pliänomen von Bordet- Danysz sind auch beim Färbungsprozeß zu beobachten (vgl. Bürdet ^"^j Bay- Liss'^*^, Crawi^'). Auf verwandten Ursachen wie das BoRDEX-DANYSzsche Phänomen beruht die an Immunreaktionen zu beobachtende Erscheinung, daß bei der Herstellung von Gemischen die Reihenfolge der Zusätze und das Volumen der Lösung zur Zeit des Zusatzes nicht gleich- gültig ist. So findet z. B. Friedemann i^^, daß sich Gemische von Serumalbumin und Globulin bei der WASSERMANNSchen Reaktion ver- schieden verhalten, je nachdem die' Lösungen in verdünntem Zu- stande gemischt werden oder die Verdünnung erst nach der Mischung vorgenommen wird. Eine ähnliche kolloidchemische Erklärung wie die des Bordet- ÜANYSzschen Phänomens erfuhren durch Pauli i*^^ die erwähnten Beob- achtungen von Pick & Schwoner über sogenannte toxolabile Anti- toxine. lieber Aenderungen des Kolloidzustandes durch Abkühlung s. Blan'CK & Friedemann ^"0. 3. Erscheinung der Reaktionsoptima. Eine häufig beobachtete Eigentümlichkeit der immunchemischen Reaktionen ist die Ausbildung eines Maximums der Niederschlags- bildung oder anderer Reaktionseffekte bei mittleren Mengen der aufeinanderwirkenden Stoffe. So bleibt die Präzipitation bei Verwen- dung großer Quantitäten präzipitabler Substanz regelmäßig aus und bei hohen Konzentrationen eines agglutinierenden Serums findet man nicht selten geringere Grade der Agglutination von Bakterien als bei mittleren Agglutininmengen. Das Phänomen wurde häufig auf die Anwesenheit besonderer Hemmungsstoffe im Serum bezogen und damit steht die Tatsache in Uebereinstimmung, daß künstlich, z. B. durch Erhitzen, in ihrer Wirksamkeit abgeschwächte Sera, in denen bindende, aber nicht oder nur schwach fällende Stoffe (sog. Agglutinoide, Präzipitinoide etc.) enthalten sind, die Erscheinung besonders deutlich zeigen oder die Wirkung anderer unveränderter Sera hemmen. Zu einer allgemeineren Betrachtungsweise führt die Berücksich- cigung des Umstandes, daß ähnliche Reaktionsoptima bei Kolloid- reaktionen häufig auftreten. Derartige Beobachtungen machten Neissei? & EriedemannI^i, Landsteiner & Jagic^'^^ BechholdI'^^ BiLTzi'-i, Friedemann i"5 bei der gegenseitigen Fällung von elektro- positiven und negativen Kolloiden, von sauren und basischen Farb- stoffen*) und bei Eiweißfällungen. Wenn ungleichsinnig geladene Kolloide einander ausfällen, kommt das Reaktionsmaximum nach der gewöhnlichen Annahme da- durch zustande, daß eine zur Niederschlagsbildung führende elek- trische Neutralisierung nur bei bestimmten Mengenverhältnissen der Komponenten stattfindet, während beim Vorhandensein von Ueber- schüssen der einen oder anderen Substanz die gebildeten Komplexe elektrisch geladen sind und durch diese die Verteilung begünstigende und der Ausfällung entgegenwirkende Ladung in gelöstem Zustande *) Vgl. BuxTON & Teague '■•'). 1260 Karl Landsteiner, bleiben. Die Ersclieiiiung der Optima bei immunchemisclien Reak- tionen ist wenigstens für einen Teil der Fälle vermutlich unter die für Kolloidfällungen geltende Regel zu subsumieren und demgemäß zu erklären (vgl. Miller i'^''). Die Existenz der schon erwähnten, besonders in abgeschwächten Immunseren vorhandenen sogenannten Agglutinoide und Präzipitinoide steht damit keineswegs in Widerspruch ; man kann es nicht als un- walirscheinlich ansehen, daß die geringe Fällungskraft dieser Sub- stanzen einer Verbreiterung oberhalb und unterhalb der Maxima vor- handener, auch bei nativen Agglutininen vorkommender Zonen ge- ringerer Fällungsintensität (Hemmungszonen) entspricht. Auf einen Zusammenhang der Hemmungszonen bei der Agglutination und anderen Kolloidfällungen deutet eine Beobachtung von Forces ^^^ über Hem- mungen nach Art der Agglutinoidwirkung bei der Fällung von Ma- stixemulsion durch erhitztes Pferdeserum, wie sie die folgende Ta- belle zeigt. (Ueber die leichtere Adsorbierbarkeit von erhitztem Ei- weiß siehe S. 1248.) Serum-Konzentration 1/ 1/ 1/ 1/ 1/ /lOO /lOnO /4000 720 000 /40iii 5 Min. auf 75" erhitztes Serum Un erhitztes Serum + = FäUung. + I + Spur I + + + I Daß die Hemmungszonen nicht notwendig auf die Anwesenheit besonders beschaffener Serumstoffe zu beziehen sind, ergibt sich dar- aus, daß eine durch Erwärmen bewirkte geringere Agglutinierbar- keit der Bakterien die Ausbildung der Hemmungszonen befördert (Borges 1^9) und auch Veränderungen der präzipitablen Substanz Hemmungszonen bei der Präzipitation hervortreten lassen (Doerr & MOLDOVAN^SO), Die Beladung mit Agglutinoiden wirkt im Sinne verminderter Fällbarkeit der Bakterien überhaupt, denn solche Bakterien bieten nach Weil 181 der Ausflockung durch Gelatine erhöhten AVider- stand und sind nach Borges & PrantschoffI^s weniger leicht als im unveränderten Zustand der Spontanagglutination unterworfen. Da durch Erwärmen die Größe gelöster Eiweißteilchen zu- nimmt, und andererseits Erwärmung von fällendem, z. B. agglu- tinierendem Serum die Ausbildung der Maxima begünstigt, so sind die Eigenschaften der Hemmungsstoffe möglicherweise mit Versuchen von Teague & BuxTON in Zusammenhang zu bringen, aus denen hervor- geht, daß Kolloide von beträchtlicher Teilchengröße einander vollkom- mener ausflocken, aber ausgeprägtere Fällungsoptima aufweisen, als Kolloidlösungen feiner Verteilung*), Nach Versuchen von Borges i^* ist es auch möglich, die zur Erzielung von Hemmungszonen führende Serumveränderung hintanzuhalten, wenn man dem zu erwärmenden Serum einen Stoff wie Formaldehyd, der die Koagulation des Serums hemmt, in geringer Menge zusetzt. In hoher Konzentration wirkt Formaldehyd koagulierend auf Eiweiß und bewirkt die Entstehung von Hemmungskörpern. Auch diese Resultate weisen auf die Be- *) Vielleicht werden in die Diskussion der Keaktionsoptima auch die zitierten Versuche von Dreyer & Douglas ^s^) einzubeziehen sein. Kolloide und Lipoide in der Immunitätslehre. 1261 deutung der Koagulation für die Entstehung der Hemmungs- stoffe hin. 4. Die Ausüockungserscheinungen. Wirkungen von Elektrolyten. lu einer wichtigen Untersuchung stellte BordetI^ö*) fest, daß mit Agglutinin verbundene Bakterien (Agglutininbakterien) in destil- liertem AVasser fein verteilt bleiben, sich aber rasch zu Flocken vereinigen und sedimentieren, wenn der Suspension geringe Mengen von Elektrol^-ten zugesetzt werden. Die Agglutininbakterien verhalten sich in dieser Beziehung, wie schon Bordet bemerkte, ganz ebenso wie Aufschlämmungen fein verteilter anorganischer Sub- stanzen, z. B. Tonerde, während native Bakterien ähnlicii wie Eiweiß- lösungen nur bei hohen Salzkonzentrationen ausfallen (PorgesI^^ **). Demnach ist der Fl ockungs Vorgang bei der spezifischen Agglu- tination und der nahe verwandten Präzipitation offenbar nichts an- deres als Salzfällung im ersten Fall einer groben, im zweiten einer sehr feinen Suspension, und die Aehnlichkeit wird dadurch verstärkt, daß auch die gegenseitige Ausflockung zweier Kolloide und die Häm- agglutination durch Kolloide durch Salze befördert werden kann und daß anorganische Suspensionen durch die Verbindung mit organischen Kolloiden gegen Elektrolyte empfindlicher werden (BaSOj^H-t^^^im^^i. Mastix -j- Gelatine, Neisser & Fried'emaxxIst, GexgouI^s^ Bech- HOLui89^ vgl. Porges19o***), (Eine ähnliche Analogie zeigt nach Neisser & Friedemaxn, Bechhold die Ausflockung von Agglutinin- bakterien und gewisser Adsorptionsverbindungen von Kolloiden [Mastix, Gelatine] durch den elektrischen Strom [vgl. Teagüe & BüXTOxl92].) Es ist auch möglich, Bakterien durch verschiedene Eingriffe, z. B. Be- handeln mit Bleinitrat und HoS, Alkohol, Uranylacetat, Säuren "in einen Zustand überzuführen, in dem sie bezüglich der Ausflockbarkeit durch Elektrolyte den Agglutininbakterien nahekommen (Bechhold, Neisser und Friedemanx). Einen eingehenden experimentellen Vergleich zwischen der nach der gewöhnlichen Annahme auf elektrischer Entladung der Partikeln beruhenden, schon früher durch Pictox & LindxerI^s, Hardv^^*, Freuxdlich195 u_ a. studierten Ausflockung von gewöhnlichen Sus- pensionen und der Fällung von Agglutininbakterien stellten Neisser & Friedemaxx196^ BechholdI^'' , Teague, Büxton &SHAFFERi^**t) anft). Es zeigte sich, daß die Ausflockungsgeschwindigkeit bei nicht zu hohen Elektrolytmengen mit der Konzentration der Suspensionen und der Elektrolyte zunimmt. Die Ausflockung beginnt unter sonst gleichen Bedingungen bei einer bestimmten Konzentration der Elektro- lyte und diese Grenzkonzentration nimmt bei Agglutininbakterien wie bei anodisch wandernden Suspensionen mit wachsender Wertig- *) Bez. der Analogien zwischen Agglutination und Kolloidflockung s. Gexgou'*^). **) Ueber Agghitiiiation in salzfreier Lösung und den Einfluß der Elektrolyte auf Eiweißfäliungen s. Friedemaxx '*'^='). ***) Ueber die Aufheb ing der Brown sehen Bewegung bei KoUoidfällungea und yerumreaktionen s. Halbax'^'); Freundlich'^'*). t) Ueber den Einfluß der Verdünnung s. BuxTOX & Räbe'^**"). tt) Literatur und Theorien der Kolloidfällung durch Elektrolyte s. '^^*). Ueber Agglutination vgl. Friedberger^"-*), Joos'^^"). (Einige Besonderheiten im Ver- halten der Agglutininbakterien bei der Flockung erwähnen Teague, Buxtox & Shaffer, 1. c.) 1262 Karl Landsteiner, keit des Kations ab; sie wird außerdem von dessen Zersetzungs- spannung und Wanderungsgescli windigkeit sowie von der elektrolytischen Dissoziation der fällenden Salze bestimmt. Mit steigender Agglutininmenge nimmt die zur Ausflockung erforder- liche Salzkonzentration ab, so daß nach Porges bei einer optimalen Agglutininkonzentration die Ausflockung auch ohne Anwesenheit von Salz erfolgen dürfte. Unter bestimmten Bedingimgen hemmen Salze (und manche Nichtelektrolyte) einerseits Kolloid fällun gen und Adsorptionsvorgänge, andererseits die im- munchemischen Eeaktionen — Hämolyse, Agglutination, Präzipitation und auch die Bindung von Immunsubstanzen. Dieser Parallelismus wurde besonders von Gexgou -°° an der Wirkung des Natriumeitrates in einer Reihe von Fällen nachgewiesen. Literatur bei Eisler 201, Landsteiner & Welecki202^ Pick 203 (Hemmung der Agglutination durch hohe Salzkonzentratiouen), vgl. ferner Neisser -"*, Friedemann""^, Biltz-"", Arrhenius^"', Philosophow -"* Die i mm un ch emischen Flockungen verlaufen nach dem Gesagten gewöhnlich so, daß suspendierte oder kolloid gelöste Stoffe infolge der Verbindung mit einer zweiten Substanz an Stabilität ver- lieren und dann durch viel geringere Salzmengen als im, ursprünglichen Zustand fällbar werden. Für die Leichtigkeit, mit der überhaupt Flockungen eintreten, sind die besonderen Eigenschaften der einzelnen Suspensionen maßgebend. So beobachtete Porges 209^ daß ein be- stimmter Grad von Erhitzung die Stabilität von Bakteriensuspen- sionen wahrscheinlich durch chemische Veränderungen der Bakterien- substanz erhöhen kann, so daß sie inagglutinabel und zugleich durch Salze schwer fällbar werden, und daß Bakterienarten, die durch Serum von vornherein schwer zu agglutinieren sind, auch im nativen Zu- stande hohe Salzfällungsgrenzen haben, also z. B. Kapselbakterien schwerer aussalzbar sind als Vibrionen (cf. v. Eisler 210). Andererseits erfahren Bakterien durch gewisse Einflüsse wie Erhitzen in schwach saurer Lösung oder durch die Art der Kulti- vierung derartige Veränderungen (Borges 211 j, daß sie in Kochsalz- lösung ohne weiteres ausflocken (Spontan -Agglutination). Die Tatsache der verschiedenen, sozusagen spezifischen Schwebefähigkeit der einzelnen Bakterienarten konnte auch Bürgi-i- bei der Untersuchung mit normalen Serumagglutininen nachweisen. Nach seinen Beobachtungen sind die verschiedenen Sera durch den Grad des Fällungsvermögens charakterisiert und gehen die stärkeren Agglutininwirkungen des Serums mancher Tierarten für Bakterien einer größeren Fällungskraft für kolloide Mastixsuspensionen einiger- maßen parallel. Aus zahlreichen Versuchen über Agglutination und besonders den systematischen Untersuchungen von Hieschfeld^is (vgl. BtJRGi) ging auch für die Hämagglutination hervor, daß die eigentümliche Beschaffenheit des Blutes verschiedener Tierarten für den Stabili- tätsgrad der Blutsuspensionftn maßgebend ist, so daß man im all- gemeinen leicht und schwer agglutinierbare Blutarten unterscheiden kann. Nach Hirschfeld beschränken sich die Abstufungen der Fällbarkeit nicht auf das Verhalten gegen Serumagglutinine, son- dern treten in ähnlicher Weise gegenüber der fällenden Wirkung von Metallsalzen in Erscheinung. Allerdings ist darauf hinzuweisen, daß die Phytagglutinine und besonders die Serumagglutinine spezi- fische Wirkungen haben, so daß eine bestimmte Eeihenfolge der Kolloide und Lipoide in der Immunitätslelire. 126J3 Biutarten in beziig auf ihre Agglutinierbarkeit nicht angegeben werden kann, wenn auch die größere oder geringere Stabilität für die Größe des Effektes von Bedeutung ist. Es ist bemerkenswert, daß höherer Blutkörperchenresistenz ein stärkeres Fäl- lungsvermögen der zugehörigen Sera für Blutkörperchen zu ent- sprechen scheint (vgl. Landsteiner ^i*) und umgekehrt, woraus auf eine Korrelation dieser beiden Eigenschaften zu schließen sein dürfte. Außer der schon erwähnten Agglutination und Präzipitation ist eine andere wichtige Immunitätsreaktion, nämlich die Phago- cytose, den Kolloidfällungen anzureihen. Die physikalisch-chemische Analyse dieses Vorgangs und des Chemotropismus und auch die Nachahmung der Phagocytose an leb- losen Modellen wurde schon mit Erfolg versucht^is. Durch neue Unter- suchungen ist überdies ein Teil des ganzen Prozesses der Phago- cytose in nahe Beziehungen zur Agglutination gebracht worden. Werden Leukocyten in geeigneter Weise durch mäßiges Er- wärmen abgetötet, so kann unter dem Einfluß entsprechender Im- munsera, wie an Bakterien gelegentlich Hectoen & Rosenow-16, an Trypanosomen und Blutkörperchen in systematischen Untersuchungen Levaditi & MuTERMiLCH^i'' yj^yi^ Sawtschenko^i« (vgl. Barikine-i^) be- obachteten, ein Verkleben dieser Zellen mit Leukocyten stattfinden, das gewissermaßen als eine Agglutination heterogener Elemente aufzufassen ist. Eine weitere Annäherung an das Gebiet der Ad- sorptionsphänomene ergibt sich daraus, daß es gelungen ist, durch Zusätze von Serum die Phagocytose unorganischer Partikel nach Art der sogenannten Opsonin- und Tropinwirkung zu befördern. Rosenthal 220 gibt solche Effekte für die Phagocytose von Kohle an. Hambueger & Hekma221^ sowie Porges222 konnten diese W'irkung zwar nicht feststellen, wohl aber sah Porges die Erscheinung bei Ver- wendung von Stärkekörnchen. Besonders beweisend für den Zusammen- hang mit den Fällungsreaktionen dürften die Versuche von Neufeld & Haendel223 sein, denen es gelang, durch Einspritzung von Milch und Hühnereiweiß Immunsera zu erzeugen, die die Phagocytose von Milchkügelchen, bzw. von mit Eiweiß emulgierten Fetttröpfchen be- günstigten. Auch mit kolloider Kieselsäure können Hämotropin- wirkungen hervorgerufen werden (Landsteiner & Rock). (Ueber den Einfluß von Elektrolyten auf die Phagocytose s. Hamburger 224. über die Bedeutung der elektrischen Ladung Hirschfeld 225^ über angeblich spezifische Beeinflussung der Phagocytose verschiedener Bakterienarten durch kolloide Metalle s. Bossau & Marcelet226.) Ueber Flockungen in komplementhaltigen Lösungen s. S. 1250. 5. Kolloidchemische Hypothesen der Immunreaktionen*). Aus der nicht zu bezweifelnden Tatsache der kolloiden Be- schaffenheit der Immunsubstanzen ergibt sich unmittelbar noch keine bestimmte Auffassung vom Wesen der Immunreaktionen. Es be- steht trotzdem die Möglichkeit, die Reaktionen zwischen Anti- körpern und Antigenen im Sinne der EHRLicHSchen Theorie und entsprechend der Meinung zahlreicher Autoren als organisch-chemi- sche Synthesen anzusehen, w^enn auch die große Reaktionsfähigkeit so kompliziert gebauter Stoffe von diesem Standpunkt aus gewiß •■•) Vgl. Diskussion Bunsengesellschaft ^-'). 1264 Karl Landsteixer, auffallend erscheinen muß. Gegen diese Auffassung ist anzuführen, daß, wie schon bemerkt wurde, für die Eigentümlichkeiten der Im- munreaktionen auf organisch-chemischem Gebiete keine Analogien zu finden sind. Ein Versuch, bestimmte Annahmen über die Xatur der vermuteten synthetischen Prozesse zu machen und die Hypothese für das spezielle Studium der Immunchemie zu verwerten, ist dem- gemäß nicht gemacht worden. Eine zweite, die BoRDEXsche Adsorptionstheorie weiter ent- wickelnde, zuerst von Zanggee und Laxdsteixer ausgesprochene An- schauung ist die, daß die Eeaktionen zwischen Immunkörpern Kol- loidreaktionen im engeren Sinne sind, also in ihrer Besonderheit durch die kolloide Xatur der reagierenden Stoffe wesentlich bedingt werden TBiltz, Pauli, Henri ~-^, Friedemaxx --^, Craw, Porges, Pribram, Jaque & Zuxz, Traube u. a.). Unter dieser Voraussetzung werden mehrere Möglichkeiten dis- kutiert. Traube 230 betrachtet die Immunitätserscheinungen im Gegen- satz zu chemischen als physikalische Vorgänge, Biltz als Wirkungen einer besonderen, nicht näher definierten Affinität (Zustandsaffini- tät ) : nach einer anderen Ansicht sind die Immunreaktionen che- mische Prozesse bestimmter Art, nämlich elektrochemische Re- aktionen zwischen Kolloiden (Landsteiner -3i, Zuntz^^L'^ ygl. Mi- chaelis -33j_ Diese Auffassung verbindet die Immunreaktionen mit den Erscheinungen der Eiweißadsorption (s. S. 1246; und den Färbungs- prozessen, für die eine analoge Theorie neuerdings durch gewichtige Gründe gestützt wird*), und insofern diese als Folge elektrischer Ausgleichungen anzusehen sind ("Billitzer-^Sj mit den Kolloid- fällungen im allgemeinen. Die Bedingungen einer, elektrochemischen Reaktion der Immunstoffe scheinen gegeben zu sein, da diese Sub- stanzen in chemischer Beziehung den als amphotere Elektrolyte zu betrachtenden (Bredig-36^ vgl. Hoeber^s'?^ Cohnheim^ss), aus Amino- säuren aufgebauten Eiweißkörpern wenigstens zum Teil nahestehen oder selbst Eiweißkörper sind und im elektrischen Stromgefälle und bei Adsorptionsvorgängen ähnlich wie Eiweißkörper amphotere Re- aktion zeigen (s. S. 1243)**). Die eben besprochene ßeaktionsweise, die einfache Verbmduug zweier Kolloide bildet den einen Grundtypus der immunchemisehen X'orgänge: i. e. die unter dem Einfluß der Oberflächenspannung stattfindenden Flockungen — die Agglutination und Präzipitation (Tropinwirkungj — und die Verbindungen zwischen Toxin und Antitoxin, wobei ebenso wie häufig bei Komplement bindungsreaktionen Komplexe entstehen, die nicht als Nieder- schläge ausfallen. Bei dem zweiten wichtigen Typus der Immunreaktionen folgt der Kolloidverbindung ein wahrscheinlich mit Zerstörung von Lipoidver- bindungen einhergehender Zerfallsprozeß: Cytolyse, Toxin wi rkungen (.s. S. 1243) (vgl. die Auffassung von Xicolle). Eine direkte Stütze dieser H3'pothese gibt die schon hervorge- hobene Aehnlichkeit der Fällung von Blutemulsionen und Eiweiß- lösungen und der Auflösung von Blut durch kolloide Säuren und Basen mit der spezifischen Agglutination, Präzipitation und Hämo- lyse (s. S. 1250j. Dadurch ist der Schluß nahegelegt, daß es sich im einen wie im anderen Falle um die Entstehung von KoUoidverbin- "") Vgl. SUIDA^'«). **j Ueber die Vereinbarkeit der Adsorptionsformeln mit der Annahme chemischer Vorgänge s. Robertson'-^''). Kolloide und Lipoide in der Immunitätslehre. 1265 düngen infolge elektrochemischer Neutralisation handeln dürfte. Dieses vorausgesetzt, sind die Reaktionen, wenn man die geladenen Kolloidteilchen mit Ionen vergleichen darf (Billitzer, Duclaux^^o^, der Bildung von Salzen verwandt und nur dadurch eigenartig und von echter Salzbildung verschieden, daß die reagierenden Partikel besonders groß sind und nicht nur aus einzelnen großen Molekülen, sondern aus Komplexen solcher bestehen können*). Auf Grund dieser Vorstellung ist die auffallend energische gegenseitige Einwirkung der hoch zusammengesetzten Immunsubstanzen und die rasche Zerleg- barkeit der Verbindungen durch geringe Mengen von Säuren und Basen leichter verständlich als nach der strukturchemischen Betrach- tungsweise. Ais Beleg für die Aehnlichkeit des Bindungsvorganges bei Immunkörpern und Farbstoffen führen Landsteinek & Stankovic2*2 Versuche an, in denen sich Hemmungen der Aufnahme sowohl von Agglutininen als von basischen Farbstoffen durch Kasein nachweisen ließen, wenn das Kasein mit alkoho- lischer Schwefelsäure oder Acetylchlorid behandelt wurde. Der in vieler Hinsicht weitgehenden Uebereinstimmung zwischen KoUoidfallungen und Immunreaktionen steht in einem Punkt ein bedeu- tungsvoller Unterschied gegenüber, und zwar in der spezifischen Affinität der Iramunsubstanzen zu bestimmten Gegenkörpern. Wie die Versuche von Picton & Lindner 2*^, Lottermoser 2*^, Neisser & Friedemann, Biltz245 u. .a, zeigten, reagieren Kolloide im allgemeinen immer dann miteinander unter gegenseitiger elek- trischer Neutralisierung und Niederschlagsbildung, wenn sie entgegen- gesetzte elektrische Ladung besitzen, und mit den amphoteren Eiweiß- körpern bilden sowohl positive als negative hydrophile Kolloide Ver- bindungen ^^ß. Ausgesprochen basische (elektropositive) Eiweißstoffe wie die Protamine und Histone fällen Eiweißlösungen verschiedener Art und wirken in unspezifischer Weise agglutinierend auf Blut- körperchen**). Ein anderes Verhalten zeigen die Immunstoffe, von denen zwar manche (z. B. Phytagglutinine) mit vielerlei Stoffen ^^s^ andere aber ganz vorwiegend nur mit einzelnen Substanzen und sehr viel schwächer mit anderen, selbst nahe verwandten, re- agieren. Dieser Unterschied zwischen den Immunreaktionen und den übrigen Kolloidfällungen beruht nach Landsteiner aller AVahrschein- lichkeit nach auf der amphoteren Beschaffenheit der Immunsub- stanzen, da man annehmen kann, daß im Gegensatz zu ungleichsinnig geladenen Kolloiden je zwei solcher amphoterer Stoffe nur bei einer bestimmten, von ihrer chemischen Konstitution abhängigen Abstim- mung intensiv elektrochemisch reagierendes. Die Bedingungen, die für das Eintreten derartiger Reaktionen und die Bil- dung stabiler bzw. als schwer lösliche Niederschläge ausfallender \'erbindungen maßgebend sind, wurden noch nicht experimentell untersucht. In Analogie mit den bis zu einem gewissen Grade elektiven Färbungen ist zunächst *) Die Existenz von Uebergängen zwischen Salzbildungen und KoUoidfallungen wird dadurch illustriert, daß saure und basische Farbstoffe einander in analoger Weise ausfällen, wenn sie in echter oder in kolloider Lösung vorhanden sind, siehe Büxton & Teague^*'). **) Vermutlich steht es mit diesen Verhältnissen in Zusammenhang, daß schwach spezifische Häraagglutinine für manche Eiweißkörper ein nicht geringes Bindungs- verniögen besitzen (LANDST^axER, Staxkovic & Eeich'-^'). Handbuch der pathogenen Mikroorganismen. 2. Aufl. II. OÜ 1266 Karl Landsteiner, an die Stärke der saueren und basischen Eigenschaften bestimmter Gruppen der reagierenden Stoffe zu denken, bzw. an die elektrischen Ladungen, die sie bei der gegenseitigen Einwirkung annehmen. Aehnlich wie dies Abegg & Eod- LÄNDER-^" für die Löslichkeit anorganischer Salze annehmen, könnte die Elektroaffinität von Bedeutung sein (Hirschfeld ^^i), und andere aus der chemischen und stereo-chemischen Struktur resultierende quantitativ variable Faktoren. Für eine Anschauung solcher Art sprechen vielleicht Beobachtungen über das differente Verhalten verschiedener Blut- und Bakterienarten gegenüber Säuren und Basen (Landsteiner & Jagic, Michaelis -^2). Ein Einwand gerade gegen die elektrochemische Hypothese liegt in der Tatsache der Spezifizität nicht, weil keine der anderen auf- gestellten Theorien eine Erklärung für die Spezifizität. der Immun - reaktionen zu geben vermochte. Andererseits existieren Beispiele für eine gewisse Spezifizität von Adsorptionsvorgängen. Einige hierher gehörende Fälle führt Bayliss^ss an; andere Beispiele sind die Aufnahme von Toxinen durch verschiedenartige Lipoide (s. S. 1268 ff), die Fällungen und Komplementbindungen bei der Kombination von Blutseren mit verschiedenartigen Lipoiden, die histologischen Färbungen*), die Versuche von Hailer ^^ö über die Adsorption von Fermenten und Komplement durch anorganische Sub- stanzen etc. Auf Grund der oben gemachten Annahmen ist zu erwarten, daß ein Immunstoff mit zahlreichen Antigenen reagiert, nur in einem sehr verschie- denen, von der chemischen Konstitution der Stoffe abhängigen Grade, und daß die Affinität eines Antikörpers zu dem homologen Antigen emen ausge- zeichneten unter vielen ähnlichen Fällen darstellt. Dies entspricht den tatsäch- lichen Verhältnissen besser als die EHRLiCHsche Darstellung, daß jeder Immun- stoff nur mit solchen Gegenkörpern, die eine ganz bestimmte chemische Struktur besitzen, sich verbindet, denn diese Anschauung nötigt in jedem einzelnen Fall, da die Spezifizität niemals auch nur annähernd eine vollkommene ist, eine sehr große Zahl verschieden reagierender Substanzen einzusetzen. Aus diesen Gründen ist auch unabhängig von jeder besonderen hypothetischen Fassung eine quan- titative Betrachtung der Spezifizität (Landsteiner 2*9) vorzuziehen ^^e. Die sich daraus ergebende Folgerung, daß verschiedene Antikörper identische Angriffspunkte haben können, scheint durch vorläufige Versuche gestützt zu werden -^^. Die Annahme spezifischer Adsorptionsprozesse versuchte Michaelis ^'^^ durch eine besondere Hypothese zu umgehen, indem er zwar die Mitwirkung elektrochemischer Adsorption für die Immun reaktionen supponiert, die Spezifi- zität aber auf eine der Adsorption folgende chemische Reaktion im Sinne Ehr- LiCHs bezieht. Wenn die von Michaelis vertretene Anschauung zutrifft, so ist, da Anti- körper von heterologen Antigenen eben nicht in beträchtlichem Maße gebunden werden, die Adsorption offenbar ganz unwesentlich neben der eigentlich be- deutungsvollen spezifischen Bindung, und so führt diese Betrachtungsweise im Wesen nicht über die Theorie von Ehrlich hinaus. Daß der Bindung der Immunstoffe ein sekundärer Vorgang, die sogenannte Verfestigung (cf. Nernst^^s, Gengou -^'', PiCK^ßi) fol^t, die die Irreversibilität der Prozesse bedingt, ist aus manchen Erfahrungen zu schließen, am eindeutigsten wohl aus den Versuchen von Otto & Sachs ^62 über die Zerlegbarkeit ausschließlich *) Bezüglich des Vergleiches der Spezifizität von Immunkörpern und Farb- stofTen ist daran zu erinnern, daß zwischen den Resultaten von Obermayer & PiCK'-^*) über die Beeinflussung der Spezifizität von Präzipitinreaktionen durch Nitrierung, Jodiemng etc. des Eiweißes und der Aendernng des Charakters von Farb- stoffen bei der Nitrierung der aromatischen Kerne im Wesen möglicherweise eine Be- ziehung besteht. Auch das Ausbleiben der Präzipitinbildung nach Injektion von Gelatine in Parallele mit dem mangelhaften Bindungsvermögen dieser Substanz für Farbstoffe (Sutda'^") dürfte hier anzureihen sein. Kolloide und Lipoide in der Immunitätslehre. 1267 der frisch entstandenen Toxin- Antitoxinverbindungen durch Wasser. Aber diese Verfestigung ist sehr wahrscheinlich als eine allgemeine, vielleicht der Koagu- lation verwandte Eigenschaft vieler Kolloidkomplexe zu deuten, die als Folge der primären Bindung eintritt "^^. (Ueber die Verfestigung von Farbstoffverbindungen s. Nernst, Freundlich 264, Pribram265.j Tatsächlich gibt es auch spezifische Reaktionen, wie die Hämagglutininwirkung normaler Sera, die in nicht geringem Grade rückläufig stattfinden können und gerade in den erwähnten Versuchen von Otto & Sachs erfolgt nach den Angaben der Autoren die spezifische Bin- dung schon vor der Verfestigung. (Ueber den Versuch Landsteiners, die Bildung der spezifischen Immun- körper auf die Eigenschaften reversibel reagierender Systeme zurückzuführen. s. 1. c. d) 2*".) B. Bedeutung der Lipoide für die Immunitätslehre. In den tierischen Geweben sind neben den als das wichtigste Substrat der Lebensprozesse geltenden Eiweißkörpern in ansehnlichen Mengen andere Substanzen vorhanden, die im Gegensatz zum Eiweiß die gemeinsame Eigenschaft der Löslichkeit in organischen Flüssig- keiten (Alkohol, Aether, Chloroform, Benzol etc.) besitzen. Diese Körper haben sehr verschiedene chemische Struktur; die wichtigsten sind die N- und P-freien Fette und Cholesterine, N-haltige aber P-freie Körper wie die Cerebroside und Cerebrinacide und die N, P bzw. S enthaltenden Phosphatide und Sulphatide*). Der für diese Stoffe meist gebrauchte Gattungsname Lipoide**) (Overton) ist insofern nicht einwandfrei, als z. B. die Cholesterine keine nahe chemische Beziehung zu Fetten haben ; die meisten der ,als Lipoide bezeichneten Substanzen enthalten allerdings Fettsäure- reste. Trotz der der Nomenklatur anhaftenden Unbestimmtheit er- wies sie sich doch bei biochemischen Untersuchungen wegen der wahr- scheinlich bestehenden funktionellen Verwandtschaft der chemisch ver- schiedenen, aber in physikalisch-chemischer Beziehung ähnlichen Sub- stanzen als durchaus zweckmäßig. Es dürfte dabei entsprechend der physiologischen Grundlage des Begriffes ratsam sein, nur solche Stoffe als Lipoide zu bezeichnen, für die die Zusammengehörigkeit mit den oben angeführten, chemisch bis zu einem gewissen Grade charakterisierten Körpern wahrschein- lich gemacht werden kann und nicht, wie Bang^cs vorschlägt, alle an- deren in organischen Flüssigkeiten löslichen Stoffe, z. B. aromatische Körper und Alkaloide, zu subsumieren. Auch in der Immunchemie ist der Begriff ,, Lipoide" zur Bezeich- nung der durch ihre Löslichkeit gekennzeichneten und von den Eiweiß- körpern scharf unterschiedenen Substanzen vorläufig nicht entbehr- lich. Während man die Mitwirkung dieser Stoffe zunächst auf einige besondere Fälle von Immunreaktionen, wie die von Kyes entdeckte Förderung der Cobrahämolyse durch Lecithin und die Hemmung ein- zelner hämolytischer Vorgänge durch Cholesterin (Ransom, Noguchi u. a.) beschränkt glaubte, haben sich später Gründe für die Ansicht ergeben, daß die Erscheinungsweise einer ganzen Gruppe von Reak- *) Zusammenfassende Darstellungen über Lipoide und ihre Beziehungen zur Immunitätslehre finden sich bei BANG^ßß^); Porges^"'*); Landsteiner 2''"") ; Isco- VESC0 2«'=d); of. FrAENKEL 2''6e) ; PROWAZEK ''««f). **) Bezüglich der Nomenklatur s. Eosenheim -'■'). 80* 1268 Kahl Landsteinbr, tioneD, nämlich der Toxinwirkungen (s. S. 1271) mit dem Gehalte der Zellen an Lipoid-Eiweißverbindungen in engem Zusammenhang stehe (Landsteiner). Beeinflussungen von Immunreaktionen durch Lipoide im Sinne einer Förderung oder Hemmung, die vermöge der Leichtigkeit, mit der diese Stoffe Adsorptionsverbindungen bilden und die Löslich- keit anderer Substanzen verändern, begreiflich erscheinen, wurden, von den Erfahrungen an Hämolysinen ausgehend, häufig aufgefunden ; nach neuen Untersuchungen können sich diese Einflüsse möglicher- w^eise auch auf die Antigenwirkung mancher Stoffe erstrecken, wäh- rend andererseits für eine Antigenwirkung der Lipoide selbst sichere Beweise bisher noch nicht vorgebracht wurden. Das wesentliche Substrat bilden Lipoide bei einer Gruppe vod Serumreaktionen, als deren Prototyp die WASSERMANxsche ReaktioD gelten kann (Borges & Meier, Landsteiner, Müller & Poetzl, Levaditi & Yamanouchi). Ihrem phy sikali seh- chemisch en Verhalten nach, z. B. in dem Verhalten gegen Elektrolyte und andere Kolloidlösungen, in bezug auf die elektrische Konvektion, zeigen die wässerigen Lipoide mulsionen, die für die Immunchemie in -erster Linie in Betracht kommen, das allgemeine Verhalten kolloider Lösungen (vgl. Borges & Neubauer ^69^ Handovsky & Wagner 2^0 Isovesco^^I). I. Beziehungen der Lipoide zu Hämolysin- und Toxinwirkungen. Wenn man von der Hämolyse durch einfach zusammengesetzte organische Stoffe 2^2 absieht, so wurden Anhaltspunkte für eine Be- teiligung von Lipoiden an hämolytischen Vorgängen zuerst bei der Wirkung des Saponins und des Cobragiftes aufgefunden. Den Mit- teilungen von Fräser 2 '3^ der beobachtet hatte, daß Gallenbestandteile das Lysin des Cobragiftes zu neutralisieren vermögen, und von PHiSALix2'i'4, der diese Wirkung zum Teil auf das in der Galle ent- haltene Cholesterin zurückführte, folgte die wichtige Untersuchung Ransoms27ö über das Saponin. 1. Toxinbindung durch Lipoide*). Wie Ransom feststellte, verlieren rote Blutkörperchen durch Be- handeln mit Aether ihr Bindungsvermögen für Saponin und in die Aetherlösung gehen Stoffe über, die die Saponin Wirkung hemmen. Die Hemmung beruht in erster Linie auf dem Gehalt der ätherischen Blutextrakte an Cholesterin, und diese Substanz ist es auch, die dem Blutserum seine kräftige Schutzwirkung gegenüber der Saponinhä- molyse verleiht**). Die außerdem von Eansom gemachte Annahme, daß das Cholesterin der Blutkörperchen den Angriffspunkt der Gift- wirkung bilde, durch dessen Verbindung mit Saponin die Zerstörung der Blutzellen erfolge, ist gpäterhin zweifelhaft geworden, als auch Beziehungen anderer Blutlipoide zu Saponin festgestellt wurden. K. Meyer278^ Frei2^9 und Arrheniüs28ü bemerkten im Gegensatz zu Ransom 281 ^ Xoguchi antilytische Wirkungen des Lecithins, Pascucci *) Ueber die Lipoide des Blutes s. Baxg'"*^); Iscovesco'-'"''). **) cf. Bashfoed-''); Noguchi^"") (Hemmung der Solanin- und ' AgarlciJi- wirkung durch Cholesterin); Neumayer '-''''). Kolloide und Lipoide in der Immunitätslehre. 1269 & Meyekstein 282 ähnliche Hemmungen durch Hirnlipoide, und wie Kobert283 fand, bildet Saponin mit Lecithin Verbindungen und hellt Lecithinemulsionen auf. offenbar indem es einen feineren Ver- teilungszustand herbeiführt (s. Porges & XEUBAUER^si). Der durch diese Befunde nahe gelegte Schluß, daß andere Lipoide als das Cho- lesterin die Saponinwirkung bedingen, findet in Experimenten an künstlichen Lipoidmembranen eine Stütze (vgl, S. 1272). Auf Anregung Hofmeisters stellte Pascucci 285 solche Membranen her, indem er Seide mit Lecithin, Cholesterin und Gemischen beider Stoffe imprägnierte und mit Hilfe gefärbter Flüssigkeiten die Aen- derung der Membranendurchlässigkeit für wäßrige Lösungen unter dem Einfluß des Saponins prüfte. Es zeigte sich, daß die Membranen um so leichter von Saponin undicht gemacht wurden, je weniger Cholesterin und je mehr Lecithin sie enthielten. Das gegensätz- liche Verhalten zwischen Cholesterin und Lecithin kann auch daran erkannt werden, daß die Auflösung von Lecithinemulsionen oder Le- cithinmembranen durch Saponin ebenso wie die Zerstörung von Blut gehemmt wird, wenn man den Saponinlösungen Cholesterin zufügt. Diesen Ergebnissen entsprechend nimmt K. Meyer ^sß eine Abhängigkeit der Saponinempfindlichkeit verschiedener Blutarten von ihrem Cholesteringehalt an, da unter einer Zahl untersuchter Blutarten die cholesterinreichsten, nämlich die des Rindes und Hammels, am widerstandsfähigsten waren. Da aber nicht viele Blutarten überhaupt geprüft wurden, und im einzelnen der angenommene Parallelismus nach Versuchsresultaten von Meyer selbst und von Rywosch 2»^, B.4CHRACH & Gräfe 2Sä, Port^ss nicht immer besteht, so muß die supponierte Beziehung wohl noch als zweifelhaft gelten und sind jedenfalls auch andere Fak- toren von Bedeutung (Port). Hammel- und Rinderblut haben übrigens auch gegen manche andere Blutgifte, z. B. Cobralysin und Agglutinine, eine auf- fallende Widerstandsfähigkeit (vgl. K. Meyer, Bang^^o). Rywosch prüfte die Resistenzunterschiede bei verschiedenen Arten der Hämolyse (Saponin, Wasser, Säuren, Laugen, Aceton, Chloroform) und fand als wichtigste Regelmäßigkeit ein reziprokes Verhältnis der Empfindlichkeiten gegen Wasser und Saponin. (Vgl. die Untersuchungen von Port über den Einfluß von Salzen auf die Saponinhämolyse.) Reaktionsprodukte der Saponine und des Cholesterins hat Wind- AL"s29i rein dargestellt und analysiert; sie werden durch Vermengen alkoholischer Lösungen beider Komponenten in kristallisiertem Zu- stand erhalten, entsprechen Additionsprodukten molekularer Mengen (ohne Wasseraustritt ) und stehen wahrscheinlich in Analogie zu Ver- bindungen der Saponine mit anderen Alkoholen. Die Verbindung von Saponin mit Cholesterin war in Versuchen von Madsen & Xo- gucht292 (vgl. Kobert) durch Behandeln mit Chloroform und Aether spaltbar, während Windaus sein rein dargestelltes Additionsprodukt durch Aether nicht zerlegen konnte. Wie Hausmann 293 und Abder- halden & Le Count294: feststellten, wird die Reaktionsfähigkeit des Saponins durch Substitution der Hydroxylgruppe aufgehoben, durch Lösung der Doppelbindung geschwächt (vgl. Wixdaus, Walbum). Phytosterine reagieren ähnlich wie das Cholesterin der Galle. Trotz der Existenz der kristaUisierten Additionsprodukte ist es möglich, daß in wäßriger Lösung Cholesterin und Saponin nicht molekular reagieren, sondern variabel zusammengesetzte Kclloidverbindungen bilden ; tatsächlich hängt nach Walbum ^s-^ die Hemmungswirkung des Saponins in tioheni Grade von der Feinheit der Cholesterinsuspensionen ab. Borges & Neubauer ~'->^ ver- treten diese Ansicht, da sie bei der Reaktion ein Fällungsoptimum (s. S. 1259) nachweisen konnten. (Vgl. Madsen & Walbum -9".) Es wäre in dieser Be- 1270 Karl Landsteiner, Ziehung wichtig, die zwischen Kobert, Mausen und Windaus bezüglich der Spaltbarkeil der Cholesterin-Papoiiinkomplexe bestehenden Differenzen aufzu- klären, da sie möglicherweise auf Unterschieden der in wäßriger und alkoholi- scher Lösung gebildeten Verbindungen beruhen könnten. Ueber die Wirksamkeit verschiedener Tiersera s. Port, über die Be- nützung der Saponinreaktion zur Schätzung des Cholesteringehaltes im Serum bei Krankheiten (z. B. Vermehrung des Cholesterins bei Ikterus, Verhalten bei perniziöser Anämie) Herz & Landsteiner ^ss^ Abderhalden ^99, cf. Chauffard, Laroche & Grigault^oo, Kusonoki ^o^, Boidin & Fländin^"^, über die Resistenz der Blutkörperchen in pathologischen Fällen Mc Neil •'o^. Die an der Hämolyse durch Saponin (Solanin, Agaricin) be- obachteten Erscheinungen sind insofern bedeutungsvoll, als sie die Beteiligung von Lipoiden an der Bindung und dem Effekt eines hämo- lytischen Agens in sehr anschaulicher Weise erkennen lassen, wenn auch wegen der andersartigen Beschaffenheit des Saponins eine di- rekte Uebertragung der aufgefundenen Beziehungen auf das Gebiet der Hämotoxine nicht zulässig sein kann. Bald aber wurde ein sehr ähnlicher Effekt, wie der von Ransom entdeckte, nämlich eine Hem- mungswirkung durch Cholesterin, auch bei einem Hämotoxin, dem Tetanolysin beobachtet (Noguchi^oa) (s.S. 1271), und die Untersuchung der lytischen Wirkungen anorganischer Kolloide und des Blutserums ergab weitere Anhaltspunkte, die auf die Bedeutung der Lipoide für hämolytische Prozesse schließen ließen. Die Beobachtung, daß Kieselsäure mit Lecithin ein liämolytisches System bildet (s. S. 1251), konnte von Landsteiner & Jagic^os mit aller Wahrscheinlichkeit als Wirkung auf lipoide Bestandteile des Blutes gedeutet werden. Während die Ursache der Cobrahämolyse nach den Ergebnissen der letzten Untersuchungen in einer fermen- tativen Lipoidspaltung zu suchen sein dürfte, liegt hier wohl nichts anderes vor, als eine Verstärkung der den käuflichen Lecithinprä- paraten an sich zukommenden lytischen Wirkung durch eine Art von Beizenwirkung der Kieselsäure. Wie Landsteiner, v. Eisler -^oe y^d Dautwitz^o^ fanden, lassen sich Beziehungen zwischen Serumhämolysinen und Zelllipoiden da- durch nachweisen, daß Zusätze von Aether- oder Petrolätherextraktcn- aus Blutkörperchen die hämolytische Wirkung normaler Blutsera hemmen, und zwar in höherem Grade als gleiche Gewichtsmengen von Cholesterin und Lecithin. (Ueber die Antigenwirkung solcher Extrakte s. S. 1284). Besonders auffallend ist es, daß die Extrakte verschiedenartiger Blutkörperchen ungleich stark und bei der Prü- fung mit mehreren Blutarten nicht hochgradig, aber doch merklich spe- zifisch hemmen*). Dieser Umstand verstärkt die Bedeutung der Er- scheinung für die Auffassung der Hämolyse und lehrt außerdem, daß wahrscheinlich auch Lipoide eine gewisse Artspezifizität be- sitzen, wenngleich nicht in dem Maße, wie die den chemischen Art- charakter offenbar in erster Linie bestimmenden Eiweißstoffe**). Die gleiche Folgerung ergibt sich vielleicht auch aus der von Boruet & Sleeswijk^io und Pick & Schwarz ^n gemachten Beobachtung, daß ein Seiuin Lipoide verschiedener Blutarten ungleich stark ausflockt (s. S. 1282, 1286). Die Extrakte aus Blutkörperchen lassen sich durch Behandeln mit Aceton in zwei Fraktionen trennen; die in Aceton unlöslichen, lecithinartigen Sub- *) Bei analogen Versuchen über die Hemmung bakterizider AV^irkungen N\ar ein spezifischer Einfluß nicht zu erkennen ™*'). **) S. die chemischen Untersuchungen über Lipoide von S. Fraenkel ""''). Kolloide und Lipoide in der Immunitätslehre. 1271 staiizen scheinen hau])t.sächlich auf die lützebeständigen Anteile der nor- malen Serumhämoiysine (nicht der Immunlysine), die acetonlösliche Fraktion auf die Komplemente einzuvvirlien ^i^. X)as besondere Verhalten der Lipoide ver- schiedener Biutarten bleibt aucli nach mehrfacher Umfällung mit Aceton und nach Keinigung der Substanzen mit Hilfe ihrer Kadmiuraverbindungen erhalten (LaNDSTEIXER 313). Die aiiiieführten Beobachtungen über die Einwirktmg von Hämo- lysinen auf Lipoide mit der Tatsache zusammengehalten, daß alle fettlösenden Stoffe, z. B. Aether, als Hämolytica wirken ^i**)^ und damit, daß bei der Hämolyse durch Serum oder Hämotoxine Ver- dauungsprodukte nicht nachgewiesen wurden, führte dazu, auch die Wirkung dieser Stoffe mit der Zerstörung der in den Zellen vorhandenen Lipoid-Eiweißkomplexe in ursäch- lichen Zusammenhang zu bringen (Landsteixer316**)^ ein Effekt, der voraussichtlich durch den Angriff des Giftes auf den einen oder anderen Bestandteil der Komplexe zustande kommen kann. Als unterstützendes Moment für diese Anschauung sind noch die öfters beobachteten Reaktionen isolierter Lipoide mit Hämolysinen und Komplement (s. untenj anzuführen. Eines der auffallendsten Beispiele dieser Art ist die zuerst von Noguchi^i" beobachtete Neutra- lisation des Tetanolysins durch Cholesterin, weil schon äußerst geringe Mengen dieses Stoffes starke antilytische Wirkungen hervor- bringen. Die Hemmungen hängen auch' hier von der Feinheit der Verteilung ab und vermindern sich demgemäß beim Aufbewahren der Lösungen***). Den Einfluß chemischer Veränderungen des Cholesterins auf dessen neutralisierende Wirkungen untersuchten Abderhalden & LE Count319 und Walbum^-*^. Es zeigte sich, daß die Aufhebung der Doppelbindung durch Bromaddition die Lysinbindung beim Vergleich äquimolekularer Mengen nicht vermindert, wohl aber der Ersatz der Hydroxylgruppe durch Chlor oder die Veresterung dieser Gruppe. Eine ähnliche antilytische Wirkung wie Cholesterin haben andere aliphatische (und aromatische) Alkohole, und zwar nimmt die Wir- kung mit steigendem Kohlenstoffgehalt zu; demgemäß binden Cetyl- und Myricylalkohol beträchtliche Mengen von Lysin (Walbum). Anthrax- und Subtilislysin werden durch sehr kleine Cholesterin- mengen in ähnlicher Weise neutralisiert wie Tetanolysin (Landsteiner & Heyrovsky-^21j ■ Hemmungswirkungen, bzw. Adsorptionen durch Cholesterin und andere Lipoide (Protagon, Lecithin) wurden außerdem bei Staphylolysin, Vibriolysin, Arachnolysin, Cobrahämolysin und dessen Aktivatoren, Bienengift, und den Lysinen des Blutserums beobachtet (Bechhold322^ Belonowsky^ss^ Kyes & Sachs 221, No- GüCHi32ö^ Pribram 326^ Landsteiner & V. EisLER und Stankovic & RaUBITSCHEk327^ MiNTZ 328^ ISCOVESCO 329^ WaLBUM, SaCHS^SO^ Meyerstein 331^ Morgenroth & Carpi332^ Frouin^^^, Raubitschek & Rrss334^ Hessberg 335). *) In bezug auf die Empfindlichkeit gegen Substanzen mit Lipoidaffinität, z. B. Saponin, Cobragift, gallensaure Salze, verhalten sich, gewisse Mikroorganismen aus der Gruppe der Spirochäten, Trypanosomen, filtrierbaren Virusarten, den tieri- schen Zellen ähnlich, s. Landsteixek •'^5'') ; Neufeld & Prowazek -^i^"); Levaditi & Rosembaum •'1''^). **) Vgl. die abweichende Ansieht von Koeppe •'"'''). ***) Nach V. Eisler ■"°) ist die Lysin-Cholesterinverbindung durch Schütteln mit Chloroform spaltbar. 1272 Karl Landstbiner, Die Wirkungen von Cholesterinderivaten auf Vibriolysin und Tetanolysia zeigen ausgesprochene Verschiedenlieiten. Vibriolysin wird durch Dibroinchole- steriupropionat stärker und durch Cholesterinbenzoat ebenso stark gehemmt als durch äquimolekulare Cholesterinsuspensionen (Walbum). Die Beeinflussung der Cobrahämolyse durch Cholesterinderivate unter- suchten Browning und Cruickshank 336. Beziehungen der Lipoide zu Hämotoxinwirkungen nimmt auch Pascucci337 *) auf Grund der schon erwähnten Versuche an, da er eine Zerstörung seiner Lipoidmembranen außer durch Saponin und Cobragift auch durch Tetanolysin erzielen konnte. Die Versuche wären in hohem Grade demonstrativ, wenn wirklich, z. B. durch Anwendung von Antitoxin, der sichere Nachweis geführt wäre, daß das Undichtwerden der Membranen als eine Toxin Wirkung betrachtet werden kann. Dies ist aber nicht der Fall, und nach den Angaben von LoEWE^STb^ gibt die angewandte Technik der Herstellung von Lipoidmembranen sehr unsichere Resultate. Durch Neuberg, Rosenberg & Reicher 33s, 310^ (jjg ^ji^p Lipasewirkung der Hämotoxme suppouieren, erhielt die Hypothese der Toxinwirkung auf lipoide Zellbestandteile eine besondere Fassung. Da Neuberg und seijie Mitarbeiter zur Stütze dieser Ansicht fast nur den Nachweis von Lipasen in verschiedenen Hämotoxinen und bakteriolytischen, antitoxischen und hämolytischen Immun- seren anzuführen haben, so ist ihre Annahme vorläufig nicht hinreichend be- gründet**) ***). Trotz der leicht nachweisbaren Reaktionsfähigkeit der Lysine mit I^ipoiden läßt sich nicht behaupten, daß diese der Hauptsache nach das ßindungs- vermögeu der Zellen bedingen. Zwar wurde nachgewiesen, daß durch Behandeln mit fettlösenden Mitteln Biutstromata ihr Bindungsvermögen zum Teil ein- büßen können (Landsteiner & v. Eisler), docii darf nicht übersehen werden, daß infolge dieser Eingriffe auch Veränderungen der Eiweißkörper zu erwarten sind. In Anbetracht der innigen Durchmischung und Verbindung der Lipoide mit den übrigen Zellbestandteilen, worauf auch die von Bang & Forssman auf- gefundene primäre Löslichkeit des Blutantigens in Aether hinweist, könnte es wohl sein, daß die Lipoidaffinität eine Hilfsbedingung des Haftens und der Wirkung der Lysine ist. (Auch an Hämagglutininen ist eine Affinität zu Lipoiden nachgewiesen worden, Landsteiner & Dautwitz, Lazar312). Die Erfahrungen über die Affinität von Blutkörperchenlipoiden zu Hämotoxinen legten es nahe, nach ähnlichen Verhältnissen auch bei Toxinwirkungen anderer Art zu suchen. Einige Beobachtungen über diesen Gegenstand machten Kempner & Schepilewsky^*^^ als sie eine Beeinflussung des Botulismustoxins durch Fette und Lipoide feststellten, doch glaubten sie dieser Reaktion nur eine nebensäch- liche Rolle bei der Giftbindung beimessen zu können. Weitere Auf- klärungen waren hier von Untersuchungen am Tetanustoxin zu er- warten, da dessen Affinität zum lipoidreichen Nervengewebe, wie sie durch das toxikologische Verhalten, den bekannten WASsERMANNSchen Versuch und die Wanderung des Toxins in Nervenfasern (H. Meyer) { angezeigt wird, von vornherein an die Mitwirkung lipoider Stoffe ■ denken ließ. Diese Auffassung vertrat schon Metschnikoff^** und ' benutzte sie zur Deutung der von Stoudensky^^s beobachteten Bin- dung des Tetanolysins an Karminpulver. *) Vgl. die Versuche von Neufeld & Haendel ^^'*). **) Ueber die Lipasewirkung des Cobragiftes s. S. 1276. ***) Ein Zusammenhang zwischen Lipasewirkung und der Agglutination durch Phytotoxine (Neuberg) ist wohl sicher nicht anzunehmen (z. B. wegen der Differenzen im Verhalten der Lipasen und Agglutinine gegen Alkohol, s. auch L. B. Mendel**'). Kolloide und Lipoide in der Immunitätslehre. 1273 Allerdings gelang es zunächst nicht, Lipoide mit genügendem ßin- dungsvermögen in der Nervensubstanz aufzufinden. Zwar beschrieb Ignatowsky 316 Hemmungen der Tetanusgiftwirivung durch Cholesterin und Lecithin, doch erwiesen sich diese als so gering, daß sie das WASSERMANNSche Phänomen der Giftbindung durch Hirnsubstanz in vitro nicht verständlich machen 3*7 *)^ Erst eine von Lands.teiner & Botteri349 vorgenommene Unter- suchung der Hirnlipoide in ihrem Verhalten zu Tetanusgift führte zu befriedigenden Resultaten durch die Auffindung des beträchtlichen Giftbindungsvermögens des Protagons. Wird die Toxinlösung mit Protagon gemischt, so ist die Adsorption des Toxins leicht durch Be- stimmung des Giftwertes in der über dem Sediment stehenden Lösung nachweisbar, aber genügend große Protagonmengen haben einen anti- toxischen Effekt, wie im Versuch von AVassermann, auch bei Injek- tion der Gemische. (In den Versuchen von L. & B. band 1 mg Pro- tagon fast eine für Mäuse tödliche Toxindosis.) Die Verbindung zwischen Toxin und Protagon ist im Tier- körper nicht vollständig zersetzbar ; daß sie teilweise dissociabel ist, ergibt sich aus der Möglichkeit, mit stark giftbeladenem Protagon Tiere tetanisch zu machen. Dieses Verhalten widerlegt den Versuch von Marie & TiFFENEAU und Wolff-Eisner ^so, zwischen Toxinad- sorption und -neutralisation scharf zu unterscheiden, da es nur von der größeren oder geringeren Spaltbarkeit der betreffenden Toxin- verbindungen abhängt, ob der eine oder andere Effekt mehr zur Geltung kommt. Die Feststellung, daß an der Bindung des Tetanolysins durch Nervensubstanz Lipoide mitwirken, ist offenbar gleichbedeutend mit dem Nachweise einer Verschiedenheit dieses Vorganges und der Giftneutralisierung durch Antitoxin. Die entgegengesetzte An- nahme der Identität beider Wirkungen war übrigens schon vorher aus manchen Gründen unwahrscheinlich (vgl. Besredka 3öi^ Metschni- koff352)^ z. B. wegen der Wasserunlöslichkeit der giftbindenden Hirn- bestandteile (Asakawa3ö3). Eine nähere chemische Bestimmung der neutralisierenden Lipoide, mit Rücksicht darauf, daß das sogenannte Protagon nach der Meinung der meisten Autoren ein Gemenge verschiedenartiger Stoffe dar- stellt 354^ versuchten in Fortsetzung der Untersuchungen von Land- steiner, Takaki35ö und LoEWE^se in Hofmeisters Institut. Nach Takaki kommt die Eigenschaft der Giftbindung in erster Linie den neutralen Cerebrosiden, besonders dem Cerebron zu ; geringere Wirksamkeit haben die Cerebrinacide. Andere lipoide Stoffe, die Toxin binden, enthält nach Loewe die Hirnrinde. Die besonders starke Wirkung eines Bestandteiles des Cerebrons — der Cerebrqn- säure — ist vermutlich der von Landsteiner & Botteri gefundenen und von Loewe bestätigten analogen Eigenschaft der Fettsäuren gleichzusetzen und da die Cerebronsäure ein durch ziemlich ein- greifende Behandlung dargestelltes Spaltprodukt ist, nicht unmittel- bar zur Erklärung des WAssERMANNschen Phänomens heranzuziehen. *) T'eber die neutralisierende Wirkung des Dibromcholesterins, verschiedener hochmolekularer Alkohole und Kohlenwasserstoffe sowie therapeutische Versuche mit diesen Substanzen s. Walbum •*^'*). 1274 Karl Landsteiner, Ein ähnlicher Grund muß davon abhalten, die vollständige Gleich- heit der Hirnsubstanz selbst und der daraus dargestellten Lipoide inbezug auf das Giftbindungsvermögen vorauszusetzen. Vermutlich existieren alle diese Stoffe im Gewebe nicht frei, sondern in lockeren Verbindungen, z. B. in Kombination mit anderen Lipoiden und Eiweiß- körpern. Diese Vorstellung, die auch aus der Betrachtung der Hämo- lyse durch fettlösende Körper (s. o.) zu deduzieren ist, wird den bisher bekannten Beobachtungen über das Giftbindungsvermögen der Hirn- substanz am besten gerecht. ]\Ian darf wohl annehmen, daß Komplexe von Eiweißkörpern und Lipoiden gleichzeitig Eigenschaften der ein- zelnen Komponenten besitzen und kann es demnach verstehen, daß die Hirnsubstanz sowohl durch Hitzekoagulation der Eiweißkörper (vgl. KeMPNER & SCHEPILEWSKY, MaRIE & TiFFENAU, DaNYSZ^ö?) als auch durch Entfernung von Lipoiden oder eines Teiles derselben mit Hilfe organischer Lösungsmittel eine Veränderung des Bindungs- vermögens erfährt (Landsteiner & v. Eisler, Marie & Tiffeneau, cf. Wolff-Eisner). Auch die Differenzen der verschiedenen Teile des Nervensystems und das spezifische Verhalten homologer Organe bei verschiedenen Tierarten dürften sich ohne Zwang auf die be- sondere Beschaffenheit der zu supponierenden, hoch zusammengesetzten Verbindungen zurückführen und vielleicht durch deren chemische Untersuchung näher erforschen lassen. Auf Grund dieser Ueberlegungen entfallen Einwände (Marie & Tiffe- neau ^^^, die mit der Veränderung der fixierenden Substanz durch proteo- lytische Fermente oder dem etwas geringeren Adsorptionsvermögen des Prota- gons im Vergleich zur Hirnsubstanz selbst begründet wurden. Für das Tetanustoxin scheint nach den vorliegenden Ergebnissen der Versuch von Landsteiner, die Giftwirkung ebenso wie die Serum- hämolyse durch Zustandsänderungen von Lipoidverbindungen zu erklären, also gewissermaßen die OvBRTON-MEYERsche Narkosetheorie auf die Toxinlehre zu übertragen, nicht unberechtigt zu sein 359. Die Möglichkeit einer allgemeineren Anwendung dieses Prinzipes ergibt sich daraus, daß Lipoidaffinitäten auch bei anderen Toxinen nachzu- weisen waren, so beim Cobragift und Diphtherietoxin, die beide durch Protagon gebunden werden (Landsteiner & Raubitschek360*). Bei Schlangengiften zeigte die Reaktion eine bemerkenswerte Spezifizität, da im Gegensatz zum Cobrahämotoxin ein Hämorrhagin (Trimeres- urus) von Protagon nich tmerklich gebunden wurde, so daß auf diesem Wege eine Trennung der gemischten Gifte zu erzielen war. Ueber die Neutralisierung von Toxinen (Diphtherietoxin, Schlangengift) durch Lipoide (auch Seifen) berichten neuerdings Bruschettini&Calcaterra^^^ O VERTON & Bang 363^ Laroche & Grigaut^'^i^ Raubitschek «&; Russ^*', Bang 366, über die Bindung von Tetanospasmin durch hohe Fettalkohole und Paraffine Walbum. Besciileunigungen der Wirkung von Toxinen bei Lajektion von Mischungen mit Lipoiden und aktivem Serum beobachteten de Waele^^t^ Neufeld, Dold, Ungermann 368, Laroche. & Grigaut. Sie führten diese Effekte auf die Bildung von rasch in die Zellen eindringenden Lipoidverbindungen der Toxine zurück Die Adsorptionsverbindung Protagon -|- Cobraneurotoxin ist in reinem Wasser stabiler als in schwachen Kochsalzlösungen, in denen eine beträchtUche Dissoziation stattfindet (vgl. Danysz^sö). Bemerkenswerterweise verhält sich die Verbindung Protagon -|- Kristallviolett ähnlich (Landsteiner & Raubitschek, vgl. Bang ^'o). Loewe hält diese Verbindungen für echte Lösungen (s. S. 1254j. *) Ueber Mischungsversuche mit Hirnsubstanz s. Metschnikoff^^'). Kolloide und Lipoide in der Iramunitätslehre. 1275 2. Antilytische Lipoide im Serum. Auf das Cholesterin bezog Noguchi die antitetanolytischen Eigenschaften des Blutserums und der Milch und auch MtiLLER^'i fand den Alkoholextrakt des Serums sehr wirksam. Eine Identifizierung der Hemmungsvvirkung des Blutserums und der darin enthaltenen Lipoide scheint trotzdem nicht zulässig zu sein. Dagegen ripiiclit schon der Umstand, daß alkoholische Extrakte von Serum stärker wirken können als dieses selbst, woraus zu schließen ist, daß die antilytisciien Lipoide nicht ungebunden im Serum vorkommen, und außerdem die von v. Eisler ^^2 hervorgehobene Tatsache der in hohem Grade variierenden antilytisciien Wirksamkeit verschiedener Pferdesera — die Werte können selbst um das Hundertfache verschieden sein — bei ziemlich geringen Schwankungen des Cholesteringehaltes. Wie v. Eisler fand, geht die hemmende Substanz bei der Fällung mit Ammonsulfat in den Globulinniederschlag über; die Albuminfraktion erwies sich als unwirksam. Beim Behandeln mit Salz- säure oder Pepsin-Salzsäure wird das Globulin inaktiv, es behält hingegen seine antilytische Eigenschaft nach der Einwirkung von Alkohol und Aether (s. da- gegen Müller & Sachs ^^3). Auch aus der unwirksamen Albummfraktion ist durch Behandeln mit Aether ein hemmender Stoff zu extrahieren. Für die Saponinhämolyse liegen die Verhältnisse nach v. Eisler gerade umgekehrt. Hier hemmt sowohl die Globulin- als Albuminfraktion; die hemmende Substanz widersteht nicht der Aetherextraktion, wohl aber der Pepsin Verdauung. Diesen Angaben zufolge ist mindestens ein Teil der antilytischen Wirkung des Serum'; selbst verschieden von der der Serumlipoide*). Das Serum enthält im Gegensatz zu den Blutzellen Cholesterin der Haupt- sache nach in Form von Estern (s. Hürthle 3^^), die, wie schon erwähnt wurde, keine erhebliche Antilysinwirkung haben; nach v. Eisler sind aber außerdem geringe Mengen von Cholesterin darin vorhanden (Hepner^^^) — im Liter Serum einige Zentigramme — und diese bedingen die antilytischen Ef- fekte der ätherischen und alkoholischen Extrakte**). Die Ansicht von Detre & Sellei ^~^, daß alle antilytischen Wirkungen nor- maler Sera durch die in üblicher W^eise extrahierbaren Lipoide verursacht werden, ist nach den vorliegenden Erfahrungen nicht zutreffend (cf. Eisler ^■'9, Sachs^^"). 3. Hämolyse durch Cobragif t***). Zu zahlreichen Untersuchungen veranlaßte die besondere Be- deutung der Lipoide für die Hämolyse durch Cobragift. Bei diesem Gift wirkt, wie Kyes^ss fand, Lecithin als Aktivator, da es die hämo- lytische Wirkung sehr bedeutend verstärkt, bzw. bei manchen sonst unempfindlichen Blutarten überhaupt erst ermöglicht. Auf diese Sub- stanz bezogen Kyes^ss und Sachs ^si auch die aktivierende Wirkung von Blut- und Organextrakten und erhitztem Serum und sie kamen außerdem zu der Ansicht, daß die größere oder geringere Empfind- lichkeit verschiedener Blutarten von der Festigkeit der Lecithin- bindung in den Zellen abhängt, so daß nur bei locker gebundenem Lecithin eine Verbindung mit dem Lysin und dadurch dessen Akti- vierung möglich sei (vgl. Kyes^ss). Die verschiedene Wirkungsintensität differenter Schlangengifte würde sieh demnach additiv aus zwei Faktoren, nämlich der Stärke des Giftes und der Bindungsfestigkeit des Blutlecithins zusammensetzen und das Studium der Cobrahämolyse daher ein Mittel sein, die Bindung des Lecithins und deren physiologische Aenderungen (z. B. bei Tieren verschiedenen Alters) zu unter- suchen (Sachs 386). *) Tetanusimmun sera enthalten nicht mehr schützende Lipoidstoffe als nor- males Serum (Takaki). s. Cernovodeanu & Henri •^'^). **) Auch Aetherextrakte von Blutkörperchen und anderen tierischen Geweben wirken antitetanolvtisch (Landsteiner & v. Eisler '*'"). ***) Literatur "•«') ^hi^). 1276 Karl Landsteiner, lu ähnlicher Weise verwendete Sachs die Aktivierung des Cobralysins zu Studien über physiologische Variationen des Lecithins im Blutserum. Auch für die Untersuchung pathologischer Serumveränderungeu wurde die Cobra- hämolyse benützt. Nach Calmette '^^'' wäre ein verstärktes Aktivierungsvermögen des Serums bis zu einem gewissen Grade für Tuberkulose charakteristisch; die aktivierenden Substanzen lassen sich durch Tuberkelbacillen oder Tuber- kulin absorbieren. Eine Spezifizität kommt, wie Nachprüfungen zeigten, der Reaktion nicht zu. Abgesehen von starken physiologischen Schwankungen wurde nämlich ein erhöhtes Aktivierungsvermögen des Serums bei verschiedenartigen Krankheitszuständen, ferner bei Gebärenden und Graviden gefunden (Bauer & Lehndorff^s*). Wie B. & L. angeben, fehlt die aktivierende Eigenschaft dem Serum Neugeborener. Auch eine von MucH & Holzmann ^^^ am Serum von Geisteskranken beobachtete Reaktion, die auf einer Hemmung der Cobrahämolyse beruht, hat sich als nicht charakteristisch erwiesen (s. MucH^^"^ Hübner & SelterSsi). Von einigen Autoren wurden Veränderungen der Empfindlichkeit der Blut- zellen gegenüber Cobralysin bei pathologischen Zuständen beschrieben, und zwar von Kraus ^^^ q. a. bei Tumoren, von Weil ^^-a bei Syphilis. Die Reak- tion von Weil scheint diagnostische Bedeutung zu besitzen. Ueber das differente Verhalten der Aktivierung durch Lecithin und Serum- komplement siehe Kyes-'**^, Kyes & Sachs ^''^, y. Dungern & Coca^''% Sachs ^^^, Flexner & Noguchi^^^, über die quantitativen Verhältnisse der Lecithinakti- vierung (die zur Lyse nötige Lecithinmenge nimmt proportional den Quadrat- wurzeln steigender Giftmengen ab) und die Hemmung durch starke Ueber- schüsse von Lysin Kyes & Sachs, Stephens & Myers^ss^ Noguchi^-'^. Kyes nahm an, daß bei der Aktivierung des Cobragiftes durch Lecithin die beiden Stoffe eine durch ihre Löslichkeitseigen- schaften (Löslichkeit in Chloroform, Fällbarkeit durch Aether) cha- rakterisierte, stark hämolysierende Verbindung, das Cobraleci- thid*) (s. S. 1285) bilden, die im Sinne der EnRLicHSchen Theorien der Verbindung eines hämol_vtischen Immunkörpers mit Komplement entsprechen würde. Spätere Untersuchungen hatten wesentlich abweichende Ergeb- nisse. LtJDECKE^oi analysierte gut gereinigtes Cobralecithid und fand dessen Zusammensetzung der Formel eines Monostearyl- bzw. Mono- palmityllecithins entsprechend**), woraus zu schließen ist, daß das Lecithin keine Bestandteile des Cobragiftes enthält und durch fermentative Fettsäureabspaltung aus dem Lecithin ent- steht (cf. Neuberg & Rosenberg *02^_ Damit in Uebereinstimmung ist die bei der Darstellung des Lecithins nachweisbare Bildung unge- sättigter Fettsäuren (die unter Umständen selbst für die Hämolyse in Betracht kommen können). (LtJDECKE, Kyes^o^^ Dungern & Coca). Die Hämolyse durch Lecithid kann also wohl nicht mehr als Analogen der Serumhämolyse betrachtet werden. Das durch Wassereinwirkuug aus dem primären entstehende sekundäre Lecithid ist nach Lüdecke möglicherweise ein fettsaures Salz des Cholin- esters einer Monofettglyzerinphosphorsäure. Diese neue Auffassung wurde durch Untersuchungen von V. Dungern & Coca*04 bekräftigt, aus denen hervorging, daß die von Kyes beobachtete Antikörpepbildung gegen Lecithid durch in diesem Produkte enthaltenes Cobragift bedingt ist. Vollständig reine Prä- parate des Lecithids bewirken tatsächlich keine Antikörperbildung *) Angaben über die Darstellung und Eigenschaften des sogenannten Lecithids bei Kyes*""; Teruuchi^"'"'); Morgenroth & Carpi"""); v. Düngern & Coca**"^). **) jVLai^waring hält auf Grund einer Jodzahlbestimmung das Vorhandensein von Monoolevl-Lecithin für möglich. Kolloide und Lipoide in der Immunitätslehre. 1277 und das lecithinspaltende Ferment läßt sich ohne Beeinträchtigung der Wirkung des Lecithids aus diesem wiedergewinnen (Manwaring*o5)_ Bei dieser Sachlage ist es nicht auffallend, daß auch auf andere Weise als mit Hilfe der sehr wirksamen Lipase (Lecithinase) des Cobragiftes ähnliche Produkte, wie das Cobralecithid (Desoleolecithin nach V. Dungern & Coca, ]\Ionofettsäurelecithin nach Manwaring), entstehen können und wirklich als Zersetzungsprodukte in käuflichen Lecithinpräparaten vorhanden sind (v. Dungern & Coca, Bang, Manwaring). Die Lecithidbildung durch Cobragift ist aber von diesen" Beimengungen unabhängig. Eine andere Ansicht über die Cobrahämoiyse vertritt Bäng*°^. Bang sieht die Bedeutung der Lipoide als Aktivatoren darin, das Lysin zu binden und auf die Blutzellen zu übertragen (cf. Arrhenius*"). Nach B. ist aus Hühnereiern rein dargestelltes Lecithin zur Aktivierung nicht geeignet und sind in den käuflichen Lecithinpräparaten nur die Verunreinigungen wirksam. Außer Lecithin vermögen auch andere Lipoide Cobralysin zu aktivieren. Wie Kyes & Sachs angeben, wirken in dieser Art Kepha- lin (nicht Cerebrin), ferner in geringem Grade Fettsäuren, Seifen, Oele. XoGucHi-i08 beobachtete hingegen ein hohes Aktivierungsver- mögen der Fettsäuren und Fette, besonders der ungesättigten, z. B. der Oelsäure (vgl. Sachs *09, Bang^o^*) und des Trioleins. Bezüglich der Wirkung der Oelsäure denken Kyes & Sachs daran, daß sie das Lecithin der Blutkörperchen in eine leichter reaktionsfähige Form überführe, während v. Dungern & Coca-^io eine durch Oelsäure oder Oelseifen bedingte Aenderung der Löslichkeit des Schlangengiftes als maßgebend ansehen. Neue Untersuchungen über aktivierende Lipoide aus Blutextrakten und Serum nahm Noguchi*^^ vor. Mit Hilfe verschiedener Extraktionsmittel und hauptsächlich durch Benützung von Chlorcalciura als differenzierendes Reagens — dieses Salz hemmt nach N. nicht die Wirkung des Lecithins, wohl aber die Aktivierung durch einige andere Lipoide — fand er von Lecithin ver- schiedene aktivierende Stoffe, wahrscheinlich der Hauptsache nach Fettsäuren neben Fetten und Seifen im Serum und in Blutkörperchen (vgl. Bang*^^). Diese Stoffe lassen sich aus Blutkörperchen durch Behandeln mit Aether von dem (durch warmen Alkohol extrahierbaren) Lecithin getrennt darstellen, und zwar im Gegensatz zum Lecithin nur aus empfindlichen Blutarten. Demnach und da ein Zusatz von Chlorcalciumlösung die Hämolyse sensibler Blutkörper- chen durch Cobragift aufhebt, wäre die Empfindlichkeit der Blutzellen nach N. nicht vom Lecithin, sondern von anderen Lipoiden abhängig. In stark erhitztem Serum und in frischem Hundeserum scheinen akti- vierende Lecithineiweißverbindungen vorhanden zu sein; verwandt ist die Akti- vierung durch Ovovitellin (NoouCHi). Bei der Erhitzung des Serums findet vielleicht eine Spaltung von Lipoideiweißverbindungen statt. Ueber die Einwirkung von Salzen, insbesondere Ca-Salzen auf die Cobra- hämoiyse s. Bang*i3. Ganz ähnlich wie das Cobralysin verhalten sich in bezug auf die Aktivierung durch Lecithinpräparate einige andere tierische Sub- stanzen, so das Crotalustoxin (Overton&Bang^i*), die Gifte von Helo- derma suspectum (Cook & Loeb^is)^ von Skorpionen (Kyes^i^), das Bienengift (Morgenroth & Carpi^i^) und wahrscheinlich das Trachi- nusgift (Briot^is). 4. Ly tische AVirkungen von Lipoiden. Eine Verwandtschaft mit jenen Erscheinungen, die bei der Akti- vierung des Cobragiftes beobachtet wurden, besteht bei der Hämolyse 1278 Karl Landsteiner, durch Pankreasferment insofern, als auch in diesem Fall durch die Wirkung einer Lipase aus Lipoiden hämolytische Substanzen entstehen. So fand Friedemann '^^^ eine hitzeempfindliche Substanz im Pankreas, die durch Lipoide des Blutserums aktivierbar ist, und ähn- lich wirkt Pankreasfistelsaft, nur mit dem Unterschied, daß dieser auch durch Lecithin zur Wirkung gebracht werden kann (Friedemann). In Versuchen von Noguchi^^o traten hämolytische Wirkungen nach Zusatz von neutralen Fetten und manchen Arten von Blutserum ZfU Pankreaslipase*) als Folge der Abspaltung freier Fettsäuren ein. Lecithin wurde durch die Lipase nicht zerlegt, so daß N. eine Ver- schiedenheit der Fette und Lecithin spaltenden Fermente vermutet. (Auch mit Lecithin vermengte Ricinlipase scheint keinen hämo- lytischen Effekt zu haben.) Mangansulfat befördert entsprechend seiner Eigenschaft, Lipasewirkungen zu verstärken, die Hämolyse durch Pankreassaft (Wohlgemuth); ähnlich wirken gallensaure Salze (Noguchi). (Ueber Hämolyse durch Darmsaft s. Nex.- MANN*21_-) Bei der Einwirkung von Pankreassaft auf Lecithin entsteht nach Wohlgemuth ^22 ein anscheinend dem Cobralecithid verwandter alkohollöslicher, in Aether unlöslicher Körper; ähnliche phosphorhaltige Substanzen sind auch in autoljsierter Pankreas- substanz und in manchen anderen autolysierten und frischen Organen (Leber, Niere) zu finden (Friedmann, Fukuhura^^s), Friedemann vindiziert diesen Stoffen eine Bedeutung für })athologisclie V'orgänge, z. B. Anämien bei Tumorkachexie, Zellschädigung durch Röntgen- strahlen, P- Vergiftung. Untersuchungen über liämolytische Lipoide des Magen- und Darminhaltes unter normalen und pathologischen Verhältnissen machten Külbs*-*, Bloch *25^ Gräfe & Roehmer^^b. Außer diesen Substanzen sind in verschiedenen frischen und autolysierten Organen, z. B. Magen-, Darmschleimhaut, Milz, hämo- lysierende Lipoide — vermutlich Fettsäuren — enthalten, die sich von Lecithiden durch ihre Löslichkeit in Aether unterscheiden (Friede- mann). Die Wirkungen der Organlipoide können auch bei der Unter- suchung wäßriger Extrakte in Erscheinung treten (Metschnikoff*^'^, Tarassevitch*28) mj(j haben so die Anwesenheit von Komplement in Organauszügen vorgetäuscht. Die Unterscheidung geschah durch die Alkohollöslichkeit und Kochbeständigkeit der Stoffe und ihr Un- vermögen, Immunsera zu aktivieren (Korschun & Morgenroth ^29^ Donath & Landsteiner *30^ Noguchi ^3i ^^ a.,^^^). Korschun & Moe- genroth fanden außerdem eine charakteristische Eigenschaft der v/äß- rigen hämolytischen Organextrakte darin, daß die wirksamen Sub- stanzen nicht wirklich gelöst sind, sondern feine Suspensionen bilden und beim Kochen der Extrakte an die sich abscheidenden Eiweiß- flocken gebunden werden. Aehnliche Suspensionen sind künstlich herstellbar, wenn man hämolytisch wirksame Seifen oder Cobralecithid von fein verteiltem, koaguliertem Eiweiß absorbieren läßt (Morgen- roth & Schäfer *33)_ *) Darstellung von Lipasepräparaten durch Fällung mit Alkohol oder Uranyl- acetat. Kolloide und Lipoide in der Immunitätslehre. 1279 Ueber Hämolysine aus Geschwülsten s. Micheli & Donati ^-^ Kull- MAXX^'", Weil ■'■^'^ (cf. Lewix ^", ^•^*. Friedemanx), über lytische Wirkungen von Blutextrakten und die Autolyse von Blut Schur *^^, Traube & Goldexthal'*^", über hämolytische Lipoide der Thyreoidea Iscovesco "', über den Einfluß des Er- nährungszustandes, der Autolyse auf die hämolytische Wirkung von Organ- extrakten Friedemann, Morgexroth & Schäfer, Joannovics & Pick. Faust & Tallquist, Joannovics & Pick"-, Ehrmann & Stern"", Ja- COBI "^, NoLF "^ untersuchten Organ extrakte unter pathologischen Ver- hältnissen (z. B. bei akuter Vergiftung, Leberatrophie). Bei experimenteller Vergiftung mit Toluylendyamin fanden .roANNOVics & Pick in der Leber sehr wirksame lipoide Hämolysine (ungesättigte Fett- säuren), die wahrscheinlich eine Zerstörung roter Blutkörperchen im Organismus der vergifteten Tiere veranlassen. Als Ursache der durch Bothriocephalen hervorgerufenen perniziösen Anämie sehen Faust & Tallquist**^ die Giftwirkung der in den Parasiten als Cholesterinester vorhandenen Oelsäure an, eine Annahme, die sie in ähn- licher Weise auch für andere Formen von Anämien diskutieren und dadurch zu stützen suchten, daß mit Hilfe von Oelsäure experimentell anämische Zu- stände bei Tieren hervorgerufen werden können. Aehnliche lipoide Stoffe in anderen Wurmarten (Sklerostomen, Anchy- lostoma) beschrieben Weinberg"' und Preti"* (vgl. Loeb & Fleisher" \Vhippi.i;^°°, Vallillo*°S Berti'*"^ Vagi*^-'). Ueber die Beinflussung durch Lecithid erzeugter Anämien mit Hilfe von Cholesterin s. Morgenroth .& Reicher*^*, über die bei chronischer Oelsäure- vergiftung vielleicht durch Vermehrung des Lipoidgehaltes herbeigeführte Re- sisteuzerhöhung der Blutkörperchen gegen Oelsäurehämolyse Schminke & Flury*''-^, über den Cholesteringehalt des Blutes und der Organe nach Cholesterinver- fütterung Pribram *^^. Die Versuche, Giftwirkungen von Organlipoiden als Ursache der Eklampsie anzusehen (Freund & Mohr*^^)^ beruhen auf ungenügenden Grundlagen (POLANO*58). Untersuchungen über wohl zum Teil lipoide, bakterizide Stoffe (vgl. dieses Handb., I, S. 80), die in organischen Flüssigkeiten löslich sind, machten Conradi*^^, Bayer ^^o, Landsteiner & Ehrlich ^ßi, Petterson*ö2^ Carapelle & Ferrara*63^ Segale **^4 Vallet & Rim- baud '^6», Lamar*66. Außer in tierischen Organen wurden hämolytische und bakterio- lytische Lipoide auch in Bakterien und Trypanosomen gefunden (Vaug- han*6t^ Landsteiner & Raubitschek^ös, Raubitschek*^^, Levaditi & MuTERMILCH ^70^ FüKUHARA^'^1, KlKÜTSI*^^^ BuRCKHARDT ^^^^ Jaffe*'*, (trypanolytische Wirkungen), Pane*''^, cf. Te.jes*'^6. Die Wirkung von Lipoiden auf invisible Virusarten prüften Kraus & FuKUHARA*^'^. Auf lipoide Stoffe führen Raubitschek & Russ^'^8 und Okhubo^^9 die bakteriolytische und hämolytische Wirkung der Pyocyanase zurück. Eine ätherlösliche hämolytische Substanz aus Kuhuren des Bacterium putidum bestimmte Burckhardt (l. c.) mit Wahrscheinlichkeit als Dimethyl- oxythiolerucasäure. Burckhardt identifiziert die ätherlöslichen hämolytischen und in großer Dosis toxischen Stoffe aus StaphylokokkenkuUuren ohne genügen- den Grund mit den bekannten Toxinen dieser "Mikroben. Angaben über toxische Wirkungen von Zellipoiden machten Batei.li & M_ioxi*8", Gottlieb & Lefmaxx*''!. Iscovesco'"-, Elias^*', Izar & Fagiuoli*^-^ Die artfremden Blutlipoide sind nach Lefmann giftiger als die artgleichen (cf. Bang«-»). s & . Die Beziehungen der Lipoide zu hämolytischen Vorgängen veranlaßten zahlreiche Untersuchungen über die Cytolyse durch Fettsubstanzen be- kannter Zusammensetzung*), unter denen die Arbeiten von Faust & Tallquist ^'^^ und Noguchi*^' wegen der Zahl der untersuchten Stoffe besonders *) Literatur ^»5)_ 1280 Karl Landsteiner, hervorzuheben sind. Im allgemeinen besitzen nach diesen Untersuchungen un- gesättigte Fettsäuren ein besonders starkes hämolytisches Vermögen*). 5. Untersuchungen über Komplemente. In li3-pothetisclier Weise wurde die Möglichkeit einer lipoiden Beschaffenheit auch der Serumkomplemente diskutiert *89. Für diese Hypothese können einige unterstützende Momente herangezogen werden, zunächst der Umstand, daß wirklich aus Serum hämoly- sierende Lipoide zu extrahieren sind^^o^ dann die Zerstörbarkeit der Komplemente durch fettlösende Flüssigkeiten (Aether^^^^) und ihre Adsorbierbai'keit durch Lipoide -^^^ (ß^ .g^ 1271). Eine auffallende Uebereinstimmung der Komplemente mit blut- lösenden Lipoiden scheint darin zu bestehen, daß auch diecse in eiweiß- haltiger Lösung leicht beim Erwärmen unwirksam werden. So be- obachteten Kyes & Sachs ^-'S einen Verlust des Aktivierungsvermögens von Lecithin als sie Emulsionen dieser Substanz nach Zusatz von Hämo- globin erwärmten, und auch die direkte hämolytische und bakterio- lytische Wirkung von Lipoiden**; wurde in Versuchen von Lieber- mann, XoGucHi, Landsteiner & Ehrlich ^^-^ bei der Erhitzung in Eiweißlösungen offenbar durch Entstehung- von Adsorptionsverbin- dungen der Lipoide aufgehoben. Hauptsächlich auf Grund dieser Erscheinungen, wozu noch der Parallelismus einiger anderer Vorgänge, z. B. die Inaktivierung von Komplement und manchen Lipoiden durch Salze alkalischer Erden hinzukommt, meinten Xoguchi und Liebermanx die Komplement- wirkungen einfach auf die im Serum sich befindenden Lipoide (Seifen) beziehen zu können. Ein sehr wichtiges Argument wäre es, wenn die Angabe von Xoguchi zutreffen würde, daß es möglich ist, mit Hilfe von Seifenlösung erhitzte Immunsera zu aktivieren. Bei der Nach- prüfung durch Hecker -iss^ Landsteiner & Ehrlich i^^, v. Dün- gern & CocA^97^ Knaffl-Lenz^^*, Friedemann & Sachs *9^, Lief- mann & CoHN^oo j{oNDONi^oi wurcleu aber entgegengesetzte Resultate erhalten, und demnach ist der Ersatz der Komplemente durch andere Substanzen gerade bei der wichtigsten Komplementreaktion bisher nicht gelungen. Gegen eine Identifizierung der Wirkungen von Seifen und Komplement sprechen auch Versuche vonXEüFELD & Haen- DEL^o^, die lehrten, daß bei der Hämolyse durch Seife im Gegensatz zu der durch Komplement die Stromata und Kerne der Blutkörperchen gelöst werden, ferner die Beobachtung, daß eine Adsorption von Seifen nach Art der Komplementbindung bei der Vereinigung von Anti- genen und Antikörpern nicht stattfindet (v. Koranyiöosj und die Tat- sache der antikomplementären Wirkung von Seifen (Sachs & Alt- mann ^o*^ Hessberg 505 )_ (Ueber die Adsorption von Lecithin durch Präzipitate s. S. 1249;. V. Liebermaxx und v. F|;xyvessy^*'^ (cf. Kextzler^O'j führen neuer- dings Versuche an, in denen sie unter bestimmten Bedingungen durch Verwen- dung von Seifen in Kombination mit Eiweiß oder Ca- oder Mg-Salzen eine stärkere Lösung sensibilisierter im Vergleich zu normalen Blutkörperchen erzielten. Die Differenzen sind aber wohl zu gering, um hier von künstlichen Komplementcü sprechen zu können (s. die Widerlegung durch Liefmann, CoHX undORLOFF^""). *) Liter, über die Hämolyse durch galten saure Salze**"*). **) Z. B. die starken bakteriziden Wirkungen von Extrakten aus Froschovarien (Bayer, Lan'dsteiner und Ehrlich, s. S. 1279). Kolloide und Lipoide in der Immunitätslehre. 1281 Versuche einer spezifischen ,,KorapIementbindung" gelangen mit Hilfe der ver- wendeten Substanzen nicht. Bei Versuchen über die durch Globulinfällung darstellbaren Be- standteile des Komplementes erhielten Liefmann & Cohn^os keine Anhaltspunkte für eine lipoide Beschaffenheit der Komplemente, be- sonders war weder der Globulinniederschlag noch der Abguß durch Lipoid zu ersetzen; andererseits fand neuerdings Braun ^09 j^ (j^r Zerstörbarkeit der Wirkung des Globulinanteils durch Cobragift eine Andeutung dafür, daß an der Wirkung dieser Komponente Lipoide beteiligt sein könnten. Die Vermutung, daß die Komplemente Lipoid- Eiweißverbindungen sein könnten (Landsteiner & D.autwitz^o^)^ ist übrigens trotz der referierten Ergebnisse wohl noch nicht als endgültig erledigt zu betrachten (cf. Liefmann & Cohn). (In den neuen Untersuchungen von Friedemann ^lo ^^gj. Hpoidfreies Kom- plement fehlt der Nachweis der völligen Extraktion der Lipoide, s. SURANYI^IO.) II. Lipoidfällungen durch Serum und verwandte Reaktionen. Eine Anzahl von Serumreaktionen, die in mancher Beziehung den spezifischen Immunreaktionen ähnlich sind, sich aber dadurch von ihnen unterscheiden, daß die wirksamen Stoffe nicht im Ver- hältnis von Antigen und Antikörper stehen, haben in letzter Zeit besonders wegen ihrer praktischen Bedeutung große Beachtung ge- funden. Den Ausgangspunkt dieser Untersuchungen bildeten die von Wassermann, Neisser & Brück ^n entdeckten Eigentümlich- keiten syphilitischer Sera. Durch die gleichzeitigen Unter- suchungen von Landsteiner, Müller (fePöTZL^i^^ Borges & Meyer ^^^^ Levaditi & Yamanoüchi ^1* wurde der Nachweis erbracht, daß diese Sera die Eigenschaft haben, mit Bestandteilen nicht nur pathologisch veränderter Organe, sondern auch normaler Organe, und zwar mit lipoiden Substanzen derart zu reagieren, daß in der Lösung vorhandene Komplemente gebunden werden. Von der übrigens ungenügend begründeten Vermutung einiger Autoren, daß diese Reaktion von einer zweiten, im Sinne der Immu- nitätslehre spezifischen begleitet sei, kann hier abgesehen werden. Nach Levaditi & Yamanouchi^i-^ wären auch die Lipoide des Serums an der Reaktion beteiligt. Pick & Pribram^i^ fanden, daß nach Aetherextrak- tion der Sera diese ohne Lipoidzusatz Komplement binden. Henimungswirkungen luetischer Sera gegenüber der Aktivierung von Cobra- gift durch Meerschweinchenserum beobachteten Micheli-Borelli '^^^ Ueber Aenderungen des Lipoidstoffwechsels bei Luetikern und Paralytikern s. Peritz^^s, Analoge Reaktionen wie bei Syphilis zeigt das Blutserum bei einigen anderen Affektionen, z. B. manchen tierischen Proto- zoenerkrankungen, bei Frambösie, Lepra, und, was in theoretischer Beziehung wichtig ist, auch normale Sera geben die Reaktion, und zwar tierische Sera zum Teil in sehr ausgeprägter Weise, mensch- liche in geringem Grad. (Kraus & Volk^is, Elias, Neubauer, Borges & Salomon52o y_ a.) Aehnliche Ergebnisse werden auch erzielt, wenn man an Stelle der Organextrakte Lipoide bekannter Beschaffenheit setzt, z. B. Lecithin (Borges & Meyer), ölsaures Natron Sachs & Altmann 521)^ Gemenge von Lecithin und Cholesterin (Browning, Cruickshand, McKenzie, Gilmour522), Handbuch der pathogenen Mikroorganismen. 2. Aufl. II. 8 I 1282 Karl Landsteiner, Das Wesen der WASsERMANNschen Reaktion hat verschiedene Deutungen erfahren ; sehr wahrscheinlich handelt es sich dabei um eine nicht ohne weiteres zu sichtbarer Fällung führende Kolloid- reaktion von Serumbestandteilen, und zwar Globalinen (Land- steiner & Müller 523, Grosz & Volk524^ Bauer & Hirsch ^^s^ Friedemann, Schmidt ^sg ^it lipoiden Stoffen*)**). Dafür spricht besonders die Uebereinstimmung der WASSERMANNschen Reaktion mit Fällungserscheinungen des Syphilisserums. Diese Fällungen , die zuerst Forces & Meyer beim Vermengen von Luesserum mit Lecithinemulsionen oder Lösungen von glycocholsaurem Natron beob- achteten***), laufen der WASSERMANNschen Reaktion nach den vor- liegenden Angaben (s. dagegen Hermann & Perutz) nicht soweit parallel, daß sie einfach an deren Stelle gesetzt werden können (Friedemann, Grosz & Volk^^ö u. a.), zeigen aber doch eine ge- nügende Kongruenz, um die wesentliche Verwandtschaft der Vor- gänge sehr wahrscheinlich zu machen f). Die Fällung mit Lecithin tritt nicht nur bei Luesserum auf, besonders st^rk z. B. bei normalem Rinderserum (Weil & Braun ^'^i, Teruuchi & Toyoda, cf. Friedemann, Pick & Schwarz, Bordet s. S. 1270) ; die wirksamen Stoffe sind durch Erwärmen inaktivierbar (Toyosumi532)^ sie geben ähnliche Reaktionsoptima und werden in ihrer Wirkung durch Säuren und Alkalien in analoger Weise be- einflußt wie die Komplementbindung. Es ist noch nicht völlig aufgeklärt, welche Veränderungen der Syphilissera ihr eigentümliches Verhalten bei der WASsERMAXxschen Probe und den Flockungsreaktionen bedingen. Die eine Ansicht geht dahin, daß gewisse Globuline im Luesserum in vermehrten Mengen enthalten sind oder derartige Veränderungen erfahren haben, daß sie mit Lipoiden intensiver reagieren. Für diese Anschauung ist an- zuführen, daß die Globuline luetischer Sera im Vergleich zu normalen leichter durch Wasser fällbar sind (Klausinger ^^^-j-j-^ — eiiie Eigen- schaft, die übrigens nicht allein den Syphilisseren zukommt — und daß auch verschiedene andere Mittel die Luesglobuline leichter fällen (Sachs & Altmann). Nach quantitativen Bestimmungen vonNoGuciii^^^ sind die Globulinmengen im Syphilisserum der Norm gegenüber er- höht. Ein Verständnis dieser Veränderungen ergibt sich vielleicht aus der Berücksichtigung jener Variationen des Serumeiweißes, die bei Immunisierungen und Infektionskrankheiten gefunden worden sind (Moll 535^ Langstein & Meyer ^^e y, a^). *) lieber die direkte Beobachtung von Fällungen bei der W. R. s. Jacobsthal ^^'-') ; über die Fällung von Lipoidsuspensionen im allgemeinen und die Bindung durch Eiweiß s. Koch ■'•'-'*) ; Mayer & Terroine^'-'''); Borges & Neubauer ^-''^); Hak- DOWSKY ^^'d) ; Liebermann *"e) ; Mansfeld ^'^'f), Bona & Michaelis ^-'g). **) I. c. 520 und bei Sachs & Altmann, Angaben über die quantitativen Verhältnisse und den Einfluß von Säuren und Basen auf den Reaktionsverlauf. ***) Vgl. Elias, Neubauer, Borges und Salomon; Hermann & Berutz*'-% (Mischungen von glycocholsaurem Natron und Cholesterin, Lit.), Tebuuchi & TOYODA ^-*''). t) Durch Aetherextraktion wird das Fällungsvermögen der Sera nach Pick & Bribram. aufgehoben, -während bei der WASSERMANNschen Reaktion die extrahierten Sera sich, wie erwähnt, so verhalten, daß sie auch ohne Zusatz von Lipoiden Komplement binden (s. Satta & Donati) •'*■"'). tt) Nach einer neuen Mitteilung von Klausner ist diese Fällung vom Lipoid- g ehalt der Sera abhängig. Kolloide und Lipoide in der Immunitätslehre. 1283 Einer zweiten xlnschauung zufolge würden die Veränderungen des Syphilisserums auf der Anwesenheit von spezifischen Antikörpern gegen Syphiliserreger oder deren Lipoidverbindungen beruhen (vgl. CiTRON^37j^ (jie außer ihrer spezifischen Affinität auch noch ein Bindungsvermögen für Lipoide besäßen. Untersuchungen über die Filtration der wirksamen Stoffe (Mutermilch ^38^ sprechen eher gegen diese Hypothese. Die Supposition, daß die Träger der Wasser- MANNSchen Reaktion Antikörper gegen Organlipoide seien, die bei der Degeneration der Gewebe frei werden (Weil & Braun ^39^^ ist durchaus hypothetisch. Eine andere Gruppe von Serumreaktionen ist der Wassermann- schen Reaktion insofern anzureihen, als hier möglicherweise ähn- liche Einwirkungen auf lipoide Stoffe in Frage kommen. Es sind die von AscoLi^^o 2um Teil gemeinschaftlich mit Izar beschriebenen, als Meiostagminreaktionen bezeichneten Phänomene. Bei dieser Me- thode werden verschiedenartige alkoholische Extrakte mit Serum zu- sammengebracht und eintretende Veränderungen der Oberflächen- spannung mit dem TRAUBESchen Stalagmometer beobachtet*). Die Natur dieser Prozesse und der reagierenden Stoffe ist noch nicht auf- geklärt; bei einem Teile derselben dürfte es sich nach den von AscoLi & Izar mitgeteilten Versuchen um gegenseitige Einwirkungen von Antikörpern und Antigenen handeln (Micheli & Cattoretti ^^^, Bertolini ^^^, Fagiuoli '^^ , Izar 5*^). In dem anscheinend wichtigsten Fälle aber, bei der zur Diagnose bösartiger Geschwülste angegebenen Probe (vgl. Izar^*^), findet die Reaktion auch statt, wenn menschliche Tumorsera mit alkoholischen Extrakten normaler Organe (Pankreas) zusammengebracht werden (Micheli & Cattoretti^*''); sie ist also in dieser Beziehung der WASSERMANNschen Reaktion analog. Die Reaktion ist nicht streng auf die Sera Tumorkranker beschränkt (Micheli & Cattoretti 51S). Eine andere von Freund & Kaminer ^*^ angegebene Reaktion beruht nach der Mitteilung dieser Autoren auf dem Vorhandensein emer Tumorzellen zer- störenden ätherlöslichen Substanz, die im normalen Blutserum vorhanden ist und durch Bestandteile des Serums von Carcinomkranken in ihrer Wirkung gehemmt wird. Ueber Reaktionen von Lipoiden des Harnes, besonders bei Tuberkulose s. CiTRON & Klinkert^^o, Über Lipoidreaktionen mit Harn bei Syphilis Cam- panna, Etienne 551. Ueber eine Fällungsmethode zur Schätzung von Lipoiden im Serum s. Hermann & Neumann ^^^^ ü^er Hemmung der Sublimathämolyse durch Serum Kentzler553^ üjjgr Hemmung der Alkoholhämolyse durch Syphilis- serum Schultz ^^^a. III. Untersuchungen über den Anteil der Lipoide an verschiedenartigen Immunreaktionen. Hemmungen der Agglutination von Blutkörperchen durch lipoide Sub- stanzen beobachteten Lazar^^* und Dautwitz & Landsteiner^^^; ein wesentlicher Anteil der Blutlipoide an der Bindung normaler Agglutinine ist nicht anzu- nehmen, da Blutstromata auch nach Entfernung eines großen Teils der Lipoide noch beträchtliches Absorptionsvermögen besitzen ^^^. Ueber eine agglutinin- hemmendo Wirkung alkohollöslicher Serumbestandteile s. Szily^^t. Lipoide mit Hämagglutininwirkung beschrieb IscovESCO^^^ (vgl. Lieber- mann, Hausmann). Den Einfluß ätherlöslicher Stoffe auf die Pr äz ipi t in reaktion und die spezifische Komplementbindung untersuchten Pick & Pribram^^^. Sie fanden, daß die Fähigkeit, mit homologem Präzipitin Niederschläge zu geben, bei ver- schiedenen Blutseren ungleich beeinflußt wird. Mit Aether behandeltes Rinder- serum reagiert mit Präzipitin stärker als natives; ein Zusatz der Lipoide zum *) Ueber den Einfluß verschiedener Lipoide auf die Oberflächenspannung siehe Iscovesco ""). 81* 1284 Karl Landsteiner, Serum schwächt die Präzipitinwirkung ab. Aehulich liegen die Verhältnisse bei der Komplementbindung. Im Gegensatz dazu verlieren Hunde- und Menschen- serum durch Aetherbehandlung an Reaktionsfähigkeit gegen Präzipitin; auf die Fällung von Pferdeserum hat die Aetherbehandlung keinen Einfluß. Als indifferente Emulsion benutzte Uhlenhuth ^^^ Suspensionen von Oel in Gummilösung um deren Ausflockung unter dem Einfluß von Seren mit Gummi vorbehandelter Tiere zu beobachten. Neufeld & Haendel^^^ fanden, daß Milchkügelcheu und in Eiweißlösungen suspendierte Oeltropfen von Leuko- cyten aufgenommen werden, wenn man den Emulsionen Serum mit Milch, bzw. dem betreffenden Eiweiß behandelter Tiere zusetzt. Auch bei dieser Erschei- nung ist das Fett nur in indirekter Weise an dem Vorgange beteiligt. Auf die Phagocy tose von Bakterien haben nach Versuchen vonMÜLLER^^^ die Bakterienlipoide keinen Einfluß. Fördernde Wirkungen von Cholesterin auf den Vorgang der Phagocytose beschrieb Walbum ^^^. Die Rolle der Lipoide bei der antifermentativen Wirkung des Serums wird verschieden beurteilt. Pick & Pribram ^«1, Schwarz "'^^ vgl. Yamajs'Ouchi^""^, RoNDOXi^*^", Carpi""**, Bauer ^'^■' kamen zu dem Ergebnis, daß die Antitiypsine nicht als Antikörper zu betrachten seien, sondern die antitryptische Wirkung Lipoiden bzw. Lipoideiweißverbindungen zukomme, da der die Trypsiuverdauung hemmende Stoff nach Behandlung des Serums mit Aether verloren geht und durch Zusatz der ausgezogenen Lipoide wieder hergestellt werden kann (cf. Kämmerer ^"°). Die antitryptische Wirkung der Lipoide wird nach Schwarz durch Erwärmen in eiweißhaltiger Lösung verstärkt. Abweichende Resultate wurden von K. Meyer^"^, Kawashima^'^, Cobliner"^, Döblin^''* mitgeteilt. So fand Cobliner nach Behandlung von Serum mit fett- lösenden Flüssigkeiten keine \"erminderung der Trypsinwirkung und keine hemmende Wirkung der Extrakte. Die Aenderungen des Antifermentgehaltes, die nach Darreichung von Pankreaspräparaten beobachtet wurden, können aber wegen ihres raschen Verlaufs wohl kein Argument dafür bilden, das Antitrypsin als einen durch Immunisierung mit körpereigenem Trypsin entstandenen Anti- körper zu betrachten (cf. K. Meyer). Literatur über die Förderung und Hemmung f e r m e n t a t i v e r Vor- gänge durch Lipoide beiBANG^'°, vgl. Terroine "'", Küttner^"', Buchner*'*, Satta & FASIANI■^'^ Schwarz*®", Neumann*'*', Cobluner^^^, Stabkensteen *^*, Lapidus***, Sieber *'^\ Palladin**'', Centanni*-'. MiNAAn**'*. Ueber die Beeinflussung der Lipase Wirkung durch Serum, Lipoide und hämolytische Stoffe und die Lipasewirkung des Serums selbst s. Henriot, Arthus, D0YOX& Morel (vgl. Connstein^^s^ Müller^^^, Rona & Michaelis^^", Rosenheim & Shaw-Makenzie*^', Eisner*"-, Terroine*"', Abderhalden & RoxA^ä*), über den Einfluß von Toxinen auf die Lipolyse Barlocco, Pesci^^^. Die Einwirkung von autolytischem Ferment auf peptidähnliche Verbindungen von Fettsäuren mit Aminosäuren untersuchte Bondi ^'■^^. IV. Untersuchungen über die Antigenwirkung von Lipoiden *. Die Ansicht, daß Lipoide Immunisierungsvorgänge anzuregen vermögen, haben zuerst Bang & Forssman^^s ausgesprochen, als sie bei Kaninchen nach Einspritzung ätherischer Blutkörperchenextrakte spezifische Hämolysine entstehen sahen. Die Tatsache selbst wurde später auch v^on Landsteiner & Dautwitz^^^ und Takaki^o^ beob- achtet; über ihre Deutung sind die Anschauungen geteilt, wenn auch die Aetherlöslichkeit jedenfalls dafür spricht, daß die immunisierende Substanz — das Lysinogen — in den Blutzellen mit Lipoiden in Verbindung steht. , Bei einer genauen Untersuchung der immunisierenden Extrakte durch Bang & Eorssman zeigte es sich, daß das Lysinogen nur in- folge der Beimengung anderer Stoffe in Aether löslich ist, diese Eigenschaft aber nach der Reinigung mit Aceton einbüßt. Nach einer solchen Umfällung fanden Bang & Forssman, daß die Substanz noch in kochendem (nicht in kaltem) Benzol lös- *) Zusammenfassendes Referat: Landsteiner *"'); cf. Bang''^'*). Kolloide und Lipoide in der Immunitätslehre. 1285 lieh ist und sahen dieses Verhalten als einen Beweis für die lipoide Beschaffenheit des Stoffes an. Der Schluß ist darum nicht bindend (Ehrlich & Sachs ^oi^ Sachs ^^02^ 099^^ -y^ejl ^s möglich wäre, daß das Lysinogen in Form einer feinen Suspension oder als kolloide Lösung vom Benzol aufgenommen wird, oder daß auch diese übrigens geringe Löslichkeit ebenso durch Verunreinigungen bedingt wird, wie die primäre Löslichkeit in Aether, wobei zu berücksichtigen ist, daß schon sehr geringe Mengen von Lysinogen mit Hilfe der Hämo- lysinbildung nachgewiesen werden können (Friedberger & Dorner). Takaki nahm eine chemische Untersuchung des möglichst ge- reinigten Lysinogens vor und fand, daß es Eisen, Phosphor und Schwefel enthält, die Reaktion von Molisch, aber keine Eiweiß- reaktionen gibt und bei der Behandlung mit Säuren reduzierende Substanzen nicht abspalten läßt. Die Elementaranalyse des unter- suchten Produktes schien auf das Vorhandensein von Phosphatiden oder Sulphatiden hinzuweisen, doch ließ sich nicht feststellen, ob das Lysinogen wirklich die Hauptmasse des Materials ausmachte oder ob andere Substanzen in überwiegender Menge darin vorhanden waren. Aehnliche Schwierigkeiten wie in dem von Bang & Forss- MAN untersuchten Falle ergeben sich auch sonst bei der Beurteilung der Antigenwirkung von Lipoiden aus der Beeinflussung der Löslich- keit vieler Substanzen durch Lipoidbeimengungen und der großen Empfindlichkeit des Immunisierungsvorganges. Die Löslichkeitsbeeinflussung durch Lipoide tritt in dem ziemlich eingehend untersuchten Beispiele des Cobralecithides besonders deutlich hervor (s. S. 1276). Die bei der Darstellung dieses Stoffes primär stattfindende Bildung einer in Chloroform und anderen organischen Solventien löslichen, als Antigen wirkenden Adsorptions- verbindung des Cobralysins mit Lipoiden wird durch Untersuchungen über analoge Kombinationen anderer Kolloide verständlich gemacht. So erhielten Landsteiner & Jagic^os durch Vereinigung von Eisen- hydroxyd mit Lecithin ein Produkt, das sich in Chloroform mit brauner Farbe löst und durch Aether fällbar ist. Aehnlich sind die Beobachtungen von Reiss'^04^ Michaelis & Rgnaöo^ über (jjg durch Lecithin und Mastix bewirkte Löslichkeit von Fermenten und Albu- mosen in organischen Flüssigkeiten. An nicht kolloiden Stoffen sind Erscheinungen dieser Art, z. B. das Uebergehen von Zucker, organischen und anorganischen Salzen, in Lecithin enthaltenden Aether öfters beschrieben worden (Over- TON^Oß, Bing 60', s. Fraenkel^os). Schon aus diesen Erfahrungen, ab- gesehen von dem Umstand, daß auch manche Proteine und Protein - derivate von Alkohol aufgenommen werden, ergibt es sich, daß die mehrmals beobachtete Löslichkeit von Antigenen in Alkohol für deren lipoide Beschaffenheit nicht ohne weiteres beweisend ist. Angaben dieser Art liegen über präzipitable und agglutinable Bestandteile von Bakterien*) vor (Xicolleöi", Levaditi & Mutermilch ß^i, Pick*^!^). Nach Injektion mit 85-proz. Alkohol hergestellter Bakterienextrakte er- hielten Levaditi & Mutermilch Agglutinine, Lysine, Tropine, Schutz- stoffe und komplementbindende Antikörper. Prausnitz^i^ kam zu ab- *) Liter, über bakterielle, in organischen Solventien lösliche Giftsubstanzen bei Pick *•"*). Ueber die Beobachtungen Burckhaedts am Staphylotoxin s. S. 1279, über Meiostagminreaktionen S. 1283. 1286 Karl Landsteiner, weichenden Ergebnissen, wie er annimmt, weil die alkoholische Lö- sung durch Baliterienfilter von suspendierten Partikeln befreit wurde. Die Wirkung der Injektion mit Lipoiden versetzter BaJsiterien- aufschwemmungen untersuchten Pick et- Schwarz ^i*. Nach Ein- spritzung mit Lecithinemulsion vermischter iiufschwemmungen von Typhusbacillen entstanden starke x4.gglutininseraßi^, die ebenso wie gewöhnliche Typhusagglutinine Typhus-Lecithinemulsionen sehr kräf- tig ausflockten. Wurden statt mit Lecithin mit Organlipoiden kom- binierte Bacillen injiziert, so zeigte sich eine gewisse Spezifizität der Wirkung in bezug auf die einzelnen Bakterien-Lipoidaufschwem- mungen. Nach Immunisierung mit Pferdeserum-Lipoiden allein ent- stand ein Serum, das diese Emulsionen ausflockte (vgl. Bordet S. 1270). Die Autoren gelangten zu der Ansicht, daß ihre Immuni- sierungseffekte möglicherweise durch Lipoid-Eiweißverbindungen be- wirkt seien und vermuten, daß bei der Kombination von Antigenen mit Lipoiden Produkte entstehen, die in immunchemischer Beziehung sich wie besondere Individuen verhalten. In Versuchen von Müller ^^^ ging bei Anwesenheit längere Zeit aufbewahrter Lecithinpräparate Typhusantigen in Chloroform über. Der Autor hält es für wahrscheinlicher, daß das Lipoid eine Zer- störung des Antigens durch Chloroform verhindert ^i^, als daß es die Löslichkeit direkt beeinflußt. Eine Erhöhung der Aggiutininavidität von Typhusbacillen trat durch Lecithinzusätze nicht ein. Untersuchungen über das Eintreten von Anaphylaxie nach In- jektion roher Oele und Fette stammen von Uhlenhüth&Haendel^is^ Sie erhielten anaphylaktische Reaktionen, wenn sie nach einer Vor- behandlung mit Oel die Probeinjektion mit dem Eiweiß der betreffen- den Pflanzenart vornahmen, aber nicht bei Einspritzung der Oele selbst. Aehnlich verhalten sich tierische Fette. Aus diesen Resultaten ist zu entnehmen, daß die Immunisierung nicht durch die Fette, son- dern durch das in denselben enthaltene Eiweiß bewirkt wurde. Dem- gegenüber erscheinen die von Bogomolez^i^ mit Dotter ausgeführten Versuche für die angenommene anaphylaktisierende Eigenschaft von Lipoidgruppen einer Lipoideiweißverbindung nicht bew^eisend. Pick &Yamanouchi 620 deuten ihre Ergebnisse an alkoholischen Ex- trakten von Blutseren dahin, daß Eiweißfettverbindungen für die Ent- stehung des anaphylaktischen Zustandes in Betracht kommen. Gay & ADLER*'"^Miatten mit gereinigten Aetherextrakten von Pferdeserum negative Resultate. Ueber die Alkohollöslichkeit des lokale Ueberempfindlichkeit hervorrufenden Bestandteiles von Trichophyten s. Truffi622^ über anaphylaktische Reaktionen mit Lipoiden aus säurefesten Bakterien MucH. Bemerkenswerte Verhältnisse zeigen eine Anzahl von Komple- mentbindungsreaktionen, insofern hier Alkoholextrakte als spezifi- sches Antigen für die Proben verwendet werden können. So gibt nach den Angaben von Nishiura^^s und Babes^^* Lepraserum neben der — der AVASSERMANNSchen analogen — unspezifischen Reaktion mit Li- poiden, z. B. mit alkoholischem Herzextrakt auch spezifische Kom- plementbindung mit Lepraextrakten, und zwar mit ätherischen Aus- zügen aus Lepragewebe oder aus verschiedenen Arten säurefester Bacillen. Aehnliche Resultate, nämlich spezifische Komplementbin- dung mit alkoholischen Extrakten der Parasiten hatten Citron &^ Klinkert625 und Kleixschmidt 626 bei Tuberkuloseseren, Parvu^^*, Kolloide und Lipoide in der Immunitätslehre. 1287 GraetzC28^ Yoshimoto629, K. Meyer^so, Israel63i bei Wurmkrank- heiten, KoRSCHUN & Leibfreid632 \)q[ Recurrens, und Much^^s ^^(J seine Mitarbeiter erhielten Komplementbindungsre^iktionen mit Li- poiden aus Tuberkelbacillen und anderen säurefesten Bakterien auch bei Tieren, die mit diesen Präparaten immunisiert worden waren. Meyer glaubte die von ihm untersuchten lecithinartigen, in Alkohol, Aether und Benzol löslichen, durch Aceton fällbaren Substanz aus Würmern als lipoides Antigen ansehen zu können, da das Produkt keine Eiweißreaktionen gab, gegen Trypsin und Pepsin fest war, und weil wäßrige, das Antigen enthaltende Extrakte durch Behandeln mit Aether unwirksam wurden. Eine befriedigende Erklärung der in diesem Falle bestehenden Verhältnisse ist noch nicht zu geben, da die von Meyer isolierten Lipoide, wie seine letzten Ver- suche zeigen, nicht die Bildung von Antikörpern bewirken, während sie andererseits in hohem Grade und anscheinend spezifisch komple- mentbindend wirken. Die bisher vorliegenden ^^ersuche einer Immunisierung mit Lipoidsub- stanzen, deren chemische Bescliaft'enheit annähernd bekannt ist, haben keine sicher positiven Ergebnisse gehabt. Hierher gehören die erfolglosen Iramuni- siemngsversuche von Wassermann &CiT RON"-", Brück "^•'', Seligmann & Pinkus "^'^j V. Dungern & Coca'''', Uhlenhüth '■ '** mit Oel und Lecithin (vgl. Dohi"'^^), SCHATILOFF & ISABOLINSKY '^^" (vgl. FuKUHARA''", CALCATERRA ''*-, TeRUUCHI & ToYODA"^ ßOSENBERG '^^■*). Im Gegensatz zur Annahme von Metalnikoff ^44: sahen Abderhalden & Kapfberg^*^ nach parenteraler Darreichung von Fetten keine Lipase im Serum auftreten. Für die Annahme einer Antigenwirkung von Lipoiden führen MuCH, Klein- schmidt ''^''' , HoESSLi''^', WlELS*"^*, Deilmann*'-*" Untersuchungen über Kom- plementbindungsreaktionen des Serums mit Nastin und Chaulmoograöl be- handelter Menschen an. Der mit Rücksicht auf die Resultate von Uhlenhuth & Haendel (s. S. 1286) notwendige Nachweis der völligen chemischen Reinheit der verwendeten Fette ist aber in diesen Fällen wohl nicht mit genügender Sicherheit erbracht. Vorläufig unaufgeklärt sind die Mitteilungen von Frouin^^" (Einspritzung von Acetonextrakten aus Eigelb — Hämolysinbildung), K. CoLLiNS^^i (Injektion von Lecithin — Bildung von Bakterienagglutininen), Meyer & Schäffer^^^ (In- jektion von Fettsäuren, Seifen, Fettsäureestem — Entstehung von Präzipitinen). Möglicherweise ist an Nebenwirkungen spezifischer Agglutinine bzw. an eine Ver- mehrung normaler Antikörper, wie sie durch sehr verschiedenartige Substanzen bewirkt werden konnte, zu denken (K. Collins). lieber den Lipoidgehalt von Immunseren s. Hahn^^', Takaki (1. c). Literatur. 1. '*) Wandl. d. Pathol., Wien, Perles, 1905. '^) Vierteljahrsschr. d. naturf. Geseilsch. Zürich, 53, 408, 1908; Schweiz. Korresp., 1904, Nr. .3; Zeitsehr. f. Immunitätsf., 1. 193, 1909; Centralbl. f. Bakt., Ref., U. 1903, 36, 1905. '') Handb. d. Techn. u. Method. d. Immunitätsf., 2, 1136. ^fl) Wien. kUn. Wochenschr., 1909, Nr. 47; Zeitsehr. f. Kolloidchem., 3, 221. 'e) Med.-naturw. Arch., 1, 267, 345. 'f) Arch. intern, de Phvsiol., 7, 1908. 's) Handb. von Koranyi-Richteb, 2. 'h) KoUoid- chem. Beitr., 2, H. 1, 2. 2. ■■'') ^\"ien. klin. 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Iramunitätsf., 2. 436, 1909; cf. EoxDOXi. Zeitschr. f. Iramunitätsf.. 9. 191. 1911. 108. Berl. klin. Wochenschr.. 1908, .348. 108^ Zeitschr. f. Immunitätsf., 1912. 109. Ann. Pasteur, 1900, 267; 1903, 161. 110. Vgl. VAX Bemmelex, zit. bei Laxdsteixer & Jagic; Biltz, Zeitschi-, f. phvsik. Chem., 48, 1905; ßer. d. deutsch, chem. Ges., 38, 2963, 1905. 111. Miinch. med. Wochenschi-., 1903, Nr. 18; 1904. Nr. 27; vgl. Centralbl. f. Bakt.. 39. 83. 112. Zeitschr. f. physik. Chem., 48, 1904; Nachr. d. kgl. Ges. d. Wiss., Göttingen 1904, H. 2. 113. Centralbl. f. Bakt.. 34, 428; Korrespondenzbl. f. Schweiz. Aerzte, 1904; Cen- tralbl. f. Bakt.. 36. 161. 1905. 114. Journ. Hvg.. 5, 113, 1905. 115. Zeitschr. f. Hyg., 40, 203, 1902 116. Zeitschr. f. anorgan. Chem., 23, 111. 1900; vgl. Freuxdlich, Zeitschr. f. Chem. u. Ind. d. Koll.. 1, 321, 1907. 117. 1. c. Zeitschr. f. phvsik Chem., 48; Ber. d. deutsch, chem. Ges., 38,2963,1905. 118. Zeitschr. f. Färb- u. Textlichem., 2, H. 13, 1903. 119. s. dagegen Zeitschr. Chem. d. KoU., 9, 164, 1911. 120. Bloch. Zeitschr., 23, 27. Mediz.-naturw. Arch., 1. 121. Zeitschr. f. Hvg.. 40, l'54, 1902. 122. Zeitschr. f. phvsik. Chem.. 46, 403, 1903; Tmmunochem., S. 93; Arb. a. d. Kais, Ges.-Arat', 20,_10, 1904; Lubarsch-Ostertag, p:rgebn., 7, S. 510. 1-23. Immunochem., S. 9v. 125. 1. c. 122. 126! Centralbl. Bakt., 36, 671, 1904. 127. Arch. f. Hyg.. 64, 62.; vgl. Laxdsteixer & Reich, Centralbl. Bakt.. 39, 712. 128. 1. c. 126. 129. Centralbl. f. Bakt., 39, 83, 1905. s. Friedemaxx, Zeitschr. klin. Med., 55; Michaelis, Berlin, Bornträger, 1905. 130. 1. c. .Journ. of Hyg., 5, 113, 1905. 131. 1. c. Lubarsch-Oslertag Ergebn., 7, 516. 132. Diskuss. Bunsengeseilsch., 1904, Zeitschr. Elektrochem., 10, Nr. 35. 133. Zeitschr. Chem. u. Ind. d. Koll., 7, 113, 1910. 134. Proc. rov. Soc. 82, 185, 1910. 135. Proc roy. Soc, 82, 168, 1910. 136. Arrhexius & Madsex, Zeitschr. phvsik. Chem., 44, t. 1903; Arrheniüs, Berl. klin. Wochenschr.. 1^04, S. 216; Zeitschr. Elektrochem., 10, Nr. 3o. 661, 1904; Madsex, Centralbl. Bakt., 36, 37; vgl. Ehrlich, Berl. kUn. Wochenschr., 1904, S. 221; Biltz, Med.-naturw. Archiv, 1; Michaelis, Biochem. Centralbl., 3, 1904 u. Monogr., Berlin, Bornträger, 1905. 137. Diskuss. Bunsengeseilsch., Zeitschr. Elektrochem., 10, Nr. 35. 138. Diskuss. Bunsengeseilsch., Zeitschr. Elektrochem., 10, Nr. 35, Nr. 22, 1904. 139. Ber. d. deutsch, chem. Ges., 37, 3138, 1904. 140. ""^) Centralbl. Bakt., 36, 37; '**) Zeitschr. exper. Path. u. Ther., 3. 1906; "'"') l- c- Zeitschr. f. phvsik. Chem., 52; Proc. rov. Soc, 76, 77; '^°'i) 1. c 129. Kolloide und Lipoide in der Immunitätslehre. 1291 141. 1. c. Biochem. Zeitschr., 23. 142. Ann. Pasteur, 17, 161, 1903. 143. Biochem. Zeitschr., 23, 27, 1909, vg;l. Med.-naturw. Arch.. 1, 361, Mentz V. Krogh, Zeitschr. Hyg., 68, 251, 1911. 144. 1. c. Biochem. Zeitschr., 23, 33, 35. 145. Biochem. Zeitschr., 34, 495, 1911. 146. Zeitschr. Chem. u. Ind. d. Koll., 7, 113, 1910 (Lit.); vgl. Ostwald, Zeitschr. Chem. d. Koll, 9, 193. '^"^) Zeitschr. Chem. d. Koll., 8, 2, 1911, vgl. Biochem. .Tourn., 1. 147. Zeitschr. phvsik. Chem., 73, 399, 1910, vgl. Biltz. 148. Proc. rov. Soc, 82, 185, 1910. 149. Zeitschr.' Chem. d. Koll., 9, 135, 1911. 150. Bull. Acad. d. Sc. de Cracovie, Mai 1902. 151. Centralbl. Bakt., 34, 355, 1903. 152. Zeitschr. exper. Path. u. Ther., 1. 153. Centralbl. f. Bakt., 34. 154. Handb. von Koranyi-Richter, S. 413 ff., Biochem. Zeitschr., 3, Handb. d. Biochem., 2, 552. 155. Immunochera., S. 172; Lubarsch-Ostertag Ergebn., 7, 541; Hamburger, Folia haem., 2, 1905, zit. nach Arrhenius; Hamburger & Arrheniüs, Proc. r. Acad. Sc, Amsterdam. 26. Mai 1906, S. 33. zit. nach Arrhenius. 156. Univ. of Californ. Public, in Pathol., 2, 23,' 1911. 157. Ann. Pasteur, 14, 257, 1900. 158. Ann. Pasteur. 1(J, 331, 1902. 159. Deutsche med. Wochenschr., 1904, S. 275. 160. (.Centralbl. Bakt.. 37, 251, 1904; cf. Levaditi, Ann. Pasteur, 22, 1905. '«"") Wien, klin. Wochenschr., 1904, Nr. 40, Zeitschr. exper. Path., 1, 98. 161. Zeitschr. Elektrochem., 10, 783, 1904. 162. 1. c. Immunochem., S. 124; Lubarsch-Ostertag Ergebn., 7, 529; Journ. Hvg.. S, 1, 1908. 163. .Tourn. Hyg., 7, 501, 1907; 9, 69, 1909. 164. Zeitschr. physik. Chem., 44, 143, 1903; vgl. Hoeber & Gordon, Hofmeisters Beitr., 5, 432, 1904. Lixdner & Picton, Journ. chem. Soc, 67. 165. 1. c 166. Biochem. Journ. 1, 175, 1906, cit. nach Craw, Journ. Hyg., 7. 167. -Tourn. Hvg., ö, 113, 1905; vgl. Biltz, Ber. d. deutsch, chem. Ges., 38, 2968, 1905. Einige I^iteraturangaben bei Zangger, Centralbl. Bakt., 36, 163. 168. Zeitschr. Hvg., 67. 327, 1910. 169. 1. c. Wien, Perles, 1905. 170. Zeitschr. Immunitätsf., 4, 108, 1909. 171. Münch. med. Wochenschr., 1903, Nr. 11. 172. Wien. klin. Wochenschr., 1904, Nr. 3. 173. Zeitschr. physik. Chem., 48, 385, 1904. Ii4. 1. c. Zeitschr. phvsik. Chem., 48, 615, 1904; Bei. d. deutsch, chem. Ges., 37. 1095, 1904. 175. Arch. Hyg., hh, 361, 1909. 176. Zeitschr. phvsik. Chem., 60, 469, 489, 1907, und 62, 287, 1908. 177. Journ. inf. JDis., 6, 361, 1909. 178. Centralbl. Bakt.. 40, 133, 1905. 179. 1. c. Centralbl. Bakt., 40. 180. Wien. klin. Wochenschr., 1911, S. 555. 181. Centralbl. Bakt., 37, 426, 1904. 182. Centralbl. Bakt., 41, 466, 1906. 183. 1. c 148. 184. Centralbl. Bakt., 40, 143, 1905. 185. Ann. Pasteur, 13, 225, 1899. 186. Centralbl. Bakt., 40, 133, 1905. ^^'''') 1. c Arch. f. Hyg., 55. 187. 1. c Münch. med. AVochenschr., 1903, Nr. 11. 188. 1. c. Arch. intern, de Phys., 7, 1, 89, 1908. Centralbl. Bakt., Ref., 43. 189. Zeitschr. phvsik. Chem., 48, 385, 1904. 190. Centralbl. Bakt., 40, 146, 1905. 191. Ann. Past., 12, 417, 1898. ^^'^) Zeitschr. f. Kolloidchem.. 1, H. 11. 192. 1. c. 193. Journ. chem. Soc, 67, 63, 1895. 194. Zeitschr. physik. Chem.. 33, 385, 1901. 195. Zeitschr. physik. Chem., 44. 1292 Karl Landsteiner, 196. Münch. med. Wochenschr.. 1904, Nr. 19. 197. 1. c. 198. Zeitschr. phvsik. Chem.. 57. 47, 1906; 60, 469, 489, 1907; 62, 287, 1908. Zeitschr. Kolloidchem., 2. Suppl.-Heft, S. 45. '"^^) Journ. med. Kes., 20, H. 2, 3, 1909. 199. *"'"') Ostwald, Grundr., S. 476 ; Freundlich, Kapillarchem., S. 345 ; Müller; AUg. Chem. d. KoU. »''«'') Centralbl. f. Bakt., 30, 336, 1901; '9«'=) Zeitschr. f. Hvg., 36, 422, 1901. 200. Arch. intern, de Physiol., 7, 1908; Centralbl. Bakt., Ref., 43, 401, 1909. 201. Zeitschr. Immunitätsf., 2, 159, 1909. 202. Zeitschr. Immunitätsf., 8, 397, 1910, vgl. Oppenheimers Handb. d. Biochem. 2, 536. 203. Handb. v. Kraus-Levaditi, 1, 542 fF., ii. Schwarz, Biochem. Zeitschr., 17. 491, 1909. 204. Hyg. Rundsch., 1903, 1261. 205 Arch. f. Hvg.. 55, 361, 1906. cf. Pauli & Flecker. Biochem. Zeitschr., 41, 461. 206. Zeitschr. Elektrochem., 1904, Nr. 51; Behrings Beitr., 1. c. 207. Lubarsch-Ostertag Ergebn., 7, S. 517. 208. Biochem. Zeitschr., 20, 329, 1909. 209. Centralbl. Bakt.. 39, 319, 1905, Zeitschr. exper. Path. ii. Ther., 1, 1905. 210. Zeitschr. Immunitätsf., 9. 136, 1911. 211. Centralbl. Bakt., 40, 133, 1905; vgl. ebd. 41, 466. 1906; Zeitschr. exper. Path. u. Ther., 1, 1905. 212. Arch. Hyg., 62, 239, 1907. Mamlok, ebd., 68, 95. 213. Arch. Hyg., 63, 237. s. Bachrach & Gräfe, ebd., 70. 214. 1. c. Oppenheimers Handb., S. 408, 409. Gürber, Beitr. z. Physiol. Braun- schweig, Vieweg, 1899 ; Hoeber, Diss. Würzburg 1893. 215. s. Ehumbler, 76. Vers. D. Naturf. u. Aerzte, Leipzig 1904. 216. Journ. Amer. med. Ass., 12. Mai 1906. cf. da Costa & Beardsley, zit. nach Jahresber. f. Immunitätsf., 4. Sellards Journ. inf. Dis., 5, 308, 1908. 217. Soc. Biol., 68, 1079, 1910. 218. Eef. Zeitschr. Immunitätsf., 3, 899, 1911. 219. Zeitschr. Immunitätsf., 8, 72, 1910. 220. 3. Tag. d. fr. Ver. f. Mikrobiol., S. 14; vgl. Wright, Hamburgp:r, zit. nach Neufeld, Handb. v. Kraus-Levaditi, 1. Ergänzungsbd., S. 119, 133. 221. Biochem. Zeitschr., 7, 102, 1907. 222. Zeitschr. Immunitätsf., 2, H. 1, 1909; vgl. Bechhold, Münch. med. Wochen- schr., 1908, Nr. 34. 223. Arb. a. d. Kais. Ges.-Amt, 28, 572, 1908. 224. Biochem. Zeitschr., 9, 26. 225. Zeitschr. allg. Physiol., 9, 529, 1909. 226. Gaz. d. Hop., 82, zit. nach Jahresber. f. Immunitätsf., 5, 75. 227. Zeitschr. Elektrochem., Nr. 35, 1904. 228. Zeitschr. physik. Chem., 51, 19, 1905. 229. Zeitschr. klih. Med., 55, 521, Zeitschr. exp. Path. u. Ther., 73. 230. Zeitschr. Immunitätsf., 9, 246, 1911. 231. Münch. med. Wochenschr., 1904, Nr. 27; Centralbl. Bakt., 39, 310, 41, 108: Die Theorien der Antikörperbildung, Wien. klin. Wochenschr., 1909, Nr. 47; Oppenheimers Handb., 2; Zeitschr. Kolloidchem., 3, H. 5; vgl. Michaelis. Handb. von Koranyi-Eichter, 2. Friedemann & Friedenthal. 232. Bull. Acad. roy. de med. de Belgique, 29. Oct. 1910 und 1. c. 233. Handb. v. Koranyi-Eichter, 2; Zeitschr. KoUoidchem., 4, 55. 234. Zeitschr. f. physiol. Chem., 50, 174, 1906; Sitzungsber. d. Wien. Akad. d. Wiss.. 114, 1905, 115. 1906; Zeitschr. f. Färb- u. Textlichem., 6, 41, 1907; Wien. Akad., 113, 1904. 235. Zeitschr. physik. Chem., 44, Wien. Akad., 113, 1904. 236. Anorganische Fermente, Leipzig 1901, S. 16; Zeitschr. f. Elektrochem., 6, 33, 1899. , 237. Physik. Chem. der Zellen etc., S. 118 ff. 238. Chemie der Eiweißkörper. Vieweg, Braunschweig. 239. Zeitschr. f. Kolloidchem., 3, und Freundlich, Zeitschr. f. KoUoidchem., 3. 240. Zeitschr. Chem. d. KolL, 7, 73, 1910, Lit. 241. Zeitschr. f. phvsik. Chem., 60, 469, 489, 1907, 62, 287, 1908. 242. Centralbl. Bakt., 41, 108, 1906. 243. Journ. chem. Soc, 71, 572, 1897. 244. Ahrens, Samml., 1901. Kolloide und Lipoide in der Immunitätslehre. 1293 245. Ber. d. deuts<'h. ehem. Ges., 37, 1095, 1904. 246. 1. c. 99. s. Pauli & Flecker, Biochem. Zeitschr.. 41, 461, 1912. 247. Zeitschr. f. Hyg., ö-S, 213, 1907 u. 1. c. 242. 248. 1. c. Oppenheimers Handb., 2, 399. 249. 1. c. Wien. klin. Woehenschr., 1909, Nr. 47 und Oppenheimers Handb., 2, 438 ff., ferner Pauli, Wien, Perles, 1905. 250. 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Chem., 59, 284, 1907. 265. Dies. Handb., 2. Ergänzungsbd., 1908. 266. '^'"'"') Chem. u. ßiol. d. Lipoide, Wiesbaden, Bergmann, 1911. ^cob) Handb. d. Techn. u. Method. d. Immunitätsl., 2, 1136, 1909. "^«"'=) Jaliresber. f. Immunitätsf.. 6, 209, 1910. ■^«'d) Presse med., 1908. ^ese) 25. Kongr. f. inn. Med., 1908. -««f) Biochem. Centralbl, 28, Nr. 11, 12. 267. Biochem. Journ., 4, 331, 1909. 268. 1. c, S. 7, 8. 269. Biochem. Zeitschr., 7, 152, 1907; Zeitschr. Chem. d. Koll., 5, 193, 1909; Wien, khn. Woehenschr., 1907, S. 1285. 270. Biochem. Zeitschr., 31, 32. 1911. 271. 1. c. 266d). 272. Literatu rangaben in Oppenheeviers Handb. d. Biochem., 2, 44. 273. Brit. med. Journ., 1897, 2, 125, 595. Vgl. Wehbmann, Ann. Pasteur, 11, 810. 274. Soe. Biol., 1897, 1057, 1898, 153; C. r., 1897. 275. Deutsche med. Woehenschr., 1901, S. 194. Siehe H. Meyer, Wien. klin. Woehenschr., 1908, 607. 276. Neubergs Handb., Der Harn etc., Berlin, Springer, 1911. ^''^*) Journ. Phvs. et Path., 10, 1041, 1908; Soe. Biol., (U. 277. Areh. intern, de Pharmacod., 8, 9, 1901. -''*) Univ. of Pennsvlv. med. Bull., Nov. 1902. -■■") Areh. exper. Pathol., 59. 278. Hofmeisters Beitr., 11, 357, 1908; Areh. Hyg., 65, 292. 279. Inaug.-Diss., Berhn, Schötz, 1907. 280. Commun. Inst, serotherap. de l'Etat Dan., 2, 1908; Biochem. Zeitschr., 2, 161, 1908. 281. 1. c. 275. 282. Areh. exp. Pathol., 32, 258, 1910. 283. Beitr. z. Kenntn. d. Saponinsubstanzen, Stuttgart, Enke, 1904, S. 48. 284. Biochem. Zeitschr., 7, 152, 1907. Neufeld & Haendel, Arb. k. Gesimdheits- amt, 2S, 572. 285. Hofmeisters Beitr., 6, 552, 1905. 286. 1. c. 278. 287. Pflüg. Areh., 116, 229, 1907 ; Centr. Phys., 25, Nr. 19, 1911 (vgl. Schanzen- bach). 288. Areh. Hyg., 70. 289. Deutsch. Areh. klin. Med., 99, 259, 1910. 290. 1. c. 266% S. 141. 291. Ber. deutsch, chem. Ges., 42, 238, 1909. Yogi, Areh. exper. Path., 64, 141, 1911. 292. Aead. ßoy. d. Sc. de Danmark, 1904, S. 457. Arrhenius, Immunchem., S. 142. 293. Hofm. Beitr., 6, 567, 1905. 294. 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Haudbuch der Biochemie, 2, 463 ff. ^sia) journ. infect. Dis.. 7, 181. 1910. 382. Berl. klm. Wochenschr., 1902, S. 886. 383. 1. c. 3&4. Berl. klin. Wochenschr., 1903, S. 21. 385. Zeitschr. physiol. Chem., 41, 273, 1904. 386. Centralbl. Bakt., 34, 386, 1903. 387. C. r. Acad. d. Sc, 1908, Soc. Biol., 1908. Vgl. ALESs.\^-DRDfi, Zeitschr. exp. Path., 9, 238, 1911. Zeitschr. Immunitätsf.. Ref., 5, 1021, 1912. 388 Wien. med. Wochenschr., 1909, Nr. 28: Folia serol., 3, 87, 1909. 389. Münch. med. Wochenschr., 1909, Nr. 20. 390. Berl. klin. Wochenschr., 1909, Nr. 33. 391. Deutsche med. Wochenschr., 1909, S. 1183. 392. Wien. klin. Wochenschr., 1909, Nr. 29, 5. Tag. Mikrobiol., 1911. ''•""') Journ. inf. Dis., 6, 688, 19(>9. Vgl. Zeitschr. Immunitätsf., 12, 532, 13. 216. .393. Berl. klm. Wochenschr., 1903, Nr. 42, 43. 394. 1. c 384. 395. Mimch. med. Wochenschr., 1907, 2317; Biochem. Zeitschr., 12, 40 r, 1908. 396. Münch. med. Wochenschr., 1908, 437; Biochem. Centralbl, 5, 1906. 397. 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Med., 330, 1909. 449. Journ. infect. Dis., 7, 625, 1910. Kolloide und Lipoide in der Immunitätsleiire. 1297 45U. Jüurn. exp. Med., 11, 331, 1909. 451. Jahresber. Immunitätsf., 4, 563. 452. Gazz. Osped., 1906, .39. 453. Arch. intern, d. Pharm.. 21, 1911. 454. Berl. klin. Wochenschr., 1907, Nr. 38; Charite-Annal., 33. 455. Arch. exp. Path. u. Ther., 64, 126, 1910; vgl. Hildebrandt, Arch. exp. Path., 65, 1911. 456. ßiochem. Zeitschr., 1, 413, 1906. 457. Berl. klin. Wochenschr., 1908, Nr. 40. 458. Zeitschr. Geb. u. Gyn., 65, 581. 459. Hofm. Beitr., 1. 193. 460. Wien. Akad., 115, 1906. 461. Centralbi. Bakt., 45, 247, 1907. 462. Zeitschr. Immunitätsf., 1, 52. 463. Centralbi. Bakt., 51. 564. 464. Patholog., 2. Nr. 48. 465. Soc. Biol., 6^, 302, 1910. 466. Journ. exp. Med., 1911, p. 380. 467. Transact. Assoc. Americ. physic, 20, 265, 1905. 468. Centralbi. Bakt.. 41. 660, 1907. 469. Centralbi. Bakt., 4ü, 508, 1908. 470. Soc. Biol., 64. 65. 471. Arch. Hvg., 71. 387, 1909; Zeitschi-. Imnnmitätst. Eef., 4, M7. 472. Zeitschr." Immunitätsf., Ref., 3, 984, 1911. 473. Arch. exp. Pathol., 63, 107, 1910. 474. Centralbi. Bakt.. 55, 519, 1910. 475. Centralbi. Bakt., 54, 457, 1910. 476. Deutsch. Arch. khn. Med.. 102, 129, 1911. " 477. Zeitschr. Immunitätsf., 3, 352, 1909; 9, 75, 1911; vgl. Fermi, Centralbi. Bakt.. 46, 61, 494. Eepetto, Ref. .Jahresb. f. Immunitätsf., 5, 414. 478. Wien. klm. Wochenschr., 1908, S. 250, 842. 479. Zeitschr. Immunitätsf., 5. 428, 1910; Soc. Biol., 68. 480. Soc. Biol.. 56. 762. 848, 1904. 481. Med. Klin., 1907. Nr. 15; Hofm. Beitr., 11. 255, 1908. 482. Soc. Biol., 65, 218, 1908. 483. Beitr. z. Carcinomforsch., H. 2, Wien, Urban & Schwarzenberg, 1910. 483^ Zeitschr. Immunitätsf.. 13, 31, 1912. 484. Monogr., S. 103. 485. Oppexheimees Handb. d. Biochem., 2, 481, 505, 506, 517, 444. Bang, Monogr., S. 105 ff., 127 ff. IscovESCO, Monogr., 1. c. -•^''d). Neue Angaben bei 1. c. ='^'). Kentzler, Zeitschr. klLn. Med., 72. Rondoni, Zeitschr. Immunitätsf., 9, 191, 1911. 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Zeitschr., 20, 349, 1909. 506. Zeitschr. Immunitätsf., 10, 479, 1911. Biochem. Zeitschr., 40, 353, 1912. 507. Zeitschr. klin. Med., 72, 436, 1911. 508. Zeitschr. Immunitätsf., 6, 88, 1910; Biochem. Zeitschr., 26. 85, 1910. 509. Biochem. Zeitschr., 31, 65, 1911. (Ueber die Wirkung proteolytischer Fermente s. Zeitschr. Immunitätsf., 7, 497.) 510. Berl. klin. Wochenschr., 1911. Sura^^yi, Berl. klin. Wochenschr., 1912, S. 409. 511. Deutsch, med. Wochenschr., 1906, S. 745, 1769; Zeitschr. Hvg., 55, 451, 1906. 512. Verh. d. Kongr. f. Hvg., Berlin 1907; Wien. klui. Wochenschr., 1907. Nr. 46, 50. 513. Berl. klin. Wochenschr., 1907, Nr. 51 ; 1908, Xr. 15; Zeitschr. KoUoidchem., 6, 303. 514. Soc. Biol., 63, 740, 1907. 515. Soc. Biol., 64, 27, 1908. 516. Biochem. Zeitschr., 11, 418, 1908. 517. Zit. nach G. Meyer, Jahresber. Immunitätsf., 5, Abt. 1, 1910. 518. Zeitschr. exp. Path. u. Ther.. 5, 1909; Berl. klin. Wochenschr., 1908, Xr. 2. 519. Wien. klin. Wochenschr., 1900, Xr. 21, 1907, p. 515. 520. Wien. klm. Wochenschr., 1908, Nr. 21,23. 521. Berl. khn. Wochenschr.. 1908, Xr. 10, 14; Zeitschr. Immunitätsf., 1, 132, 2. 157. 522. Biochem. Zeitschr., 15, 85, 1910; Journ. Pathol., 15. 361, 1911; 14, 484, 1910; 16, 225; Centralbl. Bakt., Eef., 49, 99, 1911. Vgl. Xogüchi, Journ. esp. Med., 11. 13, 43; Zeitschr, Immunitätsf., 6. Seligmanx & Pinkus, Zeitschr. Im- munitätsf., 5, 383. Fleisckmann, Berl. klin. ^Voohenschr., 1908, Xr. 10. Levaditi & YAMA:sroüCHr, Soc. Biol., 63. 523. AVien. klin. Wochenschr., 1908, S 1076. 524. Wien. klin. Wochenschr., 1908, Nr. 18. 525. Wien. klin. Wochenschr., 1910, Xr. 1, 1912. 526. Zeitschr. Hyg., 69, 513, 1911, 527. Jacobsthal, Zeitschr. Immunitätsf., 8, 107, s. Brück, Zeitschr. Immunitätsf., 8, 476 ; 6, 592. Vgl. Manwaring, Zeitschr. Immunitätsf., 3, 309, 1909. Friede- mann, Zeitschr. Hyg., 67, 279, 1910. 527^ Zeitschr. phys. Chem., 37, 181. 1903. -^^Tb) go^^ ^[^i^ 1907. «vc^ ßiochem. Zeitschr., 7,' 152, 1907; Zeitschr. Chem. d. KoU., 5, 193, 1909. »-'d) Biochem. Zeitschr,, 31, 32. ^-'e) Arch. Hyg., 62, 289. "'•^'f) Centralbl. Phys., 21, 666. °'-'g) Biochem. Zeitschr., 41, 165, 528. Med. Klin., 1901. 528^Wien. klin. Wochenschr., 1910, Xr. 25. 529. Wien. klin. Wochenschr., 1908, Nr. 44. 530. Zeitschr. Immimitätsf., 7, 702, 1910. 531. Lotos, 56, Nr, 3, 1908; Wien. klin. Wochenschr., 1908, S. 650. 532. Wien. klin. Wochenschr., 1908, Nr. 17. Bezüglich der Inaktivierung der die WE. bewirkenden Stoffe s. X'^oguchi, Journ. exp. med., 11, 84, 1910, und Thomsen & Boas, Zeitschr. Immunitätsf., 10, 337, 1911. 533. Wien. klin. Wochenschr., 1908, Nr. 7 und 11, 1912, S. 786. 534. Zeitschr. Immunitätsf., 9, 715, 1911 ; vgl. Spiegler. Wien. klin. \Vochensehr., 1908, S. 743, Klausner. 535. Zeitschi-, exp. Path., 3, 325, 1906. 536. Hofra. Beitr., 5; s. Glaessner, Zeitschi-, exp. Path,, 2, 154; Banzhaf, Johns Hopkins Hosp. Bull, 22, lOQ, 1911, April. 537. Deutsch, med. Wochenschr., 1908, Xr, 10, 1910, S, 1560, s. Mühlens, Klin. Jahrb., 23, 339, 1910; Blumenthal, Berl. Min. Wochenschr., 1911, Xr. 32. 538. Soc. Biol., 67, 125. Vgl. Mc Intosh, Zeitschr. Immunitätsf., 5, 76. Uhlen- HUTH & MuLZER, Berl. klin. Wochenschr.. 1911, S. 656. 539. Berl, kün. Wochenschr,. 1907, Xr. 49; Wien. klin. Wochenschr,, 1908, S. 1338, 1909, S, 372; s. Zeitschr, Immunitätsf., Eef., 1910, S. 555. .540. Münch. med. Wochenschr., 1910, Nr. 2, 4, 8, 16, 18, 22, 41, 1911, Xr. 25: Zeitschr. Immunitätsf., 6; Biochem. Zeitschr., 29, 13, 1910; Literat. Münch, med. Wochenschr.. 1910, Xr. 41. 1911, Xr. 25, Kolloide und Lipoide in der Immunitätslehre, 1299 541. Soc. Biol., 96, 1910. 542. Münch. med. Wochenschr., 1910. 54S. Biochem. Zeitschr., 2S, 60, 1910. 544. Zit. nach Fol. serol., 7, 673 u. Zeitschr. Immunitätsf., 11, 149, 1911. 545. Zeitschr. Immunitätsf., 11. 264, 1911. 546. Zeitschr. Immunitätsf., 7, 624; 6, 624. 1910; s. ebenda Ref., 4, 671. 547. Fathologica, 2, Nr. 43, 1910. 548. Giorn. K. Acad. d. Med., 16. 1910; 17, 1911; Pathologica, 3. Nr. 68. 549. Wien. klin. Wochenschr., 1910, Nr. 10, Nr. 34; Biochem. Zeitschr., 26, 312, 1910. Xeuberg, Biochem. Zeitschr., 1910. 550. Berl. klin. Wochenschr., 1910, S. 1614; s. Alessa^s'^dreni, Zeitschr. exp. Path., 9. 551. Soc. Bio!., 70, 89, 1911. 552. Wien. klin. Wochenschr., 1911, Nr. 13; cf. ebenda, S. 483; Berl. klm. Wochen- schr., 1911, S. 1629; Med. Klin.. 1912, S. 569 (Toxizität des Serums). 553. Berl. klin. Wochenschr.. 1911, S. 335. s. Poet, Deutsch. Arch. klin. Med., 103, 481. 553*. Zeitschr. Immunitätsf., 12, 354. 554. Wien. klm. Wochenschr., 1905, Nr. 39; 1906, Nr. 19. 555. 1. c. 307. 556. Oppenheimers Handb. d. Biochem., 2, 427; Zeitschr. Immmiitätsf., 13, 403. 557. Zeitschr. Immunitätsf., 5, 280, 1910. 558. Soc. Biol., 65, 106, 1908. 559. Biochem. Zeitschr., 11, 418, 1908. 560. Deutsch, med. Wochenschr., 1905, S. 564. 561. Arb. kais. Gesundh., 28, 582, 583, 1908. 562. Zeitschr. Immunitätsf., 1, 61, 1908. 563. Zeitschr. Immunitätsf., 7, 544, 1910; cf. Milkowicz, Zeitschr. Immunitätsf., Ref., 4, 593. 564. Handb. d. Techn. u. ^lethod. d. Immunitätsf., 2, S. 84. 565. Wien. klin. Wochenschr., 1909, S. 1151; Berl. khn. Wochenschr., 1909, S. 2139. 566. 3. Intern. Kongr. f. Phvsiother., Paris 1910. 567. Lo Spenmentale, 64, 1, 1910; Berl. klin. Wochenschr., 1910, S. 528. 568. Biochem. et Ther. sperim., 1. 569. Zeitschr. Immunitätsf., 5, 186. 570. Arch. klin. Med., 103, 341, 1911. 571. Berl. khn.W^ochenschr., 1909, S. 1064 ; Fol. serol., 7,471 ; Biochem. Zeitschr., 32, 280. 572. Biochem. Zeitschr., 23, 1909. 573. Biochem. Zeitschr., 25, 494, 1910. 574. Zeitschr. Immunitätsf., 4, 429. 575. 1. c. 266d; Monogr., S. 83, 92 ff.; s. IscovESCO 1. c. 576. Soc. Biol., 6:3; Biochem. Zeitschr., 23, 408; 35, 506, 1911. 577. Zeitschr. physiol. Chem., 50, 476. 578. Cit. nach Bang, S. 96. 579. Berl. klin. Wochenschr., 1910, S. 1500. Zeitschr. 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Beitr., 1, 400 ff. 613. Centralbl. Bakt.. 59, 434, 1911. 614. Biochem. Zeitschr., 15, 453, 1909. 615. Vgl. Bassenge, Deutsch, med. Wochenschr., 1908, S. 139, 1257. Wassermann - & Seitz, ebd., 8. 2175. Sleeswijk, ebd., S. 2263. Vay, ebd., S. 2265. Vallet & Rimbaud, Soc. Biol., 68, 302. Neufeld & Dold, Berl. kün. Wochenschr., 1911, S. 1069, 2012; s. Zeitschr. Immunitätsf., 11, 606, 668. 616. Zeitschr. Immunitätsf., 5, 587, 1910. 617. Vgl. Friedberger & Moreschi, Centralbl. Bakt., 39, 43o, 1905. 618. Zeitschr. Immunitätsf., 4, 780, 1910. cf. Londini, Att. ß. Ac. Fisic, 218, 933; Zeitschr. Immunitätsf., Ref., 1910, S. 656. 619. Zeitschr. Immunitätsf., 5, 121; 6, 332, 1910. Vgl. Belanowsky, Charkow med. Journ., 1909, zit. nach Bogomolez; s. Jahresber. Immunitätsf., 5, 42. 620. Zeitschr. Immunitätsf., 1, 701, 1909. 621. Journ. med. R«s., 18. Juni 1908. 622. Chn. med. Ital, 1904. Arch. Derm. u. Svph., 93, 1908. Michailow, Fol. serol. 4. 1910. 623. Zeitschr. Immunitätsf., 7, 721, 1907. 624. Zeitschr. Immunitätsf., 7, 596, 1910. 625. Berl. klin. Wochenschr., 1910, S. 1614. 626. Berl. klin. Wochenschr., 1910, S. 57. 627. Soc. Biol., 66, 767, 1909. 628. Centralbl. Bakt., 55, 234, 1910. 629. Zeitschr. Immunitätsf., 5, 438, 1910. 630. Zeitschr. Immunitätsf., 7, 732, 1910; 9, 530. 631. Zeitschr. Hvg., 66, 486, 1910. 632. Deutsch, med. Wochenschr., 1909, S. 1179. 633. Beitr. z. Klin. d. Tuberk., 20, H. 3, 1911 ; Münch. med. Wochenschr., 1912, S. 685; cf. Borissjak, Sieber & Metalnikow, Zeitschr. Immunitätsf., 12, 65, 1911. Caulfield, Proc. rov. Soc, B, 84, 390, 1911. 634. Zeitschr. exp. Path. 'u. Ther., 4, 281. 635. Serodiagnostik der Syphil., Berlin 1909, S. 19. 636. Zeitschr. Immunitätsf., 5, 377, 1910. 637. Münch. med. Wochenschr., 1907, S. 2321 ; Berl. klin. Wochenschr., 1910, p. 57. 638. Lepra, 11, 1910. 639. Arb. Kais. Gesundheitsamt, 37, 514, 1911. 640. Zeitschr. Immunitätsf., 1, 316, 1909. 641. Arch. Hvg., 71, 387, 1909; Zeitschr. exp. Path., 4, 1907. 642. Zeitschr. Immunitätsf., Ref., 4. 413, 1911. Centralbl. Bakt., 60. 643. Zeitschr. Immunitätsf., Ref., 3, 775, 1910. 64.3«. Ref. Fol. serol., 7, 1163, 1911. 644. Centralbl. Bakt., 41, 391. • 645. Zeitschr. phvsiol. Chem., 69, 24, 1910. 646. Münch. med! Wochenschr., 1909, S. 1825; Berl. khn. Wochenschr., 1910, S. 57. 647. Beitr. z. Kl. d. Tuberk., 1910. 648. Centralbl. Bakt., 61, 37, 1911. 649. Zeitschr. Immunitätsf., 10, 421, 1911. 650. Soc. Biol., 62, 153, 1907. 651. Journ. exp. Med., 10, 529, 1908. 652. C. rend. Ac. sc, 147, 311, 1908; Soc Biol., Jauv., 1911, p. 28. 653. Münch. med. Wochenschr., 1904, Nr. 16. XIV. Leukocyten-Fermente und -Antifermente. Von Georg Jochmann in Berlin. Das Studium der Leukocytenfermente ist in den letzten Jahren mit großem Eifer betrieben worden. Wir wissen, daß die Leukocyten neben dem schon länger bekannten Fibrinferment eiweißspaltende, oxydierende und fettspaltende Fermente besitzen. Im Vordergrunde des Interesses steht zurzeit das proteolytische Ferment, weil es für die Physiologie und Pathologie des Menschen eine große Eolle spielt. In folgendem sollen daher in erster Linie das proteolytische Leuko- cytenferment, seine Eigenschaften und seine Bedeutung für den nor- malen und pathologischen Haushalt des Menschen sowie seine Be- ziehungen zur allgemeinen Immunität erörtert werden. In engem Zusammenhang damit steht die Besprechung des Antileukocytenfer- mentes bzw. der antitryptischen Kräfte des Blutserums, die gegen das tryptische Ferment der Leukocyten gerichtet sind. Schließlich muß auch die therapeutische Verwendung dieser fermentativen Kräfte, die Fermenttherapie und Antifermenttherapie, berührt werden. In zweiter Linie sind dann die anderen Leukocytenfermente : das oxy- dierende und das fettspaltende Ferment zu besprechen. Das proteolytische Leiikocytenferment und sein Antiferment und ihre Bedeutung für den menschlichen Organismus. Daß die Leukocyten eiweißspaltende Fermente enthalten, scliloß bereits Leber ^5 ^us der Tatsache, daß aseptischer Eiter bei Tempera turen von 25 o C die Gelatine verflüssigt und koaguliertes Fibrin zu verdauen vermag. Achalme stellte eine ganze Reihe von verschiedenen Fermenten in den Leukocyten des Eiters fest, und zwar fand er neben eiweißverdauenden Fermenten Labferment, fettspaltendes Ferment und amyolytisches Ferment. Friedrich Müller ^2 jj-^m 1902 zu dem Schluß, daß bei der Lösung der pneumonischen Lunge die Autolyse der Leukocyten eine nicht unwichtige Rolle spielen müsse. Bei der Autolyse des Eiters sowohl wie bei der von pneumonischen Lungen im Stadium der grauen Hepatisation wurden von ihm und Simon Leucin und Tryosin, Lysin und Aminbasen nachgewiesen. Ich^' konnte mit E. Müller zusammen 1906 eine sehr einfache Methode angeben, um das Vorhandensein auch sehr geringer Mengen eiweißverdauender Fermente konstatieren zu können. Dabei haben wir festgestellt, daß 1302 Georg Jochmaxx, die polynukleären Leukocyten in der Norm Träger eines stark wirk- samen polynukleären Fermentes sind, im Gegensatz zu den Lympho- cyten. Gleichzeitig und unabhängig von uns haben Stern & Epp- stein'^ über ähnliche Ergebnisse berichtet, die sie durch Verflüssigung resp. NichtVerflüssigung der Gelatine infolge von Ferment Wirkung erhielten. Unser Verfahren besteht darin, daß kleinste Tröpfchen des zur Unter- suchung bestimmten Materials, am besten mit einer Platinöse, auf die Oberfläche von erstarrtem Blutserum gebracht werden (wir benutzten die zur Züchtung der Diphtheriebacillen üblichen Löffler-Platten). Die Serumplatte kommt in einen Brutschrank und wird etwa 24 Stunden bei 50 — 55 " gehalten. Ist proteo- lytisch wirksames Ferment vorhanden, so entstehen dann an der Stelle der Tröpfchen mehr oder weniger tiefe Dellen. Die Vorzüge dieses Verfahrens sind die Möglichkeit vollkommen sterilen Arbeitens, da bei der angewandten Temperatur fast alle Bakterien, mit Aus- nahme einiger weniger thermophiler, zugrunde gehen; erhebliche Beschleunigung des chemischen Prozesses, vielleicht infolge der Schädigung etwa vorhandener . .Vntifermente und schließlich die Möglichkeit der Beschränkung auf kleinste Versuchsquanten. Zentrifugierten wir normales mit 0,2 Proz. Hirudin versetztes Blut so lange, bis sich zwischen Erythrocytenbodensatz und Plasmasäule eine graue Schicht von Leukocyten absetzte, und brachten diese ab- zentrifugierten Leukocyten auf die Serumplatte, so trat stets tiefe Dellenbildung ein. Nachdem diese feststand, erklärte sich der nach derselben Methode leicht zu demonstrierendeUnt er schied zwischen dem Blute myelogener und lymphatischer Leukämie — tiefe Dellenbildung bei der myelogenen, stets fehlende Ferment- wirkung bei der lymphatischen Leukämie. Bei der myelogenen Leuk- ämie handelt es sich um eine quantitative Vermehrung der auch im normalen Blut Norhandcnen Fermentträger. Ein proteolytisches Ferment im Blut bei der myelogenen Leukämie hatte bereits Erben 2* gefunden, doch hatte er es als eine Eigentümlich- keit der pathologisch veränderten Leukocyten bei dieser Krankheit aufgefaßt, da er im Normalblut nichts davon hatte nachweisen können. Ebben kam zu dieser Anschauung dadurch, daß er im Blute eines Falles von myelogener Leukämie nach 70-stündigem Aufenthalt bei Bruttemperatur nicht unbeträchtliche Mengen von Albumosen nach- weisen konnte, während das frische Blut desselben Falles gar keine oder nur Spuren von Albumosen enthielt. Im Gegensatz dazu hatte er im lymphatischen Blut und im normalen Blut niemals Pepton oder Albumosen nachweisen können. Zu ganz ähnlichen Ecsultaten war Schumm^* gekommen, der im Leichenblut einer myelogenen Leukämie nach aseptischer Autolyse deu- teroalbumoseähnliche Substanz nachwies und daraus auf ein trypti- sches Ferment schloß. Nachdem wir die oben genannten Untersuchungsresultate ver- . öffentlicht hatten, bekannte sich auch Erben ^s zu unserer Anschauung, indem er die Versuche bestätigte und nun, d. h. unter Verwendung von höherer Bruttemperatur auch für normales Menschenblut Auto- proteolyse nachwies und die normalen Leukocyten für Fermentträger erklärte. Eine weitere Bestätigung der von uns gefundenen Tatsache, daß der Fermentgehalt der polynukleären Leukocyten und damit die Auto- lyse keine charakteristische Eigenschaft leukämischen Blutes ist, son- dern auch dem normalen Blut zukommt, lieferte Pfeiffek^^, der bei Leukocyten-Fermente und -Autifermente. 1303 der Autolyse leukocytischen Blutes durch den Nachweis unkoagulier- baren Stickstoffes fand, daß lediglich die Zahl, nicht eine supponierte pathologische Beschaffenheit der Leukoc^-ten für den Ausfall des Autolyseversuchs maßgebend ist. Bevor wir auf die Eigenschaft des proteolytischen Leukocyten- fermentes und seine Bedeutung für den menschlichen Organismus näher eingehen, sei nur noch die merkwürdige Tatsache hervorgehoben, die JocHMANx mit Müllerei nachweisen konnte, daß außer den Menschen nur noch Affen und im geringeren Maße die Hunde ein proteolytisches Ferment in ihren weißen Blutkörperchen besitzen, das gleich starke heterolytische Eigen- schaften Avie das des Menschen zeigt. Von den 17 Affen, die wir zur Verfügung hatten, besaßen die Anthropoiden ein besonders starkes Leukocytenferment, während die Halbaffen schon wenig davon ent- hielten. Daß aus diesem Resultat gewisse Unterschiede in der Eiter- beschaffenheit einiger Tiere sich leicht erklären, sei hier nur ange- deutet durch die Gegenüberstellung des zälien, bröckeligen Kaninchen- eiters und des flüssigen Hundeeiters, dem Leukocytenferment zu- kommt. Eeindars t eilung und Eigenschaften des Fermentes. Um die Eigenschaften des proteolytischen Leukocytenfermentes ge- nauer studieren zu können, war es nötig, es in möglichst reiner Lösung darzustellen. Es geschah dies durch die Untersuchungen von Joch- MAXX d' LOCKEMAXX. Eiweißverdauendes Enzym aus Leukämieblut, das vermutiicli identisch war mit dem Leukocytenferment, liatte bereits Erbex -^ dargestellt, indem er Plasma- leukocytengemisch mit Alkoiiol fällte und nacii melirmonatlichem Stehen den Alkoholniederschlag mit Glyzerin extrahierte. Verdauungsversuche mit diesem Glyzerinextrakt ergaben, daß er Fibrin in 3-proz. Salzlösung gut verdaute. Auch ScHUMM*^ stellte bei der myelogenen Leukämie aus dem Blut durch Fällen mit Alkohol und nach 6-wöchentlichem Stehen durch Extrahieren mit Glyzerin eine Fermentlösung her, die bei alkalischer Reaktion nach Sodazusatz Käsern gut verdaute. Da das Ferment außer in den Leukocyten des Blutes hauptsäch- lich in der Milz, im Knochenmai'k und im Eiter in größerer Menge enthalten ist, entsprechend dem Gehalt an polynukleären Leukocyten, so haben Jochmaxx & Lockemann^ versucht, sowohl aus normalem menschlichen Knochenmai'k, wie auch aus Milz (normaler und leuk- ämischer) und Eiter ein Ferment zu gewinnen. Das Knochenmark wurde durch Auspressen von menschlichen Rückenwirbeln am Schraubstock leicht gewonnen. Für Eiter verwandten wir teils von Kokkenabszessen herstammenden, teils sterilen, durch Terpentininjek- tion beim Menschen gewonnenen, an polynukleären Leukocyten reichen Eiter. Die von Jochmaxx & Lockemann angewandte Methode führte erheblich schneller zum Ziel, wie das von Erben & Schumm benutzte Verfahren zur Gewinnung des Fermentes bei der Leukämie. Benutzt wurde dabei die Erfahrung, daß hohe Temperaturen die Autolyse der fermenthaltigen Organe außerordentlich beschleunigen, so daß das Ferment nach Zugrundegehen der Leukocyten schnell frei wird. Das Ausgangsmaterial wurde deshalb stets erst 24 — 48 Stunden der Auto- lyse im Brütschrank bei 55 o ausgesetzt und hierauf in folgender Weise verarbeitet: 1304 Georg Jochmaxx, Das betreffende Autolysat wurde zunächst mit der mehrfachen Menge (ungefähr 5-fach) eines Gemisches von 2 Teilen x\Ikohol und 1 Teil Aether verrührt, um die fettartigen Stoffe herauszulösen, bzw. die eiweißartigen Ver- bindungen zu fällen. Nach 1-tägigem Stehen wurde filtriert, der Rückstand zunächst zur Verdunstung von Alkohol und Aether auf Ton ausgebreitet und dann mit einer entsprechenden Menge (bei flüssigem Ausgangsmaterial mit etwa 1/4 Volumen) Glyzerin und der gleichen Menge Wasser innig verrieben, nach 1 — 2-tägigem Stehen im Dunkeln wurde auf einem BüCHNERschen Trichter abgesaugt und das klare Filtrat in die 5 — 6-fache Menge eines Alkoholäther- gemisches (2:1) unter Umrühren allmählich eingegossen. Der dabei entstehende weißliche Niederschlag, welcher sich allmählich an dem Boden des Becher- glases ziemlich fest ansetzt, wurde nach dem Abgießen der darüberstehenden Alkoholätherlösung auf Ton aufgebracht und im Vakuumexsikator über kon- zentrierter Schwefelsäure getrocknet. Dabei färbt er sich gelbbraun und geht nur, besonders in dickeren Schichten, sehr allmählich in trockenen zerreibbaren Zustand über. Das so gewonnene Produkt, welches das Enzym enthält, ist etwas hygroskopisch. Es löst sich beim Zerreiben mit Wasser oder physiologischer Kochsalzlösung mit bräunlicher Farbe. Die Ver- dauungskraft des erhaltenen Präparates wurde nach verschiedenen Alethoden geprüft. Verdauungsproben. Bringt man ein Tröpfchen der Lösung auf eine Löffler-Serum-Platte und setzt sie 24 Stunden einer Tempera- tur von 550 aus, so entstehen überall an der Stelle der Tröpfchen tiefe Dellen als Ausdruck der eiweißlösenden Wirksamkeit des Fermentes. Fibrinflöckchen werden durch die Fermentlösung gut verdaut, ebenso erstarrte Gelatine, Eiweiß-Scheibchen sowie die erstarrten Sera der verschiedensten Tierarten (Rind, Hammel, Pferd, Hund, Kanin- chen, Meerschweinchen). Wir prüften die Fermentlösung weiterhin mit der für die Untersuchung proteolytischer Kräfte schon länger be- kannten Kasein probe. ^'on dem getrockneten Enzym wurde 0,1 g in 5 ccm Wasser gelöst (= 2 Proz.) und mit 10 ccm gekochter MiJch unter Zusatz von 0,1 g Soda und einigen Tropfen Chloroform im verschlossenen Reagenzrohr im Brutschrank bei 37 ° aufbewahrt. Ein Kontrollrohr war in der entsprechenden Weise nur statt der Enzymlösung mit 5 ccm Wasser beschickt. Nach zweitägigem Stehen werden beide Proben mit Essigsäure angesäuert, wobei die mit Enzym versetzte Lösung gleichmäßig trübe blieb, während die andere sogleich Kasein abschied. Nach dem Aufkochen und Filtrieren wurde mit der Biuretreaktion geprüft. Dabei ergab die Enzymprobe stark purpurviolette Färbung, die Kontrollprobe färbte sich nur schwach bläulichviolett. Die Fermentlösung verdaute also bei alkalischer Reaktion gut das Kasein. Von größter Wichtigkeit wai^ ferner der Nachweis, daß das Fer- ment bei der Verdauung von Peptonlösungen Tyrosin bildet. 25 g Wittepeptou wurden in heißem Wasser gelöst, die Lösung nach dem Abkühlen mit normaler Salzsäure bis zur neutralen Reaktion (auf Lackmus- papier) versetzt (6 — 7 ccm 1 und nach Hinzufügen von 1,5 g Soda mit Wasser auf 100 ccm aufgefüllt und filtriert. Etwa 10 ccm dieser Lösung wurden mit einigen Kubikzentimeter der möglichst konzentrierten Enzymlösung vermischt, filtriert und unter Zusatz einiger Tropfen Chloroform im geschlossenen Glas- gefäß bei 37 ^ aufbewahrt. Die gleiche Menge Peptonlösung ohne Enzymzusatz, nur mit etwas Cliloroform versetzt, kam zur Kontrolle in den Brutschrank. Nach mehrtägigem Stehen (5 — 7 Tage) zeigten sich in der mit Ferment versetzten Lösung kleine Knollen, welche sich unter dem Mikroskop als büschel- oder kugelförmige Konglomerate nadeiförmiger Kristalle erwiesen, wie sie für Tyro- sin charakteristisch sind. Parallelproben mit Pankreatin ergaben (schon nach etwa einem Tage) genau dieselbe Erscheinung des Auftretens der charakteristischen Tyrosinknollen. Leukoeyten-Fermente und -Antifermente. 1305 Die zur Kontrolle in den Brutschrank gestellte Peptonlösung war unverändert •'eblieben. Auch die Erhitzungsprobe mit MiLLONS Reagens gab positive Resultate (Rotfärbung). Leucinkugeln konnten unter dem Mikroskop nicht beobachtet werden, jedoch ergab eine Probe der Lösung mit Kupfersulfat die charakteristische blaue Farbe, die auch beim Kochen beständig war. Die Bildung von Tryptophan in der mit Enzym versetzten Pepton- lösung konnte durch die bei Zusatz von Bromwasser entstehende rosarote Färbung konstatiert werden. Außerdem wurde Ammoniak nachgewiesen. Einige Tropfen der mit Enzym behandelten Peptonlösung mit Wasser verdünnt, gaben mit Nesslers Reagens deutlich gelbbraune Färbung. Nach diesen Verdauungsproben muß eine außerordentlich weit- gehende Aehnlichkeit in der Wirksamkeit des Leukocytenfermentes und des Pankreastrypsins konstatiert werden. Alle Spaltungsprodukte, die wir bei der Verdauung von Pepton durch Pankreatin erhielten, wurden auch durch des Leukocytenferment hervorgebracht. Wir sind daher der Anschauung, daß das Trypsin der Leukocyten dem Pankreas- trypsin außerordentlich nahe verwandt, wenn nicht mit ihm identisch ist. Die sichere Feststellung der Identität wäre nur durch Verdauungs- proben mit künstlichen Polypeptiden zu erreichen. Eesistenz gegen Erhitzen. Außerdem wurde auch das Ver- halten des Fermentes bei verschiedenen Hitzegraden untersucht. Wäh- rend ich schon früher mit Müller zusammen festgestellt hatte, daß das Ferment im Eiter etwa bei 70° Erhitzung zugrunde geht, ergab die Prüfung des trocken erhitzten Fermentpulvers, daß sich die Ver- dauungswirkung von 750 an sukzessive abschwächt, aber noch bei 950 in Spuren erhalten war. Bei 100 wurde jede Fermentwirkung zerstört. Der Einfluß verschiedener Reagenzien. Die günstigste Reaktion für das Zustandekommen der eiweißverdauenden Wirksam- keit des Fermentes ist eine schwach alkalische, doch tritt auch bei schwach saurer Reaktion noch Dellenbildung auf. Karbolsäure, Essigsäure, Pikrinsäure hindern die Verdauung nicht. Auch das Ferment vermag die Wirksamkeit des Erregers nur wenig zu hindern. Fermenthaltige menschliche Organe, wie z. B. leukämische Milz, verlieren bei der Aufbewahrung in 10-proz. Formalinlösung ihr Ver- dauungsvermögen nicht, sondern können sie 10 — 15 Jahre und länger behalten. Es geht also aus dem Gesagten hervor, daß das Leukocytenferment ein sehr widerstandsfähiger Körper ist, der den meisten Reagenzien gegenüber seine Verdauungsfähigkeit bewahrt. Vorkommen und Bedeutung des Fermentes unter normalen Verhältnissen. Bevor wir auf das Vorkommen eines Fermentes unter normalen und pathologischen Verhältnissen eingehen, muß noch kurz besprochen werden, welche von den polynukleären Leukocyten im besonderen die Träger des Fermentes sind, die neutrophilen oder die eosinophilen. Unsere Untersuchungen machen es sehr wahrscheinlich, daß nur die neutrophilen Leukocyten in Betracht kommen. Außer den Menschen besitzen, wie erwähnt, nur noch Affen und Hunde verdauende Leukocyten. Nach Pappenheim sind es nun gerade diese Tier- arten, die weiße Blutzellen mit echt neutrophiler Granulierung besitzen. Schon 1306 Georg Jochmaxn. aus diesem Zusammentreffsin konnte man annehmen, daß neutrophile Granula- tionen und proteolytische Wirksamkeit zueinander in Beziehung stehen. Außer- dem konnte Erbex zeigen, daß bei der Bebrütung von Leukocyten bei 370 zuerst neutrophile Leukocyten zerfallen und bis auf die Kerne zu- grunde gehen, während die eosinophilen noch lange gut erhalten bleiben. Die Träger des Fermentes fallen naturgemäß in erster Linie seiner Wirk.sam- keit zum Opfer. Daß aber auch un granulierte basophile myeloide Zellen Fer- mentwirkung besitzen, konnte Jochmann mit Ziegler ^2 zusammen in einem Falle von akuter Leukämie zeigen. Wir fassen daher den großen Ehrl ich sehen Lymphocyten nicht als Lymphocyten, sondern als Angehörigen der myeloiden Reihe auf. Das Ferment ist im Körper naturgemäß überall dort zu finden, wo polynukleäre Leukocyten der genannten Art in großen Mengen zer- fallen. Unter normalen Bedingungen finden wir es daher in nach- weisbarer Menge nur in wenigen Se- und Exkreten des Menschen. Einen geringen Gehalt an proteolytischem Ferment zeigt der Speichel, offenbar in Zusammenhang mit den als Leukocyten auf- zufassenden Speichelkörperchen. Ob dem Ferment hier irgendwelche Bedeutung für die Verdauung zukommt, läßt sich schwer sagen, doch ist es kaum wahrscheinlich, da die Fermentmenge eine relativ geringe ist. Außerdem konnten wir es im Kolostrum nachweisen. Dieser Befund, der regelmäßig zu konstatieren ist, war insofern von Interesse, als dadurch die CzERNvsche Auffassung von den Kolostrumkörperchen als Leukocyten eine Stütze bekam und bestätigt werden konnte. Die Verdauungskraft des Kolostrums beginnt ungefähr im 7. Monat, in den ersten Tagen des Wochenbettes ist sie am größten. Xoch bis zum 11. Tage des Wochenbettes konnte ich in den ersten aus der Brust ausgepreßten Tröpfchen Ferment nachweisen. Ganz ent- sprechend dem Auftreten von Kolostrumköreprchen verliert sich nach mehrtägigem Stillen die Fermentbildung, jedoch tritt sie sofort wieder auf, sobald das Stillen plötzlich sistiert wird. Es tritt also, ganz all- gemein gesprochen, immer dann auf, wenn M i 1 c h b i 1 d u n g mit unterlassener Sekretentleerung zusammentrifft. Es ist danach wahrscheinlich, daß die Leukocyten des Kolo- strums als Träger eines proteolytischen Fermentes die Eiweißstoffe der stagnierenden Milch abzubauen und der Resorption wieder zu- gänglich zu machen haben. Auch im Lochialsekret konnte Jochmann S'' fast regelmäßig das Leukocytenferment in starker Intensität nachweisen. Dabei zeigte sich, daß es am stärksten war am zwölften bis vierzehnten Tage, aber auch schon in den ersten Tagen (vom zweiten Tage an) deutlich nach- weisbar w^ar. Daß es nicht schon am ersten Tage sich zeigt, ist wohl in der Hauptsache dadurch bedingt, daß noch zu viel flüssiges Blut beigemischt ist, das natürlich eine hemmende Wirkung auf das Ferment ausübt. Ich bjn der Meinung, daß. dem Ferment für die schnelle Reinigung der Placentarstelle wie auch sonst bei der Reinigung großer Wundflächen eine gewisse Bedeutung zukommt. Bedeutung des Fermentes für die Pathologie. Unter pathologischen Verhältnissen tritt das Ferment überall dort in Wirk- samkeit, wo eine größere Leukocytenansammlung stattfindet, also in erster Linie bei Entzündungen und Eiterungen. So sehen wir, daJJ die Lymphdrüsen, die normalerweise wegen des Fermentmangels der Leukocyten-Fermente und -Antifermeate. 1307 Lymphocyten keine Verdauungskraft entfalten, sofort verdauende Wir- kung zeigen, sobald Entzündungsprozesse darin Platz greifen. So ver- dauen entzündlich geschwollene Lymphdrüsen bei sekundären Kokken- infektionen im Verlaufe von Scharlach, Diphtherie, Masern usw. zum Teil recht lebhaft die Serumplatte. Anders ist es dagegen mit den rein tuberkulösen Lymphdrüsen- erkrankungen. Bleibt hier die Affektion ohne Mischinfektion, so tritt keine Verdauungswirkung auf. Treten Streptokokken oder andere Eitererreger hinzu, so kommt es auch hier zur Zuwanderung multi- nukleärer Leukocyten und damit zur Fermentwirkung. Interessant ist auch das Verhalten der Lymphdrüsen bei der myelogenen Leukämie. Hier konnte Jochmann mit Ziegler 33 zu- sammen feststellen, daß der Grad der myeloiden Umwandlung einer Lymphdrüse, der durch mikroskopische Untersuchung bei Schnitt- präparaten erwiesen war, parallel geht mit dem Grade der Ver- dauungskraft, den die Drüsen besitzen. Wenn keine oder nur spärliche myelocytäre Zellen vorhanden waren, blieb die Verdauungswirkung aus. Bei partieller myeloider Umwandlung trat die Verdauung nur in mäßiger Intensität ein, und bei totaler Umwandlung waren die durch die Lymphdrüsen erzeugten Verdauungserscheinungen ebenso stark wie die des Knochenmarks. Die Schwellung der Lymphdrüsen bei der lymphatischen Leukämie sowie bei der HoDGKiNschen Krankheit ist naturgemäß nicht von Fermentwirkung begleitet. Unter den pathologischen Sekreten enthält die größte Menge des Fermentes der K o k k e n e i t e r. Jeder Tropfen davon ruft eine Dellen- bildung auf der Serumplatte hervor, ja, selbst bei Verdünnung des reinen Eiters mit physiologischer Kochsalzlösung bis zum 700-fachen ist häufig noch deutliche Verdauungswirkung zu erkennen. Das Eiter- serum, das beim Zentrifugieren sich oberhalb der Leukocyten absetzt, enthält ebenfalls viel Ferment, weil hier das ursprünglich vorhandene Antiferment des Blutserums abgesättigt ist durch die überwiegende Menge des Fermentes. Die Eolle, die das Ferment bei Eiterungen spielt, besteht wohl hauptsächlich darin, die zerfallenen Leukocyten und nekrotischen Gewebsträger zu verflüssigen und zur Resorption vorzubereiten. Ferner hat es die durch die bakterizide Kraft der Leukocyten abgetöteten Bakterien zu verdauen. Eine weitere, dem Ferment zufallende Tätigkeit ist die Arrosion und schnelle Einschmel- zung der Gewebe, die wir bei ausgedehnten Eiterungen, Phlegmonen, großen Abszessen, ferner bei Empyema necessitatis usw. beobachten. Der Vorgang wird dabei in der Regel so verlaufen, daß das dem Eiter benachbarte Gewebe zunächst einer Nekrose verfällt infolge der überhaupt "zur Eiterung führenden Faktoren, mögen sie toxischer oder bakterieller Natur sein, und daß dann erst das abgestorbene Ge- webe den heterolytischen Kräften des Fermentes erliegt. Gesundes, gut vom Blut durchströmtes Gewebe dürfte wegen seines Antiferment- gehaltes sehr lange diesen Verdauungskräften widerstehen. Ein wichtiger Unterschied besteht in dem Verhalten tuberkulösen Eiters zu anderen Eitersorten. Wie Joch- mann & Müller 38 gezeigt haben, entbehrt rein tuberkulöser Eiter des Fermentgehaltes völlig, so daß dieser Unterschied geradezu als differentialdiagnostisch wertvoll bezeichnet werden konnte. Die Be- deutung dieses Verfahrens bedarf freilich insofern der Einschränkung, 1308 Georg Jochmann, als wir sagen müssen, daß der negative Ausfall der Untersuchung auf der Serumplatte wohl mit Sicherheit beweist, daß es sich um einen tuberkulösen Prozeß handelt, während positiver Ausfall sowohl von Kokkeneiter hervorgerufen wird, als auch von solchen tuberkulösen Eiterungen, die mit Mischinfektionen einhergehen oder die bereits mit Jodoformglyzerin oder cähnlichem behandelt sind. Es stellte sich nämlich heraus, daß Eiter aus tuberkulösen kalten Abszessen so lange der Verdauungskraft entbehrte, als der Prozeß noch unbehandelt war. Wurde Jodoformglyzerin eingespritzt, so zeigte der danach entnommene Eiter alsbald Fermentwirkung. Dieses Verhalten erklärt sich sehr einfach dadurch, daß im reinen tuberkulösen Eiter die Lymphocyten überwiegen und die multinukleären Leukocyten ganz in den Hinter- grund treten, während durch die Jodoformglyzerinbehandlung ein starker Reiz auf die Gewebe ausgeübt wird, der zu einer Herbei- führung reichlicher Mengen von multinukleären Leukocyten führt, so daß nun eine ausgiebige Fermentbildung eintreten kann. Diese Beobachtung deckt sich mit Anschauungen, die Heile i^ schon früher auf Grund seiner experimentellen Untersuchungen aus- gesprochen hat. Bei Mischinfektionen tuberkulöser Prozesse mit Eitererregern treten ebenfalls reichlich multinukleäre Leukocyten auf, so daß es auch hier zur Fermentwirkung kommt. Wir fanden daher in tuberkulösen Fisteln meist verdauenden Eiter, weil hier die Kom- munikation mit der Außenwelt fast stets Mischinfektion bedingt. Differentialdiagnostisch wichtig ist der Unterschied besonders bei Empyemen und Gelenkeiterungen oder dgl., weil hier geschlossene Höhlen vorliegen, wo eine Mischinfektion nicht so häufig aufzu- treten pflegt. Bedeutung für die Resorption. Wir müssen wohl an- nehmen, daß das Ferment überall dort im Körper seinen Zweck er- füllt, Eiweiß zur Verdauung und damit zur schnelleren Resorption zu bringen, wo abgestorbenes Gewebe vorhanden ist, und wo sich Fibrin als Ausscheidungsprodukt von Entzündungen gebildet hat. Daß es bei der Lösung von Pneumonien die Fibrinmassen zur Verflüssigung bringt und abbaut, hatte schon Friedrich Müller ^2 erkannt. Wir müssen uns dabei vorstellen, daß im Stadium der grauen Hepatisation eine größere Menge Leukocyten zerfällt, wobei das ent- stehende Ferment sowohl die Reste der zerfallenen Fermentträger spaltet, wie auch das vorhandene Fibrin. Die Tatsache, daß die normale Umgebung nicht durch dasselbe Ferment ange- griffen wird, hat darin seinen Grund, daß dieselbe fort- während von antif er m enthaltigem Blut durchspült wird. so daß sie gegen die Verdauung geschützt ist. Ein Spiegelbild von den fermentativen Vorgängen in der Lunge erhalten wir durch die Betrachtung des Antifermentgehaltes im Blut und Harn im Verlaufe der crpupösen Pneumonie. Die Menge des in das Blut eintretenden Fermentes hat Bittorf 23 dadurch zu bestimmen versucht, daß er nach unserer Methode den Antifermentgehalt des Blutes feststellte, um daraus auf die Menge des Fermentes zu schließen. Er fand dabei, daß bei typisch verlaufenden Fällen im Anfang der Lösung die tiefste Senkung des Hemmungsgehaltes vorhanden war, entsprechend der vermehrten Fermentmenge, und späterhin bisweilen eine reaktive Antifermentverinehrung sich einstellte. Leukocyten-Fermente und -Antifermente. 1309 Diesen Verhältnissen entsprechend zeigt sich auch bei der Unter- suchung des Harns ein Uebergang von tryptischeni Ferment. Der Urin vermag nach Bittorf zur Zeit der Lösung der Pneumonie Fibrin vollkommen aufzulösen, während er vorher höchstens in Spuren solche Eigenschaften besitzt. Weiterhin spielt das Ferment vermöge seiner fibrinlösenden Eigen- schaft aller Wahrscheinlichkeit nach eine Rolle bei der Resorption eiweißreicher Exsudate, die mit ausgedehnten Fibrinbildungen einher- gehen, serofibrinösen Gelenkergüssen, Pleuritiden usw. Daß überhaupt überall, wo es sich um Resorption von Zell- trümmern handelt, nach Wunden, Quetschungen und dgl. das pro- teolytische Leukocytenferment eine große Rolle spielt, ist von vorn- herein klar. Ob dabei die größere Menge von Zelltrümmern erst durch Phagocytose aufgenommen wird, um weggeschleppt und dann teils intracellulär, teils nach Zerfall der Zellen verdaut zu werden, oder ob nicht ein großer Teil schon durch das an Ort und Stelle infolge des Leukocytenzerfalls freiwerdende Ferment aufgespalten und zur Resorption geführt wird, ist schwer zu entscheiden. Ich meine jedoch, daß die letztgenannte Form der Verdauung etwas mehr Beachtung als bisher verdient. Die Tatsache, daß dort, wo nekrotische Gewebsteile lange unver- ändert bleiben, wie bei Lungeninfarkten und ischämischen Infarkten anderer Organe, das Fernbleiben der t'ermenttragenden Leukocyten die Schuld an der mangelnden Resorption ist, erkannte bereits F. MüLLEE. Solche Teile schrumpfen dann allmählich und werden vom Bindegewebe ersetzt, wenn sie nicht durch die Fermente ein- wandernder Bakterien aufgelöst werden. Im Zusammenhang mit der Resorption kann hier noch einer Aveiteren Rolle des Leukocytenfermentes gedacht werden, die für die Pathologie von Interesse ist; ich meine seine Bedeutung für das Zustandekommen der Peptonurie. Ueberall dort, wo Leukocyten zer- fallen und Ferment frei wird, Averden Eiweißstoffe in Albumosen über- geführt, die ins Blut und in den HaiTi übergehen können. Ausschließlich auf die Wirkung des Fermentes zurückzuführen ist die pyogen e Form der Peptonurie bei eitriger Pleuritis, Broncho- blennorhöe, Lungenabszessen, Knochenmarkeiterungen usw. Bedeutung des Fermentes für die Autolyse. Durch die Arbeiten Salkowskys und seiner Schule wissen wir, daß fast alle Organe, wenn man sie unter aseptischen oder antisep- tischen Kautelen (Toluolzusatz oder dgl.) im Brütschrank hält, einer regressiven Metamorphose verfallen, wobei die Eiweißstoffe in weit- gehendster Weise gespalten werden und Leucin, Tyrosin, reduzierende Zucker usw. namentlich aber Ammoniak gebildet werden. Man nimmt an, daß für diese Eiweißspaltung besondere, jedem Organ eigentümliche Fermente vorhanden sind, die sogar eine gewisse Spezifizität besitzen. So zeigte Jacobi^o z. B., daß autolysierter Lebersaft die Eiweißsub- stanzen des Lungengewebes nicht anzugreifen vermag. Von einer Bedeutung des proteolytischen Fermentes für die Auto- lyse zu sprechen, ist eigentlich eine Ungenauigkeit, da streng ge- nommen ja eigentlich nur die Verdauung der Leukocyten selbst durch ihr eigenes Ferment die Bezeichnung der Autolyse verdient. Aber 1310 Georg Jochma>-x. schon bei der Autolyse von Kokkeneiter sehen wir, daß das Ferment nicht nur die eigenen Wirte, die multinukleären Leukoc3''ten verdaut, sondern auch die L3'mphocyten, die Fibrinflocken und die roten Blut- körperchen, die dem Eiter beigemischt sind. Die Selbstverdauung des Eiters unter dem Einfluß des Fermentes geschieht unter Bildung von Leucin, Tyrosin, Xanthin, Hypoxanthin, Guanin und Ammoniak. Wie wichtig das Ferment für die Eiterautolyse ist, zeigt der Um- stand, daß der des Fermentes ermangelnde tuberkulöse Eiter so gut wie gar keine Selbstverdauung besitzt, während frischer Kokkeneiter, wenn man ihn bei 55 ^ im Reagenzglas ohne jeden Zusatz stehen Jäßt, sich mehr und mehr verflüssigt, wobei die Eiterzellen verschwinden. Es sammelt sich bei den aus einem kalten Abszeß stammenden Proben tuberkulösen Eiters nach 24 Stunden über einem reichlichen, weiß- gelblichen und krümeligen Bodensatz eine klare durchsichtige, gela- tinös erstarrende Masse an, die zur Eintrocknung neigt. Tuberkulöser Käse zeigt dementsprechend so gut wie gar keine Autolyse. Die Selbstverdauung des Knochenmarks und der Milz wird durch dasselbe Ferment bewirkt. Wie sehr die Autolj'Se dieser Organe durch die Menge des vorhandenen Fermentes beeinflußt bzw.- beschleunigt wird, zeigt der Vergleich zwischen der Autolyse normaler und leuk- ämischer Milz. Setzt man die Milz bei 55*^ ohne jeden Zusatz der Selbstverdauung aus, so kann man beobachten, wie fabelhaft schnell das Ferment die Auflösung des Organes bewirkt und um wieviel schneller Milzen von myelogener Leukämie verdaut werden als normale oder von anderen Krankheiten herrührende (Jochmann i*). Ueber kindskopfgroße, harte, leukämische Milzen sind nach 20-stündigem Aufenthalt im Brütschrank bei 55^ vollkommen aufgelöst und in eine dunkelrote Flüssigkeit ver- wandelt, auf der nur der bindegewebige Ueberzug des Organs schwimmt- Das Autolysat zeigt dabei starke proteolytische Wirksamkeit auf der Serumplatte. Bei normalen Milzen dauert die Verflüssigung etwas länger, doch ist sie nach 30 — 40 Stunden auch stets vollendet. Ließ ich dann das Autolysat, das bei der benutzten hohen Temperatur (55*^) meist steril ist, gut verschlossen einige Tage bei Zimmertemperatur stehen, so konnte ich reichlich Tyrosin, Leucin und Ammoniak darin nachweisen, und zwar ebenso im Autolysat der normalen Milz wie in dem der leukämischen. Mit besonderer Geschwindigkeit wurden bei meinen Versuchen auch die Milzen mit akuter Hyperplasie bei den verschiedenen Formen von Sepsis verflüssigt. Ein gewisser Grad von Weichheit und Zer- fließlichkeit der Pulpa gehört bei solchen septischen Alilzen ja zum charakteristischen Sektionsbefund. Man spricht von pulpöser Milz, und es liegt nahe, für diese weiche Beschaffenheit die Wirkung der in solchen Milzen angesammelten multinukleären Leukocyten ver- antwortlich zu machen. Soll das geschehen, so muß zuerst erklärt werden, warum die Milz bei myelogener Leukämie trotz ihres großen Gehaltes an Fermentträgern und einer bei 50 o so rapid einsetzenden Autolyse bei der Autopsie meist von derber Konsistenz ist, im Gegen- satz zur zerfließlichen, septischen Milz. Der Grund scheint mir darin zu liegen, daß bei der Milz von Sepsisfällen die zahllosen, meist darin nachweisbaren Eitererreger, Streptokokken und Staphylokokken, eine Schädigung der Leukocyten herbeigeführt haben, die sich durch Verfettung und Zerfall der Zellen auch mikroskopisch deutlich nach- Leukocyten-Fermcnte und -Antifermente. 1311 weisen läßt. Auf diese Weise wird eine relativ große Menge von Ferment frei, die schon gegen Ende des Lebens ihre verdauende Wirk- samkeit entfaltet und bald nach dem Tode, wenn sich das Ferment der übrigen abgestorbenen Leukocyten nun hinzu addiert, die Pulpa immer weicher und zerfließlicher werden läßt. Daß übrigens auch vergleichende Untersuchungen der Eiweißspaltungsprodukte in den Autolysaten leukämischer Milzen einerseits und akut hyperplastischer, septischer Milzen andererseits ein Bild von ihrer annähernden gleich schnellen Autolyse gibt, lehrte ein Befund von Schumm, der bei der achttägigen Autolyse einer Milz in einem Fall von eitriger Perito- nitis (nach Perityphlitis) annähernd dieselbe Menge nicht koagulierter Stickstoffsubstanzen fand, wie bei einer leukämischen Milz. Die oben erörterte Tatsache, daß auch normales Blut Autolyse zeigt infolge der Tätigkeit des Leukocytenfermentes, macht es wahr- scheinlich, daß das Ferment auch bei der Autolyse der stark durch- bluteten Organe, wenn auch nicht in erster Reihe, beteiligt ist. Es war, um diese Annahme zu bekräftigen, notwendig, zu erweisen, daß die von Jacobi angenommene Spezifität der autolytischen Fermente für das proteolytische Leukocytenferment nicht zutrifft, daß es viel- mehr imstande ist, die verschiedensten Organe durch Heterolyse an- zugreifen. Daß der Eiter, also die Leukocyten, imstande sind, verschiedene Organe zur Auflösung zu bringen, zeigte Fr. Müller. Von einem Stückchen Lunge, das mit Eiter versetzt war, blieb nach ein- bis zweitägigem Stehen im Brütschrank fast nur das elastische Gewebe und etwas Bindegewebe übrig. Muskelfasern wurden vom Eiter unter Verlust der Querstreifung stark verändert. Selbst Gehirnsubstanz erlitt zwar keine Erweichung, aber Erscheinungen einer bedeutenderen Veränderung. Jochmann i* machte ganz ähnliche Versuche mit der rein hergestellten Fermentlösung, die er möglichst wenig verdünnte, um recht wirksame verdauende Kräfte zu erzielen. Dabei zeigte sich, daß Lungenstückchen nach einigen Tagen Bebrütung bei 55^ in wirksamer Fermentlösung Veränderungen ganz derselben A.rt zeigten, wie das Fr. MIiller als durch Eiter hervorgerufen be- schrieben hatte, und daß Muskelstückchen fast völlig verdaut waren. Weitere Versuche zeigten, daß auch Organstückchen (Lunge, Herz, Leber, Milz), die vorher im Wasserbade 1/9 Stunde auf 70 erhitzt waren, um die in ihnen enthaltenen eigenen autolytischen Fermente abzutöten und deren Wirkung auszuschalten, von der Fer- mentlösung stark verändert wurden, wobei sich nach einigen Tagen Ammoniak nachweisen ließ. Es konnte also dadurch gezeigt werden, daß das Leukocytenfer- ment die verschiedenste?! Organe anzugreifen und zu verdauen vermag, also bei der Autolyse der meisten Organe eine nicht unbeträchtliche Rolle s_pielen dürfte. Fieber. Die Beziehungen des proteolytischen Leukocytenfer- ments zum Fieber stellte Jochmann 1* fest. Ebenso wie das Fibrin- ferment verursacht auch das Leukocytenferment, wenn man es Ver- suchstieren, z. B. Kaninchen, subkutan oder intravenös injiziert, Tem- peraturerhöhung. In der menschlichen Pathologie müssen wir an- nehmen, daß überall dort, wo größere Fermentmengen sich entwickeln, also dort, wo Leukocyten in größerer Menge zerfallen, Temperatur- steigerung dadurch hervorgerufen werden kann. 1312 Georg Jochmann, Hier drängt sich zunächst der Vergleich zwischen den kalten tiiberli^ulösen Eiterungen und denjenigen auf, die durch andersartige Eitererreger bedingt sind. Der reine tuberkulöse Abszeß verursacht in der Regel kein Eieber, weil hier die Beteiligung der polynukleären Leukocyten ganz in den Hintergrund tritt. Das stimmt mit der Tat- sache überein, daß Eiter aus rein tuberkulösen kalten Abszessen keine verdauende Wirkung auf der Serumplatte ausübt. Sobald aber Leuko- cyten in den Abszeß in größeren Mengen hineinkommen, also z. B. nach einer Einspritzung von Jodoform-Glyzerin, zeigen sich leichte Fieberbewegungen, weil das sich entwickelnde Ferment, das zur Be- förderung der Resorption zweckdienlich ist, auch gleichzeitig Fieber hervorruft. Ich glaube, daß bei allen Eiterungen, bei denen Leukocyten die Hauptrolle spielen, das Leukocytenferment an der Entstehung des Fiebers neben den Eitererregern einen nicht unbeträchtlichen Anteil hat, und zwar denke ich mir die "Wirkungsweise des Leukocyten- fermentes dabei teils direkt, teils indirekt. Die direkte Wirkung ist bedingt durch die Aufnalime des Fer- mentes selbst in die Blutbahn, die dann ebenso wie beim Tierversuch eine Wärmesteigerung nach sich zieht. Die indirekte Wirkung ist bedingt durch die Aufnahme von Stoffwechselprodukten, die durch die Tätigkeit des Fermentes entstehen. Wir wissen aus dem be- sprochenen chemischen Teil, daß das Ferment eine tryptische AVir- kung ausübt und Eiw^eißkörper in sehr weitgehender Weise (bis zur Entstehung von Leucin und Tyrosin) aufzuspalten vermag. Aus den Untersuchungen Krehls^s wissen wir, daß Albumosen fiebererregend wirken, wenn sie in die Blutbahn gelangen. Daß der Leukocytenciter Albumosen enthält, ist bekannt, ebenso daß bei der Autolyse des Eiters weitgehende Spaltungen des Eiweißes stattfinden, wie aus dem Vorhandensein von Amidosäuren hervorgeht. Wenn das Fieber also bei Eiterungen seine tryptische Verdauungstätigkeit beginnt und teils Eiterkörperchen, teils Fibrin oder nekrotische Ge- websteile verdaut, so Averden dabei auch Albumosen frei, die ihrer- seits ebenfalls Fieber erzeugen können, wenn sie zur Resorption gelangen. Ein gewisser Anteil der fiebererregenden Tätigkeit des Fermentes bei allen Kokkeneiterungen scheint mir auch dadurch illustriert zu werden, daß nach der Entleerung größerer Eitermengen, z. B. bei abgekapselten Exsudaten, Abszessen oder dgl., das Fieber oft wie mit einem Schlage beseitigt ist. Es w^erden dabei natürlich auch eine Menge Bakterien nebst ihren Toxinen entfernt, die auch ihren Teil an dem vorliegenden Fieber gehabt haben mögen. Aber es bleibt doch noch eine große Anzalil Bakterien mit ihren Toxinen zurück, die trotz ihrer Anwesenheit nun kein Fieber verursachen. Stockt aber aus irgendeinem Grunde der Abfluß des Eiters, gibt es eine Eiter- retention, so steigt das Fiebeu sofort wieder an, ohne daß die in dem Eiter vorhandenen Kokken eine besonders starke Vermehrung erfahren zu haben brauchen. Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt das Leukocytenferment fernei- bei dem Auftreten des aseptischen Fiebers. Unter diesen Begriff fallen zunächst alle jene Temperatursteigerungen, die schlecht- hin als Resorptionsfieber bezeichnet werden. Die geringen Tempera- turanstiege nach aseptisch ausgeführten Operationen haben ihre Haupt- Leukocyten-Fcrmontp und -Antifermente. 1318 Ursache meines Erachtens in der teils direkten, teils indirekten Wir- kung des Leukocytenfermentes, indem die zur Wundstelle gewanderten und dort zerfallenen Leukocyten ihr Ferment abgeben, das nun zu einem Teil selbst resorbiert wird, zum anderen Teil dieCrewebstrümmer auflöst, verdaut und die Aufnahme der Spaltungsprodukte der Eiweiß- körper vorbereitet. Die Tatsache, daß bei vielen subkutanen Verletzungen, großen Quetschungen und Gelenkkontusionen Fieber auftritt, welches nicht durch Bakterien bedingt sein kann, haben schon Gensmee & Volkmann betont. Ich möchte bei dieser Art Fieber ebenfalls dem Leukocytenferment einen großen Urheberanteil zu- sprechen. Die Zertrümmerung größerer Gewebsmassen bedingt stets eine große Leukocytenzuwanderung, die mit ihrem Ferment die Re- sorption einleiten und dabei Fieber erzeugen. Bei subkutanen Frakturen kommt noch hinzu, daß hier auch mehr oder weniger große Knochenpartien zerstört werden, wobei viel ferm enthaltige Myelocyten und poly nukleare Leukocyten mit ihren Vorstufen zerfallen und in den Kreislauf gelangen. WaJirscheinlich ist auch das in vielen Fällen von myelogener Leukämie auftretende Fieber durch das Leukocytenferment bedingt. Schreitet die Krankheit nur langsam fort, so hat der Körper Zeit, die großen Mengen Antiferment zu bilden, die durch Absättigung des durch den vermehrten Leukocytenzerfall entstehenden Fermentes er- forderlich sind. Treten aber schubweise Verschlimmerungen auf, die zu plötzlich vermehrtem Leukocytenzerfall führen, so wird die vor- handene Antifermentmenge nicht mehr zur Absättigung genügen und die Fermentresorption wird Fieber veranlassen. Aehnliclies ist auch bei der Behandlung der Leukämie mit Eöntgenstrahlen zu beobachten. Man bekommt dabei nicht selten im Anschluß an die Bestrahlung Temperatursteigerungen, die gar nicht anders als durch den ver- mehrten Leukocytenzerfall erklärt werden können. Eine weitere physiologisch interessante Eigenschaft des Leuko- cytenferments, die es mit vielen Fermenten teilt, ist sein Einfluß auf die Gerinnungstendenz des Blutes. Setzt man reines Leukocytenferment zu frisch entleertem Blute zu, so wird die Ge- rinnungstendenz verringert (Jochmann i*). Beziehungen zur allgemeinen Immunität. Einer kurzen Besprechung bedürfen schließlich noch die Beziehungen des Fermentes zur allgemeinen Immunität, die durch Jochmann ^8 studiert wurden. Buchner erklärte bereits seine Alexine, denen er die bakterien- feindliche Kraft des Blutes zuschrieb, als proteolytische Enzyme und faßte als ihre Ursprungsstätte die Leukocyten auf. Der Streit ging lange hin und her, ob die Leukocyten in der Tat diese Alexine zu sezernieren vermochte oder ob dem Serum von vornherein solche Stoffe zu eigen seien. Daß die Leukocyten bakterizide Stoffe enthalten, darüber kann nach den Untersuchungen von Buchner ^9, Hahn 6, Trommsdorff ^^ Schattenfroh 60 und von Schneiderei j^gin Zweifel sein. Letzterer extrahierte seine sehr starli wirksamen bakteriziden Stoffe aus lebenden Leukocyten, indem er etwa 5 Proz. aktiven oder inaktivierten Serums zu den in physiologischer Kochsalzlösung aufgeschwemmten Leukocyten hin- zusetzte und eine halbe Stunde digerierte. Er nannte diese physiologischeu Sekretionsprodukte der Leukocyten Leukine. Handbuch der pathogenen Mikroorganismen. 2. Aufl. II. oö 1314 Geoeg Jochmaxx. Es war nun die Präge zu erledigen : Sind diese bakteriziden Leukocytenstoffe identiscli mit dem von uns in den normalen mensch- lichen Leukocyten nachgewiesen proteolytischen Ferment? Und dann ergibt sich die weitere Frage: Haben die Alcxine, wie Buchxer meint, und wie Metschxikoff wollte, etwas mit dem Leukocytenferment zu tun? Hahn 6 berichtet, daß es ihm nicht geglückt sei, gleichzeitig Alexin- wirkung (d. h. eine durch Erhitzung auf 55 ^ zerstörbare Kraft) und eine proteolytische Wirkung an denselben Eiterproben festzustellen. Daß er bei diesen Eiterproben wohl Alexinwirkung bekam, aber keine proteolytische, lag daran, daß er zur Gewinnung seines steril erzeugten Eiters Tiere benutzte, die nach Jochmaxxs & Müllers Untersuchungen kein wirksames Leukocytenferment besitzen. Zur Entscheidung der eben gestellten Fragen empfahl es sich, einen der beiden Stoffe, entweder den proteolytischen oder den bak- teriziden zu extrahieren und nun festzustellen, ob ihm auch die Wirk- samkeit des anderen zukommt, d. h. also ob sie identisch sind. Für die Möglichkeit einer solchen Identität konnte u. a. die Tatsache sprechen, daß Schattenfeoh aus den Leukocyten bakterizide Stoffe extrahierte, die eine Erhitzung von 60 o eine halbe Stunde lang gut vertrugen und erst bei höheren Temperaturen zugrunde gingen, Eigen- schaften, die dem Leukocytenferment ebenfalls zukommen. Mannigfach variierte bakterizide Versuche mit der Leukocyten- ferment lösung in den verschiedensten Verdünnungen ergaben : Das proteolytische Ferment der Leukocyten wirkt nicht bakterizid (JocHMANx^iS). Diese Tatsache war a priori auch am wahrschein- lichsten, nachdem wir nachgewiesen hatten, daß im Blut des Menschen ein Antiferment existiert, das in der Regel bald das aus den Leu- kocyten freiwerdende Ferment abzusättigen und zu paralysieren ver- mag, also auch jede bakterizide Wirkung aufheben würde. Das proteolytische Leukocytenferment wirkt nicht bakterizid, ist also nicht identisch mit der bakteriziden Kraft der Leukocyten. Da- durch erledigt sich auch sofort die Beantwortung der Frage, ob es mit den Alexinen Büchners etwas zu tun habe. Aber auch auf die An- schauung Metschnikoffs wird durch die Feststellung dieser Tat- sache ein Licht geworfen. Metschnikoff unterscheidet bekanntlich zwei Gruppen von Alexinen : 1) ein bakterizides Alexin, die Mikrocytase, die er den Mikro- phagen, den polynukleären Leukocyten zuschreibt, und 2) die Makrocytase, ein Produkt der einkernigen, großen proto- piasmareichen Lymphocyten, "der Makrophagen, das er als ein Blut- körperchen und Zellen lösendes Ferment hinstellt. Die Mikrocytase, das von ihm angenommene Ferment der polynukleären Leukocyten, hält er für ein proteolytisches Enzym, das bakterizid wirkt mit Hilfe von Fixatoren, welche die Verdauung in irgendwelcher Weise vor- bereiten. Xachdem jetzt nachgewiesen ist. daß das proteolytische Leukocytenferment jeder bakteriziden Wirksamkeit entbehrt, müssen wir uns die Vorgänge bei der Phagocytose so vorstellen, daß die in die Leukocyten aufgenommenen Bakterien zunächst abgetötet werden durch die bakterizide Kraft der Leukocyten, um erst nachher von dem proteolytischen Ferment ohne Mitwirkung von Komplement verdaut zu werden. Das Ferment vermag abgetötete Bacillen ebenso schnell Avie Fibrinflocken oder Eiweiß zu verdauen. Es gilt das jedoch nur Leukocyten-Fermente und -Antifermeute. 1315 für die oramnegativeu Arten. Die grampositiven scheinen einen Schutz zu haben (Kantorowicz). Lebende Bacillen setzen der Verdauung einen ganz erheblichen Widerstand entgegen. Sie vermehren sich sogar noch stark in der Fermentlösung. Es scheint also, als hätten sie eine Art Schutzstoff, der sie vor der Verdauung bewahrt. Ob das ein Antiferment ist, wie es z. B. Weinlaxd in dem Körper der Spulwürmer nachgewiesen hat, oder ob eine besondere Eigenschaft der Bakterienhülle diesen Schutz verleiht, konnte ich nicht mit Sicherheit entscheiden. Nach Versuchen von Kantorowicz scheinen gewisse Bakterien in der Tat ein Antiferment zu besitzen. Hämolytische Eigenschaften hat das Leukocytenferment nach den Untersuchungen von Jochmann ^^ nicht; auch die Frage, ob ihm toxin- vernichtende Wirkungen zukommen, wurde in verneinendem Sinne beantwortet. Veranlassung zu dieser Prüfung waren die Fest- stellungen von Charrin und Levaditi, die gezeigt hatten, daß Pan- kreassekret imstande ist, Toxine unschädlich zu machen. Vorkommen und Eigenschaften des Antifermentes. Bald nach Feststellung der proteolytischen Kräfte der normalen Leukocyten konnten wir im menschlichen Blutserum auch die An- wesenheit eines Hemmungskörpers konstatieren, der die Wirksam- keit des Leukocytenfermentes aufzuheben vermag (Jochmaxn & MijlleeSI). Setzt man zu gut verdauendem Kokkeneiter auf einem Uhrschälchen die 5 — 10-fache Menge Blutserum und bringt von dieser Mischung Tröpfchen auf die Löfflerplatte, so bleibt j^liche Dellenbildung aus. Bei Zusatz von geringeren Quanten Serums werden die entstehenden Dellen weniger tief, bzw. treten etwas später in die Erscheinung. Die fermentartige Eigenschaft dieses Hemmungskörpers erhellt durch seine Thermostabilität. Erhitzt man ein hemmendes Serum eine halbe Stunde auf 60 o und macht man nun den Versuch, die Ver- dauungswirkung von Eiter oder abzentrifugierten Leukocyten damit zu verzögern oder aufzuheben, so tritt keinerlei Hemmung auf. Der Versuch fällt dann genau so aus, als hätte man mit Kochsalzlösung, nicht aber mit Serum verdünnt. Dieses thermostabile Antiferment ist normalerweise in jedem menschlichen Blutserum enthalten ; es geht jedoch nicht über in den Liquor cerebrospinalis, in die Frauenmilch und in den Harn. Zur Beurteilung der Schwankungen des Antiferment- gehaltes im menschlichen Blutserum war zunächst der Frage näher zu treten, von welchen Bedingungen die Antifermentmenge abhängt. Die einfachste Vorstellung wäre die gewesen, daß der Antiferment - gehalc abhängt von der Produktion der Fermentmenge in der Weise, daß entsprechend größeren Fermentmassen, die im Blute durch Zer- fall von Leukocyten entstehen, eine gewisse Menge Antiferment abge- sättigt wird, so daß also hohem Fermentgehalt des Blutes geringer Antifeimentgehalt entsprechen würde. Andererseits war aber auch die Möglichkeit, daß bei erhöhter Fermentproduktion auch größere Antifermentproduktion stattfindet. Durch Tierversuche war es mög- lich, über diese Frage einige Aufklärung zu bekommen. 83* 1316 Georg Jochmanx, Daß man durch wiederholte Einverleibung von Pankreatin bei Kaninchen den Antifermentgehalt des Blutserums gegen dieses Trypsin zu steigern vermag, war durch Achalme bekannt. Wir kennen solche künstlich veranlaßte Produktion von Antiferment ja auch durch Ver- suche mit anderen Fermenten. So erzeugte Morgenroth ein Antilab durch subkutane Zufuhr kleinerer Dosen von Labferment. Sachs ^^ ge- lang es, Gänse gegen Pepsin zu immunisieren und die antiseptische Wirkung des Serums dieser Tiere zu steigern, und Bürdet & GengguS^ gelang es, durch Injektion von fibrinfermenthal tigern Serum ein spezi- fisches Antiferment zu gewinnen. Jochmann & Kantorowicz zeigten, daß auch durch wiederholte Einfülirung des Leukocytenfermentes eine Immunisierung erzielt werden kann. Versuche lehrten, daß der Gehalt des Serums an Anti- leukocytenferment bis auf das 64-fache des Normalen und vermutlich auch noch höher gesteigert werden kann. Von Wichtigkeit war die Beobachtung, daß die Immunisierung mit Leukocytenferment nicht nur den Antifermentgehalt gegen das eingeführte Ferment steigert, sondern auch gegen Pankreastrypsin immunisiert. Daraus geht mit Wahrscheinlichkeit hervor, daß die beiden Antifermeüte, das Anti- leukocytenferment und das Antipankreastrypsin, identisch sind oder sich zum mindesten außerordentlich nahe stehen. Eine weitere Stütze für die Annahme der wahrscheinlichen Iden- tität wurde durch Absättigungsversuche erbracht. Sättigt man das eine Antiferment mit der genügenden Menge des entsprechenden Fer- mentes ab, so daß die entsprechende Mischung weder verdauende, noch hemmende Wirkung zeigt, so wird durch diese Absättigung auch die Wirkung des anderen Fermentes aufgehoben. Es geht bei Ab- sättigung des Antipankreatins auch die Wirkung des Antileukocyten- fermentes verloren. Aus der Identität der beiden Antifermente erklärt sich die sonst wenig verständliche Tatsache, daß viele Tierarten (Kaninchen, Meer- schweinchen usw.), obgleich ihnen nach unseren Versuchen kein Leu- kocytenferment zukommt, doch ein mehr oder minder stark wirk- sames Antiferment gegen menschlichen Eiter besitzen. Seine An- wesenheit erklärt sich leicht durch das Vorhandensein des Pankreas- trypsins. Ob aus der Identität der Antifermente auch auf die Identität zwischen Leukocytenferment und Pankreastrypsin zu schließen ist, möchte ich vorläufig dahingestellt sein lassen, obgleich die Annahme sehr nahe läge und auch die chemischen Eigenschaften recht große Aehnlichkeit haben. Die genannten Experimente zeigen, daß der Gehalt an anti- tryptischen Kräften im menschlichen Blutserum mindestens von zwei Zentrer-, aus reguliert wird, nämlich einmal vom Pankreas und zweitens von den polynukleären Leukocyten. Aller Wahrscheinlichkeit nach geben nun aber noch andere proteolytische Fermente des Körpers An- laß zur Bildung von Antifermenten. So werden von einigen Autoren z. B. auch die bei der Autolyse der einzelnen Organe tätigen, Eiweiß verdauenden Fermente dabei in Betracht gezogen. Die Lehre dieser sehr merkwürdigen Fermente des Körpers ist noch sehr im Fluß. Für eine Reihe von Organen spielt das proteolytische Leukocyten- ferment, wie ich nachweisen konnte, die Hauptrolle bei der Auto-, lyse der Milz, des Knochenmarkes, des Blutes und des Eiters. Außer- Leukocyten-Fermentc und -Antifermente. 181 ( dem aber gibt es noch eine ganze Anzahl bei der Autolyse in Wirk- samkeit tretender proteolytischer Fermente, die zum Teil sogar recht verschieden zu sein scheinen. So zeigte Jacobi^o daß die proteolyti- schen Organfermente zum Teil auf das Eiweiß des zugehörigen Or- ganes spezifisch eingestellt sind, dergestalt, daß z. B. die Eiweiß verdauenden Fermente der Leber nicht imstande sind, das Eiweiß des Lungengewebes anzugreifen. Sollten auch diese letztgenannten proteolytischen Fermente Antifermente bilden, was anzunehmen ist, so ist es immerhin fraglich, ob die dann gebildeten Antitrypsine sich so nahe stehen wie das Antileukocytenferment und das Anti- pankreastrypsin. Es wäre immerhin möglich, daß sie spezifisch ein- gestellt sind, entsprechend ihren zugehörigen Fermenten, und weiter- hin bleibt es sehr fraglich, ob diese Antitrypsine, die auf den lieiz der autolytischen Fermente sich bilden, durch unsere gebräuchlichen Methoden, das Plattenverfahren und die FuLDsche Kaseinmethode, nachgewiesen werden können, da diese Methoden ja für den Nach- weis heterolytischer Trypsine und ihrer Antifermente ausgearbeitet sind, nicht aber für die Feststellung autolytischer Trypsine. Ein weiteres proteolytisches Ferment, von dem in letzter Zeit viel geredet wurde und das auch mit der Bildung von Antitrypsin in Beziehung gebracht wurde, ist das proteolytische Ferment, das nach Xeuberg & Blumenthal im carcinomatösen Gewebe wirkt und das als ein heterolytisch wirkendes Ferment anzusprechen ist. Es ist nicht ausgeschlossen, daß dieses Ferment, wenn es in die Blutbahn gelangt, ein Antitrypsin bildet, das wir durch die gebräuchlichen Me- thoden nachweisen können. Denn nach Analogie des Verhältnisses von Antileukocytenferment und Antipankreastrypsin ist es wahr- scheinlich, daß sich die Antifermente der heterolytisch wirkenden Trypsine sehr nahe stehen. Schließlich w^äre noch ein letztes heterolytisch wirkendes proteo- lytisches Ferment zu nennen, das Ferment der Chorionzotten, das Geäfenberg9 während der ersten 3 Monate der Schwangerschaft in der Placenta durch das Plattenverfahren nachweisen konnte. Auch dieses ist vermutlich imstande, eine vorübergehende Bildung von Antitrypsin im menschlichen Blutserum zu veranlassen, und könnte zur Erklärung des in den ersten Monaten der Gravidität gesteigerten Antitrypsingehaltes mit herangezogen werden, den Geäfenberg be- obachtet hat, der aber nach Becker nicht konstant zu sein scheint, Xach dem bisherigen können wir also sagen : Der Antitrypsin- gehaJt im menschlichen Blutserum ist in erster Linie vom Leukocyten- fermeni und vom Pankreastrypsin abhängig. In Betracht kommen ferner das Placentaferment und bei Carcinomkranken das proteoly- tische Krebsferment. Die Mitbeteiligung der autolytischen Organ- ferraente ist fraglich. Die antitryptische Kraft des Blutserums hat den Zweck, den Körper vor der Selbst Verdauung zu schützen. Es besteht "eine bestimmte Korrelation zwischen den tryptischen Fer- ment^en des Körpers und dem Antitrypsingehalt. Erfolgt irgendwo im Körper eine vermehrte Bildung von Trypsin, so wird das Uebermaß zunächst durch Antitrypsin abgesättigt, dabei erfolgt also zunächst eine Verminderung des vorhandenen^ Antitrypsins. Dauert nun aber die pathologische Trypsinbildung fort, so gibt sie einen Eeiz für re- aktive Antifermentbildung, und dieses erfolgt dann, wie gewöhnlich 1318 Georg Jochmaxx. bei Hepai'ationsvorgängen (^nacli dem WEiGERTsclien Ueberregenera- tionsgesetz). im Ueberscliuß. Es kommt also zum vermehrten Anti- m-psiugehalt. Dazwischen liegen aber alle Uebergänge, so daß wir aus einer einzelnen Bestimmung der antitryptischen Fähigkeit des Blutes nur sehr wenig ersehen. Nehmen wir als Beispiel die myelo- gene Leukämie. Wir finden dabei in der Regel einen normalen Anti- trypsingehalt. Dieser normale Wert hat aber eine ganz andere Be- deutung wie bei einem gesunden Menschen. Während beim gesunden Menschen der Antitrypsinwert gleichmäßig mit ganz geringen Schwan- kungen derselbe bleibt, hat beim Leukämiker ein fortwährender Kampf stattgefunden zwischen dem proteolytischen Ferment der in Menge zerfallenden Leukocyten und der Antifermentbildung. Die vermehrte Trypsinmenge, die durch den Zerfall der Leukocyten entsteht, hat Anlaß zur verstärkten Bildung von Antiferment gegeben, das aber bald wieder abgesättigt wird durch die immer aufs neue frei wer- denden Mengen von Leukocytentrypsin. So kommt lange ein an- scheinend normaler Antifermenttitej- zustande, bis die Fähigkeit zur Antifermentbildung dem immer neuen Ansturm des durch die großen Massen der Leukocyten erzeugten Trypsins erliegt und plötzlich das Serum selbstverdauende Kraft annimmt. Solche Fälle konnten sowohl MtLLER wie ich beobachten. Es beweist also der normale Befund des antitryptischen Gehaltes nichts für den Grad der vorausgegangenen Antifermentbildung, weil wir nicht übersehen können, wie hier das Resultat zustande gekommen ist, ob von vornherein normale Verhält- nisse vorliegen, oder ob das Ergebnis durch starke Trypsinentwickeluug und entsprechend vermehrte Antifermentbildung zustande kommt, wo- durch das normale Verhältnis wiederhergestellt wird. Der verringerte Antifermentgehalt hat seinen Grund in der Regel darin, daß eine Absättigung eines Teiles des vorhandenen Anti- fermentes durch abnorm große Trypsinmengen erfolgt. Meist wird diese Phase der Verminderung des Antifermentes nur eine vorüber- gehende Erscheinung sein und einer Vermehrung des Antiferment- wertes weichen, da der Körper bald auf den vermehrten Trypsinreiz mit der Mehrbildung von Antitrypsin reagiert. So z. B. bei der Lö- sung der Pneumonie, wo auf eine Phase der Verminderung eine solche der Vermehrung folgt. Der vermehrte Antitrypsin gehalt ist stets bedingt durch eine Reaktion des Körpers auf einen irgendwo im Körper vorhandenen Trypsinreiz. mag dieser nun durch den Zerfall von polynukleären Leukocyten und das dadurch bedingte Frei- werden von proteolytischem Leukocytenferment verursacht sein oder durch Störungen im Pankreas oder endlich durch die anderen oben besprochenen Fermente. Wenn wir nach diesen allgemeinen Betrachtungen auf die spe- zielle Bedeutung derAntitrypsinbestimmung für dieDia- gnose und Prognose von Krankheiten eingehen, so sind zu- nächst die Arbeiten von Wiens 9, lo zu nennen. Dieser Autor fand bei der Phthisis pulmonum durchgehends einen erhöhten Antiferment- titer, eine Tatsache, die ich bestätigen konnte und die auch alle späteren Autoren, z. B. Brieger & Herzfeld, gefunden haben. Seine Erklärung, der ich früher ebenfalls beizutreten geneigt war, daß hier das Zurücktreten der Leukocyten im Gegensatz zu den Lymphocyten den erhöhten Antifermentgehalt bedingt, möchte ich Lcukocyten-Fermente und -Antif'eruieute. 1319 jetzt bezweifeln. Ich möchte eher glauben, daß hier die beständig vermehrte Sekretion der Schleimliäute in einem Teile der oberen Luftwege und die damit verbundene Leukocytenzuwanderung be- ständig zur Resorption von geringen Mengen Leukocytenferment führt, wodurch die Antifermentproduktion gesteigert wird. Weiter studierte Wiens die Schwankungen der Antitrypsinwerte bei Infektionskrankheiten und fand bei denjenigen akuten Infektions- krankheiten, welche mit einer Vermehrung der gelapptkernigen Leuko- cyten einhergehen, also bei septischen Erkrankungen, Scharlach, Di- phtheriC; Erysipel in der Regel eine Herabsetzung des hemmenden Titers. Als Ursache sieht er gesteigerte "leukocytäre Vorgänge an, die zu einem vermehrten Leukocytenzerfall führen. Eine Steigerung der hemmenden Kräfte sieht Wiens als ein ungünstiges prognosti- sches Zeichen an, weil das ein Erlahmen der Schutzkräfte des Blutes bedeutet. Hierzu ist folgendes zu bemerken : Die Gesetzmäßigkeit der WiENSschen Angaben über die Schwankungen bei den akuten In- fektionskrankheiten konnte nicht bestätigt werden. Klieneberger & Scholz fanden sowohl bei Gesunden als bei Kranken gewisse Differenzen im Hemmungsvermögen, die aber inkonstant waren. Ich konnte zwar bei einer Reihe von Infektionskrankheiten, bei denen Eiterungen auftraten, z. B. bei Scharlach mit hinzutretenden Drüsen- vereiterungen oder bei Erysipel mit Abszeßbildungen, zugleich mit dem Eintreten dieser Komplikationen ein Absinken des Antiferment- gehaltes wahrnehmen ; dieser verminderte Hemmungstiter wich aber später meist einem erhöhten Antifermentgehalt, um dann wieder zur Norm zurückzugehen; auch Jacob ^7 fand bei der Mehrzahl der akuten Infektionen einen erhöhten Antifermentgehalt. Ferner konstatierte Landois^i bei chronisch septischen Erkrankungen eine Antitrypsiner- höhung, ebenso Becker ^6 bei chronisch entzündlichen Prozessen. Wenn wir meine eingangs erwähnten Tierexperimente zur Erklärung heran- ziehen, so liegen die Verhältnisse bei diesen mit leukocytären Ver- fallsvorgängen einhergehenden Krankheiten zweifellos so : Durch den Zerfall einer abnorm großen Zahl von Leukocyten wird proteolytisches Ferment in großer Menge frei, das ins Blut übergeht und hier zunächst durch einen Teil des vorhandenen Antifermentes abgesättigt wird. Auf diesem Wege wird ein gewisses Quantum Antitrypsin verbraucht, und wir finden eine Herabsetzung des Hemmungstiters. Auf diese Phase wird nach verschieden langer Zeit ein gegen die iSTorm ge- steigerter Antitrypsinwert auftreten, da der Reiz der abnorm großen Trypsinmenge eine reaktive Vermehrung des Antifermentes bedingt, und schließlich wird der normale Gehalt sich wieder einstellen. Zwischen diesen Phasen werden nun natürlich allerlei Uebergäjige liegen, je nachdem die Leukocytentrypsinzufuhr schwankt und je nachdem Absättigung oder reaktive Vermehrung des Antifermentes überwiegen. Sicher unrichtig ist es, wenn Wiens in der Steigerung des Anti- trypsinwertes ein prognostisch ungünstiges Zeichen sieht. Er schließt daraus auf ein „Erlahmen der Schutzkräfte", stellt sich also offenbar vor, daß die Schutzkräfte, d. h. doch wohl die leukocytären Vorgänge, zurücktreten, so daß keine Absättigung von Antiferment mehr er- folgt, was sich bei der Untersuchung als eine Steigerung der Anti- fermentmenge dokumentiert. Die falsche Vorstellung von Wiens be- ruht darauf, daß er den Antitrypsingehalt zu einseitig nur von dem 1320 Georg Jochmaxx, Grade der Absättigung des vorhandenen Leukocytenfermentes regu- liert sieht, während auch die reaktive Vermehrung des Antifermentes in Betracht gezogen werden muß. Meines Erachtens ist der ge- steigerte Antifermentgehalt auch zu den Schutzkräften des Körpers zu rechnen, freilich nicht als ein Schutz gegen Krankheitskeime, sondern gegen die Selbstverdauung. Zusammenfassend darf ich also von diesem Kapitel sagen: die Antitrypsinbestimmung bei Infektionskrankheiten hat weder eine diagnostische noch eine prognostische Bedeutung. Allgemeineres Interesse und vielseitige Nachprüfung haben die Angaben von Brieger & TrebingI- gefunden, die im Serum von Car- cinoni kranken mit bemerkenswerter Regelmäßigkeit einen er- höhten Antif ermentti t er feststellten. IDieser Befund wurde in der Folge von verschiedenen Autoren bestätigt, v. Bergmann '^^^ Bam- berg ^2^ Herzfeld ß6, Becker ^^ konnten die relative Häufigkeit des vermehrten iintitrypsinwertes bei Krebskrankheiten ebenfalls fest- stellen. Wäre dieser Befund eine bei Carcinompatienten konstante Erscheinung, die bei anderen Affektionen sich nicht findet, so w^ürden wir in diesem Befunde zweifellos eine wertvolle Bereicherung unserer diagnostischen Methoden haben, ganz gleichgültig, durch welche Ur- sache die Antifermentbildung zustande kommen möge. Es zeigte sich aber bald, daß bei einer ganzen Reihe anderer Krankheiten ebenfalls eine Erhöhung der Antitrypsinwerte festzustellen ist. Man findet sie außer bei Carcinom noch bei Phthisis pulmonum, Morbus Basedow, Diabetes, schweren Anämien. Da die meisten der von den genannten Krankheiten Betroffenen einen reduzierten Ernährungszustand haben, so bezeichnete Brieger das genannte Phänomen als Kachexie- reaktion. Er hatte dabei die Vorstellung, daß die Kachexie als solche den Antifermentgehalt steigert. Diese Anschauung wurde von verschiedenen Seiten zu stützen versucht. Fürst 53 ließ Meerschweinchen hungern und hatte dabei gesteigerten Anti- trypsingehalt in dem Serum der Tiere, ganz entsprechend ihrer Gewichts- abnahme. Braunstein ^^ behandelte Kaninchen und Meerschweinchen mit Phloridzin- und Phosphorinjektionen, um dadurch einen vermehrten Eiweiß- zerfall zu bekommen, und fand dabei ebenfalls vermehrten Antitrypsingehalt. Er erklärte sich das Zustandekommen desselben durch die Hypothese, daß beim Eiweißzerfall autolytische Organfermente frei werden, die den Antifermentgehalt anregen könnten. Ich habe bereits ausgeführt, daß es mir recht fraglich er- scheint, ob wir diese hypothetischen autolytischen Fermente, bzw. Antifermente zur Erklärung mit heranziehen dürfen, da unsere Methoden, mit denen wir den Antifermentgehalt nachweisen, zur Feststellung heterolytischer Trypsine, bzw. Antitrypsine ausgedacht smd, nicht für autolytische, und da es keineswegs wahrscheinlich ist, daß die Antifermente der heterolytischen Trypsine mit den Antifermenten der autolytischen Trypsine identisch sind. V. Bergmann fand bei hungernden Hunden keine Vermehrung des Hemmungskörpers. Ebensowenig nach Injektion von artfremdem Ei- weiß oder nach großen Eiweißmahlzeiten. Die Bezeichnung Kachexiereaktion kann ich nicht für zutreffend halten : erstens, weil die Erhöhung des AntifermentgehaJtes von ganz verschiedenen Faktoren abhängt, die mit der Kachexie überhaupt nichts zu tun haben, zweitens, weil sich erhöhter Antifermentgehalt keineswegs nur bei Kachektischen findet, sondern auch bei Personen, die in ausgezeichnetem Ernährungszustande sind, so z. B. konstant bei Wöchnerinnen gleich nach der Entbindung. Leukocyten-Fermente und -Antifermente. 1321 Die bei Carcinomkranken beobachtete Erhöhung des Antitrypsin- wertes kommt meines Erachtens zustande als Reaktion auf das von Neübero & Blumenthal nadigewiesene proteolytische Krebsferment. Ob dabei noch gelegentlich die Infiltration mit Leukocyten eine Eolle spielt infolge von sekundären entzündlichen Veränderungen im Krebs- gewebe oder bei ulzerösen Prozessen, so daß auch das Leukocyten- ferment mitwirkt, lasse ich dahingestellt. Bei schweren Anämien erklärt sich der erhöhte Antifermenttiter aus dem Zerfall einer großen Anzahl von Leukocyten und aus dem dabei frei werdenden proteolytischen Leukocytenfermente, das zu ver- mehrter Antifermentbildung führt. Auf derselben Ursache, dem ver- mehrten Leukocytenzerfall, beruhen die erhöhten Antifermentwerte bei septischen Erkrankungen, chronischen Eiterungen etc. Beim Diabetes führen vielleicht Störungen im Pankreasgebiet und dadurch bedingte Aenderungen in den Sekretionsverhältnissen des Pankreastrypsins zu erhöhten Antifermentbildungen. Der erhöhte Antitrypsingehalt bei Frauen kurz vor und nach der Geburt, der von Gräfenberg, Becker und Jochmann konstant festgestellt wurde, hat seinen Grund in der Anwesenheit großer Mengen Leukocytenfermentes im Kolostrum und im Lochialsekret, wie ich an anderer Stelle ausführen konnte. Auch bei der BASEDOwschen Krankheit hat man erhöhten Anti- fermentgehalt gefunden. Kurt Meyer bringt ihn hier in Zusammen- hang mit dem gesteigerten Eiweißgehalt und dem dadurch bedingten Zustandekommen einer vermehrten Tätigkeit der proteolytischen Zell- fermente. Auf welchem Wege das zustande kommt, läßt er dahin- gestellt. Wir sehen also, die verschiedensten Ursachen führen zur Anti- fermentbildung, Ursachen, die mit der Kachexie zum Teil in gar keinem Zusammenhang stehen. Daß aber die Reaktion keineswegs nur bei Kachektischen vorkommt, lehrt schon der Blick auf den Befund bei gesunden Frauen vor und nach der Geburt. Als besonders wichtig sind hier auch die Untersuchungen von Jacob anzuführen, der über die Beziehungen zwischen dem Ernährungszustand und dem Aus- fall der Reaktion angibt, daß man auf Grund der Untersuchungser- gebnisse nicht der Annalime beipflichten könne, eine Vermehrung der Hemmungskörper sei auf kachektische Zustände zurückzuführen. Ich habe sogar Fälle von hochgradiger Kachexie gesehen, die ver- minderten Antifermentgehalt hatten. Also die Bezeichnung Kachexiereaktion trifft nicht das Richtige. Zweifellos aber ist, daß bei Krebskranken in einem hohen Prozent- satz der Antitrypsingehalt erhöht ist. So interessant diese von Brieger gefundene Tatsache vom wissenschaftlichen Standpunkte aus ist, so kann ich doch ihren diagnostischen Wert nicht hoch einschätzen. Nach dem eingangs Besprochenen hängt der Antifermentgehalt von zuviel verschiedenen Faktoren ab. Abgesehen davon, daß bei einer ganzen Reihe von Krankheiten, und zwar solchen, die differential- diaguostisch bei der Carcinomdiagnose in Betracht kommen, derselbe Befund erhoben wurde, gibt es auch Carcinomfälle, wo die Steigerung nicht gefunden wird. Prognostische Schlüsse aus der Prüfung der Antitrypsinwerte zu ziehen, halte ich ebenfalls wegen der Vielheit der maßgebenden Fak- toren nicht für empfehlensweft. 1322 Georg Jochmakn, Z u s a m m e n f a s s u n g. Die Vermehrung des Antitrypsingehaltes im Blutserum ist ein für die Diagnose des Carcinoms nur mit sehr großen Einschränkungen verwendbares Symptom, da die Antiferment- bildung von zu verschiedenen Faktoren abhängt. Dagegen halte ich die Feststellung eines normalen oder verminderten Antifermentgehaltes für ein Zeichen, das man in zweifelhaften Fällen mit gutem Grunde gegen die Diagnose eines Karzinoms ins Feld führen kann, da er- fahrungsgemäß etw^a 90 Proz. der Krebskranken gesteigerten Anti- trypsingehalt zeigen. Für prognostisch verwendbar halte ich die Anti- fermentbestimmung nicht. TherapeutischeVerwendungdesproteolytischenLeu- kocytenfermentes und Antifermentes. Die Studien über das proteolytische Antiferment und über das Antitrypsin haben neben anderen Ergebnissen zwei neue Verfahren zur Behandlung eitriger Prozesse gebracht: die Antifermenttherapie zur Behandlung von Kokkeneiterungen (Müller & Peiser''0) und die Ferment- behandlung der örtlichen chirurgischen Tuberkulose (Jochmann & BaetznerI''). Fermenttherapie. Der leitende Gedanke bei , der Einführung des letztgenannten Verfahrens war folgender: Tuberkulöser Eiter, so z. B. bei unbehandelten kalten Abszessen, enthält nach unseren Versuchen kein Leukocytenferment, weil die polynukleären Leuko- cyten, also die alleinigen Fermentträger, hier ganz in den Hinter- grund treten und im wesentlichen nur die fermentfreien Leukocyten beteiligt sind. Dalier bleibt der xlbbau der Eiweißprodukte und die Resorption des Inhalts kalter Abszesse nur in sehr geringen Grenzen. Die ge- wöhnliche Behandlungsmethode mit Jodoformglyzerin hat, wie wir aus Heiles Untersuchungen wissen, keine andere Wirkung, als die polynukleären Leukocyten, also die Träger tryptischen Ferments, an- zulocken und so in dem fermentfreien Exsudat durch die Ferment- wirkung die Eiweißkörper abzubauen und für die Resorption vor- zubereiten. Es war also zu erwarten, daß man bei der Einspritzung von Lösungen reinen Leukocytenferments dasselbe oder wegen der Verstärkung durch Konzentration der Fermentwirkung vielleicht noch mehr erreichen konnte als bei der Jodoformgiyzerin-Behandlung.- Gleichzeitig lockte der Gedanke, die nicht für jeden gleichgültige Behandlung mit Jodoform durch ein besseres Verfahren ersetzen zu können. Die anfänglich beabsichtigte Methode, reines Leukocyten- ferment zu verwenden, wie ich es mit Lockemann zusammen dar- gestellt hatte, wurde bald fallen gelassen, da wir nachweisen konnten, daß das Leukocytenferment und das käufliche Trypsin der Pankreas- drüse vom Bind oder Schwein in der Art der Eiweißspaltung sowie in der Wirksamkeit im Tierkörper sich völlig gleich verhalten. Bei den ersten Versuchen, die auf meine Bitte in der chirurgischen Universitätsklinik durch B.-vetzner vorgenommen wurden, verwendeten wir eine 1-proz. Lösung des Trypsinpräparates von Kahlbaum, die mit physiologischer steriler Kochsalzlösung hergestellt wurde. Besser bewährt hat sich nach Erfahrungen von Baetzner^^ ein Trypsinpräparat von Fairchild, das unbegrenzt haltbar und sehr wirksam ist. Das klinische Bild tuberkulöser Abszesse verändert sich unter der Fermentzufuhr in folgender Weise: Leukocyten-Fermente und -Antifcrmente. 1323 Der eitrige Inhalt verändert allraälilich Farbe und Konsistenz ; die geformten. Eiterelemente treten mehr und mehr zurück; die Punktionsflüssigkeit wird bräunlich, von sirupähnlicher Konsistenz, nach und nach dünnflüssig und serös. Während diese Umwandlung besonders in der Mitte statt hat, ist vom Rande her in der ganzen Zirkumferenz ein hoher Granulationswall zu fühlen, der sich all- mählich gegen die Mitte hin vorschiebt, die Abszeßhöhle ausfüllt, die Wände zur Verklebung bringt und sich zu einer Narbe verdichtet. Aber nicht nur die Eitermassen kommen zur Resorption, auch der Primärherd, der tuberkulöse Mutterboden, der die Eiterung unter- hält, macht unter der Trypsineinwirkung verschiedene Veränderungen durch. So gehen knotige Infiltrate unter der Fermentzufuhr allmählich in Erweichung über, werden in schollige Trümmer, faserige Gewebe- fetzen, kleinere und kleinste Schüppchen zerteilt und kommen nach vollständiger Verflüssigung unter dem lebhaften Emporschießen ge- sunden Keimgewebes zur Resorption. Das mächtige Wachstum lebensfrischen Granulationsgewebes ist die vornehmste Reaktion, mit der der Organismus auf das Trypsin antwortet. Die unter der Trypsineinwirkung stehenden Gewebe zeigen eine starke Blutfülle, auf den berieselten Geschwürsflächen treten zahlreiche Blut- punkte auf, die Punktionsöffnungen bluten heftig; diese lokale Hyperämie begünstigt die regenerative Tätigkeit des umliegenden Gewebes. Die Trypsintherapie hat sich nach den bisher vorliegenden Mittei- lungen (cf. 71) von Kantorowicz, Borszeky & Turän, Klapp, Bircher und anderen bewährt, außer bei tuberkulösen Weichteil- und Senkungs- abszessen, auch bei eitrigfistulösen Lymphdrüsen und besonders bei Sehnenscheidenhygromen ; auch Gelenk- und Knochentuberkulose wurde von Baetzner mit gutem Erfolge behandelt. Die Methode ist überall dort angebracht, wo bis jetzt die Jodoformglyzerin-Behandlung domi- nierte. Ihre Vorzüge gegenüber dieser Behandlung liegen darin, daß bei den einzelnen Injektionen viel kleinere Mengen verwendet werden, daß ihre Wirkung schneller und nachhaltiger eintritt und mit weniger allgemeinen und lokalen Reaktionen verknüpft ist. Besonders wertvoll, speziell für den praktischen Arzt, ist die Möglichkeit der ambulanten Durchführung. Die Tatsache, daß schwere fistulöseitrige Knochen- und Gelenkerkrankungen ohne weitere Behandlung allein mittelst Trypsins ausgeheilt werden können, mit Regeneration zerstörter Knochen und mit teilweiser Funktion der Gelenke, verdient besondere Beachtung. An tif er ment- Therapie. Die Behandlung von heißen Eite- rungen mit Flüssigkeiten von hohem Antifermentgehalt, also z. B. Ascites oder Hydrocelenflüssigkeit oder menschlichen Blutserum, wie sie von Müller & Peiser 'o in einer großen Anzahl von Fällen aus- geführt wurde, erscheint auf den ersten Augenblick paradox. Der Körper reagiert bei der durch Eitererreger hervorgerufenen Entzün- dung mit einer Ansammlung von Leukocyten an der gefährdeten Stelle, offenbai" um die Entzündungserreger durch Phagocytose zu vernichten und die Entzündungsprodukte allmählich zur Resorption zu bringen. Das in den polynukleären Leukocyten enthaltene und bei deren Zer- fall freiwerdende proteolytische Ferment hat dabei den Zweck, die Eiweißkörper des entzündlichen Exsudates zu peptonlsieren und so für die Resorption vorzubereiten. Es läge also an sich kein Grund 1324 Georg Jochmakn, vor, dieses offenbar doch nützliche Ferment der Leukocyten durch Einführung von Antifermentserum zu binden, wenn nicht, wie so oft in der Natur, auch hier das WEiGERTsche Ueberregenerationsgesetz in Wirkung träte. Danach produziert der Körper in der Regel, um sich vor Verlust zu schützen, die zur Heilung führenden bzw. die Abwehrprodukte im Uebermaß. So z. B. werden ja die Granulationen heilender Wunden stets im Uebermaß gebildet. Ebenso wandern auch bei derartigen Entzündungen Leukocyten im Uebermaß zu der ge- schädigten Stelle und dabei kommt es durch Zerfall so vieler Ferment- träger zur Ansammlung von Fermentmengen, die in solcher Masse dem Körper Schaden bringen. Die Schädigungen, die dadurch hervorgerufen werden, sind ört- licher und allgemeiner Natur. Oertlich kommt es zur Arrosion ge- sunden Gewebes, das schon durch die Entzündungserreger in seiner Lebensfähigkeit beeinträchtigt wird und nun den Verdauungskräften bald zum Opfer fällt. Vor allem aber ist meines Erachtens die An- wesenheit so stark wirkender Fermentmengen ein beständiger Reiz, der immer aufs neue große Mengen Leukocyten anlockt und die Eite- rung unterhält. Wir würden ohne diese Annahme nicht die merkwürdige Tat- sache erklären können, daß bisweilen nach Ablassen des Eiters aus einem Abszeß und Zuführung von antifermenthaltigem Serum die Eiterung wie mit einem Schlage sistiert, während vorher trotz öfterer Entfernung des Eiters immer wieder neue Sekretion erfolgte. Die Schädigungen allgemeiner Natur, die durch die Uebermenge von Ferment hervorgerufen werden, sind Fieber und toxische Zu- stände. Daß das Leukocytenferment in hochprozentuierten Lösungen Fieber verursacht, wurde oben gezeigt. Sehr konzentrierte Lösungen führen den Tod der Versuchstiere unter Vergiftungserscheinungen herbei. Dabei fanden sich zu verschiedenen Malen ausgedehnte Ge- rinnungserscheinungen des Blutes, Thrombosen in den Kapillaren der Lungen usw. Die genannten Schädigungen örtlicher und allgemeiner Natur, die durch die Anhäufung großer Fermentmengen in den Eiterherden veranlaßt werden können, werden bei der Antifermentbehandlung da- durch vom Körper ferngehalten, daß das Ferment durch das Anti- ferment gebunden wird. Der Vorteil der Antifermentzufuhr bei zirkumskripten heißen Abszessen besteht in der raschen Sistierung der Eiterung, schneller Demarkation und in dem Gewebsschutz, der einerseits eine weitere Gewebseinschmelzung verhindert, andererseits die Bildung frischer, gesunder Granulationen ermöglicht und fördert. Der praktische Erfolg ist eine Verkürzung der Behandlungsdauer und schnellere Heilung. Die Behandlung eignet sich besonders für umschriebene, mit scharfer Abgrenzung auftretende heiße Eiterungen. Weniger eignen sich zu dieser Behandlung die rein i^ifiltrierenden Eiterungen und die mehr diffusen eitrigen Entzündungen. Das fettspaltende Lymphocytenferment. Ein fettspaltendes Ferment in den Lymphocyten vermochte Ber- GELi,ii nachzuweisen, indem er eine Methode benutzte, die sich eng Leukocyten-Fermcnte und -Antifermente. 1325 an das von Müller & Jochmann angegebene Verfahren anlehnte, proteolytische Fermente nachzuweisen. Er benutzte Platten, die mit gelbem Wachs ausgegossen waren und beschickte sie tropfenweise mit lympliocytenhaltigem Material von tuberkulösem Eiter, Milz- oder Lymphdrüsenpreßsaft Nach 24-stündigeim Aufenthalt bei 52° zeigten sich starke kraterartige Vertiefungen, die von einem erhabenen, wallartig aufgeworfenen Rande umgeben waren. In einem Falle von gemischtzelliger, vorw^iegend aber lympha- tischer Leukämie wurde dieselbe Dellenbildung beobachtet. Nach- dem es durch diese Versuche sehr wahrscheinlich gemacht war, daß die Lymphocyten fettspaltende Fähigkeiten besitzen, machte Ber- GEL noch folgenden Kontrollversuch. Er brachte Kapillaren mit er- starrtem gelben Wachs unter die Haut und in die Bauchhöhle von Kaninchen und Meerschweinchen. Nach 24 — 48 Stunden beobachtete er dann eine Verdauung der fettartigen Substanzen und das Vorhanden- sein von ziemlich reichlichen Lymphocytenmengen in den Endstücken der Kapillaren. Bergel faßt danach die Ansammlung von Lympho- cyten um die Tuberkeln als eine heilsame Eeaktion des Körpers auf, mit dem Endzweck, die fettartige Substanz der Tuberkelbacillen auf- zulösen und so die Vernichtung der Krankheitserreger einzuleiten. Das oxydierende Leukocytenferment. Neben den genannten Fermenten besitzen die polynukleären Leu- kocyten ein oxydatives Ferment, eine Oxydase, die durch ihre An- wesenheit Oxydationsprozesse beschleunigt. Dieses Ferment oxydiert Guajakonsäure zu Guajakblau. Die bekannte Blaufärbung des Eiters beim Zusatz von Guajaktinktur beruht auf dieser Tatsache. Branden- burg zeigte, daß diese Eigenschaft nur den granulierten Leukocyten zukommt, während die Lymphocyten sie vermissen lassen. Man kann daher mit Hilfe der Guajaktinktur makroskopisch das Blut myeloider und lymphoider Leukämie differentialdiagnostisch unterscheiden. Da? gleiche Ferment spielt bei der EöMANN-SpiTZERSchen Oxy- dasereaktion eine Rolle, die zum Nachweis von Oxydasen in Organ- extrakten und -flüssigkeiten verwendet wird. Schultze hat diese Methode speziell zur Differentialdiagnose der Leukämie empfohlen. Man bedarf zur Vornahme der Reaktion zweier Flüssigkeiten: einer 1-proz. wässerigen Lösung von a-Naphthol und einer 1-proz. wässerigen Lösung von Dimethyl-p-Phenylendiamiu (E. Merck). Das Ganze wird leicht alkalisch ge- macht. Beide Lösungen bilden zusammengebracht bei Luftzutritt allmählich durch oxydative Synthese einen blauen Farbstoff, der in die Gruppe der Indo- phenole gehört. Bei Vorhandensein eines oxydativen Fermentes wird diese Reaktion stark beschleunigt, und es werden diejenigen Stellen, an denen das Ferment lokalisiert ist und an denen die Synthese sofort eintritt, blau gefärbt. Bringt man z. B. Formol-Gefrierschnitte einer Leber bei myeloi- scher Leukämie aus Wasser in ein Gemisch gleicher Teile dieser Lö- sungen, so kann man schon makroskopisch eine deutliche Bläuung dieser Schnitte nach kurzer Zeit wahrnehmen. Spült man die Schnitte in "Wasser ab und untersucht sie auf dem Objektträger mikroskopisch, so sieht man, daß das Lebergewebe vollständig ungefärbt ist, die sämtlichen weißen Blutkörperchen mit Ausnahme der Lymphocyten 1326 Georg Jochmann, jedoch eine prachtvolle Blaufärbung ihres Protoplasmasleibes ange- nommen haben. In derselben Weise lassen sich auch Blutpräparate färben. Dieses Verfahren, das auf der Anwesenheit des oxydativen Fermentes in den polj'nukleären LeukocA^ten beruht, ist zu einer bio- logisch-chemischen Methode der Granulafärbung geworden und wird bei der Differentialdiagnose der Leukämie viel verwendet. Literatur. 1. BoRDET & Gexgou. Rech. s. 1. coag. du sang. IV, Ann. Pasteur, T. 18, 1904. 2. Baetzxer, Areh. f. klin. Chir., Bd. 95, H. 1. .3. JocHMAXN, Ueber die Behandlung der örtlichen chirurgischen Tuberkulose mit Trypsin. Zeitschr. f. ärztl. Fortbildung, 8. Jahrg., Xr. 3, 1911. 4. AcHALifE, Eecherches sur la presence de ferments solubles dans le pus. 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Jochmann & Baetzner, Ueber die Einwirkung von tryptischen Fermentlösungen auf örtliche chirurgische Tuberkulose und über die Antifermentbehandlung eitriger Prozesse. !Münch. med. Wochenschr., 1908, Xr. 47. 18. Kantorowicz, Ferment- und Antifermentbehandlung eitriger Prozesse. Münch. med. Wochenschr., 1909, Xr. 28. 19. Kolaczek, Ueber die Behandlung eitriger Prozesse mit Antifermentsemm und ihre theoretische Grundlage. Beitr. zur klin. Chir., Bd. 61, H. 1, 1908. 20. — Die Prinzipien der modernen Antifermentserum-Behandlung. Handbuch der Serumtherapie, herausgeg. von Wolff-Eisner, 1910. 21. Schulze, Walther H., Zur Differentialdiagnose der Leukämien. Münch. med. Wochenschr., 1909, Xr. 4. 22. Wiens, Ueber die „Antifermeotreaktion" des menschlichen Blutes. Deutsches Arch. f. klin. Med., Bd. 96. 23. Bittorf, Ueber die Verteüung des proteolytischen Leukocytenfermentes und seines Antifermentes in Harn, Blut und Auswurf im Verlauf der croupösen Pneumonie. Deutsches Arch. f. klin. 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Krehl, Versuche über die Erzeugung von Fieber bei Tieren. Arch. f. exper. Path., Bd. 35, S. 222. 36. Krehl & Matthes, Deutsches Arch. f. klin. Med., Bd. 54, S. 501. 37. Müller & JocmLixx, Ueber eine einfache Methode zum Nachweis proteo- lytischer Fermentwirkungen. Münch. med. Wochenschr., 1906, Nr. 26. 38. -^^ Ueber proteolytische Fermentwirkungen der Leukocyten. Ebd., ItHHj, Nr. 31. 39. — — Zur Kenntnis des proteolytischen Leukocytenfermentes und seines Anti- fermentes. Verhandl. d. Kongr. f. inn. Med., Wiesbaden 1907. 40. MÜLLER & Kolaczek, Weitere Beiträge zur Kenntnis des proteolytischen Leuko- cytenfermentes und Antifermentes. Münch. med. Wochenschr., 1907, Nr. 8. 41. Müller, Ueber das Verhalten des ' proteolytischen Leukocytenfermentes und seines Antifermentes in den normalen und krankhaften Ausscheidungen des menschlichen Körpers. Deutsches Arch. f. klin. Med., Bd. 91, 291, Bd. 92, 199. 42. 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Geschichtlicher TJeberblick. < Robert Koch machte im Jahre 1884 die Beobachtung, daß rote Blutkörperchen durch Bakterien gelöst werden können, als er gelegentlich Kommabacillen in einer blutkörperchenhaltigen Nähr- gelatine züchtete. Bitter hat 1886 das peptonisierende Ferment des Choleravibrio auf seine hämolysierende Eigenschaft geprüft. Van DE Velde, der Versuche mit keimfreien Eiltraten der Staphylo- kokken machte, fand, daß die Hämatoblasten des Knochenmarkes durch die Eiltrate zerstört wurden (1894). Gleichzeitig untersuchte Salvioli die Wirkung keimfreier Bakterienfiltrate (Staphylokokken, Vibrionen, Proteus) auf das Blut bei intravenöser Injektion, und führte die Aufhebung der Gerinnbarkeit auf Fermentwirkung zurück. Ueber die hämolysierende Wirkung scheint ihm jedoch nichts be- kannt gewesen zu sein (1894). Marmorek konstatierte im Jahre 1895 die Hämolyse des Kaninchenblutes bei Streptokokkeninfektionen und ihre Abhängigkeit von der Virulenz des verwendeten Stammes. Auch Lixgelsheim, der 1899 ähnliche Beobachtungen machte, kam zu diesem Resultate. Erst als Ehrlich im Jahre 1898 die Aufmerksamkeit der Unter- sucher auf das Hämolysin in Tetauuskulturfiltraten lenkte, das er neben dem krampferregenden Tetanospasmin entdeckte, und AIadsen (1899) auf seine Anregung hin die Wirkungsweise der Hämolysine und ihrer Antitoxine im Reagenzglase zu methodischen Untersuch- ungen verwertete, begann die systematische Bearbeitung der Hämo- lysine in Bakterienkulturen, deren Reihe durch die Arbeiten von Kraus & Clairmont (1900) eröffnet wurde. Während diese beiden Autoren durch eine große Zahl von Untersuchungen zeigten, daß auch Vibri- onen*), Staphylokokken, Proteus und Fäulnisbakterien Hämolysine produzieren, und im normalen Pferdeserum Antihämolysine fanden, nahmen Neisser und Neisser & Wechsberg ausführliche quan- titative Bestimmungen der Keutralisierung der Hämolysine des Sta- phylococcus pyogenes durch Antihämolysin vor, die sie nach dem *) Der von ihnen anfangs als ,,Cholera" bezeichnete Stamm (Paris) ist, wie sich später zeigte, ein Vibrio (Xasik), der von Choleraimmunserum nicht agglutiniert wird. Hämotoxine und Antihämotoxine der Bakterien. 1329 .Muster Madsens ausführten, und bewiesen die Pluralität der ver- schiedenen Antihämolysine des normalen Serums. Inzwischen hatten BuLLocii & Hunter (1900) in Kulturfiltraten des Pyocyaneus ein Hämolysin entdeckt, das von den bisher untersuchten darin abwich, daß es bei höheren Temperaturen nicht zerstört wird, Untersuchungen, die später besonders von Weingeroff fortgesetzt wurden. Im Jahre 1901 erschien eine ausführliche Bearbeitung der Hämolysine patho- gener Mikroorganismen von Lubenau, sowie Untersuchungen Bes- REDKAS über die der Streptokokken. Eijkmaxx verwendete in diesem Jahre als erster die Blutagarplatte zum Nachweis der Bak- terienhämolysine. Im Jahre 1902 wurden namentlich die Arbeiten über Streptokokkenhämolysine fortgesetzt, ferner die Wirkung der Hämolysine und ihrer Antitoxine im Tierkörper von Kraus Sc Lud- wig und ToDD untersucht, welch letzterer das sonst ungiftige Fil- trat von Megatlieriumkulturen verwendete. — Die nun folgenden Untersuchungen waren meist darauf gerichtet, die Abweichungen des hämolytischen Vermögens innerhalb einzelner Arten von ]\Iikroorga- nismen zu beobachten, und zur Differenzierung zu verwerten. Hier- her gehören die Arbeiten von SchottmIIller (Streptokokken, Cho- lera), Kraus (Vibrionen und Cholera), Schlesinger (Streptokok- ken) u. a. Andere Arbeiten beschäftigen sich, ausgehend von den erwähnten Untersuchungen Madsens mit der Frage, wie die Absättigung von Hämotoxin durch Antihämolysin vor sich geht (\'olk, Volk & Lip- scHÜTz, Arrhenius & Madsen). In neuester Zeit hat insbesondere die Frage über den Zusammen- hang der Ilämotoxinbildung und Pathogenität der Streptokokken und ihrer Differenzierung eine reichhaltige Literatur gezeitigt. Allgemeiner Teil. Einleitung. L Hämolysine sind Sekretionsprodukte tierischen oder pflanz- lichen Ursprunges, w^elche die roten Blutkörperchen einer oder meh- rerer Tierspecies auflösen. Ehrlich teilt sie ein in : 1. giftige Phytalbumosen (Ricin, Abrin, Ciptin, Phallin), 2. Bakteriensekrete, 3. giftige Tiersekrete (Schlangengifte, Bienengift und Hämo- lysine der Sera höher organisierter Tiere). Uns beschäftigen hier nur die von Bakterien stammenden Hämolysine, welche sich wie echte Toxine verhalten, also von den Bakterien durch Filtration zu trennen sind, und im Tierkörper Anti- toxine erze ugen (Hämotoxine, P a 1 1 a u f ). Da bei vielen Bakterienstämmen noch nicht sichergestellt ist, ob ihre blutkörperchenlösenden Sekretionsprodukte den echten Hämo- toxinen zuzuzählen sind, weil -ihre Fähigkeit, als Antigene Anti- körper zu erzeugen, nicht einwandfrei feststeht, sollen alle diese zur Blutlösung befähigten Bakterien anhangsweise besprochen werden, mit dem Vorbehalte, daß ihre hämolysierende Eigenschaft ganz anderer Natur sein kann, als die der Hämotoxinbildner. Aus diesem Grunde können wir auch das von L. Burkhard chemisch charakterisierte Handbuch der pathogenen Mikroorganismen. 2. Aufl. IL O-i 1330 Ebxst Pribram, Hämolysin des Bacteriiim putridum, das sich als eine Oxydimetliyl- thiolerucasäure erwies, nicht als Hämotoxin ansprechen, da seine Antigennatur bisher nicht erwiesen ist. Endlich kennen wir eine Reihe von Mikroorganismen, welche die roten Blutkörperchen bei direkter Einwirkung zerstören, ohne daß es bisher gelungen wäre, hämotoxische Sekretionsprodukte von ihnen zu isolieren, oder Antihämotoxine darzustellen. Die Fähigkeit, die roten Blutkörperchen bei direkter Berührung in längstens 2 — 3 Tagen aufzulösen, ist, wie ich fand, eine gemeinsame Eigenschaft aller Mikroorganismen, kommt ihnen aber in verschieden hohem Maße zu. Ein Teil vermag schon in flüssigen Nährmedien während des Wachs- tums rote Blutkörperchen zu zerstören, andere nur bei Wachstum auf festen, blutkörperchenlialtigeu Xälirböden. Diese Eigenschaft hat nichts mit der Hämotoxinbiidung zu tun, da ja erfahrungsgemäß die verschiedensten Einflüsse zur Hämolyse führen (osmotische Aende- rungen, Reaktionsänderungen des Nährbodens etc.). Man hat aber vielfach Beziehungen zwischen Virulenz und hämolysierender Kraft festgestellt, und hat die letztere auch zur Differentialdiagnose heran- gezogen; deshalb sollen auch diese Wirkungen an entsprechender Stelle besprochen werden. Hämolyse. Unter Hämolyse versteht man einen Vorgang, bei welchem das Protoplasma der roten Blutkörperchen derart geschädigt wird, daß das Hämoglobin in das umgebende Aledium diffundiert. Dieser Vorgang ist demnach stets auf eine physikalische oder chemische Veränderung des Protoplasmas (Stromas) zurückzuführen. Es wird also unsere erste Aufgabe sein, uns über die chemische Be- schaffenheit des Stromas zu orientieren. Chemische Beschaffenheit des Stromas (nach WooLDRiDGE, Pascucci). Stroma ^ ' anorg. Subst. 1% / Nukleoproteid ..Lipoide'' (0 verton), ätherlöslich l u. N u k 1 e a 1 b u mi n ca. V3 der org. Subst. ca. 2/3 der org. Subst. Cholesterin Lecithin Cerebrin und andere Lipoide » unbekannter Natur Damit sind natürlich nur die wichtigsten Endprodukte der chemi- schen Analyse genannt, welche im intakten Bhitkörperchenplasma als Bestandteile kompliziert gebauter Moleküle vorkommen. Hämolyse tritt dann ein, wenn das dem Blute zugesetzte Agens sich in den Bestandteilen der Blutkörperchen besser löst als im umgebenden Medium. In jedem Falle tritt nämlich der sich zwischen Hämotoxine und Antihämotoxinc der Bakterien. 1381 Blutkörpeiclieii und Medium verteilende Stoff dort in der stärksten Konzentration auf, wo er sich am besten löst. Von den zur Auf- nahme von Hämotoxin geeigneten Bestandteilen des Stromas kommen in Betracht : die Eiweißkörper, Cholesterin, Lecithin. Wie Peskind gezeigt hat, führt sowohl die Lösung von Lecithin, wie die von Chole- sterin allein zur Hämolyse. Sein Versuch bestand darin, daß er jene Aethermengen, welche zur Aufnahme der gesamten ätherlöslichen Bestandteile einer bestimmten Menge von Blutkörperchen gerade aus- reichte, mit reinem Cholesterin absättigte und zusetzte. Es trat auch dann noch Hämolyse ein. Aus Pascuccis Untersuchungen in Hof- meisters Laboratorium geht hervor, daß Lecithinmembranen von Te- tanustoxin viel rascher angegriffen (aufgelöst) werden, als Chole- sterinmembranen. Es erscheint also für dieses Hämotoxin ziemlich wahrscheinlich, daß es vom Lecithin der Erythrocyten gelöst wird und so zu Hämolyse führt. Bei anderen Hämotoxinen können andere Löslichkeitsbedingungen vorliegen. Auch Cholesterin und Eiweiß vermögen Hämotoxin auf- zunehmen, wovon bei der Besprechung der hämotoxinhemmenden Sub- stanzen noch die Rede sein wird. Hier genüge es, zu erwähnen, daß es nach Bajardi für das Staphylokokkenhämotoxin sehr wahr- scheinlich ist, daß ein erheblicher Teil seiner Wirkung mit dem proteolytischen Vermögen zusammenfällt, also auf einer Eiweißspal- tung beruht. Auch die Lipoide des Stromas müssen nicht einfach aufgelöst werden, es ist denkbar, und in einzelnen Fällen nach- gewiesen, daß hämotoxisch wirkende Bacillen und Vibrionen (Bac. mesentericus, prodigiosus, Vibrio Finkler, Metschnikoff u. a.) ein lecithinspaltendes Ferment enthalten (Ruata & Caneva). Auch Friedenthal nimmt ein solches Ferment als Ursache der hämotoxi- schen Wirkungen an, und neuerdings haben Neuberg & Rosenberg, Neuberg & Reicher Beweise für den Zusammenhang zwischen Lipo- lyse und Hämolyse erbracht. i. Hämotoxine. D a r s t e 1 1 u n g s m e t h d e der Hämotoxine : Entsprechend der Ab- hängigkeit der Hämotoxinproduktion vom Nährboden, ist es nicht gleichgültig, welcher Art dieser ist. Da für die Hämotoxinproduktion verschiedener Mikroorganismen die optimalen Bedingungen verschieden sind, müssen diese, soweit sie bekannt sind, später besprochen werden. Im allgemeinen gilt, daß die Hämotoxinbildung bei den meisten Bakte- rien in gewöhnlicher Bouillon stattfindet. In dieser läßt man die Kultur eine bestimmte, für jede Bakterienart empirisch zu ermittelnde Zeit wachsen und filtriert sie dann (REicHEL-Kerze, Chamberland- Filter). Bei einigen Hämotoxinen (Staphylokokken z. B.) ist es gestattet, zur Konservierung Karbollösung*) zuzusetzen (Neisser & Wechsberg). — Die Filtrate sind vor dem Einflüsse von Licht und Wärme (auch 37 o) zu schützen. Durch Temperaturen von 56 — 60 o w^erden die meisten Hämo- toxine unwirksam (Erwärmen durch 20—30 Min.). Doch gilt dies nicht für alle, da bei einigen ihre Wirksamkeit auch bei längerem *) Karbol 10 \ ' rl.; Glyzerin 20 \ davon 5 TeUe auf 100 Teile Filtrat. Aq. dest. 70 ) 84* 1332 Ernst Pribram, Erwärmen auf höhere Temperaturen nicht beeinträchtigt wird (z. B. das Staphylokokkenhämotoxin von Fränkel & Baumann). Eine eigenartige Bedeutung bei der Bildung und besonders der Wirkung („Aktivierung") vieler Hämotoxine scheint nach den Unter- suchungen von Walbum dem Pepton zuzukommen, das bei der Bereitung der üblichen Nährböden verwendet wird. Ausgehend von einer Beobachtung von Mausen & Walbum über die verschiedene Hämotoxinproduktion durch Tetanusbacillen in zwei verschiedenen Pep- tonpräparaten des Handels (im „Witteschen Pepton" und im ,, Pepton Chapoteaut", welch ersteres alkohollösliche, hämotoxinhemmende Sub- stanzen enthält), hat Walbum eine Reihe von interessanten Unter- suchungen angestellt, aus denen hervorgeht, daß ein Peptonzusatz zu einer hämolysierenden Aufschwemmung von hämotoxinproduzieren- den Mikroorganismen (Tetanus, Staphylokokken, Megatherium, Vi- brionen) in Kochsalzlösung die hämotoxische Wirkung dieser Auf- schwemmung bedeutend zu verstärken vermag (bis zu 250 Proz.). Sehen wir von der Deutung, welche Walbum seinen Versuchen gibt, zunächst ab, so lassen sich seine Versuchsergebnisse folgender- maßen zusammenfassen : 1) Hämotoxische Kulturfiltrate von Staphylokokken und anderen Hämotoxinbildern werden durch Zusatz von Pepton (Witte, Chapo- teaut) bedeutend verstärkt. 2) Eine Vermehrung des Peptongehalts einer Bouillon, in welcher man Hämotoxinbildner wachsen läßt, bis zu 5 Proz. Peptongehalt, vermehrt die Hämotoxinproduktion, darüber hinaus wird sie gehemmt, allerdings auch das Wachstum der Mikroorganismen. 3) In Kulturen, welche reichlich Pepton enthalten, kann man durch weitern Zusatz zum Kulturfiltrat die hämotoxische Wirkung noch weiter steigern, auch dann, wenn der Prozentgehalt an Pepton mehr als 5 Proz. beträgt (10 Proz., 20 Proz. Pepton). 4) Die erwähnte Steigerung der Wirkung findet auch dann statt, wenn durch Erwärmen (oder kurzes Erhitzen des Staphylokokkentoxins auf 100°) die hämotoxische Wirkung bedeutend abgenommen hat. 5) Das Pepton darf gekocht werden, ohne daß es seine ,, akti- vierende" Wirkung einbüßt. 6) Das durch Pepton aktivierbare Hämotoxin dialysiert (scheinbar, wie später dargetan werden soll), schneller als das ohne weiteren Zu- satz nachweisbare. Walbum deutet diese Erscheinungen dahin, daß die betreffenden Hämotoxinbildner neben dem Hämotoxin noch eine unwirksame Sub- stanz ,,Prolysin" bilden, die durch diePeptonbestandteile zu Hämotoxin ,, aktiviert" werden soll. Ich kann mich dieser Ansicht nicht an- schließen, glaube vielmehr, daß die Erscheinungen einer einfacheren Deutung zugänglich sind: Der Grad der Hämolyse ist, wie im Kapitel über die Wirkung von Salzen noch näher ausgeführt werden wird, abhängig von der Verteilung des Hämotoxins zwischen roten Blutkörperchen und hämotoxiuhaltigem Medium. Jeder Zusatz, durch welchen diese Verteilung zugunsten der Blutkörperchen verschoben wird, begünstigt die Hämolyse. Nehmen wir also an, daß der Pepton- zusatz die Löslichkeit des Hämotoxins in der Kochsalzlösung oder (peptonarmen) Bouillon herabsetzt, so muß die Wirkung auf die roten Blutkörperchen verstärkt werden, weil der Verteilungskoeffizient Hämotoxine und Antihämotoxine der Bakterien. 1333 \r^^ sich zugunsten der Blutkörperchen ändert. Damit stimmt auch der Dialyseversuch gut überein. Der Inhalt des Dialy- sierschlauches ist reicher an peptonartigen Substanzen als das Dia- lysat. Dort ist also nach der gemachten Annahme das Hämotoxin schlechter löslich, wird bei Zusatz der roten Blutkörperchen diese also leichter auflösen, der Peptonzusatz wird also eine geringere Wirkung haben als im Dialysat, wo das in der peptonärmeren Flüssig- keit gut lösliche Hämotoxin relativ weniger gut hämolysiert. Die Hämolysinproduktion hat natürlich mit der Verteilung des Hämotoxins zwischen Blutkörperchen und Medium nichts zu tun. Sie findet dort am stärksten statt, wo unter sonst gleichen Be- dingungen die Wachstumsverhältnisse die günstigsten sind. Fassen wir in dieser Weise das Hämotoxin und das durch Pepton aktivierbare ,,Prolysin" des Autors als ein und dieselbe Substanz auf, dann erledigen sich alle übrigen Versuche des Autors, die Substanzen zu trennen, auszusalzen etc., von selbst. Die Tatsache, daß ,, Lysin" und ,,Prolysin" bei der Erwärmung (Abschwäch ung) denselben Ge- setzen folgen, erscheint selbstverständlich, sofern nicht der Charak- ter des Alediums geändert wird. Daß verschiedene Fraktionen des Mediums einen verschiedenen Gehalt an Hämolysin und Prolysin zeigen, ist ebenso gut verständlich, da durch die fi'aktionierte Fäl- lung die Lösungsbedingungen für das Hämotoxin durch Aenderung des Mediums geändert werden. Von größerem Interesse als die Versuche am ,, Prolysin" sind daher die Untersuchungen Walbums, in welchen er festzustellen sucht, welche Bestandteile des Peptons am besten zur Aktivierung des Hämotoxins geeignet sind. Er findet, daß einzelne Peptonbestand- teile die Hämolyse fördern, andere hemmen, und zwar: Peptonbestandteile Wirkung auf die Hämolyse durch Kulturtiltrate von Staphylokokken Tetanusbacillen Vibrionen (einschl. Chol. El Tor) Protal bumose Heteroalbumose Deuteroalbumose A Deuteroalbumose B Deuteroalbumose C Pepton A Pepton B Verstärkung Hemmung Verstärkung Hemmung Verstärkung ohne \Virkuug Verstärkung Hemmung Verstärkung schwache Hemmung ohne "Wirkung ohne Wirkung Es empfiehlt sich also, die entsprechenden aktivierenden Frak- tionen zu einer Bouillon zuzusetzen, in der man ein kräftiges Hämo- toxin zu erzielen wünscht. Noch mehr empfiehlt Walbum Alkohol- extraktion des Pepton, das man zur Bereitung der Bouillon ver- wendet. Untersuchungsmethode: Die besten Dienste leistet das kolorimetrische Verfahren. Mausen versetzt zu diesem Zwecke eine 5-proz. Aufschwemmung durch Waschen mit isotonischer Kochsalz- lösung von Serum befreiter roter Blutkörperchen mit verschiedenen Mengen des zu untersuchenden Hämotoxins und vergleicht die durch das Hämotoxin (bei 37 o) hervorgerufene Farbenintensität mit der Wirkung von 60 und 120 Teilen eines Wasserglyzeringemisches auf 1334 Erxst Pribba-m. einen Teil Blut. Die Nuance tt?: und 77^ entspricht dabei der Lösung- bü Izü des dritten und sechsten Teiles der roten Blutkörperchen, da bei 5-proz. Blutverdünnung die komplette Lösung einer Farbeunuance = ,^ ent- spricht. Bindung des Hämotoxins an die Stromata: Um festzu- stellen, ob das Hämotoxin vor der Auflösung der roten Blutkörper- chen aus der Flüssigkeit verschwindet, also an die Erythrocyten gebunden wird, hat Volk folgende Methode angewendet: Zu bestimmten Mengen von Kaninchenblut werden steigende Dosen Hämotoxin (^Staphylokokken-, Vibrionenfiltrat) zugesetzt, das Flüssigkeitsvolumen dabei durch Zusatz von XaCl-Lösung konstant erhalten und nach zweistündigem Stehen im Brutschranke die Mi- schung auf ihre Lösungskraft ausgewertet. Die Wertbestimmung ge- schieht kolorimetrisch (s. 0.). Die Resultate erfahren keine Aende- rung, wenn man statt der roten Blutkörperchen die Stromata allein verwendet (Volk & Lipschl-tz). Um diese zu erhalten, löst man rote Blutkörperchen in destilliertem Wasser auf und setzt eine geringe Menge Kochsalz in Substanz hinzu. Die Blutschatten werden abzen- trifugiert. Sie absorbieren das Hämotoxin, während in der oben- stehenden Flüssigkeit zugesetztes Hämotoxin nachweisbar bleibt. Aus Volks mit dieser Methode angestellten Versuchen geht hervor, daß anfangs um so mehr Hämotoxin gebunden wird, je mehr bei gleich- bleibender Blutmenge hinzugefügt wurde, daß aber diese Zunahme immer geringer wird. Anders ausgedrückt: die absolute Absorptions- menge wächst, während die relative abnimmt. Diese Resultate stim- men mit. denen Schurs überein, der fand, daß um so mehr Blut gelöst, je mehr Hämotoxin zugesetzt wird, die relative Zunahme von einem bestimmten Punkte an ebenfalls sinkt. Der Bindung braucht nicht stets eine Hämolyse zu folgen. Läßt man nämlich ein hämolysierendes Bakterienfiltrat stehen, so wird es allmählich schwächer und verliert die Fähigkeit, rote Blutkörper- chen aufzulösen, trotzdem Bindung eintritt. Xach der von Ehrlich eingeführten Nomenklatur nennt man solche abgeschwächte Toxine ,,Toxoide". Setzt man sie zu roten Blutkörperchen zu, und nach zweistündigem Stehen im Brutschranke aktives Hämolysin, so ver- mag dieses die Blutkörperchen nicht mehr zu lösen. Auch durch mäßiges Erwärmen und andere künstliche Mittel kann man diese Abschwächung erreichen (Ehrlich). Quantitative Versuche mit verschiedenen ^M engen des Hämolysins. Die Wirkungsweise der Hämolysine wurde von Arrhenius & Madsex an dem Filtrate von Tetanuskulturen ein- gehend untersucht und mit der hämolysierenden Wirkung von Alkalien, vor allem NH3 und NaOM, verglichen. Sie bedienten sich dabei einer 2, 5-proz. Aufschwemmung gewaschener Pferdeblutkörperchen. Der Grad der Hämolyse wurde mit einer Lösung von 2,5 cm ^ Pferde- blut in 100 cm3 destilliertem Wasser verglichen, wobei letztere gleich 100 gesetzt und durch Verdünnungen eine Farbskala hergestellt wurde (50, 25, 20 u. s. f.). — Aus ihren Versuchen ergab sich, daß die Hämolyse bei Zunahme der Hämotoxinmenge ungefähr proportional dem Quadrate der Hämo- Hämotoxine und Antihämotoxine der Bakterien. 1335 toxinkonzentration wächst. Bei Ueberschuß von Hämotoxin ist der Grad der Hämolyse um so größer, je mehr Blut man zusetzt. Wird aber die Blutkonzentration so groß, daß keine komplette Lösung mehr eintritt, so erhält man nach kurzem Ansteigen ein Maximum, dem bei Bakterienhämotoxin (Tetanus) ein ganz allmählicher Abfall folgt, im Gegensatz zur Wirkung der Alkalien, die plötzlicheren Abfall zeigen. Einfluß der Temperatur: Bei chemischen Vorgängen wächst die Keaktionsgeschwindigkeit, die ursprünglich betrachtete gleich ] gesetzt, bei mittlerer Temperatur für je 10 o in einem Verhältnis, das zwischen 193 : 1 (Verseifung von Aethylacetat durch starke Basen) und 4,2 : 1 (Inversion des Rohrzuckers) liegt. Bei Tetanus- hämotoxin beträgt diese Zunahme für 10° und 2,5 Proz. Blut 3,04 : ]. — Der Einfluß der Erwärmungszeit auf 37 o macht sich bei allen mittleren Konzentrationen durch außerordentlich starke Zunahme der Hämolyse geltend. Arrhenius & Madsex führen dies auf gesteigerte Hydrolyse zurück. Je geringer die Konzentration des Hämotoxins, desto größer ist der Einfluß der Temperatur. Madsex & Walbum, welche ihre Untersuchungen auf Hämotoxine verschiedener Bakterien- ausdehnten (Tetanus, Staphylokokken, Vibrionen [Xasik \ und Strepto- kokken), fanden, daß im ganzen und großen das Optimum des hämo- lytischen Effektes bei 35 o liegt. Doch folgen nicht alle Filtrate einer Regel. So z. B. weichen einige Tetanuskulturen von der Regel ab, indem ihr Optimum zwischen 20 o und 30 ^ liegt und bei höherer Temperatur ein erhebliches Absinken des Effektes wahrzunehmen ist, ohne daß eine Abschwächung des Hämotoxins als Ursache der Er- scheinung angenommen werden dürfte. Erwärmt man es nämlich vor Anstellung des Versuches kurze Zeit auf 37 o, so steigt seine hämo- lytische Kraft oft bedeutend. — Aehnliche Abweichungen von der Regel werden auch zuweilen bei Staphylokokkenfiltraten beobachtet. Zeigt ein Hämotoxin ein solches Verhalten, so tritt dieses konstant bei allen Versuchen auf. Wirkung von Salzen; Um die Wirkung von Salzen auf die Hämolyse durch Hämotoxine zu studieren, muß man die roten Blutkörperchen in einer Zuckerlösung suspendieren. Eine 8-prozentige Saccharoselösung beeinträchtigt aber, wie v. Eisler beobachtet hat, die Hämotoxinwirkung nicht unwesentlich. Xach den Versuchen dieses Autors läßt nur KCl diese Wirkung unbeeinflußt. NaCl, KNO3, XaXOg setzen in geringen Konzentrationen (0,01 ccm XormaJ- lösung) die Wirkung herab, ebenso in höheren Konzentrationen (0,4 ccm), in mittleren lassen sie die Wirkung unbeeinflußt. Xa2S04,, KoSO^, noch mehr essigsaures Xatrium una am meisten CaCla be- einträchtigen in allen Konzentrationen die Wirkung. Xoch stärker ist die Wirkung von MgClg, MgS04, KgCOg und Na^COg. Höhere Salzkonzentrationen hemmen durchwegs (Volk & Lip- SCHtJTz). Zur Orientierung über die Frage bezüglich der Beinflussung der Hämolyse durch Zusatz von Salzen sei auf die Arbeiten von NoLF, Pohl, Bashford, Marke hingewiesen, xlus den Arbeiten Markes geht hervor, daß er die stark hemmende Wirkung hoher Salzkonzentrationen damit erklärt, daß die osmotischen Verhältnisse der Zellmembranen der Erythrocyten derart verändert werden, daß 1336 Ernst Pribram, die Hämolysine nicht angreifen können, d. h. sie für Hämoglobin nicht permeabel machen können. Diese Annahme läßt sich nicht mehr aufrecht erhalten, seit wir wissen, daß es hämolysierende Agentien gibt, deren Wirkung durch Salzzusatz w^esentlich begünstigt wird. Dies gilt für die gallensauren Salze (G. Bayer) und die giftigen Derivate der Kokainreihe (Pri- bram). Wir haben allen Grund anzunehmen, daß die Wirkung der Salze in einer Veränderung der Löslichkeitsbedingungen für das be treffende hämolysierende Agens beruht. So löst sich z. B. Kokain in einem kochsalzreichen (10-proz. Kochsalzlösung) Medium schlech- ter als in einem kochsalzarmen (l-proz.). Der Teilungskoeffi- zient wird hierdurch zugunsten der Blutkörperchen geändert, und es tritt Hämolyse ein. Setzt man dem (wässerigen) Medium eine Eiweißlösung (Serum) zu, so hat Salzzusatz den entgegengesetzten Effekt, weil das salzreiche eiweißhaltige Medium mehr Kokain auf- zunehmen vermag als das salzarme. Für das Hämotoxin ergibt sich aus diesen Betrachtungen, daß es sowohl in zuckerhaltigem wie in salzreichem Medium zurückgehalten und so an seiner Wirkung ge- hemmt wird. Neben der Aenderung des Teilungskoeffizienten spielt bei diesen Erscheinungen zweifellos auch die Aenderung der Ober- flächenspannung durch Salzzusatz eine wesentliche Rolle. Sowohl die Oberflächenspannung der Lösungen gallensaurer Salze (Traube), als auch die der Kokainlösung (Pribram) wird durch Salzzusatz wesentlich erhöht*). W^ i r k u n g des normalen Serums und seiner Bestand- teile. Normales Serum, d.h. Serum, das von einem nicht vorbehan- delten Tiere stammt, hemmt die Hämotoxinwirkung recht erheblich. Für verschiedene Hämotoxine ist diese Hemmung verschieden intensiv, ebenso ist der hemmende Einfluß verschiedener Tiersera untereinander nicht gleich. Von den Bestandteilen des Serums sind vor allem Eiweiß und Cholesterin imstande, die Hämolyse durch Hämotoxine zu hemmen. Die Frage, ob die Eiweißkörper des Serums an der Hämo- toxin hemmenden Wirkung beteiligt seien, wurde zuerst von P. Th. Müller untersucht, nachdem vorher Arrhenius und Madsen als sehr wahrscheinlich angenommen hatten, daß die Wirkung höherer Serumkonzentrationen (0,01 — 0,5 ccm) auf den Eiweißgehalt zu be- ziehen sei. Müller kam zu der entgegengesetzten Anschauung. Nach Eisler ist das Globulin des Serums in dieser Beziehung ebenso wirksam wie das Serum selbst, während das Albumin (gegen Tetanus- und Staphylokokkenhämotoxin) unwirksam ist. Be- merkenswert erscheint der Befund dieses Autors, daß das mit Aether *) In der Abhandlung ,,Zur Frage der Kokaiuhämolyse" übersah ich leider die mir damals unbekannte Arbeit Traubes, der die Aenderung der Oberflächenspannung von Gallenlösungen durch Salzzusatz zuerst beschrieben hat. Da(3 ich beim Studium dter hämolytischen Erscheinungen im Reagenzglase die Verteilung der zu prüfenden Substanz zwischen Blutkörperchen und wäßrigem Medium in den Vordergrund stelle, scheint mir nach dem derzeitigen Stande der Frage als unbedingt erforderlich. Daß andere physikalische Beziehungen (Haft- druck, Zersetzungsspannung etc.) gleichzeitig eine wichtige, bei der Beurteilung der Versuchsresultate nicht zu vernachlässigende Rolle spielen, habe ich in allen meinen Abhandlungen nachdrücklich betont und durch die Mitteilung der exakten Zahlen für die Herabsetzung der Kapillarität der Kokainlösungen durch Salze auch wieder zum Ausdruck gebracht. Die Arbeiten Traubes, denen wir so viel Wertvolles verdanken, „geflissentlich zu ignorieren", lag mir ferne. Hämotoxine und Antihämotoxine der Bakterien. 1337 vollständig extrahierte Serum oder Globulin ebenso wirksam ist, wie das nicht extrahierte, daß sich aber trotzdem mit dem Aetherextrakte eine nicht unbeträchtliche Hemmung der Hämolyse durch Tetanus- hämotoxin erzielen läßt. Auch aüs dem an sich unwirksamen Albu- min konnte ein wirksames Extrakt gewonnen werden, was wohl darauf schließen läßt, daß durch die Behandlung mit Aether ein durch Adsorption von Eiweißkörpern festgehaltenes und seiner Wirksamkeit beraubtes Lipoid frei wird. Die Untersuchungen über die Aufhebung der hemmenden Wirkung des Globulins durch Fermente lassen sich dahin zusammenfassen, daß Trypsin und Steapsin wirkungslos sind, während die Pepsinverdauung entsprechend der Abnahme des koagu- lablen Eiweißes in der Globulinlösung je nach der Zeitdauer der Ein- wirkung eine Abschwächung oder vollständige Aufhebung der hem- menden Wirkung hervorruft. Die Wirkung von Cholesterin auf Bakterienhämotoxine unter- suchte zuerst NoGUCHi und fand, daß die antihämotoxische Wirkting der Blutsera ihrem Gehalte an Cholesterin zuzuschreiben sei. Land- steiner zeigt in seinen Untersuchungen mit v. Jagic, Reich, v. Eis- ler, BoTTERi, daß die Hämolysine des Blutserums eine bis zu einem gewissen Grade spezifische Affinität zu kolloiden Substanzen, be- sonders zu Lipoiden, besitzen, und führt den Xachweis, daß auch der Aetherextrakt aus roten Blutkörperchen Tetanushämotoxin bindet. Dasselbe eilt für Vibrionenhämotoxin (Pribram). Lan^dsteiner fast den Vorgang als eine Art Adsorptionserscheinung auf, bei welcher mehrere Teilfaktoren in Betracht kommen : Lösungsaffinitäten (physi- kalische Beschaffenheit der Lipoide), und der chemische Charakter der Stoffe. Insbesondere für das Cholesterin hebt Landsteiner die Bedeutung des chemischen Charakters neben der physikalischen Be- schaffenheit hervor: Vorhandensein der Hydroxylgruppe (Hausmann, Abderhalden und Le Count) und Fähigkeit, basische Farbstoffe aufzunehmen (Overton). Von den alkohollöslichen und ätherlöslichen Bestandteilen des Serums ist das Cholesterin am stärksten antihämotoxisch wirk- sam, dagegen sind weder die Cholesterinester (Oelsäure- und Palmitin- sätireester), noch das Lecithin imstande, die Hämolyse durch Tetanus- hämotoxin zu beeinträchtigen. Die Wirkung des Cholesterins ist übrigens bei differenten Hämo- toxinen wesentlich verschieden. Tetanushämotoxin wird beispiels- weise von Cholesterin intensiv beeinflußt (Landsteiner & Eisler), etwas weniger Vibrionenhämotoxin (Pribram), Staphylokokkenhämo- toxin überhaupt nicht (v. Eisler). Letzteres scheint mit der er- wähnten Annahme Bajardis im Einklang zu stehen, daß die Wir- kung des Staphylokokkenhämotoxins wesentlich eiweißspaltend sei. Daß ein Teil der Hämotoxin-hemmenden Kraft normaler Sera mit jenen ,, echten Antihämotoxinen" zusammenfällt, welche wir durch Einverleibung von Hämotoxin im Tierkörper erzeugen können, ist außerordentlich wahrscheinlich. Die Besprechung des ..Antihämotoxin- gehaltes normaler Sera" soll in einem späteren Kapitel folgen. Wirkung der Hämotoxine im Tierkörper. Die ersten systematischen Untersuchungen über die Wirkungs- weise der hämolysierenden Bakterienfiltrate im Tierkörper wur- den von Ch. Todd und Kraus & Ludwig veröffentlicht. Die 1338 Erxst Pribeam. Hämolyse erfolgt auch im Tierkörper und äußert sich bei intra- venöser Injektion in Hämaturie und Hämoglobinurie (Aus- scheidung von Blutkörperchen und Hämoglobin), sowie sekundärer Anämie (Makro-, Mikro-, Poikilocyten und kernhaltige rote Blut- körperchen, sowie Verminderung der Zahl der Erythrocyten). Schon Cesaris-Demel hatte eine Ansammlung von Hämosiderin in der Milz bei Tieren, die mit Bakterienfiltraten (Staph., Pneum.) injiziert worden waren, konstatiert Czeczowiczka fand außer dieser Ver- mehrung des Hämosideringehaltes eine Alteration des Knochenmarkes, durch welche sie das Fettmark in lymphoides umwandelt. Die übrigen Erscheinungen (Fettdegeneration usw.) wiesen nichts Besonderes auf. Auch die Resultate Strengs decken sich mit den erwähnten. Mit Recht wird von den Autoren auf die Bedeutung hingewiesen, welche diese Wirkung der Bakterien auf die Erythrocyten im Ver- laufe von Infektionskrankheiten haben kann. Aber auch bei Anämien scheinbar nicht infektiösen Ursprunges können nicht pathogene Mikro- organismen durch ihre blutlösende Eigenschaft das Krankheitsbild möglicherweise hervorrufen, was noch wahrscheinlicher wird, wenn wir eine. Tatsache berücksichtigen, welche Schur näher untersucht hat. Injiziert man nämlich einem Kaninchen von 1 kg Körpergewicht nur 2 ccm eines Hämotoxins (Staphylokokkenfiltrat), von dem zwei Tropfen imstande sind, 5 ccm einer 5-proz. Blutaufschwemmung voll- ständig zu lösen, so erhält man bei dem Tiere die Erscheinungen der Anämie (nach ca. 5 — 6 Tagen). Dies erklärt der Autor damit, daß sich das Hämotoxin auf sämtliche Blutkörperchen in gleicher Weise verteilt und diese — ohne sie zu lösen — doch so weit schädigt, daß sie nachträglich im Organismus zerstört werden. Von einiger Bedeutung erscheint auch die Frage, auf welchem Wege pathologischerweise Hämotoxine in den Blutkreislauf gelangen können. Dies kann der Fall sein bei jeder Septikämie, bei welcher Hämotoxinbildner direkt im Blute kreisen. Eine andere Aufnahms- pforte ist der Darmtraktus. Aus Untersuchungen von Mayerhofer und Pribram wissen wir, daß die normalerweise für Toxine nur sehr schwer durchlässige Darm wand bei akuten Enteritiden abnorm permeabel wird. Diese Permeabilität erstreckt sich auch auf Toxin und Hämotoxine, vermag also sehr wohl zur Erklärung von Anämien herangezogen zu werden, die mit Symptomen vonseiten des Intestinal- trakts einhergehen. Die Annahme gewinnt noch an Wahrscheinlichkeit durch die Tatsache, daß eine Reihe von Darmbakterien intensive Hämotoxinbildner sind (AVasservibrionen z. B.) und wird noch wahr- scheinlicher durch die von Tejes festgestellte Tatsache, daß Extrakte aus Darmbakterien (Coli, Typhus, Dysenterie) nach Darmpassage der Kulturen, intravenös injiziert schwere Anämien zu erzeugen ver- mögen. \\> Antihämotoxine. 1. Antihämotoxine normaler Sera. Der Gehalt normaler Sera (Pferdeserum u. a.) an Antihämo- toxinen, wurde zuerst von Kraus und Clairmont konstatiert. Neis- SER, Neisser & Wechsberg wiesen nach, daß ein und dasselbe normale Serum verschiedenen Hämotoxinen gegenüber verschieden stark wirkt. Sie zeigten ferner, daß Serum, dem man zuerst Staphy- Hämotoxine und Antihämotoxine der Bakterien. 1339 lokokkenhcämotoxin in genügender Menge zusetzt, so daß bei weiterem ZuSatz eine Neutralisierung desselben nicht mehr stattfindet, von seiner Wirksamkeit gegen Tetanushämotoxin nichts eingebüßt hat. Aus diesem Versuche geht hervor, daß die neutralisierende Wir- kung eines Serums für Hämotoxine verschiedener Herkunft nicht identisch ist. Damit stehen offenbar auch die oben erwähnten Tat- sachen im Zusammenhang, aus denen sich ergeben hatte, daß in dem einen Falle Cholesterin eine hemmende Wirkung ausübt, im anderen Falle nicht. Das Wesen der Antihämotoxinbildung scheint, wie wir noch auszuführen Gelegenheit nehmen werden, darauf zu beruhen, daß kolloide Substanzen im Organismus (im Serum) vorhanden sind, welche Hämotoxin aufzunehmen (zu lösen oder zu adsorbieren) imstande sind. Eine Konzentrierung dieser, für jedes Hämotoxin differenten Sub- stanzen (,,Phasen") führt zur Anreicherung an Antihämotoxin. Diese Hypothese besagt, daß die Antihämotoxine normaler Sera und jene der Immunsera identisch sind, und daß im Immunserum eine bestimmte Phasengruppe, jene, welche das zur Immunisierung verwendete Hä- motoxin am stärksten zu adsorbieren vermag, am reichlichsten vor- handen ist. Für die Identität sprechen u. a. auch Versuche von Kraus & Lipschütz über die Bindungsgeschwindigkeiten von Anti- hämotoxinen normaler und Immunsera mit einem und demselben Hä- motoxin. Die Vereinigung geht mit gleicher Geschwindigkeit von- statten, wenn auch vom Immunserum kleinere Mengen genügen als vom Normalserum. 2. Immunantihämotoxin : Darstellungsmethode. Injiziert man Tieren ein Bakterienhämotoxin (die Menge richtet sich nicht nur nach dem Gehalte an Hämotoxin, sondern auch nach der sonstigen Giftigkeit) und macht nach ein bis zwei Injektionen einen Aderlaß, so enthält das Serum des Tieres einen Körper, der das zur Injektion verwendete Hämotoxin neutralisiert. Dieses Phänomen dürfte darauf beruhen, daß durch die Immuni- sierung jene Serumbestandteile vermehrt werden, die das zur Immu- nisierung verwendete Hämotoxin zu binden vermögen, indem sie es physikalisch oder chemisch neutralisieren. Aus den bei der Agglutination, Präzipitation, Komplementablen- kung zur Beobachtung gelangenden physikalischen Phänomenen können wir schließen, daß die bei der Immunisierung eines Tieres mit Bak- terien, artfremdem Eiweiß etc. stattfindende Reaktion mit einer Aen- derung der Oberflächenspannung einhergeht, die, jedenfalls in ihrem Endresultat, eine Abnahme der Oberflächenspannung bei inniger Mi- schung von Antigen und seinem Gegenkörper zur Folge hat. Eine derartige Abnahme der Oberflächenspannung verringert den ,. chemi- schen Widerstand", d. h. die Reaktion wird beschleunigt. Gleich- zeitig kommt es zu einer Zunahme des Reaktionsproduktes — in unse- rem Falle des Antikörpers — da Oberflächenenergie frei wird, die zur Bildung des Reaktionsproduktes verwendet werden kann. Da nun das Reaktionsprodukt, . der Gegenkörper (Antihämotoxin) bei inniger Mischung mit dem Antigen nach der oben gemachten Annahme wieder eine Herabsetzung der Oberflächenspannung zum Endergebnis hat, so wird die ebenerwähnte Vermehrung des Reaktionsproduktes 1340 Ernst Pribram, selbst zur Folge haben müssen, daß bei jeder folgenden Injektion die ..chemischen Widerstände" abnehmen, die Reaktion immer rascher und immer vollkommener verläuft, mit einem Worte : Die Reaktions- fähigkeit des immunisierten Tieres steigt durch Einverleibung des Antigens. Wirkungsweise der A n t i h ä in o t o x i n e im R e a g e n z g 1 a s e. U n t e r s u c h u n g s m e t h d e. Das Prinzip ist das bei der Auswertung der Antitoxine übliche. Man sucht die kleinste Menge Antitoxin (Serum), welche eben noch imstande ist, die einfach lösende Dosis des Hämotoxins unwirksam zu machen. Da der Neutralisierungsvorgang wesentlich von der Ein- wirkungsdauer des Antihämotoxins auf das Hämotoxin abhängig ist, muß man das Hämotoxin längere Zeit (ca. 1/2 Stunde) bei ol^C der Wirkung des antihämotoxischen Serums aussetzen, ehe man die zur Beurteilung der Giftwirkung nötige Blutkörperchenaufschwem- mung zusetzt. Die Versuchsanordnung ist folgende : Eine Reihe von Reagenzgläschen wird mit absteigenden Mengen von hämotoxischen Dosen (0,5, 0,2, 0,1 bis 0,001 ccm) in je einem ccm NaCl-Lösung beschickt, und je 2 ccm einer 5-proz. Aufschwem- mung in isotonischer*) Kochsalzlösung gewaschener roter Blutkörper- chen hinzugefügt, und durch Schütteln sofort gut durchgemischt. Die Mischungen läßt man zwei Stunden bei 37 und findet so, wie bereits im Abschnitt über Hämotoxine beschrieben, die kleinste noch lösende Hämotoxinmenge**). Man achte dabei auf die angegebene Reihen- folge. Bringt man nämlich die Blutkörperchenaufschwemmung zu- erst in die Röhrchen, und setzt dann die (spezifisch leichtere!) Hä- motoxinlösung hinzu, so schichtet sie sich oben auf, wodurch die oberste Schicht der Blutkörperchenaufschwemmung unmittelbar mit einer viel größeren Konzentration des Hämotoxins in Berührung kommt, als man beabsichtigt (Koeppe). Dieser Versuchsfehler kann auch dadurch umgangen w'erden, daß man mit dem Toxinzusatz so lange wartet, bis sich die Blutkörperchen zu Boden gesenkt haben; die Toxinlösung ist in diesem Falle nur auf die Kochsalzlösung ge- schichtet und mischt sich erst beim Umschütteln mit den Blutkörper- chen (Madsen und Walbum). Nun füllt man eine Reihe von Röhr- chen mit absteigenden Mengen (1,0, 0,5, 0,1 bis 0,001 ccm) Serum (Antitoxin), das vorher inaktiviert sein muß (s. u.), und bringt in jedes Röhrchen die auf oben angegebene Weise gefundene kleinste noch lösende Hämotoxinmenge. Ein KontroUröhrchen wird mit dem Serum allein, ein anderes mit Hämotoxin (kleinste lösende Dosis) ver- sehen. Alle diese Mischungen, die KontroUröhrchen inbegriffen, werden dann durch Zusatz von Kochsalzlösung auf gleiches Volumen gebracht und bleiben eine halbe Stunde bei 37 (Wasserbad oder *) Das Waschen (d. h. die Befreiung von anhaftendem Bhitserum) geschieht durch wiederholtes Aufschwemmen der Bhitkörperchen in isotonischer Kochsalzlösung und Abzentrifugieren. Die Gegenwart des Serums kann die Hämolyse beeinträchtigen; Kaninchenserum ist meist wenig wirksam, was bei Verwendung von Kaninchenblut unter Umständen das „Waschen" unnötig macht. **) Es empfiehlt sich, die ungelösten Proben weitere 24 Stunden bei Zimmer- temperatur zu beobachten, doch wird es bei vergleichenden Untersuchungen meist genügen, die nach 2 Sunden komplett lösende Dosis zur Auswertung des Antihämo- toxins zu verwenden. Hämotoxine und Antihämotoxine der Bakterien. 1341 Brutschrank) stehen. Diese Zeit pflegt zur Bindung des vorhandenen Toxins an das Antitoxin zu genügen. Dann setzt man zu sämtlichen Röhrchen je 2 ccm Blutkörperchenaufschwemmung und läßt 2 Stunden bei 370 und weitere 24 Stunden bei Zimmertemperatur stehen. Das Blut im Kontrollröhrchen mit Serum allein muß nach dieser Zeit un- gelöst sein, das mit Hämotoxin allein muß vollständig gelöst sein. Die Ablesung des Versuchsergebnisses geschieht nach den im Ab- schnitte über Hämotoxine erwähnten Methoden. Jenes Röhrchen, in welchem eben noch komplette Hämolyse stattgefunden hat, zeigt die hemmende Wirksamkeit des antihämotoxischen Serums an. Die Inak tivierung des zu untersuchenden Serums muß der Prüfung deshalb vorangehen, weil das Blutserum der einen Tierart die Blutkörperchen anderer Tierarten aufzulösen imstande ist. Nimmt man Serum und Blut von einem und demselben Tiere, so fällt die In- aktivierung weg. Man inaktiviert durch i/g-stündiges Erhitzen auf 56 — 60 C und muß sich stets vor Anstellung des Versuches davon überzeugen, daß die Inaktivierung gelungen ist, d. h., daß das Serum, allein der Blutkörperchenaufschwemmung zugesetzt, sie nicht auflöst. Bei fraktioniertem Zusatz ändert sich der Wirkungswert. Dies zeigt folgender Versuch, den Madsen nach dem Muster der Ver- suche von Danysz (Ricin) und Dungern (Diphtherietoxin) an Te- tanushämotoxin ausführte: Er fügte zu 2 ccm eines Tetanushämo- toxins 0,1 ccm Antitoxin, von dem 1,3- ccm auf einmal hinzugefügt. zur Neutralisation ausreichten, also 1/13 der neutralisierenden Dosis. Es zeigte sich, daß das Toxin nach diesem Zusätze die Hälfte seiner Wirkung eingebüßt hatte. Bei Zusatz des fünften Teiles der neutrali- sierenden Dosis (0,25) betrug der Verlust ^/^q der ursprünglichen Wirkung, bei Hinzufügung etwa der Hälfte war der Verlust ^^/loo- Weitere Versuche zeigten, daß nach Zusatz des fünften Teiles der neutralisierenden Dosis (Verlust an Toxin = ^/^q) ein Teil dieser Mischung nur bei 37 dieselbe Wirkung hat wie i/^q Vollgift, während bei Temperaturen unter 10 wohl i/^q des Vollgiftes zu lösen vermag, nicht aber ein Teil der genannten Mischung. Setzt man hingegen weniger als den fünften Teil der neutralisierenden Dosis zu, so ändern sich zwischen 0^ und 37 die Werte nicht. Madsen schließt nun in seiner ersten Arbeit aus diesem Verhalten in Analogie mit Ehrlich auf die Gegenwart mehrerer Gifte von verschiedener Wirkungskraft. In späteren, gemeinsam mit x-Irrhenius ausgeführten Arbeiten kommt er zu dem Resultate, die Erscheinung auf einen ein- fachen chemischen Gleichgewichtszustand zurückzuführen. Es er- geben sich nämlich ähnliche Verhältnisse bei Beobachtung des Gleich- gewichtes in einer Lösung für einen teilweise dissoziierten Körper und seine Dissoziationsprodukte. Auch diese chemische Vorstellung, die uns der richtigen Auf- fassung bereits bedeutend näher gebracht hat, ist heute nicht mehr in ihrem ganzen Umfange aufrecht zu erhalten. Viele Bedingungen für die Geltung der Gleichgewichtsbedingungen in einer Lösung treffen für die Mischung von Toxin und Antitoxin nicht zu. Vor allem gelten diese Gesetze nur für homogene, vollkommen rever- sible, echte Lösungen. Das Phänomen kommt aber auch dort zur Beobachtung, wo wir ihm zweifellos koUoidchemische Bedeutung zuerkennen müssen, nämlich bei Elektrolytfällung von Suspensoiden (W. Spring, H. Freundlich). Setzt man beispielsweise zu einer 1342 Ernst Peibram, kolloiden Suspension von Arsentrisulfid jene Menge einer Baryum- chloridlösung, welche bei gleichzeitigem Zusatz gerade zur voll- ständigen Fällung ausreicht, tropfenweise, etwa im Laufe von i5 Tagen zu, dann benötigt man zur vollkommenen Xeutralisierung bedeutend mehr, unter Umständen fast die doppelte Menge (Freundlich). Der Vorgang bei der Neutralisierung von Hämotoxin durch Anti- hämotoxin entspricht wahrscheinlich nicht einer einfachen chemischen Reaktion, sondern dürfte in zwei Phasen verlaufen (Biltz, Nernst). Die erste Phase dürfte ein Adsorptionsvorgang sein, bei welchem die Konzentration der Reagentien maßgebend ist. Diese Phase prägt dem ganzen Vorgange ihren Charakter auf. Als zweite Phase nimmt Nernst eine chemische Reaktion an, die in einem irreversiblen Vor- gange besteht, während nach Biltz ein Zerfall des adsorbierten organischen Stoffes mit relativ geringer Zersetzungsgeschwindigkeit eintreten soll. Ein abschließendes Urteil über das Wesen des ganzen Reaktionsverlaufs läßt sich derzeit nicht fällen. W^irkung des Antihämotoxins bei Zusatz nach erfolgtem H ä m 1 X i n z u s a t z (,, Heilversuche" ) * ). Eine wichtige Rolle spielen Adsorptionsvorgänge auch bei den sogenannten ,, Heilversuchen". Darunter versteht mau die Ermitte- lung des Wirkungswertes eines Antihämotoxins bei Zusatz nach erfolgtem Hämotoxinzusatz zu den Erythrocyten. Bei Einhaltung dieser Reihenfolge wird zuerst Hämotoxin von den Blutkörperchen gebunden ; läßt man bis zur Einwirkung des Antihämotoxins eine längere Zeit verstreichen, so geht inzwischen ein Teil der Blut- körperchen in Lösung. Die Menge der gelösten Erythrocyten er- mittelt man durch Bestimmung des Hämoglobininhaltes der Lösung nach Abzentrifugieren der ungelösten Blutkörperchen (,, Sediment"). Wäscht man das Sediment zur Entfernung des anhaftenden (nicht ad- sorbierten) Hämotoxins mit isosmotischer Kochsalzlösung so lange, bis letztere (,, Waschwasser") bei Zusatz von Erythrozyten keine hämotoxische Wirkung mehr zeigt, so kann man nun auch jene Toxinmenge ermitteln, welche das Sediment absorbiert hat. Man nimmt es wieder in der entsprechenden Menge Kochsalzlösung auf, schüttelt gut durch, und erwärmt 2 Std. auf 37°. Zentrifugiert man wieder, und bestimmt den Hämoglobingehalt der Flüssigkeit aus der Farbintensität der Lösung, so erfährt man die adsorbierte Toxinmenge. Man kann nun das Antihämotoxin in verschiedenen Intervallen nach Zusatz des Hämotoxins zufügen, und auf die angegebene Weise bestimmen, wieviel des absorbierten Hämotoxins neutralisiert wurde, wieviel noch wirksam ist. Aus derartigen Untersuchungen Madsens ergab sich, daß innerhalb der ersten 15 Minuten die hämolytische Wirkung des Tetanusfiltrates durch Antihämotoxin aufgehoben wer- den kann. Während dieser Zeit waren, wie die Kontrollen zeigten, bereits erhebliche Mengen ♦ Hämotoxin von den roten Blutkörper- chen gebunden worden. Eine Hämolyse war zu dieser Zeit noch nicht *) Behring faßt den Begriff der ..Heilwirkung" viel enger als dies gewöhnlich i geschieht, indem er damit nur die restitutio ad integrum der durch die Krankheit ! (Vergiftung) bereits geschädigten Zellen bezeichnet. Nach dieser Xomenklatur wäre I die ,,Heii''wirkung der Autoren besser als „Schutzwirkung durch Antitoxin nach j Zusatz von Toxin" zu bezeichnen. " ' Hämotoxine und Antihämotoxine der Bakterien. 1343 erfolgt, aber auch während diese im Gange war (nach 30 Minuten, sogar nach 1 — 2 Stunden), konnte mit großen Dosen Antihämotoxin eine Schutzwirkung erzielt werden. Kraus & Lipschütz zeigten, daß die Schutzwirkung auch bei anderen Hämotoxinen zu erreichen ist (Staphylokokken-, Vibrionenfiltrate), und verglichen die neutrali- sierenden Wirkungen der Antihämotoxine bei verschiedenen Hämo- toxinen. Mausen brauchte nach 5 Minuten ungefähr das Doppelte, nach 15 Minuten das Dreifache, nach 30 Minuten das Fünffache der jenigen Antitoxinmenge, welche bei sofortigem Zusatz den gleichen Effekt hatte. Kraus & Lipschütz vermochten bei ihren Versuchen mit Tetanushämotoxin die 5 Minuten exponierten Blutkörperchen selbst mit der hundertfachen, im Versuche mit Vibrionenhämotoxin mit der tausendfachen neutralisierenden Dosis vor der Auflösung nicht zu schützen. Dagegen genügte bei Staphylokokkenfiltraten 5 Minuten nach Zusatz des Hämotoxins schon die zehnfache, nach 10 Minuten die tausendfache Dosis. Wie die Autoren weiter zeigen, erfolgt bei verschiedenen Giften trotz sofortiger Bindung doch nicht gleichzeitig Hämolyse (so z. B. wird vom Vibrionenlysin in der Zeiteinheit mehr gebunden als vom Tetanuslysin). Kraus & Amiradzibi haben sich mit der Frage beschäftigt, wo die Neutralisierung des Hämotoxins durch Antihämotoxin zustande kommt. Es besteht die Möglichkeit, daß eine solche Neutralisierung in den Blutzellen, oder daß sie außerhalb dieser stattfindet. Aus den Untersuchungen der genannten Autoren geht letzteres her- vor: Erythrocyten vermögen Antihämotoxin nicht aufzunehmen, auch dann nicht, wenn sie vorher mit Hämotoxin behandelt wurden, ohne daß es bis zur Lösung kam. Es scheint sogar nach diesen Versuchen, daß Hämotoxin, das von Blutkörperchen aufgenommen war (adsor- biertes Hämotoxin) wieder in das antitoxinhaltige Medium abgegeben und dort neutralisiert wird. Die Wirkung des Antihämotoxins im Tierkörper. Im Tierkörper läßt sich die Wirkung des Hämotoxins durch Antihämotoxin aufheben, wobei geringe Mengen des letzteren ge- nügen, um die Tiere vor der Hämotoxinwirkung (Hämaturie, sekun- däre Anämie) zu schützen. Das antily tische Serum kann auch am Tage vor der Injektion des Hämotoxins subkutan verabreicht werden, um die gleiche Wirkung zu entfalten (Todd, Kraus & Ludwig). Ob der normale Antihämotoxingehalt des Blutserums eines Tieres die Wirkung des eingebrachten Bakterienhämotoxins aufhebt, haben Kraus & Lipschütz experimentell untersucht. Solche Tiere er- leiden zwar keine Schädigung, doch ist ihr Serum nach Injektion großer Hämotoxinmengen ebenso wirksam wie zuvor. Wahrschein- lich tritt hier die Wirkung des Serums in den Hintergrund gegen- über der der Organe. In diesen haben die genannten Autoren nämlich ähnliche antihämotoxische Eigenschaften nachgewiesen, wie sie dem Serum zukommen, und zwar sowohl im Organbrei, als auch in Fil- traten aus Kochsalzextrakt. Durch ihre Gegenwart wird auch das rasche Verschwinden der Hämotoxine aus dem Blutkreislauf bei eini- gen Tieren (Megatherium-Hämotoxin bei Kaninchen z. B.), deren Serum kein normales Antitoxin enthält, erklärt. Eine Abnahme des Antihämotoxingehaltes der Organe nach Injektion großer Hämotoxin- 1344 Erxst Pribram, mengen konnte allerdings nicht konstatiert werden, ist aber angesichts der großen Oberflächen, welche die Organe einnehmen, kaum zu er- warten. Spezieller Teil. Bei der Besprechung der blutkörperchenlöseuden Eigenschaften der einzelnen Mikroorganismen muß nochmals betont werden, daß nicht jede Hämolyse durch Hämotoxin, d. h. durch Bakterienpro- dukte mit Antigennatur bedingt ist. Dies ist sicher nachgewiesen bei der Hämolyse durch Staphylokokken, Tetanusbacillen, Vi- brionen, Proteus, Megatherium, Milzbrand und Pestba- cillen. Auch die Hämotoxinnatur des Streptoko kke nhämo- lysins scheint heute über jeden Zweifel erhaben. Bei vielen der ge- nannten Arten finden sich allerdings neben den Hämotoxinbildnern auch Stämme, denen diese Eigenschaft vollkommen fehlt, obwohl sie morphologisch zur gleichen Gruppe gehören. Daraus ergiebt sich ein wichtiges biologisches Merkmal, das vielfach zur Differentialdia- gnose verwendet wurde (Schottmüller, Kraus). Man hat deswegen auch feste Nährböden mit Blutkörperchen verschiedener Tierarten ge- mischt und zur Züchtung und Differentialdiagnose verwendet*). Auf solchen Xährböden spielen aber neben den echten Hämotoxinen auch andere Stoffwechselprodukte der Bakterien, Reaktionsveränderungen des Nährbodens, Aenderung der Isotonie für die Blutkörperchen usf. eine wichtige Rolle bei der Hämolyse, wodurch wiederum das charakte- ristische Wesen der Hämotoxine verwischt wird. So sehen wir, daß fast alle Bakterien nach längerer Zeit imstande sind, Blutagarnähr- böden lackfarben zu machen (Pribram). Trotzdem ist bei genügen- der Einschränkung der Beobachtungszeit auch auf festen Xährböden ein Unterschied zwischen Hämotoxinbildung und anderen hämolyti- schen Vorgängen wahrzunehmen, weil sich die Hämotoxinproduktion in viel kürzerer Zeit (8 — -12 Stunden) bereits deutlich bemerkbar macht als andere Aenderungen des X'ährbodens, und weil infolge der langsameren Diffusion des Hämotoxins dieses in der unmittelbaren Umgebung der Kolonien viel intensivere Wirkungen f,, Hofbildung") zu entfalten vermag als andere Stoffwechselprodukte. In der Literatur ist häufig der scharfe Unterschied zwischen ech- tem Hämotoxin und anderen hämolysierendeu Stoffwechselprodukten nicht beachtet worden. Es ist daher manche Angabe zu revidieren. In einigen Fällen könnten echte Hämotoxine neben anderen hämoly- sierendeu Stoffwechselprodukten vorkommen. Um späteren L'nter- suchern die Möglichkeit zu geben, sich über die ganze, die Frage der Hämolyse durch Mikroorganismen betreffende Literatur zu orien- tieren, sollen im Referat über die Wirkungen der einzelnen Bakterien- arten alle vorliegenden Angaben zusammengestellt werden, ohne daß dadurch für die Hämotoxinnatur des Hämolysins irgendetwas aus- gesagt würde. Xur, wo diese dem Referenten gesichert erscheint, wird im Texte dies ausdrücklich angefülirt werden. Die Besprechung *) Zu ca. 10 cra' verflüssigten, auf 42" abgekühlten Agars wird 1 cm^ frischen defibrinierten Kaninchen-, Hammel-, Ziegenblutes zugesetzt und die gut verteilte ^Mischung in PEXRi-Schälchen ausgegossen. Nach dem Erstarren werden die Platten mit einer Aufschwemmung (1 Oese in 5 cm^ XaCl-Lösung) des betreffenden Bakteriutns bestrichen. Hämotoxine und Antiluimotoxine der Bakterien. 1345 der einzelnen Mikroorganismen erfolgt nach ihrer morphologischen Zu- sammengehörigkeit. Staphylokokken (produzieren echte, filtrierbare Hämo- toxine). Das Hämotoxin in Filtraten der einzelnen Staphylokok- ken stamme variiert je nach ihrer Herkunft und Virulenz. So fanden Neisser & Wechsberg, daß alle aus menschlichen Eite- rungen gezüchteten Stämme Hämotoxin produzieren. Das Hämotoxin des Staphylococcus aureus und albus sind identisch, d.h., sie werden durch dasselbe Antihämotoxin neutralisiert. Einige Stämme (fünf Aureusstämme aus Vaccine und Luft gezüchtet) liefern überhaupt kein Hämotoxin. Kutscher & Konrich fanden, daß echte, pyogene, durch ein pathogenes Serum gut agglutinable Staphylokokken aus- nahmslos Hämotoxin produzieren, saprophytische, schwerer agglu- tinable, hingegen wenig oder keines. Ebenso fand Otto bei drei pyogenen Stämmen von Staphylococcus aureus (aus einer Peritonitis purulentaj, Staphylococcus albus (aus einem Abszeß) und Staphylo- coccus citreus (Furunkel) Hämotoxinbildung, nicht aber bei Luft- keimen (aureus), Keimen von der Haut (albus) und solchen der KRALSchen Sammlung (citreus). Caminiti konnte die Virulenz eines Staphylococcus pyogenes albus durch Passagen steigern, wobei auch die Hämotoxinproduktion zunahm. Nach Bajardi wirken am stärk- sten die Filtrate von Staphylococcus pyogenes aureus und albus. Schwächer wirken Micrococcus candicans und aurantiacus, sowie Staphylococcus cereus albus und flavus, alle nur, wenn sie pyogen sind. Die optimalen Bedingungen zur Hämotoxinproduktion findet der Staphylococcus in einem Nährboden von bestimmter Alkaleszenz. Neisser & Wechsberg verwenden einen Nährboden, der durch Zu- satz eines Drittels derjenigen Menge Alkali (normal KOH und nor- mal NaOH) gewonnen wird, welche zur völligen Neutralisier ung gegen Phenolphthalein nötig wäre. Der Alkaligehalt ist dabei nur für die Produktion, nicht für die Wirkung selbst maßgebend. Trau- benzucker beeinträchtigt die Produktion (Kraus & Clairmont), doch läßt sich die Fähigkeit, Hämotoxin zu produzieren, durch üeber- impfen auf LöFFLERsche Bouillon wieder herstellen, während die ebenfalls geschädigte Virulenz dauernd in Verlust gerät (H.Kayser). Einen interessanten Zusammenhang zwischen Gelatineverflüssigung und Hämolyse hat Bajardi festgestellt: Durch Ueberimpfung in Sera der mit den Proteinen immunisierten Tiere verlieren die Aureus- und Albusstämme ihr proteolytisches Vermögen. Gleichzeitig produzieren sie — in Bouillon überimpft — geringere Mengen von Hämolysin, und zwar ungefähr noch ebensoviel als Kulturen von candicans und au- rantiacus entsprechen würde. — Es scheint also wenigstens ein Teil der Hämolyse auf Kosten der Proteolyse zu erfolgen. Die Hämotoxinproduktion beginnt etwa am 4. Tage und pflegt ihr Maximum am 9. — 13. Tage zu erreichen (Neisser & Wechsberg). Fränkel & Baumann, die auf Fleischbrühe von gewöhnlicher Al- kaleszenz züchten, fanden das Optimum am 6. und 10. Tage. Ca- miniti konnte bei seinem Stamme (s. o.) eine Abnahme nach der 2. Woche nicht beobachten, sondern fand nach 29 Tagen noch eine Stei- gerung derselben. — Plötzliche Schwankungen, Steigen oder Fallen der Hämotoxinmenge sind nach Lubenau besonders zwischen dem Handbuch der pathogenen Mikroorganismen. 2. Aufl. II. ÖO 1346 Eexst Peibram. 9, und 13. Tage nicht selten. Auch er findet zuweilen Anhalten auf der Höhe des Maximums oder sehr allmähligen Abfall. Die Empfindlichkeit der verschiedenen Blutarten ist eine ver- schiedene, ein und dieselbe Tierart zeigt im allgemeinen konstante Verhältnisse. Am empfindlichsten erweist sich Kaninchenblut, dann Hunde-, Schweine-, Hammel-, Meerschweinchen-, Pferdeblut. Am resistentesten sind Menschenblut, Gänse- und Ziegenblut (Xetsser & Wechsberg). Durch längeres Erwärmen auf 48 o wird das Hämo- toxin der Staphylokokken geschädigt, durch Erhitzen auf 56 o (20 — 30 Min.) zerstört (Neisser & Wechsberg), nach Fräxkel Sc Bau- MAXN nicht einmal durch 1/2-stündiges Erwärmen auf 60 'l Die beiden Autoren fanden ein hitzebeständiges StaphA'lokokkenfiltrat, das auch bei 80 0, ein anderes, das bei 100 ^ seine hämotoxische Wir- kung nicht einbüßte. Eingehendere Untersuchungen über ein hitzebeständiges Staphylo- kokkenhämotoxin verdanken wir auch Landsteixer und Eaüchex- BicHLER. Sie fanden starke Beeinträchtigung des betreffenden Hämo- toxins durch 1/2-stündiges Erwärmen auf 6b^ C, durch 5 Minuten langes Erhitzen auf 100 ^ gewann dieses Hämotoxin seine blutkörper- chenlösende Eigenschaft zum größten Teil wieder. Bei Verdünnung mit Kochsalzlösung wird das Hämotoxin nicht mehr durch Erwärmen auf 65^ geschädigt. Bei Verdünnung mit Kulturfiltraten oder Autoly- saten von Staphylokokken tritt das Inaktivierungs- und Eeaktivie- rungsphänomen jedoch ebenso prompt ein wie in den unverdünnten Kulturen. Daraus scheint hervorzugehen, daß bei 65 ^ eine Vereini- gung des Hämotoxins mit anderen Stoffen der Kulturfiltrate zustande kommt, die bei 100 ^ wieder gespalten wird (Landsteiner). Ein Hämolysin ganz anderer Art, dem keine Antigennatur zu- kommt, das nicht hitzebeständig ist, und auch gegen Säure. Lauge und Fermentwirkungen resistent ist, das also sicher nicht als Hämo- toxin aufzufassen ist, gewann Fukuhara, indem er den Bakterien- rasen mit destilliertem Wasser absclnvemmte, die Abschwemmung 24 St d. bei 37 der Autolyse überließ, nach 8 Tage langem Digerieren mit der 10- fachen Menge Alkohol das Filtrat eindampfte, mit warmem Alkohol abermals aufnahm, filtrierte, und nach Abdampfen des Alkohols den Niederschlag in steriler Kochsalzlösung oder Bouillon emulgierte. Es dürfte sich um eine ähnliche Substanz handeln, wie die kürz- lich von Burkhard aus Kulturen von Bacterium putidum isolierte, die sich bei der chemischen xlnalyse als ein Derivat der Erucasäure erwies. Auf der Blutagarplatte nimmt man bei allen hämotoxinbil- denden Stämmen eine vollständige Auflösung des Blutfarbstoffes in der Umgebung der Kolonien wahr (Schottmüller), später wird die ganze Platte lackfarben (eigene Beobachtung). Bei nicht hämo- toxinbildenden Stämmen fehlt die Auflösung des Blutfarbstoffes in der Umgebung der Kolonien». Nöggerath hat die Blutagarplatte ziu* Differentialdiagnose menschenpathogener und saprophytischer Stämme empfohlen. Von normalen Sera enthalten Antihämotoxine besonders Pferdeserum, Menschenserum (Neisser, Neisser & Wechsberg), auch Hammel-, Gänse-, Ziegen-, Meerschweinchenserum (vgl. auch LuBEkAu). Zur Darstellung von Immunantihämotoxin empfehlen Neisser & Wechsberg eine zwei- bis dreimalige subkutane Einver- Hämotoxine und Antiliämotoxine der Bakterien. 1347 leibung von steigenden Dosen (Beginn mit 0,2 com) Hämotoxin. Die Tiere (Kaninchen, Ziege) bekommen meist starke Infiltrate und oft Hautnekrosen. — Streptokokken. (Die Hämotoxinnatur des Hämolysins ist zweifelhaft, aber sehr wahrscheinlich.*) Das Hämolysin ist nur mit Hilfe besonderer, von Besredka und Landsteiner angegebener Methoden in Kulturfiltraten nachweisbar (s. unten)**). Die Fähigkeit, die roten Blutkörperchen bei direkter Berührung aufzulösen, scheint nach ScHOTXMtJLLER allen Streptokokken unter gewissen Bedingungen zuzukommen, nur schwankt die Intensität der Häraolyse je nach der Virulenz der Stämme bedeutend. Marmorek hatte schon 189.5 die Abhängigkeit der Hämolyse von der Virulenz der Stämme konstatiert. Seine späteren Untersuchungen weichen insofern von den Resultaten ScHoxTMtJLLERs ab, als er findet, daß Streptokokken, welche von Scharlachfällen stammten, geringeres hämo- lytisches Vermögen zeigten. Schottmüller konnte diese Differenz nicht konstatieren, was sich daraus erklären dürfte, daß Marmorek die Hämoloyse an Kaninchenblut, Schottmüller an Menschenblut (Leichenblut) prüfte***). Lingelsheim, Besredka, Schlesinger, Pane und Lubenau fanden nur bei nicht pathogenen Streptokokken die Fähigkeit, rote Blutkörperchen zu zerstören. Marmorek, Schlesinger und Rieke vermochten durch Tierpassage gleichzeitig die Virulenz und diese Fähigkeit zu steigern. Doch berichtet Schottmüller von Stäm- men, welche sich bei Untersuchung auf Blutagar (Menschenblut) auch bei jahrelanger Ueberimpfung trotz häufiger Tierpassagen stets kon- stant erwiesen. Auch Kerner vermochte bei einem avirulenten, nicht hämolysierenden Stamme durch Tierpassage weder Virulenz noch hämotoxisches Vermögen zu beeinflussen, während er bei anderen Stämmen zeigte, daß Tierpassage das hämolytische Vermögen zwar vorübergehend zu steigern imstande ist, daß aber bereits nach ein- maligem Ueberimpfen auf künstlichen Nährboden das erhaltene Ver- mögen bis zum ursprünglichen Grade der Stammkultur herabgesetzt wurde. Von da ab trat wieder konstantes Verhalten ein. Nach Meyer zeigen aus Gelenkrheumatismus gezüchtete Strepto- kokken äußerst geringe Virulenz und Fehlen der Hämolyse. In neuerer Zeit ist die Frage über den Zusammenhang oder den Parallelismus zwischen Pathogenität und Hämolysinbildung mit Rücksicht auf die große Bedeutung, welche sie für das Puerperal- fieber hat, von Gynäkologen lebhaft diskutiert worden. Die meisten bedienten sich in der später zu besprechenden Weise der Blutagar- platte oder Modifikationen derselben zur Differentialdiagnose. *) Die Annahme NoxwiGs, daß Säureproduktion die Hämolyse durch Strepto- kokken bedinge, ist sicher falsch; E. Bachs spricht sich nach Widerlegung dieser Ansicht, wie ich glaube, mit Recht für die Hämotoxinnatur aus. **) Während der Korrektur erschien eme Arbeit von H. Braun, nach welcher in einwandfreier Weise die Darstellung eines filtrierbareu Hämolysins aus Streptokokkenkulturen durch Züchtung in einer Bouillon, die Kauinchen- serum (1:10) enthält, gelungen ist. Die Gewinnung eines Antihämotoxins mißlang allerdings auch diesem Autor, ebenso wie früher Besredka. Aehn- liches berichtet Fr. Jupille in einer eben erschienenen Mitteilung. ***) Ich finde übrigens auch bei Scharlachstreptokokken meist starke Hämo- lyse, obwohl ich stets Kaninchenblut verwende (Ref.). 85* 1348 Ernst Pribram. Zaxgemeister findet, unter den liämolysierenden Streptokokken häufiger virulente (Menschen- und tierpathogene) als unter den nicht oder schlecht liämolysierenden. Doch kommen auch hämoly- sierende Streptokokken als Saprophyten vor. Die nicht hämolysieren- den Stämme finden sich vorzugsweise in normalen Körperausschei- dungen (Scheide, Speichel, Kot), während sich aus Krebsjauche, Lochialsekret oft hämolysierende Arten züchten lassen. Ebenso fand schon vorher Xieter nicht hämolysierende Stämme in Speichel, Kot, Milch, und auf der Haut; hämolysierende kultivierte er aus Puerperal- fieberkranken, Erysipelatösen, Septischen, Phlegmonösen, aus tuber- kulösem Sputum, bei Diphtherie, Angina, Lungenemphysem. Ueberein- stimmende Angaben finden sich bei zahlreichen anderen Autoren (pROMME und Heyxemaxx, Goxxet, Veit, Preymuth, Preytag, K0X*RAD, LÜDKE Uud PoLAXO, SiGWART, BoXDY, HÜSSY USf.). Die meisten Angaben gehen u. a. dahin, daß aus gesundem Vaginal- sekret niemals hämolysierende Streptokokken gezüchtet werden, woJil aber zuweilen aus dem puerperalen Uterus, auch wenn kein Wochenbettfieber besteht. Dies kann nicht wundernehmen, da wir ja wissen, daß oft Gesunde Träger patJiogener Keime sein können (Cholera, Typhus etc.), ohne zu erkranken. Xach den jüngsten Mitteilungen von Vystavel gelang es diesem Autor, durch anaerobe Züchtung nicht hämolysierende Streptokokken zur Hämotoxinproduk- tion zu veranlassen. Jedenfalls scheint aus den Literaturangaben eindeutig hervorzugehen, daß hämolysierende Streptokokken als ])atho- gen zu betrachten sind, da jedenfalls die Möglichkeit besteht, daß sie gelegentlicli Krankheiten hervorrufen (Wochenbettfieber, Ery- sipel, septische Angina, etc.). Als Xährboden verwendet Lubexau eine 2-proz. Peptonbouillon, die er nach der Vorschrift von Xeisser & Wechsberg (s. Staphylok.; alkalisch macht, ScHLESixGER empfiehlt, 24 -stündige Streptokokkenkulturen im Dunkein bei Zimmertemperatur aufzubewahren. Passage durch Zucker- bouillon schädigt das Vermögen, rote Blutkörperchen aufzulösen, nach Kerxer außerordentlich. Da das ,, Hämotoxin"', wie Besredka an- nimmt, den Streptokokken fest anhaftet und in Piltraten daher sehr schwer nachweisbar ist, empfiehlt dieser Autor, direkt aus hämolyti- schem Herzblut auf Kaninchenserum (vorher auf 55 o erwärmt!) zu impfen, und vor dem Piltrieren auf die Hälfte mit physiologischer Kochsalzlösung zu verdünnen. Es ist zweckmäßig, dem Kaninchen- serum vor der Impfung 2 Tropfen Blut zuzusetzen*). X'^ach Kerxer bleibt der Hämolysingehalt pathogener Stämme in den ersten 7 — 14 Tagen ziemlich konstant, scheint dann allmählich abzunehmen, so daß nach etwa 28 Tagen nur schwache Hämolyse, sehr langsam, eintritt. Laxdsteixer empfiehlt zur Erzielung stark hämolysierender Kulturen Mäusepassase, eventuell mit dazwischengeschalteter Passage durch Kaninchenblut oder bluthaltiger Bouillon, dann Filtration durch Eilt rierpapier. Eintägige Kulturen creben bereits ein gut wirk- sames Piltrat. Zweckmäßig ist auch ein Zusatz von Stärkelösung *) H. Braux verwendet eine Bouillou. die Kaninchenserum im Verhältnis von 1 : 10 enthäh. (Anm. während d. Korrektur.) Hämotoxine und Antiliämotoxine der Bakterien. 1349 vor der Filtration, welche eine ähnliche Wirkung zu haben scheint, wie der Öerumzusatz Besredkas. Die Wirkung auf verschiedene Blutarten ist ungefähr gleich (Kerner), doch abhängig von dem Nährboden, von welchem der betreffende Stamm gewonnen wurde. So löst z. B. der vom Menschen gewonnene Streptococcus die roten Blutkörperchen des Menschen,, Meerschweinchens, auch der Ziege und des Rindes auf, nicht aber die der Gänse und Hühner. Der von der Ziege gewonnene ist gegen Ziegen- und Rinderblut ebenso unwirksam wie gegen Gänse- und Hühnerblut. Die bereits von Schottmüller konstatierten Farbenverände- rungen wurden spektroskopisch von Rieke ausführlich studiert. Er fand, entsprechend dem Farbenumschlag in Burgunderrot, dann Braun- rot zuerst nebeneinander die Absorptionsstreifen des Oxyhämoglobins und neutralen Methämoglobins, nebst Verdunklung der rechten Hälfte des Spektrums, später vollständiges Methämoglobinspektrum. Der Vor- gang erfolgt auch spontan, aber langsamer (erst in 14 Tagen). Durch abgetötete Streptokokkenleiber läßt er sich nicht beschleunigen. Nach Freuxds Untersuchungen (mitgeteilt von Boxer), handelt es sich vielleicht nur um ein optisches Phänomen, da die Röhrchen, welche das Oxyhämoglobinspektrum zeigen, saure Reaktion, die mit Met- hämoglobinspektrum alkalische Reaktion aufweisen. Gegen Er- wärmung ist das von Besredka angenommene Hämotoxin der Strepto- kokken nicht so empfindlich wie das der Staphylokokken. Es wird nach Besredka erst durch 2 Stunden langes Erhitzen auf 70 ^ C vollkommen zerstört, nimmt aber nach Rüdiger auch spontan ab. Auch ZnClg vernichtet nach diesem Autor die Wirkung. Die durch Streptokokken hervorgerufenen Veränderungen in der Blutagarplatte (Menschenblut) wurden von Schottmüller aus- führlich untersucht und zur Differenzierung dreier Arten verwendet : 1. Der Strept. longus pathog. seu erysipelatos bildet innerhalb 12 — 18 Stunden bei 37 o rundliche Kolonien, welche einen kreisrunden Hof um sich bilden. Dieser entsteht durch völlige Resorption des Hämoglobins in einem Umkreise von 2 — 3 mm. 2. Der Strept. mitior seu viridans bildet nach 24 Stunden sehr feine, graue oder schwärzlichgrauc Auflagerungen. Die Färbung ist erst spät wahrzunehmen, das Wachstum erfolgt langsam. Nach 36 bis 48 Stunden, zuweilen erst nach 3 — 4 Tagen, sieht man einen grünen Punkt. Die Resorption ist nur wahrzunehmen, wenn man sehr wenig Blut tropfenweise zusetzt. 3. Der Strept. mucosus (sehr selten) bildet einen schleimigen graugrünen Belag, dessen Glanz nach 48 Stunden verschwindet. Nach Kerxer stimmt die Hämolyse in der Blutplatte mit der in der Bouillon völlig überein, ist also bei hochpathogenen Stämmen am deutlichsten und fehlt bei nicht pathogenen. Boxer konnte bei der Untersuchung von 47 Streptokokkenstämmen auf Menschen- und Pferdeblutagar die von Schottmüller aufgestellten Typen nicht unter- scheiden. Ebensowenig konnte er Beziehungen zwischen der Pro- venienz der untersuchten Stämme und ihrem Wachstum auf Blutagar auffinden. Dagegen bestätigen Baumann, sowie Beitzke & Rosen- thal Schottmüllers Befunde. Ueber abweichende Resultate berichten wiederum Hecht und Hulles (Erysipelstreptokokken) und Bondy (Puerperalfieber; vgl. auch die andern oben erwähnten Arbeiten). 1350 Ernst Pribram. Auf einem Nährboden, den Fro.m:me angegeben hat (Impfung eines 5-prozentigen, vom Serum vollständig befreiten „Blutschwamm- nährbodens"), sollen hämolysierende Stämme pathogener und nicht pathogener Xatur zu differenzieren sein. Die letzteren lösen den Nährboden auf, die ersteren (infolge schlechten Wachstums?) nicht. SiGWART bestätigt die Angabe, die wohl noch weiterer Ueberprüfung bedarf. Normales Hühnerserum hebt die hämolytische Wirkung der Streptokokken auf (Rüdiger), ebenso Menschen- und Kaninchenserum (Besredka). Pferdeimmunserum verhindert nach Meyer die Hämo- lyse durch Streptokokken, nicht aber antitoxisches. Besredka gibt an, daß ihm die Erzeugung künstlichen „Antihämotoxins" nicht ge- lang. Pneumokokken. (Hämotoxinnatur des Hämolysins fraglich: es ist nicht filtrierbar.) Casagrandi gibt an, daß die Hämolysine der Diplokokken in den Bouilionkulturen jener Varietäten entstehen, welche bei subkutaner und intravenöser Injektion stets pathogen sind. Jene Varietäten. welche keine Hämolysine erzeugen, erw^eisen sich - meist nur bei intravenöser, nicht aber bei subkutaner Einverleibung als pathogen. — Bei der Herstellung von hämotoxischen Filtraten ergeben sich be- reits Schwierigkeiten, so daß es zweifelhaft ist, ob wir es mit echten Hämotoxinen zu tun haben. Zur Herstellung von Filtraten gibt MoNTELLiioi folgenden Nährboden an: vor der Impfung werden einige Tropfen Kaninchenblut der Bouillon zugesetzt, 1 Stunde auf 550 erhitzt und nach Prüfung der Sterilität Blut von Kaninchen, die mit Diplokokken immunisiert waren, zugesetzt. Dieser Nährboden wird geimpft und nach erfolgtem Wachstum filtriert. Kaninchenblut wird aufgelöst, Hundeblut nicht (Montelli). Die durch Pneumokokken bewirkte Hämolyse weicht von der anderer Mikroorganismen erheblich ab. Sie lösen zuerst das Hämo- globin auf und fällen es dann in Flocken von rostbrauner Farbe (Centanni). Schottmüller erwäJint, daß die mit Blut versetzte Bouillon grün wird. Durch Erwärmen wird das Hämolysin vernichtet (Moxtelli). Normales Kaninchenserum enthält nach Casagrandi Antihämo- lysine, die durch die Einverleibung hämolysierender Kulturen wirk- samer werden. Auf Blutagar bildet der Pneumococcus nach Schottmüller einen intensiv dunkelgrünen Farbstoff (,, saftiger Belag von grüner Farbe"). Eine makroskopisch sichtbare Hämolyse läßt sich nach diesem Autor nicht beobachten. Das charakteristische Wachstum auf hämoglobinhaltigem Nährboden, der dabei grau und weich wird, hat Rymowitsch beobachtet. Der Diplococcus catarrhalis (Pfeiffer) zeigt schwache Hämolyse in Bouillonkultu«"en (Lubenau). Der Micro CO ccus tetragenes wurde nach Lubenau von Lüde eingehend studiert. Im Reagenzglase zeigt er nur schwache Hämolysinproduktion*). Das Hämolysin läßt sich von den Bakterien durch Filtration nicht trennen. Dagegen ergaben die Untersuchungen Stamme *) Arallani konnte mit einem bei einer perniziösen Anämie gewonnenen me durch intravenöse Injektion bei Tieren das gleiche Krankheitsbild erzeugen. Hämotoxine und Autihämotoxine der Bakterien. 1351 mit der EuKMANNSchen Blutagarplatte eigentümliche Resultate: Ka- ninchen- und Meerschweinchenblut wird in weitem Umkreise der isolierten Kolonien gelöst. Rattenblut gab kleinere Aufhellungs- kreise, Rinderblut inkonstante Resultate. Bei Verwendung von Hühnerblut kommt es entweder gar nicht, oder erst nach .3 Tagen zur Bildung eines klaren Ringes, dagegen schon nach 12 — 34 Stunden zu einer scharf umschriebenen, im auf- fallenden Lichte grünlichen Verfärbung des Blutfarbstoffes. Mikro- skopisch erkennt man die scheinbar unversehrten, aber entfärbten Blutkörperchen. Häufig sieht man einen weißen Hof mit braun- grünem Ringe, ,,und man hat den Eindruck, als ob der Blutfarbstoff der entfärbten Zone sich peripher geflüchtet und zum erwähnten Ringe verdichtet hätte". Da die Blutkörperchen intakt bleiben, han- delt es sich nicht um Hämolyse, sondern um Hämoglobinolyse, viel- leicht durch Bildung einer Leukoverbindung. Die Hämoglobinolyse läßt sich auch im Reagensglase beobachten, wo sich das Blut grün- lich färbt, die Bouillon aber wieder klar wird, also keine Auflösung des Farbstoffes in der Bouillon erfolgt. Da die Hämoglobinolyse sich im Gegensatz zur Hämolyse durch Zwischenschaltung vonDialysiermem- branen nicht aufhalten läßt, handelt es sich wohl nicht um eine Fermentwirkung (Lüde). Der Micrococcus melitensis erzeugte nach Fiorentini ein Hämolysin, das Menschenblut, Meerschweinchenblut, weniger intensiv Kaninchenblut löst. Sar einen zeigen keine hämolysierenden Eigenschaften (Lube- NAu). Die Blutagarplatte wird diffus gelöst, ohne Hofbildung um die Kolonien (Pribram). Vibrionen. (Hämotoxinbildner ; das Hämotoxin ist filtrierbar.) Fast alle Vibrionen produzieren in Bouillonkulturen Hämotoxine (Masi, Kraus), doch sind dieselben wohl ihrer Intensität nach, wie ihrer Natur nach verschieden, wie aus den Untersuchungen von Masi und Meinicke hervorgeht. Die stärkste hämolytische Wir- kung haben Vibrio Nasik (Kraus), Metschnikoff, Berolinensis, Fink- 1er (Masi), dann folgen Danubicus, Tirogenes, Massauah, Aquatilis, Phosphorescens. Bei Vibrio lingualis konnte Masi fast gar keine hämolytische Wirkung konstatieren. Nach den Untersuchungen Meinickes, die ich nach eigenen bestätigen kann, lassen sich zwei Typen von Vibrionen aufstellen : der eine Typus — zu dem weitaus die Mehrzahl der bekannten Stämme gehört — weist lebhafte Fermentbildung (Nitrosoindolreaktion, Gelatineverflüssigung, Hämotoxinproduktion) auf, der andere völli- gen Mangel der genannten Lebensäußerungen. Während die meisten Vibrionen für Kaninchen ziemlich unschäd- lich sind, enthalten Kulturfiltrate eines von R. Kraus eingehend studierten Stammes, des Vibrio Nasik, neben dem außerordentlich wirksamen Hämotoxin ein akut tötendes Toxin. Kraus hat die Verschiedenheit der beiden Gifte dadurch bewiesen, daß er konsta- tierte, daß normales Schweineserum ein Antihämotoxin enthält, ohne das Toxin zu beeinträchtigen, während normales Ziegenserum das Toxin neutralisiert, ohne antihämolytisch zu wirken. Dieses Nasik- hämotoxin löst im Gegensatz zu anderen fast alle Blutarteu mit gleicher Intentität auf (Kraus & Clairmont). Es ist außerordent- lich wirksam: 0,0005 cm^ einer 14 Tage lang gewachsenen Kultur 1352 Ernst Pribram. lösten 2 ccm einer 5-prozentigen Aufschwemmung von Kaninchen- blut in isotonischer Kochsalzlösung. Die empfindlichsten Blutarten sind nadi Arixkix : Meerschweinchen-, Mäuse-, Ziegen-, Kaninchen-, Hammelblut. Widerstandsfähiger: Menschenblut, Taubenblut, Frosch- blut. Das Maximum der Hämotoxinbilduug ist bei den gut hämoly- siereiiden Stämmen in der Regel am 4. Tage erreicht. Uebrigens sind Schwankungen auch bei einem und demselben Stamme gelegent- licli zu beobachten. Als Nährboden verwendet Meinicke eine Bouillon, die durch Zusatz von 2 ccm Soda zu 1 1 lackmusneutraler Lösung alkalisch gemacht wurde. Die empfiudlichsten roten Blutkörperchen sind die des Meerschweinchens, dann Kaninchen- und Menschenblut. Vibrio lingualis wirkte z. B. nur auf Meerschweinchenblut (Masi). Bei Erwärmen auf 55 ^ wird das Hämotoxin in seiner Wirkung stark beeinträchtigt, ebenso durch Licht und Bruttemperatur. Volk & LiPscHÜTz teilen einen Versuch mit, aus dem hervorgeht, daß man mit solchen unwirksam gewordenen Kulturfiltraten (Toxoiden) immu- nisieren kiann. Allerdings hat Brück die ^Möglichkeit, mit toxin- freien Toxoiden eine Antitoxinbildung hervorzurufen, in Abrede ge- stellt und seine theoretischen Ueberlegungen durch das Experiment gestützt*). Auf Bl utagar ist das soeben erwähnte Verhalten der beiden von Meinicke ) aufgestellten Typen besonders auffallend : Die hämotoxin- bildenden Vibrionen pflegen rasch, meist innerhalb 24 Stunden, helle Höfe in der Umgebung der einzelnen Kolonien zu bilden. Mit der Auflösung der roten Blutkörperchen geht in der Agar- platte bei fast allen Vibrionen und einigen Cholerastämmen eine Auf- nahme des Hämoglobins in die Kolonien Hand in Hand, wodurch sie sich allmählich im Zentrum rotbraun färben (Meinicke). Durch Zu- satz von Antihämotoxin konnte ich die Erscheinung der Hofbildung und das Lackfarbenwerden der ganzen Platte bei Vibrionen zwar kurze Zeit (ca. 12 Stunden) hemmen, jedoch ohne es zu verhindern. Dabei nimmt die Blutplatte die verschiedensten Farbentöne an (violett bis rotbraun), bis schließlich doch die Aufhellung erfolgt. Die auffallende, bereits von Meinicke konstatierte Erscheinung, daß Vibrionen, welche im Laufe der Zeit das Vermögen, Gelatine zu verflüssigen, eingebüßt haben, in Bouillonkulturen kein Hämotoxin produzieren, vcranlaßte mich, das proteolytische Vermögen mit der Hämotoxinproduktion zu vergleichen. Wie aus beistehender Tabelle hervorgeht, erfolgt bei gut hämolysierenden Vibrionen die Ge- latineverflüssigung innerhalb höchstens dreier Tage. Allen unter- suchten, nicht hämolysierenden Vibrionen fehlt das Vermögen vollständig. (Vibrio Deneke produzierte langsamer Hämotoxin als die anderen Vibrionen.; Cholerakulturen verflüssigen meist zwischen dem 3. und 5. Tage. Einige Stämme (Ch. 51, 42, 48, Flügge, XXX), welche bereits nrfch zwei Tagen verflüssigen, besitzen die Fähigkeit, rote Blutkörperchen in Kochsalzlösung innerhalb 24 Stun- den aufzulösen. Eine genaue Uebereinstimmung zwischen Gela- *) Brucks Untersuchungen wurden mit Tetanuskulturfiltraten angestellt, während Volk & Lipschütz mit den Filtraten des Vibrio Nasik arbeiteten. IVlit unwirksam gewordenen Staphylokokkenfiltraten gelang auch diesen beiden Autoren die Immunisierung nicht. Hämotoxine und Antihämotoxine der Bakterien. 1353 tiueverflüssiguug und Hämolyse läßt sich jedoch nicht bei allen Kulturen auffinden, da bei anderen erhebliche Abweichungen be- stehen. Doch sei hier darauf hingewiesen, daß Proteolyse durch ver- schiedene Fermente erfolgen kann, sowie daß besonders bei direkter Einwirkung der Mikroorganismen ein Abbau des Eiweißmoleküls er- folgen kann, wenn es an anderer Eiweißnahrung fehlt (vgl. Coli, FiNizio). Bezeichnung des Vibrio Verhalten auf Blutagar Gelatine- Verflüssigung Hämolyse in Bouillon 24 Std. 48 Std. 3 Tage 24 Std. 48 Std. 3 T. 1 W. in 2 Std. 65 e e Beginn e e e 65 K e e j. e e 248 Beginn total e + + 250 total ^ + -?- 275 e Beginn total + {+) partieU 299 Beginn total e e + + 348 j) n e + + 361 5) + + 463 )! e + -f Danubicus )) -f (+) partiell Deneke „ + 0*) Elvers e + + Massauah Beginn " e e + + Metschnikoft' total • e -f + Miller Beginn ?j -f + 35 total -f + 14 e e Beginn e Nasik total + + Choleravibrionen. Die Choleravibrionen unterscheiden sich, Avie Kraus gezeigt hat, von den nichtpathogenen Wasservibrionen dadurch, daß ihren Kulturfiltratcn die Fähigkeit, Blutkörperchen aufzulösen, vollständig fehlt. ^ ^ y , , Eine besondere Gruppe bilden die in El Tor aus den Stülilen kranker Mekkapilger gezüchteten ,,El-Tor''-Vibrionen, die, älmlich wie der Vibrio Nasik, neben einem stark wirksamen Hämotoxin ein für Kaninchen tödliches Toxin produzieren (Kraus & Pribram). Ihre Agglutinabilität durch Choleraserum, sowie ihr Verhalten im Pfeiffer- schen Peritonealversuch spricht für ihre Verwandtschaft mit den Cholera Vibrionen. Als Nährboden verwendeten Kraus & Pribram eine Bouillon, welcher ca. 2 — 4 ccm einer 5-prozentigen NaOH pro Liter (neuir. Bouillon) zugesetzt wurden. Auf Blutagar (Kaninchenblut j bilden die Kommabacillen nach frühestens 4 Stunden deutliche Höfe um jede Kolonie, indem sie die roten Blutkörperchen zum Verschwinden bringen. Während Schott- MÜLLER diese Hofbildung zur Differenzierung der Cholera von ande- ren Faecesbakterien benutzen wollte, schlug Kraus vor, das Verhal- ten der nichtpathogenen Wasservibrionen, bereits innerhalb 24 Stunden deutliche Höfe zu bilden, zur Differenzierung dieser von echten Cholerastämmen, deren Hofbildung erst später erfolgt, zu verwerten, *) Die Hämotoxinproduktion erfolgte erst später. 1354 Ernst Pribkam, Durch Verwendung anderer Blutarten gelang es Prausnitz Verwen- dung von Kalbsblut) ; später Kraus und Prantschoff (Verwendung von Hammel- oder Ziegenblut), die Differenzierung derart zu leiten, daß die nichthämotoxisclien Choleraerreger auf diesen minder empfind- lichen Blutplatten überhaupt keine Hofbildung in der Umgebung der Kolonien zeigen, im Gegensatz zum charakteristischen Verhalten der anderen Wasservibrionen. Eine Ausnahmestellung nehmen auch hier die hämotoxischen Stämme (El Tor) ein, welche entsprechend ihrem Verhalten in Bouillonkulturen auch in der Blutplatte kräftige hämo- lytische Wirkung entfalten*)**). Das Antihämotoxin, das man durch Injektion der hämotoxi- schen Kulturfiltrate der El-Tor-Vibrionen erhält, neutralisiert inter- essanterweise nicht bloß das Hämotoxin dieser Stämme, sondern auch das der Wasservibrionen (Vibrio Nasik, Metschnikoff, Danubicus, Finkler-Prior, Massauah etc.). Ebenso wird das Hämotoxin aller El-Tor-Stämme von dem Antihämotoxin, das durch Behandlung eines Tieres mit dem Hämotoxin des Vibrio Nasik gewonnen w^urde, neutrali- siert (Kraus & Pribram). Es ist also das Hämotoxin weniger ,, spezi- fisch" als andere biologische Reaktionen : die Agglutination, die Bakte- riol)'se im PpEiFFERSchen Peritonealversuch. Sera nichtvorbehandelter Ziegen, Pferde, Kaninchen enthalten kein Antihämotoxin. Proteus. (Hämotoxinbildner ; das Hämotoxin ist filtrierbar). Die Hämotoxinbildung in Bouillonkulturen wiesen Kraus & Clairmoxt nach. Blutagar wird innerhalb 48 Stunden total auf- gehellt. M e g a t h e r i u m (produziert echtes, filtrierbares Hämotoxin, Todt). Die Hämotoxinproduktion ist in hohem Maße vom Nährboden abhängig. Ein etwas höherer Alkaligehalt begünstigt sie, doch erfolgt sie in gewöhnlicher Peptonbouillon (genau neutralisiert gegen Lackmus) ebenfalls. Todd empfiehlt einen Zusatz von 7 ccm Normal- NaOH pro Liter. Die Hämotoxinproduktion in einer solchen Bouillon beträgt das Siebenfache von der in gewöhnlicher (Prüfung des Fil- trates). WiTXE-Pepton, das stets verwendet w^urde, erwies sich nicht immer gleich, da zuweilen die Hämotoxinproduktion vollkommen aus- bleibt und bei Verwendung einer anderen Peptonlösung sofort wieder eintritt, Sauerstoffabschluß verhindert die Hämotoxinproduktion. — Züchtung in Erlenmeyerkolben mit großer Oberfläche der Flüssigkeit begünstigt sie. Das Hämotoxin ist bereits am 2. Tage nachweisbar, erreicht etwa am 7. Tage das Maximum und sinkt dann allmählich ab. Am empfindlichsten sind Meerschweinchen-, Menschen- und Affenblut. Dann folgen Schaf-, Ochsen-, Ziegen-, Schweineblut. Fast *) J. J. VAX LoGHEM gibt an, daß hierbei Oxyhämoglobin gebildet wird, im Gegensatz zum Verhalten echter Cholerastämme, deren transparenter Hof niemals Oxyhämoglobin enthält. **) In einer nach Abschluß der Korrekturen erschienenen Arbeit wenden sich HuNTEMÜLLER & Ornstein gegen die Verwendung von Blutagarplatten zur Differentialdiagnose, da bei genügend langer Beobachtung auch Cholera- vibrionen Lösungserscheinungen zeigen. Auf diese Arbeit, sowie die von Sparm- BERG über Hämolyse durch eingeißelige Vibrionen im Gegensatz zu mehrgeiße- ligen kann nur mehr verwiesen werden. Hämotoxine und Antihämotoxine der Bakterien. 1355 unempfindlich erwies sich das Blut von Hunden, Ratten, Geflügel, Kaninchen, Sperling, Esel, Pferd. Absättigung mit einer Blutart (z. B. Meerschweinchen) erschöpft das Hämotoxin nicht auch für eine andere (Schafblut), wenn auch die Wirkung einigermaßen beeinträchtigt wird. Mischt man mehrere Blut- arten, so ist der Bedarf an Hämotoxin geringer, als wenn man jede für sich zur Lösung bringt. Erwärmen auf 56 — 60° (^/g Stunde) inaktiviert das Hämotoxin, nach den Untersuchungen von Dreyer & Jex Blake gelingt jedoch zuweilen eine teilweise ßeaktivierung durch Erhitzen auf 100 ^ G. (10 Min.). 21/2 Volumina dieses erhitzten Magatheriumhämotoxins bewirken einen gleichen Grad von Hämolyse wie ein Volumen des unerhitzten. Die Identität beider wurde durch die Wirkung des Anti- hämotoxins festgestellt. Atkin gibt an, daß die Abschwächung des Megatheriumhämotoxins mit der Temperatur bis zu 55 ^ C zunimmt, dann abnimmt, und von 75° C an bis zum Siedepunkt wieder zunimmt. H. Vincent konnte ein durch längeres Stehen abgeschwächtes Hämotoxin durch Zusatz von CaClj (1 : 2000) reaktivieren. Stärkerer Zusatz dieses Salzes fällt das Hämotoxin aus. Antihämotoxin enthalten : Menschenserum, Schaf-, Schweine-, Eselserum. Erhitzen auf 64 C. (^/g Stunde) verdoppelt nahezu die antilytische Kraft des Eselserums. Das Meerschweinchenserum, das normalerweise nur sehr schwach antilytisch wirkt, wird durch Erhitzen auf diese Temperatur stark antilytisch*). Die Immunisierung gelingt leicht, da der Mikroorganismus nicht pathogen ist. Bei der Ziege z.B. beginnt man mit 0,5 ccm und steigt allmählich auf 200 (subkut. Inj.). 10 Tage nach der letzten Injektion erfolgt der Aderlaß. Das Antihämotoxin ist sehr wirksam. Milzbrand. In einzelnen Kulturen ein schwaches, nicht filtrier- bares Hämolysin. Casagrandi gibt an, in 3 — 8-tägigen Bouillonkulturen von Milz- brand ein Hämotoxin gefunden zu haben, das nur auf die roten Blut- körperchen der Kaninchen wirkt, auch da übrigens sehr schwach. In Kulturen auf Blut, Plasma, Serum, albuminhaltigen Flüssigkeiten tritt keine Hämotoxinproduktion ein. Auf Blutagar erfolgt der Austritt des Blutfarbstoffes in 48 Stunden (Fribram, Krogh). Tetanus (echtes, filtrierbares Hämotoxin, nicht in allen Kul- turen nachweisbar). Ehrlich, der, wie erwähnt, das Hämotoxin im Filtrate der Te- tanuskulturen zuerst nachgewiesen hat, betonte gleichzeitig die Ver- schiedenheit von dem ,,Tetanospasmin", das ebenfalls in die Filtrate übergeht. Die Verschiedenheit ihrer Intensität und ihrer Haltbar- keit, sowie Bindungsversuche und Neutralisierung durch Antihämo- toxin dienten als Beweis hierfür. An dem Hämotoxin des Tetanusbacillus studierte Madsen die allgemeinen Eigenschaften der Hämotoxine und Antitoxine. Das Te- tanuslysin wird bei Erwärmen auf 50 ^ (20 Minuten) abgeschwächt, ebenso durch kräftiges Schütteln, durch Lichtwirkung usw. Es ist wohl das empfindlichste aller bekannten Hämotoxine. *) Eine solche Steigerung des Antilysingehaltes normaler Sera durch Erwärmen nahm auch Hedon bei seinen Versuchen über die hämolytische Wirkung von Glukosiden wahr. (Arch. internat. de Pharmacod. et de Ther.. Vol. 8, 1901.) 1356 Ernst Pribram, Kaninchenblut, Meerschweinchen-, Rinder- und Pferdeblut werden ungefähr gleich stark aufgelöst, während Schweine- und Ziegenblut resistenter sind (Kraus & Clairmont). Antihämotoxine für Tetanus- hämotoxin enthalten normales Schweineserum und Pferdeserum. Letz- teres ist noch in hohen Verdünnungen wirksam (0,0005). Pestbacillen. Hämolysinbildung vorhanden; bisher ist das Hämolysin weder in Kulturfiltraten nachgewiesen, noch ein Anti- hämolysin mit solchen gewonnen worden. Die Hämotoxinproduktion hängt von der Virulenz der Stämme ab. Virulente Pestkulturen zeigen starke Hämolyse, besonders zwischen dem 9. und 12. Tage (Beginn am 4. Tage). Raybaud, der die Wir- kung beobachtete, fand zuweilen auch bei virulenten Kulturen nur schwache Hämotoxinbildung. Nach Uriarte ist Menschenblut be- sonders empfindlich. Pyocyaneus. (Die Hämotoxinnatur des filtrierbaren Hämo- lysins ist bisher nicht einwandfrei erwiesen.) Nach Weingeroff geht die Toxizität von Pyocyaneuskulturen parallel mit der hämolytischen Wirkung derselben, da beide von dem Alter der Kultur abhängen. Bulloch & Hunter konnten ebenfalls das Alter der Kulturen als maßgebend für den Grad der Hämolyse finden. Sehr günstige Verhältnisse fanden sie am 21, — 37. Tage. Als Nährboden empfiehlt Weingeroff eine 1,5-proz. Pepton- bouillon. Da die Bouillon während des Wachstums sehr stark alka- lisch wird, hat schon Lubenau einen Teil der Hämolysinwirkung auf Alkaliproduktion zurückgeführt. Jordan behauptet geradezu, daß der Alkaligehalt allein genügte, die gleiche Hämolyse hervor- zurufen, wie Kulturen von Pyocyaneus. Dagegen spricht allerdings die Zerstörung des Hämolysins durch Behandlung mit Magen- und Pankreassaft (künstliche Verdauung). Am leichtesten wird Ochsenblut angegriffen, dann das vom Hunde, Pferd,' Schaf, Katze, Maus, Ratte, Kaninchen und Affe, sowie Men- schenblut (Bulloch & Hunter, ähnlich Weingeroff). Auffallend ist die Hitzebeständigkeit des Pyocyaneushämolysins : Bulloch & Hunter haben auf 55 — 60 o durch 30 Min. bis 1 Stunde erhitzt, ohne seine Wirkung beeinträchtigen zu können, ebensowenig bei 100—1200 durch 30 Minuten. Bei einer 7 Tage alten Kultur w^urde durch Erhitzen auf 100 o durch 15 Minuten die Wirkung auf- gehoben. Breymann fand stets Hitzebeständigkeit. Die Filtrate sind nach Bulloch & Hunter wirksamer, wenn man die Kulturen vor dem Piltrieren 5 Minuten laug auf 100*^ erhitzt. Da durch Bindung allen Hämolysins an rote Blutkörperchen nichts an Toxinwirkung verloren geht, und durch Pankreas- und Magensaftverdauung das Hämolysin zerstört wird, das Toxin intakt bleibt, sind beide voneinander verschieden (Weingeroff). Pyocyanase hämolysiert nicht (Bulloch & Hunter). PuKUHARA hat älmlich» wie bei Staphylokokken aus einer Ab- schwemmung des Bakterienrasens von Pyocyaneus nach 24 Stunden langer Autolyse bei 37 o C mit Alkohol einen Niederschlag erhalten., der nach Abdampfen des Alkohols, in Kochsalzlösung aufgeschwemmt, rote Blutkörperchen löst. Dieses Hämolysin ist hitzebeständig, durch Säure, Lauge und Fermentwirkungen nicht angreifbar. Erwärmen in Gegenwart von Serumeiweiß hebt die Hämolyse auf. Hämotoxine und Antihämotoxine der Bakterien. 1357 Versuche, Antihämotoxin gegen das Pyocyaneushämolysin in Kul- turfiltrateu auf dem Wege der Immunisierung zu erzeugen, sind in der Literatur nirgends erwähnt, so daß der Beweis dafür, ob ein wirkliches Hämotoxin produziert wird, noch nicht erbracht ist. Jedenfalls wäre bei einem Versuche zu immunisieren auf die hohe Toxizität viru- lenter Kulturen zu achten. Nach Wassermann genügen 0,0.5 einer kleinen Oese einer 25-stündigen Agarkultur, um ein Meerschweinchen von 400 g in 20 Stunden zu töten. Die Virulenz sinkt außerhalb des Körpers zwar schnell, aber mit ihr auch die Hämolysinproduktion. In der Agarplatte werden die roten Blutkörperchen rasch (48 Stunden) aufgelöst und der Blutfarbstoff resorbiert. Coli. (Wahrscheinlich kein echtes Hämotoxin, doch gibt Kayser an, bei einzelnen Stämmen ein filtrierbares Hämotoxin erhalten zu haben.; Die Hämolyse durch Colibacillen, bisher nur bei einzelnen wenigen Stämmen nachgewiesen, hängt nach Durante lediglich von ihrer Virulenz ab und steht im Verhältnis zum Grade derselben. Kayser hat das Hämolysin zweier pyogener Colistämme eingehend untersucht. Er empfiehlt als günstigsten Nährboden eine Eleisch- wasserpeptonbouillon, deren Säuregehalt in 100 ccm . . . S ccm i/^o n- Oxalsäure entspricht. Sowohl stärkerer als geringerer Säuregehalt ist ungünstig für die Hämolysinproduktion. Diese ist am 2.-4. Tage nachweisbar und bleibt von da ab bis zur 3. Woche ungefähr gleich. Als Testobjekt ist Hundeblut am geignetsten. Geringer ist die Wirkung auf Pferde-, Rinder- und Kaninchenblut. Ganz unwirksam ist es für Menschen-, Meerschweinchen-, Tauben-, Gänse- und Schaf- blut. Wo keine Hämolyse eintritt, erfolgt starke Hämagglutination (auch bei partieller Hämolyse). Einen coliähnlichen Bacillus mit ausgesprochen hämotoxischen Eigenschaften beschreibt Mori, Bacillus caticida. Die Filtrate von 6 Tage alten Kulturen enthalten ein Hämolysin für Hundeblut mit geringer Wirkung auf Kaninchenblut, ßinder- und Hülinerblut sind resistent. Das Hämolysin ist deshalb besonders beachtenswert, weil ihm eine ähnliche Eigenschaft zukommt, wie einem von Dreyer beschriebenen Megatheriumlysin : es erfährt bei 60 ging Abschwächung, bleibt dagegen bei 120 o unverändert (30 Minuten langes Erhitzen). Charlton hat durch intravenöse Injektion von Colikulturen eine ausgesprochene progressive Anämie hervorgerufen. Colikulturen zeigen auf der Blutagar platte diffuse Aufhel- lung innerhalb 24 Stunden, ohne Hofbildung. Bernstein gibt einen Nährboden an, auf dem Coli im Gegensatz zu Typhus zugesetztes Blut auflöst: zu 35 ccm 1-proz. Ammoniumoxalat in destilliertem Was- ser läßt man 400 ccm Rinderblut laufen, schüttelt durch und setzt V2 ccm 40-proz. Formalinlösung zu. Nach 1-stündigem Stehen wird das Blul in kleinen Portionen in sterile Erlenmeyerkolben verteilt) und mit der doppelten Menge steriler Kochsalzlösung versetzt, 1 — 2 Tage bei Zimmertemperatur stehen gelassen, dann Laktose zugesetzt. Auf einem solchen Laktosebl utagar löst Coli die Blutkörperchen auf, Typhus nicht, ebenso auf einem analog dargestellten Dextrin- bl utagar. Bernstein verwendet auch Maltose und Glyzerin (5 Proz.) als Zusatz zum Agar mit ähnlichem Erfolg. 1358 Ernst Pribram, Die durch Colibacillen hervorgerufene Hämol3^se wird nach Kayser gehemmt durch Kaninchen-, Hunde- und Menschenserum. Seine Angabe, er habe ein Anfcihämolysin durch Immunisierung ge- wonnen, wäre noch zu überprüfen. Typhus. (In einzelnen Kulturen scheinen echte, filtrierbare Hämotoxine gefunden worden zu sein, E. & P. Levy, Castellani). Das Hämolysin ist nach E. & P. Levy bereits in zweitägigen Kulturen nachweisbar. Das Optimum wird in der 2. Woche erreicht. Als Nährboden wird eine schwach alkalische Bouillon angegeben. Die empfindlichste Blutart ist Hundeblut ; nach Williamson sind Menschen- und Meerschweinchenblut vollkommen resistent. Williamson gibt an, der Alkaligehalt des Filtrates sei zur Erklärung der Hämolyse ausreichend. Da aber E. & P. Levy , so- wie Castellani mit Kulturfiltraten Antihämolysine erzeugt haben, läßt sich diese Behauptung nicht aufrecht erhalten. Das Antihämo- lysin ist gegen Erwärmen auf 56 ^ unempfindlich, es ist ziemlich wirk- sam (0,025 ccm paralysieren 0,05 ccm Hämolysin). Auf Laktoseblutagar (Bernstein) zeigen die meisten Ty- phusstämme keine Hämolyse. Wie sich solche Stämme verhalten, die Hämolysin in flüssigen Nährböden produzieren, wäre erst zu untersuchen. D y s e n te r i e. (Einzelne Stämme produzieren nach Castellani echtes, filtrierbares Hämotoxin.) DieHämolysinbildung wurde bei einzelnen Dysenteriestämmen (von Castellani) nachgewiesen und auch Antihämolysin dargestellt. Auf Blutagar verhalten sich die beiden Dysenteriestämme (Kruse und Elexner) wie Coli und Typhus. Hühnercholera. In Hühnercholerakulturen und ihren Filtraten hat Calamida ein Hämotoxin nachgewiesen, das bis zum 12. Tage produziert wird. Es wirkt besonders auf Kaninchenblut, weniger Meerschwein- chen- und Hundeblut. Gegen Erwärmung auf 48 o ist es fast unem- pfindlich, bei 700 (1/2 Stunde) wird es zerstört. Diphtherie. (Einzelne Stämme enthalten ein Hämolysin, dessen Hämotoxinnatur fraglich ist.) Nach LuBENAU hämolysieren Diphtheriebacillen im Gegensatz zu Pseudodiphtheriebacillen. Die Wirkung verschiedener Stämme ist sehr verschieden. Schwoner gibt an, daß hauptsächlich die von schwerer septischer Diphtheritis herrührenden Kulturen ein starkes Lösungsvermögen besitzen, dieses aber bei Fortzüchten auf künst- lichen Nährböden zuweilen völlig einbüßen. Zusatz von normalem Pferdeserum (2 cm^) zur Bouillon (10 cm^) befördert die Hämolysin- produktion. Erwärmen auf 58 zerstört das Hämolysin. Auch bei einem Stamme findet man zuweilen ganz plötzliche unregelmäßige Schwankungen. Die Auflösung der Erythrocyten kann bereits in eintägigen Kulturen beobachtet werden. Da es bisher nicht gelungen ist, ein Antihämotoxin darzustellen, ist es fraglich, ob wir es mit echter Hämotoxinproduktion zu tun haben. Das Hämolysin ist an die Bakterienleiber gebunden. Die hämolytische Kraft der auf LöFFLER-Serum gewachsenen Kulturen erweist sich in Bouillonaufschwemmungen wirksamer als der auf Hämotoxine und Antihämotoxine der Bakterien. 1359 Agar gewachsenen (Sciiwonerj. Xormale Sera enthalten geringe Mengen Antilysin. Em Diphtheriestamm, der sich von den anderen durch geringe Säurebildung und Ausbildung der NEissERSchen Doppelfärbung unter- schied, hämolysierte gar nicht. Xerosebacillen bewirken keine Hämolyse. Säurefeste Bacillen bilden kein Hämotoxin. Kulturen von Tuberkelbacillen lösen das Blut tuberkulöser Meerschweinchen auf, nicht aber das gesunder (Raybaud & Haw- thorn). Die Wirkung säurefester Bacillen auf Blutagarplatten er- folgt langsamer als bei anderen Bakterien, doch scheint dies mit der geringen Wachstumsenergie Hand in Hand zu gehen. Anaerobe Bakterien. (Einzelne produzieren Hämotoxin.) Eisenberg fand in Kulturen von Bacillus chauvoei und Bacillus oedematio maligni thermolabile Hämotoxine, welche Meerschweinchen- blut stärker als Hammelbliit lösen. Abgeschlossen 1. März 1912. Literatvir. Abderhalden. E., & Le Cou^-T, E.. Zeitschr. f. exp. Path. u. Ther., Bd '' H >> 1905. Aeallaxi, Gazz. degli Osped., 1905. Arinkin, M., Biochem. Zeitschr., Bd. 6, 226, 1907. Arrhenr's & Madsex, Zeitschr. f. phys. Chemie, Bd. 44, 1903. Atkix, E., Zeitschr. f. Immiinitätsforsch., Orig., Bd. 4, 156, Bd. 7, 656, 1910 Bajardi, Ann. d'Ig. Sperim., N. ser.. Vol. 1], Fase. 3, 1901 (ref. Centralbl. f. Bakt., Eef., Bd. 31, 1902). 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Eine der eifrigsten Bestrebungen der modernen Immunitätsfor- schung besteht darin, aus den Zellen, die als Antigen im artfremden Organismus funktionieren können, Stoffe zu isolieren, die chemisch wohlchai'akterisiert sind, und die noch mit den dem ursprünglichen cellulären Elemente eigenen antigenen Fähigkeiten versehen sind. Ohne hier näher auf die zahlreichen Versuche derjenigen einzu- gehen, die sich bemühten, aus den Zellen Antikörperbildung auslösende Substanzen zu extrahieren, sei nur erwähnt, daß im allgemeinen mehr die Eiweißstoffe als Träger der antigenen Funktion betrachtet wor- den sind, und nur in der letzten Zeit von mehreren Forschern als möglich angenommen worden ist, daß auch Lipoide und Lipoid-Eiweiß- verbindungen als Antigene wirken können. Die Untersuchungen über immunisierende Eigenschaften von Kör- pern mit dem chemischen Charakter der Nukleoproteide dürften wohl die ersten Versuche sein, die Antigene auf rein chemischem Wege zu gewinnen ; sie besitzen sowohl in praktischer wie in theoretischer Hinsicht eine nicht zu unterschätzende Bedeutung. Diese Unter- suchungen beziehen sich hauptsächlich auf die immunisierende Wir- kung der aus Bakterienzellen darstellbaren Nukleoproteide. Im folgenden soll nach einer kurzgefaßten Betrachtung der all- gemeinen Charaktere der Nukleoproteide und ihrer biologischen Wir- kungsweise, der heutige Stand der Frage der Immunisierung gegen verschiedene Infektionskrankheiten mittelst bakterieller Nukleopro- teide dargestellt werden. Allgemeinee über Nukleoproteide. Als Nukleoproteide werden von der physiologischen Chemie (Ham- MARSTEN, Halliburton, Bang) Stoffe bezeichnet, die bei der peptischen Ver- dauung einen unlöslichen phosphorreichen Rückstand hinterlassen, der als ein echtes Nuklein zu betrachten ist, weil er beim Kochen mit Mineralsäuren durch Abspaltung Purinkörper liefert. Die Nukleoproteide unterscheiden sich von den Phosphorproteiden (wie Kasein) hauptsächlich dadurch, daß die letzteren keine Purine und Pyrimidine liefern. Die Nukleoproteide sind äußerst komplex gebaute Stoffe, mit sehr großen Molekülen; sie sind charakteristisch für die Ueber Bakteriennukleoproteide. 1363 Zellkerne; nach vielen Forschern dürften sich in ihnen die elementaren Lebens- lunktionen abspielen. Fast aus allen Organen, Geweben und Zellen kann man Nukleoproteide extrahieren: die zwei Hauptmethoden sind diejenigen von Halliburton, die für uns nicht in Betracht kommt, und diejenige von Wooldridge, dereui Modifikation nach Lustig und Galeotti ausschließlich zur Darstellung der Nukleoproteide aus den Bakterienzellen dient. lieber Gewebsnukleoproteide. Wenn es sich um die Extraktion von Nukleoproteiden aus Tiergewebeii handelt, kann die ursprüngliche WooLDRiDGEsche Methode angewandt werden. Sie besteht hauptsächhch in einer längeren Behandlung mit destilliertem Wasser, Filtration und Fällung der Nukleoproteide aus dem Filtrat durch Zusatz einer verdünnten Säure (Essigsäure): die allmählich sich absondernden Flöckchen werden auf einem Filter gewaschen, getrocknet und aufbewahrt. Solche, aus Tiergeweben gew'Onnene, ziemlich reine Nukleoproteide scheinen antigene Eigenschaften zu besitzen: Carrara bemühte sich durch Behandlung von Tieren mit aus Hundenieren ausgezogenen Nukleoproteiden cytolytische Sera zu gewinnen; Guerrini konnte aus Vollblut ein Nukleoproteid extrahieren, mit dem er durch intraperitoneale Behandlung von Kaninchen ein, sowohl in vitro, wie in vivo, hämotoxisches und hämolytisches Serum herzustellen imstande war. Aus diesen, freilich nicht zahlreichen Versuchen scheint hervorzugehen, daß gewisse aus den Geweben vermittelst der W^ooLDRiDOEschen Methode extrahier- bare Stoffe, die der Klasse der Nukleoproteide angehören (und vielleicht nach Herlitzka und Borrino auch Nukleohiston enthalten), einem artfremden Tiere eingespritzt, die Bildung von cytolytischen Antikörpern hervorzurufen vermögen. Ueber Bakteriennukleoproteide. A. Allgemeines und Geschichtliches. Wir wenden uns nun den Nukleoproteiden bakteriellen Ursprungs zu, deren Studium seit den ersten Untersuchungen von Lustig und Galeotti über Pest- und C'holeraschutzimpfung datiert. Der allgemeinen Erkenntnis gemäß, daß diese komplex gebauten, phosphor- reichen Stoffe einen der biologisch wichtigsten Bestandteile der Zellen darstellen, war es ganz natürlich, daß man versuchte, sie aus den Bakterienleibern zu isolieren. Schon die Arbeiten von Gramer, Nexcki, Brieger, Hamaierschlag, Buchner hatten viele Tatsachen bezüglich der chemischen Zusammensetzung der Bakterienzellen klargelegt; Vandervelde, Nishimura, Gamaleya hatten erkannt, daß Phosphor enthaltende Körper eine wichtige Rolle dabei spielen, und solche als Nuklein oder Nukleoprotein betrachtet. Aber erst durch die Arbeiten von Lustig und dessen Schüler Galeotti (1895 — 96) wurde nachgewiesen, daß diese Stoffe Nukleoproteide sind, die im großen und ganzen den in den Geweben der höhereu Organismen enthaltenen ähnlich sind. Die von der Florentiner Schule zuerst studierten bakteriellen Nukleoproteide wurden aus dem Choleravibrio, aus dem Pestbacillus und aus einem Bacillus extrahiert, der anläßlich einer unter den Schildkröten das Laboratoriums ausgebrochenen Epidemie isoliert wurde und in vielen dem Bacillus ranicidus von Ernst ähnlich war. Später sind von denselben und von anderen Forschern eine große Reihe von Bakterien bezüglich der Möglichkeit, aus ihrem Leibe Nukleoproteid zu gewinnen, unter- sucht worden; und die dabei gewonnenen, rein chemisch dargestellten Stoffe auf iure vaccinierenden Eigenschaften geprüft worden. Im folgenden seien zunächst die chemischen Charaktere der bak- teriellen Nukleoproteide, dann ihre allgemeinen biologischen Wir- kungen und die Methoden ihrer Darstellung, endlich die wichtigsten bakteriellen Nukleoproteide einzeln besprochen. B. Chemische Eigenschaften der bakteriellen Nukleoproteide. Um sie zu studieren, muß man mit möglichst reinem Nukleo- proteid arbeiten; bei der Besprechung der Alethodik der Zubereitung werden wir sehen, wie diese Reinheit der Produkte zu erreichen ist. 86* 1364 Alessandro Lustig, Das tiockeue Nukleoproteid ist gewöliiilich eine gelblichweiße, körnige Masse, die zerrieben ein vollkommen weißes (Xukleoproteid des Schildkrötenbacillus) oder grauweißes (Xukleoproteid des Cho- leravibrio) Pulver gibt, das in destilliertem Wasser und ver- dünnten Säuren, sowie in vielen Lösungsmitteln (Al- kohol, Aether usw.) unlöslich, in Alkalien dagegen (z. B. in sehr verdünnten XaOH, KOH, Xa2C03-Lösungen) aber löslich ist. Die alkalischen Lösungen opalisieren und sind stets etwas schleimig, sobald sich eine größere Menge in Lösung befindet. Auch in 10-proz. XaCl-Lösung ist das Xukleoproteid teilweise löslich. Aus den alkalischen Lösungen fällt es bei Xeutralisation oder schwacher Ansäuerung in Form von weißen Flocken aus, desgleichen durch die Salze der Schwermetalle, durch Zinkchlorid, Silbernitrat, Al- kohol, Tannin, endlich durch Sättigung mit Ammonium- oder Ma- gnesiumsulfat. Es gibt MiLLoxsche und Xanthoproteinreaktion. Mit Kalilauge und Kupfersulfat erhält man einen graugrünen Xieder- schlag, aber keine Reduktion. Bexdix konnte als integrierenden Bestandteil der Bakteriennukleoproteide (aus Tuberkelbacillen extra- hiert) Pentosen finden, wie es andere Forscher füx Organnukleo- proteide gefunden hatten. Wenn man einige der durch Fällung mit Essigsäure erhaltenen Flocken in destilliertem Wasser suspendiert und kocht, so erleiden die- selben scheinbar keine Veränderung ; macht man aber hierauf die Flüssigkeit mit Xatriumkarbonat leicht alkalisch und schüttelt tüch- tig durch, so sieht man, wie sich die Flocken verändern und zer- bröckeln. Die Flüssigkeit wird opalisierend, während sich nach und nach ein aus kleinen, den früheren unähnlichen, Flöckchen bestehender Xiederschlag zu Boden setzt. Filtriert man nun ab, so findet man, daß das Filtrat bei Ansäuerung noch einen Xiederschlag gibt; in solchem Filtrate kann man nach Galeotti ein echtes Xuklein nach- weisen, welches dieselben Eigenschaften zeigt, wie das von Kossel aus Blastomycyten gewonnene Xuklein. Hieraus kann man also den Schluß ziehen, daß beim Kochen der Xukleoproteidsuspension eine partielle Koagulierung der Substanz stattfindet, und daß nach Zusatz von Xatriumkarbonat eine Abspaltung des koagulierbaren Teils von der in Lösung bleibenden Xukleingruppe vor sich geht. Wenn man die direkt aus den Bakterien gewonnene Substanz mit künstlichem Magensafte verdaut, so erhält man ein Pepton und einen phosphorreichen Rückstand (Xuklein — Bang). Kocht man das Xukleoproteid in Gegenwart von verdünnter Schwefelsäure, so bekommt man eine Abspaltung von Purin körpern aus der Xukleingruppe; die betreffenden Reaktionen (mit ammoniakalischem Silfcernitrat, mit Kupfersulfat usw.) fallen sämtlich positiv aus. Das Xukleoproteid hinterläßt wenig, aber an Phosphor reiche Asche; auch Spuren von »Schwefel sind darin nachweisbar, wenig- stens im Xukleoproteide des Schildkrötenbacillus (Galeotte). Die quantitative Bestimmung von P und X ergab Durchschnittswerte von 12.15 Proz. X und 0,028—0,043 Proz. P. Galeotti hat das Verhalten des X'ukleoproteids den verschie- denen Farbstoffen gegenüber eingehend studiert; danach kann man im allgemeinen sagen, daß diese Substanz eine größere Affinität zu den basischen Farbstoffen besitzt. ücber Bakteriennukleoproteide. 1365 C. Allgemeine biologische Eigenschaften der Bakteriennukleoproteide. Eine der typischsten Eigenschaften der Nukleoprcjteidc (sowohl der bakte- riellen wie der Gewebsnukleoproteide) ist die koagulierende Wirkung auf das Blut (HALLiBURXONsche Probe): Wenn man einem Kaninchen oder einem Hunde eine gewisse Menge von Nukleoproteidlösung in die Jugularis ein- spritzt (10 — 20 ccm einer 1-proz. Lösung für ein mittelgroßes Kaninchen), so tritt nach wenigen Minuten der Tod des Tieres ein; bei der Sektion wird eine ausgedehnte Gerinnung des Blutes im ganzen Gefäßsystem gefunden. Diese Ge- rinnung scheint aber nicht gleichzeitig im ganzen Gefäßsystem vor sich zu gehen, es bilden sich vielmehr nach una nach kleine Thrombosen in verschiedenen Gebieten, welche dadurch allmählich dem Blutzuflusse verschlossen werden (Lustig und Gäleotti). Die bakteriellen Nukleoproteide sind außerdem imstande, eine reizende Wirkung auf die Leukocyten und auf einige lymphatische Elemente auszuüben. Spritzt man Tieren Nukleoproteid ein (auf verschiedenen Wegen ^, so tritt bald eine Schwellung der Milz und der Lymphdrüsen in Erscheinung, die auf eine .^jahäufung von Leukocyten und eine Vermehrung von Lympho- cyten zurückzuführen ist. Diese Elemente werden nämlich durch die Nukleo- Eroteide zu starker Beweglichkeit, Phagocytose (und wahrscheinlich auch leb- after Teilung) angeregt, wie auch direkt nachgewiesen ist: Gäleotti führte Chemotaxisversuche mit Glaskapillaren aus, die eine chemotaktische Wirkung der aus dem Pestbacillus, Micrococcus ureae, Sarcina, Bacillus prodigiosus ge- wonnenen Nukleoproteide auf die Leukocyten erwiesen; Menini bekam gleich- bedeutende Ergebnisse mit Pyocyaneus- und Choleranukleoproteiden. Ferner ist erkannt, daß sterile Eiterbildungen bei der vollkommen aseptischen Injektion von Nukleoproteiden vorkommen; und daß das Blut der so be- handelten Tiere eine starke Leukocytose aufweist (Lustig und Gäleotti j. Auch in der Cornea kann man mit Nukleoproteiden starke Infiltrationen hervor- rufen. ■ Eine weitere Eigenschaft der Nukleoproteide ist die paralysierende Wirkung auf die Muskulatur der Gefäße und wahrscheinlich auch auf das Herz: .solche Wirkung ist besonders bei Pestnukleoproteiden aus- gesprochen (Lustig, Gäleotti, Polverini). Dieselbe paralysierende Wirkung auf die Gefäßmuskelzellen, zusammen mit der koagulierenden auf das Blut, erklärt die Stauung, die Blutungen, die Gefäß- erfüllung, die immer bei der Sektion mit Nukleoproteid behandelter Tiere an- getroffen werden. Auch das nicht selten vorhandene Oedem ist durch die Blut- und Gefäßveränderungen zu erklären. Auf die epithelialen Parenchymzellen wirken die Nukleoproteide in ganz anderer AVeise als auf die Leukocyten, Lymphocyten, Bindegewebselemente (mes- enchymalen Ursprungs); während, wie gesagt, bei letzteren die Reizerscheinungen im Vordergrunde stehen, sehen wir nach den Beobachtungen von Gäleotti in- folge der Einwirkung von Nukleoproteiden auf verschiedene Parenchymzellen (Niere, Leberj eine ausgesprochene Nekrose, die im allgemeinen als Koagulationsnekrose aufzufassen ist. Gäleotti hat das be- sonders bei intraparenchymalen Einspritzungen von Nukleoproteidlösungen fest- festellt. In der Niere konnte er auch sehr gut die Bildung von Fibriuzylindern eobachten. Dieser Forscher schreibt den Nukleoproteiden fermentative Wirkungen zu: er setzt ihre blutgerinnende Fähigkeit mit dem Vermögen, in den verschiedenen Geweben Koagulationsnekrose und Fibrinbildung hervorzu- rufen, in Parallele. Auf Spermatozoen und Flimmerepithelien wirken die Nu- kleoproteide paralysierend (wie auf Muskelzellen): die Hemmung der diesen Elementen eigenen Bewegungen tritt ein, bevor morphologische Ver- änderungen erscheinen: auch diese Tatsache steht in Gegensatze zur schon be- sprochenen Reizwirkung, die die Nukleoproteide auf die Leukocytenbewegungen ausüben. Eine der gewöhnlichsten Erscheinungen bei der Behandlung von Tieren oder Menschen mit Nukleoproteiden (mit Ausnahme vielleicht des Cholera- nukleoproteids ; siehe unten) ist das Fieber (gleichgültig auf welchem Wege die Einverleibung geschieht): schon 2 — 3 mg der trockenen Substanz geben bei einem gesunden Menschen (subkutane Einspritzung der alkalischen Lösung) eine deutliche Erhöhung der Temperatur; alle Stoffwechselveränderuugen, die das Fieber charakterisieren, gehen mit dieser Temperatursteigerung einher. 1366 Alessandro Lustig, Die meisten dieser biologischen Eigenschaften sind sowohl den Bakterien- nukleoproteiden wie den Gewebsnukleoproteiden eigen: im zweiten Falle (Gewebs- nukleoproteide) aber scheinen die nekrotisierenden Wirkungen weniger ausge- sprochen zu sein (Galeotti). Die für uns wichtigste Eigenschaft der Xukleoproteide, sowohl vom allgemein biologischen wie praktischen Gesichtspunkte aus, be- steht in der ihnen unzweifelhaft zukommendenFähigkeit, als wirk- same Impfstoffe funktionieren zu können. Man kann nach der heutigen Ausdrucksweise behaupten, daß die Nukleoproteide gewisse antigene Gruppen besitzen, die im Tierkörper eine spezifische Antikörperbildung zu bewirken vermögen. Nach den Beobachtungen von Franchetti, Schmitz, Blell, RoNDONi, besitzen die Nukleoproteide agglutinogene Fähigkeiten; auch rufen sie die Bildung von bakteriolytischen Immun- körpern und komplementbindenden Antikörpern (wenig- stens im Falle des Choleranukleoproteids) hervor, wie durch die Untersuchungen von Blell, Schmitz, Rondoni nachgewiesen ist. E.ONDONI konnte in vitro eine deutliche Bindung von Aggluti- ninen und BoRDETschen Antikörpern aus hochwertigen Choleraseris durch Choleranukleoproteid nachweisen ; dieses Verhalten des Cho- leranukleoproteids den spezifischen Seris gegenüber wurde als Zeichen des Vorhandenseins von spezifischen antikörperbindenden und (nach einem Postulat der EHRLicHschen Seitenkettentheorie mit ihnen identischen) antikörper bilden den Gruppen betrachtet. Spezifische endo toxische Komponenten scheinen in den Cholera- und Pestnukleoproteiden enthalten zu sein (Lustig, Gale- otti, Kravkoff). Die Nukleoproteide verleihen Tieren aktive Immunität gegen die lebenden Bakterien derselben Art, die zur Gewinnung des Impf- stoffes diente. Die Sera so behandelter Tiere besitzen, außer in vitro nachweisbarem, agglutinierendem und bakteriolytischem Ver- mögen, heilende und schützende Wirkung in vivo (passive Immunität). Bei der Besprechung der Nukleoproteide der einzelnen Bakterien- arten werden wir näher auf diese — unter allen die wichtigste — Eigenschaft der Nukleoproteide eingehen. D. Methodik der Herstellung. Wie Lustig und Galeotti in mehreren Arbeiten gezeigt haben, muß man, um die Nukleoproteide aus den Bakterien zu gewinnen, zunächst die Bakterien- hüllen zerstören und dann die Protoplasmabestandteile in Lösung bringen; und endlich das Nukleoproteid fällen, um es von den anderen Stoffen, die den Bakterieuleib bilden, zu isolieren. Die LusxiG- GALEOTTische Methode ist eine Vervollkommnung der WooLDRiDGEschen: die Bakterien werden auf festen ^Nährböden gezüchtet die gut ent- wickelten Bakterienrasen abgekratzt, ohne daß Partikelchen vom Nährboden mitgenommen werden, und die Bakterienmasse einer längeren Behandlung mit einer verdünnten Kalilaugelösung unter- worfen; hierdurch werden die Bakterienhüllen zerstört und die Nukleo- proteide treten in Lösung. Aus dieser Lösung werden sie durch leichte Ansäuerung (Essig- oder Salzsäure) gefällt. Durch Filtration erhält man die Substanz genügend rein auf dem Filter; um jedoch ein möglichst reines Produkt zu bekommen, muß man die Auflösung durch Kalilauge und Fällung mit Säure nochmals wiederholen, wobei aber zu beachten ist, daß eine zu oft wiederholte Auflösung und Fällung eine Denaturierung der Substanz herbeiführen kann. Ueber Bakteriennukleoproteide. 1367 Die geeignetesten Nährböden für die Züchtung der Bakterien sind Agaragar oder Kartoffehi, natürlich mit der für die einzehien Bakterienarten geeigneten Zusammensetzung, mit passendem Alkaleszenzgrad usw. So kann man für Pestbacillen gewöhnlichen Agar gebrauchen; für Choleravibrionen stark alkali- schen ; für Micrococcus raelitensis den von Trambusti und Donzello vorge- schlagenen Agar. Andere Bakterien, z. B. manche nicht pathogene Arten (Sarcina, B. ranicidus) züchtet man zweckmäßig auf Kartoffeln. Für Blastomycetea- kultivierung müssen die Nährböden sauer reagieren; Galeotti und Pentimalli züchteten diese Mikroorganismen auf Rübenscheiben. Die Nährböden hält man am besten in großen und breiten Glasschalen; am geeignetsten sind die sogenannten KoLLEschen Schalen, die eine große über- flächenausJehnung des Nährbodens gestatten, und nicht leicht verunreinigt werden. Größte Sorgfalt für vollkommene Sterilisierung der Nährböden und aller Geräte (Schalen, Glastrichter, Becher) ist selbstverständlich. Nach Beimpf ung der KoLLEschen oder sonstigen Schalen kommen dieselben in den Brutschrank, gewöhnlich bei 37 " C. Nach genügender Entwickelung wird dann die Kulturmasse von der Oberfläche des Nährbodens abgekratzt, wozu man Glas- oder Platinspatel oder sonstige gut sterilisierbare Geräte ver- wenden kann. Die so gewonnene Kulturmasse wird dann mit einer gewissen Menge von Kalilauge versetzt, deren Konzentration jedoch weder zu stark noch zu schwach sein darf. Lustig und Galeotti haben bei ihren Versuchen mit Pestnukleo- proteid gesehen, daß, wenn die Konzentration der Lauge zu schwach ist, es nicht gut gelingt, das aktive Nukleoproteid in Lösung zu bringen; ist dagegen die Konzentration zu stark, dann besteht Gefahr, die in den Bakterien enthaltene Substanz zu alterieren. Im allgemeinen dürfte eine 1-proz. Lösung von Kalilauge zu empfehlen sein; für Pestbacillen besser eine 0,75-proz. Lösung. Bei höherer Konzentration wird die Menge des gewonnenen Nukleoproteids zwar größer, aber seine Giftig- keit und vaccinierende Wirkung vermindern sich. Die Dauer der Behandlung mit Kalilauge muß wenigstens einige Stunden betragen (Zimmertemperatur). Blell hat sehr genau das Fortschreiten der Einwirkung von der Lauge auf Choleravibrionen verfolgt: nach 5 Minuten sind diese schon stark aufgequollen, nach 30 Minuten sind intakte Vibrionen nicht mehr nachzuweisen; nach einer Stunde hatte sich völlige Auflösung vollzogen und nur noch wenige Bakterientrümmer waren sichtbar. Das Produkt der Einwirkung der Lauge auf die Kulturbeläge stellt eine opahsierende mucinartige Flüssigkeit dar; am Boden des Gefäßes findet sich gewöhnlich eine geringe Ablagerung. Es ist nun ratsam, diese Flüssigkeit durch eine dicke Papierschicht unter Zuliilfenahme der Luftpumpe zu filtrieren. Die Filtration geht sehr langsam vor sich. Der filtrierte Kalilaugeextrakt wird dann in eine breite Schale geschüttet, die 2 — 3 Liter destilliertes, mit HCl oder Essigsäure leicht angesäuertes Wasser enthält; oder man kann auch dem Kalilaugeextrakte tropfenweise eine ver- düimte Essigsäurelösung (am besten 10 oder 20 Proz.) zusetzen. In beiden Fällen sieht man bei stetigem, langsamem Umrühren die Entstehung kleiner, weißer Flöckchen von Nukleoproteiden, die sich rasch zu Boden setzen, während die (jetzt leicht sauer reagierende) Flüssigkeit sich klärt. Man erhält dann das Nukleoproteid durch Dekantieren (nicht absolut nötig) und vorsichtige Filtration: Blell wendet die Zentrifuge an, um den Niederschlag von der Flüssigkeit abzutrennen. Der auf dem Filter gebliebene Rückstand, d. h. das präzipitierte Nukleoproteid, muß jetzt gut gewaschen werden, anfangs mit leicht angesäuertem Wasser, später mit reinem \Vasser bis zum Verschwinden jeder Spur von saurer Reaktion. Das gewonnene Nukleoproteid, eine klebrige, weiße Masse, kann man 1) entweder im Vakuum, im Exsikkator oder einem gewöhnlichen Brutschrank getrocknet und als grauweißliches Pulver, oder 2) sofort in 1-proz. Natrium- karbonatlösung gelöst, und als etwas opaleszierende, ein wenig trübe, leicht schaumbildende (beim Schütteln) Flüssigkeit im Eisschranke aufbewahren. So werden die Bakteriennukleoproteide in zweifacher Form hergestellt und von den sie liefernden Instituten verabfolgt: als trockenes Präparat, ein für er- mehrung und Abstoßung (nach der EHRLiCHschen Seitenkettentheorie) zur Bildung der Antikörper bringen? In diesem Falle könnte man denken, daß diese Gewebsrezeptoren, die für die Bakterienrezeptoren im weitesten Sinne passen. Ueber Bakteriennukleoprotoide. 1373 durch die vorausgegangene Immunisierung scliou in die Phase der Neubildung eingetreten wären, eine Abstoßung ins Serum aber noch nicht in großer Menge stattgefunden hätte, diese Zellrezeptoren vielmehr noch in den Gewebsnukleo- proteiden enthalten wären und vielleicht noch einen Bestandteil deren komplexer Moleküle darstellten. Diese Annahme, daß die Antikörper bildenden Gewebs- rezeptoren entweder in den Xukleoproteiden enthalten oder wenigstens mit diesen in der Weise verbunden seien, daß sie bei der Zubereitung nach Wooldridge mitgerissen und mitpräzipitiert würden, bringt vielleicht die von Wigoura und von Galeotti (s. weiter unten im Kapitel über Müzbrandnukleoproteide) festge- stellten Tatsachen unserem Verständnisse näher. 2. NuMeoproteid des Vibrio cholerae. Was die toxischen Eigenscliaftcii dieses Nukleoproteids anlangt, so sind diese besonders eingehend von Heller studiert worden ; nach seinen Untersuchungen schwankt die Dosis letalis minima für Aleer- schweinchen zwischen 10 und 15 mg für je 100 g Körpergewicht. Die Virulenz der Kultur, aus der das Xukleoproteid dargestellt worden ist, hätte nach diesem Autor keine Bedeutung für die Toxizität der Xukleoproteids. Schmitz bestätigt diese Angaben. AIenini hat histologisch die Veränderungen untersucht, die das Nukleoproteid in den Geweben hervorruft. Xach Schmitz soll die subkutane Anwen- dung des Choleranukleoproteids bei Tieren eine der augenfälligsten Erscheinungen der Cholerainfektion des Menschen hervorrufen, die Hypothermie. Kravkoff hat kürzlich das Choleranuklcoproteid be- treffs seiner toxischen Eigenschaften genauestens studiert; er sagt, daß der Sj-mptomenkomplex. der bei mit Xukleoproteid behandelten Tieren vorkommt, durchaus demjenigen ähnlich ist, der durch lebende Vibrioneukulturen hervorgerufen wird. Die vergifteten Hunde zeigten m den IvRAVKOFF'schen Versuchen Hj^pothermie, Cyanose, Dyspnoe. Durchfall, Erbrechen; auch war, wie bei Choleraleichen, frühzeitige Leichenstarre zu bemerken. Auch Cicconardi hat eine auffallende üebereinstimmung zwischen klinischen Cholerasymptomen am Menschen und durch Choleranuklcoproteid bei Versuchstieren hervorgerufenen Erscheinungen feststellen können. Xach Rondonis Untersuchungen ist das Choleranuklcoproteid imstande, wenn es eine gewisse Zeitlang mit einem hochwertigen Choleraserum in Berührung geblieben ist, dessen Gehalt an Agglutininen und komplementbindenden Antikörpern zu vermindern ; dabei soll es sich um eine spezifische Bindung der Anti- körper durch im Xukleoproteide vorhandene Cholerarezeptoren handeln. Die ersten Immunisierungsversuche mit Choleranukleoproteid machte Galeotti schon im Jahre 1896; später sind die immunisierenden Eigenschaften des Choleranukleoproteids weiter von Heller, Schmitz, Blell, Rondoni studiert worden. Danach stellt dasselbe einen aus- gezeichneten Impfstoff im Tierversuche dar: nach Schmitz genügt eine einzige Einspritzung 24 — 48 Stunden vor der Infektion mit viru- lenten Vibrionen, um Meerschweinchen zu retten; die geeignetste Dosis beträgt 1 — 5 mg pro 100 g Körpergewicht. Heller empfiehlt, ganz kleine Dosen zu injizieren, die bei wiederholter Behandlung eine hohe, langdauernde Immunität verleihen. Hierzu ist zu be- merken, daß es sich bei diesen Erfolgen nicht etwa um eine einfache Resistenzerhöhung der Tiere, durch das Xukleoproteid handelt, wie sie durch indifferente Stoffe (Bouillon, Kochsalzlösung) hervor- gerufen wird; solcher unspezifischen Resistenz könnten höchstens einige Ergebnisse von Schmitz zugeschrieben werden, bei denen die 1374 Alessandro Lustig, Verminderung der Empfindlichkeit gegenüber der Infektion schon wenige Stunden nach der Vaccininjektion statt hatte. In den anderen Versuchen aber, sowohl von Schmitz, wie von Blell und von Heller. ist jeder Verdacht einer einfachen unspezifischen Resistenzsteigerung durchaus unbegründet. Wir haben es vielmelir bei den Immunisie- rungseffekten durch Choleranukleoproteid mit einer wahren Immunität zu tun, die mehrere Monate lang dauern kann (Heller), die eine typische Kurve in ihrer Entwickelung und Verlauf darbietet, und die durch verhcältnismäßig kleine Dosen zustande kommen kann (am besten durch ganz kleine wiederholte Dosen). Nach de Bonis scheint die Möglichkeit einer Immunisierung per os gegeben. Die Bildung von im Serum nachweisbaren Antikörpern beweist in ganz sicherer Weise die antigenen Eigenschaften des Choleranukleoproteids : man weiß aus den Untersuchungen von Schmitz, Blell, Rondoni, daß dieser Stoff agglutinogene Fähigkeiten besitzt: Schon 0,1 g oder auch 0,05 g (Blell) können bei kräftigen Kaninchen eine mäßige Agglutinin- bildung hervorrufen ; ganz bedeutend steigt der Wert der Sera aber bei fortschreitender Immunisierung (z. B. bei einem Kaninchen, dem 0,52() g Nukleoproteid während 2^/2 Monaten injiziert worden waren, wies das Serum einen Titer von 1 : 5000 auf). Noch ausgesprochener scheint die Bildung von bakteriolytischen Immunkörpern zu sein, die Blell in seinen Seris sowohl durch bakterizide Plattenversuche wie durch den PPEiFFERSchen Versuch nachweisen konnte; in einem Falle hatte z. B. das Serum eines Kaninchens, dem nur einmal 0,1 g Nukleoproteid injiziert worden war, 7 Tage nach der Injektion einen bakteriziden Titer von 0,005; bei mehrmaliger Injektion konnte Blell Sera mit bakteriziden Titern von 0,0008 (im ganzen 0,53 Vaccin ver- abfolgt) und 0,009 (0,255 g Vaccin) bekommen. Auch Eondoni fand in den Seris von mit Choleranukleoproteiden behandelten Kanin- chen deutliche bakterioly tische Eigenschaften, die die aggluti- nierenden übertrafen. Schmitz hat in wenigen auf das Vor- handensein komplementbindender Antikörper in den Seris gerichteten Versuchen positive Ergebnisse gehabt: als Antigen dienten dabei Vibrionenaufschwemmungen. Rondoni hat kürzlich das Erscheinen von Bürdet scheu Antikörpern bei fast sämtlichen mit Choleranukleo- proteid geimpften Kaninchen nachgewiesen ; nach seinen Unter- suchungen scheint dabei kein Parallelismus zwischen bak- teriolytischen und komplementbindenden Eigenschaften der Sera zu bestehen. Blell hat ferner nachgewiesen daß seine Immunsera ausgezeichnete schützende Fähigkeiten besaßen : wurden Meerschweinchen mit Serum injiziert (in Dosen von 0,001 bis 1,5 ccm, je nach dem festgestellten bakteriziden Fiter), so konnten die Tiere die nachfolgende Infektion mit der 15-fach tödlichen Dosis lebender Kultur vertragen. Erfolgte die Seruminjektion nach der In- fektion, und enthielt das Perifconealexsudat zur Zeit der Injektion lebende Vibrionen, so gelano; es dennoch, in gewissen Grenzen, schwer erkrankte Tiere am Leben zu erhalten. Das Serum mit Nukleoproteid vorbehandelter Tiere entfaltet also auch kurative Wirkungen. ScHURUPOW hat kürzlich aus den Choleravibrionen mittelst Kalilauge ein Endotoxin extrahiert: im Grunde dürfte dieses Endotoxin mit dem LüstiG' GALEOTTischen Choleranukleoproteid identisch sein. Das SCHURUPOWsche Gift tötet Meerschweinchen von 200 g Gewicht iu Mengen von 0,2 — 0,3 ccm innerhalb 11—14 Stunden. Pferde, die Schurupow mit seinem Toxin intravenös behandelte, zeigten das Bild einer schweren Vergiftung, mit Hypothermie und Durchfall üeber Bakteriennukleoproteide. 1875 als Allfangssymptomen und später folgendem Fieber, Albuminurie, Abmagerung; die Tiere erholten sich aber wieder und lieferten nach mehreren Einspritzungen Sera, die stark agglutinierend (bis 1 : 10 000 j, nicht bakterizid, wenig präzipi- tierend wirkten, und ausgezeichnete heilende und schützende Wirkungen gegen das Toxin besaßen. Schur cpow meint hiermit ein antieadotoxisches Serum hergestellt zu haben; dasselbe wurde auch in den russischen Choleraepidemien n908— 1909) mit Erfolg angewandt; die Sterbefälle bei den mit Serum be- handelten Kranken sollen nur 29,9 Proz. betragen haben, während von den un- behandelten Kranken 42 Proz. starben. Klibaxskaya hat kürzlich das Schuru- powsche Serum bei cholerakranken Kindern in Anwendung gebracht; er berichtet über ausgezeichnete Wirkung desselben, jedoch nur unter der Bedingung, daß es intravenös und zusammen mit physiologischer XaCl-Lösung appliziert -sdrd. 3. Nukleoproteid des Milzbrandbacillus. TiBERTi hat aus dem Milzbrandbacillus ein mit immunisierenden Eigenschaften ausgestattetes Nukleoproteid dargestellt. Dieser For- scher mußte aber die Herstellungsmethodik ein wenig modifizieren, um dem Mißstand vorzubeugen, ein sporenhaltiges Präparat zu be- kommen, und um eine möglichst vollständige Auflösung der verhält- nismäßig großen, sehr widerstandskräftigen Bakterienzellen zu ver- ursachen. Die Bacillen wurden bei 42 o gezüchtet, um die Sporenbildung zu verhindern (in anderen Versuchen zu demselben Zwecke bei 20^); die Kalilauge wurde in höherer Konzentration (3 — 4 Proz.) angewandt und ihre Einwirkung mehrere Tage protrahiert; manchmal Avurde sogar die Kulturmasse mit Glaspulver zerrieben, um die Bacillen noch besser zu zertrümmern. Dann wurde, wie gewöhnlich, abfiltriert und das Xukleoproteid mit Essigsäure gefällt. Das gewonnene Nuklcoproteid wirkte in Versuchen von Tiberti sehr gut bei Kaninchen und Hammeln bei aktiver Immunisierung : die Tiere vertrugen die nachfolgende Infektion mit virulenten Milzbrand- kulturen sehr gut. Galeotti, sowie Rossi konnten diese Ergebnisse von Tiberti vollständig bestätigen. Die negativen Ergebnisse von Casagraxdi und Vigorita bei Immunisierungsversuchen mit Milzbrandnukleoproteiden sind auf Un- vollkommenheiten und Fehler bei der Zubereitung des Impfstoffes zurückzuführen. Galeotti konnte auch nachweisen, daß das Blutserum mitNukleo- proteid vorbehandelter Tiere den Versuchstieren eine passive Immu- nität zu verleihen imstande ist. Außerdem haben die Untersuchungen von Galeotti gezeigt, daß man auch aus den Organen vaccinierter Tiere Xukleoproteide darstellen kann, die gleichfalls bei mit solchen behandelten Versuchstieren einen gewissen Grad von Immunität zu verleihen imstande sind, ähnlich wie es bei den Pestimmunisierungen Wigoüras der Fall war. Die Gewebsnukleoproteide der Immuntiere haben aber nicht die gleiche Wirksamkeit wie das Blutserum, sondern eine etwas schwächere ; die Tatsache steht aber fest, daß Organ- nukleoproteide (besonders die Xieren- und einige Muskelprotein- stoffe) immunisierter Tiere wirksame Immunstoffe enthalten und eine passive Immunität zu verleihen imstande sind. 4. Nukleoproteid des Micrococcus (Bacillus) melitensis. Savagnoxe hat die histologischen Veränderungen studiert, die als Folge der Behandlung mitMelitensisnukleoproteid in den verschiedenen Geweben vorkommen. Sie bestehen hauptsächlich in nekrobiotischen 1376 Albssandro Lustig, Erscheinungen des Zellkernes und des Protoplasmas, außerdem in schweren Gefäßwandläsionen, die die bei Alaltafieber typischen Blu- tungen und Kreislaufstörungen erklären. Tramblsti und Doxzello haben Ziegen mit Melitensisnukleo- proteid behandelt und ein wirksames Serum erhalten, das mit viru- lenten Melitensiskulturen injizierte und schon schwer erkrankte Ka- ninchen und Affen zu retten imstande war. Auch am Krankenbette haben Trambusti und Donzello, Guecco, Morpürgo (in Tunisi) kura- tive Serumimpfungen mit gutem Erfolge bei akuten Fällen vorge- nommen. Aus mit Xukleoproteid des B. m. stark immunisierten Pferden gewann kürzlich Kolle in Bern ein Serum, welches in einzelnen bakteriologisch und durch die Agglutinationsprobe festgestellten Krankheitsfällen in Italien nach Missirolis mit ausgezeichnetem Er- folge angewendet worden ist. Es bestehen also begründete Aussichten, eine Serumtherapie des jSIaltafiebers mit Nukleoproteidseris einführen zu können; allerdings fehlt es bis jetzt an einer ausgedehnten Er- fahrung in der Therapie des Menschen. 5. Nukleoproteid des Gonococcus. Vannod hat aus Gonokokken ein wirksames Xukleoproteid dar- gestellt. Die Gonokokken wurden zunächst auf LiPscHÜTzschem Nähr- boden (Eiereiweiß und Agar) oder auf Agar mit Ascitesflüssigkeit gezüchtet, nach 4 — 5 Tagen bei 37 o wurden die Kulturen abge- kratzt und in 1-proz. Kalilauge gelöst. Dies war in 2 Stunden ge- schehen ; das Nukleoproteid konnte dann wie gewöhnlich präzipitiert werden. Durch Impfung von Kaninchen mit steigenden Mengen dieses Xukleoproteids wurde ein Serum gewonnen, das reichliche Gono- kokkenagghuinine und spezifische Ambozeptoren besaß. Dieses Gono- kokkenserum agglutinierte Staphylo- und Streptokokken nicht, wohl aber kräftig Meningokokken (starke Gruppenagglutination) ; bakte- riolytische Ambozeptoren für Meningokokken waren aber in diesem Serum nicht vorhanden. Grapiolo hat das Gonokokkennukleoproteid vor kurzem thera- peutisch beim Menschen mit angeblich gutem Erfolge angewendet: besonders bei den Fällen von blenorrhagischem Gelenkrheumatismus schien die Impfung mit Xukleoproteid eine ausgesprochene Heil- wirkung auszuüben imstande zu sein. 6. Nukleoproteid des Bacillus vom Mytilus eduMs (Lustig-Zardo). Lustig und Zardo konnten aus diesem Miesmuschel einen Ba- cillus isolieren, der der Erreger einiger schwerer Fälle alimentärer Toxinfektionen zu sein schien ; Zardo stellte dann aus dem Bacillus ein Xukleoproteid dar, das sehr toxisch war und bei Versuchstieren Symptome erzeugte, welche denen ähnlich waren, die die erkrankten. Personen darboten. 7. Nukleoproteid aus dem Bacülus pyocyaneus. Menini hat aus dem Bacillus pyocyaneus ein Xukleoproteid isoliert: 5 mg dieser Substanz konnten in 24 Stunden ein 200 g schweres Meerschweinchen töten. Die Toxizität dieses Xukleoproteids schien also größer als diejenige vom Choleranukleoproteid zu sein. Injektion in X'^ieren, Hoden, Leber von Kaninchen und Meerschwein- Ueber Bakteriennukleoproteide. 1377 clien ergab schwere entzündliche und nekrotische Veränderungen. Imnumisierungsversuche liegen nicht vor. 8. Nukleoproteid des Bacillus der Büflfelseuche (Barbone). De Boxis hat das Nukleoproteid aus dem Erreger der Büffel - seuche (barbone) dargestellt; damit behandelte Kaninchen konnten so hoch immunisiert werden, daß sie eine 5 — 10-fach tödliche Dosis des lebenden und virulenten Bacillus gut vertrugen. Die anfängliche Immunität konnte durch nachfolgende Injektion virulenter Kulturen höher getrieben werden, so daß sogar 100000-fach tödliche Dosen vertragen werden konnten. 9. Nukleoproteide aus anderen Bakterien. Aus anderen Bakterienarten sind Nukleoproteide extrahiert wor- den, aber bis jetzt noch nicht näher untersucht. Del Conte stellte die Xukleoproteide des Typhusbacillus dar (s. Herstellungsmethodik), Bexdix konnte aus Tuberkelbacillen ein Nukleoproteid gewinnen, das, wie die meisten Pflanzen- und Tier- nukleoproteide, eine Kohlenhydratgruppe (Pentose) enthielt. Auch aus dem SiiiGA-KRusESchen Ruhrbacilius kann man nach di Donna ein Nukleoproteid erhalten, welches immunisierende Eigenschaften für die Kaninchen besitzt. 10. Nukleoproteid der Blastomyceten. Schon Franchetti hat einige Versuche über Blastomyceten- nukleoproteide angestellt ; aber erst Galeotti und Pentimalli konnten bei Ratten Gewebswucherungen durch aus Blastomyceten extrahierte Nukleoproteide (ebenso wie durch Autolysate derselben Mikro- organismen) hervorrufen: die Frage aber, ob diese Gewebswuche- rungen die Bedeutung wahrer Geschwülste besitzen, möge vorläufig offen bleiben. Hiermit haben wir die bisherigen Erfahrungen über dieses inter- essante Kapitel der Bakterienbiochemie und Immunität dargelegt. Diese Erfahrungen kann man dahin resümieren: daß die Xukleo- proteide wichtige, chemisch definierte Bestandteile der Bakterienzellen und Träger antigener Funktionen sind. Ferner darf man vielleicht sagen, daß in den Nukleoproteiden spezifische Bakterienrezeptoren enthalten sind, und daß endotoxische Komponenten in Verbindung mit diesen Stoffen der Bakterienleiber stehen, die bei der Immunisierung eine Eolle spielen. — Die Immuni- tätsreaktionen, die durch die Bakteriennukleoproteide ausgelöst wer- den, sind größtenteils denjenigen gleich, die durch Vollbakterien hervorgerufen werden ; bei der Schutzimpfung gegen einige Infektions- krankheiten kann die Behandlung mit bakteriellen Nukleoproteiden als relativ einfache und unschädliche, sichere, streng wissenschaft- liche Methode bezeichnet werden, die zweifelsohne schon gute Er- gebnisse, sowohl bei Pest- wie bei Cholerabekämpfung, gezeitigt hat. Handbuch der pathogenen Mikroorganismen. 2. Aufl. II. ö • 1378 Alessandro Lustig, Literatur. Baj^G, Ueber Nukleoproteide und Nukleinsäure. Deutsche med. Wochenschr., 1901, Nr. 37. Bendix, Zur Chemie der Bakterien. Deutsche med. Wochenschr., 1901, Nr. 2. 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Zardo, Di un microorganismo isolato dal IMytilus edulis. Sperimentale 1901. XVII. Die tieriscilen Grifte und ihre antitoxische Serumtherapie. Von Prof. A. Calmette, Lille. Mit 3 Figuren und 1 Kurve im Text. Die tierischen Gifte sind Drüsengifte, die von zahlreichen Tier- arten abgesondert werden und ihnen im allgemeinen als Angriffswaffe oder als Verteidigungsmittel, bisweilen aber auch als Verdauungsfer- ment dienen. — Physiologisch am besten bekannt sind die Schlangengif te, und unter ihnen gilt als das giftigste Produkt dasjenige der Naja tripudians oder Cobra di Capello, einer Schlangenart, die in Südasien und in Xiederländisch-Indien sehr verbreitet ist. Die Zoologen teilen die Giftschlangen in zwei Hauptgruppen ein : die Colubriden und die Vi p er i den, die sich voneinander durch gewisse anatomische Eigentümlichkeiten, hauptsächlich aber durch den Bau der Giftzähne unterscheiden. Die Najas oder Cobras, von welchen zahlreiche Species bekannt sind, gehören zu der Familie der Colubriden. Die europäischen Vipern (Vipera berus, V. apsis, V. latastii, V. ammodj^tes) sind Viperiden, ebenso die Mehrzahl der amerikanischen Giftschlangen, wie Crotalus, Lache- sis, Ancistrodoni. Die Giftdrüsen der Schlangen entsprechen den Parotiden der höhern Tiere. Ihr Ausführungsgang läuft dem äußern Rande des Oberkiefers entlang und mündet beiderseits an der Basis eines Gift- zahnes oder Hakens. Diese sehr spitzen und von hinten nach vorn gekrümmten Giftzähne sind bei einigen Schlangenarten (Vipe- riden) von einem Kanal durchbohrt, der von der Basis des Zahnes bis in die Nähe seiner Spitze sich erstreckt; andere Arten zeigen an Stelle einer solchen Röhre eine tiefe Furche, die zur Fortleitung des Giftes dient (Colubriden). Man kann das Schlangengift dadurch gewinnen, daß man entweder dem lebenden Tier ein Uhrglas zwischen die Kiefer bringt und seine beiden Giftdüsen mit den Fingern aus- drückt oder auch in der Weise, daß am fiisch getöteten Tier die Giftdrüsen bloßgelegt und ihr Sekret ausgepreßt wird. Da5 frische Schlangengift stellt eine gelbe, opaleszierende, sirup- artige Flüssigkeit dar. Im Vakuum rasch getrocknet, erstarrt das Sekret zu durchscheinen- den, krustigen Blättchen, welche wie getrocknetes Hühnereiweiß aus- 1382 A. Calmette, sehen. In diesem Zustande kann die Substanz, wenn sie vor Zutritt von Ltift und Licht geschützt ist, ihre giftigen Eigenschaften un- begrenzt lange behalten. (h > Fig. 1. A Schädel von Crotalus von links (nach E. Wiedersheim). Gj Giftzahn Rc Eeservezahn. B Querschnitte durch den Giftzahn von Vipera Amraodytes (nach Fr. Leydig). B Einne, C Vorderende, PH Pidpahöhle, GC Giftkanal. Fig. Fig. 3. Fig. 2. Kopf von Naja tripudians (nach Fayrer-Calmette). G Gift- drüse, A Ausführungsgang, Z Giftzahn. Fig. .3. Giftapparat von Naja tripudians. Nat. Größe. (Nach Fayrer- Calmette.) G Giftdrüse, A Ausführungsgang, Z Giftzahn, C muköse Kapsel mit den Ersatzzähnen, M fibro-muskulöse Kapsel der Giftdrüse. Bei der Untersuchung wird das trockene Gift in physiologischer Kochsalzlösung aufgeschwemmt. Man bereitet sich alsdann Lösungen von einem bekannten Titre, z. B. 1 % oder 1 o/qq, deren Giftigkeit für die verschiedenen Tierarten leicht festzustellen ist. Die chemische Zusammensetzung der Schlangengifte ist noch sehr wenig bekannt. Man weiß nur, daß es in absolutem Alkohol fäll- bare, jedoch in 50-proz. Alkohol lösliche Proteinsubstanzen sind, die auch von der Mehrzahl derjenigen Reagentien gefällt werden, welche die albuminoiden Körper ausfällen. Gegen die Hitze sind diese Gifte, je nach ihrer Herkunft, verschieden resistent; das Gift der Colubri- den erweist sich als das wärmebeständigere, das Gift der Viperiden hingegen besitzt die gering^ste Resistenz. Viele chemische Körper üben eine zerstörende Wirkung auf die Schlangengifte aus, so besonders das Chlor und die alkalischen Hypochloride, das Goldchlorür, das übermangansaure Kali, die Chlorsäure, das Brom, das Jodtrich lor ür (C.\l- METTE^). Die Lösungen der Schlangengifte verlieren allmälilich ihre Wirk- samkeit unter dem Einflüsse des Lichtes; rascher tritt diese Vef- Die tierischen Gifte und ihre antitoxische Serumtherapie. 1383 änderung ein durch Radiumemanation (Phisalix) und durch diejenigen Eiweißstoffe, welche, wie das Eosin und das Ery th rosin (H. NoGucHi^) photodynamische Wirkungen ausüben. Die durch Eindringen des Schlangengiftes in den Organismus der Warmblüter hervorgerufenen Wirkungen unterscheiden sich vonein- ander je nach der Species der Schlange, von welcher die Bißwunde herrührt, nach der Menge des eingedrungenen Giftes, nach dem Sitz der Bißwunde und nach der Art des gebissenen Tieres. Die Wirkung der Schlangengifte äußert sich in zweifacher Weise, als eine rein örtliche, die nur die Stelle des Bisses und seine Umgebung betrifft, und als eine allgemeine, welche Veränderungen im Gebiete des Zirkulations- und des Nervensystems bedingt. Im allgemeinen kann festgestellt werden, daß die Gifte derColu- briden hauptsächlich die nervösen Zentren beeinflussen, sie wirken also im wesentlichen n eurotoxisch; hingegen wirken die Gifte der Viperiden hauptsächlich auf das Blut und auf das der Bißstelle benachbarte Gewebe und führen zu Hämorrhagien und zu Er- scheinungen örtlicher Nekrose. Die meisten dieser Viperiden- gifte enthalten auch Neurotoxin. Im folgenden werde ich mich hauptsächlich mit dem Gift der Cobra beschäftigen, das in den letzten Jahren Gegenstand zahlreicher wichtiger Untersuchungen gewesen ist. *). I. Die physiologische Wirkung der Schlangengifte. Geht man bei den Versuchen von einer im trockenen Zustande erhaltenen und gewogenen Menge Sclilangengiftes aus, so ist es leicht, die tödliche Dosis für jede Tierart zu finden. Die tödlichen Minimal- dosen des Cobragiftes sind im Mittel folgende: Für den Hund 0,0008 mg p. kg „ das Kaninchen 0,0005 ,, „ „ „ das Meerschweinchen .... 0,0004 „ „ ,. „ die Ratte 0,0001 ,. p. 150 g ., die Maus 0,00005 .. p. 25 g „ den Frosch 0,0003 ',', p. 30 g Em Meerschweinchen von 500 g wird im allgemeinen durch 0,0001 mg Gift in 1 — 2 Stunden getötet. Eine Maus von 20 — 25 g erliegt einer Dosis von 0,000005 mg in 4 Stunden. Die intravenöse Injektion von 0,002 mg Gift tötet ein Kaninchen von 2 kg in 20 Minuten. Die Empfindlichkeit des Hundes, des Kaninchens, des Meer- schweinchens, der Ratte, der Maus und des Frosches gegenüber einem und demselben Schlangengifte steht also in keinem proportionalen Verhältnis zum Körpergewicht dieser Tiere. Bei gleichem Körpergewicht sind die genannten Tierarten mehr oder weniger resistent gegen das Gift. Benutzt man bei diesen Versuchen größere Tiere, wie z. B. Affen, Schweine, Esel, Pferde, so zeigt sich, daß der Affe leichter vergiftet wird als der Hund, daß *) Einzelheiten finden sich in der Arbeit : Les venins, las animaux venimeux et la Serotherapie antivenimeuse par le Dr. A. Calmette, Paris, Massox editeur, 1907. 1384 A. Calmette, der Esel äußerst empfänglich ist (0,01 mg genügen, um den Tod herbeizuführen), während das Pferd eine geringere Empfänglichkeit besitzt und das Schwein am resistentesten sich erweist. g J,k ä l--- 1 J^ \ \ \ k V mTfj. \ '$.'" > »s^ \ k.. 1 lh ^^^-^-^i«, ' \ — 1 N 20 30 4-0 50 60 70 Giftmengen in V,ooo "^S- ao so 100 Th. Madsen und Noguchi* haben gezeigt, daß, wenn man die Beziehungen festzustellen sucht, die zwischen der Menge und der Wirkung des Giftes stattfinden, sich ergibt, daß die Frist vom Augenblicke der Einverleibung des Giftes bis zum Eintritte des Todes sich durch Steigerung der Giftdosis nur bis zu einem gewissen Punkte verkürzen läßt. Bei Einverleibung von 0,0005 mg Cobra- gift beträgt diese Frist für das Meerschweinchen 3 Stunden und 75 Sekunden; über diesen Betrag hinaus bewirkt eine Steigerung der Dosis nur eine verhältnismäßig geringe Beschleunigung des Ein- trittes des Todes. Es herrscht also keine strenge Proportionalität zwischen der einverleibten Giftmenge und der Zeit, welche bis zum Tode verstreicht. Als Beispiel möge vorstehende Kurve dienen, welche die zeit- lichen Schwankungen des Eintrittes des Todes bei der Maus bei Darreichung verschieden großer Giftmengen darstellt. Die verzeich- neten Ergebnisse sind Mittel aus vier Bestimmungen (Calmette und Massgl^). Bei den Säugetieren äußert sich die Vergiftung mit dem Gifte der Cobra und der übrigen Colubriden zunächst in einem Zustande von Abgeschlagenheit und S^mnolenz. Dann stellt sich Uebelkeit ein. Erbrechen und schließlich Asphyxie, welche durch Lälimung der Va- guskerue bedingt ist. Das Herz fälirt fort noch einige Zeit zu schlagen, nachdem die Atmung aufgehört hat, und steht dann in Diastole still. Während der letzten Augenblicke des Lebens bleiben die Pupillen- reflexe bestehen; das Tier scheint Schmerzempfindlichkeit und Hör- fähigkeit vollkommen bewahrt zu haben. Die elektrische Erregbarkeit Die tierischen Gifte und ihre antitoxische Serumtherapie. 1885 der Gesichtsmuskeln ist erhalten, dagegen verschwindet diejenige des Rumpfes und der Extremitäten beinaiie gänzlich. Bei der Autopsie findet man etwas liämonhagisches Oedem an der Impfstelle, Hyperämie aller Eingeweide, hauptsächlich der Leber und der Milz. Die serösen Häute, besonders die Hirnhäute, das Endocard. das Brustfell und das Bauchfell zeigen Ekchymosen; die Lungen sind von kleinen Infarkten durchsetzt, die um so zahlreicher sind, je langsamer die Vergiftung verlaufen ist. Das Blut bleibt flüssig und lackfarben. Bei den Giften der Viperiden sind die hämorrhagischen Er- scheinungen schärfer ausgeprägt. Das Blut gerinnt zunächst im ge- samten Gefäßsystem, um nach 6 — 7 Stunden wieder flüssig zu wer- den; es erscheint dann lackfarben, wie bei der Vergiftung durcli Cobragift. Die Vögel, die Batrachier, die Fische und viele Wirbellose, wie die Blutegel, die Krebse, die gastropoden Mollusken werden durch das Schlangengift getötet. Die Natter und die nichtgiftigen Schlan- gen vertragen im Verhältnis zu ihrem Körpergewicht ziemlich hohe Dosen Schlangengift, besitzen jedoch keine wirkliche Immunität. Xur die giftigen Schlangen sind selbst für enorme Mengen ihres eignen Giftes unempfänglich, können aber durch das Gift einer anderen Species vergiftet werden. Wirkung des Schlangengiftes auf das Blut. Neben dem Neurotoxin, welches das echte Toxin des Schlan- gengiftes darstellt, enthält dieses noch andere Substanzen, von wel- chen einige auf die Plasmase bzw. das Fibrinferment oder auf das Fibrin, andere, die auf die roten Blutkörperchen und solche, die auf die Leukocyten bzw. auf die Gefäßendothelien wirken. Die Gifte der Viperiden haben alle eine mehr oder weniger ausgesprochene koagulierende Wirkung ; bei einer Erwärmung auf 75° büßen sie diese Fähigkeit ein (Noc^, G. Lamb'*). Die Gifte der Colubriden dagegen besitzen antikoagulierende Eigenschaften ; ebenso verhält es sich mit einigen Giften der C r o t a - liden Nordamerikas (Ancistrodon). Diese antikoagulierende Wirkung, die sich gegenüber mit Citraten, Chloriden oder Oxalaten behandelten Plasmen sowohl in vivo wie in vitro geltend macht, erstreckt sich zunächst auf das Fibrinferment, um schließlich durch Proteolyse auf das Fibrin überzugi'eifen. Erwärmung auf 70 o vernichtet die antikoagulierende Fähigkeit, ohne jedoch dabei die Giftigkeit des Substrates zu verändern. Das Studium der hämolytischen Eigenschaften der Schlangen- gifte bietet großes Interesse. Es sind darüber in den letzten Jahren zahlreiche Arbeiten erschienen (W. Stefens^, Flexner und No- GucHi^o^ CalmetteH, PhisalixI^, Preston Kyes und Hans Sachs i3^ Noci*). Alle Schlangengifte wirken hämolytisch, jedoch sind die Dosen, bei welchen diese Wirkung zutage tritt, bei den verschiedenen Arten verschieden. In dieser Beziehung lassen sich ganz genaue ver- gleichende Werte feststellen, wie es Noc gezeigt hat, der bei seinen Versuchen rote Blutkörperchen benutzte, die wiederholt mit physio- logischer Kochsalzlösung ausgewaschen und zentrifugiert wurden. 1386 A.. Calmette, Es empfiehlt sich, bei solchen Versuchen Blutkörperchen vom Pferd zu verwenden ; die Blutkörperchen des Rindes, der Ziege, des Hammels und des Kaninchens sind weniger empfindlich, während die- jenigen des Menschen, des Meerschweinchens und der Ratte der Hämolyse durch Schlangengift sich zugänglicher erweisen. Bringt man gut gewaschene rote Blutkörperchen mit Schlangengift zusammen, so tritt keine Hämolyse ein ; dieselbe findet erst statt, wenn dem Gemische eine kleine Menge, am besten durch Erwärmung inaktivierten normalen Pferdeserums beigefügt wird (Calmette) oder 0,5 com einer Lösung von 1 Teil Lecithin in 10 000 Teilen physiologi- scher Kochsalzlösung (P. Kyes). Das Schlangengift ist also nur dann imstande, rote Blutkörper- chen aufzulösen, wenn es vermittels inaktivierten normalen Blutserums oder durch Zusatz von Lecithin aktiviert worden ist. Die Herstel- lung der Lecithinlösung geschieht in der Weise, daß man 1 g Leci- thin in 100 g reinem Methylalkohol löst. Von dieser Lösung wird dann mittels physiologischer Kochsalzlösung in üblicher Weise eine Verdünnung von 1:10000 bereitet und dieselbe bei dem Versuch benutzt. Wie wirkt nun hier das Serum oder das Lecithin? P. Kyes hat gezeigt, daß sowohl bei Verwendung der einen wie der anderen Substanz der Mechanismus des hämolytischen Prozesses der gleiche bleibt. Immer ist es das Lecithin, das den Effekt auslöst und dem auch das normale Serum, in welchem es frei enthalten ist, einzig seine Wirkung verdankt. Dieser Vorgang findet in der Weise statt, daß sich das Lecithin mit dem Schlangengift zu einem hämolysieren- den Lecithid verbindet, ein Produkt, das hitzebeständiger ist als seine beiden Komponenten ; erträgt es doch ohne Schaden eine mehr- stündige Erwärmung auf 100 o. Schon früher wußte man, daß sich das Lecithin mit den ver- schiedenen Eiweißsubstanzen und Zuckerarten zu Lecithiden verbin- den kann, und man begreift daher, daß es eine solche Verbindung auch mit den Proteinsubstanzen des Schlangengiftes eingeht. Es handelt sich dabei um eine wirkliche chemische Verbindung. Das Lecithin in Substanz oder das Lecithin, welches sich normalerweise in den akti- vierenden Sera der Schlangengifte findet, scheint bei der Bindung die Rolle des Komplements zu spielen, während das Gift in diesem Falle den Ambozeptor darstellen würde. Mali darf sich jedoch diesen Vorgang nicht streng im Rahmen eines solchen Schemas vorstellen, denn das inaktivierte Serum und das Lecithin lassen sich keineswegs mit dem Komplement identifi- zieren, da der wesentliche Charakter des letzteren darin besteht, daß es thermolabil ist und bei 58 o, ja sogar lediglich bei Zutritt von Luft und Licht w^ährend einiger Tage seine Wirksamkeit vollständig verliert. Man muß daher mit P. Kyes und Hans Sachs annehmen, daß in den roten Blutkörperchen selbst Stoffe vorhanden sind, welche die Rolle von Komplementen zu übernehmen vermögen (Endokom- plemente), und daß sich das Schlangengift mit diesen Substanzen verbindet, wenn es durch die Gegenwart von Lecithin oder erhitztem Serum aktiviert worden ist. Das Serum wirkt dabei nur dank dem Umstände, daß es freies Lecithin enthält. Alle Substanzen, welche Lecithin enthalten, wie die Galle, die j erhitzte Milch, das Cephalin, vermögen die gleiche aktivierende Wir- Die tierischen Gifte und ihre antitoxische Serumtherapie. 1387 kling auszuüben, besitzen aber für sich keinerlei hämolytische Eigen- schaften. Dagegen scheint das Cholesterin antagonistische Wirkungen so- wohl dem Lecithin wie dem normalen Serum gegenüber zu besitzen ; es verhindert die Hämolyse in einem Gemisch von gewaschenen roten Blutkörperchen und Schlangengift, ohne jedoch imstande zu sein, die echten Alexine oder Komplemente irgendwie zu verändern. Es bestehen übrigens keine Beziehungen zwischen den Leci- thiden und dem Xeurotoxin des Schlangengiftes. Die Verbin- dung Lecithin und Schlangengift wirkt hämolytisch, keineswegs aber neuro toxisch. Umgekehrt kann das Schlangengift jene Mole- kulargruppen, die mit dem Lecithin eine Verbindung eingehen können, verlieren und trotzdem noch neurotoxisch wirken. Das Lecithid ist unlöslich in Aether und Aceton, löslich in Chloroform, Alkohol, Toluol und Wasser. Seine Eigenschaften sind also von denjenigen seiner Komponenten vollständig verschieden. Aus seinen wässerigen Lösungen schlägt sich das Lecithid langsam nieder, ohne dabei sein hämolytisches Vermögen einzubüßen ; es gibt keine Biuretreaktion, löst in gleicher Weise die roten Blutkörperchen aller Tiergattungen, und wie beim Schlangengift wird auch seine Wirkung durch die An- wesenheit von Cholesterin aufgehoben. P. Kyes ist es gelungen, aus allen hämolytisch wirkenden Schlangengiften, die er untersucht hat, Lecithide zu gewinnen. So hat er Lecithide dargestellt aus dem Gifte von Lachesis lan- ceolatus, Naja ha je. Bungarus. Lachesis flavoviridis (Japan, riukianus) und von Crotalus. Die lecithinophile Gruppe findet sich also wahrscheinlich in allen Schlangengiften, wie ver- schieden sie sich sonst in ihren anderen Eigenschaften verhalten mögen. Neuerdings hat Ivar Bang zeigen können, daß das Lecithin des Cobragiftes keine Verbindung sei im Sinne von Kyes und daß die Hypothese von Manwaring, nach welcher das Cobragift eine Lecithinase enthalten würde, die die Eigenschaft hätte, von dem in- aktiven Lecithin ein Molekül Fettsäure abzuspalten, wodurch das Lecithin in ein aktives Lecithiv übergeführt werde, falsch ist. Nach Ivar Baxg hängt die Menge des gebildeten Hämolysins nicht von der Dauer der Reaktion der Komponenten ab, was gegen eine fermen- tative Wirkung spricht, und andererseits ist das ganz reine Lecithin des Eigelbes gegenüber dem Cobragift unwirksam, so daß die akti- vierende Wirkung durch die Verunreinigungen veranlaßt würden. Das Hämolysin und das Neurotoxin wären demnach zwei iden- tische Körper. Ivar Baxg hat weiterhin gezeigt, daß das Blut bei Zusatz von Rohrzucker das Cobrahämolysin bindet, und daß hierauf vermittels einer Salzlösung das Lysin von den roten Blutkörperchen getrennt werden kann. Ein ähnliches findet statt bei Anwesenheit von Le- cithin. Das Lecithin bindet das Hämolysin durch Adsorptionswirkung und dank seiner Affinität zu den roten Blutkörperchen wird es an dieselben fixiert. Eine genügende Menge Salze kann diese AVirkung verhindern. Das Lecithin ist infolgedessen das Vehikel der toxischen Substanz. In gleicher Weise kann sich auch Traubenzucker mit dem Lecithin verbinden. 1388 -^^ Calmette, H. Sachs liat die Arbeit von Ivar Bang einer Kritik unter- zogen. Nach seiner Ansicht stellt das Produkt der Reaktion des Giftes mit dem Lecithin ein wirkliches Lecithinderivat dar, welches kein Gift mehr enthält. AVenn man Gift und Lecithin in bestimmten Mengen mischt und zu dem Gemische sofort rote Blutkörperchen zu- setzt, so kann man beobachten, daß die Hämolyse erst nach Ablauf einer gewissen Zeit eintritt. Läßt man aber die Mischung einige Zeit stehen und setzt erst später rote Blutkörperchen zu, so tritt die Hämolyse sofort in Lrscheinung. Es handelt sich also demnach bei dieser Reaktion nicht um eine einfache Kontaktwirkung, sondern um eine wirkliche Verbindung. Die unterschiede, welche die verschiedenen Schlangengifte bezüg- lich ihres hämolytischen Vermögens bei Gegenwart von normalen er- hitztem Serum oder von Lecithin darbieten, sind sehr wechselnde. Die Gifte der Naja und des Bungarus sind die wirksamsten. Das Gift der Viperiden, vor allem aber das Gift von Crota- lus, besitzt nur eine sehr schwache Wirksamkeit. Während z.B. 1 mg Cobragift in 5 — 10 Minuten 1 ccm einer 5-proz. Blut- körperchenlösung- bei Gegenwart von Lecithin oder erhitztem Normal- serum löst, braucht das Gift der Vipera russelii 30 Minuten und dasjenige von Lach es is sogar 3 Stunden, um unter denselben Bedingungen den gleichen Effekt auszulösen. P. Kyes und H. Sachs haben die scheinbar paradoxe Tatsache festgestellt, daß, wenn man zu den roten Blutkörperchen gewisser Tiergattungen Cobragift in steigenden Quantitäten zusetzt, die Hämolyse bis zu einer bestimmten optimalen Grenze an Intensität zunimmt, um dann bei weiterem Zusatz von Schlangengift wieder pro- gressiv mit der Erhöhung der Dosen abzunehmen. In sehr großen Dosen übt das Cobragift z. B. auf die roten Blut- körperchen des Pferdes überhaupt keine Wirkung mehr aus, selbst dann nicht, wenn das Gift in Gegenwart eines großen Ueberschusses von Lecithin oder von erhitztem Normalserum zugefügt wird. Es scheint also demnach, daß hier im Sinne der Theorie von Ehrlich infolge der übermäßig reichlichen Zufuhr von Ambozeptoren eine Ab- lenkung des Komplements (Serum oder Lecithin) stattfindet, und daß dieses letztere, statt sich auf die Blutkörperchen zu fixieren, mit den restierenden überschüssigen Ambozeptoren, welche in der Flüssigkeit frei vorhanden sind, eine Verbindung eingeht. H. NoGucHi, welcher das Studium dieser merkwürdigen Wirkung ' großer Dosen Schlangengiftes wieder aufgenommen hat, bemerkt, daß rote Blutkörperchen gewisser Tierarten (z. B. des Pferdes), die vor- i her gewaschen und in einer physiologischen Kochsalzlösung suspen- diert wurden, die 4 Proz. Cobragift enthält, eine beträchtliche Steige- | rung ihrer Resistenz gegenüber verschiedenen chemischen und pliysi- | kaiischen Agentien erlangen. So sind sie nicht mehr hämolysierbar j durch das Saponin, dur(jh destilliertes Wasser und durch Aether. Die Säuren und x4.1kalien hingegen, mit Ausnahme des Ammo- niaks, zerstören leichter mit Schlangengift vorbehandelte Blutkörper- chen als normale. Wenn man rote Blutkörperchen, die mit großen Dosen Schlangengift behandelt worden waren, wiederholt in physiologischer Kochsalzlösung auswäscht, so verschwindet die besondere Resistenz, die sie durch das Schlangengift erlangt hatten ; sie werden sogar em- Die tierischen Gifte und ihre antitoxische Serumtherapie. 1389 pfindlicher gegenüber der Einwirkung von zerstörenden Agentien, wie Wasser, Aether und Saponin. Die wirksame Substanz im Schlangengifte, der die Schutzkraft zugeschrieben werden muß, wird durch Erwärmung auf 95 o nicht angegriffen, obzwar das Cobragift bei dieser Temperatur zum Teil gerinnt. Der Schutzstoff bleibt im Koagulum zurück, während alles Hämolysin im Filtrat enthalten ist. Andererseits wird das Agglu- tinin des Schlangengiftes schon bei 75 ^ vernichtet. Es kann also dieser Schutzstoff weder mit dem Hämolysin noch mit dem Agglu- tinin identifiziert werden. Die von Kyes und Sachs zur Erklärung der Unwirksamkeit großer Dosen Schlangengiftes aufgestellte Hypothese der „Komple- mentablenkung" scheint also demnach nicht haltbar zu sein. Sie ver- trägt sich übrigens auch nur schwer mit der von Noguchi beobach- teten Tatsache, daß das Schlangengift in großen Dosen die Blut- körperchen nicht nur vor der Einwirkung des Lecithins (Komple- ment), sondern auch vor derjenigen des destillierten Wassers, des Aethers usw. schützt. Noguchi, der in den Mechanismus dieser Schutzwirkung tiefer einzudringen gesucht hat, stellt fest, daß das Gift der Cobra mit dem Serum einen Niederschlag bildet, wenn letzt,eres verhältnismäßig arm an Salzen ist oder wenn es mit Wasser verdünnt wird. Ebenso bildet das Gift mit dem wäßrigen Auszuge der roten Blutkörperchen einen Niederschlag und fällt die Globuline, das Hämoglobin oder das Globin der roten Blutkörperchen aus, wenn diese Substanzen isoliert behan- delt werden. Diese Niederschläge sind in Wasser unlöslich ; sie lösen sich aber bei Zusatz einer geringen Menge von Säuren oder Alkalien, oder auch in einem großen Ueberschuß von Salzlösung. Noguchi nimmt an. daß die roten Blutkörperchen, wenn sie mit starken Giftlösungen behandelt werden, in der Weise gegen die Ein- wirkung zerstörender Agentien geschützt sind, daß das Gift mit ge- wissen Bestandteile der Blutkörperchen (hauptsächlich mit dem Hämo- globin) Verbindungen eingeht, die in Wasser unlöslich sind. Wird diese Verbindung durch wiederholtes Auswaschen in physiologischer Kochsalzlösung eliminiert, so kann das Blutkörperchen neuerdings durch die gewöhnlichen zerstörenden Agentien leicht hämolysiert werden. Nichtsdestoweniger übt das Schlangengift in allen Fällen eine schädigende Wirkung auf die roten Blutkörperchen aus ; nur ist dieser schädigende Einfluß bei Benutzung starker Giftlösungen durch die Schutzwirkung verdeckt. Nicht alle Arten Blutkörperchen sind für die Schutzwirkung großer Dosen Schlangengift in gleicher Weise empfänglich. Man beobachtet in dieser Beziehung alle möglichen Abstufungen. So wer- den die roten Blutkörperchen des Hundes in keiner Weise durch das Cobragift geschützt. Merkwürdig ist dabei, daß dieses Gift weder das Hämoglobin noch das Globin des Hundes fällt. Die Wärmeresistenz des Hämolysins der Schlangengifte (bis 30 Minuten bei 100 «, Morgenroth) erklärt es, warum das Serum von Pferden, die mittels auf 72 « erhitztem Schlangengift immunisiert worden sind, deutlich antihämolytisch wirkt und imstande ist, die roten Blutkörperchen in vivo und in vitro vollkommen zu schützen. Abgesehen von ihrer hämolytischen Wirkung, agglutinieren die meisten Schlangengifte, insbesondere das Gift der Viperiden, die 1390 A. Calmette, roten Blutkörperchen. Dieses agglutinierende Vermögen verschwindet, wenn man das Gift auf 75 o erwärmt. Proteolytische Wirkung der Schlangengifte. Flexner und NoguchiI^, Delezenne^'^, sodann Noc haben in meinem Laboratorium die proteolytische Wirkung der Schlangengifte auf die Gelatine, das Fibrin und auf Eiereiweiß untersucht. Man wußte bereits, daß gewisse Gifte in vivo eine auflösende Wirkung auf die Gefäßendothelien und auf das Muskelgewebe ausüben. Delezenne hat seinerseits in dem Schlangengift eine Kynase nachgewiesen, die der leukocytären Kynase und der Enterokynase analog ist. Das Gift an sich greift das durch Hitze koagulierte Ei- weiß nicht an, verleiht aber inaktiven Pankreassäften ein kräftiges Verdauungsvermögen. Das Gift der E ach es is hat sich als das reichste an Kynase er- wiesen. Es verflüssigt die Gelatine vollständig, ohne daß sie ihre Erstarrungsfähigkeit wieder gewinnt. LaknoyI'', welcher mit aufgelösten albuminoiden Substanzen ex- perimentierte (Kasein, Serumeiweiß des Rindes), hat andererseits nach- gewiesen, daß das Gift der Cobra und das der Viper das Eiweiß- molekül spalten. Das Eiweiß bleibt aber nach Zusatz von Formol gelöst und wird durch Essigsäure nicht mehr gefällt. Die Hydrolyse geht niemals bis zur Stufe der Peptonbildung, sonders nur bis zur Bildung von Albumosen, welche die Biuretreaktion geben. Die Wirkung der Schlangengifte auf das Fibrin läßt sich in vi- tro dadurch veranschaulichen, daß man kleine, aber genügende Men- gen Gift, z. B. 1 cg, mit kleinen Flöckchen nicht erhitzten Fibrins, das aus dem sorgfältig gewaschenen Blutgerinnsel vom Pferd, vom \ Kaninchen oder von Vögeln gewonnen wurde, zusammenbringt. Die ; Flöckchen zerfallen bald und lösen sich, je nach der Herkunft des Giftes, nach verschieden langen Zeiten auf. Die Gifte der Viperi- I den, insbesondere die Gifte von Lachesis und Ancistrodon, sind j die wirksamsten. Das Viperngift wärkt viel weniger rasch, wäh- , rend das Gift der Colubriden am langsamsten wirkt. Diese proteolytische Fähigkeit der verschiedenen Schlangengifte entspricht ziemlich genau ihrer koagulierenden und dekoagulierenden j Wirkung auf das Blutplasma des Kaninchens und des Pferdes ; es , muß daher, wie ich bereits hervorgehoben, angenommen werden, daß [ das den Giften der Viperi den innewohnende Vermögen, das Blut, , das zunächst durch ihre Einwirkung zur Gerinnung gebracht wurde, i mehr oder weniger rasch wieder zu verflüssigen, darauf beruht, daß diese Gifte neben der koagulierenden Substanz noch eine andere be- , sitzen, die energisch proteolytisch wirkt. j Diese Substanz wird durch Hitze zerstört. Das Gift von Lache- j sis verliert sein auflösendes Vermögen sowohl gegenüber der Gelatine / wie dem Fibrin, wenn es auf 70 o erwärmt wird. Dementsprechend \ kann das antitoxische Serum von Pferden, die vermittels erhitzter ! Gifte immunisiert worden sind, die Proteolyse nicht verhindern, welche ' unter dem Einflüsse eines nicht erhitzten Giftes entsteht. Dagegen ; schützt das Serum von Tieren, die vermittels lediglich durch Cham- ' berlandkerzen filtrierte und nicht erhitzte Gifte der Viperiden geimpft Die tierischen Gifte und ihre antitoxische Serumtherapie. 1391 wurden, die Gelatine und das Fibrin sehr wohl gegen die auflösende Wirkung dieser Gifte. Cytolytische Wirkung. Simon. Flexner und XoguchiIS haben beobachtet, daß das Gift von Cobra, Ancistrodon, Crotalus, Vipera russelii und von Lach esis flavo viridis (Japan, riukianusj Substanzen ent- halten, welche das Vermögen haben, eine große Anzahl von Zellen von Warm- und Kaltblütern aufzulösen, und daß sich diese Cytolysine durch eine hohe Widerstandskraft gegen thermische Einflüsse' aus- zeichnen. Die genannten Autoren haben bei ihren Versuchen .5-proz. Emul- sionen von Orgauen oder von Spermatozoiden bzw. von Eiern in physiologischer Kochsalzlösung benutzt. Das auf diese Weise ge- wonnene Zellmaterial wurde .3 Stunden lang bei QO der Einwirkung einer 1-proz. Schlangengiftlösung ausgesetzt, hierauf zentrifugiert und das Sediment sowohl makroskopisch wie mikroskopisch untersucht. Die untersuchten Gifte lösten mehr oder weniger rasch die Paren- j chymzellen der Leber, der Niere und des Hodens auf, die vom i Menschen, vom Hunde, vom Kaninchen, von der Eatte oder vom j Hammel stammten. Am wirksamsten erwiesen sich in dieser Bezie- I hung die Gifte der Vipera russelii, des Ancistrodon und der I Cobra. Das Gift von Crotalis "war weniger wirksam. I Gegenüber den Nervenzellen, den Spermatozoiden und den Eiern I von Kaltblütern (Frösche, Fische, Arthropoden, Würmer und Echino- i dermen) zeigte sich am wirksamsten das Gift der Cobra, hierauf folgte das Gift von Ancistrodon und am Schlüsse das Gift von Crotalus. Die Cytolysine werden, wenn sie in einem feuchten Medium enthalten sind, durch Erhitzung auf 8.30 während .30 Minuten nicht zerstört, ebensowenig durch Erwärmen auf 100° während 50 Minuten im trocknen Zustande. Bakteriolytische Wirkung. Behandelt man empfindliche Bakterien, wie z. B, Choleravibrionen oder junge, noch nicht sporenhaltige Kulturen von Milzbrandbacillen bzw deren asporogene Varietät mit einer 1-proz. Lösung von Cobra- gift, die vermittels Filtration durch Porzellankerzen keimfrei ge- macht wurde, so sieht man, daß die Bakterien innerhalb wechselnder Zeiten durch den Einfluß des Giftes aufgelöst werden. Die mikroskopische Untersuchung zeigt, daß die KocHSchen Vi- brionen zunächst unbeweglich werden, in Granula zerfallen und schließlich aus dem Gesichtsfelde vollkommen verschwinden. Noch deutlicher kann dieses Phänomen an Milzbrandbacillen verfolgt werden. Die Hülle scheint sich aufzulösen, an Stelle des einheitlichen Bacillenleibes treten eine Reihe von Körnchen auf, die nach und nach sich zerstreuen und ebenfalls verschwinden. Ich habe durch Noc diese bakteriolytische Eigenschaft der Schlangengifte an verschiedenen Bakterienarten studieren lassen. Am deutlichsten zeigte sich diese Wirkung bei asporogenen Milzbrand- bacillen, bei Choleravibrionen, bei Staphylococcus aureus, Diphtherie- 1392 A. Calmette, bacilleii und bei jungen Kulturen von Subtilis, Weniger deutlich kann die Erscheinung verfolgt werden bei Pest-, Coli- und Typhusbacillen, sie fehlt fast ganz bei Pyocyaneus und Prodigiosus und tritt überhaupt nicht auf bei den Tuberkelbacillen. Noc und später GöbelI^ haben weiterhin untersucht, ob das Gift der Cobra Trypanosomen aufzulösen vermag. Diese Blutparasiten erweisen sich widerstandsfähiger als Bakterien, immerhin werden auch sie nach 30 Minuten von der 1-proz. Giftlösung aufgelöst. Die bakteriolytische Substanz des Schlangengiftes ist nicht iden- tisch mit jenem Stoffe, der die Proteolyse bewirkt. Denn letzterer wird bei 85° vernichtet, während die bakteriolytische Wirkung erst bei einer Erwärmung auf 85 o während einer halben Stunde aufgehoben wird. Ebenso verschieden ist diese Substanz vom Hämolysin, da dieses Temperaturen weit über 85 ^ widersteht. Dazu kommt noch, daß Schlangengift, welches durch Mikroben abgesättigt ist, seine hämo- lytische Wirkung auf die roten Blutkörperchen des Pferdes vollauf beibehält. Die bakteriolytische Wirkung beruht auch niclU auf der Gegen- wart einer Cytase oder eines AI ex ins. Die bekannten Eigen- schaften der Alexine, wie ihre Vernichtung bei 55 — 56 o, ihre Licht- empfindlichkeit, ihre rasche Veränderung bei gewöhnlicher Tempera- tur usw., finden sich bei dieser Substanz nicht. Die bakteriolytische Wirkung der Schlangengifte läßt sich auch nicht vergleichen mit der Fähigkeit des Rattenserums, Milzbrand- bacillen mittels einer vom vibrioniziden Alexin verschiedenen Sub- stanz aufzulösen. Nach den Untersuchungen von Malvoz und von V. Pyrenne scheint das Lysin des Rattenserums «ine basische Substanz zu sein, die durch Neutralisation ihre Wirkung einbüßt. Nun erweist sich aber das Gift der Cobra in sehr wirksamer Lösung bei der Prü- fung vermittels Lackmuspapier vollständig neutral, während Ratten- serum das Lackmuspapier bläut. Zudem wirkt das Schlangengift nicht nur auf Bakterien derselben Art, sondern auch auf die Vertreter verschiedenster Species, die vom Rattenserum unbeeinflußt bleiben., so besonders auf Pestbacillen, für die das Rattenserum geradezu als günstiger Nährboden dient. Das bakteriolytische Vermögen des Cobragiftes bildet also eine besondere Eigentümlichkeit dieses Criftes. In ihrer Arbeit über die Cytolysine des Schlangengiftes haben S. Flexner und Noguchi festgestellt, daß tierische Zellen, welche auf 550 erhitzt und inaktiviert wurden, unter dem Einflüsse des Schlangengiftes, das die frischen Zellen zerstört, nicht einer voll- ständigen Auflösung anheimfallen. Aus dieser Tatsache schließen die Autoren auf das Vorhandensein von cellulären Rezeptoren (Endo- komplemente nach der Theorie von Ehrlich), welche die Ambo- zeptoren des Giftes verankern. Von der gleichen Auffassung aus- ' gehend, hatte ich beobachtet, daß Bakterien, die bei 60 während ' einer Stunde abgetötet wurden, nicht in dem Maße der auflösenden Wirkung des Schlangengiftes unterliegen, wie lebende Individuen. Aber während Flexner und Noguchi eine Vielheit der Cyto- 1 lysine gegenüber den verschiedenen tierischen Zellen annehmen, habe ich ein solches Prinzip mit Bezug auf die Bakteriolysine nicht nach- 1 weisen können. Das Gift, das derart mit Choleravibrionen abgesättigt Die tierischen Gifte und ihre antitoxisehe Serumtherapie. 1393 ist. daß frisch zugesetzte Vibrionen nicht mehr aufgelöst werden, verliert die Fähigkeit, eine andere sehr empfindliche Mikrobenart, wie asporogene Milzbrandbacillen, aufzulösen und umgekehrt. Auch würde man nur schwer das Vorhandensein von Substanzen im Schlangengifte verstehen, welche gegenüber einer ganzen Reihe von Bakterienarten spezifisch cytolytisch wirken sollten (Noc). Das antitoxische Schlangenserum neutralisiert in einer Dosis von 0,01 oder von 0,05 ccm die bakteriolytische Wirkung von 1 mg Cobragift, wogegen erhitztes Normalserum selbst in großen Dosen keinen Einfluß hat. Das Lysin und das antitoxische Serum scheinen übrigens eine stabile Verbindung miteinander einzugehen : durch Er- wärmung auf 800 kann diesem neutralen Gemische von Antitoxin und Gift nach vorhergehender Verdünnung sein Auflösungsvermögen nicht wiedergegeben werden. Im weiteren Verfolg seiner Untersuchungen über die bakterio- lytische Wirkung hat Noc noch festgestellt, daß frische Sera vom Pferd. Kaninchen, Meerschweinchen, von der Ratte und vom Menschen die Fähigkeit haben, die Bakteriolyse vollständig aufzuheben. Dar- aus muß geschlossen werden, daß das Schlangengift das Alexin der frischen Sera zu binden vermag und in der Tat ist dieser Vorgang leicht nachzuweisen, wenn man dazu ein hämolytisches Alexin be- nutzt, das viel leichter zu studieren ist; es genügt, das dem Cobra- gift eigentümliche Hämolysin auszuschalten. Im Sinne eines solchen Experiments hat Noc Blutkörperchen vom Pferd verwendet, die durch Rattenserum leicht aufgelöst werden, und das dem Schlangengift eigentümliche Hämolysin durch das anti- toxische Serum neutralisiert, welches gegenüber den Blutkörperchen eines unbehandelten Pferdes und gegenüber dem Alexiu des Ratten- serums unwirksam ist. Der Versuch hat folgende Anordnung. 1. 0,5 ccm frisches Rattenserum. 2. 0,5 ccm frisches Rattenserum -f 0,5 mg Cobragift (0,5 ccm einer Lösung von 1 : 1000). 3. 0,5 ccm frisches Rattenserum -j- 1 mg Schlangengift (nach- dem Schlangengift und Alexin in den beiden letzten Röhrchen 15 Minuten lang in Kontakt geblieben sind, wird das Gift in dem Röhrchen 2 mit 1 ccm und in dem Röhrchen 3 mit 2 ccm antitoxischen Serum neutralisiert). 4. 1 mg Schlangengift. 5. 1 ccm antitoxisches Serum. 6. 0,5 ccm frisches Rattenserum 1 ccm antitoxisches Serum. Man sribt in jedes Röhrchen 2 Tropfen defibriniertes Pferdeblut und stellt die Röhrchen in den Brutschrank bei 35 o. In den Röhrchen 1 und 6, welche frisches Rattenserum allein bezw. Rattenserum -(-antitoxischem Serum enthalten, zeigt sich die Hämolyse schon nach wenigen Minuten. Im Röhrchen 4, das Schlangengift allein enthält, tritt die Hämolyse nach einer Stunde auf. Sie bleibt vollständig aus in Röhrchen 2 und 3, in welchen die neu- trale Mischung von frischem . Serum und Schlangengift sich befindet, was beweist, daß das hämolytische Alexin durch das Gift gebunden wurde. Das Gift scheint also hier demnach die Rolle eines echten Fixators oder Ambozeptors zu spielen. Handbuch der pathogenen Mikroorganismen. 2. Aufl. II. oo 1394 A. Calmette, Im allgemeinen verhält sich das Schlangengift ähnlich wie die Extrakte von Organen, v. Duxgerx, P. Mlller, Levaditi, E. Hocke haben bereits die Fixation des hämolytischen Alexins durch Extrakte von Organen, von Geweben und tierischen Zellen (Leber, Milz, Sper- matozoiden usw.) nachgewiesen. Dieselbe Erscheinung beobachtet man übrigens mit Lösungen von Pepton. Die Bindung des Alexins ist also eine allgemeine Eigenschaft gewisser albuminoider Moleküle. Es war nun von Interesse, mit dem Gifte der Cobra die Unter- suchungen von J. Bürdet über die Alexine und Antialexine zu wiederholen. Man durfte hoffen, in dieser Substanz ein Antialexin von unbegrenzter Haltbarkeit und konstanter Wirksamkeit zu be- sitzen, wodurch es gestattet würde, den Alexingehalt kleiner Mengen Serum oder anderer Flüssigkeiten leukocytären Ursprunges mit Leich- tigkeit zu bestimmen. Die Versuche haben Noc gelehrt, daß entgegen den Anschauungen von Ehrlich und seiner Schüler und in Uebereinstimmung mit den Ergebnissen, die Bürdet mit Serum und Toxinen erhalten hat, die Xeutralisation des Schlangengiftes sich in variablen Verhältnissen voll- zieht. Wenn eine Dosis A frischen Serums imstande ist, genau 5 mg Cobragift gegenüber einem empfindlichen Bakterium zu neutrali- sieren, so müßte gemäß der Theorie der Multipla, wenn wir die Dosis 2 A verwenden, in dem überschüssigen Serum eine Dosis 1 A wiedergefunden werden. Eine solche bakterizide Wirkung des überschüssigen Serums ist aber nicht zu konstatieren. Im Gegenteil wirkt dasselbe sogar als Xährsubstrat, und es kann festgestellt werden, daß in dem Ge- mische 2 A -\- Schlangengift mehr Bakterien enthalten sind als in der Mischung A -f Schlangengift. Man ersieht daraus, daß die von Bürdet für die Hämolysine entdeckte Eigentümlichkeit der Sera, imUeberschuß die alvtive Substanz der Zellen zu binden (Tinktiousphänomen), sich bei den Organ- extrakten wiederfindet, wenigstens was die bakteriolytische Substanz des Cobragiftes anbetrifft. Aus den angeführten Tatsachen ergibt sich, daß das Cobragift ein den Bakterien gegenüber wirksames Cytolysin be- sitzt, welches die Alexine der normalen Sera zu binden vermag. Die Uebertragung dieser Resultate auf die Verhältnisse beim lebenden Tier ist offenbar angesichts der Kompliziertheit der in Be- tracht kommenden Stoffe sehr schwierig. Immerhin wollen wir sehen, inwieweit sie zur Erklärung jener Erscheinungen, die sich bei der Vergiftung abspielen, herangezogen werden können. Kaufmann hat beobachtet, daß die Fäulnisbakterien in die Lei- chen von an Schlangenbissen erlegenen Tieren sehr frühzeitig ein- dringen. Welch und Ewixg, welche die gleiche Erscheinung kon- statieren konnten, erklären die rasch eintretende Zersetzung durch den Verlust des bakteriziden Vermögens des Blutes. In den heißen Ländern komplizieren sich oft Schlangenbisse, selbst wenn sie nicht tödlich verlaufen, mit Eiterungen und lokalisierter Gangrän, Erschei- nungen, die auf der Wirkung der zugleich mit dem Biß eingeführten Mikroben beruhen. Die tierischen Gifte und ihre antitoxische Serumtherapie. 1395 Die genaue Untersuchung der Vergiftungserscheinungen zeigt, daß der Organismus unter dem Einflüsse des eingedrungenen Giftes verschiedene Veränderungen erleidet, die von der Menge des Giftes und von dem Wege, auf welchem es fortgeleitet wird, abhängen. Wird eine Giftdosis eingeführt, die rasch tödlich wirkt, gleich- viel ob die Einverleibung auf dem Wege der Venen geschehen ist oder durch subkutane Injektion größerer Giftmengen, so entsteht eine Hypoleukocytose, eine Reaktion übrigens, wie sie in gleicher Weise bei Injektion von Giften, von Propeptonen, von Organextrakten und von Bakterientoxinen beobachtet wird (Delezenne, Nolf), Daraus geht hervor, daß das Blut, welches kurze Zeit nach der Vergiftung entnommen wird, infolge des Verschwindens der Leu- kocyten, die in den Organismus eingewandert sind, seine bakterizide Kraft vollständig eingebüßt haben kann. So haben Flexner und Noguchi beobachten können, daß das Serum eines Kaninchens, welches 10 mg Cobragift erhalten hatte, 57 Minuten nach der Injektion eine erhebliche Verminderung seines bakteriziden Vermögens aufwies. Es ist aber nicht statthaft, von der Herabsetzung des bakteriziden Titres auf eine Bindung des Alexins durch das Schlangengift zu schließen. Da die Bildung des Alexins an die Gegenwart von Leukocyten gebunden ist, so genügt die durch die Giftwirkung bedingte Erscheinung der Hypoleukocytose, um den Ver- lust der bakteriziden Fähigkeit zu erklären. Jedenfalls beschränkt sich die Wirkung des Schlangengiftes nicht einzig auf diese physiologischen Erscheinungen ; auf seinem Wege durch den Organismus verweilt das Gift in den Bezirken, in welchen die Bhitzirkulation verlangsamt ist, wie in dem Kapillarsystem der Organe, wo sich bereits die agglomerierten und veränderten lieuko- cyten. die aus dem großen Kreislauf verschwunden sind, angesammelt haben. Indem die Cytolysine des Schlangengiftes an diesen Orten ihre Wirkung fortsetzen, sind sie imstande, das durch die Auflösung der Leukocyten freigewordene Alexin zu neutralisieren, und es ist daher leicht erklärlich, warum die Fäulnisbakterien, die entweder vom Darm aus eingewandert oder gelegentlich der Bißverletzung in den Organis- mus eingedrungen sind, so rasch überhand nehmen können. In glei- cher Weise sind die Eiterungen zu erklären, die sich an nicht töd- lich verlaufende Schlangenbisse anschließen, trotzdem der Organismus auf das Eindringen minimaler Mengen von Gift mit einer Hyper- leukocytose reagiert; das eingedrungene Gift genügt eben, um das im Bereich der Wunde fi*ei gew^ordene Alexin zu neutralisieren, so daß sich die Bakterien ungehemmt entwickeln können. Diastatische Wirkung verschiedener Schlangengifte. Schon im Jahre 1884 hat De Lacerda in seinem Werke: „Legons sur le venin des serpeuts du Bresil" die Ergebnisse seiner Untersuchungen über die diastatische Wirkung der Schlangen- gifte mitgeteilt. Der Autor stellte fest, daß das Schlangengift die Fette emulsioniert, die Milch zur Gerinnung bringt und die Stärke nicht in Zucker umwandelt. Da aber De Lacerda bei seinen Ver- suchen nicht keimfreie Schlangengiftlösungen benutzte, so können dabei sehr wohl Fäulnisvorgänge im Spiele gewesen sein. 88* 1396 A. Calmette, Wehrmann^o in meinem Laboratorium und später Lannoy haben diese Untersuchungen wieder aufgenommen. Diese beiden Forscher haben gezeigt, daß die Schlangengifte weder die Stärke noch das Inulin hydrolysieren. Das Gift der Cobra und das der Viper invertieren die Saccharose nur schwach. Sie verändern die Glu- koside (Amygdalin, Coniferin, Salicin, Arbutin und Digitalin) nicht und enthalten folglich kein Emulsin. Dafür besitzen diese Gifte, wie ich bereits erwähnt habe, sehr interessante kynatische Eigenschaften, die vouDelezenne in evidenter Weise festgestellt wurden. Diese Eigenschaften bestehen darin, daß, während das Schlangengift an sich nicht imstande ist, gekochtes Eiweiß zu verdauen, der Zusatz einer Spur Schlangengift zum Pan- kreassafte, dem ebenfalls eine Einwirkung auf das Eiweiß abgeht, genügt, um sofort Verdauungsvorgänge hervorzurufen. Das Gift von Lach es is erweist sich in dieser Beziehung als besonders wirksam. In den Versuchen von Delezenne genügte im allgemeinen der Zusatz von 0,5 — 1 ccm einer 1 pro mille Lösung oder 1 mg Schlangengift zu 1 ccm inaktiviertem Pankreassaft, um die Verdauung eines Eiweiß- würfels von 0,5 g in 10 bis 12 Stunden zu bewerkstelligen. iS^och viel geringere Mengen Schlangengift, wie 0,2 oder 0,1' mg, manchmal sogar 1 mg, geben immer noch ein positives Resultat, mit dem ein- zigen Unterschiede, daß die Verdauung erst nach 24, 48 oder erst nach 72 Stunden beendet ist. Das Cobragift besitzt eine geringere Wirksamkeit als das Gift von Lachesis, immerhin ist auch hier ein sehr deutlicher Ein- fluß wahrzunehmen, wenn man Giftmengen von 0,5 rag oder sogar von 0,1 mg verwendet. Was das Gift der Vipera berus betrifft, so waren zur Erreichung des gleichen Effektes fünf- bis zehnfach größere Giftmengen erforderlich. Delezexxe hat sich andererseits davon überzeugt, daß diese Schlangengifte ihre kynatische Wirkung vollständig einbüßen, wenn man sie während 15 Minuten der Siedetemperatur aussetzt. Diese Kynase oder Diastase, welche den inaktiven Pankreassaft zu aktivieren vermag, muß offenbar dem Reptil von sehr großem Nutzen sein ; es ermöglicht ihm die Verdauung seiner Beute. Das Schlangengift ist also nicht, wie man lange geglaubt hat, ein rein defensives Sekretionsprodukt ; es dient vielmehr einer physiologischen Funktion, wie die Absonderungsprodukte des Darmes und der Bauch- speicheldrüse. Das erklärt uns, warum die nichtgiftigen Schlange« trotz dem Fehlen von Inokulationsorganen, supralabiale oder Speichel- drüsen besitzen, die giftigen Speichel sezerniren. Ch. Fere-1 hat die Wirkung untersucht, die das in das Hühnerei eingebrachte Schlangengift auf die Entwicklung des Embryo ausübt. Feee hat gefunden, daß 83 Proz. der Embryonen, die sich in Eiern entwickelt hatten, welche mit 0.05 Viperngift inokuliert worden waren, nach 72-stündiger Bebrütung verschiedene Bildungsfehler aufwiesen. Die Wirkung- verschiedener Diastasen auf die Schlangengifte. Die Schlangengifte werden durch gewisse normale Diastasen des Organismus verändert oder zerstört. De Lacerda, Weir Mitchell, J. Fayrer und L. Brunton haben schon früher gezeigt, daß man in den Magen erwachsener Tiere Die tierischen Gifte und ihre antitoxische Serumtherapie. 1397 ohne Schaden Schlangengift in mehrfach tödlicher Dosis einführen kann. Ich selbst habe diese Tatsache oft beobachten können. Im- merhin habe ich aber bemerkt, daß bei jungen Säugetieren, die noch von der Mutter ernährt werden, das Schlangengift sehr leicht vom Darmkanal aus resorbiert wird und in Dosen tödlich wirkt, die kaum diejenigen übersteigen, welche bei subkutaner Inokulation den Tod herbeiführen. Das ist eine sehr wichtige Tatsache, welche wieder einmal die leichte Durchgängigkeit der Darmschleimhaut junger Tiere für Gifte beweist. Durch Wehrmaxn & Carriere-- habe ich in meinem Laboratorium die Veränderungen untersuchen lassen, welche die Schlangengifte im Darmkanal von Kaninchen erleiden. Wir haben gefunden, daß Kaninchen die interstomachale Einverleibung der 600- fachen tödlichen Dosis ohne Nachteil vertragen, und daß es entgegen den Angaben von Praser (Edinburg) nie gelingt, durch wiederholte Verfütterungen von Gift eine Immunität gegenüber der subkutanen Einverleibung auch nur der einfachen tödlichen Dosis zu erreichen. Entsprechend diesem Verhalten werden im Blute so behandelter Tiere auch keine Antitoxine gebildet. Das Ptyalin des Speichels, der Pankreassaft und die Galle zerstören in vitro das Gift der Cobra. Man muß also annehmen, daß diese Diastasen die wirklichen Agentien sind, durch welche das in den Organismus eingedrungene Gift vernichtet wird. Die Darm- bakterien spielen bei diesem Prozeß keine Rolle, ebensowenig der Darmsaft an sich. Der Magensaft ist nur wenig wirksam. Das Pa- pain entfaltet beinahe die gleiche Wirksamkeit wie der Pankreassaft. Fräser hat schon im Jahre 1895 festgestellt, daß die Galle in genügender Menge und bei längerer Einwirkungsdauer einen intensiv zerstörenden Einfluß auf das Cobragift ausübt; sie wirkt aber nicht, wie dieser Forscher glaubte, antitoxisch, da die Galle weder schützende noch heilende Eigenschaften besitzt und ihre Wirkungen sich nur in vitro zeigen. Aus diesen Auseinandersetzungen ist ersichtlich, daß das in den Organismus eines empfänglichen Tieres eingeführte Schlangengift außerordentlich komplizierte Wirkungen auf die verschiedenen Ge- webe oder Säfte ausübt. Das Gift wirkt auf die Nervenzellen mittels seines Neuro toxins. auf die Gefäßendothelien durch das Hämor- rhagin (Flexner und Noguchi), auf die roten Blutkörperchen durch das Hämolysin, auf das Fibrin des Blutes und der Muskeln vermittels der proteolytischen Diastase und auf das Fibrin- fermenr selbst durch die Thrombase. Wie die Untersuchungen von Chatenay^s ergeben haben, die unter der Leitung von Metschxikoff ausgeführt wurden, und nach den bereits erwähnten Untersuchungen von Flexner und Noguchi wirkt das Schlangengift auch auf die Leukocyten. ^lan begreift somit, wie kompliziert die Vorgänge, um deren Manifestation es sich hier handelt, beschaffen sein müssen, wenn ein wirksamer Schutz gegen solche Gifte erreicht werden soll. Der schwach vergiftete Organismus reagiert zunächst mittels seiner Leukocyten; es entsteht eine Hyperleukocytose, die von einer mehr oder weniger beträchtlichen Temperatursteigerung begleitet ist. Nach einigen Stunden kehrt alles wieder zur Norm zurück, und wenn die Einführung des Giftes in tödlicher Dosis und in Intervallen 1398 A- Calmette, von einigen Tagen mehrmals wiederholt wird, so kann das Auftreten von antitoxischen Substanzen im Serum nachgewiesen werden. AVenn die injizierte Menge Schlangengift genügt, um den Tod her- beizuführen, so beobachtet man wenige Augenblicke nach der In- jektion einen Abfall der Temperatur und das Auftreten einer Hypoleukocytose, eine Erscheinung, die um so ausgesprochener ist, je mehr die inokulierte Giftmenge der tödlichen Minimaldosis ge- nähert ist. Bei sehr großen Giftgaben hat die Hyperleukocytose nicht Zeit, in Erscheinung zu treten. Es ist also wahrscheinlich, daß bei der Vergiftung mit Schlangen- gift ebenso wie bei der Vergiftung mit bakteriellen Toxinen die schützende Rolle der Leukocyten eine ganz wesentliche ist, und zwar nicht nur deswegen, weil diese Zellen kraft ihrer protoplasmatischen digestiven Säfte imstande sind, die Schlangengifte zu verdauen, son- dern auch dadurch, daß sie die wichtigste Stätte darstellen, wo die antitoxischen Substanzen bzw. die Ambozeptoren gebildet werden. II. Im Jahre 1887 hat Sewall^* in einer wichtigen Arbeit über das Crotalusgift gezeigt, daß es gelingt, Tauben gegenüber diesem Gifte widerstandsfähig zu machen, wenn man sie zunächst mit kleinen Dosen, die keine ernsthaften Erscheinungen hervorrufen, behandelt und schließlich zu größeren Dosen übergeht. In solcher Weise konnte er diese kleinen, sehr empfänglichen Tiere dahin bringen, daß sie Giftgaben vertrugen, die das Zehnfache der minimalen tödlichen Dosis betrugen. Etwas später bewies Kaufmannes das gleiche Verhalten der Tauben gegenüber dem Gifte der französischen Viper. Immerhin war es ihm nicht möglich, eine Resistenz zu erreichen gegenüber mehr als der zwei- oder dreifachen tödlichen Dosis. Anläßlich meiner ersten Versuche über das Gift der Cobra in Saigon 2'^ im Jahre 1892 kam ich zu dem Schhisse, daß man Tieren durch wiederholte Inokulationen von erhitztem Schlangengift eine gewisse Widerstandsfähigkeit verleihen kann, und zwar Dosen gegen- über, welche für Kontrolltiere sicher tödlich sind. Seit dem Jahre 1894 haben die von Phisalix und Bertrand gemeinsam angestellten Untersuchungen über das Viperngift sowie meine eigenen Versuche über das Gift der Cobra und über andere •Gifte verschiedener Herkunft zu viel genaueren Ergebnissen geführt. Einerseits geht aus diesen Versuchen her^^or, daß man die Tiere bei Beobachtung geAvisser Vorsichtsmaßregeln mit einer wirklich hohen Immunität gegenüber dem Schlangengifte ausstatten kann, andererseits tun sie dar, daß das Serum der behandelten Tiere anti- toxische Substanzen enthält, welche imstande sind, un- behandelten Tieren ei^ne passive Immunität zu ver- leihen. Die Immunisierung gegen das Schlangengift gelingt am sichersten nach der von mir angegebenen Methode. Sie besteht darin, daß zu- nächst kleine Dosen des Giftes, mit gleichen Quantitäten einer 1-proz. Lösung von Kalkhypochlorid gemischt, verabreicht werden. Man stei- gert dann allmählich die Giftdosis, indem man nach und nach immer weniger Hypochlorid zusetzt. Die tierischen Gifte und ihre antitoxische Serumtherapie. 1399 Die Injektionen werden alle 3 bis 4 Tage wiederholt, unter stän- diger sorgfältiger Beobachtung der Verhältnisse des Körpergewichts. Sowie Abmagerung eintritt, wird die Immunisierung unterbrochen und erst wieder aufgenommen, wenn das Körpergewicht wieder normale Verhältnisse zeigt. Nach der vierten Injektion läßt man das Chlorid vollständig fort und impft die Hälfte der tödlichen Minimaldosis. 3 oder 4 Tage später wird "^'^ dieser Dosis und schließlich nacii einem gleichen Zeiträume eine ganze Dosis eingespritzt. Haben die Tiere diese Behandlung gut überstanden, so kann man mit der Immunisierung rasch vorwärts gehen und die Giftdosen jedes- mal steigern, vorausgesetzt, daß dabei die Empfindlichkeit des Or- ganismus auf Grund der Verhältnisse des Körpergewichts sorgsam kon- trolliert wird. Im allgemeinen ist ein Zeitraum von 3 Monaten erforderlich, um Kaninchen gegenüber der zwanzigfach tödlichen Dosis zu immuni- sieren. In 6 Monaten gelingt es mit Leichtigkeit, die Tiere gegen- über der hundertfach tödlichen Dosis zu festigen. Im Serum der in dieser Weise behandelten Kaninchen können schon nach Einverleibung der fünf- oder sechsfachen tödlichen Dosis antitoxische Substanzen in vitro nachgewiesen werden. Eine merk- lichere Anhäufung der Antitoxine fi'eilich findet erst nach längerer Behandlung statt. Nach und nach wird das Blut ebenso reich an anti- toxischen Substanzen, wie das Blut von Tieren, die gegen Di- phtherie oder Tetanus immunisiert sind. Fkaser (Edinburg)-'' hat im Jahre 1895 diese Ergebnisse be- stätigt und in der medizinisch-chirurgischen Gesellschaft von Edin- burg (15. Mai 1895) ein Kaninchen demonstriert, welches gegen- über der fünf zigfachen tödlichen Dosis geschützt war. Da ich sofort die ^Möglichkeit ins Auge faßte, sehr wirksame und in der Therapie der Bisse giftiger Reptilien praktisch brauchbare anti- toxische Sera herzustellen, so unternahm ich es, große Tiere zu im- munisieren (Ziegen, Esel, Pferde), um erheblichere Mengen wirk- samen Serums zu gewinnen. Alittels meines Immunisierungsverfalirens ist es mir gelungen, Pferde dahin zu bringen, daß sie in einer ein- zigen Injektion bis zu 2 mg trockenes Cobragift (etwa die achtzig- fache tödliche Dosis) vertrugen. Die Immunisierung der Pferde bis zu diesem hohen Grade der Resistenz wird nicht ohne Schwierigkeiten erreicht. Viele Tiere gehen im Laufe der Behandlung ein, und zwar mit endocarditischen Ver- änderungen oder unter Erscheinungen einer akuten Nephritis. An- dererseits bilden sich oft nach jeder Injektion mächtige sterile Ab- szesse, die inzidiert und drainiert werden müssen. Man kann an- nehmen, daß im Mittel eine Frist von 16 Monaten erforderlich ist, um ein genügend wirksames antitoxisches Serum zu erhalten. Ein antitoxisches Serum, z.B. Anticobra, darf dann als brauch- bar betrachtet werden, wenn die Mischung von 1 ccm Serum und 1 mg Cobragift bei Kaninchen keinerlei Vergiftungserscheinungen hervorruft, und wenn 2 ccm Serum, die einem Kaninchen von 2 kg präventiv unter die Haut eingebracht Averden, imstande sind, das Tier gegen die 2 Stunden später erfolgende subkutane Einverleibung von 1 mg Schlangengift zu schützen. Die Prüfung der Schutzkraft des Serums kann sehr rasch aus- geführt werden, wenn man Kaninchen 2 ccm Serum beispielsweise 1400 A. Calmette, in die Randvene des rechten Ohres injiziert und 5 Minuten darauf 1 mg Schlangengift in die linke Ohrvene ein- bringt. Diese Dosis von 1 mg tötet im allgemeinen die Kontrolltiere in weniger als 30 Minuten, wenn man das Gift intravenös injiziert und in 2 bis 3 Stunden, wenn die Einführung subkutan geschieht. Die oben auseinandergesetzte Methode zur schnellen Feststellung der Schutzkraft eines antitoxischen Serums ist außerordentlich auf- fällig und demonstrativ; man kann sie in einer Vorlesung oder in einem Vortrage innerhalb einer Stunde zur Ausführung bringen, und sie gestattet uns, unmittelbar den Wert eines antitoxischen Serums zu beurteilen. Wesentlich ist dabei die Verwendung von frischen Giftlösungen, da Lösune:en, welche 8 bis 14 Tage alt sind, trotz ihrer Sterilität einen großen Teil ihrer Toxizität eingebüßt haben. Spezifität und Polyvalenz der antitoxischeu Sera. Ich habe durch sehr zahlreiche Versuche festgestellt, daß die Schlangengifte, gleichgültig welcher Herkunft, hauptsächlich zwei Substanzen enthalten; das Neurot oxin, das auf die Elemente des Nervensystems wirkt, und das Hämorr hagin (Flexner und NoGucHi) oder die proteolytische Diastase, dessen Wirkungen ausschließlich lokalisierte bleiben, wenn das Gift subkutan dem Zell- gewebe einverleibt worden ist, das aber eine Gerinnung des Blutes hervorruft, wenn die Einverleibung unmittelbar in den Kreislauf geschieht. Das Gift der Colubriden ist im allgemeinen durch das kon- stante Vorwiegen ihres Neurotoxingehalts charakterisiert. Diesem Bestandteile verdankt das Cobragift seine außerordentliche Toxizi- tät. Dagegen enthält das Cobragift kein oder beinahe kein Hämor- rhagin. Daraus erklärt sich der Umstand, daß bei Vergiftungen mit Cobragift die örtlichen Erscheinungen fast gänzlich fehlen. Dieses Neurotoxin besitzt, wie wir bereits erwähnt haben, eine große Wärmeresistenz. Das Gift der Viper iden, besonders das Gift von Lachesis, zeichnet sich aus durch den beinahe vollständigen Mangel an Neuro- toxin; dagegen ist sein Gehalt an Hämorrhagin ein beträchtlicher. Es wird durch Erhitzung auf 750 während einiger Minuten fast gänzlich inaktiviert, da das Hämorrhagin sehr wärmeempfind- lich ist. Hat man irgendein Schlangengift, dessen Herkunft man nicht kennt, so ist es auf Grund dieser Ausführungen sehr leicht zu be- stimmen, ob dasselbe von einem Reptil der Klasse der Vi per iden oder der Colubriden stammt. Man braucht nur seinen Gehalt an Neurotoxin festzustellen, das, wie bereits erwähnt, einer Erwär- mung auf 750 widersteht. Gewisse Gifte der Viper iden, wie das Gift der Viper a berus, der V. aspis (franz. Viper), des afrikanischen Cera- stes und des amerikanischen Crotalus enthalten zugleich eine kleine — übrigens mit der Schlangeiispecies wechselnde — Menge Hämorrhagin. Daher kommt es, daß diese Gifte bei Einverleibung in großen Dosen auch dann noch giftig bleiben, wenn sie vorher auf 750 erwärmt worden sind, ein Eingriff, bei dem diese Gifte abge^ Die tierischen Gifte und ihre antitoxisehe Serumtherapie. 1401 schwächi werden und ihre Fähigkeit verlieren, lokale Erscheinungen hervorzurufen. Andererseits enthalten einige an Xeiirotoxin sehr reiche Gifte der Colubriden, so das Gift von Bungarus coeruleus, zu- gleich eine gewisse Menge Hämorrhagin, das hinreicht, um die Wirkungen dieser Gifte von den Wirkungen seitens des Cobragiftes unterscheiden zu können, vorausgesetzt, daß das Gift nicht subkutan, sondern intravenös eingeführt wird. Es gesellt sich in diesem Ealle die Wirkung des Hämorrhagins auf das Blut zu derjenigen des Xeuro- to.xins. Es scheint übrigens, daß die Gifte der australischen Colu- briden (Hoplocephalus, Pseudechis) eine besondere Gruppe darstellen, die einen reicheren Gehalt an Hämorrhagin aufweisen als die Gifte der Colubriden der alten Welt. Untersucht man bei diesen verschiedenen Giften in vitro und in vivo die Wirkung eines rein antineurotoxischen Serums, wie z.B. des Serums eines Tieres, welches mittels auf 7.5 ^ erhitztem Cobra- gift immunisiert wurde, so findet man, daß dieses Serum sehr stark auf das Gift der Cobra und in gleicher Weise auf die Gifte der benachbarten Species (Naja bungarus, Naja ha je) einwirkt, daß aber sein Einfluß auf die anderen Schlangengifte um so geringer wird, je weniger Xe uro toxi n dieselben enthalten. Das Serum verhindert die Hämolyse. in vitro und paralysiert die Wirkungen des Giftes auf das Nervensystem, beeinflußt jedoch in keiner Weise die Vorgänge der Gerinnung und der Proteolyse. Läßt man dieses Serum in vitro auf diejenigen Gifte der Viperiden einwirken, die bei Erhitzung auf 75 o ihres Hämor- rhagins verlustig gehen, dabei aber neuro toxisch bleiben, wie z. B. das Gift der französischen Viper, so zeigt sich, daß sie unter dem Einflüsse des Serums völlig entgiftet werden. Es scheint also, daß bei allen Species der giftigen Reptilien und vielleicht auch bei anderen Tieren (wie Skorpione) das Neuro- toxin ein und dieselbe Substanz darstellt, und daß es durch ein antineurotoxisches Serum, wie das Serum von Tieren, die mit dem Gifte der Cobra immunisiert worden sind, neutralisierbar ist. Da das Xeurotoxin das w^esentlich wirksame Prinzip der Schlangengifte bildet und diejenige Substanz ist, durch welche die Giftschlangen dem Menschen und den Haustieren gefährlich werden, so handelt es sich hauptsächlich darum, die Wirkungen dieser Sub- stanz auszuschalten. Es muß daher von einem antitoxischen Serum, das in der Thera- pie der Vergiftungen Verwendung finden soll, vor allem verlangt werden, daß es ein hohes antineurotoxisches Vermögen besitzt. Dieses antineurotoxische Vermögen ist leicht zu erreichen, wenn die zur Serumgewinnung bestimmten Pferde mit dem C4ift der Cobra behandelt werden. Das in dieser Weise • hergestellte antineurotoxische Serum erweist sich als durchaus befähigt, alle Vergiftungserscheinungen in- folge von Bissen der Cobra, der häufigsten Form von Schlangen- bißverletzung in Indien, hintenan zu halten. Ebenso zeigt sich dieses Serum ausreichend wirksam gegenüber den Giften der Colubriden und der Viperiden, die durch neuro- toxische Wirkung den Tod herbeiführen können. 1402 A- Calmette, Das Serum hat aber keinerlei Vermögen, die lokalen Erschei- nungen zu verhüten, die seitens des Hämorrhagins verursacht werden, derjenigen Substanz, welcher gewisse Viperidengif te, so das Gift von Lachesis, hauptsächlich ihre Schädlichkeit zu verdanken haben. In den Ländern, in welchen die letztgenannten Reptilien sehr verbreitet sind, ist es daher notwendig, die serumspendenden Tiere nicht nur gegen das Neurofcoxin des Cobrgiftes allein zu immuni- sieren. Die Tiere müssen in der Weise behandelt werden, daß man ihnen, nachdem sie gegen das Cobragift gefestigt sind, nach und nach steigende Dosen der verschiedenen Gifte von den in der be- treffenden Gegend am häufigsten vorkommenden Schlangenarten ver- abreicht. Nichts ist übrigens leichter, als die Tiere, die gegen das Gift der Cobra immunisiert sind, dahin zu bringen, große Dosen der Gifte von Lachesis, von C r o t a 1 u s , von Vipera russelii, von H o - plocephagus und von Pseudechis zu vertragen. Es gelingt in einigen Monaten Sera zu erhalten, welche gegenüber diesen verschie- denen Schlangengiften sich sehr wirksam erweisen. Indem ich zur Gewinnung von Antitoxin Pferde benutzte, habe ich mittels meines Verfahrens ein polyvalentes Serum hergestellt, das imstande ist, die lokalen Erscheinungen seitens des Vipern- giftes zu verhindern und in vitro seine koagulierenden und pro- teolytischen Wirkungen auf das Blut aufzuheben. So groß auch die Gefälligkeit zahlreicher Personen gewesen ist, die mir während der 15 Jahre meiner Tätigkeit auf diesem Gebiete ihre sehr dankenswerte Hilfe haben angedeihen lassen, ist es mir trotzdem unmöglich gewesen, einen genügenden A^orrat von Schlangen- gift verschiedener Herkunft zu beschaffen, um jedes Land nach seinen besonderen Bedürfnissen mit den nötigen Quantitäten poly- valenter Sera zu versorgen. Ich habe mich daher darauf beschränken müssen, in erster Linie Antineurotoxin darzustellen, ein Vorhaben, j das mir auch vollauf gelungen ist, dank der freigebigen Zuweisung { reichlicher Vorräte von Cobra- und Bungarusgift seitens der Regierung von Französisch-Indien und seitens meiner Schüler und } Freunde, die gegenwärtig die kolonialen Laboratorien in Indochina } leiten. i Uebrigens sind seither in Bombay und Kassauli (Englisch- j Indien), in Sidney (Australien), in Sao Paulo (Brasilien) und in ! Philadelphia (Vereinigte Staaten) serotherapeutische Institute ent- sta,nden und die regionäre Versorgung jedes Landes mit spezifischem oder polyvalentem Serum bereitet heutzutage keine besonderen Schwierigkeiten mehr. Ohne Zweifel werden noch andre Institute erstehen, um eine Methode der Krankheitsbekämpfung zu verbreiten, deren segensreiche Wirksamkeit klar zutage liegt, und ihre Ausübung allen denjenigen zur Pflicht zu machen, wel'chen die menschliche Wohlfahrt am Herzen liegt. Neutralisation des Giftes durch das Antitoxin. Trotz der wichtigen Arbeiten, die im Laufe der letzten Jahre über die Beziehungen zwischen den Toxinen und ihren Antitoxinen erschienen sind, wissen wir noch immer nicht, ob bei der Mischung . Die tierischen Gifte und ihre antitoxischc Scrumtherapie. 1403 dieser Substanzen eine chemische Verbindung entsteht, die zur Bil- dung eines neuen Körpers führt, der andere Eigenschaften als seine beiden Komponenten besitzt, oder ob bei diesem Prozesse die beiden Substanzen sich nur einfach aneinander lagern und dabei ihre be- sonderen Eigentümlichkeiten beibehalten. Von allen toxischen Albuminoidsubstanzen, welche Antitoxine zu bilden vermögen, erscheinen die Schlangengifte als die geeignetsten Körper, um uns bestimmte Anhaltspunkte zur Lösung dieser Frage zu bieten. .Abgesehen davon, daß die Beschaffung beträchtlicher Mengen von Schlangengift verhältnismäßig leicht ist, und daß sich das Gift im ti-ockenen Zustande jahrelang aufbewahren läßt, ohne in seiner Giftigkeit eine merkliche Einbuße zu erleiden, bietet es noch den großen Vorteil, thermischen Einflüssen zu widerstehen und durch gewisse Keagenzien, wie z. B. schwache Säuren und Alkohol, gegen- über welchen die anderen Toxine sich als besonders empfindlich zeigen, nicht verändert zu werden. Schon im Jahre 1895 hatte ich gezeigt, daß, wenn man in vitro Schlangengift und antitoxisches Serum in bestimmten Verhältnissen zusammenbringt und die Mischung während einer halben Stunde bei ßS*-' erwärmt, die Einverleibung dieses erhitzten Gemisches die Tiere, wenn auch mit einer merklichen Verzögerung, in gleicher Weise tötet, als wenn man ihnen das Gift allein eingespritzt hätte. Daraus mußte man schließen, daß das antitoxische Serum das Toxin, dem es beigemengt ist, nicht zerstört. Man wurde somit zu der Annahme geführt, daß bei der Vermengung beider Substanzen keine chemische Verbindung gebildet wird, und daß die Wirkungen des Serums sich einzig darauf beschränken, parallel mit der schädigenden Wirkung des Toxins in entgegengesetzter Richtung ihren Einfluß zu entfalten, um die Giftwirkung zu paral3'sieren ; die Annahme aber, daß in dem Gemenge Serum — Gift eine chemische Verbindung entsteht, würde sich nui- mit der Vorstellung vertragen, daß diese Verbindung eine leicht dissoziierbare sei. C.J.Martin und Cherry^s haben bei der Wiederholung dieser Versuche gefunden, daß das Experiment gelingt, wenn mau die Mi- schung G ift -j- Antitoxin 10 Minuten nacli der Herstellung er- hitzt, daß aber die Wiedergewinnung des Toxins nicht mehr gelingt, wenn die Erwärmung erst nach 20 oder 30 Minuten vorgenommen wird. J. MoRGENEOTH-9 hat in diese Frage Licht gebracht, indem er nachwies, daß, wenn man zu der atoxischen Verbindung Gift -^ Antitoxin eine kleine Menge Salzsäure hinzufügt, das Gift wieder die Fähigkeit erlangt, eine Verbindung mit dem Lecithin einzugehen und ein hämolysierendes Lecithid zu bilden (P. Kyes), wogegen bei Gegenwart von antitoxischem Serum allein ohne Zusatz von Salz- säure die Verbindung von Lecithin -j- Gift = Lecithid nicht entstehen könne. In einer anderen Arbeit hat J.MoRGEXROTn gezeigt, daß die Verbindung Gift — Antitoxin, die während 30 Minuten bei 100 »^ erhitzt wurde, durch eine schwache Ansäuerung mittels Salzsäure die Hälfte ihres Neurotoxins wieder gewinnen kann. Ich habe jüngst gemeinsam mit L. Massol das Studium dieser Erscheinungen und die Erforschung der verschiedenen Eigenschaften der atoxischen Verbindungen Serum -f- Gift wieder aufgenommen. Da es wahrscheinlich ist, daß die anderen bakteriellen, pflanzlichen oder ]^404 -^- Calmette, tierischen Toxine mit Bezug auf ihre spezifischen Antitoxine sich nicht anders verhalten als die Schlangengifte, so darf man hoffen, daß eine genaue Kenntnis der Verbindungen eines dieser Körper gestatten wird, die Gesetze, welche ihre Beziehungen regeln, leichter ergründen zu können. Zunächst haben wir festgestellt, daß die tödlich wirkende Sub- stanz des Cobragiftes in 50-proz., ja sogar in 80-proz. Alkohol (Gay LussAc) löslich ist ; das Antitoxin hingegen ist in Alkohol nicht lös- lich und wird sogar durch kurz dauernde Einwirkung desselben zerstört. Wird aber das Giftgemisch vorher mit Antitoxin behandelt, so wird es gegenüber dem 80-proz. Alkohol widerstandsfähig. In ähnlicher Weise wirkt die Erhitzung: während das Antitoxin aliein bei 68 o zerstört wird, zeigt es sich, daß. wenn man das Anti- toxin vor der Erwärmung dem Gifte, das eine hohe Wärmeresistenz besitzt, beifügt, diese Mischung noch bis auf' 75° thermostabil bleibt. Bei dieser Temperatur wird, wenigstens was das von uns untersuchte Serum betrifft, die atoxische Verbindung Serum -f Gift zum Teil dissoziiert und das teilweise frei gewordene Gift geht in die Lösung über. Die Existenz des freien Giftes kann durch die Tierimpfuu'^- nachgewiesen werden. Umgekehrt wird in Gegenwart der meisten freien mineralischen und organischen Säuren und unter dem Einfluß der Erwärmung bei 72° das Antitoxin der atoxischen Verbindungen Serum ^ Gift wieder thermolabil und das Gift in Freiheit gesetzt. Das Gift wird durch das Antitoxin nicht zerstört und läßt sich aus der Mischung fast vollständig wieder gewinnen. Man muß also annehmen, daß die atoxische Verbindung Serum -j-Gift Eigenschaften besitzt, welche sich von denjenigen ihrer Komponenten deutlich unterscheiden, und daß diese Verbindung des Giftes mit dem Antitoxin dissoziierbar ist. Einfluß der Quantität des injizierten Serums und der Zeit. innerhalb welcher die Behandlung nach dem Bisse erfolgt. Ich habe weiter oben angegeben, daß das antitoxische Serum eine solch kräftige Schutz- und Heilwirkung besitzt, daß es den Tieren in wenigen Minuten eine vollständige Unempfindlichkeit gegenüber den stärksten neurotoxischen Giften, wie das Gift der Xaja und des B u n g ar u s , zu verleihen vermag. Andererseits habe ich festgestellt, daß die für die passive Immuni- sierung bezw. für die Heilung der Tiere notwendige Menge antitoxi- scheu Serums um so größer sein muß, je empfänglicher die betreffen- den Tiere für das Schlangengift sind. Wenn man mit Mäusen, Meerschweinchen und Kaninchen experi- mentiert, so zeigt sich, daß, um z. B. eine Maus von 25 g gegen die Einverleibung von 0,05 ;ng Schlangengift, einer für dieses Tier zehnfach tödlichen Dosis, zu schützen, präventiv 0,75 ccm Serum in- jiziert werden müssen, während 0,20 ccm Serum ausreichen, um eine Dosis von 0,05 mg Gift zu neutralisieren, wenn das Gift und das Serum vor der Einspritzung in vitro zusammengebracht wurden. Für das Meerschweinchen findet man desgleichen, da£i die Serum- menge, welche bei präventiver Anwendung erforderlich ist, um gegen Die tierischen Gifte und ihre antitoxische Serumtherapie. 1405 die zehnfach tödliche Giftdosis zu schützen, doppelt so groß ist, als diejenige Menge, die in vitro die zehnfache tödliche Giftdosis unschädlich zu machen vermag. Wenn man den Tieren zuerst das Gift injiziert, und zwar in Dosen, welche gleichschwere Kontrolltiere innerhalb 2 — 3 Stunden töten, und 15 Minuten darauf die Seruminjektion folgen läßt, so sieht man, daß die lebensrettende Serummenge ungefähr drei- mal größer ist als diejenige, welche in vitro das Gift neutralisiert. Außerdem zeigt sich, daß die kurative Serumdosis, die für ein mit Schlangengift in toxiziertes Tier erforder- lich ist, im umgekehrten proportionalen Verhältnis zu seinem Körpergewichte steht. In dieser Beziehung sind die von meinem Mitarbeiter Guerin am Institut Pasteur in Lille vorgenommenen Versuche an Hunden sehr instruktiv. Ein Hund von 12 kg, welcher 9 mg Schlangengift (eine Dosis, die gleichschwere Kontrolltiere sicher in 5 — 7 Stunden tötet) erhält, erholt sich vollkommen, wenn ihm 2 Stunden nach der Gift Inokulation subkutan 10 ccm Serum injiziert werden. Findet die Behandlung erst 3 Stunden nach der Injektion des Giftes statt, so müssen dem Tiere, wenn ein tödlicher Ausgang ver- hütet werden soll, 20 ccm Serum verabreicht werden. Jenseits dieser Frist ist der Tod unabwendbar, weil die Zentren der Medulla schon ergriffen sind und die Lähmung der Respirationsmuskeln sich bereits geltend zu machen beginnt. Aus diesen Tatsachen ist folgendes zu ersehen. 1. Die Menge des Serums, welche erforderlich ist, um die Vergiftung der Tiere durch eine gleichbleibende Giftdosis zu verhindern, muß um so größer sein, je empfänglicher für das Gift das betreffende Tier ist. 2. Bei derselben Tierart und derselben Giftdosis ist die zur 'S^ er hütung der Vergiftung erforderliche Se- rummenge um so größer, je später der therapeutische Eingriff stattfindet. Man begreift daher, daß ein 60 kg schwerer Mensch, der von einer Schlange gebissen wurde und dem, wie ich annehmen will, bei dieser Gelegenheit eine Giftmenge inokuliert wurde, die 20 mg Gift im trockenen Zustande entspricht (die mittlere Menge, welche eine ^Naja mittels eines Bisses einzuverleiben vermag), als lebens- rettende Dosis nur so viel antitoxisches Serum bedarf, als erforder- lich ist. um jene Giftmenge zu neutralisieren, welche die untertödliche Dosis übersteigt. Nehmen wir z. B. an, dieser 60 kg schwere Mensch sei durch 14 mg Najagift tödlich vergiftet. In diesem Falle wird man soviel Serum injizieren müssen, als nötig ist, um 20 — 14, d. h. 6 mg Gift zu neutralisieren; es müssen also, wenn die Seruminjektion sofort nach dem Bisse erfolgt und 1 ccm des betreffenden Präparates in vitro 1 mg Gift neutralisiert, 6 ccm Serum eingespritzt werden. Selbstverständlich wird man kleinere Quantitäten anwenden, wenn das Serum ein hochwertigeres ist, oder größere, wenn die Behand- lung erst spät erfolgt, oder wenn vermutet wird, daß bei dem Bisse größere Giftmengen eingebracht wurden. Das ist der Grund, warum in praxi sehr geringe Serummengen ausreichen, um die natürliche Widerstandskraft eines Menschen oder 1406 A. Calmette, Die tierischen Gifte u. ihre antitoxische Serumtherapie. eines großen Tieres zu erhöhen, und. daß meistens für kurative Zwecke 10 bis 20 com Serum genügen. Der klinische Beweis dafür ist übrigens durch die sehr zahlreichen Beobachtungen erbracht, welche im Laufe der letzten Jahre in der wissenschaftlichen Literatur aller Länder veröffentlicht wurden. Literatur. 1. BouLE^'GER, G. A., Catalogue of Snakes. British Museum, London, Vol. 3, 1896. 2. Calmette, A., Les venins, les animaux venimeux et la sörotherapie anti- venimeuse. Vol. 1. Paris. Masson ^dit. 1907. 3. KoGUCHi, H., EockefeUer Institute for med. research. New- York 1906. 4. Mausen, Th. & Xoguchi, H., Communications de l'Institut s^rotherapique de l'Etat Danois, T. 1, Copenhague. 1906. 5. Calmette, A. & Massol, L., Annales de l'Institut Pasteur, dec. 1907. 6. Noc, Annales de l'Institut Pasteur, juin 1901. 7. Lamb, G., Indian med. Gazette, dec. 1901. 8. Stephens, W., Journ. of Path. and Bact., 1899—1900. 9. Flexner. S. & NoGUCHi, Journ. of exp. med., 17 march 1902. 10. Calmette, A., Comptes-rendus Acad. des Sciences, Paris, 16 juin 1902. 11. Phisalix, Societe de Biologie, 1902, Xr. 27. 12. Breston, Kyes & Hans Sachs, Berl. klin. Wochenschr., 1902, Nr. 38—39, 1903, Nr. 2—1, Nr. 42-43. 13. Noc, Annales de Flnstitut Pasteur, 1904, 387. 14. Llexner & NOGFCHI, Univ. of Pennsylv. Biül., nov. 1902. 15. Delezenne, Comjites-rendus Acad. des Sciences, 11 aoüt 1902. 16. Lannoy, These de doct. es-sciences, Paris, Nr. 1138, 1903. 17. Simon Flexner & Noguchi, Univ. of Pennsylv. Bull., July-Aug. 1903. 18. Goebel, Ann. soc. med. de Gand, 1905, fasc. 3. 19. Wehrmann, Annales de l'Institut Pasteur, 1898. 20. Fere, Ch., Soc. de Biol., 11 janvier 1896. 21. Carriere, Annales de l'Institut Pasteur, 1898, 435. 22. Chatenay, Thl'se, Paris 1894. 23. Sewall, Journ. of Physiol., T. 7, 203, 1887. 24. Kaifmann, Les Vipferes de France, 1889, 136. 25. Calmette, A., Annales de l'Institut Pasteur, 1892, 181. 26. Fräser, British med. Journ., 15 juni 1895. 27. Martin, C. J. & Cherry, Proc. of the Boy. Soc, Vol. 63, 1898. 28. Morgenroth, J., Berl. klin. Wochenschr., i{K>5, Nr. 50. 29. V. Dungern & Coca. Biochem. Zeitschr., ltM)8. 30. Morgenroth & Kaya, Biochem. Zeitschr., 1910. 31. Bang, Ivar, Zeitsclir. f. Immunitätsforschung, Orig., 10. Dez. 1910. 32. Sachs, H., Zeitschr. f. Immunitätsforschung, Orig., 10. Dez. 1910. 33. Fredericq, L., Handb. der vergl. Physiol., Bd. 2, 2, 1910. XVIII. Tierische Toxine und Immunitätsforscliung. Von Prof. Hans Sachs in Frankfurt a. M. Die folgenden Ausführungen beanspruchen weder als eine Dar- stellung des Gesamtgebietes der tierischen Gifte zu gelten, noch im Sinne einer erschöpfenden Benandlung des die Immunitätsforschung interessierenden Studiums der Toxine tierischen Ursprungs aufgefaßt zu werden. Beide Aufgaben dürften an dieser Stelle überflüssig erscheinen. Denn die Erforschung der tierischen Gifte im allgemeinen gehört zu einem überwiegenden Teil in das Gebiet der Pharmako- logie und Toxikologie, und diejenigen tierischen Giftstoffe, welche durch ihren Charakter als toxische Antigene für eine antitoxische Serumwirkung in Betracht kommen, insbesondere die Schlangengifte, erfahren von autoritativer Seite in einem besonderen, diesem Gegen- stand gewidmeten Kapitel dieses Handbuchs systematische Be- handlung. Im folgenden wird es sich dalier wesentlich darum handeln, einige Prägen aus dem Gebiete der tierischen Toxine zu erörtern, für deren Analyse einerseits der Immunitätsforschung entlehnte Ge- dankengänge und Methoden dienten, deren Beantwortung anderer- seits gleichzeitig für die Probleme der theoretischen Immunitäts- forschung von Interesse sein mußte. Es wird demnach nicht be- absichtigt, der pharmakodynamischen Wirkung in vivo näher nach- zugehen, vielmehr werden im Vordergrund der Betrachtung Be- schaffenheit und Konstitution der Giftlösungen, Mechanismus der Gift- wirkung und zum Teil auch die Beziehungen zwischen den Giftstoffen und ihren Antikörpern stehen. Wenn die tierischen Toxine oftmals für immunitäts-theoretische Fragen erfolgreich herangezogen werden konnten, so ist das neben einer relativen Stabilität der wirksamen Agentien nicht zum wenigsten dem Umstand zu danken, daß sie vielfach auch auf isolierte Zellelemente im Reagenzglas zu wirken ver- mögen, und wie auf dem Gesamtgebiete der Immunitätsforschung, insbesondere bei der Analyse der cytotoxischen Serumwirkiingen, so haben sich auch bei dem Studium tierischer Toxine die roten Blut- körperchen als ein hervorragend geeignetes Testobjekt erwiesen, welche die eingetretene Schädigung in sinnfälliger Form durch den Vorgang der Hämolyse erkennen lassen. 1408 Haxs Sachs, 1. Empfindlichkeit und Resistenz. Xacli der von P. Ehrlich inaugurierten Becraclitungsweise stellen die Rezeptoren der Zellen diejenigen Organe dar, welche durch che- mische Bindung der Toxine die Giftwirkung vermitteln. Unterschiede in der Giftempfindlichkeit sind in diesem Sinne als eine Funktion des Vorhandenseins, Fehlens oder der Verteilung der Rezeptoren aufzufassen. Das Studium tierischer Toxine in vitro hat hierfür bemerkenswerte Beispiele ergeben, indem die hämolytische Wirkung bei einer Reihe von Giftlösungen je nach der Herkunft der Blutkörperchen weit- gehend variiert. So lassen sich bereits bei dem von Pröscher (cf. hierzu auch Pugliese) in dieser Hinsicht studierten und als Antigen erkannten, aus der Haut der Feuerkröte (Bombinator igneus) hergestellten Krötengift (Phrynolysin) *) gewisse Unterschiede der Empfindlichkeit feststellen. Nach dem absteigenden Grade der Empfindlichkeit lautet die Skala: Hammel-, Ziegen-, Kaninehen-, Hunde-, Meerschweinchen-, Ratten- und Ochsenblut. Vogelblut wird nur sehr schwach gelöst, Frosch- und Krötenblut gar nicht. Ebenso bestehen nach den Untersuchungen von Händel &. Gildemeister über das Gift der Larve von Diamphidia locusta (Kalahari- Pfeilgift, vgl. hierzu auch die Arbeiten von Böhm, Starcke, Heübxer und Trommsdorffj im hämolytischen Vermögen Differenzen zwischen Säugetierblut und dem weniger empfindlichen Vogel- und Fischblut. Die Hämolyse durch dieses Gift, dessen Toxin- natur Händel & Gildemeister durch gelungene Antiserumgewin- nung nachgewiesen haben, ist in Rohzuckerlösuug erheblich reduziert. Auch bei der Gift Wirkung in vivo zeigten Hühner, Frösche und Fische beträchtlich höhere Widerstandsfähigkeit, als Säuger. (Nähere An- gaben in der Originalarbeit.) Während für das Krötengifi sowie für das erörterte Larvengift keine besonderen Untersuchungen über die Ursache der verschiedenen Empfindlichkeit vorliegen, ist von Sachs das Kreuzspinnengift, welches in dieser Hinsicht erheblich markantere Differenzen aufweist, näher analysiert worden. Untersuchungen über die Spinnengifte im allgemeinen und ins- besondere über das Gift der Karakurten iLatherodectes erebus) und Kreuzspinnen rühren von Kobert her (vgl. daselbst die ältere Literatur). Das von Kobert aus neugeborenen Spinnen hergestellte Karakurtengift wirkte, wie auch Kreuzspinnengift, hämolytisch und außerdem gerinnungsbeschleunigend. Nachdem bereits Kobert eine Gewöhnung an das Karakurtengift beobachtet hatte, wurde von Kon- staxsoff über die Gewinnung eines antitoxischen Immunserums be- richtet. Das von Sachs durch Zerreiben von lebenden Kreuzspinnen (Epeira diadema) gewonnene und als ..Arachnoly sin'' bezeichnete Gift ist durch außerordentlich starke hämolytische Wirkung ausge- zeichnet ** ). Von besonderem Interesse ist das verschiedene Verhalten der einzelnen Blutarten gegenüber dem Arachnolysin. *) Die Gart€nkröte (Bufo cinereus) liefert nur ein schwach wirksames Gift. **)Für die Hämolyse durch Arachnolysin ist der relativ rasche Eintritt charak- teristisch: sie erfolgt l^ei Zimmertemperatur fast in demselben Maße wie bei 37". Nach Levy enthalten nur die erwachsenen weiblichen Spinnen das Arachmolysin, und zwar steht die hämolytische Wirkung des gesamten Kreuz- Tierische Toxine und Immunitätsforschuug. 1409 Für die von Sachs & Belonowski als empfindlich gefundenen Blut- arteu lautet die Skala nach absteigender Empfindlichkeit: Kaninchen-, Affen-, Ratten-, Mäuse-, Menschen-, Rinder-, Ziegen-, Hühner-, Gänseblut, dagegen sind die roten Blutkörperchen von Meerschweinchen, Pferd, Hammel, Hund, Taube, Frosch absolut resistent. Es verhalten sich sonst in biologischer Hinsicht nahe stehende Blutarten, wie Meerschweinchen- und Kaninchenblut, Rinder- und Hammelblut dem Arachnolysin gegenüber ganz verschieden, und die Ursache der natürlichen Immunität gewisser Blutzellenarten gegenüber dem Arachnolysin konnte hier auf experimenteller Basis auf den Mangel geeigneter arachnolysinbindender Rezeptoren zurückgeführt werden. Der Beweis hierfür ist von Sachs durch Bindungsversuche erbracht worden, indem sich ergab, daß die unempfindlichen Blutarten im Gegensatz zu den empfindlichen (Stromata- Versuche) die Arachnolysinlösung nicht zu entgiften imstande sind, also nicht über die zur Giftbindung erforderlichen Rezeptoren verfügen. Es handelt sich also hier um einen weitgehenden Parallelismus zwischen Empfindlichkeit und Bindungsvermögen. Angaben über differente Billdungsfähigkeit verschiedenartig hergest^^Uter Stromata und über antilytische Wirkung des Cholesterins bei Belonowski. Von Interesse sind weitere Untersuchungen von Sachs über das Auftreten der arachnolysinbindenden Rezeptoren, welche zeigten, daß wenigstens bei manchen Tierarten die Giftempfindlichkeit erst im Laufe des Lebens eintritt. So sind. die Blutkörperchen von neu- geborenen Kaninchen und Rinderföten erheblich weniger empfindlich als diejenigen erwachsener Tiere, und die Blutzellen eben ausge- schlüpfter Hühner sind sogar durch eine absolute Resistenz gegen- über dem Arachnolysin im Gegensatz zu den roten Blutkörperchen ausgew^achsener Tiere charakterisiert. Auch hierbei ergaben die Bindungsversuche einen vollkommenen Parallelis- mus zu der verschiedeneu Empfindlichkeit, und da der absoluten Resistenz ein Stadium folgt, in welchem die Blutkörperchen euipfindlich sind, aber auch bei großen Giftdosen die Hämolyse unvollständig bleibt, so darf man annehmen, daß erst die während des Lebens produzierten Blutzellen empfindlich werden, so daß sich unter Umständen durch eine nähere Analyse Hinweise auf die Lebensdauer der roten Blutkörperchen ergeben könnten. Die volle Giftempfind- lichkeit scheint nach 14 Tagen oder spätestens nach 4 Wochen erreicht zu werden. Nach Belonowski kann man auch bei gewissen Blutarten erwach- sener Individuen verschieden hohe Grade der Empfindlichkeit der Blutkörper- chen (eventl. mikroskopisch) nachweisen (vgl. auch die Bindungsversuche bei Belonowski). Das Fehlen arachnolysinbindender Rezeptoren an den roten Blut- körperchen gewisser Tierarten schließt natürlich ihre Gegenwart an anderen Zellen oder Geweben des Organismus keineswegs aus. So konnte Belonowski an den Meerschweinchen-Leukocyten die den entsprechenden Erythrocyten vollkommen fehlenden Rezeptoren nach- weisen und ihre Funktion sowohl durch Bindungsversuche als auch durch morphologische und biologische (Verlust der phagocytären Fähig- keit) Folgen der Giftwirkung demonstrieren. Das -weitere Studium der Verteilung arachnolysinbindender Rezeptoren ergab in den Bindungsversuchen Belonowskis markante Differenzen bei den ein- spinnenextraktes in enger Beziehung zur Entwickelung der Geschlechtsorgane. Das hämolytische Prinzip haftet wesentlich an den Geschlechtsorganen, und besonders an den Eiern, mit denen es auf junge Indidduen übergeht, um dann bis zur Geschlechtsentwickelung wieder zu schwinden. Bei männlichen Indivi- duen konnte Levy Arachmolysin nicht auffinden. Handbuch der pathogenen Mikroorganismen. 2. Aufl. II. 89 1410 Hans Sachs, zelnen Organen verschiedener Tierspecies (Erwärmen auf 60° hebt die Bindungsfähigkeit der Organextrakte auf). Das Vorhandensein arachnolysinbindender Eezeptoren im Meerschweinchen - Organismus konnte Sachs auch durch die Gewinnung antilytischen Immunserums von dieser Tierart demonstrieren. Unter Verwendung des Aals er ums als hämolytisches Gift hat M. Jacoby die Beziehungen zwischen Empfindlichkeit und Bindungs- vermögen der Zellen untersucht und auch hier einen engen Parallelis- mus zwischen den beiden Funktionen feststellen können. Die Analyse des Aalserums ist auch insofern von Interesse, als hier bereits Kossel, Camus & Gley, sowie Tschistowitch beobachten konnten, daß bei der Immunisierung von Kaninchen mit Aalserum die Blutkörperchen eine Kesistenz gegenüber diesem Gift gewinnen. Jacoby konnte während der Immunisierung auch Stadien einer Ueberempfindlichkeit der Blut- zellen konstatieren und bei hinreichenden Differenzen der Empfind- lichkeit parallele Variationen des Rezeptionsvermögens nachweisen. Belonowski fand auch bei der Immunisierung von Kaninchen mit Arachnolysin eine erhebliche Verringerung der Empfindlichkeit. Durch eine sehr charakteristische elektive "Wirkung in vivo ist das Gift der Sarcosporidien (Sarcosporidiotoxin) ausgezeichnet, indem es nur auf Kaninchen, nicht auf andere Tierarten toxisch wirkt (vgl. die Arbeiten von Teichmann & Braun, daselbst die ältere Literatur) *). Jedoch liegen für die Erklärung der besonderen Em- pfindlichkeit gerade des Kaninchens nur die negativen Angaben Teich- manns & Brauns vor, daß die natürliche Immunität der anderen Tier- arten nicht auf Antitoxingehalt beruht, und daß durch das Zusammen- wirken von Kaninchenserum mit Sarcosporidientoxin nicht etwa ein sekundäres giftiges Produkt erst entsteht. Wenn auch im vorhergehenden markante Beispiele dafür ange- führt sind, daß die Vorbedingung der Giftwirkung die Bindung an die Zellrezeptoren ist, so ist es keineswegs angängig, etwa im umge- kehrten Sinne zu folgern, daß die Bindung des Toxins auch immer die Vergiftung zur Folge haben muß. Gerade auf Grund der in der Seitenkettentheorie enthaltenen Vorstellungen, "welche streng zwischen den beiden Funktionen der Giftbindung und der Giftwirkung (hapto- phore und toxophore Gruppe) differenzieren, ist mit der Möglichkeit zu rechnen, daß das Toxinmolekül gebunden wird, ohne daß die toxophore Gruppe in die Lage kommt, ihre Wirkung zu entfalten. Es scheint andererseits auch nicht berechtigt, Differenzen der Gift- empfindlichkeit schematisch auf Variationen des Rezeptorenapparates zurückzuführen. Das Studium der Wirkung tierischer Toxine in vitro hat gezeigt, daß Empfindlichkeit und Resistenz auch andere Ursachen haben können. Es handelt sich dabei um diejenigen tierischen Toxine, welche nicht direkt deletär wirken, sondern erst durch die Vermitte- lung andersartiger Stoffe zur Wirkung gelangen. Das Prototyp der- artiger Giftstoffe stellen die Schlangengif thämoly sine dar**). *) Vgl. auch die Arbeit von Knebel, nach welcher es sich nicht etwa um Bakterienwirkung, vielmehr um ein echtes Protozoentoxin handelt. **) Ueber die verschiedene Empfindlichkeit der einzelnen Tierarten gegen- über den Schlangengiften (in vivo) vgl. das spezielle Kapitel über tierische Gifte, sowie die im Literaturverzeichnis genannten zusammenfassenden Dar- stellungen. Tierische Toxine und Immuuitätsforsehung. 1411 Seit den Untersuchungen von Kyes, die sich an Beobachtungen von Flexner & Noguchi, sowie Calmette anschlössen, wissen wir, daß auch den Schlangengiften gegenüber wesentliche Differenzen der Empfindlichkeit bestehen, indem Rinder-, Hammel- und Ziegenblut absolut resistent sind, während die meisten anderen Blutarten sich mehr oder weniger leicht der Hämolyse zugänglich erweisen. Gleichwohl werden aber auch die unempfindlichen Blutkörperchen durch Cobra- gift gelöst, wenn die zur Hämolyse in diesem Fälle erforderlichen Aktivatoren, als deren wesentlichsten Kyes das Lecithin erkannt hat, zugegen sind. Die Ursachen für die Variationen der Empfindlichkeit sind also beim Schlangengift nicht in dem Fehlen oder Vorhandensein von geeigneten Rezeptoren gelegen, sondern in der verschiedenen Eig- nung des Blutkörpercheninhalts, das wirksame Prinzip des Schlangen- giftes zu ,, aktivieren". Der scheinbare Widerspruch, in welchem diese Auffassung damit steht, daß die quantitativen Differenzen des Leci- thingehalts bei den einzelnen Blutarten keine so wesentlichen sind, erklärt sich in befriedigender Weise durch die Annahme von Kyes & Sachs, daß trotz gleichen Gehalts die Disponibilität des Lecithins für das Cobragift — eine Funktion der Art der Speicherung — mehr oder weniger variieren kann. Entsprechende Variationen kommen augenscheinlich auch in verschiedenen Lebensaltern vor ; so fand Sachs fötale Rinderblutkörperchen im Gegensatz zu den Blutkörperchen er- wachsener Rinder dem Cobragift allein gegenüber ziemlich stark em- pfindlich*). Noguchi will die Endoaktivierung, welche die meisten Blutkörperchen auch dem Schlangengift allein gegenüber empfindlich macht, nicht auf das Lecithin, sondern auf den Gehalt an Fettsäuren und Seifen beziehen. Maßgebend war hierbei das Verhalten der Aetherextrakte und die hemmende .Wirkung des Calciumchlorids (vgl. hierzu auch an späterer Stelle). Daß die Resistenz gewisser Blutarten gegenüber dem Schlangen- gift jedenfalls schwerlich auf Rezeptorenmangel beruht, ergibt sich auch aus der von Göbel entdeckten, bereits von v. Dungern & Coca, Teruuchi (vgl. Sachs), später auch von Bang bestätigten inter- essanten Tatsache, daß die unempfindlichen Blutarten empfindlich werden, wenn als Medium die physiologische Kochsalzlösung durch iso- tonische Rohrzuckerlösung ersetzt wird**). Sehr interessante Beiträge zur Kenntnis des Verhaltens des Rohrzuckerblutes gegenüber Cobra- gift und der Wirkung der Salze lieferten die Untersuchungen Bangs. Es ergab sich dabei zunächst, daß die hemmende Wirkung der Salze mit der Wertigkeit der Kationen zunimmt. Im Gegensatz zu dem Verhalten der direkt in Rohrzuckerlösung hergestellten Blutaufschwem- mungen erwies sich durch das Ueberführen einer primär in Kochsalz- lösung bereiteten serumfreien Blutaufschwemmung in Rohrzucker- lösung erhaltene Blut in der Regel unempfindlich oder zum mindesten weniger empfindlich als das direkte Rohrzuckerblut. Nach Bang ist die Ursache hierfür darin gelegen, daß die Beladung der roten Blut- körperchen mit Salzsäure Resistenz gegenüber der Cobragifthämolyse ") Vergleichende Untersuchungen über die Empfindlichkeit verschiedener Blutarten gegenüber einer Reihe von Schlangengiften finden sich bei Kyes (vgl. auch Rogers). ** Nach Gengou wird die Hämolyse empfindlicher Blutarten durch zitronen- saures Natrium verhindert (Aufhebung dieser Hemmung durch Chlorcalcium). 89* 1412 Haxs Sachs, bedingt. Es können nämlich einerseits die mit Koclisalz behan- delten Blutkörperchen durch Einwirkung von Soda nach dem Ueber- führen in Eohrzuckerlösung wieder empfindlich werden, andererseits kann auch die inaktivierende Wirkung, welche die Kochsalzbehand- lung auf das Blut ausübt, dadurch ausgeschaltet werden, daii man das Blut zuerst mit Rohrzuckerlösung behandelt. Im letzteren Falle diffundiert nach den Ausführungen von Bang die Kohlensäure aus den Blutzellen, Der Kohlensäuregehalt der roten Blutkörperchen spielt aber nach Bang für die erörterten Verhältnisse eine bedeutsame EoUe und ist die Vorbedingung für die Salzsäureaufnahme durch die Blut- körperchen. Während also die Anionen auf die Blutkörperchen im Sinne einer Resistenz wirken, verhindern nach Baxg die Kationen der Salze die Aufnahme des Cobragiftes. Empfindliches Blut bindet in Rohrzuckerlösung in der Kälte das Gift, und beim Erwärmen der in Rohrzuckerlösung aufgenommenen Blutsedimente tritt Hämo- lyse ein. Dagegen gelingt es durch Behandeln derart giftbeladener Blutkörperchen mit Salzen, das Cobragift den Blutzellen wieder zu entziehen. Den Salzen kommt aber auch eine die Hämolyse be- fördernde Wirkung zu. Während die Salze der stärkeren Säuren die Blutzellen inaktivieren, wird die derart erzielte Resistenz durch die Salze der schwächeren Säuren wieder aufgehoben. Dem Cobragift gegenüber entfalten andererseits die Salze der schwächeren Säuren eine stärkere Hemmung als die der starken Säuren. Bang gelangt daher dazu, dem Cobragift Säurenatur zuzuschreiben. Danach würde die schwächere Cobragiftsäure durch die stärkere Salzsäure aus den Blutkörperchen ausgetrieben werden. Die hemmende Wirkung der Salze gegenüber dem Cobragift aber ist Alkaliwirkung und tritt um so leichter in Erscheinung, je schw^ächer die salzbildende Säure ist. Die Vorbedingung für die Cobrahämolyse ist danach die Auf- nahme durch einen alkalischen Bestandteil der Blutkörperchen. Einen Beweis dafür glaubt Baxg darin erblicken zu dürfen, daß die Blutkörperchen nach längerem Verweilen in Rohrzuckerlösung schließ- lich inaktiv werden, was er als Folge einer Diffusion der Blut- körperchensalze ansieht. Es gelang in diesem Sinne durch Behandeln derartigen Blutes mit einer Salzlösung (am besten Natrium- oder Am- moniumkarbonat) die Empfindlichkeit wieder herzustellen. Für die Giftaufnahme durch die Blutkörperchen würde also eine Konkurrenz zwischen dem Alkali- resp. Salzgehalt der Lösung und demjenigen der Blutkörperchen maßgebend sein. Bang glaubt damit die Unter- schiede des Verhaltens der einzelnen Blutarten in Kochsalzlösung gegenüber dem Cobragift erklären zu können, indem er darauf hin- weist, daß die unempfindlichen Blutkörperchenarten durch einen ge- ringeren Gehalt an Alkali charakterisiert sind als die empfind- lichen. Durch Einleiten von Kohlensäure in empfindliches Kochsalz- blut soll es demnach auch gelingen, die Blutkörperchen resistent zu machen. , Diese Ausführungen Bangs behandeln aber nur die Aufnahme des Cobragifts durch die roten Blutkörperchen. Für den ^Mechanismus des Zustandekommens der hämolytischen Wirkung sind sie nicht ohne weiteres von Bedeutung. Bang differenziert daher auch zwischen Giftaufnahme und Giftwirkung, zumal nach seinen Versuchen einer- seits Giftaufnahme durch Rohrzuckerlösung in der Kälte ohne Hämo- lyse erfolgt, andererseits auch trotz Gegenwart der Salze Blutkörper- Tierische Toxine und Immunitätsforschung. 1413 dien von Cobragift nicht gelöst werden. Die von ihm vertretene Hypo- these faßt Bang schließlich folgendermaßen zusammen: „Das Cobragift wird von dem Alkali der Blutkürperchen aufgenommen. Aus dieser Verbindung öchlügt sich das Gift auf einen zweiten Bestandteil der Körperchen nieder. Durch diese Verbindung werden die Veränderungen eta- bliert, die die Hämolyse herbeiführen. Das x\lkali stellt also den Rezeptor I dar, während der unbekannte Blutkörperchenbestandteil dem Kezeptor II (wahr- scheinlich einem Lipoid) entspricht. Fehlt der Kezeptor I, kann das Gift über- haupt nicht aufgenommen werden, kommt Rezeptor II nicht vor, oder ist er verändert worden, wird zwar das Cobragift aufgenommen, trotzdem kann aber eine Hämolyse nicht eintreten." Die Bezeichnung ,, Rezeptor" ist hierbei allerdings vielleicht nicht glücklich gewählt, w^eil es sich nicht in dem Sinne um Ee- zeptoren Wirkungen handelt, wie wir sie bei den spezifischen Anti- körperreaktionen oder Toxinwirkungen zu sehen gewohnt sind. Man wird zu berücksichtigen haben, daß „der Rezeptor I" Bangs eben den Ausdruck derjenigen Momente darstellt, welche die Aufnahme des Cobragifts bedingen, während man unter „Rezeptor II" wohl die Disponibilität der Lipoide im Sinne von Kyes & Sachs zu verstehen haben wird. Es ergibt sich also, daß nicht allein der Salzgehalt, sondern auch die Gegenwart oder die Disponibilität der Lipoide in den roten Blutkörperchen für die hämol.ytische Cobragiftwirkung von Bedeutung ist. Gegen die alleinige Bedeutung der Salze im Blut- körpercheninhalt für die Empfindlichkeit dürfte auch die Tatsache (cf. Kyes) sprechen, daß die lackfarbenen Blutlösungen empfindlicher Blutarten für die Aktivierung des Cobragiftes geeignet sind, während den Blutlösungen aus unempfindlichen Erythrocyten diese Fähigkeit nur gegenüber Ochsenblut, nicht gegenüber Hammel- und Ziegenblut zukommt. Die Untersuchungen Bangs dürften daher auch in bezug auf die hämolytische Wirkung des Cobragiftes (ohne Zusatz von Aktivatoren) den eigentlichen Mechanismus der Cobragiftwirkung, der, wie später zu besprechen sein wird, an erster Stelle auf der Bildung des eigentlichen Hämolysins durch fermentative Cobragift- wirkung beruht, nicht tangieren. Ob wirklich die Vorstellung, zu welcher Bang über die Rolle der Salze gelangt, den Tatsachen entspricht, soll dahingestellt bleiben. Bemerkt sei aber, daß es wohl nicht wesentliche Schwierigkeiten be- reiten dürfte, die tatsächlichen von Bang beschriebenen Verhältnisse im Sinne einer indirekten AVirkung aufzufassen, welche gegen die Art der Lipoidspeicherung gerichtet wäre. Wenn man sich nämlich vor- stellt, daß die Lipoide das Aufnahmeorgan der roten Blutkörperchen für Cobragift darstellen, und die Variationen der Aufnahmefähigkeit verschiedener Blutarten in physiologischer Kochsalzlösung eine Funk- tion der Art und Weise der Lipoidspeicherung oder der „Disponi- bilität" der Lipoide darstellen, so könnte man wohl daran denken, einerseits der Salzbeschaffenheit des Blutkörpercheninhalts, anderer- seits dem umgebenden Milieu einen Einfluß auf die Aufnahmefähig- keit der intracellulären Lipoide zuzuschreiben, ohne daß uian mit Bang dem Cobragift Affinität zum Alkali und Säurenatur vindizieren müßte. Wie dem aber auch sei, so handelt es sich jedenfalls bei der Analyse des Rohrzuckerblutes und der Salzwirkungen wesentlich um die Frage der Giftspeicherung, und der Mechanismus der eigentlichen Cobragiftwirkung ist, wie später besprochen werden wird, charakte- risiert durch das Zusammenwirken mit Lipoidstoffen. 1414 Hans Sachs, 2. Komplexe Konstitution. Nachdem das Studium der hämolytischen Serumwirkungen als allgemeine Gesetzmäßigkeit ergeben hat, daß es sich hier um das Zusammenwirken von 2 Komponenten (Ambozeptor und Komplement) handelt, lag es nahe, auch bei tierischen Toxinen im engeren Sinne die Frage zu untersuchen, ob das wirksame Agens einheitlicher oder komplexer Natur ist. Besonders waren naturgemäß die hämolytischen Wirkungen in dieser Richtung geeignet. Allerdings ist eine komplexe Konstitution auch bei negativen Versuchsergebnissen schwerlich aus- zuschließen, da es von vorneherein nicht ohne weiteres gelingen muß, für das inaktivierte Gift den zur Restitution der Wirkung geeigneten, an und für sich unwirksamen Stoff zu finden, resp. ein Verfahren zur Trennung von 2 Komponenten ausfindig zu machen. Wenn wir daher von einfachen Toxinen sprechen, so ist darunter, streng genommen, nur zu verstehen, daß der Nachweis einer komplexen Konstitution mittels der verfügbaren Methoden nicht gelungen ist. So konnte Peöscher das inaktivierte Phrynolysin durch Serum nicht mehr aktivieren, und ebensowenig gelang es Sachs, Anhaltspunkte für die komplexe Konstitution des Kreuzspinnengiftes zu gewinnen. Neuer- dings beschreibt jedoch Levy eine Reaktivierung der durch Hitze- oder Säureeinwirkung inaktivierten hämolytischen Maceration der Eier von Epeira diademata durch eine an und für sich nicht hämo- lytische Maceration der Eier von Meta segmentata und denkt daher daran, idem Arachnolysin komplexe Natur zuzusprechen. Als einfaches hämolytisches Toxin wurde vielfach, besonders auch von Camus & Gley, das Hämolysin des Aalserums aufgefaßt; jedoch lassen Er- fahrungen von Liefmann & Andreew, Fränkel, Lazar, Land- steiner & Rock, Amako u. a. es walirscheinlich erscheinen, daß das Aalserum wie auch andere Kaltblütersera (vgl. hierzu auch Noguchi, siehe jedoch Friedberger & Seelig) durch das Zusammenwirken mehrerer Komponenten seine hämolytische Wirkung entfaltet. Die komplexe Wirkung, welche wir bei einer großen Klasse tie- rischer Toxine antreffen, unterscheidet sich von derjenigen, welche das Bl\itserum entfaltet. Zwar waren ursprünglich die hämolytischen Stoffe der Schlangengifte, w^elche den Ausgangspunkt der zu besprechendeo Untersuchungen darstellten, als Ambozeptoren angesprochen worden (Flexner & Noguchi, Kyes), jedoch handelt es sich hierbei, wie spätere Erfahrungen gezeigt haben, im allgemeinen um ein gesondert zu betrachtendes Prinzip, dasjenige der sogenannten Lecithid- bildung. Allerdings kennen wir gewisse cytolytische Schlangen- giftwirkungen, die zweifellos, wie das der ersten Ansicht von Flexner & Noguchi entspricht, der Gegenwart von Komplementen bedürfen. Nach den Untersuchungen von Kyes & Sachs gilt dies insbesondere für das Zusammenwirken von Cobragift und Meerschweinchenserum bei der Hämolyse von Rincl,er- und Hammelblut*). Aber auch bei *) Die Charakterisierung der Aktivatoren des frischen Meerschweincheii- serums als Komplemente und ihre Differenzierung von den Lipoidfunktionell ist im Sinne von Kyes & Sachs allgemein bestätigt worden ; vgl. hierzu die Arbeiten von v. Dungern & Coca, Bezzola, Sachs, Morgenroth & Kaya, Browning & Mackie u. a. Nach Flexner & Noguchi kann man im Schlangengift isokomplemento- phile Ambozeptoren (durch Schlangenserum aktivierhar) und heterokomplemento- Tierische Toxine und Immunitätsforschung'. 1415 diesen Kombinationen unterscheidet sich der AVirkungsmcchanismus insofern von dem für die Ambozeptor-Komplementwirkiing typischen Verhalten, als die Cobragiftkomponente von den Blutkörperchen im salzhaltigen Milieu nach den Erfahrungen von Lamb, Sachs, Morgen- roth c^- Kaya nicht gebunden wird im 'Gegensatz zu mehr oder weniger abweichenden Angaben von Flexxer & Noguchi, Kyes, besonders von V. Dungern & Coca. (Vgl. hierzu auch Bang, Bang & Overton.; Wenn auch an und für sich der Mangel an Bindung noch keineswegs gegen die Ambozeptornatur zu sprechen geeignet scheint, so wird man bei der eigenartigen Wirkungsart, welche dem Cobragift überhaupt zu- kommt, doch gut tun, diesen Fall des Zusammenwirkens zweier Kom- ponenten mit Vorsicht zu betrachten. Allerdings glaubten v. Dungern & Coca gerade auf Grund von Bindungsversuchen zu einer Differenzierung der durch Serumkom- plement aktivierbaren Cobragiftkomponente von dem im Verein mit Lecithin wirkenden Prinzip gelangen zu können, indem sie angaben, daß die erstere Komponente von den Blutkörperchen im Gegensatz zum letzteren verankert wird. Daß dem nicht so ist, zeigten die sich insbesondere mit dieser Frage beschäftigenden Untersuchungen von Sachs, sowie von Morgenroth & Kaya. Zur Erklärung des Zu- sammenwirkens von Cobragift und aktivem Meerschweinchenserum bei der Hämolyse hat Sachs die Annahme diskutiert, daß das Meer- schweinchenserum durch einen geringen Gehalt von Ambozeptor pri- mär Hämolyse verursachen und die derart disponibel gewordenen Blutkörperciienlipoide die Aktivierung des Cobragiftes herbeiführen könnten. Es würde sich nach dieser Vorstellung um einen Circulus handeln, aus dem eine allmählich fortschreitende Hämolyse resul- tieren müßte. Allerdings widerspricht dieser Anschauung das Ver- halten solcher Meerschweinchensera, welche augenscheinlich an und für sich eine hämolytische Wirkung nicht ausüben ,und trotzdem im Verein mit Cobragift Hämolyse bedingen (vgl. hierzu auch Morgen- roth lI' Kaya). Indessen gelangten später auch v. Dungern & Coca auf Grund der von Sachs erhobenen Befunde und weiterer eigener Prüfungen zu einer Hypothese, in welcher sie annehmen, daß die Cobra- gift-Meerschweinchenserum-Hämolyse durch das Zusammenwirken eines komplexen Serumhämolysins mit dem Schlangengift zustande kommt. Zur Erklärung nehmen v. Dungern & Coca, abweichend von Sachs, an, daß zwar das Cobragift direkt auf die Blutkörperchen wirkt, aber in dem Sinne, daß es durch Lipasewirkung eine größere Empfindlich- keit gegenüber den komplexen Serumhämolysinen herbeiführt. Dabei setzt nach den genannten iVutoren die Lösung des mit Cobragift vor- behandelten Blutes die stärksten Hämolysine des Serums voraus. Daß derartige Bindungsversuche durchaus nicht gesetzmäßig gelingen, könnte sich dann dadurch erklären, daß die Gegenwart des Serums als solchen eine vermehrte Aufnahme des Cobragiftes durch die roten Blutkörperchen herbeiführt. Wenn sich nun auch die im Verein mit Serum und mit Lecithin hämolytisch wirkenden Agentien des Cobra- phile Ambozeptoren (durch andersartige Sera aktivierbar) unterscheiden. Die Ambozeptoren des Schlangenserums sind nach den genannten Autoren hingegen nur isokomplementophil. Ob es sich bei derartigen AVirkungen des Schlangen- giftes wirklich um Ambozeptoren im engeren Sinne handelt, muß im allgemeinen dahingestellt bleiben und wäre für jede einzelne Kombination gesondert zu untersuchen. \ 1416 Haxs Sachs, giftes in bezug auf ihre Beziehungen zu den roten Blutkörperchen prinzipiell gleichartig verhalten und eine Bindung im allgemeinen nicht stattfindet, so haben andererseits die Versuche von Morgexroth & Kaya gezeigt, daß bei gewissen Eingriffen die beiden Funktionen der Giftlösungen sich different verhalten. Durch Erhitzen auf 70 ^ verliert das Cobragift nämlich seine Fähigkeit im Verein mit Meer- schweinchenserum hämolytisch zu wirken, während die durch Lecithin aktivierbare Komponente nur eine Verminderung ihrer Wirkung er- leidet. Besonders eklatant sind die Unterschiede bei der Einwirkung von Alkali und besonders von Salzsäure. Beim Erhitzen in saurer Lösung bleibt die Aktivierbarkeit durch Lecithin quantitativ erhalten, während diejenige durch Meerschweinchenserum vollständig aufge- hoben ist. Trotzdem tragen jedoch Morgenroth & Kaya Bedenken, zwei verschiedene Komponenten im Cobragift als Ursache für die beiden xlktivierungsarten anzunehmen, indem es den Autoren möglich erscheint, daß eine einheitliche Substanz durch gewisse Eingriffe ihre Aktivierbarkeit durch Komplement verliert, während sie zur Aktivierung durch Lecithin geeignet bleibt. Daß jedenfalls bei der Aktivierung durch frisches Meerschweiu- chenserum Komplemente mitwirken, ergibt sich aus den älteren Unter- suchunaen von Kyes und Sachs, auf die hier verwiesen sei, sowie aus der von Sachs, wie auch von Morgenroth & Kaya ermittelten Tatsache, daß die antikomplementäre Wirkung, welche dem Cobra- gift nach den Untersuchungen von Flexner & Xoguchi sowie von Xoc zukommt (cf. hierzu auch Braun, Omorgkg'w, Sachs & Omorokow, EiTz), auch dann in Erscheinung tritt, wenn lediglich die Kombination von Meerschweinchenserum und Cobragift das hämolytische System darstellt. Im gleichen Sinne sprechen die Angaben von Bezzola, V. Dungern & Coca, Browning & Mackie (vgl. bei den letztgenannten Autoren Angaben über unterschiedliches Verhalten der Komplement- funktionen bei der Cobragiftwirkun«- und bei der Aktivierung von Immunambozeptoren). 3. Lecithidbildung. Das Zusammenwirken des Cobragiftes mit Lipoiden bedarf wegen der Eigenart seiner Erscheinung einer gesonderten Besprechung. Xachdem einerseits Flexner & Xoguchi festgestellt hatten, daß Cobragift durch Serum aktiviert wird, und nachdem andererseits von Calmette gezeigt worden war, daß die aktivierende Wirkung des Serums in vielen Fällen beim Erhitzen auf 62 'J erhalten bleibt oder auch erst nach diesem Eingriff in Erscheinung tritt, hat Kyes folgenden für die weitere Analyse der hämolytischen Cobragift- wirkung grundlegenden Tatsachenkomplex entdeckt: 1. Alle Sera wirken nach Erhitzen auf 6.3 — 100 '^ aktivierend, 2. die aktivierenden Stoffe des Serums sind alkohol- und äther- löslich, * 3. das Serum kann durch Lecithin ersetzt werden. Daß die cobragiftaktivierende Funktion des Lecithins von der Komple- mentaktivierung verschieden ist, haben l>ereits Kyes und Sachs festgestellt, indem sich zeigte, daß die Hämolyse durch Cobragift und Lecithin relativ rasch und auch bei niedriger Temperatur erfolgt, daß die Funktion des Leci- thins durch komplementschädigende Agentien (Papainverdauung, Säure, Alkali) Tierische Toxine und Immunitätsforschung. 1417 nicht tangiert wird, daß andererseits Cholesterin die Aivtivierung durch Leci- thin hemmt. Außer dem Lecithin wirken nach Kyes & Sachs dcas Kephalin, und in gewissem Grade Fettsäuren, Seifen, Chloroform, Olivenöl, nach P. Mayee auch Jecorin und Lecithinglukose aktivierend. Nach NoGUCHi sollte Triolein stärker wirken als Lecithin, jedoch handelt es sich bei seinen Versuchen um eine auffällig geringgradige Akti- vierung durch Lecithin. Später fand Noguciii selbst ein anderes Trioleinpräparat ganz inaktiv. Ebensowenig konnten Angaben, nach denen gewisse Fettsäuren und lösliche Seifen Cobragift stärker akti- vieren sollten als das Lecithin, bestätigt werden (vgl. hierzu auch Manwaring). Natürlich muß man, um ein Urteil über die aktivierende Wirkung ver- schiedener Stoffe zu erhalten, die hämolytische Wirkung derselben mit und ohne Cobragift vergleichen. In dieser Hinsicht dürften aber die Lecithin- präparate, sowie nach Kyes auch das Kephalin alle anderen geprüften Agentien erheblich übertreffen. Die aktivierende Wirkung des Kephalins konnte Meyer- stein nicht bestätigen. Bang fand rein dargestelltes Lecithin ohne aktivierende Wirkung; er schließt daraus,, daß Lecithin im chemischen Sinne kein Aktivator ist, und fand die größte Aktivatormenge in der Kephalinfraktion, be- merkt aber, daß mehrere Tatsachen gegen die Aktivatornatur des Kephalins sprechen. Es erübrigt sich an dieser Stelle auf diese rein lipoid-chemischen Betrachtungen näher einzugehen, zumal einer- seits Bang zu einer chemischen Charakterisierung des Aktivators nicht gelangt ist, andererseits die Lecithinpräparate des Handels nach wie vor die geeignetsten und wirksamsten Aktivatoren dar- stellen und endlich das aus dem Zusammenwirken des Handels- lecithins mit dem Cobragift resultierende hämolytische Produkt eine, wie noch zu erörtern sein wird, chemisch als Monofettsäurelecithin wohl definierbare Substanz ist. Was die aktivierende Wirkung von Seifen und Fettsäuren an- langt, so haben bereits Kyes & Sachs auf die Möglichkeit hin- gewiesen, daß die aktivierende Wirkung dieser Substanzen eine in- direkte sein könnte, indem durch ihre Gegenwart das in den Blut- körperchen vorhandene Lecithin in einen dispositionsfreieren Zu- stand übergeführt wird. v. Dungern & Coca glauben hingegen auf Grund ihrer Versuchsergebnisse, daß durch Zusatz von Oelsäure oder Oelseife die Löslichkeitsverhältnisse für das Schlangengift sich ändern und dementsprechend die Aufnahme des Cobragiftes in die Blutkörperchen erleichtert wird. Möglicherweise entspricht daher der Vorgang der Aktivierung durch Seife und Oleinsäure im salzhaltigen Milieu demjenigen der Cobragiftwirkung (ohne Aktivatoren) auf direkt empfindliche Blutkörperchen, resp. demjenigen der Hämolyse unempfindlicher Blutkörperchen in Hohrzuckerlösung. Da nach den Untersuchungen von Kyes die Lipoide, insbesondere Lecithinpräparate als Aktivatoren des Cobragiftes fungieren, können selbstverständlich ebenso wie das Blutserum*) auch lipoidhaltige Kör- perflüssigkeiten oder Organextrakte die Hämolyse im Verein mit Cobragift herbeiführen. Gesondert zu betrachten ist dabei die be- reits erörterte Hämolyse durch das Zusammenwirken von Cobragift *) Angaben über stärkere aktivierende Wirkung durch das Serum neu- geborener Tiere als durch das Serum Erwachsener siehe bei Sachs. 1418 Hans Sachs, und Serumkomplementen. Die Aktivierung durch Serumlipoide ist hingegen im allgemeinen charakterisiert durch die Thermo- resp. Koktostabilität der Wirkung, wie auch durch die Löslichkeit der wirk- samen Stoffe in Alkohol- Aether *). Nach NoGucHi hat man zwischen den Aktivatoren im frischen und erhitzten (65 o und höher) Serum zu unterscheiden. Für die Akti- vierung durch frisches Serum (Extrahierbarkeit durch Aether) sollen Fettsäuren und Seifen maßgebend sein (ebenso wie nach Xoguchi für die direkte Empfindlichkeit der Blutkörperchen), für die Aktivierung durch erhitztes Serum (Extrahierbarkeit durch heißen Alkohol), da- gegen Lecithin, resp. Lecithin-Eiweißverbindungen. Noguchi diffe- renziert diese beiden Formen der Serumaktivierung durch den ver- schiedenen Einfluß von Calciumchloridlösungen, welche die Aktivie- rung durch frisches Serum ebenso wie durch Seifen und Fettsäuren hemmen, diejenige durch Lecithin und erhitztes Serum jedoch unbeeinflußt lassen (vgl. hierzu auch v. Dungern & Coca, Bang). Eine derartige dualistische Auffassung ist möglich, ohne daß man deshalb der wesentlichen Rolle des Lecithins eine Bedeutung ab- zusprechen braucht. Denn man kann sich ja die Funktion frischer Sera ebenso wie diejenige der Fettsäuren und Seifen als eine in- direkte, wesentlich die Aufnahme des Cobragiftes vermittelnde vor- stellen, eine Anschauung, die demnach einer Wirkung des Cobra- giftes auf das Lecithin des Blutkörpercheninhaltes noch Raum läßt (cf. auch Landsteiner). Möglicherweise kommen auch verschiedene Giftkomponenten für die einzelnen Formen der Aktivierung (a. durch Komplemente, b. durch Fettsäuren und Seifen [aktive, nicht kom- plementartig wirkende Sera], c. durch Lecithin, resp. erhitzte Sera) in Betracht. Notwendig dürfte eine derartige pluralistische Be- trachtung vorläufig aber nicht erscheinen. Daß zudem — wenigstens bei manchen Serumsorten — eine direkte fermentative Einwirkung des Cobragiftes auf Serumbestandteile stattfindet, zeigen die Angaben Delezennes & Ledebts, nach denen beim vorherigen geeigneten Di- gerieren von Cobragift und Pferdeserum (vor dem Blutzusatz) die Hämol} se erheblich stärker ist, als beim sofortigen Mischen mit Blut. Nach Noguchi ist nur das Hundeserum auch im frischen Zustande imstande, durch den Lecithingehalt aktivierend zu wirken (keine Hemmung durch CaClg). Daß auch die Milch (Ziege), wenn auch erst nach dem Erhitzen auf 100", sowie die Galle aktivieren, haben Kyes & Sachs gezeigt. Ebenso können auch lackfarbene Lösungen aus roten Blutkörperchen aktivierend wirken (Kyes, Kyes & Sachs). Daß ferner Organextrakte, insbesondere alkoholische ent- sprechende Funktionen besitzen, ergibt sich aus den Angaben von Browning, Cruickshaxk & McKenzie, v. Zubrzycki**). Besonders gut eignen sich, wie man nach dem reichlichen Lecithingehalt von vorneherein erwarten kann, zur Aktivierung des Cobragiftes Ovovitellin, resp. Eidotterextrakte (cfr. hierzu Noguchi, Bang, Delezenne und Ledebt). *) Eine Thermolabilität Öer Wirkung braucht an und für sich nicht un- bedingt gegen die Lipoidnatur der wirksamen Stoffe zu sprechen. Kyes & Sachs haben nämlich gezeigt, daß aktivierende Geraische von Lecithin und Ilämoglobin durch Erhitzen auf 62" inaktiviert werden und hierfür eine Kuppelung des Hämoglobins an das Lecithin verantwortlich gemacht. In gleicher Weise können unter Umständen auch im Serum thermolabile Lipoidwirkungen zur Beobachtung gelangen (cf. auch Noguchi). **) Ueber hämolvtische Wirkung von Milzextrakten nach intravenöser Cobra- giftinjektion vergl. NoLF. Tierische Toxine und Immunitätsforschung. 1419 "Was nun das Zusammenwirken von Schlangengift und Lecithin insbesondere bei der Hämolyse anlangt, so spielen hierbei die quanti- tativen Verhältnisse eine große Rolle. Wie Kyes & Sachs gezeigt haben, wird in gewissen Grenzen um so weniger Lecithin zur Hämo- lyse benötigt, je mehr Gift vorhanden ist (cf. hierzu auch Noguchi). Bei einem Cobragiftüberschuß tritt jedoch eine Steigerung des Leci- thinbedarfs ein. Ebenso kann die Hämolyse der an und für sich dem Cobragift gegenüber empfindlichen Blutarten durch einen Gift- überschuß gehemmt werden. Kyes & Sachs haben den Vorgang durch eine Ablenkung, resp. Ver- teilung des Lecithins, resp. der in manchen roten Blutkörperchen disponiblen lipoidartigen Endoaktivatoren durch einen Cobragiftüberschuß erklärt, während NoGucHi (cf. hierzu auch Stephens & Myersj für die Ueberschußhemmung eine zweite im Cobragift vorhandene Komponente (neben dem lytischen Prinzip) verantwortlieh macht Es sei in dieser Frage auf die Originalarbeiten verwiesen; erwähnt sei hier nur die Tatsache, daß nicht nur zwischen den einzelnen Blut- arten, sondern auch zwischen individuell verschiedenen Proben ein und der- selben Blutart, wie Kyes & Sachs gezeigt haben, weitgehende quantitative Differenzen in bezug auf das Hemmungsphänomen bestehen. Die Untersuchungen von Kyes haben ergeben, daß Beim Zu- sammenwirken von Cobragift und Lecithin in vitro ein hämolytisches Eeaktionsprodukt entsteht, welches sich markant von den Eigen- schaften der beiden Ausgangskomponenten unterscheidet. Man ver- fährt zur Herstellung der hämolytischen Substanz nach dem von Kyes ausgearbeiteten, von Manwaring und Sachs modifizierten Ver- fahren zweckmäßig folgendermaßen : 1/2-proz. wäßrige Lösungen von Cobragift werden mit der gleichen Menge 2ü-proz. Lösung von Lecithin in Chloroform geschüttelt. Die sich- dabei bildende Säure wird durch wiederholten Zusatz von Natronlauge so lange abgestumpft, bis eine weitere Säurebildung nicht mehr wahrzunehmen ist, und schließlich wird die gesamte zugefügte Alkalimenge durch Salzsäure neutralisiert*). Sodann wird der Emulsion ^5 ihres Gesamtvolumens Alkohol hinzugefügt. Es entsteht derart ein leicht zentrifugables Gemisch, aus dem sich auch beim Stehen im Scheidetrichter die Chloroformschicht rasch und klar sedimentiert. Die derart erhaltene Chloroformschicht wird durch mehrfaches Schütteln mit wasserfreiem Natriumsulfat getrocknet, filtriert und durch 10 Teile wasser- freien Aethers bei — 10 " gefällt. Der erhaltene Niederschlag wird in Alkohol aufgenommen und das alkoholische Filtrat wiederum durch Aether gefällt. Nach dem Trocknen des gereinigten Niederschlags resultiert ein schneeweißes Präparat, das sich vom Cobragift durch die Löslichkeit in Alkohol und Chloroform, vom Lezithin durch die Löslichkeit in AVasser und die Unlöslichkeit in Aether unterscheidet. Zur raschen Gewinnung geringer Mengen der gleichen Substanz kann man nach Kyes auch gleiche Teile 4-proz. wäßriger Cobragiftlösung und 20-proz. inethylalkoholischer Lecithinlösung mehrere Stunden unter wiederholtem Um- schütteln bei 37 ° digerieren, sodann mit 10 Teilen absoluten Alkohols vom Niederschlag abzentrifugieren und das Filtrat mit Aether ausfällen. Die derart erhaltene stark und rasch hämolytisch wirkende Sub- stanz (die hämolytische Dosis beträgt in der Regel 0,05 — 0,025 mg *) Es kann dabei sofort nach dem Herstellen des Gemisches der Säure- grad festgestellt (5 ccm der Emulsion + 5 ccm Amylalkohol -y- 10 ccm Aethyl- alkohol. Titrieren mit Vio n-Natronlauge gegen " Phenolphthalein ) und zur Hälfte neutralisiert werden. Nach je 2 Stunden langem Schütteln im Schüttel- apparat wird in gleicher Weise verfahren, bis die Azidität eine Zunahme nicht mehr erfährt. Eine Unterbrechung der Prozedur von einem Tag zum anderen ist belanglos. 5^420 Hans Sachs, für 1 ccm 5-proz. Blutaufschwemmung) hat Kyes als „Cobralecithid"' bezeichnet, weil er sie als ein synthetisches unter Fettsäureabspaltung aus Cobragift und Lecithin entstandenes Produkt auffaßte*). Da zudem Kyes mit den von ihm hergestellten Lecithidpräparaten immu- nisatorisch ein Antiserum erzeugen konnte, das sowohl die Wirkung des Lecithids, wie auch diejenige des nativen Cobragiftes neutra- lisierte, vindizierte er dem fertigen Cobralecithid Toxinnatur, er- blickte in der Verbindung Cobragift-Lecithin ein Analogon des Ambo- zeptor-Komplementkomplexes bei der Scrumhämolyse und glaubte da- her in der gelungenen Darstellung des Cobralecithids einen Beweis für den "Wirkungsmechanismus der komplexen Scrumhämolysine im Sinne der Ambozeptortheorie erblicken zu dürfen. Xeuere Unter- suchungen haben jedoch gezeigt, daß die Herstellung der Schlangen- giftlecithide zu derartigen theoretischen Schlußfolgerungen nicht be- rechtigt. Durch die Untersuchungen von Kyes war zwar Anschauungen, nach denen es sich bei der Cobragift-Lecithinreaktion um einen rever- siblen Prozeß oder um einfache Adsorptionsvorgänge resj). Kolloid- reaktionen handeln sollte (cf. hierzu Arrheniüs, Madsex & Xoguchi, Predig, Michaelis & Rona), der Boden entzogen Avorden. Denn die von Lüdecke unter Willstätters Leitung vorgenommene chemische Analyse der KvEsschen Lecithide hatte ergeben, daß es sich um ein einheitliches analysenreines Präparat handelt, dessen Werte mit den- jenigen eines Monofettsäurelecithins gut übereinstimmten**). Nach Feststellung dieser Tatsachen konnte es sich also nur bei dem Cobra- lecithid entweder um einen reinen Abkömmling des Lecithins, durch fermentative Einwirkung des Cobragifts entstanden, handeln, eine Anschauung, die in der Tat von Lüdecke vertreten wurde, oder aber um eine Verbindung dieses Lecithinabkömmlings mit einem Cobra- giftbestandteil, was Kyes auf Grund der schon erwähnten, von ihm erhobenen Befunde annehmen zu müssen glaubte. Die weitere Forschung hat der Auffassung von Lüdecke recht gegeben. Die Untersuchungen v. Dungerns & Cocas haben es wahr- scheinlich gemacht, daß die Schlußfolgerungen von Kyes, auf Grund deren er das Cobralecithid als Toxin ansprach, irrtümlich waren. Die genannten Autoren haben nämlich nachgewiesen, daß die Versuche, aus denen Kyes auf die gelungene Erzeugung von Antikörpern des Cobralecithids schloß, nicht eindeutig waren. Sie konnten zeigen, daß die immunisatorisch erhaltenen Antikörper, die auch sie nachweisen konnten, nicht gegen das hämolytische Reaktionsprodukt, sondern gegen natives Cobragift, welches den damals verwendeten Präparaten noch beigemengt war, gerichtet sind. Wurden diese Cobragiftbei- mengungen durch Kochen der Lecithidlösungen eliminiert, so waren die Unterschiede zwischen normalem und Immunserum vollständig aufgehoben. *) MoRGEXROTH bezeichnete die mutmaßlichen Toxin-Lecithinverbiudungen als „Toxolecithide", ihre in den Giftlösungen vorhandenen natürlichen Vor- stufen als ,,Prolecithide". **) In dem Aether, in dem das Lecithid gefällt war, hat Lüdecke die ab- gespaltene Fettsäure nachgewiesen. Daß Schlangengift auf Fett und Lecithin im Sinne der Säurebildung wirkt, ergibt sich auch aus den Arbeiten von Neuberg und Rosexberg. Tierische Toxine und Immunitätsforschung-. 1421 V. Dungern & Coca haben mit Recht darauf hingewiesen, daß bei diesen Versuchen Antikörper des Leeithids nur dachu-eh vorgetäuscht wurden, dalj das auf 040 erhitzte Kaniuchenserum, das in den IvYESschen \'ersuchen als xVnti- körperträger fungierte, gleichzeitig einen Aktivator des Cobragiftes darstellt. Es trifft daher auch nicht zu, daß, wie es Kyes annahm, die hemmende Funktion, welche das aktive Serum gegenüber der Lecithidwirkung ausübt, nach dem Er- hitzen schwindet; viehnehr wird dieselbe infolge der erst durch das Erhitzen des Serums manifest werdenden Aktivierung der Cobrabeirnengungen larviert. Bei Verwendung des Antiserums aber bleibt diese aktivierende Wirkung aus, weil die Cobragiftbeimengungen gleichzeitig durch die vorhandenen Antikörper neu- tralisiert werden. Ist somit durch die Untersuchungen v. Dungerns & Cocas erwiesen, daß die Antikörper, welche Kyes, sowie v. Düngern & Coca in den durch Lecithidimmunisierung gewonnenen Antiseris studierten, Antikörper des nativen Cobragiftes darstellen, so könnte man zwar zunächst noch annehmen, daß die Differenzen, welche Kyes zwischen dem Verhalten der Cobraantikörper im CALMETTEschen (von Pferden gewonnenen) Serum und der von Kaninchen durch Lecithidimmunisierung erhaltenen Antisera annehmen zu müssen glaubte, zu Recht bestehen. Nach den Angaben von Kyes werden nämlich Lecithid- präparate, gegen welche die Lecithidmimunsera wirksam sind, durch Calmette- sches Serum nicht oder nur in geringem Grade beinflußt. Diese Verhältnisse dürften aber unter der Annahme einer prinzipiellen Identität der beiden Anti- körper dadurch eine hinreichende Erklärung finden, daß sich das Pferdeseruni, welches die C'ALMEXTEschen Antikörper trägt, in den untersuchten Kombina- tionen nicht oder nur in geringfügigem Grade zur Aktivierung der Cobra- beirnengungen geeignet erweist. Dadurch spielt beim CALMETTEschen Serum die Quote des nativen Cobragiftes bei der Hämolyse nur eine mehr oder weniger geringe Rolle, während sie bei Verwendung des erhitzten Kaninchenserums, wie V. Dungern & Coca gezeigt haben, markant interferiert. Den Befunden v. Dungerns & Cocas entsprechen negative Le- ciihidimmunisierungsversiiche von Morgenroth & Kaya, sowie aus- gedehnte Immunisierungen von Kaninchen, Hiihnei'n und Gänsen., welche vom Referenten mit den nach dem Verfahren von Kyes- Manwaring hergestellten cobrafreien Lecithidpräparaten vorgenom- men wurden (cf. Manwaring). Dem KyEsschen Lecithidprä- parat kann daher eine Toxinnattir nicht mehr zugespro- chen werden. Es hat sich also die von Ll'decke vertretene Auffassung, nach welcher das aus dem Zusammenwirken von Cobragift und Lecithin resultierende Eeaktionsprodukt ein Lecithinderivat ist, als richtig erwiesen. Auch v. Düngern & Coca haben sich in diesem Sinne ausge- sprochen und das hämolytische Endprodukt als „Desoleolecithin" be- zeichnet. Manwaring hat sodann in umfassenden Untersuchungen den NachAveis geliefert, daß das in geeigneter Weise hergestellte Cobra- lecithid frei von Cobragiftbeimengungen erhalten werden kann, und daß entsprechend dem fermentativen Charakter des Prozesses ein Cobragiftverbrauch nicht stattfindet*). Es gelang Manwaring das wirksame Prinzip des Cobragiftes nach der Einwirkung auf das Lecithin wiederzugewinnen und trotzdem aus den giftfreien Lösungen das typische Lecithidpräparat zu isolieren. Auch ließ sich das Cobra- gift aus der Chloroformschicht durch Schütteln mit physiologischer Kochsalzlösung unter Zusatz von Oelsäure sowie als alkoholunlösliche *) Hierdurch dürften sich auch Versuche von Morgenroth & Käya er- klären, in denen sich ergab, daß Gemische von Cobragift und Lecithin nach der Hämolyse bei Prüfung unter Lecithinzusatz keine Abnahme an hämolytischer Kraft aufwiesen. Während Morgenroth & Kaya dazu neigten, auf mangelnde Bindung des Leeithids zu schließen, handelt es sich offenbar auch hier wesent- lich um die Demonstration der Tatsache, daß ein Cobragiftverbrauch nicht stattfindet. 1422 Hans Sachs, Fraktion durch Alkoholfraktionierung der Chloroformschicht wieder- gewinnen, und zwar entweder in dem durch direkte Alkoholfällung erhaltenen Niederschlag oder im Aetherpräzipitat aus der Chloro- formschicht oder in Rückständen der Aether-Chloroformlösungen. Auf Grund dieser Befunde, aus denen hervorging, daß ein Ver- brauch des Cobragifts bei der Lecithidbildung nicht stattfindet, hat sich Manavaring der von Lüdecke, sowie v. Dungern & Coca ver- tretenen Anschauung angeschlossen. Der Vorgang der Lecithid- bildung ist danach als ein fermentativer und das Cobra- lecithid als Monof ettsäurelecithin zu betrachten. Da je- doch das außerordentliche Vermögen, den hämolytischen Lecithin - abkömmling zu bilden, wesentlich den Schlangengiften eigentümlich ist und das Cobragift andererseits nur eine geringgradige Verseifung der wahren Fette bewirkt (vgl. hierzu Xeuberg & Eosenberg, Friede- mann), hat Manwaring das eigenartige Ferment des Cobragiftes als ,,Lecithinase" bezeichnet. Es steht jedoch, wie Manwaring ausgeführt hat, der Annahme nichts entgegen, daß bei der Einwirkung des Cobragiftes auf Lecithin primär eiue in Chloroform lösliche Verbindung der Lecithinase mit dem Lecithid (unter Ab- spaltung eines Fettsäurerestes) entsteht, aus welcher sekundär 'durch Einwirkung von Alkohol oder auch Aether das Mouofettsäurelecithin isoliert wird. Dem- gemäß gelingt es auch durch Zusammenwirken des hämolytischen Produkts mit der Lecithinase den in Chloroform löslichen Komplex wieder zu erhalten. Daß das als „Lecithinase" bezeichnete fermentative Prinzip ein Antigen darstellt, ergibt sich aus der Fähigkeit, Antikörper zu erzeugen und durch sie neutralisiert zu werden. Von den Fermenten im allgemeinen dürfte sich die Cobra-Lecithinase durch ihre relativ hochgradige Eignung, als Antigen zu wirken, wie auch durch ihre ausgeprägte Stabilität unterscheiden. Der vollständig negierende Standpunkt, welchen Bang gegen- über diesen Feststellungen und Anschauungen einnehmen zu müssen glaubte, ist, wie v. Düngern & Coca, Manwaring & Sachs gezeigt haben, hinfällig. Es kann dabei von der rein lipoidchemischen Be- trachtung abgesehen werden. Bang bestreitet zwar, daß das Lecithin im chemischen Sinne überhaupt einen Aktivator darstellt, zieht aber doch auch für seine Untersuchungen die Handelslecithinpräparate wesentlich als Aktivatoren heran und läßt es nur dahingestellt, welche Substanz im Handelslecithin der Aktivator ist. Nach seiner Ansicht stellen die Handelspräparate, insbesondere das zu Untersuchungen vielfach benutzte Agfa-Lecithin, Substanzen dar, die der Darstellung nach (Cadmium-Chlorid-Verfahren) nur ein Molekül Fettsäure ent- halten*). Ohne auf diese Frage näher einzugehen, sei betont, daß es für die biologische Betrachtung des Vorgangs unwesentlich ist, ob das hämolytische Endprodukt aus Lecithin oder einer im Handels- lecithin vorhandenen, vorläufig nicht zu charakterisierenden Substanz entsteht. *) Im Gegensatz hierzu ist erst jüngst von der das Agfalecithin herstellen- den Seite durch Altschul mitgeteilt worden, daß die Angabe Bangs über die Herstellung des Präparats nicht zu Recht besteht, daß es sich vielmehr um ein reines Extraktionsverfahren unter Vermeidung jeder Anwendung von IMetall- salzen oder sonstiger chemische Umsetzungen des Lecithins bewirkender Re- agentien handelt. Bang hat demgegenüber erwidert, daß dadurch noch nicht erwiesen sei, daß das Agfalecithin ein natives Phosphatid darstellt. Tierische Toxine und Immunitätsforschung. 1423 Bei der Fermentnatur, welche der Cobragiftwirkung zukommt, kann es nicht überraschen, daß sich geringe Mengen der dem Cobra- lecithid entsprechenden Substanz bereits in Handelspräparaten A'or- finden, wie das v. Dungern & Coca, wie auch Bang in bezug auf die Löslichkeitseigenschaften gezeigt haben. Die Schlußfolgerung von Bang, daß derartige Beimengungen als Verunreinigungen des Cobra- lecithids eine Rolle spielen müßten, ist jedoch nicht ohne weiteres stichhaltig (vgl. hierzu Manwaring & Sachs), da es sich insbesondere nach den Ausführungen von Manwaring offenbar um identische Stoffe handelt und eine geringgradige Lecithidbildung augenscheinlich auch spontan erfolgen kann. Wenn Bang trotzdem auf Grund primären Vorhandenseins ätherfällbarer Beimengungen im Lecithin das Cobra- lecithid als eine einfache Adsorptionsverbindung im Sinne der Leci- thinglukose etc. auffassen will und die Fermentnatur des Cobragiftes bestreitet, so ist diese Ansicht durch die experimentellen Unter- suchungen unhaltbar geworden. Einerseits gelingt, wie v. Düngern L*^- Coca, Manwaring eingehend gezeigt haben, die Lecithidbildung auch aus den von ätherfällbaren Beimengungen befreiten Lecithin- präparaten in typischer Weise, andererseits enthält die durch che- mische Elementaranalyse und biologische Wirkung einheitlich charak- terisierte Substanz (das Cobralecithid oder Monofettsäurelecithin) bei geeigneter Darstellung überhaupt kein' Cobragift. Bang erblickt schließlich darin, daß viele Bhitarten in physiologischer Kochsalzlösung, resp. die in diesem Medium unempfindlichen in llohrzucker- lösung durch Cobragift allein gelöst werden, einen schroffen Widerspruch zur Fermentnatur des Cobragiftes. Auch diese Schlußfolgerung muß unbegründet erscheinen. Denn es handelt sich nach der Auffassung von Kyes & Sachs bei der verschiedenen Empfindlichkeit der einzelnen Blutarten um Differenzen in der Speicherung der vom Gift anzugreifenden Zellbestandteile, und wenn man auch mit Bang die Bedeutung der Salze für die Giftaufnahme und Gift- speicherung als wesentlich erachtet, so schließt das keineswegs aus, daß die Hämolyse durch Cobragift ohneAktivatorenzusatz erst durch die Reaktion mit den intercellulär gelegenen Lipoiden im Sinne von Kyes & Sachs zustande kommt. Bang gelangt nun auf Grund seiner interessanten, zum Teil schon erwähnten Untersuchungen über den Einfluß der Salze, Säuren und Basen auf die Blutkörperchen und die Schlangengif thämolyse zu der Anschauung, daß das Lecithin bei der Hämolyse an und für sich unempfindlicher Blutarten in NaCl-Lösung wesentlich eine indirekte Rolle spielt. Nach Bang kommt dem Lecithin zunächst die Be- deutung zu, die hemmende Wirkung, welche das Kochsalz resp. die Xatrium-Ionen gegenüber dem Cobragift ausüben, zu paralysieren. Nun kommt man aber auch nach Bang mit der Annahme der ein- fachen Aufnahme des Cobragiftes durch das Alkali der Lipoid- membran, die ja der Autor als Ursache der direkten Empfindlichkeit gegenüber Cobragift ansieht, zur Erklärung der Cobragifthämolyse nicht aus. Denn einerseits kann nach Bang Bindung des Cobragiftes in Rohrzuckerlösung ohne Hämolyse eintreten, andererseits wird die Hämolyse des Rohrzuckerblutes gleichfalls durch Lecithin erheblich verstärkt*). Bang vindiziert daher dem Lecithin noch die Rolle, das Gift von dem Blutkörperchenalkali auf einen zweiten Blutkörperchen- bestandteil überzuführen, der wesentlich für die Hämolyse ist. Beim _ *) Die Hämolyse durch Cobragift und Lecithin ist in Rohrzuckerlösung, wie bereits v. Dungern & Coca gezeigt haben, stärker, resp. rascher als in physiologischer Kochsalzlösung. 1424 Haxs Sachs, Kochsalzblut soll außerdem auch das Lecithin als solches zur Hämo- lyse beitragen, so daß Bang zum Teil sogar von einer ,,Summatiou der beiden "Einzelwirkungen" spricht. Auf die von Bang angestellten Versuche im einzelnen einzugehen, würde hier zu weit führen. Er- wähnt sei nur, daß Bang auch der Lipoidlöslichkeit des Giftes eine Bedeutung zuspricht und als letzte Ursache der Cobragifthämolyse ein Durchlässigwerden der Blutkörperchen für Salze resp. Rohrzucker infolge von Aenderungen der Zusammensetzung der Lipoidmembran annimmt. Wesentlich in bezug auf die Frage der Lecithidbildung ist die Anschauung Bangs, daß das Gift vom Lecithin aufgenommen und auf Blutkörperchen übergeführt wird, und daJ3 er ein hämolytisches E,e- aktionsprodukt überhaupt nicht anerkennt. Es soll durchaus nicht bestritten werden, daß die Rolle des Lecithins im Reagenzglasversuch bei dem EinAvirken im Verein mit Cobragift auf rote Blutkörperchen eine mehrfache sein kann. Daß mehr Faktoren bei der Hämolyse durch Cobragift und Lecithin zur Geltung kommen, als bei der Hämo- lyse durch isoliertes Lecithid, ergibt sich schon daraus, daß bei der Lecithidbildung Fettsäuren frei werden und diese ihrerseits an sich hämolytisch wirken und die Wirkung des Cobragiftes beeinflussen können. Es steht zudem nichts im Wege, dem Lecithin im Sinne Bangs auch die Rolle eines Transportmittels zuzusprechen und dem- entsprechend bei der Hämolyse durch Cobragift und Lecithin einerseits Lecithidbildung aus dem Lecithin, andererseits Wirkung des durch den Lecithinzusatz aufgenommenen Cobragiftes auf die Blutkörperchen- lipoide anzunehmen, also eine Kombination von extra- und intracellu- lärer Cobragiftwirkung zu supponieren. Die Ansicht Bangs aber, daß das Cobragift nicht direkt auf das Lecithin im Sinne einer Hämo- lysinbildung einwirkt, steht in schroffem Widerspruch zu den Tat- sachen. Denn die Bildung der hämolytischen Reaktionsprodukte ist keine Hypothese, sie ist vielmehr jederzeit ohne weiteres nachweisbar, und es genügt hierzu bereits, Gemische von Lecithin und Cobragift vor dem Blutzusatz eine Zeit lang unter geeigneten Bedingungen digerieren zu lassen, um an dem rascheren Ablauf der Hämolyse zu erkennen, daß eine Reaktion stattgefunden hat. Der fermentative Charakter der Cobragiftwirkung ist übrigens auch in interessanten Versuchsreihen von Delezenne & Ledebt voll und ganz anerkannt worden*). Von Interesse ist dabei zunächst die Angabe der Autoren, daß Gemische von Cobragift und Pferde- serum resp. Eidotter beim Digerieren vor dem Blutkörperchenzusatz nicht unerheblich stärker wirken als bei sofortigem Zufügen des Blutes, eine Tatsache, die im Sinne Bangs schwerlich eine Erklärung finden dürfte**). Während nun bei Verwendung von Eidotter die erworbene *) In den Arbeiten der genannten Autoren ist auch über die Isolierung des aus dem Zusammenwirken von Eidotter und Cobragift resultierenden hämo- lytischen Produkts berichtet, (Jessen Eigenschaften mit denjenigen des Kyes- schen Cobraleeithids durchaus übereinstimmen. **) Andererseits ist die sofort eintretende Hämolyse bei Zusatz von Blut zu bereits digerierten Gemischen von Cobragift und Lecithin (eigene Er- fahrungen) unter Umständen geringer, als die Hämolyse in entsprechenden Ge- mischen, denen von Anfang an Blut zugesetzt wurde, nach gleichem Zeit- intervall. Offenbar kommen hierbei sekundäre Momente, wie Hemmung der Lecithidwirkung durch Lecithin, Freiwerden der Lecithinase nach Aufnahme der Lecithidkomponente durch die Blutkörperchen (Maxwarixg), vielleicht auch weitere Spaltung des Lecithids (siehe später) in Betracht. Tierische Toxine und Immunitätsforschung. 1425 liämolytische 'Wirkung bestehen bleibt, büßen die hämolytisch ge- wordenen Geraische von Cobragift und JPferdeserum mit der Zeit ihre hämolytische Funktion wieder ein. Diese 2. Phase wird nach den An- gaben der Autoren von einer Trübung begleitet, und das resultierende Präzipitat soll fast ganz aus Kalkseifeu bestehen. Als Ursache er- blicken Delezenxe & Ledebt eine weitere Spaltung des primär ge- bildeten Hämolysins durch das Zusammenwirken von Cobragift und gewissen dialysablen Serumbestandteilen, deren Wirkung durch Xa- triumcitrat und Xatriumoxalat gehemmt werden kann. Das Wesen dieser 2. Phase des Prozesses besteht nach Delezenne & Ledebt in einer Abspaltung der gesättigten Fettsäuren durch fermentatives Zusammenwirken des Cobragift es mit gewissen Serumsubstanzen als Cofermenten, wobei sich durch den Kalkgehalt des Serums unlösliche Kalkseifen bilden. Herr Stabsarzt Kudicke hat nun. veranlaßt durch diese Mitteilung, Versuche über den Einfluß von Kalksalzen (Calcium- chlorid) auf die Cobragifthämolyse angestellt und dabei gefunden, daß die Hämolyse durch Cobragift und Lecithin durch die Gegen- wart von Kalksalzen eine nicht unerhebliche Beschleunigung und "\'crstärkung erfährt. Es liegt daher nahe, anzunehmen, daß auch die 1. Phase der Fettsäureabspaltung, welche zum hämolytischen Mono- fettsäurelecithin führt, durch Kalksalze in starkem Maße begünstigt wird. Es gelang ferner, das isolierte Cobralecithid durch alleinige Einwirkung von Cobragift zu entgiften, ein Vorgang, der jedoch durch die Gegenwart von Kalksalzen verstärkt Averden konnte. Man braucht daher wohl nicht, wie es Delezexxe & Ledebt anzunehmen scheinen, besondere Cofermente für die 2. Phase .der Entgiftung durch Cobragift - Wirkung verantwortlich zu machen ; vielmehr dürfte es genügen, die Elimination der durch Cobragiftwirkung freiwerdenden Fettsäuren in Form der unlöslichen Kalkseifen aus dem Eeaktionsgemisch für die Verstärkung der Cobraaiftwirkung sowohl im Sinne der Hämolysin- bildung, als auch im Sinne der weiteren Entgiftung des Hämolysins anzusprechen. Daß durch Abspahuug beider Fettsäurereste aus dem Lecitliidmolekül die hämoh-tischc Wirkung beseitigt wird, entspricht übrigens einer Angabe Män- WARiNGs, der ein als Cholinglyzerophosphat von der Firma Blattmann & Co. in den Handel gebrachtes und aus Eier-Lecithin gewonnenes Präparat frei von hämolytischer und cobragiftaktivierender Wirkung fand. Auch diese neueren Feststellungen über die Bedeutung der KaJk- salze für die Cobragift -Lecithin -Hämolyse scheinen uns durchaus für eine direkte zwischen beiden Komponenten stattfindende Reaktion zu sprechen. Denn das Calciumchlorid wirkt einerseits der hämo- lytischen Wirkung des Cobragiftes ohne Aktivatorzusatz, wie Noguchi für Kochsalzblut, Bang für Eohrzuckerblut gezeigt haben, und wie auch Herr Stabsarzt Kudicke für hinreichende CaCU-Konzentrationen bestätigen konnte, stärker entgegen als das Kochsalz (nach Baxg in- folge der Wirkung der Kationen auf das Cobragift). Anderer- seits sind aber geeignete Lösungen von Calciumchlorid der Hämo- lyse durch Cobragift und Lecithin günstiger als die physiologische Kochsalzlösung. Wenn man also mit Bang bei der direkten Cobra- gifthämolyse die Funktion des Calciumchlorids auf eine Hemmung der Aufnahme des Cobragiftes beziehen will, so muß man wohl annehmen, daß die Rolle des Lecithins mit einer Ueberführung des Cobragiftes auf die Blutkörperchen nicht erschöpft ist. Denn dieser Handbuch der pathogenen Mikroorganismen. 2. Aufl. II. 9U 1426 Hans Sachs, sollten die Kalksalze einen größeren Widerstand bereiten, als das Kochsalz. Tatsächlich hat auch Bang aus seinen Versuchen ge- schlossen, daß bei Gegenwart von Lecithin trotz Salzzusatz Gift unter Umständen sogar reichlicher aufgenommen wird, ohne daß Hämolyse eintritt. Nach Bang verbindet sich dabei ein Teil des Giftes mit dem vom Lecithin aufgenommeneu Alkali und geht hieraus nicht auf den zweiten Rezeptor über. Solche cobrabeladenen Blutkörperchen werden glatt durch Zusatz von mehr Lecithin hämo- lysiert. Dieses letztere Lecithin nimmt also das Gift aus der Alkali- verbindung des Lecithins fort und führt es auf den zweiten Rezeptor über (Bang). Aber jedenfalls dürfte unter dieser Annahme eine günstigere Wirkung des Calciumchlorids gegenüber dem Kochsalz schwer verständlich erscheinen. Allerdings zeigt das Verhalten der Kalksalze, wenn man die ver- schiedenen Angaben der Autoren vergleicht, ein wechselvolles Bild. Bereits von Xoguchi ist aber hervorgehoben worden, daß das Calcium- chlorid die Hämolyse durch Cobragift allein sowie bei Aktivierung durch Seifen oder Fettsäuren hemmt, dagegen diejenige durch Cobra- gift und Lecithin unbeeinflußt läßt. Xach den neueren Untersuchungen KuDiCKEs hemmt zwar CaCU in größeren Konzentrationen die Hämo- lyse des empfindlichen Kochsalzblutes, wirkt aber in kleinen Mengen gerade entgegengesetzt, und zwar in hohem Maße beschleunigend, eine Tatsache, die des Interesses nicht entbehrt. Währendandererseitsv. Dun- gern & CocA die Hämolyse durch Cobragift und Lecithin in Calcium- chloridlösung geringer fanden, als in physiologischer Kochsalzlösung, hat KuDiCKE, wie erwähnt, entgegengesetzte Befunde erheben können. Auch Bang gibt an, daß Calciumchlorid unter gewissen Umständen eine die Hämolyse durch Cobragift und Lecithin befördernde Wir- kung hat. und daß es jedenfalls bei Gegenwart von Lecithin, auch wenn keine Hämolyse eintritt, die Giftaufnahme nicht hindert. An- dererseits konnte aber Bang bei geringen Lecithinmengen auch einen hemmenden Einfluß der Salze konstatieren, wobei Calciumchlorid das Kochsalz übertraf. Offenbar hängen die Verhältnisse einerseits von den quantitativen Bedingungen, andererseits auch von der Beschaffen- heit der Lecithinpräparate weitgehend ab, da ja, wie schon erwähnt, bei der Hämolyse durch Cobragift und Lecithin verschiedene Mo- mente in Betracht kommen können, einerseits die direkte Spaltung des Lecithins durch Cobragift, für welche der Kalkgehalt des Me- diums (vielleicht auch innerhalb der Blutkörperchen) ein Beförderungs- mittel zu sein scheint, andererseits die durch die Gegenwart der Lipoide veranlaßte Aufnahme des Cobragiftes durch die Blutkörper- chen, auf welche, wie man nach den Untersuchungen Xoguchis und Bangs annehmen darf, Calciumchlorid als ein Hemmnis wirkt. Wenn wir nach diesen Ausführungen die Erfahrungen über das Wesen der Cobragifthämolyse zusammenfassen, so ergibt sich, daß nicht alle Formen der hämolytischen Cobragiftwirkung absolut geklärt erscheinen. So dürfte insbesondere die Hämolyse, welche durch das Zusammenwirken von Cobragift mit echten Serumkomplementen ver- anlaßt wird, noch weiterer Analyse bedürftig erscheinen. Möglicher- weise handelt es sich hierbei, worauf insbesondere die Versuche von Morgenroth & Kaya hindeuten (vgl. auch v. Dungern & Coca), um ein besonderes in der Cobragiftlösung vorhandenes Prinzip. Die durch das Zusammenwirken mit Lecithin entstehende Hämolyse er-- Tierische Toxine und Immunitätsforschung. 1427 scheint nach dem Stande unserer heutigen Kenntnisse als die Folge eines fermentativen Prozesses, bedingt durch ein im Cobragift vor- handenes und als Lecithinase bezeichnetes Agens ; das hämolytische Endprodukt, das IvYESsche ,,Cobralecithid", imponiert mithin als ein Lecithinderivat (Monofettsäurelecithin)*). Trotz der Untersuchungen Bangs über die Bedeutung der Elektrolyte für die Cobragit'thämolyse erscheint die Lecithinasewirkung mit den von Bang analysierten interessanten Verhältnissen durchaus vereinbar, indem es sich bei diesen Feststellungen an erster Stelle um die Aufnahme des Cobra- giftes durch die roten Blutkörperchen und ihre Abhängigkeit von dem Milieu resp. der Beschaffenheit des Blutkörpercheninhaltes handelt. Auf Grund des vorliegenden Tatsachenmaterials steht nichts im Wege, auch die direkte Hämolyse des Cobragiftes, sowie die Aktivierung durch Oelsäure und Seifen in letzter Hinsicht auf die Lecithinase zu beziehen, wenn man annimmt, daß das hämolytische Monofettsäurelecithin auch aus den Lipoiden des Blutkörpercheninhaltes durch Lecithinasewirkung entstehen kann, und daß für die Auf- nahme der Lecithinase durch die Blutkörperchen sowohl die intra- celluläre wie auch die Sxtracelluläre Beschaffenheit des Mediums maß- gebend sind. Die Hämolyse durch das hämolytische Cobralecithid erstreckt sich natürlich auf alle Blutarten in gleicher Weise und ist durch ihren raschen Eintritt ausgezeichnet. Die hämolytische Wirkung des Le- cithids ist in physiologischer Kochsalzlösung etwas stärker als in ßohrzuckerlösung (v. Dungern & Coca). Die wässerigen Lösungen des Cobralecithids sind wenigstens in stärkerer Konzentration im Gegensatz zu dem Verhalten des Cobragiftes koktostabil **), verdünnte Lösungen besitzen hingegen, wie neuere Untersuchungen von Herrn Stabsarzt Kudicke gezeigt haben, eine gewisse Labilität. Die hem- mende Wirkung, welche Cholesterin der Hämolyse durch Cobragift und Lecithin (vgl. hierzu Kyes, Kyes & Sachs, Flexner & ISFoguchi, MiNz) gegenüber ausübt, macht sich in geringerem Grade auch der Cobralecithidwirkung gegenüber geltend (Kyes)***). Auf der Lecithinasewirkung beruht offenbar nicht nur die Cobra,- giftJiämolyse, sondern nach den Untersuchungen von Kyes in mehr oder weniger starkem Grade die Hämolyse durch Schlangengifte im allgemeinen (über das verschiedene Verhalten der einzelnen Schlangen- gifte gegenülDer den Blutarten vgl. Kyes). Die Lecithidbildnng er- streckt sich aber nicht nur auf die Schlangengifte. Auch der Mecha- nismus der Hämolyse durch Skorpionen gift, auf dessen Ver- wandtschaft zu den Schlangengiften bereits die Antitoxinunter- suchungen Calmettes hinwiesen, ist ein ganz ähnlicher, und Kyes *) Auf die von Kyes studierten Verhältnisse beim Zusammenwirken ge- ringerer Lecithinmengen mit Cobragift soll hier nicht näher eingegangen werden. Nur sei darauf hingewiesen, daß die von Kyes vorgenommene Differenzierung von kompletten und inkompletten Lecithiden auf Grund der neu gewonnenen Kenntnisse entsprechend zu modifizieren sein dürfte. **) Ueber Unterschiede im Verhalten des nativen Cobragiftes und des aus der Reaktion mit dem Lecithin resultierenden hämolytischen Produktes vergl. die Arbeiten von Morgenroth & Carpi, sowie Teruuchi. ***) Nähere Untersuchungen über die Cholesterinhemmung (auch gegenüber anderen Hämolysinen) siehe bei Hausmann, Abderhalden & le Count, Pascucci und anderen. Ueber Versuche, die durch Lecithide verursachten Anämien durch Cholestearindarreichung zu beeinflussen, vergl. Morgenroth und Reicher. 90* 1428 Haijs Sachs, konnte mit Hilfe des Skorpionengiftes in entsprechender AVeise ein Lecithid lierstellen. Ebenso hat die Untersuchung der bereits durch die Arbeiten Langers bekannten hämoh^tischen Wirkung des Bie- nengiftes durch MoRGEXROTH & Carpi zu einem ganz entsprechen- den Ergebnis geführt*). Zu den nach Art der Schlangengifte hämolytisch wirkenden Giften gehört augenscheinlich auch das Hämolysin des Trachinus- gifts (Trachinus draco, Petermännchen), das nach den Untersuch- ungen Briots zu den echten Antigenen gehört und nicht an und für sich, wohl aber bei Zusatz von erhitztem Pferdeserum hämolytisch wirkt. Mitteilungen über direkte Empfindlichkeit gegenüber diesem Gift macht Evans (vgl. auch die Angaben von Cooke & Loeb über ähnliches Verhalten eines Eidechsenhämolysins, Heloderma sus- pectum)**). Bezüglich der Frage, ob auch in den Sekreten höherer Tiere Hämolysine nach Art des Lecithids vorkommen, sei insbesondere auf die Arbeiten von Friedemanx, Wohlgemuth, Xeuberg & Reicher, NoGrcHi u. a. verwiesen. Die Untersuchungen behandeln die im Pankreasfistelsaft vorhandenen, durch Lipoide stark- aktivierbaren Hämolysine***) und lassen es wahrscheinlich erscheinen, daß diese Formen der Hämolyse derjenigen durch Schlangengifte entsprechen. Möglicherweise sind auch die hämolytischen Stoffe der Organextrakte, wenigstens teilweise, durch fermentative Spaltung entstandene lecithid- artige Substanzen, worauf Angaben von Friedemaxn, Xogüchi, Morgenroth & Reicher u. a. hinweisen ; aber außerdem kommen auch andere Faktoren (Seifen, Fettsäuren) für die hämolytische Organ- extraktwirkung in Betracht (cf. Morgenroth & Schäfer u. a.)t). Einige weitere mit der Bildung toxischer Lecithide in Zusammenhang ge- brachte Erscheinungen dürften jedoch nur als mehr oder weniger unvollständige Analogieii formaler Art erscheinen, da sie das wesentliche biologische Charak- teristikum, daß nämlich durch das Zusammenwirken zweier an und für sich völlig unwirksamer Komponenten ein biologisch wirksames Reaktionsprodukt ent- steht, vermissen lassen. So kann die Aetherfällbarkeit des in Chloroform lös- *) Daß das Bienengift zu den echten Toxinen gehört, erscheint durch die von Langer ( vergl. hierzu auch Phisalix, C.\lmette,) festgestellte Tatsache der Gewöhnung sehr wahrscheinlich, wenn auch ein Bericht über gelungene Anti- körperbildung bisher nicht vorliegt. Das von Brück untersuchte und als „Culicin" bezeichnete liämolytisch wirksame Gift der Stechmücke (Culex pipiens) hat sich zur Antikörpererzeugung nicht geeignet erwiesen. Die Untersuchungen von Brück haben auch keine Anhaltspunkte für eine Lecithinasewirkung oder eine komplexe Konstitution des Culicins ergeben. Das Mückengift besitzt nach Brück außerdem eine urticario- gene Wirkung, die in ihrem Verhalten gegenül^er verschiedenen Eingriffen mit dem Hämolysin weitgehend übereinzustimmen scheint. **) Verwiesen sei auch auf Angaben Kammanns über Hämolyse durch das Zusammenwirken von „Roggenpollentoxin'" mit Lecithin und Serum (Bindung des in Roggenpollen enthaltenen Prinzips an die Blutkörperchen, keine Beein- flußbarkeit durch Antikörper). ^Eine erschöpfende Beurteilung dürfte kaum möglich sein. ***) Eine durch das Zusammenwirken von Pankreas- und Darmsaft vom Hund entstehende Hämolyse ist bereits von Delezenne beschrieben worden. t) Verwiesen sei in diesem Zusammenhang auch auf die Analyse der durch Faust & Tallquist analysierten hämolytischen Bothriocephaluslipoide, vergl. hierzu auch Morgenroth & Reicher, sowie auf weitere aus Eingeweide- würmern gewonnene, den Organextrakthämolysinen ähnliche hämolytische Lipoide (vgl. hierzu Weinberg). Ein näheres Eingehen hierauf fällt nicht in den Rahmen dieser Abhandlung. Tierische Toxine und Immunitätsforschung. 1429 liehen Niederschlags aus kolloidalem Eisenhydroxyd und Lecithin (Landsteiner & V. Jagic), die beschriebene Aufnahme von Fermenten durch Lösungen von Lecithin in Chloroform (Reiss, Küttneh, Michaelis & Rona und andere) wohl in der allerersten Phase des Prozesses mit der Lecithidbildung verglichen werden, das wesentliche Moment der fermentativen Lecithinasevvirkung fehlt aber hier. Zu den Beobachtungen ähnlicher Art gehören die Untersuchungen Egberts über die Verbindungen der Saponinsubstanzen mit Lecithin und Chole- sterin (erstere hämolytisch, letztere nicht), Angaben Pascuccis über die Hämo- iyse durch Ricin und Lecithin (vgl. hierzu jedoch Neuberg & Rosenberg) und Angaben über das Zusammenwirken von kolloidaler Kieselsäure und Lecithin (Landsteiner & Jagic), Säuren im allgemeinen und Lecithin (Arrheniusj, auf die hier nicht näher eingegangen werden soll. Ebensowenig dürfen die Er- fahrungen über die Verstärkung der Sublimathämolyse durch Lipoide (cfr. hierzu Sachs, Dohi, Ritz, Brück und Stern, siehe jedoch Detre & Sellei) mit der Lecithidwirkung in Parallele gestellt werden. 4. lieber die Vielheit der Giftkomponenten. Die hämolytische Wirkung, welche in den vorangehenden Ab- schnitten im Vordergrund der Betrachtung stand, ist in den ver- schiedenen Giftlösungen nur eine von einer mehr oder weniger großen Reihe nachweisbarer biologischer Funktionen. So kennen wir ins- besondere eine große Anzahl von Wirkungen, welche die Schlangen- gifte auszuüben imstande sind. In zahlreichen Fällen hat sich experi- mentell erweisen lassen, daß die verschiedenen iiusdrucksformen der Giftwirkungen Folgen einer Mehrzahl von Giftkomponenten sind. So muß man im Kreuzspinnengifte nach den Untersuchungen Belonowskis neben dem hämolytischen Arachnolysin noch ein zweites echtes Toxin annehmen, welches die allgemeinen Vergiftungserscheinungen im Tier- experiment bedingt. Wiederum vom Arachnolysin zu trennen ist in der Kreuzspinnengiftlösung ein durch v. Szily auf Grund früherer Angaben von Landsteiner & Fürth näher untersuchtes, die Agglutination im Verein mit Immunserum bedingendes Prinzip, dem aber eine Antigennatur nicht zukommt. Nach Teichmann & Braun ist im Sarkosporidiotoxin neben dem Toxin ein agglutinierender Stoff vorhanden, der gleichfalls nicht zu den Antigenen gehört. Von besonderem Interesse ist die Frage nach der Vielheit der Gifte bei den Schlangengiften, die bekanntlich eine große Reihe ver- schiedenartiger charakterisierbarer Giftwirkungen auszuüben imstande sind. Nach Flexner & Noguchi sind als Partialgifte wesentlich zu unterscheiden das auf das Zentralnervensystem wirkende Neuro - toxin, das als Toxin der Endothelzellen zu betrachtende Hämor- rhagin, das Agglutinin und das hämolytische Prinzip. Die Verschiedenheit von Neurotoxin und Hämorrhagin ergibt sich bereits aus ihrem differenten Vorkommen in den einzelnen Schlangengift- sekreten. Das Gift der Colubriden, als deren wesentlicher Repräsen- tant die Cobra (Brillenschlange, Naja tripudians) genannt sei, ist hauptsächlich durch neurotoxische Wirkung, das Gift der Viperiden, zu denen die Klapperschlange (Crotalus) gehört, mehr durch die An- wesenheit des Hämorrhagins gekennzeichnet. Was die cytotoxische Wirkung in vitro anlangt, so haben bereits Flexner & Noguchi ge- zeigt, daß das Schlangengift nicht nur auf rote Blutkörperchen, sondern auf die verschiedensten tierischen Zellen deletär wirkt. Noc hat auch über bakteriolytische Wirkungen des Cobragifts, Goebel über trypanolytische berichtet (cf. auch Levaditi & Rosenbaum). Ob 1430 Haijs Sachs, es sich bei den Wirkungen auf die verschiedenartigen Zellen um dasselbe Prinzip wie beim Hämolysin handelt, soll an dieser Stelle nicht erörtert werden. Erwähnt sei nur, daß v. Dungern & Coca auch über lytische Wirkung des Cobralecithids auf Leukocyten und Epithel- zellen berichtet haben. Im allgemeinen sei bezüglich der verschiedenen Funktionen der Schlangen- gifte, zu denen noch eine Reihe fermentativer Wirkungen hinzukommt, auf das spezielle Kapitel über die tierischen Gifte in diesem Handbuche verwiesen, bezüglich der antikomplementären Wirkung des Schlangengiftes auch auf das Kapitel über Hämolysine in diesem Band. Xur auf einige Fragen, welche mit der Lecithidbildung resp. mit dem als Lecithinase charakterisierten hämolytischen Prinzip in engerem Zusammenhang stehen, darf vielleicht etwas näher einge- gangen werden. Das von Kyes ausgebildete Verfahren der Cobra- fecithiddarstellung hat nämlich einen sehr eindeutigen Beweis für die bereits von Myers, Flexner & Noguchi vertretene Ansicht zu er- bringen erlaubt, daß das hämolytische Prinzip und das Xeurotoxin streng zu differenzieren sind. Schüttelt man, wie das bei der Le- cithidgewinnung geschieht, wässerige Cobragiftlösungen^ mit Lecithin- Chloroform aus, so ist, wie das schon besprochen wurde, unter ge- eigneten Versuchsbedingungen die Lecithinase quantitativ in der Chloroformschicht vorhanden, während das Neurotoxin annähernd quantitativ in der wässerigen Schicht zurückbleibt. Daß in der Tat nur minimale neurotoxische Mengen in die Chloroformschicht über- gehen, konnte Maxwaring durch einen weiteren striugenten Beweis für die Verschiedenheit der beiden Giftkomponenten in der Weise erbringen, daß bei der Wiedergewinnung der Lecithinase aus der Lecithin-Chloroformschicht nach dem Schütteln die erhaltene Le- cithinaselösung bei mehr oder minder starker oder sogar quantitativer hämolytischer Wirkung nur eine sehr geringgradige oder überhaupt keine neurotoxische Funktion (0 — 4 Proz.) ausübt. Gegenüber diesen beiden sich durchaus ergänzenden Beweisen für die Verschiedenheit der beiden Giftkomponenten sind die von Bang erhobenen Einwendungen als völlig hinfällig zu betrachten (vgl. hierzu Sachs). Für die Frage der Differenzierung von Neurotoxin und Hämolysin ist es natürlich ohne Bedeutung, daß überhaupt bei dem Ausschüttelungsverfahren geringe Neurotoxin- mengen, wie das bereits Morgenroth & Carpi angegeben haben, in das Leci- thin-Chloroform übergehen. Die rein hergestellten Oobralecithidpräparate sind übrigens frei von neurotoxischen Wirkungen, und die Beimengungen an Neuro- toxin bei ungenügend gereinigten Präparaten erklären sich wohl hinreichend (vgl. hierzu Kyesj durch die Annahme von Verunreinigungen, für deren Auf- nahme auch ein Wassergehalt der Extraktionsmittel verantwortlich gemacht werden kann. Selbst wenn man aber eine Aufnahme des Neurotoxins durch das Lecithin-Chloroform im Sinne einer Adsorptionsverbindung annehmen will, so ist die- selbe gegenüber der Aufnahme der Lecithinase. wie sich aus den Befunden vouKyes & Manwarestg ergibt, so geringfügig, daß sie nicht ernstlich als Einwand gegen die Differenzierung der beiden Giftkomponenten in Betracht kommen kann. Die Differenzierung veijschiedener Giftkomponenten wird auch bestätigt durch Untersuchungen von Mixz, welche zunächst die hem- mende Wirkung des Cholesterins betreffen, welche nach Mixz (in Uebereinstimmung mit Kyes) sowohl gegen das hämolytische Cobragift- prinzip und das Lecithin, wie auch gegen das Lecithid gerichtet ist. Durch die Behandlung von Cobragiftlösungen mit Cholesterin war es MiNz daher möglich, gleichfalls zu einer Trennung von Hämolysin und Xeurotoxin zu gelangen. Ebenso wird nach den Angaben des gleichen Tierische Toxine und Tmmunitätsforschung'. 1431 Autors bei der Behandlung der Lösung von Vipcridengiften (Cro- talus etc.) mit Cholesterin das Hämolysin bei Erhaltenbleiben des Hämorrhagins entfernt. Andererseits gelingt es durch Behandeln mit Salzsäure*) das Hämorrhagin unwirksam zu machen, ohne das hämo- lytische Prinzip zu schädigen. Nach Ishizaka kann aus dem Habu- schlangengift durch Schütteln mit Chloroform das Hämorrhagin ent- fernt werden, während Neurotoxin und Hämolysin zurückbleiben. Auch aus diesen Erfahrungen ergibt sich das Vorhandensein mehrerer voneinander unabhängiger Giftkomponenten. Trotz dieser augenscheinlich zwingenden Beweise hat Bang, zumal auf Grund in Gemeinschaft mit Overton ausgeführter Unter- suchungen, wiederholt behauptet, daß es sich insbesondere bei den hämolytischen und neurotoxischen Schlangengiftwirkungen um ein einheitliches Prinzip handelt. Wir verdanken Bang & Overton einen neuartigen Weg, um deletäre Wirkungen der Schlangengifte nach- zuweisen, indem von diesen Autoren als Indikator der Giftwirkung Kaulquappen benutzt wtirden, auf welche Cobragift zu verdünnten Lösungen einmal im Sinne einer Lähmung des Zentralnervensystems (Narkose), dann auch im Sinne eines Angriffs der Hautepithelien einwirkt. Auch hier wurde von Baxg & Overton ein die Giftwirkung hemmender Einfluß der Caiciumsalze, in geringerem Grade der Magnesium- und Natrium- salze konstatiert. Bienengiftlösungen verhalten sich in ähnlicher Weise. Bang & Overton berichten nun weiter, daß das für Kaulquappen toxische Prinzip von roten Blutkörperchen aus isotonischen Rohr- zuckerlösungen stark aufgenommen wird, schwächer aus isotonischeii Kochsalzlösungen. Ohne auf diese Befunde näher eingehen zu wollen, sei hier nur bemerkt, daß selbst eine gleichartige Speicherung von Hämolysin und Neurotoxin durch die roten Blutkörperchen keineswegs gestatten würde, auf eine Identität beider Giftprinzipien zu schließen. Ein derart gleichsinniges Verhalten würde vielmehr nur eine gemein- schaftliche Eigenschaft beider Giftkomponenten demonstrieren, für die Frage der Identität der Giftstoffe aber ohne jede Bedeutung sein. Aber aanz abgesehen davon erscheint die Identifizierung des auf Kaulquappen toxisch wirkenden Prinzips mit dem gewöhnlich als Neurotoxin bezeichneten, bei der Injektion in den Warmblüterorga- nismus tödlich wirkenden Neurotoxin nicht ohne w-eiteres angängig. Daß es sich hierbei tatsächlich um 2 verschiedene Giftkomponenten handeln dürfte, hat bereits Coca auf experimentellem Wege gezeigt, indem er dartun konnte, daß sowohl bei dem KvESSchen Verfahren der Ausschüttelung von Cobragiftlösung mit Lecithinchloroform als auch bei der BANG-OvERTONschen Methode des Digerierens der Cobra- giftlösung mit Eohrzuckerblut zwar das hämolytische und das für Kaulquappen toxische Prinzip erheblich abnehmen, dagegen das auf den Mäuseorganismus tödlich wirkende Neurotoxin quantitativ erhalten bleibt. Damit ist bewiesen, daß der schädigende Einfluß des Cobra- gifts auf Kaulquappen nicht durch die eigentlich neurotoxische Wir- kung bedingt ist, und es erscheint, wie Coca ausführt, zum mindesten wahrscheinlich, daß der Kaulquappen tötende Bestandteil direkt auf die Haut- und Keimepithelien wirkt, daß er zwar mit dem hämo- *) Ueber die durch Salzsäure bedingten Giftmodifikationen vergleiche den nächsten Abschnitt. 1432 Hans Sachs, lytischen Prinzip identisch, aber mit diesem vom Xeurotoxin zu differenzieren ist. Dieser von Coca geäui3erten Ansicht entsprechen die von Bang & OvERTON in einer weiteren Arbeit über das Verhalten des Cro- talusgiftes gegenüber Kaulquappen berichteten Tatsachen. Die Autoren gelangen hier zu Feststellungen, welche durchaus den Eigen- tümlichkeiten der Schlangengif thämolyse entsprechen. Die Wirkung des Crotalusgiftes auf Kaulquappen wird nämlich durch Lecithin (ebenso durch geeigneten Zusatz von Serum oder von hämolysierten Blutkörperchen) außerordentlich verstärkt. Calciumsalze wirken gleichartig wie bei Verwendung von Cobragift, aber in geringerem Grade. Das CALMETTEsche Antivenin verursachte auch eine Hemmung der Crotalusgiftwirkung auf die Kaulquappen. Im einzelnen sei auf die interessante Arbeit verwiesen. Diese Ergebnisse stehen daher mit der Anschauung im Einklang, daß das auf Kaulquappen toxisch wirkende Prinzip mit dem hämo- lytischen identisch ist, und die Einwände gegen die mit Sicherheit erwiesene Differenzierung von Hämolysin und Xeurotoxin entbehren um so mehr der Begründung. Auch die jüngst von Friedberger & Kumagai beschriebene Wirkung des Cobragiftes auf den isolierten Kaninchendarm hn Sinne eines Stillstandes der Darmperistaltik ist, wie Sachs ausgeführt hat, möglicherweise auf das hämolytisclie Prinzip des Cobragiftes zu beziehen, wenigstens spricht dafür die von Friedberger & Kumagai beobachtete gleichsinnige Beeinflussung durch Cholesterin, während letzteres, wie Minz gezeigt hat, und wie Fried- berger & Kumagai bestätigten, auf die eigentliche neurotoxische Funktion des Cobragiftes ohne Einfluß ist. Mit der hier erörterten Vielheit der Giftkomponenten in den Schlangengiften könnten die Untersuchungen von Faust über die aus Cobragift und Crotalusgift rein dargestellten und als ,,Ophiotoxin"' resp. ,,Crotalotoxin" bezeichneten Substanzen als im Widerspruch stehend erscheinen. Auf die Methode der Darstellung und Isolierung des Ophiotoxins resp. Crotalotoxins näher einzugehen, kann hier ver- zichtet werden, da es genügt auf die Darstellung, welches dieses Ge- biet von Seiten E.P.Picks im 1. Band dieses Handbuches auf S. 825 f. gefunden hat, zu verweisen. Erwähnt s^i nur, daß die beiden isolierten Gifte von Faust in die Gruppe der Sapotoxine eingereiht werden, zu welchen auch Heubxer das aus dem Pfeilgift der Kalahari her- gestellte wirksame Prinzip rechnet. Tatsächlich glaubt Faust in dem von ihm isolierten Ophio- resp. CrotaJotoxin die toxisch wirksamen Prinzipien der nativen Schlangengifte isoliert zu haben und ist daher der Ansicht, daß eine einheitliche Substanz, eben das von ihm be- schriebene Ophio- resp. Crotalotoxin, die Ursache für die verschieden- artigen Giftwirkungen darstellt. Demgegenüber muß zunächst darauf hingewiesen werden, daß wir nichts darüber wissen, ob die von Faust dargestellten Gifte Antigene sind, und daß daher eines der wichtigsten Kriterien für ihre Identität mit den in nativen Schlangengiften ent- haltenen Toxinen fehlt. Auch die pharmakologischen Wirkungen, ins- besondere auf das Blut, unterscheiden sich, zumal in quantitativer Hinsicht, nicht unerheblich von dem Verhalten nativer Gifte. Wie dem aber auch sei, so ist durch die besprochenen verschiedenartigsten Verfahren mit Sicherheit nachgewiesen, daß in den nativen Schlangen- giften die verschiedenen Giftkomponenten markant zu differenzieren sind, und hiermit ist die Auffassung, daß die von Faust isolierten Tierische Toxine und Immunitätsforschung. 1433 eiweißfreien Substanzen das alleiniije im Schlangengift vorhandene toxische Prinzip darstellen, schwer vereinbar. Vielleicht darf man in Betracht ziehen, daß, wie es der Ansicht Fausts entspricht, in der nativen Giftlösung das eiweißfreie Giftprinzip an eiweißartige Komponenten gebunden ist und dadurch markante Veränderungen seiner Eigenschaften erfährt. Man müßte dann aber, wie das bereits von Pick ausgeführt wurde, annehmen, daß durch die Paarung an Eiweißstoffe verschiedene sowohl in funktioneller als auch in physi- kalisch-chemischer Hinsicht differenzierte Komplexe resultieren ; denn in jedem Falle sind eben in den nativen Giftlösungen eine Vielheit durch Funktion und physikalisch-chemisches Verhalten differenzier- barer Komponenten enthalten. 5. Giftmodifikationen. Wenn in diesem Abschnitt Erfahrungen über Giftmodifikatiouen bei tieri- scheu Toxinen behandeU werden, so soll die Toxoidfrage, die ja zwar eine all- gemeine Gültigkeit hat, aber von wesentlicherer Bedeutung für die bakteriellen Toxine ist, hier nur kurz gestreift werden. Daß Toxoide, d. h. bindende resp. immunisatorische Qualitäten ohne entsprechende Giftwirkung auch bei tieri- schen Giften nachweisbar sind, dafür seien als Beispiele nur die Demonstra- tion des DANYSZ-DuNGERNschen Kriteriums bei der Arachnolysin-Antiarachno- iysiureaktion (Sachs), sowie die gelungene Erzeugung von antitoxischen Seris mittels abgeschwächten Giften erwähnt (vgl. hierzu die Angaben von Flexxer & NoGUCHi über ein Anticrotalusseruin, durch mit Salzsäure oder Jodtrichlorid abgeschwächtes Crotalusgift [Toxoid] gewonnen-, ferner MadsEx\ und Noguchi, ISHIZAKA u. a.). An erster Stelle interessieren hier die eigentümlichen Gift- modifikationen, welche für die Schlangengifte bekannt sind. Kyes & Sachs haben für das hämolytische Prinzip des Cobragiftes die Tatsache kennen gelehrt, daß ein geeigneter Salzsäuregehalt des Mediums (Vis normal) einen vollständigen Schutz gegen halbstündige Einwirkung der Siedetemperatur bedingt, während Cobragift in neu- traler wässeriger Lösung bereits durch 20 Minuten langes Erhitzen auf 1000 seine hämolytische Wirkung einbüßt. Was die Ursache dieses Säureschutzes anlangt, so haben Kyes & Sachs auf die Möglichkeit verwiesen, daß eine basische Natur der in Betracht kommen- den Gruppe im Giftmolekül dafür verantwortlich wäre, während AIorgenroth an eine intramolekulare Umlagerung des Giftmoleküls in salzsaurer Lösung, welche zur Bildung einer tautomeren Verbindung führt, gedacht hat. A^ach Morgenroth, dem wir eine eingehende Analyse der Säure- modifikation verdanken, kommt der Salzsäuremodifikation des hämo- lytischen Cobraprinzips außer der bereits erwähnten starken Thermo- stabilität eine vollkommene Reversibilität zu ; sie reagiert ferner nicht mit dem. Antitoxin und ihre Bildung tritt auch dann ein, wenn das Hämolysin bereits an Antitoxin gebunden ist*). lu letzterer Hinsicht muß es allerdings zweifelhaft erscheinen, ob bei der Ausschaltung der Beziehungen zum Antitoxin primär die saure Reaktion die Toxin-Antitoxinverbindung spaltet, oder ob direkt die Salzsäuremodifikation ent- steht und erst hierdurch die Beziehungen zum Antitoxin aufhören. *) Nähere Angaben über die Eignung verschiedener Säuren zur Erzielung der Säuremodifikation des Cobrahämolysins und die optimalen Konzentrationen siehe bei Eisenmann. Danach bedingt Salzsäure. Oxalsäure, Asparaginsäure in der Konzentration \/,oo— Vooo normal, Müchsäure, Borsäiu-e, Alanin in der Kon- zentration i/io normal, Weinsäure in der Konzentration i/no normal optimale 1484 Haxs Sachs, Die Fähigkeit der Lecithidbildiing bleibt hingegen in saurer Lösung erhalten, erfolgt sogar nach jMorgenroth rascher als in neu- traler. Durch Cholesterin wird die Salzsäuremodifikation weniger absorbiert als das native Cobrahämolysin, und im Gegensatz zum letzteren dialysiert die Salzsäuremodifikation durch tierische Mem- branen *). Die weitere Schlußfolgerung Morgenroths, daß die Bildung der Salzsäuremodifikation auch dann stattfindet, wenn das Hämolysin bereits an Lecithin gebunden ist, muß wohl entsprechend unseren ver- änderten Anschauungen über die Beziehungen zwischen dem hämo- lytischen Cobraprinzip und dem Lecithin in etwas verändertem Sinne betrachtet werden. Denn die Bindung an Lecithin kann heute nicht mehr derart aufgefaßt werden, daß durch einfache Synthese das Leci- thid entsteht, vielmehr ist, wie bereits ausgeführt worden ist, das Leci- thid ein Lecithinderivat. dem ein Antigencharakter nicht mehr zu- kommt. Man kann daher auch nicht ohne weiteres der von Kyes vertretenen Auffassung folgen, daß die Lecithidbildung auch an dem an Antitoxin gebundenen Hämolysin stattfindet. Allerdings hatte sich aus einem Versuch Morgenroths ergeben, daß an dem an Antitoxin gebundenen Cobrahämolysin in der Tat die Lecithidbildung in demselben Umfang stattzufinden schien, wie an dem freien Hämolysin, und gerade dieser Versuch ist wohl auch für die Schlußfolgerung bedeutungsvoll gewesen, daß die Bildung der Salzsäuremodifikation auch bei dem an Lecithin gebundenen Hämolysin erfolgt. Maßgebend dafür war an erster Stelle die Tat- sache, daß ein überueutralisiertes Grcmisch von Cobragift und Antitoxin nach mehrtägigem Lagern unter Lecithinzusatz sich nach dem Kochen unwirksam erweist, nach abermaligem Kochen bei saurer Reaktion aber seine volle hämo- lytische Wirksamkeit besitzt. Nach diesen Ergebnissen und dem damaligen Stand unserer Kenntnisse war also die Folgerung Morgexroths durchaus berechtigt, daß die Lecithidbildung auch an dem Komplex Toxin-Antitoxin stattgefunden hat und durch das Kochen unter Säurezusatz eine Umlagerung des fertig ge- bildeten Lecithids mit einer Trennung desselben vom Antitoxin bedingt war. Wenn wir aber heute annehmen, daß das hämolytische Produkt überhaupt eine bindende Gruppe im Sinne der Antigennatur nicht besitzt, so erschemt die Er- klärung des MoRGENROTHschen Versuchs einer neuen Analyse bedürftig. Will man demnach andererseits von der Annahme einer fermentativen Wirkung des durch Antitoxin neutralisierten Cobragift.es auf das Lecithin abstrahieren, so könnte man wohl annehmen, daß die Gregenwart des Lecithins die (,'obragift- Antitoxinverbindung gegenüber dem Einwirken der Siedetemperatur Bchützr, ohne daß es sich dabei um eine vorher stattgehabte Lecithidbildung handelt. Die letztere würde demnach erst dann eintreten, nachdem durch die saure Re- aktion die Spaltung der Toxin-Antitoxinverbindung stattgefunden hat. Während unter den genannten Versuchsbedingungen (Neutrali- sieren nach 1,2-stündigem Kochen) die Salzsäuremodifikation sich voll- ständig reversibel erweist, haben Morgenroth & Pane in sehr inter- essanten Untersuchungen festgestellt, daß die Verhältnisse bei längerem Erhitzen sich ändern. Nach 1 — 2-stündigem Verweilen der salzsauren Cobragiftlösung in siedendem Wasserbade fanden die genannten Au- Schutzwirkung. Ein Parallelismus zwischen Schutzwirkung und der Stärke der Säure war nicht zu konstatieren, im Gegenteil schützten manche schwache Säuren, wie die Weinsäure, gerade in der niedrigsten Konzentration (bis n noo.' EiSEXMANN ist daher geneigt, der chemischen Konstitution der Säure eine aus- schlaggebende Rolle zuzuschreiben und erblickt hierin ein Argument zugunsten der von Kyes & Sachs geäußerten Auffassung, daß eine Salzbildung verant- wortlich zu machen ist. * ) In geringerem Maße ist allerdings nach Calmette bereits das native Hämolysin und Xeurotoxin des Cobragiftes im Gegensatz zu dem Hämorrhagin der Viperiden dialysabel. Tierische Toxine und Immunitätsforschung'. 1435 toren nämlich in der Regel eine mehr oder weniger starke Abnahme der hämolytischen Wirkung. Läßt man aber die neutralisierten Lö- sungen einige Tage lagern, so tritt eine mehr oder weniger starke Regeneration der hämolytischen Giftwirkung ein. Morgenroth & Pane schließen daraus, das es nichthämolytische Modifikationen des Cobragiftes gibt, die reversibel sein können. Ist aber die Abnahme der Giftwirkung nach dem Kochen von vornherein eine sehr erheb- liche, so bleibt die Rückverwandlung aus oder ist auf ein Minimum beschränkt. Es kann also die Modifikation auch eine irreversible werden. Zur Demonstration der vollständigen Reversibilität verfährt man nach Morgenroth & Pane schonender derart, daß man angesäuerte Giftlösungen unter Lecithinzusatz längere Zeit im Eisschrank stehen läßt, dann neutralisiert und sofort, sowie von Tag zu Tag die hämolytische Wirksamkeit bestimmt. Charakteristisch für die Rückbildung der Modifikation ist dann die Schnellig- keit des Hämolyseeintritts entsprechend der für das fertige Lecithid charak- teristischen raschen Wirkung. Ebenso wie das Hämolysin des Cobragiftes geht das Neurotoxin, wie bereits Morgenroth gezeigt hat, in salzsaurer Lösung eine ganz analoge Modifikation ein, clie gleichfalls durch die erhöhte Koktostabili- tät, sowie durch die Unbeeinflußbarkeit durch Antitoxin charak- terisiert ist. Auch für das Neurotoxin konnten Morgenroth & Pane das Eintreten der für das Hämolysin bereits erwähnten reversiblen Veränderungen konstatieren. Die Reversibilität äußert sich hier darin, daß längere Zeit mit Salzsäure behandelte Toxinlösungen ihre Giftig- keit quantitativ behalten haben, aber mit einer erheblich größeren Latenzzeit, als das native Gift wirken. Bei Aufbewahrung der neu- tralisierten Lösungen ist dagegen wieder der normale Typus der Ver- giftung vorhanden. Die Zeit, welche diese Umwandlung bei der In- jektion der frischen Toxinmodifikationen im Tierkörper beansprucht, ist offenbar für die verlängerte Latenzzeit verantwortlich zu machen, und Morgenroth & Pane weisen darauf hin, daß man an derartige Umwandlungen wohl auch bei der Erklärung der Inkubationszeit bei anderen Giftwirkungen denken kann. Eine weitere durch Säurewirkung bedingte eigenartige Toxinmodi- fikation haben Morgenroth & Rosenthal für das Hämorrhagin des Crotalusgiftes beschrieben. Hier tritt unter Säureeinwirkung eine äußerst rasch erfolgende irreversible Entgiftung ein, und zwar bereits unter Vermeidung höherer Temperaturen und Verwendung geringerer Konzentrationen des wirksamen Agens. Durch diese außerordentliche Empfindlichkeit des Hämorrhagins gegenüber der Einwirkung von Säure ist zugleich ein sehr einfaches Mittel gegeben, um Hämorrhagin und das durch Säurewirkung stabilisierte Neurotoxin in einer und derselben Giftlösung zu trennen. Bei der Besprechung der Toxinmodifikationen sollen schließlich die Angaben M. Jacobys über die Wirkung des nach dem KYEsschen Verfahren durch Ausschütteln mit Lecithinchloroform von der hämo- lytischen Giftkomponente befreiten Neurotoxins nicht unerwähnt bleiben. Nach Jacob y wird nämlich die derart erhaltene Neuro toxin- lösung durch das von Pferden gewonnene ÜALMETTESche antitoxische Serum nicht neutralisiert, während es durch Immunisierung mit dem isolierten Neurotoxin gelingt, ein Immunserum zu erhalten, das sowohl 1436 Haxs Sachs. gegen das uative Cobragift, wie auch gegen das isolierte Xeurotoxin schützt. Da jedoch die Immunsera in diesem Falle von verschiedenen Tierarten (Kaninchen und Pferd) gewonnen waren, so könnte man wohl an eine ver- schiedene Avidität der Antikörper denken, zumal wenn man berücksichtigt, daß unter dem Einfluß der durch die Lecithinasewirkung entstehenden Veränderung (Säurewirkung) möglicherweise eine geringgradige Abschwächung des Antikörper- bindungsvermögens des Xeurotoxins im Sinne der Säuremodifikationen einge- treten ist. Schließlich sei noch der in letzter Zeit beschriebene Einfluß, den das vorherige Digerieren des Cobragiftes mit Serum auf seine Wirkung ausübt, erwähnt. Nach Dold & Ungermanx, die im Anschluß an die Angaben von de Waele, sowie Neufeld & Dold über die Verstärkung der Giftwirkung verschiedener Toxine durch Serum auch das Cobra gift zu derartigen Versuchen heranzogen, wird die Cobravergiftuni. durch vorheriges Digerieren des Giftes mit aktivem Meerschweinchen serum deutlich beschleunigt. Dagegen erweist sich bei subkutaner Gift- applikation die Intoxikation, nach der Ansicht der Autoren durch verlangsamte Resorption, verzögert. Zur Erklärung der beschleunigen- den Wirkung werden von Dold & Ungermann die Lipoide des Serums verantwortlich gemacht, welche auf das Toxin als Lösungsmittel wirken und dadurch das Eindringen in die Zelle erleichtern sollen. Während demnach die Wirkung des Serums in den Versuchen Dolds & Unger- MANNS im allgemeinen nur in einer Verkürzung der Inkubationszeit bei Erhaltenbleiben der charakteristischen Toxinwirkung besteht, haben die Autoren einige von ihnen beobachtete akute Todesfälle zwar auf Ana- phylatoxinwirkung zurückgeführt, für die letztere aber bakterielle Verunreinigungen verantwortlich gemacht. Andererseits vertritt Fried- berger die Anschauung, daß das eigentliche Cobragift. wie nach seiner Auffassung auch andere Toxine, eine Matrix des Anaphylatoxins dar- stellen. Friedberger & KuMAGAi haben nämlich die regelmäßige Ana- phylatoxinbilduno- beim Digerieren von geeigneten Cobragiftmengen mit frischem Meerschweinchenserum beobachtet. Ich kann nach Ver- suchen von Herrn Dr. Ritz die Anaphylatoxinbildung beim Digerieren von Cobragift mit Meerschweinchenserum bestätigen, möchte aber des- halb nicht ohne weiteres von einem Cobragift-Anaphylatoxin sprechen. Denn abgesehen davon, wie man sich den Mechanismus der Anaphyla- toxinbildung vorstellt, ist ja das eigentliche Toxin in der Cobragift- lösung nur ein geringer Teil von Bestandteilen, welche das Schlangen- gift enthält, und da nach Versuchen von Friedberger & Nathan be- reits minimale Pferdeserumdosen genügen, um im Meerschweinchen- serum zur Anaphylatoxinbildung zu führen, kann es nicht wunder nehmen, daß auch das Schlangengift dazu geeignet ist, ohne daß man' die Toxinkomponente als solche dafür verantwortlich zu machen braucht. Man kann aber andererseits gerade beim Schlangengift auch daran denken, • daß durch fermentative Wirkungen auf das Meerschweinchenserum das ana- phylatoxinartig wirkende Agens »entsteht. Verwiesen sei in diesem Zusammen- hang auf die Angaben von Delezenne & Ledebt, nach denen man beim Digerieren von Eidotter mit Cobragift gleichfalls Substanzen erhält, welche außerordentlich toxisch wirken und anaphylatoxinartige Erscheinungen verur- sachen. Es handelt sich augenscheinlich um fermentativ entstandene Stoffe, und die Autoren berichten, dalB die toxische Wirkung derart digerierter Gemische von der hämolytischen unabhängig ist, wenn sich auch ein Parallelismus im Entstehen der beiden Funktionen bemerken läßt. Die fermentative Wirkung des Cobragiftes auf den Eidotter äußert sich auch darin, daß die Koagulationsfähiir- Tierische Toxine und Immunitätsforschung'. 1437 keit durch Erwärmen aufgehoben worden ist *). Die Giftwirkungen sind im Gegensatz zu denjenigen des nativen Cobragiftes durcli spezifische Antisera nicht neutralisierbar. Vorangehende Peptoninjektionen üben eine Schutzwirkung aus**). 6. Toxin und Antitoxin. Die diskutierte Anschauung Friedbergers, daß aus Cobragift Anaphylatoxin entstehen kann, steht im engsten Zusammenhang mit der von dem gleichen Autor vertretenen Auffassung, daß bei den Toxinwirkungen im allgemeinen das Anaphylatoxin eine Rolle spielt und die Entgiftung durch die antitoxischen Sera auf einem durch Komplementwirkung bedingten Abbau der Toxine über das giftigere Anaphylatoxin zu ungiftigen Spaltprodukten beruht. Gerade die tieri- schen Toxine mit ihren zahlreichen auch im Reagensglas nachweis- baren Funktionen dürften aber geeignet erscheinen, darzutun, daß diese Hypothese einen allgemeinen Geltungsbereich nicht beanspruchen kann. Denn die antitoxischen Sera wirken ja nicht nur in vivo ent- giftend, sondern auch im Reagenzglas, wenn als Indikator der Gift- wirkung isolierte Zellelemente herangezogen werden. Da aber hierbei die antitoxische Wirkung völlig unabhängig von der Gegenwart des Komplements ist, kann man unmöglich einen durch Komplemente bedingten Abbau für die Entgiftung verantwortlich machen, und diese Ueberlegung dürfte hinreichen, um gegen die verallgemeinernde Auf- fassung der antitoxischen Wirkung im Sinne eines Eiweißabbaues zu sprechen. Tatsächlich findet das über die Toxin-Antitoxinreaktionen be- kannte experimentelle Material durch das distributive ^Moment, welches nach P. Ehrlich lediglich für die Antitoxin Wirkung verantwortlich zu machen ist, eine durchaus befriedigende Erklärung, indem dem Antitoxin die Funktion zugeschrieben wird, durch chemische Bin- dung das Toxin von der giftgefährdeten Stelle abzulenken. Gerade die Schlangengifte, besonders ihre Hämolysin- und Neurotoxinkompo- nenten haben sich durch die hohe Resistenz gegenüber thermischen und anderen Eingriffen, die wir bei anderen Toxinen nicht anzutreffen gewohnt sind, für das Studium dieser Frage hervorragend geeignet erwiesen, und es hat sich hier in einwandsfreier Weise demonstrieren lassen, daß die zwischen Toxin und Antitoxin sich abspielenden Re- aktionen chemische Bindungen darstellen, welche durch gewisse Ein- griffe rückgängig gemacht w^erden können. Bereits Calmette hatte feststellen können, daß kurze Zeit vorher hergestellte und sich im Tierkörper neutral erweisende Gemische von Cobragift und Antitoxin durch Erhitzen auf 68° wieder giftig werden. Man hatte wohl damals aus derartigen Versuchen auch geschlossen, daß eine Antitoxinwirkung im Reagenzglas überhaupt nicht stattfindet, sondern erst indirekt im Tierkörper zustande kommt. Demgegenüber konnten aber Martin & Cherry (vergl. auch weitere Versuche über die Wirkung von Cobra- toxin und Antitoxin von Fräser & Martin) zeigen, daß längere Zeit digerierte Gemische von Cobragift und Antitoxin durch ein- *) Ueber proteolytische Wirkungen des Schlangengiftes vgl. im übrigen Flexner & NoGucHi, Delezenne, Noc, Launoy. **) Im übrigen sei in bezug auf die Beziehungen zwischen Anaphylaxie und Wirkung der Schlangengifte (cf. insbesondere Arthus, Nolf), sowie anderer tierischer Toxine auf das Kapitel „Allergie und Anaphylaxie" m diesem Bande des Handbuches verwiesen. 1438 Haxs Sachs, fach es Erhitzen nicht mehr giftig werden. Mau kann daher nach Martin & Cherry schließen, daß die Toxin-Antitoxinreaktion eben eine gewisse, wenn auch kurze Zeit erfordert, wie das auch dem von Ehrlich aufgestellten Gesetz entspricht, daß die Antikörperverbind- ungen im allgemeinen zunächst lockerer Natur sind, mit dem Fort- schreiten der Zeit aber eine sekundäre Verfestigung erfahren. Charakteristisch für eine Bedeutung des zeitlichen Faktors sind auch die Versuche von Martin & Cherry über das Verhalten von Cobragift und Anti- toxin bei der Gelatinefiltration. Die genannten Autoren haben nämlich gezeigt, daß Schlangengift im Gegensatz zum Antitoxin GelatLnefilter passiert. Neutrale Geraische von Schlangengift und Antitoxin lassen nun kurze Zeit nach ihrer Herstellung noch Toxin durch Gelatinefilter passieren, nach ^/2-stündigcm Di- gerieren aber nicht mehr. Daß aber auch die lange Zeit gelagerten und derart verfestigten Toxin-Antitoxinverbindungen durch gewisse Eingriffe noch zu sprengen sind, hat sich mit aller Prägnanz aus den bedeutsamen Untersuchungen Morgenroths ergeben. Diese Versuche stehen im engsten Zusammen- hang mit der Analyse der bereits besprochenen Säuremodifikationen des Cobragiftes, die ja, wie erwähnt, das Antitoxinbindungsvermögen nicht besitzen. Es gelingt nun, wie Morgenroth gezeigt- hat, auch aus längere Zeit (7 Tage) gelagerten, neutralisierten oder sogar überneutra- lisierten Gemischen von Cobragift und Antitoxin die Verbindung durch Salzsäureeinwirkung zu spalten und derart das Toxin wieder zu ge- winnen. Die hämolytische Lecithinasewirkung läßt sich dann in dem angesäuerten Gemisch einerseits durch einfachen Lecithinzusatz nach- weisen, da die Lecithidbildung auch in saurer Lösung erfolgt und das entstandene Lecithid auch noch nach der Neutralisation wirksam ist, andererseits kann man aber auch durch einfaches Kochen des ange- säuerten Toxin-Antitoxingemisches dank der Koktostabilität der Säure- modifikation das Hämolysin in freiem Zustand wieder gewinnen, in- dem die Antitoxinwirkung durch den thermischen Einfluß aufgehoben wird. In gleicher Weise läßt sich aus der Antitoxin Verbindung des Neurotoxins, wie Morgenroth gezeigt hat, das Toxin selbst in sehr alten Gemischen durch Kochen in salzsaurer Lösung wiedergewinnen, wenn sich auch dabei etwa die Hälfte des vorhandenen Neurotoxins wegen des Eintretens hemmender Momente dem Nachweis ent- zieht. Durch diese Feststellungen war in einwandsfreier Weise er- wiesen, daß zwar die Verbindung Cobratoxin-Antitoxin unter gewöhn- lichen Bedingungen eine irreversible ist, aber durch gewisse Eingriffe in ihre Komponenten zerlegt werden kann. Gleichsinnige Ergebnisse erzielten später Teruuchi, nach dessen Untersuchungen es auch durch die Wirkung des Pankreassaftes gelingt, aus einem neutralen Gemisch von Antitoxin und Cobrahämolysin einen Teil des letzteren zu resti- tuieren, sowie Calmette & Massol, welche bereits ein Erhitzen des Toxin-Antitoxingemisches in saurem Milieu auf 72° für ausreichend fanden, um das Gift wiederzugewinnen. Auch in neutralen Gemischen gelang nach Calmette & Massol durch Er- hitzen eine partielle Wiedergewinnung des Giftes. Allerdings ist im neutralen Medium augenscheinlich das Antitoxin resistenter; denn es ist die Einwirkung einer Temperatur von 75° erforderlich, während bei 68 " die neutralisierten Ge- mische in Bestätigung der Angaben von Martin & Cherry resistent bleiben*). *) Ueber den Einfluß ultravioletter Strahlen auf Cobragift und Antitoxin vergl. Massol; Antitoxin ist resistenter, im Toxin-Antitoxingemisch wird nur ein Teil des Toxins zerstört. Tierische Toxine und Immunitätsforschung. 1439 Daß eine Verbindung von Toxin und Antitoxin im neutralen Ge- mische besteht, konnten Calmette & Massol auch durch Alkohol- wirkung zeigen. Sie stellten nämlich fest, daß das Neurotoxin des Cobragiftes in 50 — 80-proz. Alkohol löslich ist, während das Anti- toxin durch den gleichen Einfluß zerstört wird; das Toxin-Antitoxin- gemisch ist aber gegenüber der Alkoholwirkung resistent (spätere Trennung durch HCl)*). Diese Versuche zeigen zugleich, daß auch das Antitoxin durch seine Kuppelung an das Cobratoxin eine erhöhte Stabilität erfährt, resp. daß zur Absprengung der bindenden Anti- toxingruppe stärkere Eingriffe erforderlich sind, als zur Inaktivierung des Antitoxins ausreichen, wie sich das auch bereits aus den Versuchen Morgenroths über die Resistenz der lange Zeit gelagerten Gemische von Antitoxin und Cobrahämolysin gegenüber der Siedetemperatur ergibt. Im letzteren Falle ist allerdings die Anwesenheit des Lecithins erforderlich, da sonst bei neutraler Reaktion auch die Toxinkoniponente durch Erhitzen auf 100° zerstört wird. Da man von einer Lecithidbildung durch die Antitoxin- verbindung des Hämolysins wohl kaum mehr sprechen kann, so darf man, wie bereits erwähnt wurde, vielleicht annehmen, daß die Anwesenheit des Lecithins eine Schutzwirkung für die Toxin-Antitoxinverbindung bedeutet. Verwiesen sei in diesem Zusammenhange auch auf eine Beobachtung Teruuchis, nach der das Freiwerden von Cobrahämolj'sin aus der neutralen Toxin-Antitoxinverbindung durch den Einfluß des Pankreassaftes bei Gegenwart von Lecithin gehemmt erscheint. Mit Hilfe der durch die Salzsäuremodifikation gegebenen Beding- ungen hat Morgenroth auch untersucht, wie sich neutralisierte Ge- mische von Cobragift und Antitoxin mit und ohne Lecithinzusatz zu roten Blutkörperchen verhalten. Nach dem Digerieren solcher Ge- mische mit Blut und Aufhebung der Antitoxinwirkung durch Kochen im salzsauren Medium ergab die Prüfung auf hämolytische Wirksam- keit übereinstimmende Resultate, gleichgültig ob bereits beim Dige- rieren mit Blut Lecithin zugegen war oder das letztere erst später zu- gesetzt wurde. Allerdings kann eine verallgemeinernde Schlußfolge- rung aus diesem Versuch in dem Sinne, daß die Toxin-Antitoxin- verbindung durch die Blutkörperchenrezeptoren nicht gesprengt wird, nach dem veränderten Stand unserer Auffassung über die Lecithid- bildung nicht mehr angängig erscheinen, da ja das Cobralecithid eben nicht mehr als Toxinverbindung aufzufassen ist. Daß in gleicher Weise auch die Auffassung über die Beziehungen der Toxin-Antitoxinverbindung zum Lecithin einer Revision bedürftig erscheint, ist bereits bei der Besprechung der Toxinmodifikationen er- wähnt worden. Immerhin darf man wohl, zumal nach den älteren Versuchen von Kyes, eine Hemmung der aktivierenden Lecithin- funktion durch die Anwesenheit von Cobragift und Antivenin für walirscheinlich halten, mag nun dieser Antagonismus durch das Anti- serum als solches oder erst durch die Gegenwart beider Komponenten veranlaßt werden. Es ist insofern nicht unwichtig dies zu er- wähnen, als offenbar frühere Angaben der Autoren (Myers, Flexner & NoGucHi, Mausen;, welche auf kompliziertere Verhältnisse bei *) Durch kombinierten Einfluß von Alkohol und Säure bei gewöhnlicher Temperatur gelingt es nach Calmette & Massol, Toxin und Antitoxin aus dem atoxischeu Gemisch zu trennen und das letztere durch die beiden Komponenten wieder zu restituieren. 1440 Hans Sachs, der Absättigung von Cobrahämolysin und Antitoxin hinweisen, liierin ihre Erklärung finden dürften. Da bereits die Gegenwart des Serums als solchen einerseits durch seinen Gehalt an Eiweißstoffen, anderer- seits durch den Cholesteringehalt die Cobragift-Lecithin-Hämolyse hemmen kann, so muß man jedenfalls bei der Analyse der Beziehungen zwischen Cobralysin und Antitoxin mittels der Methode der partiellen Absättigung mit einem optimalen Lecitliiuüberschuß die hämolytische Wirksamkeit der Gemische bestimmen. Unter solchen Bedingungen erhält man aber, wie Kyes gezeigt hat, eine Absättigungskurve, welche einer geraden Linie entspricht, und man darf hieraus den Schluß ziehen, daß das hämolytische Prinzip des Cobragiftes ein ein- heitliches Antigen darstellt, das mit starker Avidität mit dem ent- sprechenden Antikörper reagiert*). Auch aus später mitgeteilten Ab- sättigungsversuchen von Madsex & Noguchi geht hervor, daß die Neutralisationskurve nicht wesentlich von der geraden Linie abweicht. In Uebereinstimmung damit steht das Ergebnis der von Sachs ausge- führten Versuche, nach denen es ohne Einfluß ist, ob man zu einer bestimmten Menge Antitoxin das Cobragift auf einmal oder in zeitlich getrennten Fraktionen zufügt. Die hämolytische Wirksamkeit ist in beiden Fällen gleich, während bei allen anderen daraufhin untersuchten Toxinen der fraktionierte Zusatz des Toxins zum Antitoxin eine er- hebliche Steigerung der Giftigkeit bedingt, entsprechend der Inter- ferenz mehrerer Toxinkomponenten von verschiedener Avidität (Danysz- V. DuNGERNSches Kriterium**). Das letzterwähnte, für die Toxine einen allgemeineren Geltungs- bereich besitzende Verhalten trifft auch für die zwischen Arachnolysin und Antiarachnolysin sich abspielenden Reaktionen zu. Hier wirkt, wie Sachs gezeigt hat, das Toxin-Antitoxingemisch erheblich stärker hämolytisch, wenn das Toxin in mehreren zeitlich getrennten Frak- tionen einer bestimmten Antitoxinmenge zugefügt wird. Es deutet dies auf eine komplexe Konstitution des Arachnolysins im Sinne Ehr- LicHs hin, und es müssen in der Giftlösung mehr bindende Gruppen vorhanden sein als ihrer Giftigkeit entspricht. Für die Arachnolysin- Antiarachnolysinreaktion sind noch die Untersuchungen von Otto & Sachs von Interesse. Nach den Angaben dieser Autoren besitzen nämlich frisch hergestellte Gemische von Arachnolysin und Anti- arachnolysin einige Zeit lang die paradoxe Eigenschaft, daß sie bei Verdünnungen (obwohl in geringerer Menge) eine zunehmende hämo- lytische Wirkung aufweisen. Die Stärke des Phänomens nimmt beim Lagern der Gemische allmählich ab, und die Erscheinung war merk- würdigerweise nur bei frisch gewonnenen, nicht bei längere Zeit auf- bewahrten Antiseris zu demonstrieren (Aviditätsunterschiede?). Er- wähnt sei auch, daß nach Belonowski in den imunisatorisch gegen Arachnolysin erhaltenen Antiseris ein Parallelismus zwischen anti- hämolytischer und antitoxischer (in vivo) Wirkung nicht zu bestehen scheint. *) Vergl. hierzu auch gleichsinnige Befunde von Arthus & Stawska über außerordentlich rasche Neutralisation gewisser SchlangengLftfunktionen durch antitoxisches Serum. **) Die von Kyes mitgeteilten Absättigungsversuche unter Verwendung des Cobralecithids berechtigen natürlich heute nicht mehr zu weiteren Schluß-^ folgerungen, da es sich ja dabei um Antitoxinwirkungen handelt, welche gegen Cobragiftbeimengungen gerichtet sind. Tierische Toxine und Inimuuitätsforschung. 1441 Auch die durch Immunisieren mit dem giftigen Extrakt der Larve von Diamphidia locusta erhaltenen Antisera wirken nach Haendei, & Gildemeister sowohl antilytisch als auch im Tierversuch antitoxisch. Die neutralisierende Wirkung erfolgt hierbei augenscheinlich sehr rasch, da e^ gleichgültig ist, ob den Toxin-Antitoxingemischen Blut sofort oder erst nach einem gewissen Zeitintervall zugefügt wird. Auf die Beeinflussung der einzelnen Toxinkomponenten des Schlangengiftes duroll das Antivenin erübrigt es sich an dieser Stelle näher einzugehen; es ge- nügt hierbei auf das spezielle Kapitel über Schlangengifte und ihre Antitoxine zu verweisen. Zu erwähnen ist schließlich noch das von Phisalix untersuchte Toxin des Salamandergiftes, das aus der Rückenhaut des japanischen Salamanders ge- wonnen wird, in vivo toxisch wirkt, durch Erhitzen auf 50° aber abgeschwächt wird, ohne seine immunisierende Fähigkeit zu verlieren. Das derart erhaltene Antiserum wirkt nicht nur gegen Salamandergift, sondern auch gegen Viper- und Aalgift. 7. Versuche zu einer diagnostischen Verwertung der Cobragifthämolyse. Der eigentümliche Mechanismus, durch welchen die Schlangengifte zur hämolytischen Wirkung gelangen, läßt es von vornherein nicht aussichtslos erscheinen, bei der Prüfung eines größeren Kranken- materials für gewisse Krankheitsgruppen charakteristische Diffe- renzen aufzufinden, zumal für die Schlangengifthämolyse weniger die Beschaffenheit des Rezeptorenapparates, als der Ausdruck von Stoff- wechselvorgängen maßgebend ist. Bereits das verschiedene Verhalten der einzelnen Blutarten gegenüber dem Cobragift, wie auch die wech- selnde Eignung verschiedener Serumsorten für die Aktivierung weisen daraui: hin, daß möglicherweise auch bei ein und derselben Species einerseits Unterschiede in der Empfindlichkeit der Blutkörperchen, andererseits Differenzen in der Aktivierungsfähigkeit der Sera vor- kommen können. Was zunächst die Empfindlichkeit der Blutkörperchen gegenüber dem Cobragift anlangt, so haben bereits Kyes & Sachs festgestellt, daß Kaninchenblutproben verschiedener individueller Her- kunft erhebliche Differenzen in ihrer Empfindlichkeit gegenüber Cobragift aufweisen. Sachs konnte später die Tatsache feststellen, daß die Blutkörperchen von Rinderföten oder von neugeborenen Meer- schweinchen der Cobragiftwirkung gegenüber erheblich empfindlicher sind als diejenigen Erwachsener, eine Differenz, die für Rinderblut bei der absoluten Unempfindlichkeit der Blutkörperchen erwachsener Rinder eine qualitative wird. Wenden wir uns nun zu den Verhältnissen beim Menschen, so haben zuerst Kyes & Sachs die Empfindlichkeit menschlicher Blut- körperchen gegenüber dem Cobragift bei verschiedenen Krankheiten untersucht, konnten aber, da sich bei dem zur Verfügung stehenden geringen Älaterial keine wesentlichen Unterschiede ergaben, nur zu weiteren Untersuchungen in dieser Richtung auffordern. Kraus konnte dann in Gemeinschaft mit Ranzi, Pötzl & Ehrlich fest- stellen, daß mit Spirochäten und Trypanosomen infizierte Tiere dem Cobragift gegenüber empfindlichere Blutkörperchen besitzen als nor- male, und daß sich die Blutkörperchen von Sarkomratten ebenso ver- halten, während sich die Blutkörperchen von Carcinommäusen durch Handbuch der pathogenen Mikroorganismen. 2. Aufl. II. Vi. 1442 ■ Hans Sachs, eine erhöhte Resistenz auszeichnen. Auch beim Menschen fanden die genannten Autoren entsprechende Differenzen (cf. auch Grünbaum), jedoch sind die letzteren für eine praktisch-diagnostische Verwertung keineswegs geeignet. Denn auch bei anderen Krankheiten ist erhöhte Resistenz gegenüber der Cobragiftwirkung beschrieben worden, so von HiRSCHL & PöTZL für die Blutkörperchen bei Dementia praecox und juveniler Paralyse, was aber auch, worauf Brückner & Much hin- wiesen, durchaus nicht immer der Fall ist. Nach v. Graff & v. Zu- BRZYCKi sind auch die Blutkörperchen Gravider imd vom mensch- lichen Placentarblut resistenter als normale. In letzterer Hinsicht besteht also ein Gegensatz zu den von Sachs bei tierischem Fötalblut erhobenen Befunden. Endlich ist von R. Weil die Widerstands- fähigkeit der Blutkörperchen bei Syphilis hervorgehoben worden und daraus eine diagnostische Verwertbarkeit für Syphilis abgeleitet worden (vgl. hierzu auch Kraus, Ranzi, Ehrlich). In Uebereinstimmung damit hat auch Kuschakoff feststellen können, daß die WEiLsche Cobragiftreaktion in einer bedeutenden Zahl der Syphilisfälle vor- handen ist, ohne daß sich aber eine diagnostische Methode darauf aufbauen ließe. In der Tat darf man nach den obigen Ausführungen einen für eine bestimmte Krankheitsform charakteristischen Ausfall bei diesem Vorgehen nicht erwarten. Weil hält indessen die Cobra- giftreaktion spezifisch für Lues und betrachtet sie als eine wichtige Ergänzung der diagnostischen Methoden für Syphilis (vgl. hierzu auch Schwartz). Ein anderes Prinzip, welches zur diagnostischen Verwertung der Cobragifthämolyse herangezogen wurde, ist die differente Eig- nung verschiedener Sera für die Aktivierung des Cobra- gif ts. In dieser Hinsicht hat zunächst Sachs gezeigt, daß das Serum neugeborener Meerschweinchen in erheblich höherem Grade zur Akti- vierung des Cobragiftes geeignet ist als das Serum erwachsener Meer- schweinchen *). Beim Menschen haben entsprechende Untersuchungen von den Angaben Calmettes ihren Ausgang genommen. Calmette glaubte in seinen in Gemeinschaft mit Breton, Massol & Guerin ausge- führten Versuchen zu einer für die Tuberkulose charakteristischen Reaktion gelangt zu sein, welche darin besteht, daß das auf 56 ^ er- hitzte Serum von Tuberkulösen in Gemeinschaft mit Cobragift die Hämolyse von Pferdeblutkörperchen vermittelt. Nach den genannten Autoren ist die Reaktion sowohl für Menschen- als auch für Rinder- tuberkulose charakteristisch und gelegentlich auch mit der Milch tuberkulöser Frauen zu erhalten**). Jedoch haben die weiteren Prü- fungen (vgl. hierzu Bauer & Lehndorff, Neubauer & Seiffert, Beyer, Heynemann, Kraus, v. Graff & Ranzi, Alessandrini, Römer, Novaczynski, Pekanovich, v. Graff & Zubrzycki, Grün- baum u. a.)***) auch hier ergeben, daß eine Spezifität für Tuber- kulose nicht besteht, daß vielmehr auch in anderen Fällen, insbeson- *) Durch Vergleich der V2 ^tunde lang auf 56° erhitzten Meerschweinchen- sera ergibt sich eine absolute Differenz, indem durch diesen Eingriff das Serum erwachsener Tiere, welches im aktiven Zustand lediglich durch Komplement wirkt, inaktiviert wird, während das Serum Neugeborener noch eine sehr erheb- liche Aktivierungswirkung ausübt. **) Vgl. auch die Angaben Calmettes über die Bindung der aktivierenden Serumstoffe an Tuberkelbacillen und Tuberkulin. ***) Verwiesen sei auch auf die neueren experimentellen Untersuchungen von H. & A. V. Grünbaum. Tierische Toxine und Immunitätsforschung. 1443 dere bei Carcinom, in der Schwangerschaft und bei Stillenden die nämliche aktivierende Wirkung des menschlichen Serums vorhanden ist. Im menschlichen Nabelschnurblut fehlt die Reaktion nach Bauer & Lehndorff, Heynemann. An dritter Stelle ist schließlich die Cobragifthämolyse in dem Sinne zu diagnostischen Zwecken herangezogen worden, daß die hem- mende Wirkung der Sera gegenüber der Hämolyse durch Cobragif t verglichen wird. Schon durch die Arbeiten von Kyes ist bekannt, daß dem Serum nicht nur aktivierende, sondern auch hem- mende Eigenschaften zukommen*), und zwar können diese Hem- mungen einerseits durch Cholesterin, andererseits durch die Eiweiß- bestandteile des Serums veranlaßt sein. Für das Kaninchenblut haben Kyes & Sachs insbesondere festgestellt, daß auch eine Hemmung der Cobragifthämolyse durch das artgleiche Serum bedingt wird. Eine entsprechende Anordnung liegt der in der menschlichen Pathologie zuerst von Much & Holzmann verwandten und als ,,Psy choreak- tion" bezeichneten Methode zugrunde. Es handelt sich hierbei um die Untersuchung der hemmenden Wirkungen, welche menschliche (nach Much am besten frische und aktive) Sera gegenüber der Hämo- lyse von menschlichen Blutkörperchen durch Cobragift ausüben**). Nach MucHs & Holzmanns ersten Angaben sollten diese Hemmungs- reaktionen bei geeigneter Anordnung für gewisse Krankheitsformen, und zwar Dementia praecox und manisch-depressives Irresein, charak- teristisch sein. Bei zeitlicher Beobachtung ist, worauf Schultz hin- gewiesen hat, eine antilytische Wirkung des menschlichen Serums stets wahrzunehmen. Die Nachprüfung der MucH-HoLZMANNSchen Reaktion von Seiten zahlreicher Autoren (cf. Bauer, Alt, Hübner & Selter, Zalozielzki, Fränkel, Katte & BiEROTTE, Beyer & Wittneben, Schultz, Kraus, Ranzi, Pötzl & Ehrlich, Plaut, Geissler, Bonfiglio, Omorokow und viele andere) haben nun zu- nächst übereinstimmend ergeben, daß erhebliche individuelle Unter- schiede in der Fähigkeit der einzelnen Menschensera, die Cobragift- hämolyse zu hemmen, bestehen ; jedoch ist die diagnostische Verwert- barkeit für bestimmte Krankheitsbilder der Methode abgesprochen worden. Insbesondere scheint das Nabelschnurblutserum Neugeborener (vgl. hierzu F. Bauer) allgemein die MucH-HoLZMANNSche Reaktion aufzuweisen. Brückner & Much haben später selbst erkannt, daß von einer klinisch-diagnostischen Bedeutung der Hemmungsreaktion keine Rede sein kann. Immerhin scheint sie nach den Angaben der Autoren (cf. insbesondere Geissler, auch Schultz u. a.) bei psychischen und Nervenkrankheiten in gehäuftem Maße aufzutreten. Was die Ur- sachen anlangt, so wird man bei allen Reaktionen, welche die Be- ziehungen zwischen Serum und Cobragift zum Gegenstand haben, berücksichtigen müssen, daß das erhaltene Ergebnis die Resultante darstellt von zwei im Blutserum vorhandenen antagonistischen Prin- zipien, welche durch die Hämolyse hemmende und sie begünstigende Stoffe veranlaßt werden. *) Ueber Hemmung der Cobragift-Lecithinhämolyse durch Cerebrospinal- flüssigkeit vgl. Breton, Massol und Petit. **) Dabei ist der verschiedenen Empfindlichkeit der menschlichen Blut- körperchen Beachtung zu schenken und von der Benutzung leicht löslicher Erythrocyten abzusehen (cf. Hirschl & Pohl. Brückner & Much). 91* 1444 Hans Sachs, Wenn auch eine praktisch-diagnostische Verwertbarkeit der ver- schiedenen Methoden bisher nicht erreicht worden ist, wird mau doch auch fernerhin mit der Möglichkeit rechnen dürfen, daß durch Modifikationen der Versuchsanordnung und Heranziehung der ver- schiedenartigsten Systeme von Blutkörperchen und Serum gerade die weitere xlnalyse der Schlangengifthämolyse zu Ergebnissen für die praktische Diagnostik führen könnte. Literatur. A. Zusammenfassende Darstellungen. ^Bang, J., Chemie und Biochemie der Lipoide. Wiesbaden 1911; konf. auch Ergebnisse der Physiologie, 8. Jahrg., 1909. 2— Die Cobragifthämolyse. Med. krit. Blätter in Hamburg, Bd. 1, H. 2, 1910. ^Calmette, A., Vergiftungen durch tierische Gifte. Menses Handbuch der Tropenkrankh., Bd. 1, Leipzig 1905. 2 — L'hemolysine des venins de serpents. Bull. Inst. Pasteur, T. 5, 193, 1907. 3 — Les venins, les animaux venimeux et la serotherapie antivenüneuse. 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XIX. ßicin, Abrin und Crotin und deren Antitoxine. Von Martin Jacoby. Ricin, Abrin, Crotin, deren Toxikologie zuerst Kobert und seine Schüler eingehend studiert haben, werden nach einem Vorschlage von Jacoby als Phytotoxine zusammengefaßt, weil es sich um Substanzen aus der Pflanzenwelt handelt, denen echter Antigen- und Toxin- charakter zukommt. Wenn sie auch die markantesten Vertreter der Gruppe sind, so stehen sie doch keineswegs vereinzelt in der Natur da. Ehrlich hat außerdem das Robin gelegentlich untersucht. Sub- stanzen, wie das Phasin, reihen sich nur lose an die Phytotoxine an ; ihre Beziehungen zu dem Pollentoxin, dessen Wirkungsart über- haupt noch einigermaßen dunkel ist, sind noch nicht zu übersehen. Was den Phytotoxinen besondere Bedeutung verleiht, ist ihre hervorragende Eignung für Versuche auf dem Gebiete der Immuni- tätslehre. Am Ricin und Abrin hat Ehrlich eine Reihe von Grund- phänomenen zuerst aufgedeckt. Die Phytotoxine sind Substanzen von großer Wirksamkeit. Die Trockenpräparate, welche fabrikatorisch hergestellt werden, sind von mindestens jahrelanger Haltbar- keit. Die Wirksamkeit der Phytotoxine ist sehr vielseitig. Man kann mit ihnen Agglutination und Hämolyse erzielen, Präzipitin- reaktionen studieren, lokale Immunität erreichen und anderes mehr. Für die Spezifität der Antikörperbildung und Antikörperbindung haben sie sehr früh Material geliefert; daß man Pflanzenstoffe biologisch differenzieren kann, hat man zuerst an ihnen erkannt. Bei dem sehr weitgehenden, wenn auch keineswegs vollkommenen Parallelismus, der bei den Phytotoxinen zwischen Reagenzglasver- such und Tierversuch besteht, hat der Reagenzglasversuch hier aus- gedehnte Verwendung gefunden und allgemein wertvolle Aufschlüsse ermöglicht. Ricin. Ricin findet sich im Samen der Ricinuspflanze und kann ent- weder aus den Rückständen dargestellt werden, welche bei der Ex- traktion des Ricinusöls in Form von Preßkuchen gewonnen werden oder in haltbarer Form von chemischen Fabriken (Merck-Darmstadt, Vereinigte Chemische Werke Charlottenburg) bezogen werden. Das Mercksche Präparat war in früheren Jahren sehr wirksam und verhältnismäßig frei von störenden Verunreinigungen. Es wird 1454 Martix Jacoby, dargestellt nach der Vorschrift von Kobert, der sich als einer der ersten um die Erforschung des Ricins große Verdienste erworben hat. „Die pulverisierten Samen werden mit Aether, dann auch noch mit Alkohol erschöpft, um Fette, Lecithin, Cholesterin, Alkaloide usw. zu beseitigen, endlich mit 10-proz. Kochsalzlösung bei 37 bis 40 '^ C 24 Stunden mazeriert und das Filtrat der Mazeration durch Eintragen von Ammonsulfat bis zur Sättigung gefällt. Der Nieder- schlag wird bei Zimmertemperatur getrocknet und kann so jahrelang aufbewahrt werden, wobei er allerdings allmählich unlöslich und un- wirksam wird. Will man das dem Niederschlag noch reichlich an- haftende Chlornatrium und Ammonsulfat entfernen, so kann man dies durch Dialyse, denn unsere Substanz dialysiert nicht." Das Eicin der Vereinigten Chemischen Werke Charlottenburg ist ein Präparat, das mit voller Absicht weit weniger gereinigt ist. als das Mercksche Eicin. Es wird nämlich nach den Angaben von Jacoby hergestellt, um zur quantitativen Prüfung auf Pepsin zu dienen. Da hierbei die Eiweißkörper in Betracht kommen, welche neben dem eigentlichen Eicin sich im Eicinussamen finden, so sind diese Substanzen natürlich nicht entfernt. Auch ist das Präparat für die Fragen der Imm-unitätsforschung nicht wie das Mercksche studiert worden. Jedoch steht seine Giftigkeit nach Miessner und Rewald dem Merckschen Präparat nicht nach, während sein Preis viel geringer ist. lieber die Eicinuspflanze, Eicinus communis, auch Wunderbaum, Christuspalme oder Kerrabaum genannt, entnehme ich einer Zu- sammenstellung von Miessner folgendes : Die Pflanze, die zur Familie der Euphorbiaceen oder Wolfsmilchgewächse gehört, ist über sämt- liche Tropen- und einige gemäßigte Länder der Erde verbreitet. In Indien und Afi'ika stellt dieses Gewächs einen Baum dar, der eine Höhe bis zu 12 m erreicht. Die Heimat der Pflanze ist Indien. Die Samen der Eicinuspflanze liegen in einer rötlichen oder blaßgrünen, dreifächrigen Samenkapsel, die überall außer an den drei Oeffnungs- stellen mit Stacheln besetzt ist. Die Samen — nur der Samenkern ist giftig, die Samenschale ungiftig — erreichen eine Länge von 15 — 20 mm und eine Breite von 7 — 10 mm. Die bei der Fabrikation des Eicinusöles erhaltenen Eückstände, die Ricinuskuchen und Eici- nusmehle werden als Düngermittel verwandt, aus Versehen oder aus betrügerischen Absichten aber auch Kraftfuttermitteln zugesetzt, wo- durch schwere Viehvergiftungen öfters vorgekommen sind. Die chemische Natur des Eicins ist unbekannt. Beweise für seine Eiweißnatur fehlen, ausgeschlossen ist sie nicht. Diese von mir vor einigen Jahren gegebene Formulierung hat auch heute noch ihre Berechtigung. Da das Eicin, wie die meisten Toxine, zusammen mit einem Gemenge von Eiweißsubstanzen vorkommt, so war festzustellen, in- wieweit die Eiweißkörper nuj' Begleitsubstanzen, inwieweit sie Träger der spezifischen Eicinwirkung sind. Diese Frage w^urde vielfach bearbeitet und aus der Literatur, die ich früher darüber zusammen- gestellt habe, geht hervor, daß immer mehr von dem Eiweiß des Eicinussamens im Sinne der Toxinforschung als Ballast betrachtet werden konnte. Die wirksamen Präparate wurden immer eiweiß- ärmer. Ricin, Abrin und Crotin und deren Antitoxine. 1455 Endlich gelang es mir 1901 ein Präparat zu isolieren, welches auch in hochwirksamen, stark konzentrierten Lösungen keine Ei- weißreaktionen mehr zeigte. Damit war zwar nicht erwiesen und ist auch bei dem gegenwärtigen Stande der chemischen Wissenschaft noch nicht erweisbar, daß das Ricin kein Eiweißkörper ist, nur darf das Zusammenvorkommen eines Eiweißkörpers und der Ricinwirkung nicht mehr als Beweis für die Eiweißnatur gedeutet werden. Meine Isolierungsversuche gestalteten sich in der Hauptsache folgendermaßen : Ricin wird bei Sättigung mit Ammonsulfat bis zu 60 Proz. Salzsättigung quantitativ ausgesalzen. Ich versuchte nun, ob es nicht gelingt, die Hauptmasse der das Ricin begleitenden Ei- weißsubstanzen dadurch von dem Toxin zu trennen, daß ich durch Verdauung die angiftigen Eiweißkörper in diffusible und schwer aussalzbare Substanzen verwandelte. Das gelang. Indem zur Ver- dauung besonders präpariertes Trypsin benutzt wurde, konnte am Schlüsse der Verdauung aus dien Lösungen ein eiweißfi-eies Ricin durch Aussalzen mit Ammonsulfat bei 60 ^ Sättigung und Dialj^se isoliert werden, das seine Wirksamkeit quantitativ behalten hatte. OiSBORNE, Mendel und Harris haben aus Ricinussamen ein koa- gulierbare.:; Albumin durch fraktionierte Aussalzung isoliert, das außer- ordentlich giftig ist, und durch Trypsin zerstört wird. Diese Zerstör- barkeit durch Trypsin hatte ich bereits früher als Kennzeichen ge- reinigten Ricins beschrieben, während das unreine Ricin so wider- standsfähig gegen Trypsin ist, daß man die Verdauung zur Isolierung heranziehen kann. Da nun mein isoliertes Ricin sicherlich ebenso giftig war, wie die Albuminfraktion von Osborne, Mendel und Harris, ebenfalls trypsinempfindlich war, aber keine Albuminreak- tion zeigte, so scheint es mdr richtig, auch heute noch den Eiweiß- charakter des Ricins als ungesichert zu betrachten. Das Ricin ist ein äußerst starkes Gift. Von den gereinigten Prä- paraten genügt 1 mg, um Tausende Kilogramme Tier zu töten. Dabei muß man bedenken, daß diese Werte nur als Minimalzahlen für die Toxizität anzusehen sind. Denn es läßt sich noch gar nicht übersehen, ein wie großer Anteil der reinen Präparate noch aus Ver- unreinigungen besteht. Diese starke Wirkung zeigt sich bei subku- taner Injektion, deren Erfolg nicht bemerkenswert von dem der intra- venösen in bezug auf letale Dosis abweicht. Vom Magendarmkanale aus wird etwa die hundertfache Dosis Ricin vertragen. Von Wichtig- keit ist, daß das Ricin mit einer ausgesprochenen Inkubationszeit wirkt, welche auch durch intravenöse Einverleibung nicht zu um- gehen ist. Wohl aber läßt sie sich bis zu einem gewissen Grade durch die Steigerung der Giftmenge abkürzen. Immerhin vergehen stets eine Anzahl Stunden, bis man die ersten Krankheitserscheinungen beobachten kann. Daß dafür nicht allein der Weg von der Peri- pherie bis zum Ort der Wirkung maßgebend sein kann, das lehrt der Erfolg der Instillation in die Conjunctiva. Auch die schwere Reizwirkung, die am Auge sich entwickelt, braucht eine gewisse Zeit zu ihrer Ausbildung. Bei der subkutanen Injektion kommt es zu einer enormen Reaktion des Unterhautzellgewebes, die zu schweren Eiterungen führen kann. Auch wenn das Gift parenteral zugeführt wird, kommt es sehr bald zu schweren Ernährungs- störungen. Die Tiere magern, wenn sie es erleben, stark ab und ein bedeutender Stickstoff vertust zeigt an, daß reichlich Körpereiweiß 1456 Martin Jacoby, zugrunde geht. Nach sorgfältigen Untersuchungen von F. MtJLLER erfolgt dann der letale Zusammenbruch der vergifteten Tiere, etwa ähnlich dem bei der Diphtherievergiftung. Der Blutdruck hält sich nämlich während der Inkubationszeit auf normaler Höhe, um erst ganz akut ungefähr eine Stunde vor dem Tode erheblich zu sinken. Diese Senkung erfolgt dann sukzessiv durch Lähmung des vasomotori- schen Zentrums. Die Atmung versagt vor dem Kreislauf und erst zuletzt stellt das Herz, auf welches das Ricin bei der Allgemein- vergiftung keinen direkten Einfluß zu haben scheint, seine Tätig- keit ein. Der Sektionsbefund bei der akuten Ricinvergiftung des Kanin- chens bietet nicht gerade sehr viel Charakteristisches. Bei subkutaner Einführung bemerkt man in der Umgebung der Injektionsstelle eine starke Entzündung, das Unterhautzellgewebe ist sulzig infiltriert, die subkutanen Lymphdrüsen deutlich geschwollen und gerötet. Die wichtigsten Veränderungen zeigt der Darmkanal, der wohl als Aus- scheidungsweg des Giftes in Frage kommt. Man trifft weitverbreitet im Ilium und am Ende des Processus vermiformis punktförmige Hämorrhagieu und beobachtet eine starke Schwellung und fleckige Rötung der PEYERSchen Plaques. Die mesenterialen Lymphdrüsen sind zu großen Paketen angeschwollen. Wie aus histologischen Untersuchungen Franz Müllers hervor- geht, wird bei der Ricinvergiftung auch das Blut in Mitleidenschaft gezogen. Von diesen Veränderungen ist aber streng eine sehr auffal- lende Einwirkung zu trennen, welche Ricin im Reagenzglas auf die roten Blutkörperchen ausübt. Diese Reagenzglaswirkung, die als Ag- glutination oder Konglutination bezeichnet wird und von Stillmark im Laboratorium von Kobert entdeckt worden ist, ist von großem Interesse. Ihre Bedeutung besteht darin, daß wir hier eine echte Toxinwirkung im Reagenzglas studieren können. Um die Agglutina- tion zu untersuchen, stellt man zunächst aus defibriniertem oder un- gerinnbar gemachtem Kaninchenblut durch Zentrifugieren oder spontanes Abstehen die Blutkörperchen dar, wäscht den Zell- brei mehrfach mit physiologischer Kochsalzlösung und verdünnt ihn so mit der Salzlösung, daß die Aufschwemmung einer be- stimmten Blutverdünnung (meistens 5 Proz.) entspricht. Im weiteren Fortgang der Versuche wird ganz die Anordnung bei den üblichen Hämolyseversuchen innegehalten. 1 ccm Blutkörperchen- brei wird von ]\Iilligrammen oder Bruchteilen davon vollständig agglu- tiniert. Obwohl die Reaktion des Ricins mit Bestandteilen des Stromas erfolgt, wird doch das Hämoglobin mit niedergerissen. Ist maximale Agglutination eingetreten, so setzen sich die verklebten Zellen ab und die Flüssigkeit wird wasserhell. Bringt man sehr große Ricindosen mit den Blutzellen zusammen, so erfolgt die Agglutination fast momentan, bei kleineren Giftmengen kann die Agglutination auch noch vollständig werden, sie kommt aber erst allmählich zu- stande. Nach Beobachtungen von Fränkel wird Fischblut durch kleine Dosen Ricin agglutiniert, durch große hämolysiert. Die Blut- körperchen der einzelnen Species, aber auch der einzelnen Indivi- duen sind verschieden empfindlich für Ricin. Diese Verschieden- heiten sind auch vorhanden, wenn man vom Serum befreite Blut- zellen untersucht; es besteht also in der Tat eine verschieden große Resistenz der Zellen. Daneben hat aber auch das Serum eine gewisse Ricin, Abrin und Crotin und deren Antitoxine. 1457 und bei den einzelnen Species wechselnde Schutzkraft gegenüber dem Ricin. Das Fischserum ist z. B. ziemlich wirksam gegenüber der agglutinierenden Ricinwirkung. Miessner und Rewald haben die Blutagglutination auch zum qualitativen und quantitativen ßicinnach- weis für die Zwecke der landwirtschaftlichen Praxis verwandt. V. Liebermann hat gefunden, daß man dasRicin-Agglutinin durch Säuren von den agglutinierten Blutkörperchen trennen kann, daß ferner Säuren die Agglutination hemmen, Alkalien sie fördern. Diese Alkaliwirkung ist aber nur bei der Agglutination von Kaninchenblut- körperchen, nicht bei der von Schweineblutkörperchen bemerkbar. Nach V. Liebermaxns Ansicht ist das Eicin-Agglutinin als eine Säure aufzufassen, die Agglutination wäre als das Ausfallen einer Verbin- dung des Agglutinins mit Stromabestandteilen zu betrachten, wobei gleichzeitig die Verbindung des Hämoglobins mit Stromabestandteilen zersetzt werden soll. Nach Landsteiner und Stankovic wird das Agglutinin des Ri- cins und des Abrins durch Proteine, wie Kasein, Fibrin, Seide, ge- bunden. Die Verbindungen lassen sich durch Erwärmen, ferner durch Einwirkung von Säuren und Basen teilweise zerlegen. Nach Untersuchungen von Lau, sowie von Michaelis und Stein- DORFF werden auch Organzellen, z. B. Leberzellen des Meerschwein- chens durch Ricin agglutiniert. Zu dieser Ausfällung ist eine In- taktheit der Zellen nicht notwendig. Denn auch Emulsionen von zertrümmerten Zellen werden durch Ricin ausgefällt, so daß dicke Niederschläge entstehen. Im Ricinussamen findet sich neben dem Eicin eine Lipase. Neuberg hat sich auf Grund mannigfacher Versuche die Vorstellung gebildet, daß die Agglutination und Hämolyse von Zellen ein lipo- lytischer Vorgang ist. Zur Prüfung cUeser Hypothese untersuchte Neuberg, ob die Lipase und das Agglutinin sich trennen lassen. Das gelang weder durch Fällungsmethoden noch durch Adsorption, noch durch Einwirkung von Antiricinserum. Neuberg folgert je- doch nicht daraus, daß damit die Identität beider Wirkungen erwiesen wäre. Der Parallelismus zwischen den bakteriellen Toxinen und den Phytotoxinen geht sehr weit; die Beobachtungen, welche zuerst Ehrlich und dann auch andere angestellt haben, und die als Beweise für einen komplexen Bau des Toxinmoleküls gedeutet worden sind, haben auch beim Ricin ihre Analogien gefunden. Um auf diese Befunde einzu- gehen, müssen wir aber erst die von Ehrlich entdeckte Ricin-Im- munität und das ebenfalls von ihm aufgefundene Antiricin kennen lernen. Im Jahre 1891, unmittelbar nach Behrings Entdeckung d^es Di- phtherie-Antitoxins, zeigte Ehrlich, daß man gegen das von Kobert toxikologisch studierte Pflanzengift Eicin Versuchstiere sicher im- munisieren kann und daß das Serum der Tiere Antiricin enthält. Denn man konnte Eicin durch Mischen mit dem Serum entgiften und durch vorherige Injektion des Serums Tiere gegen die Vergiftung immunisieren. Diese Versuche erschienen damals besonders deswegen von größtem Interesse, weil man hoffte, daß das Eicin ein chemisch leicht aufklärbarer Körper sein würde. Man hätte dann erwarten können, die Toxin-Immunität und das Wesen der Antitoxine che- misch analysieren zu können. Diese Hoffnungen haben sich leider Handbuch der pathogenen Mikroorganismen. 2. Aufl. II. oZ 1458 Martix Jacoby. nicht erfüllt. Es ergab sich nämlich, daß das Pflanzengift Ricin und seine Verwandten nicht den bekannten pflanzlichen Alkaloiden und Glykosiden verwandt ist. sondern den bakteriellen Toxinen näher steht, immerhin hat es sich als bedeutungsvoll herausgestellt, daß man so über eine Gruppe von echten Toxinen außer den bakteriellen verfügt. Bei der Immunisierung gegen Eicin beginnt man mit kleinen, stomachal zugeführten Dosen, Dieser Weg ist wenigstens der un- gefährlichste, wenn auch nicht der schnellste, weil, wie wir gesehen haben, per os etwa 100-fach größere Dosen vertragen werden als bei der subkutanen Zuführung. In Abständen von etwa einer AVoche steigert man die Dosen. Den richtigen Zeitpunkt ergibt die Gewichts- kontrolle. Bei geeigneten Dosen, die also nicht so toxisch sind, daß die Versuchstiere sterben, aber auch nicht so klein, daß keine Re- aktion eintritt, beobachtet man nämlich einen erheblichen Abfall des Körpergewichts. Nach etwa 5 — 6 Tagen findet diese Abnahme ihren Stillstand und nun ist es Zeit, die doppelte Dosis zuzuführen. Eine Steigerung der Dosen ist nämlich unbedingt notwendig, wenn eine hohe Immunität erzielt werden soll. Mit der stomachalen Immuni- sierung kann man nun ungefälir so lange fortfahren, bis die Tiere etwa die 1 — 2-fache subkutan letale Dosis ohne Reaktion vertragen. Dann geht man subkutan weiter. Meistens reagiert das subkutane Gewebe auch bei hoch immunen Tieren noch sehr energisch auf eine erneute Injektion selbst verhältnismäig geringerer Dosen. Bei der Sektion hoch immuner Tiere kann man daher enorme Eiterpakete vorfinden. Man kann Kaninchen so hoch immunisieren, daß sie über . das Tausendfache und mehr der Anfangsdosis vertragen. Eine Grenze ergibt sich dann schon, weil die Flüssigkeitsmengen, die man zu- führen müßte, schließlich sehr groß werden. Aber noch ein an- deres Zeichen lehrt, daß man am Ziele des Erreichbaren angelangt ist. Hat man nämlich einige Monate die Dosen allmählich immer wieder gesteigert, nachdem die Gewichtsabnahme zum Stillstand gekommen ist, so kommen endlich Dosen, bei denen oft ganz unvermittelt keine Erholung mehr eintritt; die Tiere nehmen lang- sam aber sicher immer weiter ab und es ist Zeit, sie zu töten, wenn man sie nicht verlieren will, ohne das Serum der Tiere zu er- halten. Hat man bei einer Versuchsreihe mit einem Tiere sich dieser Grenze genähert, so tut man gut, bei den anderen schon etwas früher aufzuhören, weil vielleicht der Antiricingehalt des Serums bei dem Verfall der Tiere auch Schaden leidet. Wie wir gesehen haben, kann man etwa am 6. Tage, nachdem der Gewichtsabfall aufgehört hat, die begonnene Immunisierung weiterführen. Anscheinend tritt die Erholung von der Intoxikation, die zum Zwecke der Immunisierung notwendig ist, mit dem Zeitpunkt des Auftretens der Immunität zusammen. Bei Mäusen sah Ehrlich am 6. Tage nach der ersten Injektion ganz akut eine so hohe Im- munität sich entwickeln, daß die 1.3-fache letale Dosis ertragen wurde. Entweder vollkommen oder jedenfalls im allgemeinen parallel mit dem Anwachsen der Immunität geht im Anfang die Zunahme des Antiricins im Serum. Bei hohen Immunitätsgraden scheint der Antitoxingehalt des Serums nur noch allmählich um verhältnismäßig geringfügige Werte zuzunehmen. Ehrlich hat nun 1897 gefunden, daß das Antiricinserum auch ein Antiagglutinin gegen die agglutinierende Ricinwirkung enthält. Ricin, Abrin und Crotin und deren Antitoxine. 1459 Es ist bisher nicht gelungen, die beiden Wirkungen voneinander zu trennen, so daß vielleicht ein- und dasselbe Antiricin antiroxisch und antiagglutinisch wirkt. Immerhin ist es möglich, daß durch weitere Untersuchungen die Sachlage sich doch als komplizierter heraus- stellt. In dieser Hinsicht sei als Beispiel auf Beobachtungen aufmerk- sam gemacht, welche A. Fränkel in bezug auf die antiagglutinieren- den Eigenschaften des Fischserums angestellt hat. Das Serum der Barben enthält ein sehr starkes liicinagglutinin. Aber dieses Anti- agglutinin schützt nur Barbenblutkörperchen und nicht die Blut- körperchen der Säugetiere. Auch ist dieses Serum durchaus nicht antitoxisch im Tierkörper. XeutraJisationsversuche mit Antiricin sprechen dafür, daß man beim Ricin mit dem gleichen Rechte wie beim Diphtherietoxin Toxo- ide und andere Derivate des Toxins annehmen kann. Wenn man Ricin mit Pepsinsalzsäure im Brutschrank behandelt, so bleibt die allgemein-toxische AVirkung längere Zeit vollkommen erhalten. Um aber diese Giftwirkung durch Antitoxin zu neutralisieren, ist be- deutend weniger Antitoxin fmehr als das zehnfache) notwendig. Das mit Pepsinsalzsäure behandelte Ricin hat nun aber gleichzeitig fast vollkommen seine Agglutinationskraft verloren. Schon dieser Be- fund machte es wahrscheinlich, daß das Agglutinin sich zu dem Toxin wie ein Toxoid zu einem Toxin verhält. Diese Vermutung wird aber noch weiter gestützt. Bei genauer Beobachtung stellt sich nämlich heraus, daß ein gajiz geringer Agglutinationsrest auch dem verdauten Ricin erhalten bleibt. Um nun diese kleine Spur durch Serum zu neutralisieren, bedarf es derselben Serummenge, die nötig ist, um die volle Giftwirkung desselben Ricins zu entgiften. Wichtig ist endlich, daß auch enorme Giftüberschüsse bei der Mischung von Pepsinricin und Serum nur noch Krankheitserscheinungen (Ge- wichtsabnahme), aber nicht mehr den Tod verursachen. Da die kom- plizierten und zugleich wesentlichen Phänomene am besten an der Hand eines Versuchsprotokolls zu verstehen sind, so werde ich hier einen Versuch aus meiner ersten Mitteilung über Ricinimmunität wieder- geben. Ich möchte die Gelegenheit benutzen, um einen sinnentstel- lenden Schreib- oder Druckfehler zu berichtigen, der sich in meinem Aufsatz über Antiricin in dem Handbuch der Technik und Methodik der Immunitätsforschung eingeschlichen hat*). Versuch: 0,35 g Mercksches Ricin werden fünf Tage im Brutschrank mit hoch wirksamer Pepsinsalzsäure behandelt, dann wird neutrali- siert, mit Ammonsulfat eine Salzsättigung von 60 Proz. hergestellt, der entstehende Niederschlag mit entsprechender Salzlösung gewaschen und schließlich in 90 ccm einer 10-proz. Kochsalzlösung gelöst. Diese Lösung müßte, wenn kein Gift verloren gegangen i.st, in 1 ccm 3,9 mg Ricin enthalten, die kleinste, schnell tödliche Dosis müßte 0,13 ccm pro Kilogramm Kaninchen betragen, da sie beim *) In Bd. II, p. 258 unten muß es heißen : Neutralisiert man nun aber mittels antitoxischen Serums die neurotoxische Wirkung, so bemerkt man, daß man nicht mehr ebenso viel Serum dazu braucht als vor der Einwirkung der Pepsinsalzsäure auf das Ricin. — Falsch steht daselbst „noch" anstatt „nicht mehr-." 92* 1460 Martin Jacoby, Ausgangsmaterial 0,5 mg beträgt, die kleinste agglutinierende etwa 0^06 — 0,07 ccm, da sie beim Ausgangsmaterial 0,2 mg beträgt. Der Versuch ergab aber völlig andere Verhältnisse, indem erst 5 ccm der Lösung merklich agglutinierten, während die Tierversuche folgende Resultate ergaben: 1. Kaninchen von 1250 g erhält am 6. Mai mittags 1 ccm oder 0,8 ccm pro Kilogramm. 7. Mai 1172 g, 8. Mai 1002 g. Das Tier wird tot gefunden, die Sektion ergibt einen ganz typischen Ricinbefund. 2. Kaninchen von 1065 g erhält am 7. Mai vormittags 0,4 ccm oder 0,38 ccm pro Kilogramm. 8. Mai 1002 g. Das Tier stirbt am 8. Mai abends nach stunden- langen Krämpfen. Das Endgewicht beträgt 923 g, der Sektionsbefund ist ganz typisch. 3. Kaninchen von 1177 g erhält am 8. Mai 0,2 ccm oder 0,17 ccm pro Kilogramm. 9. Mai 1045 g, 10. Mai 1024 g, das Tier wird tot gefunden, der Sektionsbefund ist ganz typisch. 4. Kaninchen von 1264 g erhält am 9. Mai vormittags 0,1 ccm oder 0,08 ccm pro Kilogramm. 10. Mai 1154 g, 12. Mai 1064 g, 14. Mai 955 g, 15. Mai 973 g, das Tier wird tot gefunden, der Sektionsbefund ist nicht typisch. Die eben noch schnell tödliche Dosis liegt also nicht über 0,17 ccm, entspricht also dem Resultat (0,13 ccm), welches zu erwarten wäre, wenn alles Gift noch vorhanden ist: im Gegensatz zur agglutinieren- den hat also die Giftwirkung nicht abgenommen. Nunmehr wurde untersucht, wieviel Immunserum nötig war, um unser Gift zu neutralisieren. Es wurde ein Antitoxin benutzt, von dem genau 1 ccm ge- nügte, um 1 mg nicht vorbehandeltes Ricin (entsprechend 0,26 ccm der Pepsinricinlösung) gänzlich zu neutralisieren. Neutralisationsgrenze für das Agglutinin: 5 ccm Pepsinricin und 1 ccm Antitoxin — keine Agglutination. 6 ccm Pepsinricin und 1 ccm Antitoxin — deutliche Aggluti- nation. Neutralisationsgrenze für das Toxin: Es werden gemischt 1 ccm Antitoxin mit: 0,5 ccm Pepsinricin 1 keine Gewichtsabnahme der Versuchstiere I 4 5 » 11 ■ 6 „ „ . ISProz 7 „ „ 19 „ [ Abnahme 8 „ „ 19 „ ) Mischt man Blut mit Ricin, so hat das Plasma nur noch all- gemein-toxische Wirkung, agglutiniert aber nicht mehr. Immunisiert man nun mit diesem Plasma-Toxin Kaninchen, so erhält man ein Serum, Avelches beide Antikörperwirkungen nebeneinander enthält. Ricin, Abrin und Crotin und deren Antitoxine. 1461 Auch diese Versuchsreihe spricht demnach dafür, daß zwischen dem Agglutinin und dem Toxin in bezug auf ihre antigenen Funktionen ein enger Zusammenhang vorhanden zu sein scheint. Mischt man eine geringe Menge Antiricinserum mit einer klaren Ricinlösung zusammen, so entsteht ein Niederschlag. Diese 1901 zuerst von mir beschriebene Beobachtung, welche allgemein bestätigt worden ist, war vornehmlich nach zwei Richtungen von besonderem Interesse. Einmal war damit auch für pflanzliche Antigene die Fähigkeit der Präzipitinbildung nachgewiesen, ferner war das Prä- zipitinphänomen nun auch für Stoffe sichergestellt, welche zu den Toxinen im engeren Sinne gehören. Zum Verständnis aller weiteren Beobachtungen ist es zwecknicäßig, diese Befunde in ihrer ursprüng- lichen Beschreibung wiederzugeben, da alles weitere sich darauf auf- baut. Bringt man eine klare Ricinlösung mit einer geringen Quantität Immunserum zusammen, so entsteht eine Trübung, die sich allmählich als ein flockiger Niederschlag absetzt. Beim Mischen von Ricin mit normalem Blutserum entsteht zwar auch eine Trübung, die aber sehr geringfügig ist und auf keinen Fall mit der Niedersclüagsbildung im Immunserum verwechselt werden kann. Die gleiche Fällung wie im Immunserum entsteht auch beim Zusammenbringen der Ricinlösung mit einer durch Aussalzung des Immunserums gewonnenen Fraktion, welche das Antiricin enthält; alle anderen Fraktionen sind unwirk- sam. Ivontrollversuche zeigen, daß die Ausfällung nicht durch Aen- derung des Wasser- oder Salzgehaltes des Gemisches zustande kommt. Durch Kochen geschädigtes Ricin gibt mit wirksamem Antiricin sowie umgekehrt zerstörtes Antiricin mit wirksamem Ricin die Reaktion nicht mehr. Kraus sowie Michaelis und Steindorff haben die auch von mir hervorgehobene Fällung von Normalserum durch Ricin genauer studiert ; nach Michaelis und Steindorff hindert Ueberschuß von Serum die Niederschlagsbildung, Ueberschuß von Ricin hindert sie nicht. In den Niederschlag, der sich beim Zusammenbringen des Im- munserums mit der Ricinlösung bildet, gehen Eiweißkörper beider Komponenten. Daß insbesondere die Ausfällung der Serumeiweiß- körper bei der Reaktion eine bedeutsame Rolle spielt, konnte dadurch gezeigt werden, daß auch gereinigtes Ricin, welches keine Eiweiß- reaktion mehr zeigte, in einer so kleinen Menge, daß ein Rückstand gar nicht nachweisbar wäre, eine voluminöse Fällung mit dem Immun- serum gab. Offenbar wird die Reaktion zwischen Ricin und Antiricin dadurch zu einem sichtbaren Phänomen, daß außer den spezifischen Gruppen auch andere Bestandteile der Ricinlösung und des Serums mit in den Niederschlag hineingehen. Dabei muß es unentschieden bleiben, inwieweit die an der jSTiederschlagsbildung sekundär beteiligten Substanzen mit dem Antigen resp. dem Antikörper chemisch ver- bunden sind und inwieweit sie nur ph3^sikalisch mit ausgefällt werden. Antiricinhaltiges Blut hochimmuner Kaninchen zeigt einige be- merkenswerte Abweichungen von der Norm (Jacoby). Zunächst ge- rinnt es besonders leicht und das Antiricinserum hat schon in sehr kleinen Quantitäten die Fähigkeit, ungerinnbar gemachtes Blut zur Gerinnung zu bringen. Die antitoxisch wirksame, durch Amnion- 1462 Martin Jacoby. sulfat isolierte Fraktion des Serums verhält sich ebenso. Während im normalen Kaninchenblutserum in der betreffenden Ammonsulfat- fraktion nur wenig Eiweiß ausgesalzen wird und dieses zum Teil noch aus echtem Globulin (Euglobulin) besteht, ist bei den Immuntieren diese Fraktion sehr groß und enthält eine reichliche Quantität wasser- löslichen Globulins (Pseudoglobulins). Wir sehen also, daß bei der Immunisierung mit dem spezifischen Antikörper zusammen auch un- spezifische Substanzen neu im Serum auftreten. An der Präzipitinreaktion des Ricins entdeckte Daxysz das nach- ihm benannte Phänomen, welches bei der Diskussion über das Ehr- LiCHSche Konstitutionsschema der Toxinmoleküle eine wichtige Rolle gespielt hat. Daxysz bestimmte zunächst die Ricinmenge, welche durch eine gegebene Menge Antiricinserum völlig neutralisiert wird, so daß sie nicht mehr imstande ist, mit neuem Serum einen Nieder- schlag zu bilden. Setzte Daxysz nunmehr dem Antitoxinseram erst die Hälfte der Ricindosis hinzu und erst nach einiger Zeit die andere Hälfte, so zeigte sich, daß dieser Giftrest nicht mehr voll- ständig unwirksam wird, vielmehr noch mit neuen Serumportionen einen Xiederschlag bilden kann. Neuerdings hat Miessxer die Ricin-Antiricinpräzipitierung für praktische Zwecke nutzbar gemacht. Es ist ihm gelungen, mit dieser Methode den Nachweis zu führen, ob einem Futtermittel Ricinus- samen beigemengt ist. Die subkutane Injektion beim Kaninchen ge- stattet dann, einen einigermaßen quantitativen Anhaltspunkt über die Menge des Ricinussamens im Futtermittel zu erhalten. Friedemaxx hat Versuche gemacht, die er durch Beziehungen der Ricinagglutination zur Präzipitinbildung erklärt. Rote Blutkörper- chen werden mit so geringer Ricinmenge versetzt, daß sie selbst nicht agglutiniert werden und die überstehende Flüssigkeit durch Zentrifugieren entfernt. Wurde nun Antiricin hinzugefügt, so trat eine fast momentane Agglutination ein. Weitere Versuche zeigten, daß das an die Blutkörperchen gebundene Agglutinin noch Antiricin aus dem Serum entfernen kann. Abrin. Abrin steht dem Ricin in seinen Wirkungen außerordentlich nahe. Dieses Phytotoxin wird aus dem Samen von Abrus precatorius, der Jequiritvbohne, gewonnen und von Merck -Darmstadt in den Handel gebracht. Abrin ahmt im allgemeinen das Ricin nach, nur ist es viel weniger giftig als das Ricin. Abrin hat schon öfters ein gewisses praktisches Interesse besessen, da es mehrfach — seit 1882 — als Wecker den Infus aus Jequiritybohnen in die Therapie der Augenkrankheiten einführte, namentlich zur Bekämpfung von pan- nösen Augenleiden benutzt worden ist. Die vorläufige Isolierung ge- lang Wardex und WADELL»bei der von Robert Koch geleiteten in- dischen Choleraexpedition. "Sie erkannten, daß das giftige Prinzip sich zusammen mit den Eiweißkörpern aus dem Samen der Jequiritv- bohne extrahieren läßt. In bezug auf die chemische Natur des Abrins gilt dasselbe, was im vorigen Abschnitte über das Ricin gesagt wurde. Nach demselben Verfahren, das sich beim Ricin bewährt hatte, konnte W. Hausmann zeigen, daß die Giftigkeit des Abrins durch Entfernung der chemisch nachweisbaren Eiweiß- Ricin, Abrin und Crotin und deren Antitoxine. 1463 körper nicht abnimmt. Die Aussalzbarkeit des Abrins entspricht eranz den beim Ricin vorliegenden Verhältnissen Die Giftwirkungen des Abrins sind denen des Ricins sehr ähnlich ; nur ist das Abrin im allgemeinen ein viel schwächeres Gift als das Ricin. Man braucht größere Dosen, um die Versuchstiere zu töten. Da es sich bei den Phytotoxinen aber nicht um chemisch reine und charakterisierte Substanzen handelt, so braucht es sich um keinen wesentlichen Unterscnied zu handeln. So habe ich denn auch beim Ricin und Hausmann beim Abrin eine Zunahme der Gif- tigkeit durch Reinigung der Ausgangspräparate bemerkt. Robert und seine Schüler, insbesondere Hellin, haben die Pharmakologie des Abrins im einzelnen bearbeitet. Bei der Sektion von Kaninchen, die an Abrinvergiftung zugrunde gegangen sind, findet man einen Sektionsbefund der dem bei der Ricinvergiftung zum Verwechseln ähnlich ist: ,, Blutungen (besonders im Netz), Rötung und Schwellung der PEYERSchen Plaques, sowie der retroperitonealen Lymphdrüsen.'' Nach Ehrlich vermißt man bei Mäusen Darmblutun- gen. An der Injektionsstelle kommt es wie beim Ricin häufig zu Indurationen, seltener zu Nekrosen. Als eigentümlich für das Abrin beobachtete Ehrlich einen Haarausfall, der zunächst in der Peri- pherie des Injektionsgebietes beginnt und von da nach dem Zentrum fortschreitet, bis schließlich die ganze Region eine vollkommene, aber nur vorübergehende Kahlheit aufweist.' Von besonderem Interesse ist die von Ehrlich gefundene Empfindlichkeit der Conjunctiva gegenüber Abrin. Während im allgemeinen die käuflichen Ricin- präparate viel ausgeprägtere Erscheinungen als das Abrin verursachen, findet man das Umgekehrte am Auge. Pinselt man Abrinlösungen m einer Verdünnung von 1:800 in den Conjunctivalsack, so kann es schon zu ausgesprochener Entzündung kommen. Lösungen von 1 : 400 werden beim Ricin ohne weiteres vertragen, während sie beim Abrm schwere Entzündungen hervorrufen, die oft bleibende Corneal- trübungen und auch vollkommene Zerstörung des Auges zur Folge haben können. Nach Calmette und Delearde werden auch Frösche von Abrin getötet, nach Hausmann sterben Fledermäuse im Winter- schlafe langsamer an der Abrinvergiftung als wache Tiere. Nach Calmette und Delearde kann man Frösche gegen Abrindosen im- munisieren, welche für normale Frösche tödlich sind. Der Nachweis von Antiabrin im Serum der immunisierten Frösche mißlang. Ebenso wie das Ricin agglutiniert auch das Abrin, wie Kobert und Hellin zuerst gefunden haben, die roten Blutkörperchen vieler Tiere. In Versuchen von Hausmann wurden 10 ccm 5-proz. Kanin- chenblut von 0,5 mg Abrin (Merck) deutlich agglutiniert. Bei dieser Abrinmenge sind nach etwa 12 Stunden die Blutkörperchen am Boden des Glases zu einem festen Klumpen zusammengeballt. Bei kleineren Dosen ballen die Zellen sich nicht so fest zusammen. Bei ganz großen Abrindosen tritt die Agglutination zwar sehr schnell ein, aber die Verklebung ist nicht so intensiv, man kann die Blutkörperchen leicht wieder in der Flüssigkeit verteilen. Während das Agglutinationsvermögen des Ricins durch Pepsin- salzsäure sehr schnell fast vollkommen aufgehoben wird, ist das Abrin-Agglutinin nach Versuchen von W. Hausmann gegen die pep- tische Verdauung: viel resistenter. Es scheint als ob beim Abrin das 1464: Martix Jacoby. Toxin und das Agglutinin viel gleichmäßiger durch Pepsinsalzsäure geschädigt werden. Ebenfalls wie gegen Ricin kann man auch, wie wiederum Ehrlich zuersi gezeigt hat, Versuchstiere gegen Abrin immunisieren. Das gelingt z. B. bei Mäusen, Kaninchen und Ziegen. Die Immunität ist eine allgemeine, indem die Tiere sowohl bei der stomachalen wie bei der subkutanen Applikation vielfach tödliche Dosen anstands- los vertragen. Von besonderer Bedeutung sind die Beobachtungen von Ehrlich über die lokale Immunität gegen Abrin. Zum Studium der lokalen Abrin-Imnuinität eignet sich das Auge wegen seiner großen Empfindlichkeit. Ohne Schwierigkeit erreicht man am Auge ab- solute Immunität gegen Abrin, wenn man einige Wochen die Ver- suchstiere systematisch mit steigenden Dosen Abrin füttert. Auch bei der Abrin-Immunisierung tritt im Serum der immuni- sierten Tiere ein Antikörper, das Antiabrin, auf. Dieses Antiabrin ist ganz spezifisch auf das Abrin eingestellt, ebenso wie abrinimmune Tiere nur gegen Abrin und nicht gegen Ricin und umgekehrt immun sind. Ein Versuch von Ehrlich möge das illustrieren. Ein Kaninchen, das durch tägliche Ricininstillationen ins, Auge so weit gebracht war, daß es zuletzt Tag für Tag beliebige Mengen festen Ricins in die Conjunctiva gepulvert vertrug, erkrankte sofort mit heftiger Entzündung, als ihm eine Abrinlösung von 1 : 10000 ins Auge geträufelt wurde. Praktisch v/ichtig ist. daß man die lokale Immunisierung des Auges so allmählich vornehmen kann, daß jede entzündliche Reizung vermieden wird und dennoch paniiöse Hornhauttrübungen aufgehellt werden. Römer hat diese Therapie im einzelnen ausgebildet. Wenn das Abrin bei Behandlungen von Augenkrankheiten doch einmal eine zu starke Reaktion hervorruft, so wirktRöMER dem mit Jequiritol- heilserum entgegen. Jequiritolheilserum ist Serum von Ziegen, die gegen Abrin immunisiert worden sind. Römer benutzt auch das Auge als Indikator bei der Auswertung seines Heilserums. Es wird ermittelt, wieviel von einem Serum notwendig ist, um die Reiz Wirkung einer bestimmten Abrindosis auf das Auge zu neutralisieren. Beschränkte sich Römer bei der Immunisierung auf ein Auge, so wurde zunächst nur dieses Auge abrinfest. Dabei soll in diesem Auge dann Antiabrin zu finden sein. Allmählich kam es zu allge- meiner Immunität, bei der dann schließlich auch das andere Auge beteiligt war. Bei der Immunisierung vom Auge aus wurde Anti- abrin in der Milz und im Knochenmark früher als im Serum nach- gewiesen. Nach Versuchen von Ehrlich läßt sich die Abrin-Immunität der Mäuse auf die Jungen übertragen. Diese Uebertragung erfolgt immer nur durch die Mutter, und zwar durch die Milch. Läßt man nämlich die Jungen einer abrinimmunen Mutter durch eine normale Maus stillen, so werden sie nicht immun, wälirend umgekehrt nor- male Jungen immun werden, wenn eine immune Mutter sie säugt. Antiabrin beeinflußt auch die Abrinagglutination, Antiabrinserum und Abrin geben bei der Mischung einen Niederschlag, der auch nicht vermißt wird, wenn das Abrin kein nachweisbares Eiweiß enthält (Hausmann). Ricin, Abrin und Crotin und deren Antitoxine. 1465 Crotin. Ganz ähnlich wie die anderen Phytotoxine ist das Crotin eine giftiffc Substanz, die in einem Pflanzensamen, und zwar dem Croton- samen vorkommt. Auch das Crotin ist zuerst im Laboratorium Ko- BERTS genauer beobachtet worden (Elfstrand, vgl. auch Lau). Wie das Eicin und Abrin wird das Crotin von der Firma Merck in brauch- barer Qualität geliefert. Es stellt ein weißes Pulver dar, das sich in Wasser nur mäßig, etwas besser in dünnen Salzlösungen löst. Seine Giftigkeit ist gering. Erst Zentigramme rufen pro Kilo Kanin- chen bei subkutaner Injektion deutliche Vergiftungserscheinungen her- vor. Noch besonders ungünstig für toxikologische Beobachtungen am lebenden Tier ist der Umstand, daß verschiedene Individuen der- selben Species sehr ungleich auf das Gift reagieren. Im Reagenzglasversuch nimmt das Crotin eine Sonderstellung dadurch ein. daß es hämolytisch wirkt. Diese Hämolyse wird nicht durch das Zusammenwirken zweier Faktoren, etwa wie die Serum- hämolyse, bewirkt. Oder wenn wir uns vorsichtiger ausdrücken wollen, es ist bisher nicht geglückt, das Crotinhämolysin in zwei trennbare Komponenten zu zerlegen. Das Crotin löst nicht die Blutkörperchen aller Species in gleicher Art und Stärke. Aufgelöst werden durch Crotin z. B. die vom Serum befreiten Blutkörperchen des Kaninchens. 1 ccm Blutkörperchehaufschwemmiing wird etwa durch einige Dezimilligramme Crotin gelöst. Bemerkenswert ist, daß die Blutkörperchen verschiedener Individuen sich durchaus verschieden empfindlich gegen Crotin erwiesen. Die Schnelligkeit der Hämolyse ist von der Temperatur abhängig, die Auflösung erfolgt aber auch bei ziemlich niederer Temperatur, wenn man nur lange genug abwartet. Bringt man die Blutzellen mit Crotindosen zusammen, welche nicht zur vollständigen Auflösung ausreichen, so beobachtet man, daß die der Hämolyse entgangenen Zellen zu einem Klumpen verkleben, eine Art Agglutination erleiden. C4eht man mit der Crotinmenge weit genug herab, so kommt es überhaupt nur zur Agglutination. Während die Kaninchenblutkörperchen vom Crotin verhältnis- mäßig leicht gelöst werden, sind die Blutzellen des Meerschwein- chens und des Hundes sehr crotinfest. Nur in Ausnahmefällen lösen Riesendosen Crotin Meerschweinchen- oder Hundeblut, zwar sehr lang- sam, aber doch schneller als die Frist bis zur Spontanhämolyse des Blutes beträgt. Es handelt sich hier um eine wahre, celluläre Im- munität. Denn einen Schutz durch Serum bedürfen die Zellen nicht. Auch wird das Crotin nicht etwa durch einen in den Zellen vorhan- denen Antikörper neutralisiert und dadurch für die Zelle unschäd- lich gemacht. Den experimentell festgestellten Sachverhalt kann man am einfachsten formulieren, wenn man in Ehrlichs Nomenklatur sich so ausdrückt, daß den Blutzellen des Meerschweinchens und des Hundes die Crotinrezeptoren fehlen, während die Blutkörperchen des Kaninchens solche besitzen. Bringt man nämlich mit Kaninchenblut- zellen oder mit dem Stroma, welches man sich aus den Zellen nach dem SACHsschen Verfahren darstellt, Crotin zusammen, so wird ein Teil des Giftes der Lösung entzogen. Führt man denselben Ver- such mit den Blutzellen des Meerschweinchens oder des Hundes aus, so wird viel weniger oder überhaupt kein Crotin an die Zellen fixiert. 1466 Martin Jacoby, Spritzt, man einem Kaninchen kleine Mengen Crotin subkutan ein, so findet man nacli einiger Zeit im Serum Anticrotin. AVahr- scheinlich wird das Serum sich auch gegen die Allgemeinwirkung des Crotins antitoxisch verhalten. Am demonstrabelsten ist jeden- falls die zuerst von Morgenroth beschriebene antihämolytische Wir- kung. Diese Antiwirkung läßt sich auch sehr gut im Reagenzglas quantitativ verfolgen. Die nähere Analyse zeigt, daß hier ganz ähnliche Verhältnisse vorliegen wie bei den Beziehungen zwischen den bakteriellen Toxinen und Antitoxinen, also quantitative Relationen, welche nach der EHRLiCHSchen Auffassung zu der Annahme von Toxoiden, Toxonen etc. führen würden. Interessant ist, daß ein ganz geringer Serumzusatz die hämolytische Serumwirkung nicht ab- schwächt, sondern deutlich verstärkt. Auch das normale Blutserum, z. B. das Schweineserum, hat nicht selten eine gewisse Anticrotin- wirkung, die Antikörperwirkung des Plasmas übertrifft noch die Serumwirkung. Außer diesem echten Anticrotin habe ich noch eine andere eigen- tümliche Anticrotinwirkung beobachtet, die dann später mein Schüler Lust genauer verfolgt hat. In den käuflichen Pepsinpräparaten (Grübler, Witte) findet man ein lösliches Antitoxin,- welches anti- hämolytisch wirkt. Im Gegensatz zu dem Serura-Anticrotin ist dieses Pseudo-Anticrotin kochbeständig. Es wirkt bei neutraler, so- wie bei schwach alkalischer oder schwach saurer Reaktion. Die Substanz wird durch Alkohol gefällt,- ist in Aether und Aceton un- löslich und ist aussalzbar und nicht dialysierbar. Durch Pepsinsalz- säure wird das Pseudo-Anticrotin nicht angegriffen. Gereinigt gibt es keine Biuretreaktion. Nach alledem handelt es sich um einen Körper, der weder mit dem Pepsinferment noch mit dem Serum- Antikörper identisch ist. Im Tierkörper ist er ohne Wirkung. Am reichlichsten findet sich das Pseudo-Anticrotin in der Magenschleim- haut, weniger in der Darmschleimhaut, noch weniger in der Lunge, in der Leber fehlt es. Anhang. Anhangsweise sollen noch einige Substanzen kurz erwähnt werden, welche dem Ricin, Abrin und Crotin nach manchen Richtungen nahe- stehen. Zunächst das Robin, welches Kobert aus der -Rinde von Robinia pseudoacacia, einer Akazienart, gewonnen hat. Gegen Robin gelang Ehrlich eine Immunisierung, x4ntiricinserum schützt nach Ehrlich auch gegen Robin. Von dem Phallin, dem giftigen Prin- zip des Knollenblätterpilzes (Amanita phalloides), stellte Kobert fest, daß es außerordentlich stark hämolytisch wirkt*). Neuerdings haben Laxdsteiner & Raubitschek, V. Eisler und v. Portheim, sowie Kobert & Wienhaus nachgewiesen, daß sich in zahlreichen Pflan- zen Substanzen finden, welche Blutkörperchen verkleben. Da diesen Stoffen jedoch Antigencharakter nicht zukommt, brauchen wir hier nicht auf sie einzugehen. *Am ausführlichsten hat Wienhaus in Koberts Laboratorium das Phasin, das Agglutinin aus weißen Bohnen (Phaseolus vulgaris) bearbeitet. Phasin agglutiniert die Blut- körperchen der verschiedensten Tierarten, ist aber für das Gesamt - tier fast ganz ungiftig. *) Vgl. Rabe, Beiträge zur Toxikologie des Knollen blätterschwammes. Zeitschr. f. experim. Pathol. u. Therapie, Bd. 9, 1911. Ricin, Abrin und Crotin und deren Antitoxine. 1467 Literatur. Abderhaldex & PixcrssoHN, Serologische Studien mit Hilfe der „optischen Me- thode", 10. Mitt. Zeitsehr. f. physiol. Chemie. Ed. 66, 1910, Bashford. Journ. of path. and bacteriol., Vol. 9, 1903. — Journ. of Hygiene, Vol. 4, 1901. Baumgartex . Mikroskopische Untersuchungen über Hämolyse im heterogenen Serum. Berl. klin. Wochenschr., 1901. Brieger, Versuche zur Eemigung des Eicins und des Diphtherieantitoxins. Festschr. f. Bob. Koch, 1904. 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Von Privatdozent Carl Prausnitz in Breslau. Mt 1 Tafel und 2 Kurven im Text. Einleitung. Unter den Krankheiten, die auf einer erworbenen oder angeborenen Ueberempfindlichkeit gewisser Menschen gegen solche Substanzen be- ruhen, die für die meisten Menschen ganz harmlos sind, dürfte das Heufieber wegen seiner relativ weiten Verbreitung und der Eigenart seiner Symptome besonderes Interesse beanspruchen. Wann diese merkwürdige Krankheit zuerst beobachtet worden ist, kann nicht einwandsfrei festgestellt werden, denn in den meisten Schriften aus dem 16., 17. und 18. Jahrhundert werden zwar die Symptome des Schnupfens oder des Asthma eingehend beschrieben, dagegen das charakteristische Merkmal der regelmäßigen Wiederkehr der Krank- heit zu bestimmten Jahreszeiten nicht genügend berücksichtigt. In allen solchen Fällen kann natürlich heute nicht entschieden werden, ob es sich um echtes Heufieber oder um eine einfache vaso- motorische Coryza gehandelt hat. Immerhin dürfte bei dem im Jahre 1673 von BiNNiNGERUs beobachteten Fall einer Dame, die jedes Jahr zur Zeit der Rosenblüte einige Wochen lang von Schnupfen geplagt wurde, Heufieber vorgelegen haben. Etwa ein Jahrhundert später scheint es der englische Arzt Heberden beobachtet zu haben, aber erst sein Landsmann John Bostock ^, selber ein Heufieberpatient, hat im Jahre 1819 ein genaues, klinisches Bild der Krankheit geliefert, dem wir auch heute kaum etwas Neues hinzufügen können. Symptome des Heufiebers. Die zum Heufieber disponierten Personen erkranken alljährlich zu einer bestimmten Periode des Sommers. Die Krankheit pflegt zu beginnen mit einem Prodromalstadium von 1 — -2 Wochen Dauer, während dessen gelegentlich Jucken und Eötung im Augenwinkel und leichte Niesanfälle beim Aufenthalt im Freien auftreten. An einem bestimmten Tage erreichen die Krankheitserscheinungen plötzlich ihre volle Höhe, und zwar ist das bei allen Patienten in einer Gegend der gleiche Tag. Das Jucken der Augenwinkel steigert sich zu einem fast unerträglichen Brennen in der Bindehaut und den Lidern. Unter 1470 Carl Prausxitz, starkem Tränen tritt eine Hyperämie — zunächst der Karunkel und deiPlica semilunaris, dann der ganzen Conjunctiva bulbi und palpebrae auf. Der Limbus corneae zeigt bereits frühzeitig eine auffallend starke Injektion, vorwiegend der oberflächlichen Gefäße. Zu diesen yasomotorisch bedingten Symptomen können in kurzer Zeit starke Oedeme der Conjunctiva treten, welche bis zur ausgeprägten Chemosis bulbi führen und von mehr oder weniger starken Lidödemen be- gleitet sind. Den vorstehend beschriebenen Symptomen von selten der Augen- schleimhaut entsprechen durchaus die im Gebiet der Nasenhöhle auf- tretenden Erscheinungen — Jucken, andauerndes heftiges und fast explosives Xiesen, Sekretion großer Mengen einer klaren, wässerigen Flüssigkeit, sowie Rötung und Schwellung der Xasenschleimhaut. Schon nach ^/^ — ^[o Stunde können beide Xasenhöhlen vollkommen undurchgängig werden und oft stundenlang in diesem Zustande bleiben. Der hierdurch zur Mundatmung gezwungene Patient empfindet bald ähnliche Erscheinungen* von selten des Zahnfleisches, des harten und weichen Gaumens, des Rachens und der oberen Luftwege. Bei einer Anzahl von Patienten treten hierzu noch überaus lästige Asthma- erscheinungen, welche sich vom typischen Bronchiala'sthma klinisch kaum unterscheiden. Bei einigen Patienten beobachtet man an den zarteren Partien der Haut, zumal am Vorderarm und zwischen den Fingern, Urticaria. Von Allgemeinerscheinungen ist Fieber nur ausnahmsweise beob- achtet worden ; trotzdem hat sich der wenig zweckmäßige Name der Krankheit ,, Heufieber" wohl deshalb so hartnäckig erhalten, weil die Patienten ein quälendes Gefühl von Schwäche, Abgeschlagenheit, Kopfschmerzen und Reizbarkeit empfinden, welches im Verein mit den katarrhähnlichen Symptomen den Gedanken an eine Erkältungs- krankheit nahe legt. Viel charakteristischer als die vorstehend beschriebenen Erschei- nungen ist der Verlauf der Krankheit. Denn die Symptome bleiben nicht auf gleicher Höhe bestehen, sondern zeigen mehrmals am Tage anfallsartige Verschlimmerungen, denen wieder Remissionen folgen. Die Exazerbationen pflegen vor allem beim Ausgang ins Freie und bei Fahrten, speziell bei Bahnfahrten aufzutreten, während bei ruhigem Aufenthalt in der Wohnung die Reizung nachläßt. An regnerischen Tagen ist das Leiden fast verschwunden, bei Sonnenhitze, schwülem AVetter, starkem Winde verschlimmert es sich. Auf dem Lande ist e.^ stärker als in der Stadt, auf hoher See sind die Patienten anfallsfrei. Das Heufieber beginnt in Norddeutschland gewöhnlich in der zweiten Hälfte des Mai, in Süddeutschland schon früher, in England Mitte Juni und dauert durchschnittlich etwa 6 Wochen. In den Ver- einigten Staaten tritt das Heufieber bei einem Teil der Patienten ebenfalls als Frühsommerkatarrh (..Spring cold", ,,Rose cold"). bei der Mehrzahl erst im Herbst auf (..Autumnal Catarrh") und zeigt im übrigen eine älinlic^e Abhängigkeit von der geographischen Breite. Von der Krankheit werden Männer in der Regel doppelt so oft befallen wie Frauen. Sie tritt vorwiegend bei der weißen Rasse auf und wird am häufigsten bei höher zivilisierten Personen beobachtet. In England. Deutschland und den Vereinigten Staaten ist sie sehr verbreitet. In keinem Lande scheint sie vollkommen zu fehlen. Heufiebergift und Heufieberserum. 1471 Aetiologie. Die Ursache des Heufiebers hat seit den Beobachtungen Bostocks viele Forscher beschäftigt. Die hier vorliegenden, eigenartigen Ver- hältnisse forderten zu mannigfachen Erklärungsversuchen heraus. Daß beim Heufieber in ausgesprochenerem Maße als bei den meisten anderen Erkrankungen eine individuelle Disposition vorliegen müsse. ist allgemein empfunden worden. Außer dieser Prädisposition, auf die wir später zurückkommen werden, bedurfte man, um das Krank- heitsbild zu erklären, eines auslösenden Agens. Leider sind diese beiden Momente nicht immer hinreichend klar auseinander gehalten worden, wodurch sich mancherlei Verwirrung in den älteren Ansichten über die Entstehung der Krankheit erklärt. Was zunächst die Frage nach dem auslösenden Agens anlangt, so suchte es Bostock in ,, einer äußerlichen Reizursache, speziell einer dunstigen, feuchten Hitze oder einem starken, blendenden Licht, Staub oder anderen Substanzen, welche in die Augen dringen, oder irgend welchen anderen Umständen, welche die Luftwärme steigern". Da jedoch weder Licht, noch Hitze, noch Staub für die besondere Leidenszeit des Heufieberpatienten charakteristisch sind, so lag es ziemlich nahe, diese Momente in einer besonderen Art von Staub zu suchen, der nur zu einer Jahreszeit in' großen Mengen in der Luft vorkommt, nämlich den Pollen. Als erster scheint Elliotson ^^ die Pollentheorie des Heufiebers ausgesprochen zu haben, jedoch gebührt das Verdienst, diese Theorie experimentell begründet zu haben, Blackley^, der in zahlreichen, überaus sorgfältigen Versuchen an Heufieberpatienten die Wirksam- keit der verschiedensten, für die Heufieberätiologie in Betracht kommenden Substanzen prüfte. Nachdem er in sinnreichen Unter- suchungen festgestellt hatte, daß nur zur Heufieberzeit Pollen in größerer Menge in der Luft vorkommen, suchte er von einer größeren Anzahl von Pflanzen die Pollen rein zu gewinnen und verimpfte sie dann auf Heufieberpatienten. Als wirksam erwiesen sich ihm eine Reihe von Pollen, hauptsächlich diejenigen von Roggen und anderen Gramineen. Bei Einbringung auf die Nasenschleimhaut wurden die typischen nasalen Erscheinungen, bei Verstäubung und Inhalation asthmaähnliche Symptome hervorgerufen. Ferner gelang es ihm, durch Einreiben von Pollen in die skarifizierte Haut des Vorderarms oder Unterschenkels ziemlich charakteristische Erytheme hervorzurufen. Wie ersichtlich, sind die Untersuchungen Blackleys von klaren Gesichtspunkten aus angestellt und haben für die Aetiologie der Krankheit grundlegende Bedeutung. Nachdem seine Beobachtungen viele Jahre hindurch als maß- gebend betrachtet waren, sind gegen Ende des letzten Jahrhunderts- von manchen Seiten wieder Einwände gegen sie erhoben worden. Unter dem Einfluß der ätiologischen Forschungen von Robert Koch und Pasteur wurde nach einem bakteriellen Erreger des Heu- fiebers gesucht. In der Tat scheint auf den ersten Blick das Heu- fieber den katarrhalischen Erkrankungen von Augen und Nase, also echten Infektionskrankheiten, recht ähnlich. Jedoch konnte eine bak- terielle Hypothese die Eigentümlichkeiten im Verlaufe des Heufiebers nur schwer erklären ; vor allem die auffallende Abhängigkeit von 1472 Carl Prausnitz, Witterungseinflüssen, das rapide Auftreten und das relativ rasche Verschwinden der Anfälle. Die als Erreger des Heufiebers beschriebenen Bakterien sind nicht einmal morphologisch einheitlich. HelmholtzI^^ der selber an der Krankheit litt, sah im jSTasenschleim zur Heufieberzeit vibrionen- artige Gebilde, und Heymann & Matzushita^i fanden im Nasen- inhalt von Heufieberpatienten Streptokokken, die sie jedoch nicht mit Sicherheit als Erreger ansprechen wollten. R. Weil^^ züchtete aus dem zur Heufieberzeit entnommenen Nasensekret von Patienten einen Staphylococcus. Indessen ist in keiner dieser Arbeiten die KocHsche Forderung erfüllt ; denn es ist niemals gelungen, mit Reinkulturen der angeschuldigten Mikroorganismen außerhalb der Heufieberzeit die Er- scheinungen der Krankheit auszulösen. Manche ältere Autoren, sowie in neuererZeit A. Thost^'^, suchten die Veranlassung zum Heufieber in Emanationen der Pflanzen, Riech- stoffen oder anderen flüchtigen Substanzen der Gräser usw. Bestärkt wurden sie zunächst durch die gelegentlich gemachte Wahrnehmung von Blackley, daß manche Pollen beim Trocknen ihre Wirksamkeit zu verlieren scheinen. Allerdings erklärt sich diese Erscheinung unge- zwungen durch die beim Trocknen eintretende Schrumpfung der Pollenhüllen. Die widersprechenden Auffassungen älterer Autoren, die durch ganz unklare Vorstellungen über die Heufieberdisposition noch mehr verwirri wurden, sind erst durch die Untersuchungen von Dün- BAR i*'"^^ ins richtige Licht gesetzt worden. Die 1902 von Dunbar begonnenen, in Gremeinscliaft mit Wei- chardt, Kattein, Verfasser und Kammann ausgeführten Unter- suchungen hatten den Zweck, die Aetiologie des Heufiebers klar- zustellen, und im Anschluß daran, eine spezifische immunisatorische Therapie der Krankheit auszuarbeiten. Auf Grund eingehender Selbst- beobachtung während mehrjähriger Heufieberanfälle war Dunbar zur Ueberzeugung gelangt, daß das Heufieber durch Pollen hervorgerufen würde. Um diese Frage zu entscheiden, wurden zahlreiche Ver- suche an Heufieberpatienten und normalen Personen mit rein ge- wonnenen Pollen ausgeführt. Die Mehrzahl der in Frage kommenden Pflanzen entstammte dem Hamburger botanischen Garten. Die Pollen- gewinnung geschah wie folgt: An blühenden Pflanzen wurden die Staubfäden mittelst Pinzette entfernt und in sterile Petrischalen ausgeschleudert, wobei sich der Blütenstaub auf dem Boden der Schale ansammelte. Später wurde zur Gewinnung größerer Pollenmengen von den besonders in Betracht kommenden Gramineen eine noch einfachere Methode verwandt. Die- jenigen Halme, bei denen die ersten Antheren an den Aehren her- vorsprießten, wurden nahe der Wurzel abgeschnitten und in einem warmen, sonnigen, aber zugfreien Räume in Wasser schräg aufgestellt, so daß die Aehren über detfi mit schwarzem Glanzpapier bedeckten Tisch hinüberhingen. In den nächsten 1 — 2 Tagen kam eine große Zahl von Antheren zur Entwickelung. Von Zeit zu Zeit wurde der Pollen durch leichtes Klopfen auf die Halme aus den Antheren auf die Unterlage entleert. Die so gewonnenen Pollen wurden auf ihre Reinheit mikro- skopisch geprüft, was besonders wichtig ist bei den insekteublütigen Pflanzen, die relativ geringe Pollenmengen produzieren, aber leicht Heufiebergift und Heufieberserum. 1473 einer Verunreinigung mit fremden Pollen durch den Wind oder durch die sie besuchenden Insekten ausgesetzt sind. Gleich hier sei be- merkt, daß die unter aseptischen Kautelen gewonnenen Pollen sich in Bestätigung der HEYMANNschen Angaben als fast keimfrei erwiesen. Von den derart rein gewonnenen Pollen wurden feinste Spuren mittelst steriler Wattestäbchen auf die Augen- oder Xasenschloimliaut von Heufieberpatienten und Kontrollpersoncn gebracht. Die Ver- suche wurden fast durchweg in der heufieberfreien Zeit ausgeführt. Für die Kontrollpersonen erwiesen sich alle Pollen als wirkungslos. Dagegen waren für Heufieberpatienten wirksam sämtliche von uns untersuchten 36 Gramineen und Cyperaceenarten, außerdem Mai- glöckchen, Polygonatum, Rübsaat, Wolfsmilch und eine Reihe von Kompositen, nicht aber die vielfach angeschuldigten Pollen von Flieder, Goldregen, Rosen, Veilchen und Linden. Ein besonderes Interesse beanspruchen von diesem Gesichtspunkte aus unter den Kompositen die Ambrosia und Solidago sowie Chrysanthemum und Astern. Die ersteren beiden Arten sind hier zu Lande selten, aber in den Ver- einigten Staaten als gemeine Unkräuter verbreitet. Ambrosia blüht dort im Spätsommer und Herbst und ist eine der wenigen wind- blütigen Kompositen. Sie wurde daher schon früher von amerikani- schen Autoren als der Erreger der im Herbste beobachteten Heu- fieberform, des sogenannten Herbstkatarrhs angeschuldigt. Die Pollen dieser Kompositen sind nun für Patienten, die in Amerika am Herbstkatarrh leiden, wirksam, dagegen nur für einzelne hochem- pfindliche europäische Heufieberpatienten giftig. Andererseits sind die in Amerika am Frühjahrskatarrh leidenden Patienten nur für die Pollen der Grami-neen, nicht aber für die Ambrosiapollen empfind- lich (E. Mayer 34, Wesbrook, Joachim u. a.). Kürzlich ist von Dunbar 1* festgestellt worden, daß eine ähnliche Erkrankung, die Europäer in China befällt, durch die Pollen von Liguster hervorge- rufen wird. Auf diese theoretisch interessanten Verhältnisse wird später eingegangen werden. Für das europäische Heufieber scheinen demnach in erster Linie die Pollen der Gramineen in Betracht zu kommen. Die Ausführung unserer Pollenversuche geschali regelmäßig in der heufieberfreien Zeit. Geringe Spuren des lufttrockenen Pollens wurden mittelst sterilen W^attestäbchens oder Platinöse auf die Augen- oder Nasenschleimhaut gebracht. Während bei Normal- personen jede Reizung ausblieb, zeigten die Heufieberpatienten bei den oben genannten Pollen binnen 1/2 — 2 Minuten die oben be- schriebenen Symptome. Die Erscheinungen waren an Intensität etwas wechselnd, aber stets ausgeprägt genug, um alle Zweifel über die Reaktion auszuschließen. Um den in der Natur vorkommenden Verhältnissen näher zu kommen, stellten sich eine Normalperson und Verfasser, der zum Heu- fieber disponiert ist, in eine Kapelle, in deren Luft mittelst eines Ge- bläses eine geringe Menge von Roggenpollen verstäubt wurde. Während die Normalperson keine Reizung verspürte, trat beim Heufieberpatienten nach wenigen Minuten Stickhusten auf, dem sich ein mehrstündiger Asthmaanfall mit starkem Stridor und Dyspnoe anschloß. Das Ergeb- nis ist jedenfalls so zu erklären, daß bei dem Patienten, der in dem engen Räume des Glaskastens gesprochen und gelacht hatte, Pollen durch Aspiration direkt in die tieferen Luftwege hineingelangt waren. Handbuch der pathogonen Mikroorganismen. 2. Aufl. II. "«5 1474 Carl Prausnitz, Bei einer kurz danach ausgeführten AViederholung des Versuches hielt der Patient den Mund geschlossen und atmete nur durch die Nase. Nach etwa 10 Minuten traten die charakteristischen Reizerscheinungen von Seiten der Nase und eines Auges auf. Die Normalperson blieb auch jetzt dauernd reizfrei. Es war somit der Beweis geführt worden, daß die zur Heufieber- zeit verbreiteten Gramineenpollen die charakteristischen Symptome der Erkrankung auslösen können. Die von anderer Seite ausgesprochene Hypothese, daß das Heu- fieber auf einer besonderen Reizbarkeit des Trigeminus beruhe, wurde dadurch widerlegt, daß nach analer Einbringung von Roggenpollen beim Heufieberpatienten die entsprechenden Symptome seitens dieser Schleimhaut auftraten. Durch die vorstehenden Versuche war demnach die spezifische Wirksamkeit der Gramineenpollen auf Heufieberpatienten fe.-^tgestellt. Es blieb noch zu entscheiden, ob unter natürlichen Verhältnissen die Pollen in der Luft in ausreichender .Menge vorhanden sind, um die Symptome der Krankheit hervorzurufen. Bereits Blackley war dieser Frage näher getreten. In einem Teil seiner Versuche verwendete er das von Phoebüs angegebene Prin- zip, Objektträger von gemessener Oberfläche mit einer klebrigen Flüssigkeit (Glycerin 50,0, Alkohol 60,0, Wasser 90,0, Ac. carbol. liq. gtt. 6) zu bestreichen und eine Zeitlang der Luft auszusetzen. Durch ein geeignetes Dach wurden die Objektträger nach Möglich- keit vor Regen geschützt. Bei dieser indirekten Zählmethode der Pollen stellte sich eine weitgehende Abhängigkeit des Pollengehaltes der Luft von den Witterungseinflüssen heraus; den Pollenzahlen ent- sprach die Heftigkeit der Heufieberanfälle. In den ersten Wochen des Juni nahmen die zuvor nur in geringer Menge vorhandenen Pollen rasch zu. Die Zahl der in 24 Stunden auf einem Quadratzentimeter aufgefangenen Pollenkörner stieg staffelweise empor bis zu einem Maximum von 880, welches Ende Juni erreicht wurde, um dann wieder staff eiförmig abzufallen und Ende Juli fast zu verschwinden. Außerdem verwendete Blackley auch eine direkte Zählungs- raethode, mit der er versuchte, quantitative Werte für die Luftpollen- zahlen festzustellen, jedoch sind die diesbezüglichen Versuche trotz der Benutzung sinnreicher Apparate nicht zu einem definitiven Er- gebnis gebracht worden. Von besonderer Wichtigkeit ist die weitere Feststellung Blackleys, daß zur Heufieberzeit die Gramineenpollen etwa 95 Proz. des in der Luft vorhandenen Blütenstaubes ausmachen. Die vorstehenden Versuche sind unter Leitung Duxbars vom Verfasser und von Liefmann ^6 wiederholt und durchaus bestätigt worden. Die nebenstehende Figur (Fig. 1) zeigt Verhältnisse, welche den Resultaten Blackleys durchaus entsprechen, jedoch mit dem Unterschiede, daß der Anstieg der Pollenzahl bereits Ende Mai be- ginnt und daß das Vorkommen der Gramineenpollen noch bis Ende Juli deutlich ist. Ferner sei 'bemerkt, daß wir noch bis Ende August vereinzelte Gramineenpollen gefunden haben. Nach unseren Unter- suchungen dürften sich zur Zeit des Pollenmaximums etwa 400 — 500 Gramineenpollen in 24 Stunden auf einem Quadratzentimeter Fläche sammeln. Bedenkt man, daß diese Versuche in der Stadt, mehrere Kilo- meter von den nächsten Getreidefeldern ausgeführt wurden, so kann Heufiebergift und Heufieberserum. 1475 man sich vorstellen, wie ungeheuer die Zahl der wirksamen Pollen auf dem Lande, vor allem in der Nähe blühender Kornfelder sein muß. 26°C. 9 2I.23.25 2J. 23, 31. 2. ♦. 6. 8. 10. 12. H. IG, 18 20 22. 2t. 26, 28 30, 2 .4. 6- 8. 10.12. H. It. 18. 20.22. 2«. 24. 23 JO |^ ^^^ Gesamtpollenzahl GramineenpoUenzahl I Niederschläge (mm). auf 1 qcm in 24 Stunden — Mittlere Tages temperatur. Fig. 1. Einfluß der Witterungsverhältnisse auf den Gehalt der Luft an Pollen. (Hamburg, Botanischer Garten, 1905.) Diese Ergebnisse werden weiter bestätigt durch Versuche, welche Liefmann mit einem eigens dazu konstruierten ,,Aeroskop" ausführte. Hiermit fand er noch am 10. Juli 308 Pollen im Kubikmeter Luft. Nach weiteren Versuchen desselben Autors wurden in der Nähe eines Kornfeldes in 12 Minuten 500 Pollen, also mit jedem Atemzuge 2 bis 3 Pollen eingeatmet. Quantitative Versuche, über die weiter unten berichtet wird, haben ergeben, daß die Mehrzahl der Heufieberpatienten durch etwa 40 bis 50 Roggenpollen, hochempfindliche sogar durch 2 — 4 Pollenkörner erkranken. Demnach ergibt sich aus vorstehender Untersuchung, daß 1) die Gramineenpollen die Symptome des Heufiebers bei den hierzu Disponierten, nicht aber bei Normal- personen auslösen; 2) daß die Gramineenpollen zurHeufieberzeit in aus- reichender Menge in der Luft vorhanden sind, um Heu- fieberanfälle auszulösen, und 3) daß die Schwankung in derZahl der in derLuft be- findlichen Gramineenpollen im allgemeinen mit der Hef- tigkeit der Heufieber anfalle parallel geht. Das Pollengift. Unter den verschiedenen Pollen, die eine überaus große Mannig- faltigkeit in der Form zeigen, zeichnen sich die Gramineenpollen durch eine verhältnismäßig einfache Gestalt aus. Während manche 93* 1476 Carl Prausnitz, Pollen eine ausgesprochen höckerige oder strahlige Form besitzen, die an den Bau der Ra-diolarien erinnert, sind die Gramineenpollen (Tafel I, Fig. 2, 3) durchweg von glatter Oberfläche und runder bis eiförmiger Gestalt; man unterscheidet eine äußere Haut, die ,,Exine", eine innere Haut, die „Intine", und den Polleninhalt, die ,,Fovilla". In der Fovilla finden sich bei Gramineen- und einigen anderen Pollen zahlreiche, durch Jod blauschwarz färbbare, kleine Stäbchen stärkeartiger Natur. Die Pollen der Ambrosia und Solidago (Tafel I, Fig. 4, 5) sind wesentlich kleiner und ihre Oberfläche ist ausgesprochen rauh und höckerig, Sie enthalten keine durch Jod färbbaren Körnchen. Daß die Wirksamkeit der Pollen nicht auf irgendwelcher mechani- schen Reizung beruhen kann, ist ohne weiteres klar. Man mußte daher nach einem chemischen Gifte suchen. Bereits Blackley war es in einigen orientierenden Versuchen gelungen, wirksame Pollen- dekokte herzustellen. Die Frage nach der Natur des Pollengiftes ließ er jedoch offen; erst durch die Untersuchungen von Dunbar und seineu Mitarbeitern ist die Darstellung des wirksamen Prinzipes gelungen. Zu diesem Behuf e wurden die Pollen fein zermahlcn und mit ver- schiedenen Lösungsmitteln extrahiert. Der lufttrockene Roggenpollen enthält nach Kammann ^^ io,2 Proz. Wasser, 3,4 Proz. Asche und 86,4 Proz. organische Substanzen. Die organische Substanz setzt sich wie folgt zusammen : in Alkohol und Aether lösliche Bestandteile 3 Proz., Kohlehydrate 25 Proz., stickstoffhaltige Körper nicht eiweißartiger Natur 18 Proz. und Ei- weißkörper 40 Proz. Bei der Extraktion der Pollen mit Alkohol und Aether gewinnt man eine braune wachsartige Masse, die wie Fleischextrakt riecht und bei Einbringung in die Augenbindehaut von Normalpersonen, ebenso wie von Heufieberpatienten reizend wirkt. Eine spezifische Be- deutung ist demnach den hier in Betracht kommenden ätherischen Oelen, Wachsen usw. abzusprechen. Dagegen gelingt die Extraktion des spezifischen Giftes durch Kochsalzlösung, und zwar am besten durch etwa 5-proz. Lösungen, die man unter Zusatz von 0,5 Proz. Phenol 5^10 Stunden bei 37 ^ wirken läßt. Der ungelöste Rückstand wird durch Zentrifugieren abgetrennt : er besteht zum größten Teil aus leeren Pollenhüllen, über denen eine feine, weiße Schicht von Stärkestäbchen lagert. Diese beiden Schichten werden mechanisch getrennt und wiederholt auf der Zentrifuge gewaschen. Sie erwiesen sich als unwirksam. Da- gegen wai' der Extrakt, der durch Verdünnung auf einen Kochsalz- geiialt von 0,8 Proz. gebracht wurde, für Heufieberpatienten stark und spezifisch wirksam, und behielt seine Eigenschaft auch nach Filtration durch Berkefeldfilter. Aus diesem Extrakt wurden die Eiweißkörper durch Zusatz des achtfachen Volums absoluter^ Alkohols ausgefällt. Der Niederschlag war spezifisch wirksam, während das Filtrat nach Verjagung des Alkohols unwirksam war. Ferner gelang es, aus dem Pollenextrakt die Eiweißkörper durch Dial^'Se zu gewinnen. Durch fraktioniertes Aussalzen von Lösungen des durch Alkohol gefällten Eiweißes mit Magnesiumsulfat, sowie des Kochsalzextraktes mit Ammouiumsulfat wurde nachgewiesen, daß die spezifisch giftige Wirkung des Pollens an die Albumine gebunden Heufiebergift und Heufieberserum. 1477 ist. Das durch Alkoholfällung gewonnene trockene Polleneiweiß hat sich für unsere Untersuchungen als ausgezeichnet brauchbar erwiesen, weil es seine Wirksamkeit jahrelang unverändert behält. Ebenso hatten die in verschiedenen Jahrgängen aus jeweils frischen Roggen- pollen hergestellten Gifte Heufieberpatienten gegenüber stets die gleiche Wirksamkeit. Bei den von uns untersuchten Patienten genügte stets die con- junctivale oder nasale Einbrinijung von einem Tropfen einer Lösung 1:20000 bis 1:40 000 des mit Alkohol gefällten Roggenpollengiftes, um in wenigen Minuten die charakteristischen subjektiven und ob- jektiven Erscheinungen hervorzurufen. Bei einigen höher empfind- lichen Patienten war das Gift noch in millionenfacher Verdünnung wirksam. Berücksichtigt man die von Kammann ausgeführten Zählungen, wonach in 1 g Roggenpollen etwa 20 Millionen Körner enthalten sind, so ergibt sich, daß die für die Durchschnittspatienten wirksame Minimalgiftdosis höchstens etwa 40 — 50 Pollenkörnern entsprechen würde, während bei hochempfindlichen Personen bereits 2 — 4 Pollen- körner die entsprechende Wirkung auszuüben vermögen. Diese Resultate bestätigen demnach vollkommen die vorstehend angegebenen Erfahrungen über den Verlauf der Krankheit. Sie er- klären zugleich den Umstand, daß ganz hochempfindliche Personen auch vor und nach der Haupt-Heufieberzeit gelegentlich die charak- teristischen Symptome zeigen können. Bei Einbringung der zuvor angegebenen Giftmenge auf die Con- junctiva tritt nach 2 — 3 Minuten Jucken oder Brennen im inneren Augenwinkel ein. Die Karunkel und Semilunarfalte werden hochrot. Nach weiteren 1 — 2 Minuten sieht man unter Zunahme der sub- jektiven Beschwerden kleine, injizierte Partien an den nasalen und unteren Teilen des Limbus corneae sich entwickeln. Die Gefäßin- jektion breitet sich entlang dem Limbus und über die Conjunctiva bulbi und palpebrae aus, bis schließlich die ganze Conjunctiva von einem feinen oberflächlichen Gefäßnetz durchzogen erscheint. Unter starker Lichtscheu und Zunahme des Juckens tritt profuse Tränen- sekretion und Schwellung der Conjunctiva bulbi, die bis zur Chemosis führen kann, sowie Lidödem ein (Tafel L Fig. 6). Nach i/g bis mehreren Stunden klingen die Erscheinungen ab, jedoch beobachtet man im Laufe der nächsten 24 Stunden gelegentlich das Auftreten leichterer, rasch vorübergehender Rückfälle, die durch unvermitteltes, heftiges Jucken und leichte Rötung charakterisiert sind. Die conjunctivale Gifteinbringung führt gewöhnlich auch zu leichten Erscheinungen von selten der entsprechenden Nasenhälfte, die dadurch bedingt sind, daß geringe Giftmengen durch den Tränen- Nasengang hinuntergespült werden. Weit sicherer werden die nasalen Erscheinungen durch direkte Instillation der Giftlösung auf die Nasen- schleimhaut hervorgerufen. Es kommt zu heftigem Niesen, Gefäß- injektion und starker Schwellung der Nasenschleimhaut, die rasch bis zur völligen Verstopfung der betreffenden Nasenhöhle fort- schreitet. Hervorzuheben ist jedoch, daß ein Uebergreifen der Reizerschei- nungen von einem Auge auf das andere, von einer Nasenhöhle auf die andere, oder von der Nase auf das Auge in den sehr zahlreichen von uns ausgeführten Versuchen niemals beobachtet worden ist. Demnach 1478 Carl Prausnitz, scheint das Gift zunächst eine rein lokale Wirkung auf diejenigen Schleimliautpartien, mit welchen es in Berührung kommt, auszuüben. Hiermit steht im Einklang die mehrfach gemachte Beobachtung, daß nach versehentlicher Aspiration von Spuren des fein gepulverten Pollenproteins in wenigen Minuten bei mir heftiger Stickhusten ein- setzte, dem oft mehrstündige asthmatische Beschwerden folgten. Indessen scheint es, als ob die Einwirkung des Giftes nicht immer auf den lokalen Schleimhautbezirk, der zunächst mit der Giftlösung in Berührung kommt, beschränkt ist. Vielmehr dürfte wohl meistens ein Teil des Giftes von der Schleimhaut aus resorbiert werden. Ver- fasser, der nur ausnahmsweise in der Heufieberzeit und niemals außer- halb derselben an asthmatischen Beschwerden gelitten hatte, beob- achtete an sich selber bei seinen Versuchen mit Pollengift zu- weilen das Auftreten typischer asthmatischer Beschwerden ohne vor- hergehenden Stickhusten einige Stunden nach der Einbringung von Giftlösungen in die Bindehaut oder Nasenhöhle. In demselben Sinne wären zu deuten die im Anschluß an solche Versuche bei Verfasser und anderen Heufieberpatienten fast immer beobachteten Beschwerden, wie Abgeschlagenheit, Mattigkeit usw., Erscheinungen, die, ja auch zum Bilde des natürlichen Heufiebers gehören. Die Möglichkeit der hämatogenen Giftwirkung wird am über- zeugendsten durch den folgenden Versuch bewiesen, der allerdings zu einer Zeit angestellt wurde, wo wir das alkoholgefällte Gift noch nicht in Händen hatten, sondern nur Pollenextrakte verwandten. Eine derartige Lösung wurde dem zum Heufieber disponierten Ver- fasser außerhalb der Heufieberzeit subkutan am Arm eingespritzt. Nach 1/4 Stunde trat heftiges, wiederholtes Niesen mit profuser Nasen- sekretion ein, die Nase wurde sehr bald unwegsam, in rascher Folge schloß sich ein ununterbrochener keuchender Husten mit nach- folgendem Stridor und inspiratorischer Dyspnoe an. Conjunctiva,Nasen- und Ivehlkopfschleimhaut waren stark injiziert, in den Ohren war ein unerträgliches Gefühl von Spannung, das ganze Gesicht erschien ge- dunsen. Nach 2 Stunden war der injizierte Vorderarm bis fast auf das Doppelte seines sonstigen Umfanges angeschwollen und in dieser Zeit bildete sich unter heftigem Jucken ein urticarielles Exanthem über den ganzen Körper aus. Die meisten Erscheinungen schwanden im Verlauf von 24 Stunden. Ein anderer, nicht heufieberdisponierter Arzt hatte trotz dieser recht unangenehmen Erscheinungen den Mut, sich die gleiche Giftdosis subkutan einspritzen zu lassen. Am Ort der Einspritzung trat eine wenige Zentimeter große, leicht juckende Geschwulst auf, im übrigen hatte die Injektion bei ihm keine Folgen. Im Anschluß an diese Versuche sei noch erwähnt, daß man auch durch Einreiben von Pollengiftlösungen in die unverletzte Haut, oder besser, nach der v. PiRQUETSchen ^lethode in die skarifizierte Haut, spezifische lokale Reaktionen^ hervorrufen kann. Aehnliche Versuche wurden, wie erwähnt, schon von Blackley mit den ganzen Pollen ge- macht. Sie liegen nahe, da Heufieberpatienten auch unter natürlichen Verhältnissen während der Gräserblüte beim Anfassen blühender Pflanzen gelegentlich entsprechende Erscheinungen zeigen. Beim Ein reiben in die unversehrte Haut, am besten zwischen die Finger, tritt eine stark juckende, fleckige Rötung mit zahlreichen kleinen urti- cariellen Quaddeln auf. Mit der v. PiRQUExschen Methode habe ich Heufiebergift und Heufieberserum. 1479 eine beschränkte Zahl von Versuchen an mir selber vorgenommen. Hierbei wurde ein Tropfen Giftlösung auf die Haut gebracht und dann mittels Bohrers an dieser Hautstelle eine feine Verletzung gemacht. Fast momentan trat heftiges Brennen und Jucken ein, dann bildete sich eine Quaddel von mehreren Millimetern Durchmesser, die jedoch nach wenigen Stunden abblaßte und verschwand. In der mit physiologischer Kochsalzlösung ausgeführten Kontrolle entwickelte sich eine traumatische Reaktion, die subjektiv vollkommen unempfind- lich war, und objektiv hinter der Giftreaktion an Farbenton, Erhaben- heit und Umfang merklich zurückblieb. Leider waren hier, zum Unterschied von der Cutireaktion mit Tuberkulin, die Differenzen zwischen spezifischer und traumatischer Reaktion nicht markant genug, um in schwierigen Fällen differentialdiagnostisch verwandt zu werden. Für solche Fälle, wo es sich darum handelt, eine vasomotorische Coryza von echtem Heufieber zu unterscheiden, ist die vorstehend beschriebene Ophthalmoreaktion am besten geeignet, da sie nach unserer Erfahrung bei sonst gesunden Augen absolut ungefährlich ist und bei vorsichtigem Vorgehen in kurzer Zeit verschwindet. Zum Zwecke der leichten Ausführung der Reaktion wird von den Fabrikan- ten des Heufieberserums (S. 1483) in geeigneten Gefäßen abgewogenes trockenes Roggenpolleneiweiß unter dem Namen ,,Heufieberdiagnosti- kum'' abgegeben. Gegen die Verwendung des gefällten Roggenpollenproteins hat WoLFF-EisxER^i den Einwand erhoben, daß es ein relativ stark ab- gebautes Kunstprodukt wäre; er empfahl daher, für alle Versuche frisch hergestellte Pollenextrakte zu verwenden. Als Beweis für die von ihm behauptete Inkonstanz der Giftwirkung des Pollenproteins führte er eine Beobachtung von Denker ^ mit einem von Duxbar zu Beginn unserer Versuche übersandten Präparate an. Die Er- klärung für das in diesem Falle beobachtete Versagen des Giftes war jedoch, wie von mir 38 festgestellt wurde, darin zu suchen, daß das Gift in Lösung versandt und längere Zeit in Denkers Labo- ratorium bei Zimmertemperatur aufgehoben wurde. Diese Lösungen sind, wie sich herausgestellt hat, wenig haltbar, während das trockene Gift sich in Jahren nicht merklich verändert. Im Hinblick auf die mindestens ebenso eingreifende Veränderung, welche das Tuberkulin bei seiner Herstellung erleidet, scheint mir daher der obige Einwand von WoLFF-EisNER gegcnstaudslos, während seine Methode der Prüfung der Giftempfindlichkeit gegenüber der unsrigen eine unnötige Kom- plikation darstellt. Durch die Untersuchungen Dünbars i^ wurde an einer kleinen ZaJil amerikanischer Heufieberpatienten festgestellt, daß sie durch Lösungen des Roggenpollengiftes nicht gereizt wurden, aber hochempfindlich waren für das Polleneiweiß von Solidago und Ambrosia, die als Erreger des amerikanischen Herbstkatarrhs bereits genannt wurden. Diese Erfahrungen sind später an einem größeren Patientenmerkmale von amerikanischen Spezialisten bestätigt worden. Sie zeigten, daß die am Frühsommerkatarrh leidenden Patienten für das Gramineengift, die am Herbstkatarrh leidenden nur für das Gift von Solidago und Ambrosia empfindlich sind. Allerdings scheint es kaum möglich, zwischen den Gramineen- giften und den Kompositengiften eine absolut strenge Scheidung auf- 1480 Carl Prausnitz, zustellen, da auch in Europa sich hochempfindliche Patienten gefunden haben, die durch beide Gifte gereizt werden. Demnach ist die Frage zum mindesten diskutabel, ob die vorliegenden Differenzen prinzi- pieller oder nur gradueller Natur sind (vgl. S. 1485). Die vorstehend beschriebene, klinische Wirkung des Pollengiftes entspricht vollständig den durch die Pollen selber ausgelösten Er- scheinungen, sowie den Symptomen der natürlichen Krankheit. Dem- nach ist das DuNBARSche Polleneiweiß als der Erreger des Heufiebers anzusehen. Eine nähere Untersuchung vom chemischen Standpunkte hat das Roggenpollengift durch Kammann gemeinsam mit mir erfahren. Er stellte fest, daß das Gift thermostabil ist, da bei einstündiger Er- hitzung auf 60 ü bis 70 ^ die Giftwirkung unverändert bleibt; bei Temperaturen zwischen 80 '^ und 90 ^ verliert das Gift 1/4, beim Kochen etwa ^/^ seiner ursprünglichen Wirksamkeit. Selbst nach einstündigem Erhitzen der Giftlösung im Einschmelzrohr auf 120 ^ war noch eine geringe Wirksamkeit übrig geblieben, erst bei 150 ^ wurde sie vollkommen zerstört. Auch in Lösungen, denen 2,5 Proz. Schwefelsäure zugesetzt wurde, trat in 5 Stunden keine nachweisbare Veränderung des Giftes ein. Bei entsprechender Behandlung mit 2,5-proz. Kalilauge verlor es etwa 2/4 seiner Wirksamkeit. Durch Trypsin, wie durch Pepsinsalzsäurebehandlung wurde das Gift zum großen Teil zerstört. Jedoch blieb ein Bruchteil der ur- sprünglichen Wirksamkeit selbst nach mehrtägiger Verdauung erhalten. Auf die Frage nach der Wirkungsart des Pollengiftes wird in einem späteren xlbschnitte eingegangen werden, da hierfür die Frage nach der Wirkung der Immunkörper auf dasPoUeneiweiß wesentlich ist. Die Heufiebertherapie. Für diese Erkrankung ist die Kenntnis der Aetiologie von be- sonderer Bedeutung gewesen, denn ehe man hierüber klare An- ' schauungen besaß, konnten die therapeutischen Bestrebungen sich nur auf rein symptomatischen Bahnen bewegen. Es ist leider unzweifel- haft, daß mancher Heufieberpatient durch seine Krankheit zum schweren Mißbrauch von Narcoticis, speziell von Kokain geführt worden ist. In der Tat haben sich von allen gegen das Heufieber empfohlenen Alitteln wohl noch am ehesten die rein mechanisch wirkende Ausspülung und die Kokainanwendung als einigermaßen brauchbar erwiesen. Das vielfach angepriesene Adrenalin hat eben- falls vorwiegend symptomatische Wirkung, indem es die Gefäße ver- engt und die Sekretion beschränkt. Hierdurch wird die Auflösung der Pollen und damit das Freiwerden des Giftes nur verzögert, ohne daß in der Regel die Anfälle völlig kupiert würden. Durch die Feststellung der ätiologischen Bedeutung der Pollen- körner war man in die Lagd versetzt, mit einer mehr oder weniger großen Sicherheit diese Luftbestandteile von den dafür empfindlichen Schleimhäuten fern zu halten. Die prophylaktische Bekämpfung des Heufiebers kann demnach zunächst dadurch erfolgen, daß man zur kritischen Zeit diejenigen Gegenden vermeidet, deren Luft pollen- haltig ist. Frei von Pollen ist die Luft auf hoher See sowie auf Bergen oberhalb der Vegetationsgrenze. Verhältnismäßig arm an Blüten- Heufiebergift und Heufieberserum. 1481 staub und daher als Kurorte für Heufieberkranke empfohlen sind vor allem gewisse Inseln, Küstenorte und Gebirgsgegenden. Auf dem Kontinent kommen hauptsächlich in Betracht: Helgoland undAbbazia; in Großbritannien : die Lundy Inseln, Kap Lizard, sowie einige Inseln an der Westküste von Schottland; in den Vereinigten Staaten: Fire Island, Long Beach Island und die White Mountains, Green Mountains, Catskill und Adirondack Mountains. Speziell die Insel Helgoland hat als relativ heufieberfreier Ort einen gewissen Ruf gewonnen. Von den alljährlich sich hier treffenden Patienten ist vor einigen Jahren der ,, Heufieberbund von Helgoland" gegründet worden. Dieser Verein hat sich, älmlich wie eine ent- sprechende amerikanische Vereinigung ,, United States Hay Fever Association in Xew York", um die Erforschung der Krankheit große Verdienste erworben. Besonders auf statistischem Gebiet und durch die große Zahl von Einzelbeobachtungen ist von diesen Vereinen wertvolles Material gesammelt worden. Aber auch bei dem Aufenthalt in Orten mit normalem Getreide- und Grasbestand kann man sich fast heufieberfrei halten, wenn man berücksichtigt, daß je nach der geographischen Breite große Diffe- renzen in dem Beginn der Gräserblüte bestehen. Mit Bezug hierauf sei speziell auf die Veröffentlichungen des Heufieberbundes ^o (Bär- wald), sowie von Wglff-Eisxer^i verwiesen. Selbst während der Gräserblüte kann die Pollenprophylaxe da- durch geschehen, daß die pollenhaltige Luf t in geeigneter Weise filtriert wird. Die Augen werden zu diesem Zwecke durch Schutzbrillen, welche den Automobilbrillen ähnlich konstruiert sind, die Xase durch das Einführen geeigneter Wattefilter in die Nasenlöcher geschützt. Derartige Apparate sind von Mohr, Schultz, AVolff-Eisxer*) ange- geben worden. Für weniger empfindliche Patienten dürfte das Be- streichen der Naseneingänge mit einer indifferenten Salbe nach Eb- stein is teilweisen Schutz gewähren, denn zweifellos wird ein größerer Teil der Pollen bei der Atmung bereits in den vordersten Teilen der Nase abgelagert. Verworn empfiehlt nach eigenen Erfahrungen die Einfettung mit Bormelin und die Einführung einer Watteflocke in die Nase. Heufieberserum. Den oben beschriebenen ätiologischen Untersuchungen Duxbars und seiner Mitarbeiter lag der Gedanke an eine spezifische Behand- lung des Heufiebers zugrunde. Alsbald nach der Feststellung, daß gewisse Pflanzenpollen den Erreger des Heufiebers repräsentieren, wurde mit der Immunisierung von Kaninchen, Ziegen und Pferden begonnen. Dabei zeigte es sich, daß die zur Verblendung kommenden Tiere eine weit geringere Empfänglichkeit für das Pollengift besaßen als der Heufieberpatient, und daß wieder innerhalb jeder Tierart große individuelle Unterschiede in der Empfänglichkeit vorkamen. So reagierte nur ein kleiner Bruchteil der von uns geprüften Pferde auf die subkutane Einspritzung des Extraktes von 0,5 bis 1,0 g Roggen- pollen und auch unter diesen reagierenden Pferden wurden weitgehende Differenzen beobachtet. Einige zeigten nur eine über den ganzen Körper verbreitete Urticaria sowie S^chwellunc^en von 10—20 cm Durchmesser *) Diese Apparate sind zu beziehen durch L. & H. Löwensteen, Berlin, Ziegelstr 1482 Carl Prausxitz, am Ort der Einspritzung (Hals). Bei anderen traten enorme Schwel- lungen von fast 1/2 bis ^/^ Meter Durchmesser mit hohem Fieber und schweren Allgemeinerscheinungen auf. Tödliche Vergiftungen aber sind bei Erstinjektionen nicht vorgekommen. Eine lokale Giftem- pfindlichkeit der Schleimhäute konnte bei diesen Tieren vom Ver- fasser niemals, dagegen von Gildemeister in einigen Fällen festge- stellt werden. Unter 9 auf die subkutane Giftinjektion reagierenden Pferden zeigten nur 3 nach der Instillation von 5 Tropfen einer ein- prozentigen Eoggenpollengiftlösung in die Bindehaut deutliche Ge- fäßinjektion der Schleimhaut. Zur Immunisierung erwiesen sich nur von vornherein giftempfind- liche Tiere als geeignet. Pferde, die auf 0,5 g Pollen deutlich re- agierten, wurden in Abständen von einigen Tagen wiederholt mit steigenden Mengen von Pollenextrakt oder Polleneiweiß, in der Regel subkutan injiziert, wobei ihr Gesundheitszustand durch tierärztliche Ueberwachung und regelmäßige Wägungen kontrolliert wurde. Die Immunisierung hatte in der Regel nach 3—4 Monaten ihren Höhe- punkt erreicht, der dann durch gelegentliche Reinjektionen Monate bis Jahre lang auf der Höhe gehalten werden konnte. Im Verlauf dieser Behandlung erwarben die Tiere eine beträchtliche Toleranz gegen das Gift, denn sie vertrugen nunmehr anstandslos die Ein- spritzung des 20 — 30-fachen derjenigen Dosis, auf welche sie anfangs mit schweren Krankheitserscheinungen reagiert hatten. Das Serum von Tieren, welche derart immunisiert waren, zeigte im Versuch an Heufieberpatienten eine deutliche Heilwirkung auf die durch Pollen oder Pollengift ausgelösten Reizerscheinungen. Eine ge- nauere Prüfung der Wirksamkeit des Serums war durch die von DüNBAK und Verfasser ausgearbeitete Methode gegeben. Bei diesem Verfahren wird die Neutralisationswirkung des Serums auf Gift- lösungen von bestimmtem Gehalt in vitro bestimmt, wobei als Indi- kator das Auge des Heufieberpatienten dient. Während nämlich die Giftlösungen durch Zusatz von Normalseris der verschiedensten Tiere in ihrer Wirkung auf das Auge des Heufieberpatienten unbeeinflußt bleiben, wurde noch ein Vielfaches der Dosis minima efficax durch Zusatz des Immunserums vollkommen entgiftet. Die Verwendung der Ophthalmoreaktion ist für das Studium des Pollengiftes und des Pollcnserums von grundlegender Bedeutung ge- wesen. Die Reaktion ist an mehr als 100 Heufieberpatienten, an einigen bereits sehr viele Male hintereinander, mit stets gleichbleiben- dem Erfolge ausgeführt worden. Zur Ausführung des Versuches wird in den einen Bindehautsack eines Heufieberpatienten eine Mischung gleicher Teile der Roggen- pollengiftlösung 1:20 000 und Xormalserums. in den anderen Binde- hautsack eine Mischung von gleichen Teilen derselben Giftlösung und einer Verdünnung des Immunserums gebracht. Während am ersteren Auge die vorstehend beschriebenen Erscheinungen des Heufieberan- falls sich entwickeln, bleibt ^ias andere Auge dauernd reizfrei. Nach dieser Methode ist es möglich, unter Verwendung verschiedener Serum- verdünnungen die Wirkungsart eines solchen Immunserums mit etwa 10 Proz. Genauigkeit auszuwerten. Wie zuverlässig dieses Titrationsverfahren arbeitet, ergibt sich aus folgender, wiederholt gemachter Beobachtung. Die gleichzeitige Prüfung solcher Gift-Serumgemische an zwei Heuficberpatienten. Heufiebergift und Heufieberserum. 1483 führte zu übereinstimmenden Ergebnissen, obwohl die eine Versuchs- person 20mal so stark giftempfindlich war, wie die andere. Nur aus- nahmsweise riefen solche Gemische, die für den mäßig empfindlichen Patienten gerade neutral waren, bei dem hochempfindlichen noch leichte subjektive Reizungen ohne objektiven Befund, also eine so- genannte „Grenzreaktion" hervor. In der fabrikmäßigen Uewinnung des Heufieberserums*) werden nur diejenigen Sera, welche in der beschriebenen Versuchsanordnung in 30 — 40-facher Verdünnung wirksam sind, verwandt. In der Regel gelingt es, bei geeigneter Immunisierung die Pferde in einigen Monaten auf diese Höhe zu bringen, und auch lange Zeit auf ihr zu erhalten. Nur ausnahmsweise sind jedoch höhere Immunitätswerte (60 — 70- fach wirksame Sera) gewonnen worden. Eine weitere Steigerung der Immunität der Pferde ist meines Wissens nicht möglich gewesen. In entsprechender Weise werden Immunsera gegen die Erreger des amerikanischen Herbstkatarrhs (Ambrosia- und Solidagopollen) hergestellt. Die Titrierung solcher Sera erfolgt nach derselben Methode an Patienten, welche für dieses Gift empfindlich sind. Durch gleich- zeitige oder sukzessive Behandlung der Pferde mit verschiedenen Pollenarten lassen sich polyvalente Sera gewinnen. Dieses Verfahren, das schon vor Jahren von Dunbar ausgeübt wurde, ist kürzlich von Billard & Maltet* aufs neue angegeben und besonders empfohlen worden. Sie schlugen vor, zur Immunisierung gleichzeitig allerhand andere Pollen und sogar Lycopodiumsporen zu verwenden. Die zuvor beschriebene Methode der Wertbestimmung des Heu- fieberserums hat sich in mehrjähriger Praxis ausgezeichnet bewährt. Der nahe liegende Einwand, daß bei häufig wiederholter Einträufelung des Giftes oder der Gift-Serumgemische die Conjunctival-Schleimhaut eine lokale Immunität oder möglicherweise eine lokale Ueberempfind- lichkeit erwerben könnte, hat sich an den zahlreichen, zu unserer Verfügung stehenden Heufieberpatienten nicht bestätigt. Insbesondere ist beim Verfasser, der im Verlaufe einiger Jahre viele Tausende solcher Selbstversuche gemacht hat, die minimale wirksame Giftdosis nicht wesentlich in die Höhe gegangen. Immerhin hat die Methode den großen Nachteil, daß zu derartigen Versuchen geeignete Personen nicht leicht zu finden sind. Daher wurde schon längst nach einer gleich sicheren Auswertungsmethode gesucht, die ohne Verwendung von Versuchspersonen ausführbar wäre. Wir hofften zuerst mit der Präzip i ti n reaktion dies Ziel zu erreichen. Bekanntlich ist die Reaktion zur Differenzierung pflanzlicher Eiweiße (Mehle usw.) bereits von Kowarski^^^ Berta- RELLi2, Relander^o, Gasis^'', Wilenko*^ herangezogen worden. Magnus & Friedenthal 3o gaben an, auch mit Pollenextrakten spezifi- sche Präzipitation erzielt zu haben. Demgegenüber hat Dunbar in zahlreichen, seit 1903 ausgeführten Versuchen eine spezifische Prä- zipitationsreaktion zwischen Pollenextrakten oder Polleneiweißlösungen and Immunseris fast nie feststellen können. Zur Erklärung dieser Differenz nahmen Magnus & Friedenthal ^i an, daß Dunbar nur infolge Verwendung alten, getrockneten Pollenmaterials die Reaktion *) Das Serum wird unter dem Namen „Pollantin" von der Firma Schimmel & Co., Miltitz b. Leipzig hergestellt. 1484 Carl Prausxitz, nicht erhalten habe. Jedoch hat DunbarI^^ i4 auch mit frischen Pollen und Heufieberserum keine spezifische Fällung erhalten können. An dieser Stelle sei der sehr interessanten Feststellung Dunbars ^3 gedacht, daß sowohl bei Pflanzen Avie bei Tieren die Geschlechtszellen eine biologische Sonderstellung einnehmen. Er fand, daß durch Im- pfung von Kaninchen mit Extrakten aus Roggenfrüchten oder aus Roggenblättern spezifisch präzipitierende Sera gewonnen werden können, dagegen war es ihm unmöglich, spezifisch PoUen-präzipi- tierende Sera zu erhalten. Die Verhältnisse werden durch nach- stehende Tabelle veranschaulicht. Art der Extrakte j I Art des Immunserums j Normales Kaninchen - serum Roggen-Pollen- | Roggen-Frucht- [ Roggen-Blatt serum I serum serum PoUen von Roggen Frucht von Roggen Blätter von Roggen + + + + + ' + + + Aehnliche Verhältnisse beobachtete er auch bei 'Fischen mit Sperma, Rogen und Muskelfleisch. Jedoch gelang es ihm hier auch ein spezifisch Sperma-präzipitierendes Serum zu gewinnen, das aber eben- falls in seiner Wirksamkeit hinter dem Roggenserum sowie dem Muskelfleischserum stark zurückblieb. Hiernach dürfte es sicli wahr- scheinlich um eine biologische Sonderstellung der Eiweißkörper der Greschlechtszellen handeln, entsprechend den von Uhlenhuth für das Eiweiß der Kristallinse festgestellten Verhältnissen. Bei der Fortführung seiner Versuche mit den Seris von Heu- fieberpatienten hat endlich Dunbar im Sommer 1910 bei 5 solchen Personen während der He af ieberzeit eine schwache, aber deutliche präzipitierende Wirkung ihres Blutserums auf Gramineen- polleneiweiß festgestellt, die aber bis zum Winter wieder verschwunden war. Kontrollversuche an einer größeren Zahl von Normalpersonen hatten ein durchweg negatives Ergebnis. Demnach darf es als er- wiesen gelten, daß diese Reaktion nur ausnahmsweise mit hinreichen- der Deutlichkeit in die Erscheinung tritt. Als ^Maßstab für die Be- messung des Serums kommt sie nicht in Betracht. Günstiger liegen die Verhältnisse bei der Komplementbin- dung. Hier hat sich, in Bestätigung der zuvor erwähnten Präzipi- tationsversuche, eine ähnliche weitgehende Spezifizität der gegen Roggnblätter und Roggenfrüchte gewonnenen Sera ergeben. Gleich- zeitig gelang es aber, mit dieser Methode auch den spezifischen Cha- rakter des Roggenpollenserums gegenüber dem Pollenextrakt fest- zustellen. Durch längere Behandlung von Pferden, sowie Kaninchen gewann Dunbar Sera, welche mit dem Pollengift noch in einer Verdünnung von 1:50 000 Komplementbindung zeigten. Er verfuhr dabei so, daß je 1 ccm fallender Konzentrationen des Pollenextraktes mit 0,1 ccm des homologen Immunserums und der erforderlichen Komplementmenge gemischt, 1 Stunde auf 37 ^ gehalten wurde. Dann erfolgte der Zusatz des hämolytischen Systems und 1 -stündige Bebrütung bei 37 o. Die Proben wurden darauf über Nacht im Eis- schrank sedimentiert und das Ergebnis abgelesen. Die Kontrollen wurden in üblicher Weise angestellt. Heufiebergift and Heufieberserum. 1485 20 Unter Benützung dieser Methode gelang es Duxbar, spezifische Komplementbindung auch bei den verschiedensten Pollenarten gegen- über ihren homologen Seris nachzuweisen und so aufs schärfste die Pollen der Gramineen von denjenigen der Ambrosia, der Soli- dago usw. zu trennen. Falls sich herausstellen sollte, daß die komplementbindenden Antikörper des Heufieberserums mit den Schutzstoffen identisch sind, so könnte man daran denken, diese Methode zur Titrierung zu ver- wenden. Immerhin ist dies nach den Erfahrungen mit anderen Seris, insbesondere dem Choleraserum, nicht gerade wahrscheinlich. Auf die theoretischen Schlußfolgerungen, die aus der Komplementbindung durch Pollenextrakt und Pollenserum zu ziehen sind, kommen wir noch zurück. In dem Serum der vorher erwähnten 5 Heufieberpatienten beob- achtete Duxbar zur Zeit der Gräserblüte typische Komplementbin- dung mit Polleneiweiß, während die untersuchten Normalmenschen- Sera keine Reaktion zeigten. Wie bei den Präzipitinen, so konnte er auch hier das Verschwinden der spezifischen Antikörper im Winter feststellen. Die Wirkungsweise deslmmuu- serums auf das Pollengift ist ein- gehend von Duxbar ^^, ^'. ^"-. Ver- fasser^" und Kammann 2:'^ unter- sucht worden. Zunächst wurde fest- gestellt, daß die spezifische Wirkung des Serums an das Euglobuliu ge- bunden ist. während die Albumiu- und Pseudoglobulin-Fraktioneu un- wirksam sind. Ferner wurde die Frage unter- sucht, ob aus einem neutralen Gift- Serumgemisch das Gift durch Er- hitzen in Freiheit gesetzt werden könnte. Eine derartige Versuchs- anordnuug war dadurch ermöglicht, daß das Serum für sich in fünf- facher \'erdünnung mit Kochsalz- lösung durch halbstündiges Er- hitzen auf 60'^ unwirksam wurde; während das Gift allein bei dieser Behandlung nicht merklich ver- ändert wird. Es wurde daher eine Roggenpollengift-Lösung 1 : 10000, die also doppelt so konzentriert war. wie die gewöhnlich ver- wendete Giftlösung, durch Immuu- serum neutralisiert und nach vier- telstündiger Bebrütung bei 37 o Pollengift 4 8 12 16 20 24 40 Zehntausendstel Milligr. Patient A Patient B Fig. 2. Xeutralisationskurven von PoUengift und Immunserura. Das Gemisch zeigte danach eine deutliche Wirkung auf das Auge eines Heufieberpatienten, jedoch erwies es sich weniger giftig, als die entsprechende, ohne Immunserum erhitzte Giftlösung, die zur Kontrolle in das andere Auge gebracht wurde. 1486 Carl Prausnitz, Auf das Vorkommen ähnlicher Verhältnisse beim Schlangengift haben bereits Martin & Cherry 33 hingewiesen. Im Gegensatz zu Cal- METTE^, der neutrale Gemische von Schlangengift und seinem Anti- serum durch Erhitzen auf 68 ^ wieder giftig machen konnte, zeigten sie, daß, wenn solche Gemische vor der Erhitzung i/^g Stunde auf Zimmertemperatur gehalten wurden, sie beim Erhitzen nicht wieder giftig wurden. Es dürfte sich in beiden Fällen vielleicht um einen partiellen Abbau des Giftes handeln (vgl. S. 1491). Von besonderem Interesse für die Frage der Wirkungsart des Heufieberserums sind ferner vergleichende Versuche, in denen die zur Neutralisierung steigender Giftmultipia erforderlichen Serum- mengen bestimmt wurden. Die Versuche wurden zuerst an Dunbar und Verfasser 37, die beide pollenempfindlich sind, ausgeführt. Ihr Ergebnis zeigen nachstehende Tabellen sowie die Kurve (Fig. 2 auf S. 1485). Patient A — Dosis minima efficax: 0,00005 mg EoggenpoUeneiweiß. EoggenpoUen- Serummenge, welche diese Giftmenge 'Bemerkungen eiweißmenge überneutralisiert nicht neutralisiert 0,0004 mg 0,0008 „ 0,0012 „ 0,0016 „ 0,0020 „ 0.04 mg 0,4 „ 1,33 „ 10,0 „ 30,0 „ 0,2 mg* 0,5 „ 4,0 „ 20,0 „* * Grenzreaktion * Grenzreaktion Patient B — Dosis minima efficax: 0,0008 mg EoggenpoUeneiweiß. EoggenpoUen- Serummenge, welche diese Giftmenge Bemerkungen eiweißmenge übemeutralisiert | nicht neutralisiert 0,0008 mg 0,0012 „ 0,0016 „ 0,0020 „ 0,0027 „ 0,0040 „ 0,2 mg 0,8 „ 1,2 „ 1,4 „ 2,67 „ 20,0 „ 0,57 mg 1,0 „ 1,2 „* 2,0 „ 10,0 „ * Grenzreaktion Wie aus vorstehenden Tabellen und Kurven ersichtlich ist, war bei der einen Versuchsperson die Giftempfindlichkeit etwa 20mal so groß wie bei der anderen. Trotzdem stimmten bei niederen Kon- zentrationen die an uns beiden gefundenen Neutralisationswerte an- nähernd überein. An beiden Kurven sieht man, daß bei steigender Giftdosis die erforderliche Serummenge nicht in konstantem Ver- hältnis, sondern unverhältnismäßig rascher ansteigt und sich asympto- tisch dem Wertcx) des Serums zu nähern scheint. Es ist demnach eine vollständige Absättigung des Giftes in diesem Versuche bei Verwen- dung stärkerer Giftkonzentrationen nicht möglich gewesen. Dem ent- spricht auch der Umstand, daß für den giftempfindlicheren Patienten die Kurve bedeutend rascher ansteigt, als für den weniger empfind- lichen. Im Widerspruch hiermit stehen die Versuchsergebnisse, welche später Kammann 23 mit Ambrosia-Pollengift erhalten hat. (Vgl. nach- stehende Tabelle.) Heufiebergift und Heufieberserum. 1487 Dosis minima efficax: 0,008 mg Arabrosiapolleneiweiß. Ambrosiapollen- eiweißmenge 0,02 mg 0,4 „ 0,8 „ Serummenge i Bemerkungen 0,2 [neutral 4,0 Iganz geringer Reiz 8,0 I neutral Nach diesen allerdings nicht sehr zahlreichen Versuchen Kam- mann würde die Neutralisierung des Ambrosiagiftes durch sein spe- zifisches Serum dem Gesetz der konstanten Proportion zu folgen scheinen. Als Erklärung für den Unterschied zwischen seinen Ergebnissen und den zuvor besprochenen Resultaten von Duxbar und mir nimmt Kammann an, daß bei stark verdünnten Lösungen die Neutralisation nicht in der von uns verwendeten Zeit von 15 Minuten bei 37 ^ vollendet sein dürfte. Indessen muß zunächst sein auf die Ver- dünnung bezüglicher Einwand für den Patienten A zurückgewiesen werden, bei dem 5 Giftstufen vom 8-fachen bis 40-fachen der minimal wirksamen Dosis untersucht wurden, während Kammann 3 Giftstufen, nämlich die "Zi/g-fache, 50-fache und 100-fache Menge, geprüft hat. Was die zur Neutralisierung verwandte Zeit betrifft, so ist nach meinen Erfahrungen ein Gemisch, das nach 1/4 Stunde noch nicht neutral wai-, auch nach 1 Stunde nicht neutral geworden. Bei einer kürzlich ausgeführten Nachprüfung der einschlägigen Verhältnisse habe ich an mir selbst die Richtigkeit der ursprünglichen Versuchsergebnisse bestätigt. Die Erklärung dieser Sättigungskurve bereitete zunächst Schwie- rigkeiten, da sie von dem bei echten Toxinen und ihren Antitoxinen regelmäßig beobachteten Gesetz der konstanten Proportion so auf- fallend abwich. Es war seinerzeit von mir versucht worden, die bei der Neutralisierung des Pollengiftes beobachteten Verhältnisse unter Beibehaltung der Toxin-Antitoxin-Hypothese durch eine geringe Avi- dität der reagierenden Körper zu erklären. Ich nahm an, daß die Haptine des Pferdeserums eine geringere Giftaffinität besäßen als die Rezeptoren des Heufieberpatienten, und daß in einem Gift-Serum- gemisch immer ein Teil des Giftes dissoziiert bliebe. Es ist jedoch im Lichte neuerer Auffassungen eine ungezwungenere Erklärung für die spezifische Wirkung des Heufieberserums auf das Gift möglich. Hierauf werden wir weiter unten zurückkommen. Aus dem Verlaufe der Neutralisierungskurven haben bereits 1905 Weichardt und Wolff-Eisner den Schluß gezogen, daß das Heu- fiebergift kein echtes Toxin, sondern ein Endotoxin — das Heu- fieberserum kein Antitoxin, sondern ein cytolytischer Ambozeptor wäre. Bei dem Zusammentreffen von Pollen und spezifischem Serum müßte nach dieser Auffassung bei der Anwesenheit von Komplement eine beschleunigte Auflösung der Pollen mit rapidem Freiwerden von Pollengift eintreten. Die Folge würde sein, daß in solchen Fällen die Anwendung des Serums nicht den Heufieberanfall linderte, sondern vielmehr mit größerer Heftigkeit zum Ausbruch kommen ließe. Nur bei dem Mangel an passendem Komplement war es nach dieser Hypo- these erklärlich, wie der Ambozeptor die Pollen durch Bindung vor der Auflösung durch die Reaktionskörper des Heufieberpatienten 1488 Carl Praisxitz, bewahren konnte. Jedoch liegen bisher keine Anhaltspunkte dafür vor, daß Ambozeptoren des Pferdeserums im Menschen kein passen- des Komplement fänden. Um eine Cytolyse der Pollenkörner, wie sie ursprünglich von Weichardt angenommen wurde, kann es sich wohl kaum handeln. Denn, wie von uns wiederholt festgestellt wurde, lösen sich frische Gramineenpollen unter dem Mikroskop ebenso rasch in frischem ak- tivem, wie in inaktiviertem Heufieberserum, wie auch im normalen Serum des Menschen und verschiedener Tierarten, sowie in allen möglichen anderen Körperflüssigkeiten. Später hat Weichardt diese xA-uffassung modifiziert und den Begriff der Cytolyse auf das Polleneiweiß ausgedehnt. Hiernach sollte aus dem primär ungiftigen Polleneiweiß das Gift erst unter der Einwirkung von Ambozeptor und Komplement entstehen. Diese Ansicht, wonach das Heufieber der Anaphylaxie nahe stehen würde, bedarf einer etwas eingehenderen Betrachtung. Tatsächlich ist das Polleneiw^eiß nur für gewisse Personen giftig. Es müßte, wenn die anaphylaktische Auffassung stimmt, gerade für diejenigen Menschen giftig sein, welche die abbauenden Antistoffe in ihrem Körper (Plasma oder Zellen) besitzen. Nachdem durch die jüngsten Untersuchungen Dünbars nachge- wiesen worden ist, daß, wenigstens zur Heufieberzeit, bei Pollen- empfindlichen Personen Antikörper im Blute kreisen, während sie bei Normalpersonen nicht gefunden werden, gewinnt diese Auffassung des Heufiebers als eines anaphylaktischen Prozesses an Wahrschein- lichkeit. Hiernach würde das Polleneiweiß also primär ungiftig sein ; bei überempfindlichen Personen wären spezifische abbauende Immunkörper vorhanden, welche durch Andauung aus diesen un- giftigen Körpern giftige Produkte bildeten ; bei Xormalpersonen da- gegen käme es gar nicht zur Bildung dieses Giftes, weil es an den entsprechenden Immunkörpern fehlte. Die das Polleneiweiß abbauen- den Körper sollen nach der Auffassung von Weichardt & Schitten- HELM in den Epithelzellen des Respirationstraktus vorhanden sein, weshalb sie von einer cellulären, epithelialen Anaphylaxie als Grundlage der Heufieberdisposition sprechen. In diesem Sinne wäre vielleicht der oben beschriebene Versuch zu verwerten, wo nach der subkutanen Injektion des Pollenextraktes bei einem Heufieber- patienten die typischen Symptome von selten des Respirationsapparates eintraten, während ein normaler Mensch keine entsprechenden Er- scheinungen zeigte. Sü hat FreemanIS^ beim Versuch der aktiven Immunisierung von Heufieberpatienten gegen Gräserpollen wiederholt nach subku- taner Injektion von Pollenextrakten das Auftreten typischer Heu- fieberanfälle beobachtet *). Die Betrachtung des Heufiebers als eines anaphylaktischen Zu- standes würde auch für die Entstehung der Heufieberdisposition eine einigermaßen befriedigende Erklärung bieten, während die älteren *) Aehnlich könnte man auch die interessante Beobachtung von Benjamin & WiTZiNGER deuten, wo bei einem pollenempfindlichen und mit Pferdeserum vorbehandelten Menschen die ßeinjektion von Pferdeserum außerhalb der Heu- fieberzeit alle Erscheinungen des Heufieberanfalls auslöste. Die Beobachtung harrt allerdings noch der Bestätigung, würde aber eventuell sehr im Sinne der obigen Hypothese sprechen. Heufiebergift und Heufiebeiserum. 1489 Hypothesen (neuropathische Veranlagung, gichtische Diathese, nasale Anomalien usw.) sich schon seit langem als unzulänglich erwiesen hatten. üeber die Entstehung dieser Ueberempfindlichkeit kann man sich nach WoLFF-EisxER^i folgende Vorstellung machen. A'orhcr nicht disponierte Personen könnten durch einen zufälligen Kontakt mit ungewöhnlich großen Pollenmengen, z. B. als Kinder durch Spielen im blühenden Grase sensibilisiert werden. In der Tat wird von manchen Patienten die Krankheit auf eine derartige Gelegenheitsursache zurückgeführt. Im folgenden Jahre kommt dann das Heufieber bei den nunmehr überempfindlichen Personen in typischer Weise zum Ausbruch. Im Sinne dieser Auffassung verwertbar wären die Fälle von Kam- MANX und WoLFF-EisNER, die beide im Verlaufe ihrer Heufieberunter- suchunaen gegen Ambrosia-, bzw. Roggenpollen überempfindlich ge- worden sind. Gegen dieselbe scheint aber ein von Duxbar be- obachteter Fall zu sprechen, wo eine mit der Gewinnung von Am- brosiapollen beschäftigte Dame bereits am zweiten Tage an typischen Heufieberanfällen erkrankte, obwohl sie nie in Amerika gewesen war und daher kaum gegen diese Pollen hatte sensibilisiert werden können. Diese Beobachtung wäre im Sinne der obigen Hypothese nur zu erklären, wenn man die etwas gezwungene Annahme machen wollte, daß eine solche Sensibilisierung auch durch die Pollen einheimischer Kompositen, wie von Chrysanthemum,, erfolgen könnte. Daß es möglich ist, Tiere gegen Pflanzenextrakte künstlich ana- phylaktisch zu machen, zeigten Karasawa 24.^ sowie Wendelstadt c^- Fellmer*^, welche diese Methode zur Differenzierung von Mehlen, Fruchtauszügen usw., verwendeten. Aehnliche Versuche sind von DtxbarI^ mit den für das Heufiqber in Betracht kommenden Pollen ausgeführt worden. Er konnte durch Injektion von Roggenpollen- eiweiß Meerschweinchen gegen die nachfolgende intravenöse Injektion des gleichen Eiweißes sensibilisieren. In etwa zwei Dritteln der Fälle kam es zu typischem Anaphylaxietod der so behandelten Tiere. Auch die passive Uebertragung der Anaphylaxie scheint ihm beim Tier gelungen zu sein. Ein normales Meerschweinchen erhielt zunächst das Serum eines mit Pollen vorbehandelten Meerschwein- chens, und 24 Stunden später das homologe Polleneiweiß injiziert. Es reagierte mit deutlichen Krämpfen, erholte sich jedoch wieder. Hierzu ist zu bemerken, daß ich auch normale Meerschwein- chen mit relativ großen Mengen des reinen Roggenpollenproteins akut unter dem Bilde der Anaphylaxie zu töten vermochte. Sofort nach der intravenösen Injektion des Extraktes von 1/4 — 1/2 g Pollen traten Schrei- und Springkrämpfe auf, die Tiere zeigten hochgradige Ortho- pnoe, fielen auf die Seite und starben in etwa 4 — 5 Minuten. Bei der Sektion zeigte sich starke Lungenblähung, das Herz schlug noch einige Minuten nach dem Tode, die Blutgerinnung war ver- zögert. Bei Verwendung geringerer Mengen des Extraktes wurden leichtere krampfartige Erscheinungen beobachtet, von denen sich die Tiere jedoch erholten. Bekanntlich liegen auch bei dem Pferde- serum die Verhältnisse ähnlich, indem größere Mengen davon sogar nicht sensibilisierte Meerschweinchen unter den Erscheinungen der Anaphylaxie töten. Ferner sei auf die sehr interessanten Unter- suchunVen von Neufeld ^^ und DoLD^^a hingewiesen, welche auch Handbuch der patliogenen Mikroorganismen. 2. Aufl. II. oi 1490 Carl PRArsNiTZ, aus Bakterien mittels physiologischer Kochsalzlösung und anderer indifferenter Extraktionsflüssigkeiten entsprechend wirksame Gifte gewinnen konnten. Zur Erklärung der vorliegenden Verhältnisse könnte man annehmen, daß auch im un vorbehandelten Tiere Reak- tionskörper, welche das Polleneiweiß zu einem anaph3'laktischen Gift abbauen, vorhanden sind, wenngleich nur in geringerer Menge. Mit dieser Annahme stimmt auch die Beobachtung Uunbars überein, daß man aus dem Polleneiweiß nach der von Friedberger angegebenen Methode das anaphylaktische Gift in vitro sowohl durch Heufieber- patientenserum, wie auch durch die Sera normaler Menschen, Pferde, Kaninchen und Meerschweinchen herstellen kann. Auf Grund der vorliegenden Versuche scheint es demnach kaum möglich, eine sichere Entscheidung für oder gegen die anaphylaktische Hypothese des Heufiebers zu treffen. Gegen diese Annahme scheint der Umstand zu sprechen, daß es bisher nicht gelungen ist, Normal- menschen durch Behandlung mit Pferdeimmunserum oder mit dem Serum von Heufieberpatienten für das Polleneiweiß empfindlich zu machen. Indessen muß daran erinnert werden, daß auch die Tuber- kulin -Ueberempfindlichkeit noch nicht mit absoluter Sicherheit von einem Menschen auf den anderen passiv übertragen wenden konnte. Als einen weiteren Grund gegen die Auffassung der Heufieber- disposition als eines anaphylaktischen Zustandes betrachtet Dunbar den Umstand, daß man beim Heufieberpatienten, wie auch bei den künstlich gegen Pollen immunisierten Tieren, bisher keine im Sinne der Antianaphylaxie zu deutenden Beobachtungen gemacht hat. Selbst nach sehr starken natürlichen oder künstlich erzeugten Anfällen ist eine plötzliche, rasch vorübergehende Herabsetzung der Empfind- lichkeit gegen Polleneiweiß nicht festgestellt worden. Jedoch besitzen wir noch zu wenig sichere Kenntnisse über das Zustandekommen der Antianaphylaxie beim Menschen, so daß dieser allerdings schwer- wiegende Einwand zunächst diskutabel ist. Nach DuNBARs Ansicht ist die Heufieberdisposition aus den an- geführten Gründen nicht durch die anaphylaktische Hypothese zu- friedenstellend zu erklären. Da aber im Serum der Heufieberpatienten Antikörper gegen Polleneiweiß nachgewiesen sind, also eine paren- terale Aufnahme von Pollensubstanzen im Körper des Heufieber- patienten stattfindet, während sie beim Normalmenschen nicht ge- funden werden, so nimmt er zur vorläufigen Erklärung der Disposi- tion eine abnorme Durchlässigkeit der Schleimhäute des Heufieber- patienten für das Pollengift an. Ein solcher Zustand könnte sich nach seiner Annahme an Schädigungen des vasomotorischen Apparates anschließen, wie sie nach Influenza und manchen anderen Krank- heiten zurückbleiben sollen, die erfahrungsgemäß der Entwickelung der Heufieberdisposition gelegentlich vorausgehen. Wie aus vorstehenden Angaben ersichtlich ist, kann man die Frage nach der Natur der Heufieberdisposition zurzeit noch nicht als entschieden betrachten. Imrherhin dürfte die anaphylaktische Hypo- these im allgemeinen am meisten befriedigen. Schwierigkeiten be- reitet bei ihr freilich die Frage, wie sich die Schutzwirkung des Heu- fieber-Immunserums erklärt. Auf antitoxischer Grundlage beruht sie nach den heutigen Anschauungen wahrscheinlich nicht, besonder? im Hinblick auf das eigenartige Neutralisationsverhältnis von Pollen- gift und Serum, Man könnte sie auf die Wirkung von Ambozeptoren Heufiebergift und Heufieberserum, 1491 zurückführen, indem man sich vorstellt, daß dieselben Ambozeptoren, welche das Polleneiweiß zum Gifte abbauen, im Ueberschuß ent- giftend wirkten. Daß durch Ambozeptoren ein vollständiger Giftabbau im Tier- körper gelingt, wissen wir aus den grundlegenden Untersuchungen von R.Pfeiffer & Bessau^s über die Wirkung ,,antiendo- toxischer" Sera auf das Bakterienendotoxin. Sie zeigten, daß die Wirkungsweise des BESREOKAschen Typhusserums auf das T3'phus- endotoxin darauf beruht, daß durch die Einwirkung des im Serum enthaltenen Ambozeptors und des vom Tier gelieferten Komplementes das Gift abgebaut, zerstört wird. Diese Entgiftung findet bereits in der normalen Bauchhöhle statt. Noch eklatanter ist aber der Gift- abbau, wenn man die Meerschweinchenbauchhöhle durch vorherige Bouilloninjektion in den Zustand aseptischer Entzündung versetzt und dadurch den Komplementzustrom erhöht. Diese Anschauung ist durch Bessau^ auch für die bei der Ruhr vorliegenden Verhält- nisse bestätigt worden. Auf Grund dieser Beobachtungen handelt es sich nach der Auffassung der PFEiFFERSchen Schule um einen fermen tativen Abbau der Bakterien endo toxine unter der Einwirkung von Ambozeptor und Komplement. Dies entspricht auch dem Ergebnis der Reagenzglasversuche von Frtedberger, wonach zur Herstellung des anaphylaktischen Giftes in vitro ein Optimum der Ambozeptormenge existiert. Bei Ver- wendung eines weiteren Ueberschusses von Ambozeptor wird die giftige Wirkung durch kompletten Abbau des Spaltungsproduktes beseitigt. Dem heutigen Stand unserer Kenntnisse über das Heufieber scheint daher am besten eine entsprechende Hypothese zu genügen. Danach würde also die Heufieberdisposition in dem Vorkommen relativ geringer Mengen eines für Pollen - eiweiß spezifischen Ambozeptors begründet sein. Unter seinem Einfluß würde das auf die Schleimhaut gelan- gende Polleneiweiß vom Komplement zunächst zu einem giftigen Zwischenprodukt angedaut, aus dem im wei- teren Verlauf der abbauenden Reaktion ungiftige Sub- stanzen entständen. Bei einem ausreich enden Ueberschuß vonAmbozeptor, also bei erf olgreicherSeruman wendung, vollzöge sich dieser Abbau so rasch, daß das giftige Zwischenprodukt nicht erst zur Wirkung kommen könnte. Eine abweichende Ansicht über die Heilwirkung des Heufieber- serums vertritt W^olff-Eisner^i, 52^ 53, Nach ihm sollen gewisse, im normalen Serum vorhandene ,, kolloidale Hemmungskörper" nach Art der Antifermente die Cytolyse des Polleneiweißes zurückhalten. Nur durch die Anwesenheit solcher Substanzen im Heufieberserum wäre ein damit erzielter günstiger Erfolg zu erklären. Da aber das Heu- fieberserum gleichzeitig Cytolysine enthielte, so würde hierdurch seine günstige Wirkung beeinträchtigt. Es wäre daher nach seiner Mei- nung kaum so geeignet zur Behandlung wie Normalserum. Diese Vorzüge, des Normalserums bietet nach ihm ein dem Normalserum entsprechendes Präparat, das von Weichardt angegebene ,.Gra- minol"*). Das Graminol ist nach den bisher vorliegenden, recht *) Die Herstellung des Graminol geschieht durch das Serum-Laboratorium Ruete-Enoch in Hamburg. 94* 1492 Carl Prausnitz, spärlichen Mitteilungen über seine Herstellung das zur Zeit der Gräserblüte entnommene Serum von Wiederkäuern, das durch Dia- lyse von seinen Salzen befreit und im Vakuum getrocknet wird. Dieser Herstellung scheint ursprünglich die Idee an eine natürlich verlaufende F'ütterungsimmunität zugrunde gelegen zu haben. Daß die enterale Einverleibung gewisser Phytotoxine (Abrin, Kicin) bei Mäusen zur Bildung von Antitoxinen führt, ist durch die 2:ruudlegenden Arbeiten von P. Ehrlich erwiesen. Ob aber beim Pollen die Verhältnisse ähnKch liegen, mußte a priori zweifelhaft erscheinen ; denn die Phyto- toxine sind hochgiftig, während die Gramineenpollen für Wiederkäuer unschädlich sind. Immerhin erschien es vom theoretischen Standpunkte aus in- teressant, eine Reihe von diesbezüglichen Versuchen auszuführen. Zu diesem Zwecke wurden mehrere Kaninchen und Ziegen von Kam- mann ^^ und mir mehrere Monate hindurch mit großen Mengen von Roggenpollen gefüttert. Hierbei traten keinerlei Erscheinungen auf, die an irgend welche Allgemeinreaktion erinnert hätten. Wir konnten in den Seris dieser Tiere nie die geringste Spur von Wirksamkeit gegenüber dem Roggenpolleneiweiß durch die Ophthalmo-Reaktion nachweisen. Daß aber die verwendeten Tiere zur Bildung von Pollen- antikörpern 2:ut geeignet waren, ergab sich daraus, daß sie nach Ab- schluß der Fütterungsversuche bei subkutaner Polleninjektion Sera von typischem Schutzwert ge^en das Pollengift bildeten. Nach den Angaben der Hersteller soll das Gramiuol eine ,,anti- cndotoxische" Wirkung haben. Im Gegensatz hierzu sei bemerkt, daß wir in wiederholt ausgeführten Versuchen die Pollengiftwirkung durch konzentriertes oder verdünntes Graminol weder in vitro neu- tralisieren, noch auch heilen konnten. Unter diesen Umständen dürfte die WoLFF-EisNERsche Auffas- sung uns wenigstens eine Möglichkeit bieten, die bisher veröffent- lichten klinischen Erfolge mit dem Mittel — auf die wir noch zu sprechen kommen — zu erklären. Allerdings bleibt zu bedenken, daß die bisher bekannten Antifermente thermolabil sind und schwerlich den anscheinend etwas eingreifenden Prozeß der Herstellung desGraminols überdauern würden. Ueber den Xachweis solcher Hemmungskörper im Präparat sind meines W^issens noch keine Beobachtungen ver- öffentlicht. Die klinische Verwendung des Heufieberserums. Die Eigenart des Heufiebers bringt es mit sich, daß eine ein- malige Anwendung des Serums keinen Dauererfolg haben kann. Es ist und bleibt dalier nur ein Palliativmittel, das die Disposition zum Heufieber, also das Grundübel, nicht beeinflussen kann. Man hat näm- lich zu berücksichtigen, daß es sich zum Unterschiede von den Infek- tionskrankheiten hier um eine reine Intoxikationskrankheit handelt, bei der das Gift wochenlang Von neuem in großen Mengen zum Kör- per gelangt. Um derartige Giftmengen unschädlich zu machen, muß man das Serum häufig hintereinander anwenden. Unsere Versuche, sowie diejenigen von Borrowman^ haben zwar gezeigt, daß man durch subkutane Seruminjektionen für 1 bis 2 Tage Erleichterung schaffen kann, jedoch verbietet sich in praxi eine so häufige subkutane Serum- einspritzung von selber. Heufiebergift und Heufieberserum. 1493 Die Anwendung des Pollantins geschieht daher so, daß es auf die mit dem Pollen in Berührung kommenden Schleimhäute der Augen und der Nase gebracht wird, um an Ort und Stelle das Pollengift zu entgiften. Zur Verwendung kamen zunächst zwei Präparate : 1. Das „flüssige Pollantin", ein Heufieberserum, dem 1/4 Proz. Phenol zugesetzt wird. 2. Das ,,Pollantin-Pulver", eine Mischung von 2 Teilen im Vakuum bei 40^ getrockneten Heufieberserums mit 3 Teilen sterilen Milch- zuckers. Das flüssige Präparat wird mittelst Pipette in Auge und Nase eingeträufelt und in der Nase durch Aufschnupfen verteilt. Das Pulver hat den Vorteil der bequemeren Verwendung und der weit größeren Haltbarkeit. Seine Anwendung geschieht so, daß durch einen Pulverbläser kleine, höchstens linsengroße Mengen in die Nasen- höhlen geblasen werden : die Einbringung in die Conjunctiva derart, daß mit einem Pinselchen an den Lidrand Spuren des Pulvers ge- bracht werden, die sich alsbald im Conjunctivalsekret lösen. Um die besten Erfolge zu erzielen, empfiehlt sich die vorbeugende; Serumanwendung. Man beginnt zu diesem Zwecke mit der Behand- lung zur Zeit der ersten leisesten Reizerscheinungen und wendet das Serum wiederholt am Tage an. Insbesondere sollte es frühmorgens, noch vor dem Aufstehen, und im Laufe des Tages vor jedem Ausgang ins Freie, sowie bei längerem Aufenthalt im Freien häufiger in die Nase gebracht werden. Die Augenbehandlung braucht wegen der ge- ringeren in die Conjunctiva gelangenden Pollenmengen meist nur 1 bis 2mal täglich zu erfolgen. Mit der Behandlung soll eine rationelle Prophylaxe verbunden werden, indem man pollenhaltige Luft tunlichst vermeidet. Vor allem dürfen nachts, wenn die Nasenschleimhaut relativ trocken ist, keine nennenswerten Pollenmengen eindringen. Sonst lagern sie sich in der Nase ab, werden beim Aufstehen durch die dann einsetzende Sekre- tion von Nasenschleim rasch gelöst, und geben zu den sehr intensiven Frühanfällen der Heufieberpatienten Anlaß. Daher empfiehlt es sich, zur Blütezeit der Gräser die Fenster des Schlafzimmers am Tage nur kurze Zeit zu öffnen und abends und nachts fest geschlossen zu halten. Auf diese Weise hat die Schleimhaut in der Nacht völlige Ruhe. Man kann dann gleich morgens auf die ungereizte Schleim- haut das Serum prophylaktisch applizieren. Ueberhaupt ist es nach Möglichkeit nicht erst nach dem Ausbruche der Reizerscheinungen anzuwenden, weil es dann durch seinen Fremdkörperreiz zunächst die Beschwerden zu verschlimmern scheint und durch das Niesen und die Hypersekretion wieder herausgeschwemmt wird. Ebenso ist es verkehrt, übergroße Serummengen auf einmal anzuwenden ; viel- mehr sollten minimale Quantitäten, aber in häufiger Wiederholung ge- geben werden. Auf die AVichtigkeit der genauen Einhaltung dieser grundlegen- den Vorschriften ist von uns in mehreren Publikationen hingewiesen worden. Daß mit dem Serum vielfach Mißerfolge beobachtet werden, liegt zum Teil daran, daß an diesen, nicht immer bequem und ein- fach durchzuführenden Verhaltungsmaßregeln etwas versäumt wird. In vielen Fällen konnten wir bei der Rücksprache mit Patienten, die anfänglich mit dem Mittel keinen Erfolg gehabt hatten, solche Fehler in der Anwendung klarstellen und nachträglich mit dem Serum vollen Erfolg erzielen. ]494 Cakl Prausnitz, Ein weiterer Grund für die erwähnten Mißerfolge ist die Ana- phylaxie gegen Pferdeserum, die sich im Laufe der Behand- lung bei einigen Patienten entwickelt, und dann in der Regel dauernd bestehen bleibt. Bei solchen Personen bewirkt die Einführung geringer Mengen des Immunserums, sowie e,ines normalen Pferdeserums, in oder außerhalb der Heufieberzeit, heftige Reizung der Schleimhaut, welche den Heufiebersymptomen subjektiv und objektiv auf den ersten Blick recht ähnlich ist. Solche anaphylaktischen Patienten haben dann bei der Serumanwendung im Heufieberanfall den Eindruck, als ob ihre Krankheitserscheinungen durch das Serum verschlimmert würden. Es ist nicht unwaJirscheinlich, daß die Serumanaphylaxie sich besonders bei denjenigen Patienten entwickelt, welche das Serum in übertriebener Menge benutzen. Auch aus diesem Grunde sollten daher nur kleine Mengen des Serums auf einmal angewendet werden. Wenn sich aber bei einem Patienten dieser Zustand erst ent- wickelt hat. kann das Serum in der gewöhnlichen Form nicht mehr gebraucht werden. In mehreren solchen Fällen hat Duxbar mit der Verwendung eines stärker mit Milchzucker verdünnten Präparates (.,Polla.ntin R") günstige Erfolge gehabt. Man könnte ferner daran denken, entsprechend dem Vorschlage von AscoliI u.' a., die ana- phylaktischen Erscheinungen zu vermeiden, indem man von verschiede- nen Tierai'ten Pollenimmunsera herstellt. In drei solchen Fällen hat DuNBAic mit Erfolg Kaninchenimmunserum verwendet. In den letzten beiden Sommern sind ferner Versuche mit einem Salbenpräparate des Trockenserums gemacht worden, die günstige Ergebnisse lieferten, aber noch nicht abgeschlossen sind. Bei diesem Präparat wird die spezifische Serumwirkung kombiniert mit der durch die Einfettung des Xaseneinganges bedingten Beschränkung der Gift- resorption. Die Behandlung des Heuasthma erfolgt gemäß unseren An- schauungen über seine Genese. Das Heuasthma kann direkt durch Aspiration von Pollen herbeigeführt werden, doch dürften hierfür wohl nur besonders ungünstige Verhältnisse (ungewöhnlich hoher Pollengehalt der Ijuft bei vollkommen verstopfter Nase) in Frage kommen. In der Mehrzahl der Fälle ist es wohl eine Folgeerscheinung der Giftresorp- tion von der Nasenschleimhaut bei hochempfindlichen Personen. Eine rationelle Serumtherapie erhält die Nase wegsam. so daß die Patienten nicht durch den Mund zu atmen brauchen. Dadurch sind sie vor der Aspirationsgefahr in der Regel bewahrt. Durch ausreichende Serum- zufuhr sollte es ferner gelingen, das Pollengift bereits auf der Nasen- schleimhaut zu entgiften, so daß weder Asthma, noch die anderen, zu- vor beschriebenen Allgemeinerscheinungen des Heufiebers zur Ent- wickelung zu kommen brauchen*). Die für die Anwenduns: des Pollantins ausgearbeiteten Gesichts- punkte sind auch für die Verwendung des Graminols maßgebend gewesen. Das letztere Präparat wird entweder als Pulver oder in Salbenform abgegeben. * Ueber die Anwendung der beiden Präparate liegen eine Reihe von Veröffentlichungen vor. Nach den Erfahrungen von Dunbar ^i, ^-, *) Speziell bei der Behandlung des Asthmas hat Dunbar ferner Pollantin- Pastilien verwendet, die der Patient im Munde langsam zergehen läßt, so daß das Serum in recht innige Berührung mit den hinteren Gaumen- und Rachen- partien gebracht wird. Heufiebergift und Heufieberserum. 1495 LüBBERT^s, 29 mi(j Verfasscr^», Rosenberg *i, Zarniko^* u. a. ge- lingt es durch das Pollantin in 50 — 60 Proz. der Fälle die Patienten heufieberfrei zu erhalten, in etwa 25 Proz. wurde partieller, in 15 Proz. kein Erfolg angegeben, Aehnliche Zahlen wurden von einigen ame- rikanischen Aerzten (Mc. Coy^^^ Somers*^) j^h ^jcm füj- Jen Herbst- katarrh spezifischen Pollantin mitgeteilt. Demgegenüber liegt eine Reihe von Arbeiten vor, in denen die Wirksamkeit des Pollantins weniger günstig beurteilt wird. Ein Teil dieser Beobachtungen ist an einer recht beschränkten Patientenzahl ausgeführt worden. Dieser Vorwurf gilt jedoch nicht für die auf relativ breiter Basis angestellten, statistischen Zusammenstellungen des Heufieberbundes von Helgoland-^, wonach ein voller Er- folg nur in etwa 1/5 — 1/3, ein partieller Erfolg in etwa 1/4 der Fälle erzielt wurde, während der Rest angab, keinen Erfolg oder sogar „schädliche Nebenwirkung"*) mit dem Serum erhalten zu haben. Der Widerspruch zwischen diesen Ergebnissen ist zurzeit nicht geklärt, jedoch ist zu bedenken, daß das den DuNBARSchen Statistiken zugrunde liegende Material zahlenmäßig weit größer ist als das des Heufieberbundes. Ein Teil davon ist nach den Berichten von Aerzten zusammengestellt, welche eine größere Zahl von Patienten beob- achteten und in solchen Reihen kehrt fast stets das Ueberwiegen des vollen positiven Erfolges wieder. In Anbetracht der Unsicherheit aller solcher Sammelstatistiken, die niemals ganz einheitlich aufgestellt werden können, mag es dahin- gestellt bleiben, ob das Verhältnis 1/5 oder ^/^ den wahren Zahlen für vollen Erfolg des Serums am nächsten kommt. Soviel steht jeden- falls fest, daß von vielen Hunderten von Patienten das Mittel all- jährlich mit gutem Erfolg benutzt wird. Gerade bei schweren Fällen und besonders beim Heuasthma liegen zahlreiche Mitteilungen vor, in denen das vollständige Verschwinden der Anfälle durch das Pollan- tin berichtet wird. Daß ein wirklicher spezifischer Heilwert dem Serum zukommt, dürfte auch durch die von Lübbert und mir ver- öffentlichten Krankengeschichten erwiesen sein. Zum Schluß sei noch auf die interessante Beobachtung Dunbars hingewiesen, daß unter dem Serumgebrauch bei einigen Patienten die Empfindlichkeit für das Pollengift zurückgegangen, und stellenweise sogar ganz geschwunden ist. Ueber das „Graminol" liegen so große Statistiken zurzeit nicht vor. Vereinzelte Beobachtungen, wie z. B. die von GoennerI^, wo- nach Graminol da günstig wirkte, wo Pollantin versagt hatte, könnten möglicherweise so gedeutet werden, daß es sich um Patienten handelte, die für das Pferdeserum des Pollantins überempfindlich geworden waren. Solche Personen würden bei nachheriger Anwendung des Rinderserumpräparates (Graminol) wenigstens nicht die auf ihre Uebercmpfindlichkeit zurückzuführenden Reizerscheinungen haben, wie sie es bei Pollantingebrauch gewohnt waren. Von wesentlicher Bedeutung für die Frage nach der Wirksamkeit des Graminols sind indessen die von Wolff-Eisner^i, sowie in den Berichten des Heu- fieberbundes^o angeführten Resultate. Es scheint hiernach in vielen Fällen ein auffallend günstiger Erfolg durch das Mittel erzielt *) Hiermit ist wohl die erworbene Serumanaphylaxie gemeint (vgl. S. 25), da andere schädliche Wirkungen durch das Serum nicht ausgelöst werden können. 1496 Carl Prausnitz, zu sein. Nach der Statistik des Heufieberbuudes ist das Verhältnis der mit dem Graminol erzielten günstigen Erfahrungen den ent- sprechenden Zahlen für das Pollantin etwa gleichwertig. Eine zu- friedenstellende Erklärung hierfür ist zurzeit nicht möglich, zumal auch über die Herstellungsweise des Präparates noch zu wenig be- kannt ist. Die aktive Immunisierung gegen Heufieber. Nach dem Vorhergesagten hat die Serumbehandlung zwar in vielen Fällen ausgezeichnete Erfolge zu verzeichnen, und ist, was vor allem hervorzuheben ist, wegen ihrer lokalen Anwendbarkeit auch durchaus ungefährlich. Indessen hat sie den Nachteil, daß der durch sie gewährte Schutz zeitlich sehr beschränkt ist*). Es wäre daher als ein großer Fortschritt zu begrüßen, wenn die aktive Im- munisierung gegen Polleneiweiß sich ausführen ließe. Im Sinne einer solchen aktiven Immunisierung wäre die Beobachtung zu verwerten, daß bei vielen Heufieberpatienten mit zunehmendem Alter die Heufieberdisposition stetig abnimmt. Dunbar und ich haben seiner- zeit Versuche in dieser Richtung an uns selbst ausgefiihrt, aber von ihrer Fortführung zunächst Abstand genommen, weil die auf die Pollenextraktinjektion folgenden Erscheinungen recht schwere waren. In jüngster Zeit ist die Frage der aktiven Pollenimmunisierung im Laboratorium von Wright wieder aufgenommen worden. Noox injizierte im vergangenen Herbst, Winter und Frühjahr mehrere Heufieberpatienten mit steigenden Mengen von Pollenextrakten von Phleum Pratense. Das Intervall zwischen den Injektionen betrug anfangs nur 3—4 Tage, später 10—14 Tage und noch mehr. Der Erfolg der Injektionen wurde durch die zur Auslösung der Ophthalmo- reaktion erforderliche Menge von Pollenextrakt kontrolliert. Konstant wurde beobachtet, daß die so gemessene Giftempfindlichkeit im Ver- laufe der Injektionen stark zurückging. Wenn zu große Dosen sub- kutan gegeben wurden, nahm die Giftempfindlichkeit zunächst etwas zu — eine Beobachtung, die Noon im Sinne von Wright als ,, negative Phase" ansieht — um dann aber beträchtlich unter den ursprünglich beobachteten Wert herunterzugehen. Bei vorsichtiger Dosierung und zweckmäßiger Wahl der Intervalle gelang es ihm, durch einige sub- kutane Pollenextrakteinspritzungen die im Auge bestimmte Gift- empfindlichkeit seiner Patienten auf etwa ^ loo ^^r ursprünglichen Empfindlichkeit herabzusetzen. Die NooNSchen Versuche wurden von FreemaxI^^ fortgeführt, der über die Ergebnisse der Kampagne des letzten Sommers kurz berichtet hat. Zur Behandlung kamen 20 Personen. Von diesen ist einer ein Herbstkatarrhpatient; ein zweiter erhielt vor fast einem Jahre eine einmalige Injektion, brach aber dann die Behandlung ab. *) Allerdings ist in diesem » Zusammenhang hervorzuheben, daß bereits Dunbar gelegentlich Fälle beobachtet hat, wo unter regelmäßigem Gebrauch des Serums nach Verlauf einiger Jahre die Heufieberdisposition sich verlor. Solche Beobachtungen sind auch vor der Zeit der Serumanwendung ausnahms- weise gemacht worden. Während der Drucklegung dieser Arbeit habe ich, durch die Freundlichkeit von Professor Duxbar Kenntnis von einer bevorstehenden Veröffentlichung von Th. Albrecht erhalten, der eine Anzahl ähnlicher Fälle gesehen hat. Er erklärt sie durch die Annahme einer „aktiv-passiven Immuni- sierung". Heufiebergift und Heufieberserum. 1497 Diese beiden Fälle scheiden demnacli aus. Von den übi-igen 18 be- gannen 10 die Behandlung im Winter oder Frühjahr, 8 aber erst nach dem Beginn der Heufiebererscheinungen. Die Injektionen wurden in der Kegel begonnen mit Vs ccm derjenigen Pollenextraktverdün- nung, welche die Ophthalmoreaktion bei dem betreffenden Patienten auslöste. Die Keinjektionen fanden in Zwischenräumen von etwa 7—10 Tagen mit dem lV2-fachen, später dem 2-fachen der Ausgangs- dosis statt. Gelegentlich wurden auch Versuche mit kleineren Dosen gemacht, die in 3— 4-tägigen Zwischenräumen gegeben wurden. Im Verlaufe der Behandlung nahm die durch die Ophthalmoreaktion gemessene Giftempfindiichkeit ab; durchschnittlich fiel sie auf Vio- in zwei Fällen sogar unter Vioo des ursprünglichen AVertes. Ein voller positiver Erfolg scheint in 3 Fällen, eine mehr oder weniger ausgesprochene Besserung in 13, kein Erfolg in 2 Fällen beob- achtet zu sein. Der Grad der Abnahme der conjunctivalen Gift- empfindlichkeit stimmte, wenigstens in einigen der Fälle, gut mit dem klinischen Erfolge überein. Die bereits vorliegenden Ergebnisse der aktiven Immunisierung sind hiernach recht zufriedenstellend und ermutigen zur Ausführung entsprechender Versuche auf breiterer Basis. Es sei jedoch darauf hingewiesen, daß nach unseren Erfahrungen die Gewinnung von keimfreiem Pollenmaterial, ein absolutes Postulat für die Aus- führung der subkutanen Injektion am :\Ienschen, schwierig ist. Denn bei mangelhafter Vorsicht in der Gewinnung des Material es findet leicht eine Verunreinigung der Pollen mit den Keimen der Erde, eventuell mit Tetanussporen statt. Ob es sich bei den Ergebnissen von Noon und Fkeemax um eine echte aktive Immunität oder um einen antianaphylaktischen Zustand handelte, kann nach den vorliegenden Veröffentlichungen kaum mit Sicherheit entschieden werden. Hierzu wären noch aus- gedehntere tägliche Prüfungen der Giftempfindlichkeit über einen längeren Zeitraum hindurch erforderlich. Literatur. 1. AscOLi, Deutsche med. Wochenschr., 1910, 1215. P. 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PoUen von Solidago virgaurea, ca. 500mal vergrößert. Die Exine trägt spitze Zacken. „ 6. 0]3hthalmoreaktion mit Roggenpollenprotein beim Heufieberpatienten. Das linke Auge erhielt einen Tropfen einer Lösung 1 : 40 000 und zeigt eme leichte Reaktion. (Caruncel und Semilunarfalte leicht gerötet, einzelne Gefäßbäumchen ziehen zum Lirabus hinüber, welcher beginnende Injektion aufweist.) Das rechte AAge erhielt einen Tropfen einer Lösung 1 : 10 (XX). Hier ist Caruncel und Semilunarfalte stark gerötet und geschwollen; die Lidränder sind gerötet, das untere Augenlid deutlich ödematös. Die Con- junctiva bulbi ist stark injiziert und ödematös; besonders der Limbus corneae ist sehr stark injiziert. Handb. d.pathxjg .MikroorgcuüsTneji ^.Aufl. Bei. II. PnuLsnW: , He.urieher. limpnckt pmx "^/srlaq-\'cn Gusta\'-Fischerir. IitLAnst vHATurikEleipzij XXI. lieber Ermtidungsstoffe. Von Prof. Dr. Wolfgang Weichardt in Erlangen. Mit 3 Kurven im Text. Das Studium pathogener Mikroorganismen hat wie Jiein anderes dazu beigetragen, die Bekanntschaft mit Substanzen zu vermitteln, die durch ihre biologische Wirkung streng charakterisiert sind, wäh- rend sie der chemischen Definierung noch nicht zugänglich gemacht werden konnten. Die bei dem Studium pathogener Mikroorganismen gewonnenen Methoden haben sich sehr bald auch auf anderen Ge- bieten als anwendbar erwiesen. Sie dienten der Durchforschung von Körperzellen und ihrer Pro- dukte und fanden z. B. eine überraschende Verwendung auf dem von ph3-siologischer Seite ja schon seit langem studierten Hämolyse- gebiete. Eigentlich rein physiologische Fragestellungen mit Immu- nitätsmethoden zu bearbeiten war aber erst der Kenotoxinforschung vorbehalten. Es hat sich hier seit dem Jahre 1903 ein Grenzgebiet entw'ickelt, auf dem die älteren physiologischen Methoden und die neueren der Immunitätsforschung in gleicher Weise mit Vorteil an- gewendet werden, um die Eigenschaften und Wirkungen von be- stimmten, bisher jedoch unbekannten Eiweißspaltprodukten, des Keno- toxins und seiner Antistoffe, zu studieren. Darstellung der Ermüduiigsstoffe. Ranke war der erste, welcher die Existenz von Ermüdungsstoffen wahrscheinlich gemacht hat. Wenn er Muskeln ermüdeter Tiere mit physiologischer Kochsalzlösung durchspülte, so erholten sie sich und reagierten von neuem auf Reize. Auch vermochte Ranke nach Injektion von Extrakt ermüdeter Muskeln in die Gefäße von un- ermüdeten, die Ermüdung der letzteren nachzuweisen. Mosso hat später ebenfalls, und zwar mit dem Blute ermüdeter Hunde, Er- müdung bei Versuchstieren hervorrufen können. Jedoch bestimmte, er- müdend wirkende Stoffe zu isolieren, vermochten beide Forscher nicht. Ebensowenig haben sie die wissenschaftliche Charakterisierung dieser Stoffe durchgeführt. Der Grund hierfür war zweifellos der Mangel zweckmäßiger Methoden. 1500 WOLFGANCx WeICHARDT, Um die Ermüdungsstoffe zu charakterisieren, galt es zunächst eine passende Methodik auszubilden. Es kam namentlich in Frage, ob die betreffenden Substanzen in mancher Beziehung Aehnlichkeiten haben mit den Toxinen, welche von den Mikroorganismen ausgeschieden werden. Deshalb schien es vor allem nötig, diese Ermüdungssubstanzen in größerer Menge zu gewinnen. Die bisher gebräuchlichsten Ermüdungsmethoden erwiesen sich hierzu als ungenügend. Es zeigte sich, daß die Versuchstiere in den Laufapparaten Gelegenheit zur Erholung haben, so daß eine wirklich hochgradigste Uebermüdung mit Hilfe dieser Apparate nicht zu er- zielen ist. Soll es vermieden werden, daß die Tiere nicht durch sekundäre Schädlichkeiten (Durst, Hunger und Verletzungen) in einen Zustand geraten, der die Ermüdung vortäuscht, so muß der Experi- mentator in eigner Person die Ermüdung ausführen oder überwachen. Es ist sorgfältig darauf zu achten, daß für die Versuchstiere auch nicht die geringste Möglichkeit besteht, sich zu erholen ; denn die sofort eintretende aktive Immunisierung würde das Ermüdungs- experiment in Frage stellen. Dieser Ermüdungsweg ist natürlich ein äußerst unbequemer, aber der einzige, der sich eignet, unkomplizierte, hochgradigste Ueber- müdung zu erzielen. Zum Versuch sind H u n d e , besonders aber M e e r s c h w e i n c h e n geeignet. Stundenlanges, unausgesetztes Rückwärtsziehen auf mög- lichst rauher Unterlage (Kokosteppich) bringt Meerschweinchen in einen Zustand schweren Sopors, bei dem sehr niedrige Körpertempe- ratur und außerordentlich verlangsamte Atmung beobachtet wird. Periostreize resp. leichtes Faradisieren der Gesamtmuskulatur führen dann zumeist schnell vollkommenen Atemstillstand herbei. Preßt man die unter aseptischen Kautelen entnommenen Muskeln eines im Ermüdungssopor verendeten Meerschweinchens aus, und wird der Muskelpreßsaft anderen Tieren in steigenden Dosen injiziert, so tritt bei letzteren, je nach dem injizierten Quantum, einfache Er- müdung, Sopor, ja unter Umständen der Ermüdungstod ein. Sind nun die Ermüdungssymptome durch die weniger hochmole- kularen Bestandteile dieses Ermüdungsmuskelpreßsaftes hervorgerufen worden, oder sind, wie bei den von Mikroorganismen produzierten Giften, z. B. dem Diphtherie- oder Tetanustoxin, höh er molekulare Komplexe auch hier das Wirksame, die eigentlichen Ermüdungss.tof fe ? Um diese Frage zu beantworten, wurde Ermüdungsmuskelpreß- saft in ganz dünner Schicht gegen eisgekühltes, destilliertes Wasser rasch durch tierische Membranen dialysiert. Die im Dialysator zurückbleibende Flüssigkeit erwies sich dann als von unveränderter Ermüdungswirkung gegen Versuchstiere. Hierdurch wird aber be- wiesen, daß der Ermüdungsmuskelpreßsaft auch dann noch wirksam ist, wenn er von allen weniger hochmolekularen, chemisch definier- baren und dialysablen Stoffwechselprodukten, wie Milchsäure, Kre^tin, Kreatinin, Harnstoff usf. befreit worden ist. Reichlich vorhandenes indifferentes Muskeleiweiß wird dann durch Zufügen von Chlorwasserstoffsäure bis zur deutlich sauren Reaktion und nachfolgendem Neutralisieren mit Natronlauge, wobei reichlich indifferente Eiweiße ausfallen, beseitigt. Das noch schwach Ueber Ermüdungsstoffe. 1501 rötlich gefärbte Filtrat kann nun in hohem Vakuum unterhalb 30 O' möglichst rasch zum Trocknen gebracht und die zurückbleibenden gelb- lichen Schuppen zur Aufbewahrung in evakuierte Glasröhren einge- schmolzen werden. Diese stellt man am besten in flüssige Luft. So hält sich das Präparat (Kenotoxin s. S. 1034) wochenlang. Eine 10-proz. Lösung veranlaßt, kleinen Tieren in mäßiger Dosis injiziert, Ermüdung, in größeren Dosen Sopor, genau so, wie er bei unausge- setzter j\luskelbewegung beobachtet wird. Ein wirksames Präparat ist allerdings nur zu gewinnen, wenn der Ermüdungsmuskelpreßsaft übermüdeten, vollkommen soporösen Tieren entstammt, wenn ferner schnell dialysiert und, ohne daß ein Verzug eintritt, im Vakuum, bei Temperaturen unter 30^ abgedunstet wird. Wird bei höheren Temperaturen eingedunstet und wird Bakterien- wucherung nicht hintangehalten, so mißlingt die ganze Prozedur: die Präparate sind dann zumeist unwirksam. Somit dürfte die Darstellung der schwer faßbaren Ermüdungs- stoffe aus den Muskelpreßsäften hoch ermüdeter Meerschweinchen zu den schwieriger ausführbaren Methoden zählen. Die überaus große Labilität der Präparate ist wahrscheinlich durch Fermente bedingt, welche die Spaltprodukte rasch in wenig oder anders wirkende Substanzen überführen*). Mit den aus Muskelpreßsaft erzielten Präparaten konnte mittels wiederholter intravenöser Injektion von Pferden ein Immunserum ge- wonnen werden, mit dem man kleine Tiere nicht nur gegen die Wir- kung injizierten Kenotoxins, sondern auch gegen die durch ununter- brochene Muskelbewegung auftretende Ermüdung in ganz erheblichem Maße zu schützen vermochte. Ein diesbezüglicher sehr beweiskräftiger Demonstrationsversuch vom 15. Dezember 1904 ist in den Verhand- lungen der Physiologischen Gesellschaft zu Berlin genau beschrieben i*. Versuche, auf Muskelpreßsaft und auf Eiweiß mit chemischen und physikalischen Mitteln einzuwirken. Um im Muskelpreßsaft die ermüdenden Stoffe anzureichern, wurde Preßsaft, der, wie im vorigen Kapitel beschrieben, aus über- müdeten Meerschweinchen gewonnen worden war, mit dem 10. Teil einer 10-proz. Lösung von schwefligsaurem Natron versetzt und nach 3 -stündigem Stehen in dünner Schicht gegen eisgekühltes destilliertes W^asser dialysiert, um das zugefügte Salz bis auf ge- ringe Spuren zu entfernen. Die Veränderung dieses Ermüdungs- muskelpreßsaftes war infolge der Einwirkung des schwefligsauren Natrons in der Tat recht erheblich. Es genügte die geringe Menge von 0,1 ccm, um damit den gleichen Ermüdungsgrad hervorzurufen, der bei mittelgroßen Mäusen durch peritoneale Injektion der fünf- fachen Dosis, also 0,5 ccm des ursprünglichen Ermüdungsmuskelpreß- saftes, eintrat. Daß übrigens bei der Reduktion ein gleich wirkender Stoff ent- standen war, konnte leicht bewiesen werden; denn wurden mit dem Antikörper geschützte Mäuse mit 0,1 ccm des neuen chemisch ver- *) Andererseits können durch autolytische Fermentwirkungen auch aus Muskeln unermüdeter Tiere Eiweißspaltprodukte von Ermüdungstoxincharakter entstehen (s. S. 1034). 1502 WOLFGA^G WeICHARDT, änderten Ermüdungsmuskelpreßsaftes peritoneal injiziert, so blieb die Ermüdung aus. Es wurde nunmehr auch der Preßmuskelsaft nicht ermüdeter Meerschweinchen ebenso mit schwefligsaurem Natron behandelt. Auch hiermit erhielten wir einen durchaus wirksamen Ermüdungsmuskelpreßsaft. AV eitere Versuche, mittels der verschie- densten lieduktionsmittel aus einer ganzen Reihe von Eiweißarten Stoffe von Kenotoxincharakter darzustellen, hatten den gleichen Er- folg. Die hierbei gewonnenen Lösungen bewirkten bei damit inji- zierten Versuchstieren Ermüdung bis zum Sopor, und es trat diese Wirkung nicht ein, wenn die zu injizierenden Tiere mit antikeno- toxinhaltigem Pferdeserum vorbehandelt waren. Die so gewonnenen toxischen Ermüdungsstoffe sind übrigens nicht so labil, wie das durch Ermüden von Meerschweinchen gewonnene Toxin, jedenfalls, weil in ihnen der Gehalt an Fermenten weit ge- ringer ist. Immerhin müssen auch derartige Lösungen entweder frisch verwendet oder nach sorgfältigem Dialysieren bei einer Temperatur von nicht über 30 ^ verdunstet werden. Vorräte sind in vollkommen evakuierten oder mit "Wasserstoff gefüllten, zugeschmolzenen Röhren in flüssiger Luft aufzubewaiiren. Zunächst war also zu schwefligsaurem, eventuell auch salpetrig- saurem Natron als Reduktionsmittel gegriffen worden. Dann ver- suchten wir noch andere Reduktionsmittel, z. B. Phen3ihydrazin. Auch dabei resultierten Präparate von ermüdender Wirkung. Am vorzüglichsten bewährte sich jedoch der naszierende Wasser- stoff : Hühnereiklar, mit zwei Teilen Wasser verdünnt und einigen Tropfen 1-proz. Salzsäure angesäuert, wird in einem weitem asepti- schen Gefäße im Laufe von zwei Stunden mit Natriumamalgam in kleinen Portionen ganz allmählich versetzt, bis die Flüssigkeit deutlicli alkalisch reagiert. Hierbei findet reichlich Entwickelung naszierenden Wasserstoffes statt, und die vorhandene Salzsäure wird durch das fortwährend entstehende Aetznatron nach und nach etwas übersättigt. Nach Neutralisierung des Alkalis mit Salzsäure wird dann die Lösung dialvsiert, filtriert und zu Injektionen verwendet. Ebenso entwickelt Aluminium, durch verdünnte Sublimatlösung amalgamiert, mit Alkohol und destilliertem Wasser gewaschen und Eiweißlösungen zugesetzt, reichlich naszierenden Wasserstoff, wobei sich Ermüdungsstoffe, genau wie bei dem vorhergehenden Versuche, bilden. Da Aluminiumoxydhydrat und metallisches Quecksilber aus- geschieden werden, daher leicht abzutrennen sind, so verläuft dieser Versuch noch wesentlich einfacher wie der vorige. Indessen findet leicht Ueberreduktion statt. Die dann erhaltenen Präparate sind nur wenig wirksam, ja unter Umständen ganz atoxisch. Sehr elegant verlaufen ähnliche Versuche mit dem von Paal dargestellten kolloidalen Palladium. Hiermit wird bekanntlich der gewöhnliche Wasserstoff, wie »er dem Kippschen Apparate entströmt, aktiviert und wirkt dann wie naszierender AVasserstoff, d. h. redu- ziert recht kräftig: Zu 90 ccm Eiereiweißlösung wurden 2 Tropfen 25-proz. Natron- lauge und 10 ccm kolloidales Palladium gesetzt. Obschon sich geringe Ausflockung zeigte, war nach einstündigem Durchleiten von Wasserstoff eine Flüssigkeit entstanden, von der 1 ccm bei einer 15 g schweren Maus starke Kenotoxinwirkung aus- Ueber J]rmüdungsstoffe. 1503 löste, so daß die lebenswichtigen Zellen schwer geschädigt waren : die Maus zeigte noch 2 Tage nachher eine gewisse Benommenheit. Aktiv sowohl wie passiv vorher immunisierte Kontrollmäuse, denen 2 ccm derselben, mittels kolloidalen Paladiums und Wasserstoff her- gestellten toxischen Flüssigkeit vorher intraperitoneal injiziert worden waren, zeigten eine derartige Schädigung nicht. Versuche mit Elektrolyse. Zur Stromquelle dient eine Batterie, der je nach Bedarf ü bis 28 Volt entnommen werden können. Das Eiweiß wird in einen Tonzylinder gebracht, in welchem die S-förmige, mit einem Elektromotor verbundene negative Nickelelek- trode rasch rotiert. Die positive Platinelektrode taucht in die den Tonzylinder um- gebende Flüssigkeit, in welcher sich als Elektrolyt eine 0,9-proz. Kochsalzlösung befindet. Bei 0,1 Amp. berechnen sich die Na-Ionen, welche in das Eiweiß gelangen, zu 85,68 mg pro Stunde. Läßt man während dieser lle- duktionszeit 3,714 ccm Normalsalzsäure, mit destilliertem Wasser ver- dünnt, kontinuierlich zutropfen, so erhält man eine NaCl-Vermehrung in der zu reduzierenden Flüssigkeit um 217,5 mg. AVerden 10 ccm Serum von einem Kaninchen mit 15 ccm destil- lierten Wassers verdünnt, gibt man die Mischung in den Tonzylinder an die negative Elektrode und läßt während der einstündigen Wirkung von 0,1 Amp, 3,7 ccm Normalsalzsäure, mit 6,3 ccm destillierten Wassers verdünnt, zuträufeln, so resultiert ein mit physiologischer Kochsalzlösung verdünntes Reduktionsserum. Man kürze die Reduktionszeit möglichst und wähle lieber die Stromstärke und die Elektrolyten so, daß mit möglichst viel Ampere gearbeitet werden kann. Etwa an der Elekti'ode auftretende Er- hitzung, die auf die entstehenden Ermüdungsstoffe ungünstig ein- wirken würde, kann durch rasches Rühren der betreffenden Elektrode und durch kräftige Kühlung herabgemindert werden. Wird dieses so veränderte Kaninchenserum dem Kaninchen wieder einverleibt, so treten bei dem Tiere die bekannten Kenotoxin- wirkungen ein. Andersartige Wirkungen, z. B. die von artfremdem Eiweiß, kommen hierbei nicht vor, da ja das Tier mit seinem eigenen Serumeiweiß behandelt wird. Uebrigens entsprach die Ausbeute an wirksamer toxischer Sub- stanz niemals der zur Reduktion der verschiedenen Eiweißarten an- gewandten elektrischen Energie. Es lag daher nahe, auch zu untersuchen, ob nicht Eiweißlösungen mit naszierendem Sauerstoff chemische Umwandlungen in unserem Sinne erleiden : Die Eiklarlösung wurde daher an die positive Platinelektrode des Stromkreises gegeben. Tatsächlich bildete sich wieder eine toxische Substanz, genau so wie früher an der Kathode. Auch diese Substanz war wasserlöslich, hatte die Eigenschaft, schwer zu dialy- sicren und ihr biologisches Verhalten war das gleiche. Aber auch bei der Hydrolyse von Eiweiß werden gleich wirkende Stoffe abgespalten, die durch Dialyse von den weniger 1504 WOLFGAXG WeICHAEDT, hochmolekularen Eiweißspaltprodukteu getrennt werden können. Mit diesen gelingen die oben beschriebenen Mäuseinjektionsversuche und deren Kontrollversuche mit Versuchstieren, welche antikenotoxisch geschützt sind, ebenfalls. Dabei stellte sich heraus, daß die gebildeten hochmolekularen Eiweißspaltprodukte nach 3 — 4 Tagen sehr wirksam waren, daß dann aber nach einer Woche die weitere Hydrolysierung im Gegenteil un- günstig einwirkte. Nach einigen Wochen war es überhaupt nicht mehr möglich, aus der Mischung hochmolekulare wirkende Ermüdungs- stoffe zu isolieren. Weiter abgebaute Eiweißspaltprodukte sind meist wenig toxisch, wie in neueren Versuchen Schittenhelm & Weichardt^ dargetan haben. Diese Autoren injizierten im Stickstoffgleichgewicht eingestellten Hunden weit hydrolysiertes Eiweiß (Seidenpepton). Doch erst größere Mengen des Peptons schädigten die Tiere, und zwar verendeten sie unter Krämpfen, veranlaßt durch osmotische Störungen in den lebens- wichtigen Zentren. Aber nicht nur durch Hydi'olyse mittels Chemikalien, sondern auch durch Fermenthydrolyse*) bilden sich in eiweißhaltigen Flüssig- keiten gleich wirkende hochmolekulare Spaltprodukte. Jedoch wechseln die verschiedenen Fermente in ihrer Spaltkrait erheblich. Deshalb wird sehr leicht der richtige Grad des Abbaus überschritten und es entstehen unwirksame Präparate. Auch andere Autoren, so die R. PFEiFFERSche Schule, M. Wasser- mann u. a. haben beobachtet, daß zuerst entstandene toxische Eiweiß- spaltprodukte durch weiteren Abbau nach und nach atoxisch zu werden pflegen. Nach den heutigen Erfahrungen ist es nun keinesfalls mehr an- gängig, alle derartigen Eiweißspaltprodukte einfach unter dem Namen Peptone oder unter anderen allgemeinen Bezeichnungen zu sub- sumieren. Namentlich darf der allgemeine Sammelname , »Peptone" für die gut charaiterisierbaren Eiweißspaltprodukte von Kenotoxin- charakter nicht gebraucht werden, obschon manche Arten von Pep- tonen hochmolekulare Eiweißspaltprodukte enthalten. Kann man eine chemische Definierung der letzteren auch noch nicht durchführen, so vermag man sie doch mittels Dialyse von den niedriger mole- kularen, chemisch definierbaren, Krämpfe erregenden Spaltprodukten zu befreien und dann durch ihre biologischen Wirkungen zu charakte- risieren; denn durch Injektion unserer höhermolekularen Spalt- produkte werden Krämpfe nicht veranlaßt. Wohl aber bewirken sie, in kleinen Dosen injiziert, etwas Temperatursteigerung, in größeren Temperatursturz, Atemverlangsamung und das charakteristische Bild reinen unkomplizierten Sopors. Doch auch tiefer Sopor geht zu- meist ohne Schaden für die Versuchstiere vorüber und sie erholen sich relativ schnell, ja sie ^nd dann sogar weit leistungsfähiger als vorher. Unserem an der physiologischen Ermüdung zweifellos sich mit- beteiligenden, künstlich, in vitro, aus Eiweiß abspaltbaren hoch- *) Deshalb gelingt es auch öfters aus dialysierbaren Muskelpreßsäften un- ermüdeter Meerschwemchen und dem anderer Organe Eiweißspaltprodukte von Kenotoxincharakter zu erzielen. Können doch autoly tische Vorgänge nach dem Tode nie vollkommen vermieden werden. lieber Ermüdungsstoffe. 1505 molekularen Produkte habe ich den vom griechischen v.cvöw abge- leiteten Namen Kenotoxin beigelegt : Kenotoxin ist also das Giftspektrum der höhermoleku- laren Eiweißspaltprodukte, nach deren reichlicher In- jektion Atemverlangsamung und erhebliche Temperatur- erniedrigung eintreten. Sind die injizierten Dosen hoch genug, oder die Injektionen werden wiederholt, so verendet, wie schon früher erwähnt, das Versuchstier infolge von Atemstillstand. Demgegenüber ist genuines, nicht abgebautes Eiweiß beinahe wirkungslos. Nochmals sei hervorgehoben, daß es doch wohl geradezu als Kückschritt bezeichnet werden müßte, wenn man das wohl- gekennzeichnete Kenotoxin lediglich als den Peptonen zugehörig charakterisiert; sind doch die Peptone nicht nur in chemischer Hin- sicht, sondern auch betreffs der biologischen Wirkungen recht ver- schiedene Gemische ! Um vielfach neuerdings geäußerte irrtümliche Anschauungen zu berichtigen, möchte ich an dieser Stelle festlegen, daß man nirgends in der Literatur auch nur andeutungsweise der Fragestellung be- gegnet: In welcher Beziehung stehen die hochmolekularen Eiweiß- spaltprodnkte zur Ermüdung ; noch viel weniger aber Andeutungen davon, daß man versucht habe, die AVirkung toxischer ermüdender Stoffe durch antikörperartige Substanzen aufzuheben, eine Frage- stellung, die man als das Alpha und Omega der Kenotoxinforschung bezeichnen kann. Alle früheren, zum Teil recht weit zurückliegenden Studien über Peptonimmunität, Antipepton u. a. sind ohne Rücksicht auf diese Fragestellung, ja von ganz anderen Gesichtspunkten behandelt w^orden. Es handelte sich z. B. um die Aufhebung der Gerinnungsfähig- keit des Blutes durch Pepton und die Behinderung dieses Phänomens (Spiro, Ellinger). Höhermolekulare Spaltprodukte des Körpereiweißes von Äntigencharakter wurden nicht in Beziehung zur Ermüdung gesetzt und chemisch charakterisierbare Antikörper, die letztere im Sinne einer Entgiftung beeinflussen, hat man nicht gesucht und nicht aufgefunden. Als Ermüdungsstoffe galten, im Gegensatz zu unseren neueren Auffassungen, lediglich Endprodukte des Stoff- wechsels, Milchsäure etc. Das Kapitel über Maßmethoden mußte wegen Platzmangel fallen. Es sei auf meine Monographie „Ueber Ermüdungsstoffe" (2. Aufl. bei Ferd. Enke, Stuttgart) hingewiesen. Dort ist dieses Kapitel er- schöpfend behandelt. Aktive Immunisierung, Abspaltung von Kenotoxin im Tierkörper. AVird, wie schon früher erwähnt, kleinen Tieren, z. B. Mäusen, kenotoxinhaltige Flüssigkeit in geringen Dosen injiziert, so findet geringgradige Temperatursteigerung, nach Injektion höherer Dosen schnelles Herabgehen der Körpertemperatur, Temperatnr- sturz statt. Die Tiere werden hierdurch nicht geschädigt, vielmehr erholen sie sich relativ schnell und überraschend gut, ja zumeist sind sie nach einer gewissen Zeit sogar leistungsfähiger als Handbuch der pathogenen Mikroorganismen. 2. Aufl. II. "O 1506 WOLFGAXG WeICHARDT, 3. w PT c j; B H ^^ o" o. o to P 2 (^ o CO >-<. qq P t- 3 *~t p f^ 9r 2 C s 5 i-S N is 2. «l Cf>? ^ P S' 5" s 2. p" § CO s- C CR S' s g 3 P 3 cc ■ ^ B (jq Cp CR a> ^ Ol !^ O O ^ ^gl Ueber Ermüdungsstoffe. 1507 vor der Injektion. Sie befinden sich im Zustande aktiver Im- munität*) gegen Eiweißspaltprodukte von Kenotoxincharakter. Werden dagegen sehr große Dosen des Kenotoxins injiziert, so erleiden die Zellen des Versuchstieres dauernde Schädigung. Das Tier ist dann, falls es nicht an Atemstillstand verendet, in den nächsten Tagen für Kenotoxin überempfindlich, jedenfalls empfind- licher als ein gleich großes, nicht injiziertes Kontrolltier. War die Dosis des injizierten Kenotoxins nicht ganz so hoch, so daß nur erheblicher Sopor dadurch veranlaßt wird, nicht aber dauernde Schädigung, so tritt nach vollkommener mehrtägiger Erholung ein Zustand der erhöhten Widerstandsfähigkeit gegen Kenotoxin und erhöhte Leistungsfähigkeit ein. Nach Injektion geringer Dosen ganz reinen Kenotoxins wird dagegen die Leistungsfähigkeit sehr schnell etwas erhöht. Im Zustand derartiger aktiver Kenotoxinimmunität sind die Tiere ganz besonders lebhaft, die Körpertemperatur ist ein wenig erhöht, und nach Injektion von' Kenotoxin verfallen sie nicht in den Zustand der Ermüdung eventuell des Sopors, wie gleichgroße KontroUticre. Besonders aber zeichnen sie sich durch ungewöhnliche Lei- stungsfähigkeit aus: mit dem Kymographion werden höhere Lei- stungswerte erzielt, wie von gleichgroßen und gleichgereizten Kontroll- ticren (s. nebenstehende Kurve 3). Zahlreiche instruktive mit Mäusen gewonnene Kymographion- kurven sind meiner Monographie : Serologische Studien (Stuttgart, Ferd. Enke, 1905/06) beigegeben. Daselbst ist auch die angewendete Technik genau beschrieben. Obschon das Injizieren ganz kleiner Dosen des reinen Keno- toxins symptomlos verläuft — höchstens tritt danach, wie schon erwähnt, geringe Steigerung der Körpertemperatur des Versuchs- tieres auf — gelingt der Nachweis des Auftretens und der schnellen Immunisierung doch relativ leicht, da die entsprechende, schnell eintretende erhöhte Leistungsfähigkeit mittels der Kymographion- kurve nachgewiesen werden kann. Ich bin geneigt, die nach anfäng- licher körperlicher, sowie geistiger Anstrengung auch beim Menschen zu beobachtende, etwas größere Leistungsfähigkeit ebenfalls als ak- tive Kenotoxinimmunisierung aufzufassen, entsprechend der geringen Menge Kenotoxin, das sich bei der ersten erheblichen Leistung schnell bildet und vorübergehend immunisiert. Werden dann die Leistungen wiederholt, so stellt sich allmählich Ermüdung ein. Wenn bei Kymographionversuchen einige Induktionsschläge durch den Körper des Versuchstieres gegangen waren, zo zeichnete es nach einer gewissen Latenzzeit bei gleicher Reizung hochwertigere Kurven. Aehnlich trat nach Injektion geringer Mengen von Chemi- kalien, z. B. von kolloidalem Palladium, Zyankalium, von Blausäure usf., aktive Immunisierung ein. Die Versuchstiere zeigten sich nach vollkommener Erholung dann gegen das Kenotoxin resistenter als nicht vorbehandelte. Es wird also nach Injektion kleiner Mengen von Chemikalien der Zellstoffwechsel so beeinflußt, daß sich Kenotoxin vom Organ- *) Es erschien nötig, auch hier den Begriff der aiitiven Immunisierung einzuführen, denn nur hierdurch werden eme Reihe interessanter und scheinbar paradoxer Erscheinungen unserem Verständnisse erschlossen. 95* 1508 Wolfgang Weichardt, eiweiß abspaltet, d. li. also die Versuchstiere sind bald nach der In- jektion eine Zeitlang gegen Kenotoxin aktiv immun. Sehr über- raschend ist das Eintreten einer solchen Wirkung des aus Bakterien- eiweiß im Organismus des Versuchstieres sich abspaltenden Keno- toxins. Wird z. B. von Zeit zu Zeit eine untertödliche Menge Tuber- kulin zwei gleichen Mäusen, von denen die eine mit Antik enotoxin immunisiert worden ist, subkutan injiziert, so gerät die unvorbehan- delte Maus nach und nach in schweren Ermüdungssopor, die immuni- sierte nicht. Es hatte sich zweifellos aus dem Tuberkelendotoxin ein hochmolekulares Eiweißspaltprodukt abgespalten und die Keno- toxinwirkung veranlaßt. Die injizierte Maus ging auch nicht zu- grunde, sondern erholte sich, genau wie sonst auch durch Kenotoxin - Wirkung soporös gewordene Mäuse. Ebenso verlaufen die Injektions- versuche mit kleinen untertödlichen Dosen von Chemikalien, welche Abspaltung von Kenotoxin aus dem Körpereiweiß des Versuchstieres veranlassen. Wird mit Antikenotoxin immunisierten Mäusen genau dieselbe Dosis der betreffenden Chemikalien — Blausäure, Arsenik, Phosphor, kolloidale Metalle — • injiziert, so werden sie nicht soporös, ein Beweis dafür, daß sie immun sind gegen Kenotoxin, wejches durch die Chemikalien im lebenden Körper abgespalten wurde. Der Verlauf eines derartigen Injektionsversuches mit untertödlichen Dosen von Blausäure ist im technischen Anhang der Monographie ,,üeber Er- müdungsstoffe" so genau beschrieben, daß eine Nachprüfung für gewandte Biologen nicht allzu schwierig ist. Sehr instruktive Demonstrationsversuche nach dieser Richtung kann man bei Mäusen anstellen, die längere Zeit von Radium - strahlen getroffen werden. Wird von zwei gleich großen und gleich munteren Mäusen die erste mit einem der weiter unten beschriebenen Hemmungskörper injiziert und werden beide Tiere dann den Strahlen ausgesetzt, so kann man nach kürzerer oder längerer Zeit, je nach der Stärke der Bestrahlung, Temperaturdifferenzen zwischen beiden Tieren beob- achten. Die nicht vorbehandelte Maus hat viel niederere Temperatur als die vorbehandelte. Auch bei diesen Versuchen stellte es sich heraus, daß beein- flußbare Eiweißspaltprodukte von Kenotoxincharakter nur bei einer bestimmten Dosierung entstehen. Hierher gehören übrigens mannigfache Erscheinungen, auf welche verschiedene Forscher gestoßen sind, für welche eine plausible Er- klärung ausstand. So z. B. trat gesteigerte Antikörperbildung nach Applikation geringer Mengen von Chemikalien auf. Meines Erachtens ist der Vorgang folgender: Infolge der Injektion von Chemikalien wird aus dem Körper- eiweiß Kenotoxin abgespalten und letzteres führte zu aktiver Keno- toxinimmunität. , Mir schien es zweckmäßig, gerade diese Art der erhöhten Re- sistenz, der gesteigerten Antikörperbildung als erhöhte Leistung des Zellprotoplasma, als Protoplasmaaktivierung, zu bezeichnen. Es wird damit angedeutet, daß es sich um einen allgemeinen physiologischen Vorgang handelt und nicht etwa um einen Teil- vorgang, als den ihn der Spezialforscher anzusehen nur zu oft ge- neigt ist. Ueber Ermüdungsstoffe. 1509 Außerordentlich interessante Versuche stellte u. a. nach dieser Richtung hin Trommsdorff an. So fand er, daß kurzdauernde Muskelanstrengungen die Antikörperbildung begünstigen. Vielleicht, ist auch die besonders von Lüdke beobachtete gesteigerte Antikörper- verraehrung, die nach Injektion von Antipyreticis eintritt, ähnlich aufzufassen. Jüngst hat Popielski ebenfalls darauf hingewiesen, daß nach dem Injizieren der mannigfachsten Chemikalien stark wirkende Substanzen, jedenfalls Eiweißabkömmlinge aus den Körperelementen, selbst ent- stehen. Popielski studierte vor allem das hierbei auftretende Vaso- dilatin. Die Studien Popielskis sind von unserem Standpunkt aus zu be- grüßen ; denn es wird damit die neue Tatsache der Abspaltung eigen- tümlicher Substanzen durch die Wirkung von Chemikalien auf das Organeiweiß bestätigt. Daß natürlich, je nach der Dosierung und der Art der injizierten chemisch different wirkenden Stoffe, außer den von uns beschriebenen noch andere recht verschiedene Spaltprodukte aus dem Körpereiweiß entstehen, ist erklärlich, und es wird anhalten- der Studien bedürfen, bevor die Abspaltungsprodukte alle isoliert und beschrieben sind. So wirkt ja z. B. das Vasodilatin durchaus anders als unser höher molekulares Spaltprodukt, das Kenotoxin. Um übrigens reine Kenotoxinwirkung zu erzielen, muß durchaus mit Dosen von Chemikalien, die unter der Schwelle der direkten Gift- wirkung liegen, wiederholt injiziert w^erden (S, 1508). Sollen zugleich Antikörperversuche mit angestellt werden, so ist der Temperaturabstieg bei beiden Tieren sorgfältig und ununter- brochen zu verfolgen, damit nicht der richtige Zeitpunkt für eine Xeuinjektion übersehen werde. DoLD hat neuerdings in interessanten Versuchen wäßrige Ex- trakte aus Organen, also Autolysate, durch normales Serum entgiftet. Er erörtert die Möglichkeit, daß auch während des Lebens Zell- und Organgifte auftreten, die durch das Blut unwirksam gemacht werden. So nähert sich Dold der von mir auf Grund früherer Befunde ausgesprochenen Ansicht, daß das Blut im lebenden Organismus Antikörperträger für die intra vitam entstehenden Ermüdungs- gifte ist. Jedenfalls muß auch hier mittels sorgfältiger Trennungen und Differenzierungen der Autolysatgemische weiteres Licht ver- breitet und derartige Widersprüche beseitigt werden, wie sie in den Versuchen von Cesa Bianchi, welcher ebenfalls mit Autolysaten in der letzten Zeit arbeitete, zutage getreten sind. Werden Gemische injiziert, also höhermolekulare und niedermolekulare Eiweißspaltprodukte der Autolysate, so ver- laufen die Absättigungsversuche, je nach dem wechselnden Gehalt an zahlreichen, besonders auch ganz unterschiedlich wirkenden, Eiweißspaltprodukten natürlich verschieden. Unter Umständen sind dann die Antikörpertiere überempfindlich und gehen leichter zugrunde als ungeschützte (s. S. 1512). Auch aus Pollen im Körper entstehende Spaltprodukte können durch normales Serum im Sinne der Entgiftung beeinflußt werden. So 1510 WOLFGAXG WeICHAEDT, wirkt zweifellos normales Pflanzenfresserserum, in dem, wie ich nach- weisen konnte, zur Zeit der Gräserblüte die Schutzstoffe angereichert sind (Graminol), beim Heufieber sehr günstig. Chemotherapeutische Beeinflussungen des Kenotoxingift- spektrums und Herstellung der Hemmungskörper in vitro. Der Vorstellung Ehrlichs, daß die Toxin-Antitoxinwirkung einer chemischen Bindung zu vergleichen ist, dürften sich wohl zurzeit die allermeisten Forscher zuneigen. Allerdings war es bisher nicht mög- lich, die hier in Betracht kommenden Toxine und Antikörper genau zu definieren. Kun ist von mir schon seit längerem hervorgehoben worden, daß die Verhältnisse auf dem Gebiete der toxinartig wirkenden I^iweißs palt Produkte und der sie entgiftenden Substanzen viel einfacher und durchsichtiger liegen. Vor allem konnte gezeigt werden, daß aus Eiweiß aceton- und toluollösliche Substanzen gewonnen werden können, durch welche die höhermolekularen Eiweißspaltprodukte von Kenotoxincharakter entgiftet werden. Diese antikörperartig wirkenden Stoffe, Antikenotoxine, habe ich, um über ihre Wirkungsart zunächst nichts zu präjudizieren, unter dem Sammelnamen der Retardine, Hemmungskörper, zu- sammenfaßt. Es gelang mir sogar, einen derselben in größerer Menge kristalli- siert zu gewinnen, so daß dessen chemische Definierung durchge- führt werden konnte. Zweifellos ist aber hiermit der Anfang gefunden, derartige das Ermüdungsgiftspektrum entgiftende, daher physiologisch und patho- logisch außerordentlich wichtige Stoffe unserer Kenntnis näher zu bringen. Wie schon wiederholt erwähnt, gelang es zwar, durch Injektion von Versuchstieren, z. B. von Pferden, antikenotoxinhaltiges Serum zu gewinnen, aber doch immer nur von geringem Hemmungskörpergehalt. Erhebliche Anreicherung des Antikenotoxins gelingt nicht. Auch Fällungsversuche der schwachen Kenotoxinimmunsera mit Neutralsalzen gaben unbefriedigende Resultate. Doch stellte sich heraus, daß beim Dialysieren der Sera das Wirksame, das Anti- kenotoxin, reichlich ins Dialysatwasser überging. W^urde dann das zur Trockene gebrachte Dialysatwasser mit Toluo] oder Aceton extrahiert und das Extrahierte getrocknet, so erliielt man ein recht wirksames Testpräparat, von dem bereits Teile eines Milligramms genügten, um eine Maus gegen beträchtliche Kenotoxinwirkungen zu schützen. Später wurde gefunden, daß aus einem kurz gekochten Gemisch von Eiweißlösung, Natronlauge und Wasserstoffsuperoxyd durch Acetonextraktion ein durchaus gleich wirkendes Präparat zu er- zielen ist. Allerdings war zunächst die Ausbeute auch nur eine ganz mini- male. Es bedurfte hierzu außerordentlich großer Mengen von Eiweiß als Ausgangsmaterial. Ferner stellte sich heraus, daß aus Rückständen nach Verarbei- tung gewisser Pflanzenteile, z, B. der Zuckerrübe u. a., toluol- und acetonlösliche, aus wasserfreiem Aether kristalli- Ueber Ermüdungsstoffe. 1511 si er bare Substanzen zu gewinnen sind, durch welclie das Kenotoxin- spektrum ebenfalls entgiftet wird. Eines dieser Präparate wurde nach mehrfachem Umkristallisieren CO als C.,H4<' /NH. als Succinimid, erkannt. Es darf zweifellos noch nicht als das wirksamste dieser das Kenotoxingiftspektrum ent- giftenden Retardine angesehen werden. Immerhin vermag nunmehr zielbewußte chemotherapeutische Forschung auf diesem Gebiete festen Fuß zu fassen. Wir selbst nehmen an, daß die leicht ersetzbaren Wasserstoffe der Verbindung das entgiftende Agens sind. Auch dürften die Beziehungen der Verbindung zum Pyrrol und damit zum roten Blut- farbstoffe beachtenswert sein. Uebrigens sind wir damit beschäftigt, höhermolekulare Präparate synthetisch darzustellen und hoffen mit der Zeit auch noch die wirksameren Retardine in die Hand zu be- kommen und zu charakterisieren. Neuerdings hat Weichardt & Schwenk in Verfolg dieser Studien gefunden, daß Guanidinderivate ebenso wirken, wie das Succinimid. Es scheint die entgiftende Wirkung der antikörperartig wirkenden Präparate von der Gegenwart eines mit zwei Wertigkeiten an Kohlen- stoff gebundenen Stickstoffatoms abhängig zu sein. Beziehungen der Kenotoxinforschung zur Eiweiß- überempfindlichkeit. Von den meisten x\utoren wird wohl jetzt die Eiweißanaphylaxie als parenteraler Verdauungsvorgang aufgefaßt. Diese Ansicht wurde in Deutschland schon seit Jahren in Anlehnung an den PFEiFFERSchen Endotoxinbegriff entwickelt. Das allbekannte bakterizide Experiment übertrug Weichardt ^ im Jahre 1902 zuerst auf Körpereiweiße. Er ließ frisches cytolytisches Serum von Tieren, die mit Syncytialzellen- eiweiß behandelt worden waren, in vitro bei 37 o stundenlang auf Syncytialeiweiß einwirken und gewann auf diese Weise starkwirkende, wasserlösliche Gifte. Vor allem zeigte das weitere Studium des bei der Anaphylaxie in Frage kommenden Giftspektrums, daß bei paren- teraler Verdauung von Eiweiß in vitro Eiweißspaltprodukte entstehen. Werden die höhermolekülären dieser Eiweißspaltprodukte von den weniger hochmolekularen durch Dialyse gereinigt, so erhält man, wie das früher schon beschrieben wurde, nach raschem Verdunsten des auf dem Dialysator Zurückgebliebenen bei 30 o gelbe in Wasser lösliche Schuppen, deren Lösung, frisch injiziert, das typische Bild der Keno- toxinvergiftung hervorruft. Ganz ähnliche Teilsymptome : Tempe- ratursturz, Atemverlangsamung, Sopor, beobachtet man auch bei ge- wissen Formen der Eiweißanaphylaxie. Verf. hat daher seiner- zeit *3 (jie Vermutung ausgesprochen, daß das Giftspektrum, welches bei parenteraler Verdauung den Anaphylaxiesymptomenkomplex aus- löst, genau dieselben Teilgifte mit enthalten müsse, wie die schon früher von ihm beschriebenen hochmolekularen Eiweißspaltprodukte. In der Tat konnte später gezeigt werden, daß, wie nach parenteraler Verdauung von Eiweiß mit cytolytischen Antikörpern, ebenso auch nach parenteraler Verdauung mit bekannten Fermenten (Pepsin, Trypsin, von Fistelhunden) ähnlich wirkende toxische Produkte ent- 1512 WoLFGA^'G Weichardt, stehen. Schittenhelm & Weichardt- trennten durch Dialyse wieder- um die höhermolekularen im Dialysator zurückbleibenden Spalt- produkte von den niederen ab. Es stellte sich hierbei heraus, daß es mit Hilfe von Fermenten und cytolytischen Antikörpern bei weitem schwieriger ist, bestimmte hochmolekulare Eiweißabbaustufen zu erzielen, wie mit Alkalien und Säuren. Bei fermentativen Spaltungsmitteln geht nämlich leicht ein zu weitgehender Abbau bis zu wenig oder gar nicht mehr wirk- samen niedrigmolekularen Spaltprodukten vor sich. Auf diesem Ge- biete begegnen sich übrigens die Erfahrungen der beiden Autoren mit denen von E. Pfeiffer & Bessau auf bakteriellem Gebiete. Auch diese sahen in einem weiteren Abbau durch einen bakteriziden Anti- körper die Zerstörung der Wirksamkeit ihrer Endotoxine. Es liegt auf der Hand, daß gerade der Kenotoxinanteil des Gift Spektrums, als hochmolekularer, besonders leicht durch weiteren Abbau in weniger hochmolekulare Bestandteile zerlegt wird. Daß dieser Kenotoxin- anteil übrigens in allen Endotoxinspektren, also auch in den bakte- riellen, vorkommt, hatte Verf. schon früher mittels biologischer Ver- suche festgestellt. Durch einen monatelang fortgeführten Immunisierungsversuch konnte gezeigt werden, daß ein im X-Gleichgewicht eingestellter Hund sich besonders rasch und vollständig gegen die Wirkung der höhermolekularen Eiweißspaltprodukte immunisiert hatte und nach weiteren Injektionen nicht mehr mit Temperaturerniedrigang und Sopor reagierte. Die Gewöhnung au die weniger hochmolekularen Spaltprodukte dagegen war auch nach monatelanger Injekiion gering. An dieser Stelle darf eine Art von Ueberempfindlichkeit nicht übergangen werden, die mittels Reinpräparaten von Kenotoxin und Antikenotoxin studiert werden kann. Der mit Anaphylaxie Beschäf- tigte hat allerdings selten Gelegenheit, dieselbe in voller Reinheit zu beobachten : Wie wir im vorigen Kapitel schon gesehen haben, ist der Zell- stoffwechsel so zu beeinflussen, daß das Tier entweder im Sinne gesteigerter Resistenz oder gesteigerter Ueberempfindlichkeit reagiert. Bei den mit dem Reinkenotoxin injizierten Tieren tritt nach relativ kurzer Latenzzeit Körpertemperaturerniedrigung, Atemver- langsamung und Sopor ein. War jedoch das zum Versuche dienende Kenotoxin nicht hinreichend gereinigt, oder bei langsamer Herstellung nicht mehr unzersetzt, enthielt es neben dem hochmolekularen Toxin noch reichlich einfachere Spaltprodukte des Ei- weißes oder giftige Zersetzungsprodukte des Kenotoxins, so traten vorwiegend durch antikörperartige Einwirkung nicht mehr beeinfluß- bare schwere, unter Umständen deletäre Symptome bei den Tieren in Erscheinung: Krämpfe, Lähmungen, Blutdruckerniedrigung, aus- gebreitete Oedeme usw. Nun zeigte sich, daß die gegen Kenotoxin passiv immunisierten Tiere gegen diese deletären Giftkomponenten weit empfindlicher sind als die unvorbehandelten. Während die letzteren zunächst durch die Wirkung des zugleich mit vorhandenen Kenotoxins in Sopor ver- fallen und dadurch etwas geschützt werden, treten die Wirkungen der deletären Komponenten, z. B. Krämpfe, bei den gegen Kenotoxin immunisierten Tieren, bei welchen also die schützende Wirkuns: Ueber Ermüdungsstoffe. 1513 des lähmenden Kenotoxins aus geschalt et ist, bei weitem schneller und heftiger ein. Es kam vor, daß die immunisierten Tiere infolge der Wirkung von sehr deletären Komponenten der Eiweißspalt- produkte in Krämpfen schnell verendeten, während die vor dem Versuche nicht immunisierten, in schwerem, schützendem Kenotoxin- sopor liegenden, sich unter Umständen nach Abklingen des Sopors wieder erholten. Derartige Versuche sind leicht auszuführen mit dem Pepton e carne Merck, welches man als mit vielen niedermolekularen, teilweise sehr deletären Spaltprodukten vermischtes Kenotoxin auf- fassen kann. Injiziert man z. B. hiervon je 0,1 g zwei mittelgroßen Mäusen, von denen die eine am Tage vorher mit Antikenotoxin im- munisiert wurde, so ist diese am nächsten Tage tot, während die unvorbehandelte sich von dem zunächst eintretenden schweren Sopor wieder erholt hat. Nach alledem ist es durchaus plausibel, daß in gewissen Stadien der Eiweißimmunisierung ein ganz ähnlicher Vorgang stattfindet, nämlich die Bildung eines Antikörpers gegen das hochmolekulai'e, wenig deletäre und, da es Sopor veranlaßt, gegen tödliche Kompo- nenten der gebildeten Giftgemische schützende Kenotoxin. Wir haben eine Analogie zu den Versuchen Besredkas, der Tiere durch Narkose gegen die heftigen Anaphylaxiesymptome schützte. Kraus & Biedl erklären diesen Schutz mit Herabsetzung der Erreg- barkeit des Zentralnervensystems. Nochmals sei daher hervorgehoben, daß die wenig deletären, höhermolekularen, Ermüdungserscheinungen erregenden Substanzen unter Umständen dem Organismus als Schutzeinrichtung dienen. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß einem derartigen Kenotoxinschutz auch bei physiologischem Geschehen eine gewisse Bedeutung zukommt. Man kann also mittels vorsichtiger Hydrolyse von Eiweiß Pro- dukte herstellen, mit denen Symptome der Eiweißanaphylaxie ziel- bewußt hervorgerufen werden können. Wie ich aus den neuerdings erschienenen Vorlesungen von Beh- ring ,, Einführung in die Lehre der Infektionskrankheiten" ersehe, sind einige meiner Ausführungen durchaus falsch aufgefaßt worden. Nimmt V. B. doch an, ich hätte die EiweißspaJtprodukte von Kenotoxin- charakter mit den Anaphylaxiegiften oder den bei parenteraler Ver- dauung von Bakterienleibern entstehenden Giften identifiziert. Demgegenüber stelle ich fest, daß nach den angeführten Versuchen hochmolekulare Eiweißspaltprodukte von Kenotoxincharakter nur einen Teil der Anaphylaxiegiftspektra bilden. Je nach der aufgespaltenen Eiweißart sind aber in diesen Gift- spektren noch eine Reihe ganz anders wirkender, meist höchst dele- tärer, oft durch Dialyse von unseren Eiweißspaltprodukten abzu- trennender anderer toxischer Substanzen. Ueber Leistungsbeeinfliissungen beim Menschen. Messungen der Leistungsfähigkeit des Menschen sind bekannt- lich außerordentlich viel schwieriger durchführbar, als die bei Tier- versuchen und fallen unter den strengsten Kautelen selten exakt aus. Beim Tiere kann man quantitativ genau dosierte Reize in Anwendung bringen, beim Menschen sind die Verhältnisse, wenn es sich um Bestimmung der Gesamtleistung handelt, außerordentlich viel kompli- 1514 WOLFGAJSTG WeICHARDT, zierter, und es ist die Wahrscheinlichkeit von aJlerhand Fehlerquellen überaus groß. Daher darf es nicht wundernehmen, wenn in streng wissenschaftlichen Kreisen viele Ergebnisse der sogenannten Ermü- dungsmaßmethoden von vornherein abgelehnt werden. Das suggestive Moment ist ja kaum jemals ganz auszuschalten. Dieses Kunststück gelingt einzig und allein nur dann, wenn das Versuchsindividuum vollkommen im unklaren darüber bleibt, worauf es beim Versuche überhaupt ankommt. Denn es kann selbst ein sehr willenstarker Experimentator beim Autoexperiment die Suggestion nie ganz ausschließen! Ein zweites Moment, welches Ungleichmäßigkeiten bedingt, be- steht darin, daß zumeist das so notwendige, vorher wochenlang durch- zuführende Training ein ungenügendes ist. Nach Lektüre des Kapitels über aktive Immunisierung wird man übrigens die Schwierigkeit, eine gleichbleibende Standardleistung zu erzielen, für durchaus begreiflich finden. Dort wurde des genaueren aus- einandergesetzt, daß nicht allzugroße Kenotoxinmengen nach einer gewissen Latenzzeit im lebenden Organismus gesteigerte Lei- stungsfcähigkeit bedingen. Diese Latenzzeit richtet sich ja im allgemeinen nach der Menge des einverleibten oder des im Organismus selbst gebildeten Kenotoxins. Wir sahen, daß nach Einverleibung kleiner Mengen die Latenzzeit bis zur Mehrleistung eine überaus kurze, der Effekt aber auch nur ein geringer ist. Werden dagegen größere Quantitäten des Kenotoxins injiziert, so ist auch die Latenz- zeit länger, der Mehrleistungseffekt ein entsprechend größerer. Jeder Immunisator weiß nun, daß diese Größen keine ganz konstanten sind, sondern je nach der Tierspecies, dem Alter, ja nach der Individualität und nach äußeren Einflüssen großen Schwankungen unterliegen. Es werden also auch bei Versuchsreihen an untrainierten Personen oft Mehr- und Minderleistungen eintreten, die dem mit derartigen Verhältnissen nicht Vertrauten unerklärlich sind. Nur bei einer wochenlang bis zu einer, zu bestimmter Tages- stunde ausgeführten Maximalleistung trainierten A^ersuchsperson, die über den Zweck des Versuches nicht unterrichtet ist, gelingt es also, nahezu gleichbleibende Standardleistungen zu erzielen, von denen aus erst durch exakt bestimmte Versuchsanordnungen veranlaßte Leistungsergebnisse beurteilt werden können. Was die Zuverlässigkeit der Methoden, Leistungsfähigkeit am Menschen festzustellen, anlangt, so steht noch immer die mit dem klassischen Mossoschen Ergographen zu erreichende mit Recht im Vordergrunde. Bekanntlich besteht der Ergograph aus einer über Rollen geleiteten Schnur, an der ein Gewicht hängt, welches im Takt des Metronoms von dem mit einem breiten Metallring armierten rechten Mittelfinger der Versuchsperson hoch gehoben werden soll, und zwar maximal. Zunächst ist man in^stande, große Hubhöhen zu bewirken, nach und nach werden die Ausschläge kleiner und sinken zuletzt auf Null. Die hierbei gewonnene Kurve gibt die Hubhöhen des Gewichtes in Millimetern an, so daß die Gesamtleistung mit Leichtigkeit ,in Kilogrammeter umgei'echnet werden kann. Eine zweite Methode, die Leistungsfähigkeit am Menschen zu messen, beruht auf der Beobachtung, daß die Sensibilität der Haut bei Ermüdung vermindert wird, was sich durch die Zunahme üeber Ermüdungsstoffe. 1515 der Maximaldistanz nachweisen läßt, d. i. die Entfernung, in der die Berührungspunkte zweier naher Hautstellen soeben zwei Orts- vorstellungen erwecken (FECHXERsche Raumsrhwelle). Es werden also bei geschlossenen Augen des Versuchsindividuums zwei Zirkel- spitzen (Aesthesiometer) an einer feinfühlenden Hautstelle in er- müdetem Zustande der Versuchsperson weiter voneinander aufgesetzt werden müssen, um als Doppelberührung zweier Spitzen genau vermerkt zu werden. Diese Methode eignet sich besonders zu Massen- untersuchungen, und wurde namentlich von Griesbach bei seinen zahlreichen schulhygienischen Arbeiten benutzt. Es würde zu weit führen, auf noch andere weniger wichtige physiologische Methoden hier einzugehen. Für meine eigenen Untersuchungen haben sich die genannten zwei Methoden als nicht ganz ausreichend erwiesen, weil es notwendig ist, im Anschluß an die Kymographionversuche bei Tieren zum Zweck der Kenotoxinstudien, auch beim Menschen einen möglichst großen Teil der Körpermuskulatur zu den Leistungen heranzuziehen. Die für diesen Zweck ersonnene Ermüdungsmaßmethode besteht in folgendem : Die Versuchsperson nimmt in jede Hand eine 2 — 5 kg schwere Hantel und dreht sie bei horizontal vorwärts gestreckten Armen nach dem Pendelschlage einer Sekundenuhr oder des Metronoms um ein Viertel des Kreisbogens nach außen und dann wieder nach innen. Zugleich hebt sie, ebenfalls im Sekundentakte, abwechselnd den rechten und dann wieder den linken Fuß bis zur Kniehöhe. Schon nach 20 bis 30 Sekunden wird die anfangs spielend leichte üebung schwieriger, und plötzlich sinken die Arme infolge hochgradigster Ermüdung. Dieser Zeitpunkt, welcher durch Zählen der Sekunden genau festgestellt werden kann, gibt nach meiner Erfahrung die Stärke des vor der üebung bereits vorhandenen Ermüdungsgrades ebenso sicher an, wie die Ergographenkurve. üeberdies hat diese Hantelfußübuns: den Vorteil, daß in einer recht großen Anzahl von Muskeln Toxin^ gebildet wird, also ungleich mehr als bei Ergographen- versuchen, wo ja nur eine Gruppe der Vorderarmmuskulatur in Tätigkeit tritt. Diese Hantelfußübung hat allerdings, genau wie die Ergographen- methode, nur Wert, wenn der Ausübende vorher sehr sorgfältig trainiere ist, und wenn sekundäre Störungen, namentlich Beein- flussungen suggestiver Natur, vollständig ausgeschlossen werden. Aus einer größeren Reihe von Versuchen, die unter diesen Kau- telen an gut trainierten Versuchspersonen ausgeführt wurden, ging etwa folgendes hervor : Nach der einmaligen, bis zur vollkommenen Ermüdung fort- gesetzten Hantelfußübung ist das Ergebnis der nach 20 bis 30 Minuten wiederholten gleichen üebung eine etwas größere Leistung, und zwar meines Erachtens weil, wie schon erwähnt, durch die erste Anstrengung etwas Kenotoxin im Körper entstanden ist, w^elches nach kurzer Zeit geringe aktive Immunität veranlaßt. Weitere AViederh Ölungen der Hantelfußübungen ergeben dann deutliche Herab- minderung der Leistungsfähigkeit, zeigen also mehr und mehr über- handnehmende natürliche Ermüdung an. Sind dagegen der trainierten ^'ersuchsperson am Tage vorher kleine Mengen des Antikörpers in 1516 WOLFGAXG WeICHARDT, die Subcutis einverleibt, so ergibt sich eine über die alltägliche .wesent- lich gesteigerte Leistimgsgröße. Dieselbe macht sich auch während der nächsten 20 bis 30 Stunden noch geltend und verschwindet erst dann allmählich. Es dürfte der dabei im Körper sich vollziehende Vorgang folo-ender sein : Kleine Mengen des inkorporierten Anti- körpers unterstützen den Organismus in seiner Fähigkeit, die bei der Hantelfußübung sich bildenden Ermüdungsstoffe (Kenotoxin) zu ent- giften, so daß voDe Ermüdung erst später als bei der Standardleistung eintritt. Ob sehr hochgradige Beeinflussung der Leistungsfähigkeit durch antikörperhalt ige Präparate überhaupt möglich ist, läßt sich vor der Hand nur vermuten, da die zurzeit zu erzielenden noch immer nicht so hochwertig, wie es wünschenswert ist, ausfallen. Vielleicht gelingt es später, wenn für diese Forschung größere Mittel zur Verfügung stehen, ganz ideale hochwertige Präparate aus entsprechend ^'iel Ausgangsmaterial herzustellen. Eine weitere für unsere Zwecke brauchbare Methode der Er- müdungsmessung besteht darin, daß Schüler zu Anfang und zu Ende des Unterrichts schriftliche Aufgaben lösen. Die Schnelligkeit und Sicherheit dieser Lösungen lassen er- fahrungsgemäß gewisse Schlüsse auf deren Ermüdungszustand zu, namentlich dann, wenn die Versuche mit großer Vorsicht angestellt und unter peinlichen Kautelen von erfahrenen Schulhygienikern über- wacht werden*). Nach dieser Methode ging unter anderem der Berliner Schul- h3'gieniker Fr. Lorextz vor: Er ließ eine bestimmte Zahl von Schü- lern, angeblich zum Zweck der Platzversetzung, damit Maximal- leistungen gewährleistet werden, nach 5-stündigem Unterricht Rechen- aufgaben lösen und berechnete resp. verglich die Schnelligkeit bei der Lösung gleicher Aufgaben, die Fehlerzahl und die von den Schülern gemachten Korrekturen mit den Leistungen zu Anfang des Unterrichts. Während sich nun leicht feststellen ließ, daß die Leistungen der Schüler nach 5-stündigem Unterricht, sowohl was Schnelligkeit als auch die Qualität anlangt, wesentlich herabgemindert ausfallen, findet z. B. am 30. Juni 1909 Lorentz. der nach dem Frührechnen in der Klasse mittels eines Handsprays, angeblich, um die Luft zu bessern, Antikenotoxinlösung (1-proz.) im Klassenzimmer reichlich verstäubt hatte, die Leistungen trotz des vorhergehenden 5-stündigen Unterrichts als erheblich gebessert; denn 1) die Geschwindigkeit im Rechnen war gestiegen, und zwar um 50 Proz. ; 2) die Fehlerzahl und die der Korrekturen hatte nach dem 5-stün- digen Unterricht doch noch abgenommen. 3) einzelne Schüler, die sonst am Ende des Unterrichts schlaff und müde wurden, hatten bei dem zweiten Rechnen, also nach 5- stündigem Unterricht, einen höheren Platz erzielt, als am Morgen. *) SiKORSKi, BuRGERSTEDf, Höpf>t;r Und Laser bedienten sich dieser Me- thode. Allzusehr auf Einzelheiten des großen Spezialgebietes hier einzugehen, würde jedoch zu weit führen. Kräpelix hat in einer Monographie (Leipzig, Fischer, 1894) diesen Gegenstand vom Standpunkte des Psychiaters aus eingehend behandelt. Ueber Ermüdungsstoffe. 1517 Später hat Lorentz diese Versuche sehr oft mit gleichem Erfolge wiederholt. Seine Erfahrungen legte er nieder in einer Arbeit in Nr. 1 der Zeitschrift für Schulgesundheitspflege (Hamburg, Leop. Voss, 1911), welche aJs Monographie bei demselben Verlage gesondert erschienen ist. Zu ähnlichen Resultaten kam auch Marx Lobsien in Kiel, der an sich selbst derartige Untersuchungen angestellt hat. Er berichtet darüber in einer Monographie, die 1912 bei Herm. Beyer Söhne in Langensalza erschienen ist. Vorkommen des Kenotoxius in Exkreten und ander- weiten Eiweißderivaten. Höhermolekulare, nicht dialysable Bestandteile des Urins sind bereits früher nach verschiedenen liichtungen hin untersucht worden. Allerdings war bis dahin eine direkte chemische Definierung dieser Bestandteile noch nicht möglich. Es war naheliegend, die in den früheren Kapiteln aufgestellten Kriterien auch auf diese hochmolekularen Stoffe anzuwenden und festzustellen, ob irgendwelche Beziehungen zu unseren Ermüdungs- substanzen bestünden. Sowohl mir als auch später Gellhorn ist es gelungen, aus dem Harn Ermüdeter und aus dem Urin von an bestimmten Dann- erkrankungen leidenden Säuglingen durch unsere Methodik, nach schnellem Dialysieren die chemisch definierbaren Substanzen zu be- seitigen und die hochmolekularen Stoffe des Urins zu isolieren. Wurden diese Mäusen injiziert, so trat bei unvorbehandelten Tieren volle Kenotoxinwirkung ein : Temperaturerniedrigung, Atemverlang- samung, Sopor, bei mit Antikenotoxin vorbehandelten nicht. Die Darstellung reinen Kenotoxins aus Menschenharn ist aller- dings nicht einfach und gelingt nur bei raschem Arbeiten. Leichter ließen sich Präparate mit reichlicherem Kenotoxingehalt aus den Exkrementen gut fliegender Vögel, z. B. der Tauben, gewinnen. In jüngster Zeit hat Löwe am HoFMEisTERschen Institute und in der psychiatrischen Klinik zu Leipzig die Harnkolloide von Epi- leptikern und Geisteskranken untersucht. Er weist ebenfalls darauf hin, daß es notwendig ist, hier Isolierungen und Differenzie- rungen der verschiedenen Urinbestandteile vorzunehmen. Das ein- fache Injizieren des Harns in die Blutbahn, wie es als Grundlage für den BoucHARDschen urotoxischen Koeffizientien dient, wird mit Recht abgelehnt. Schon früher nahmen einige Forscher an, daß giftige Stoffe in der Exspirationsluft, eventuell im xltemkondenswasser, vorkommen. Diese Behauptung fand bekanntlich starken Widerspruch. Auch aus unseren Experimentaluntersuchungen ergab sich, daß in der Tat in der Ausatemluft Substanzen vorkommen, die, kleinen Tieren in genügend großer Menge injiziert, Ermüdung derselben hervorrufen. Stark giftig wirkten diese Substanzen nicht. Man darf wohl vermuten, daß die scheinbar toxischen Wir- kungen nicht isotonischer Lösungen, welche injiziert wurden, frühere Untersucher, die stark deletäre Wirkungen sahen, getäuscht haben. Diese uns bekannte Fehlerquelle konnte natürlich leicht vermieden werden. 1518 WoLFGAJXG Weichardt, Der isotonische Dialysatrückstand der bei niederer Tempe- ratur im hohen Vakuum schnell konzentrierten Atemwässer sowohl von Tieren als auch von Alenschen war also, kleinen Tieren injiziert, von deutlich ermüdender Wirkung. Wurde die Injektion wiederholt, so trat unter Temperatursturz Sopor und Verlangsamung der Atmung ein — ganz wie bei Tieren, denen aus Eiweiß abgespaltenes Iveno- toxin injiziert worden war. Da derartige Wirkung bei mit Antikeno- toxin vor dem Injizieren gut immunisierten gleichgroßen Kontroll- tieren ausblieben, so war der Beweis dafür erbracht, daß im Aus- atemwasser hochmolekulare Eiweißspaltprodukte von Kenotoxin- charakter vorkommen. Ob diese Substanz als mit nach außen gerissenes Exkret der ßespirationsorgane aufzufassen ist, oder ob man sie als ein durch Fermentwirkung abgebautes höhermolekulares Eiweißspaltprodukt an- zusehen hat, kann natürlich ohne weiteres nicht entschieden werden. Wie man bei gewissen Vorsichtsmaßregeln genügende Mengen reinen Ausatemkenotoxins gewinnen kann, und wie damit über- zeugende biologische Versuche und Kontrollversuche angestellt werden, ist in meiner Monographie ,,Ueber Ermüdungsstoffe", Stuttgart, Ferd. Enke, S. 70 — 72, eingehend beschrieben. Da ein derartiger Versuch mit Ausatemwasser, welches in ver- dünnten wässerigen Lösungen schnell unwirksam wird, dem Experi- mentator gewisse Schwierigkeiten bietet und überaus leicht mißglückt, so schien es wünschenswert, namentlich auch für quantitative Be- stimmung der Beimischung von Eiweißspaltprodukten, eine ßeageuz- glasmethode zur Untersuchung der Ausatemluft aufzufinden. Die charakteristische Beeinflussung von Katalysatorenwirkung durch Eiweißspaltprodukte von Kenotoxincharakter schien vor allem geeignet, diesen quantitativen Nachweis zu ermöglichen. Wenn wir bedenken, daß die chemischen Prozesse des Tierkörpers größtenteils unter Katalysatorenwirkung vor sich gehen, so ist von vornherein verständlich, daß eine derartige Maßmethode, da sie dem natürlichen Geschehen sehr nahe kommt, den Tierversuch ersetzen kann. Wir verwandten zunächst das Hämoglobin. Später bedienten wir uns PAALScher kolloidaler Metalle als Katalysatoren: Saugt man durch eine mit Glasperlen gefüllte Waschflasche, in der sich Glyzerin mit kolloidalem Osmium befindet, Ausatemluft eines Meerschweinchens oder Luft eines geschlossenen Zimmers, in dem sich Menschen aufhielten, so vermag das kolloidale Osmium Sauerstoff aus zugefügtem Terpentinölwasser nicht mehr so zu über- tragen, wie mit kolloidalem Osmium versetztes Kontrollglyzerin. Es wird daher Jodkaliumstärkelösung nicht mehr so schnell gebläut, wie in der KontroUröhre. Durch Titration mit Natriumthiosulfat kann diese Beeinflussung quantitativ bestimmt werden. Es wird Glyzerin als Waschflüssigkeit verwendet, weil es die Eiweißspaltprodukte besser a^s Wasser konserviert und weil Um- setzungen durch hydrolytische Prozesse, die in verdünnten wässerigen Lösungen leicht vor sich gehen, hierdurch vermieden werden. Ein für derartige Luftuntersuchungen geeigneter Saugapparat, der von einem kleinen Elektromotor betrieben wird, fertigt nach meinen Angaben die Firma Reiniger, Gebbert & Schall an. Inaba vermochte besonders wirkende organische Substanzen in dem Ausatemwasser nicht nachzuweisen. Demgegenüber kam Rosenau Ueber Ermüdungsstoffe. 1519 auf Grund zaMreicher Aiiaphylaxieversuche zu der Ueberzeugung, daß Proteinsubstanzen in kolloidaler Suspension in die Wasserdämpfe der Ausatemluft mit übergehen. Hiermit werden aber von uns früher gemachte Angaben be- stätigt, daß mit Ausatemwasser Meerschweinchen sensibilisiert werden können. Man wird sicli also an die Vorstellung gewöhnen müssen, daÜ Spuren proteitischer Substanz in die uns umgebende Luft mit übergehen und dort länger als man früher ahnte, schwebend ver- harren können. Da es mit Leichtigkeit gelingt, auch aus Pflanzeneiwciß Kenotoxin abzuspalten, so war zu untersuchen, ob nicht auch beim Chemismus der lebenden Pflanze unter Umständen Kenotoxinbildung stattfindet. Es wurde deshalb ein Pflanzenextrakt, das Opium, auf Kenotoxingehalt geprüft. In der Tat gelingt es, den Alkaloidgehalt des Opiums voll- kommen zu beseitigen und mit dem gereinigten Rest an Mäusen Kenotoxinwürkung, die bei mit Antikenotoxin immunisierten Kontroll- tieren ausbleibt, hervorzurufen. Schließlich sei noch erwähnt, daß Kenotoxin auch ein Teilgift der Bakterienendotoxine ist. Besonders bei den saprophytischen Bakterien gelingt dessen Nachweis sehr leicht. Bei pathogenen Mikroorganis- men dagegen sind die deletären Komponenten der Endotoxine dem Nachweis unter Umständen sehr hinderlich, weil das Antikenotoxin- kontrolltier gegen diese nicht geschützt werden kann, sondern im Gegenteil hochgradig empfindlich wird (s. xinaphylaxie, S. 1512). Bei Endotoxinen, z. B. beim Tuberkulin, läßt sich übrigens der Nachweis des Kenotoxins mit Hilfe des Conjunctivfilters führen, durch welches die deletären Komponenten weit schwieriger dringen, als unser Kenotoxin : Man träufelt Versuchsmäusen wiederholt Tuberkulin in die Augen. Immunisierte Kontrolltiere bleiben dann intakt, nicht immu- nisierte, unvorbehandelte Mäuse verfallen allmählich in Sopor. Der- artige Tuberkulinconjunctivalreaktionen wurden vom Verf., was in der Literatur über diese Reaktion nirgends Erwälmung gefunden hat, bereits im Jahre 1906 auf der Naturforscherversammlung in Stutt- gart demonstriert. (S. Med. Klin. 1906, Nr. 44.) Weil mehr Eiweißspaltprodukte von Kenotoxincharakter als im Alttuberkulin vorhanden sind, entstehen, wenn Tuberkelbacillen in vitro mit frischem Meer schweinchenserum der Ver- dauung unterworfen werden. Diese Produkte kann man im Sinne der Entgiftung direkt mit unserem Retardin beeinflussen, so daß nach einmaliger sub- kutaner Injektion der Unterschied zwischen Kontroll- und Antikörper- tier sehr deutlich wird (s. Vers. S. 1521). Will man ein gleiches mit KocHschem Tuberkulin erreichen, so muß dieses Präparat in ganz kleinen Dosen wiederholt injiziert werden. Man kann dann den Zellstoffwechsel so beeinflussen, daß die Versuchstiere unter voller Kenotoxinwirkung stehen, sehr niedere Körpertemperatur und verlangsamte Atmung aufweisen; die tags vorher mit Antikenotoxin behandelten Tiere sind dagegen in bemer- kenswerter Weise gegen wiederholte Einverleibung kleiner Tuber- 1520 Wolfgang Wbiohardt, kulindoseu geschützt: ihre Körpertemperatur wird nicht erheblicli erniedrigt, ihre Atemfrequenz bleibt normal (Med. Klinik, 1906, Nr. 44)*). Neuerdings hat J. Citron, auf Komplementbindungs versuche ge- stützt, ähnliche Vorstellungen über die Wirkung des Tuberkulose- virus veröffentlicht. Sie gipfeln in der Annahme, daß hierdurch Körpereiweiß entarteignet wird und dabei antigenen Charakter an- nimmt. Auch durch neuere Anaph3daxieforschungen wird das Ent- stehen von Eiweißspaltprodukten aus Körpereiweiß mehr und mehr sichergestellt. Man sieht also, daß eine Vorstellung, welche der Kenotoxin- forschung anfangs zum Vorwurf gemacht wurde, weil sie gegen das Gesetz des horror autotoxicus Ehrlichs verstoßen sollte, jetzt auch von anderen Forschern anstandslos angenommen wird. Versuche, pathologische Vorgänge durch Antikenotoxin zu beeinflussen. Früher haben wir gesehen, daß je nach den Dosen des ange- wendeten Reinkenotoxins nach kürzerer oder längerer Latenzzeit entweder aktive Kenotoxinimmunisierung, Steigerung, oder aber, bei sehr großen Dosen, Verminderung in der Leistungsfähigkeit eintritt, die eventuell bis zu schwerer Schädigung des Organismus führen kann. Letztere Prozesse gehören nicht mehr in das Gebiet der Physio- logie, es sind pathologische. Bei der Leichtigkeit, mit welcher Kenotoxin abgespalten wird, schien es nicht ausgeschlossen, daß seine Wirkung auch bei Infektions- prozessen mit in Frage komme. Daher wurden Versuche auch nach dieser Richtung hin angestellt. Man vermag bekanntlich Reinkulturen pathogener Keime exakt zu dosieren. Die Mikroorganismen entwickeln sich, einem Versuchs- tiere injiziert, je nach der injizierten Quantität, ihrer Virulenz und der Empfänglichkeit verschieden schnell. Es erschien zweckmäßig, für unsere Versuche langsam wachsende Keime — Tuberkelbacillen — zu wählen, und zwar wurde die Keimzalil der Kulturen nach Vor- versuchen so eingerichtet, daß ungefähr nach 4 bis 5 Wochen allge- meine Tuberkulose nachweisbar war. Zu seinen Versuchen wählte Fluhrer^ Ziegen. Die Infektion geschah durch Injizieren stets gleicher Bacillenmengen in die Euter. Einem Teil der Tiere wurde täglich reichlich Antikenotoxin ein- verleibt. Nach dem Schlachten der Ziegen stellte sich heraus, daß die mit Antikenotoxin behandelten nur örtlich, am Euter, tuberkulös waren, die andern, ebensolange vorher injizierten Kontrolltiere da- gegen allgemein tuberkulös. Es hat sich also bei diesen* von Fluhrer mit großer Genauigkeit und Sorgfalt ausgeführten Versuchen ergeben, daß an und für sich langsam wachsende parasitäre Gebilde, wie die Tuberkelbacillen, noch weit langsamer gedeihen, wenn den Versuchstieren Antikenotoxin reichlich und dauernd beigebracht wird. *) Eine Ausfükrungsform dieser Eeaktion ist in den „Ermüdungsstoffen", 2. Aufl. auf S. 52 dargestellt. Ueber Ermüdungsstoffe. 1521 Ob man diese AVirkung de-s Antikenotoxiiis so zu deuten hat, daß den Mikroorganismen die ihnen zur Anregung des Eigenwachstums unentbehrliche geringe Menge des Kenotoxins (s. Protoplasmaakti- vierung) weggenommen wird, oder ob es sich um eine Anregung des Zellstoffwechsels der injizierten Tiere und um Steigerung der Schutz- einrichtungen handelt, ist vorderhand experimentell wohl kaum zu entscheiden. Jedenfalls besteht aber die Annahme, daß langsam wachsendes parasitäres Material durch Antikenotoxin beeinflußt wird, zu Eecht. Bei solchen Versuchen ist allerdings zur richtigen Dosierung genaue Kenntnis des Infektionsmaterials Voraussetzung. Deshalb ver- laufen z. B. Experimente mit sehr rasch und energisch wachsendem Geschwulstmaterial nicht ohne weiteres eindeutig. Immerhin glaube ich auch bei Carcinomimplantationen an Mäusen derartige Beein- flussung durch Antikenotoxin wahrgenommen zu haben. Es sollten Forscher, welche durch Injektion eiweißhaltigen Materiales eine ge- wisse Carcinomimmunität erzeugt haben, im Auge behalten, daß durch die Eiweißinjektionen zunächst eine aktive Kenotoxinimmunität angeregt wird, welche dann eine erhöhte Eesistenz der Versuchstiere bedingen kann. Inwieweit Kenotoxinimmuuisierungen, seien es nun derartige aktive oder passive, oder vielleicht kombinierte Simultanimmuni- sationen, zu therapeutischer Verwertung Anwendung zu finden be- rufen sind, entzieht sich nattirlich jetzt, wo dem Antikenotoxin die Klinik noch nahezu verschlossen ist, dem Urteil*;. Ein hierher gehörender technischer Anhang mußte Platzmangels halber fallen. Es wird auf die Monographie : Ueber Ermüdungsstoffe (Stuttgart, Ferd. Enke, IL Aufl.) verwiesen, in der die Technik der Kenotüxindarstellung etc. des genaueren beschrieben wird. In jüngster Zeit sind in unseren Laboratorien sehr beachtens- werte Versuche mit einem Toxin ausgeführt worden, welches ent- stand., wenn man -Tuberkelbacilleneiweiß und frisches Meerschwein- chenserum in vitro aufeinander einwirken ließ. AVurde dieser Mischung eine geringe Menge Eetardin zugefügt, so verliefen die Inj ektions versuche mit den gewonnenen toxischen Substanzen nicht mehr gleich; denn es hatte das Eetardin (Antikeno- toxin) verändernd im Sinne einer gewissen Entgiftung auf das Tuber- kelbacilleneiweiß-Serumgemisch eingewirkt. Es wurden z. B. 0,1 g in der Kugelmühle zerriebene Tuberkel- bacillen (Höchst) mit 2 ccm frisch entnommenen Meerschweinchen- serums und 1 ccm physiologischer Kochsalzlösung verrieben, und die Mischung, welche 24 Stunden in Zimmertemperatur stand, wiederholt kräftig umgeschüttelt, ebenso 0,1 g Tuberkelbacillen, 2 ccm Meer- schweinchenserum und 0,1 ccm einer Eetardinlösung (1:1000). Wenn von den beiden Mischungen je 0,6 ccm der über dem Bodensatz stehenden Flüssigkeit zwei gleichen, 15 g schweren Mäusen subkutan injiziert wurde, verhielten sich diese, wie aus folgender Tabelle erhellt: *) Indes ist zu hoffen, daß wir auch hierüber bald genauer orientiert sein werden, da die Ausbeuten an wirksamen Substanzen zurzeit bessere sind, als früher, und zwar besonders infolge der gelungenen chemischen Definierung einzelner Bestandteile des Antikenotoxingemisches. Handbuch der pathogenen Mikroorganismen. 2. Aufl. II. . VO 1522 Wolfgang Weichardt, Zeit Temperatur Bemerkungen Kontrolltier j Antikörpertier 550 ßio 630 645 1700 815 37,5 36,75 36,5 35,5 34,5 30,5 37,5 37,75 37,5 37,5 37,5 36,5 Injektion von je 0,6 ccm Der Unterschied zwischen beiden Tieren wird 1 immer auffallender. Das Kontrolltier ist [schwer soporös, hat verlangsamte Atmung; das Antikörpertier ist munter. Mit diesem Nachweis einer Wirkung unseres Retardins auf die Leibessubstanz der Tuberkelbacillen in vitro wird aber für die gün- stige Wirkung der Retardinbeliandlung von tuberkulosebeimpften Zie- gen Fluhrers eine chemotherapeutisclie Erklärung ermöglicht. Es ist zu erwai'ten, daß derartige auch für die Praxis nicht wert- lose Ergebnisse aus der Kenotoxinforschung noch mehrfach erwachsen werden. Ijiteratur. Die gesamte neuere Immunitätsliteratur findet sich im Jahresberichte über die Ergebnisse der Immunitätsforschung, Stuttgart, Ferd. Enke, Bd. 1 — 7. ^Abderhalden, E., Lehrbuch der physiologischen Chemie. Berlin, Urban & Schwarzenberg, 190J), s. daselbst die Literaturangaben in bezug auf physio- logisch-chemische Literatur. * — Die Anwendung der „optischen Methode" auf dem Gebiete [der Immunitäts- forschung. Med. Klinik, Jg. 5, 1909, Nr. 41, S. 1544. ^— Med. Klinik, 1910, Nr. 41. 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Weichaedt & Kümmell, Studien über die Organspezifität des Uveaeiweißes. Münch. med. Wochenschr., 1911, Nr. 12. Weichaedt, Mosbachee & Exgelhoex, Experimentelle Studien mit menschlichem Syncytiotoxin. Arch. f. Gynäkologie, Bd. 94. H. 3. Weichaedt & Müller. Ueber das Sichtbarmachen von Antigen -Antiköri)er- bindungen in vitro. Centralbl. f. d. ges. Phvsiol. u. Pathol. des Stoffwechsels, 1911, Nr. 9. Weichaedt & Pilz, Experimentelle Studien über die Eklampsie. Deutsche med. Wochenschr., 1906, Jg. 32, Nr. 4f). S. 1854. ^Weichaedt & Schwenk, Ueber Beeinflussung von Katalysatoren durch Eiweiß- spaltprodukte. Centralbl. f. Bakt., Orig., Bd. 67, S. 384. _ - — — Ueber ermüdend wirkende Eiweißspaltprodukte imd ihre Beeinflussung. Zeit- schrift f. physiol. Chemie, Bd. 83, H. 5, S. 381. Weichaedt & Stadlingee, Ueber Opiumtoxine. Biochem. Zeitschr., Bd. 3, H. 5 und 6. Weichaedt & Stöttee, H., Ueber verbrauchte Luft. IL Mitt. Arch. f. Hyg. Bd. 75, 265. Ueber Ermüdungsstoffe. 1527 * Winterstein, Zur Kenntnis der Narkose. Zeitschr. f. allgem. Physiologie, Bd. 1, 1902. 2— Die Ermüdung. Med. Klin., ltK)6, Nr. 48, S. 1261 u. 1290. ZuNZ, E., Recherches sur l'anaphvlaxie par les prot^oses. Zeitschr. f. Immuuitätsf., Bd. 16, H. 5/6. ^ZuNTZ, StofFverbrauch des Himdes bei Muskelarbeit. Pflügers |Archiv, Bd. 68, 191, 1897. - — Bedeutung verschiedener Nährstoffe als Erzeuger der Muskelkraft. Ebenda, Bd. 83, 557. ä — Einfluß der GreschAvindigkeit, der Körpertemperatur usw. auf den Stoffverbrauch bei Ruhe und Arbeit. Ebenda, Bd. 95, 192, 1903. * — Die Kraftleistungen des Tierkörpers. Berlin, 8. Parey, 1908. ZuNTZ, LoEWi, Müller, Caspari, Höhenklima und Bergwanderungen. Stuttgart, Bong & Co., 1906. ZüNTZ & ScHUMBERG, Studien zu einer Phvsiologie des Marsches. Berlin, Hirsch- wald, 1911. Sachregister. Aalserum als Autigeu 110; hämo- lytische Wirkung 1410, 1414; Ana- phylatoxinabspaltung 323; Anaphy- laxie gegen 967, 989. — antitoxin 257; Wirkungsweise 272. Abdampfapparat nach Kasparek 161. Abkühlung, Einfluß auf Hämo- lysinbilduug 820; auf Komplement- gehalt der Sera 866. Abort, seuchenhafter der Rinder, Ag- glutinationsreaktion bei 550. Abrin 1462; als Antigen 109; als Präzipitinogen 742; Allergie gegen 965; Immunisierung gegen 1464; Vererbung der Immunität 1162. Abschwächuug der Infektions-Er- reger durch: hohe Temperaturen 10; Trocknen 15; andere physikalische Mittel 17; chemische Mittel 18; Pas- sage durch künstliche Nährböden 21; Tierpassagen 22. — der Toxine 104, 110. — der Komplemente 867. Absorption, elektive der Aggluti- nine 519, 541, 544; der Immun- körper 365. A b s o r p t i o n s k o e f f i z i e n t bei Bin- dung zwischen Agglutinin u. agglu- tinabler Substanz 589. Abszeßbildung, Komplementver- minderung bei 865. Abtötung der Infektionserreger : durch Erhitzen 36; durch chemische Mittel 56, 101; in Leukocyten 458. Achatmörser für Bakterienzertrüm- merung 89. Addiment 357. Aderlaß, Einfluß auf: Agglutinin- bildung 532; Hämolysinbildung Ä2(J; Komplementgehalt der Sera 866. Adrenalin, Wirkung bei Anaphy- laxie 1062, 1063. Adsorption bei Ambozeptorbindung 834, 835, 863, 883; bei Präzipita- tionsreaktion 760; Toxin- Antitoxin- Reaktion 274; der Immuustoffe 1245, 1253; Spezifizität 1266. Affe, Anaphylaxiereaktiou bei 977, 1012. — Antikörpergewinnung an 195. — Immunisierung gegen: Pest 51; Po- liomyelitis 17; Tuberkulose 6. Affenblut, Leukocytenfermente im 1303. Agglutiuabilität der Bakterien 493, 501, 502, 565; in Bez. zu Viru- lenz u. Bindungsvermögen 506; Ein- fluß des Nährbodens auf 573. Agglutinat 597, 613. Agglutination, Geschichtliches 483 ; Phänomen 487 ; Untersuchungs- methodik 491; Spezifizität 521, 534; bei Serumdiagnostik der Bakterien und Infektionskrankheiten 547; Be- deutung der Salze 593, der Lipoide 1283; in Bez. zur Immunität 509, zur Präzipitation 599, zur Komple- mentbindung 371, 372, 514; Theo- rien 605: direkte und indirekte nach Stern 538; amorphe 491; gekreuzte 547 ; durch chemische Substanzen 616, durch kolloide Substanzen 1250, 1251 ; störende Einflüsse bei Phago- cytoseversuchen 416; Notwendigkeit hochwertiger Sera 545: zur Antigen- konzentrierung 160. A g g 1 u t i n i n e 576 ; Avidität 585 ; Bin- dung mit der agglutinablen Substanz 589 ;_ Bildungsstätte 531, 532; Er- scheinen im Blut 525; Haltbarkeit im Organismus 526: Vererbung 528, 534, 1160, 1161, 1162; Ausscheidung 529; Reindarstellung 229; Konser- vierung 205, 206, 208, 209: Aus- beute bei verschied. Immunisierung.?- methoden 133; Auswahl der Impf- tiere bei Gewinnung 195: Differen- zierung von Mitagglutininen 537; Bez. zu Tropinen 453, zu Bakterio- lysinen 510, 511; in Milch, Tränen usw. 350; in Galle und Harn 529. Agglutinoide 260, 579, 591. Agglutinophor 807. Agglutincskop 496. Aggressine der Bakterien 304, 333, 373, 465; Eigenschaften 334; künst- Sachregister. 1529 liehe 74, 334; m Bez. zur Virulenz 376; Iminunisierung mit 62, 87, 346; Antigengewinnuug dazu 88. Aktinieu, Entodermphagocyten bei 664. Aktiniengift, Allergie gegen 965, 967, 976, 989. Aktiuodiastase 665. A k t i n o m y k o s e , Phagocytose bei 691; l::;eruradiagnostik durch Agglu- tination 564. Album lue des Blutserums 212; ana- phylaktogene Wirkung 1000; Im- munkörper in 347. Albumin okoaguline 956. Aleuronatinjektion zur Leuko- cytengewinnuug 418; zur Komple- mentgewLnnung 370, 865. AI ex ine 299, 351, 356, 678, 695; Quellen 304; Absorption 303; ehem. Xatur 300; Zurückhaltung durch Filter 299; indirekte Wirkung 458; Unterschiede gegen Plakanthrako- zidin 326. Alexocyten Büchners 304. Alkalien, Wirkung auf: Agglutinine 230, 579, 581, 595; Ambozeptor- bindung 827; Anaphylaktogeue 1007; Bakteriennukleoproteide 1364; Hä- molysine 850; Komplemente 869, 884; Präzipitine 753, 757; Präzipi- tinogene 739, 742; Ricinagglutina- tion 1457. — bei Herstellung von Bakterienextrak- ten 76. Alkalisalze, Bedeutung bei Agglu- tinationsreaktion 594. A 1 k a 1 i s e r u m a I b u m i n a t , Bakteri- zidie durch 347. Alkohol, Wirkung auf Infektions- erreger 18, 58; auf Antikörperpro- duktion 335; auf Hämolysinbildung 820; auf Phagocytose 432; auf Kom- plementbildung 865; auf Bakterien- nukleoproteide 1364; bei Bakterien- extraktgewinnung 84; bei Antigen- konservierung 158. Allergene 947. Allergie 947, 964; als Ausdruck einer Immunität 948; gegen nicht-antigene Substanzen 950; gegen Toxine 958, gegen spez. Eiweiß 963, 1123. Allergin 1011. A 1 1 1 u b e r k u 1 i n als Antigen 80 ; Komplementverminderung durch 866. Aluminiumhydroxyd, Agglutina- tionswirkung 1250, 1251. A 1 u m i n i u m s u 1 f a t , Antitoxinaus- fällung durch 283. Amanitatoxin 1466; als Antigen 109; Antitoxin gegen 256, 260. Ambozeptoide, cytophile 860, 899. Ambozept or en , bakt er ioly ti- sche s. ,,Bakteriolysine". — hämolytische s. „Hämolysine". Ambozeptor-Einheit 818. Ambrosiapollen, Giftwirkung 1473, 1479. Ameisen, Phagocytose b. Verwand- lung der 669. Amibodiastase 661. Aminosäuren, Einfluß auf hämo- lytische Serumwirkung 874. Ammenversuch Ehrlichs 1158. Ammoniumchlorid, Wirkung auf Bakterizidie des Blutes 299. Ammoniumsulfat, Wirkung auf Aggluttnme 576, 596; auf Bakterien- nukleoproteide 1364; auf Bakterizidie des Blutes 299; auf Kompiement- wirkung 869. — bei Gewinnung von: Bakterien- extrakten 75; Antitoxinen 214, 221, 223, 283, 285; Hämolysinen 228: Präzipitinen 232, 735. Amphibien, Phagocytose bei Ver- wandlung der 671. Amylase als Antigen 127. Amyloid, Artspezif izität 993. An aerobe, Toxtnbildung 99; Hämo- toxine der 1359. Analexin s. „Anaphylaxin". Anämie, Antif ermenttiter bei 1321 : Phagocytose von Ervthroevten bei 428, 429. A n a p h y 1 a k t i n s. „Anaphylaxin"'. Anaphylaktogene 975; Verhalten der verschiedenen Tierspecies 976; primäre Toxizität 988; Spezifizität 989 ; ehem. - physik. Eigenschaften 998; Bez. zu anderen Funkt, blut- fremder Eiweißkörper 1009. Anaphylatoxine 1030, 1041; Bez. zu den Toxinen 246; Verhinderung ihrer Bildung durch Phagocytose 405; aus Bakterien 317; aus Cobra- gift 1437. Anaphylaxie 963, 966; Geschicht- liches 966; Antigene 975; aktiv- anaphylakt. Versuch 978 (Vorbe- handlung 978, Inkubation 981, Dauer 983, Probe 984); homologe und he- terologe passive 974 (Versuchs- technik 1011); hereditäre 1020_; Ver- halten der Komplemente 1025; Ur- sache ihrer Erscheinmigen 987, 1030. 1059 ; Antigen-Antikörperreaktion 1035, 1039; lokale und allgemeine 968, 1078, 1079; antagonistische Ein- flüsse 1079; Vererbung 1168; Bez. zur Pathologie des Menschen 1119. zur Kenotoxinforschung 1511; Be- deutung der Lipoide für 1286; Einfl. auf Virulenz der Bakterien 151; Einfl. des Impfturnus 154; bei Simultan- tmpfungen 166, 169; gegen Tuber- kuloproteine 1109; bei Heufieber 1488. 1530 Sachregister. Anaphylaxin 963, 974, 1011: quan- titative Bestimmung 1013; Bildungs- stätten 1017; zeitl. Ablauf der Pro- duktion 1016; Eigenschaften u. Bez. zu anderen Eiweißantikörpern 1021. Anaphj'laxogen s. ,,Anaphylakto- gen". Anatoxin s. ,,Anaphylaktogen". Ancistrodou-Gifte 1381.1390,1391. Antagonismus normaler Sera gegen spezif. Wirkungen der Immunsera 373. Anthrakozidine 301, 309, 325. Antiabrin 1464; Gewinnung 256; Wertbemessung 1211. Antiagglutinine 584, 847 ; gegen Ricinagglutinin 1457; gegen Abrin- agglutinin 1464. Antiaggressine bei Wertbemessung der Schutz- und Heilsera 1182. Antialkoholserum 953. Antiambozeptoren in Immunseris 861, 904. Antianaphylaxie 964, 975, 1081; Dauer 1083; Spezif izität 1086. Anticrotiu 1466; Wertbemessung 1211. Antiendotoxine 315; Bez. zu den Toxinen 244; bei Wertbemessung der Schutz- und Heilsera 1182. Antierythrocytensera, Cytro- tropine der 441 ; Bez. zwischen lyt. und cytotroper Wirkung 447, 448. Antifermente, Gewinnung 126, 226; therapeut. Verwertung 1323. — der Leukocyten s. „Leukocytenfer- mente". Antiformin, Bakterien extraktgewin- nung durch 77; Wirkung auf ag- glutinable Substanz der Bakterien 567. Antigene, Herstelluugsmethoden 1 ; Bakt.-Extrakte als 61; Bakt.-Stoff- wechselprodukte als 94, 736; pflanz- liche Gifte als 107; tierische Gifte als 109; Fermente als 126; Lipoide als 1284; Bakteriennukleoproteide als 1366; Arten der A. -Verabreichung 128; Dosierung 144; Virulenz 150; BLndungsvermögen, Xährbodenein- fluß 152; Impfturnus 152; Konser- vierung 155 (durch Trocknung 156, durch Chemikalien 157, durch Schutzkolloide 160); Konzentrierung 160; als Kolloide 1241; monovalente 964; polyvalente nach Pick 964. Antihämotoxine gegen Bakteriea- hämotoxine 1338; in Normalseris899. 1338; in Immunseris 902, 1339; Wirkungsweise im Reagenzglase 1340, im Tierkörper 1343; Reindar- stellungsversuche 226. — gegen Hämolysine von: Staphj'lo- kokken 1346 ;' Streptokokken 1350; Vibrionen 1354; Megatherium 1355; Pyocyaneusbacillen 1357 ; Diphthe- riebacillen 1358. Antikenotoxin e 257, 1510; Wir- kung bei pathologischen Vorgängem 1520. Antikomplemente 368, 371, 854, 861, 895, 899, 902. Antikörper, Bildung bei aktiver Im- munisierung 335; Vererbung seitens der Mutter 1157; als Kolloide 1241; Unterscheidung der verschiedenen 454; System nach NicoUe 924, 956: Gewinnungsmethoden 193 (Auswahl der Impftiere 195; Blutentnahme 196. 200, 202); Konservierung 203; Kon- zentrierung 210; Reindarstellungs- versuche 211. — anaphylaktische siehe „Anaphy- laxin". — cytotoxische 926. — k o m p 1 e m e n t b i n d e n d e 855, 915 ; Reindarstellung 223 ; Konservierung 205; Resistenz 920; Bez. zu den Agglutininen 514, zu den anaphylakt. Antikörpern 1023; Spezif izität 922; bei Wertbemessunsj der Schutz- u. Heilsera 1181. — phagocytoseerregende 403. 409, 697. Antikörperkurven 194, 200. A n t i 1 e u k 1 X i n e im Immunserum 376. A n t i 1 e u k z i d i n, Wirkungsweise 272 ; Ausscheidung 288. Antileukocytenfermente 1301. 1315. Antimorphinserum 953. A n t i p h a g i n e 440. A n t i p h a 1 1 i n 257. A n t i p h y m a t o 1 24. Antipräzipitine 754. Antipy retika , Einfluß auf Phago- cytose 432. A n t i p y r i n , Agglutinationswirkung 617; Ueberempfindlichkeit gegen 948. A n t i r i c i n 1458 ; Gewinnung 256 ; Reindarstellungsversuche 226; Wir- kungsweise 271 ; Wertbomessung 1211. Antiseptika als Leukostimulantien 432. Antiserumanaphyiaxie gegen Normalsera 1088; gegen Immunsera 1092. Antisolaninserum 953. Antistaphylolysin 257, 282; Aus- scheidung 288. Antistreptokokkenserum siehe „Streptokokkenserum". Antithrombin 1065. Antitoxine, Geschichtliches 242; Gewinnung 247 ; Reindarstellungs- versuche aus Blut oder Serum 213, 223, aus Milch 225; Entstehung im Organismus 257; lokale Bildung Sachregister. 1531 270; Spezifizität 258, 282; Wir- kung auf die Toxine in vitro 271, in vivo 277; Eigenschaften und cliem. Verhalten 282, 284; Vor- kommen in Nornialseriä 286; Ver- weilen mi Organismus 288 ; Resorption im Darm 25a; Resistenz 283; Art der Heilwirkung 280, 1187; Kon- servierung durch Trocknung 205, durch Chemikalien 208; Konzen- trierung in Serum und Milch 283: Beziehungen zu den anderen Anti- körpern 243, zu den Antiendotoxinen 244, zu den Anaphylatoxinen 246; bei Rekonvaleszenten 287; Vererbung 1158, 1161, 1164; Wertbemessung 1176, 1186. — gegen: tierische Gifte 255, 257; Ty- phus-, Cholera- et<'. Gifte 313; pflanzliche Gifte 256, 257. Antitrypsin im Blutserum 1316: Verhalten bei Anaphylaxie 1065. Antity phusserum s. „Typhus- serum". A n t i V e n i n s. „Schlangengifte". Aphagozidie (Weil) 309, 326, 406. A p () m o r p hin, Uebererapfindlichkeit gegen 948. Apotoxine (Riebet) 1030. Arachnolvsin als Antigen 111: hä- molytische Wirkung 1408, 1414; Re- aktion mit dem Antitoxin 1440: Antitoxin gegen 257. Arsen, fiebererzeugende Wirkung 1073; Wirkung auf Hämolvsinbil- dung 820: auf Milzbrandbacillen 383. A r s e n i m m u n i t ä t 951: \'ererbung 1169. A r s e n t r i s u 1 f i d , Wirkung der Pbagocyten auf 716. A r t e r i e n b 1 u t , bakterizide Wirkung 300. Artspezifizität der Ambozeptoren 835; der Anaphylaxie 989, 991; der Eiweil5körper (Präzipitinreaktion) 735. Arzneidermatosen 954. Arzneifestigkeit vonr Bakterien u. Trvpanosomen, Vererbung 1169. A s b e s t f i 1 1 e r 103. Ascaridensaft, spez. Anaphylaxie gegen 976. Ascites, Präzipitinogene in 740. Ascitesbouillon für Giftgewinnung 97. A s p a r a g i n bei Agglutinationsreaktion 593. Aspergillus, Phagocytose 690. Asphyxie bei Anaphvlaxiereaktion 1067. Assimilationstheorie Baumgar- tens 384. Asternpollen, Gift Wirkung 1473. Asthma als anaphylakt. Erscheinung 1120. Aether, Wirkung auf Infektionser- reger 58; auf Komplemente 368; auf Phagocytose 432; auf Anaphylaxie 1080; bei Antikörperkonservierung 209. A t o X y 1 , Uebererapfindlichkeit gegen 948, 950; Vererbung der At.-festig- keit der Trypanosomen 1170. Atrophien, senile, Xeuronophagie bei 672. A tropin, Agglutinations Wirkung 617; Wirkung bei Anaphylaxie 1079, 1089; Beeinflussung durch Serumfermente 952. Auflösung der Bakterien in Leuko- cyten 458. Auge, Wirkung des Abrins am 1463. Augenkammer, vordere, Antikörper- bildung in 349; siehe auch ,, Humor aqueus". Ausfällung der Bakterien aus Kul- turen bei Antigendarstellung 102, 160; der Sera zwecks Antikörperkon- zentrierung 210. Ausflockungserscheinungen bei Kolloid- und Immunitätsreak- .tionen 1261. Ausschleudern, Antigenkonzentrie- rung • durch 160. Austerngifte, Allergie gegen 965. 976, 1124. Austrocknung s. „Trocknuns". Autoagglutinine 800, 829. " Autocytotoxine 926. Autohämotropine 429. Autoinokulationen, Einfluß auf den opsonischen Index 426. Autolysate zu Immunisierungs- zwecken 67. A u t o 1 y s e , Bedeutung der Leuko- cytenfermente für die 1309; Einfluß auf Anaphylaktogene 1005. Autolysine 310, 796. Autopräzipitine 202, 747. Autoproteolyse des Blut«s 1302. Avidität der Agglutinine 585: der Ambozeptoren 821, 822, 824; Be- deutung bei Antikörperbildung 355. B. Bacillus aerogenes, Agglutination 556. — enteritidis Gärtner, Agglutina- tion 536. 550, 551; BakteriolySe 32o; Immunisierung g^en 35. — faecalis alcaligenes, x\ggluti- uation 564. — megatherium, Agglutination 516 : Hämotoxine des 1354: Antihämo- toxine gegen diese 1355. — mesentericus, Agglutination 516. — pneumoniae, Fadenreaktion 490 : amorphe Agglutination 491. 1532 Sachregister. Bacillus prodigiosus, Beeinflussung durch Opsonine 434; Agglutinabilität 504; als Symbiont des Bac. oedemat. mal. 688 ; 'Differenzierung durch Prä- zipitine 783. — proteus, spez. Agglutination 554; durch Normalsera 517: Bakt. -Ana- phylaxie 1098. 1100; Wirkung der Opsonine auf 434; Wechselwirkung zwischen Immunserum und Leuko- cyten auf 310; Hämotoxiuö des 1354. — p y o c y a n e u s, Differenzierung durch Präzipitine 783; Bakteriennukleopro- teide des 1376; Hämotoxine des 1356, Antihämotoxine gegen diese 1357. — subtil is, Beeinflussung durch Op- sonine 434, durch Plakanthrakozidin 326. — suipestifer und suisepticus, Beeinflussung durch Opsonine 434. Bacterium coli, Agglutination 552 ; durch Normalserum 517 ; durch Serum Typhuskranker 536; Differenzierung durch Präzipitine 779; Beeinflussung durch Opsonine und Tropine 408, 433, 434, 471; Bakterienanaphylaxie 1098, 1099; Hämotoxine des 1357. Bakterien, Agglutinabilität 502,565; Differenzierung durch Agglutination 535, 545, durch Komplementbindung 923; Verh. gegen spez. bakteriolyt. Immunsera 323, 377, gegen Opsonine 439; Aggressivität 333; Virulenz u. Rezeptorenapparat 374; Entgiftung durch Phagocytose 406; Schicksal der phagocytierten 458; Eosinophilie bei phagocytierten 692; hämolyt. u. bakterizide Lipoide in 1279; Stoff- wechselprodukte der Bakterien als Antigene 94; Vererbung der Serum- und Arzneifestigkeit bei 1169; Zer- trümmerung in Mörsern und Kugel- mühlen 89. — abgetötete, Verwendung zur Ag- glut.-Reaktion 493, 498; als Anti- gene 151, 524; Verhalten bei Phago- cytoseversuchen 416, 437. — anaerobe, spez. Agglutination 555; Differenzierung durch Präzipitine 778. — sensibilisierte, Immunisierung mit 164. — tierische im Gegensatz zu Kultur- bakterien 457. B a k t e r i e n a n a p h y 1 a x i e 976, 1097 : Spezifizität 1101;" Vererbung 1102; Ursachen 1105. Bakterienextrakte für Immuni- sierungszwecke 61. — Gewinnung: aus Vollbakterien 343; durch Autolyse 68; durch Wasser- auszüge toter Bakterien 70: durch Abspaltung durch Wärme 70; durch Schütteln 73; durch chemische Mittel 75; durch Fermente 86; durch me- chanische Zertrümmerung 89: aus tierisclien Seris 87 ; aus tierischen Organen 86; Verwendung als Agglu- tiuogene 524; zu Agglutinationsver- suchen 500: Anaphylaxie gegen 976, 1097. Bakteriengifte, Abschwächung 104 : Allergien gegen 958, 965; Ana- phylatoxinabspaltung 317, 323: als Antigene 94; Wirkung der Phago- cyten auf 716. Bak terien hämo toxi ne 1331. 1344: Geschichtliches 1328; Bindung an die Stromata 1334; quantitative Ver- suche 1334; Einfl. der Temperatur und der Salze 1335; Wirkung des normalen Serums 1336; Wirkung im Tierkörper 1337. — bei: Staphylokokken 1345; Strepto- kokken 1347; Pneumokokken, Microc. catarrh. und Microc. tetragenus 1350: Microc. melitens., Sarzinen und Vi- brionen 1351: Choleravibrioncn 1353; Proteus u. Megatherium 1354: Milz- brand- und Tetanusbacillen 1355: Pyocyaneus- und Pestbacillen 1356; Bact. coli 1357; Typhus-, Ruhr-, Hühnercholera- und Diphtheriebacil- len 1358; Tuberkel- und Xeroseba- cillen, säurefesten und anaöroben Bakterien 1359. Bakterienlipoide, Einfluß auf Phagocytose 433. Bak terien nukleoproteide 1363 : ehem. u. biolog. Eigenschaften 1363, 1365; Ilerstellungsmethodik 1366: immunisierende und antigene Wir- kung 1366. — der Pestbacillen 1368; der Milz- brandbacillen 1375; des Microc. melitens. 1375; der Gonokokken u. Pyocyaneusbacillen 1376; andere Bak- terien 1377; der Blastomyceten 1377. Bakterienpräzipitine s. „Präzi- pitine". Bak terien Proteasen als Antigene 126. Bak terienp roteine, Bedeutung für AgglutinabiUtät 503, 508, 525, 568. Bakteriensporeu, Verhalten in Phagocyten 692. Bakterienstämme, serumfeste 332. 334, 380. Bakteriolvsine 296. — in Normalseris 298, 362; Herkunft 304. — in Immunseris 312; spezifische Wir- kung 323, 329 ; Wertbestimmung 329, 1178; Reindarstellung 227; Konser- vierung 205, 208; Bildung bei akt. Immunisierung 335; Auswahl der Impftiere 195; Bildungsstätten 348; ehem. Natur 347; Verschiedenheit Sachregister. 1533 bei verschiedenen Tierspecies 354; Vielheit 365; Wirkung nach der Theorie Ehrlichs 351, nach anderen Theorien 381 ; als Maßstab für die Immunität 339; Beziehungen zu den Agglutininen 510, 511, zu den Tro- pinen 446, zu den Opsoninen 450; zur Phagocytose 703, 725, zur Viru- lenz 374; Verstopfung 359; in Schlangengiften 1391. Bakteriotropine der Immunsera 427: Wertbestimmung 328, 414,426, 468, 1180; s. auch „Tropine". Baktoform bei Antikörperkonservie- rung 210. Bandwürmer, Anaphylaxin gegen 1120. Bariumchlorid, Einfluß aufHämo- lyse 802, auf Komplementwirkung 869, 884. Basedowsche Krankheit, Anti- fermenttiter bei 1321. Batrachier, Empfindlichkeit für Schlangengifte 1385; Phagocytosebei Verwandlung der 670. Bauchgefäße, Erweiterung bei Ana- phylaxie 1061. Bacillen träger, Agglutininbildung bei 512, 523; Entstehung durch Simultanimpfungen 163. Belichtung s. „Licht". Benzol, Einfluß auf Phagocvtose 433. 464. Bienen, Phagocytose bei Verwand- lung der 668. Bienengift als Antigen 111; hämo- lytische Wirkungen 1428, 1431; Antitoxin gegen 257. Bildungsstätten der : Hämolysine 819; Agglutinine 531, 532^_Bakterio- lysine 348; Präzipitine 750. B i n d e g e w e b s z e 1 1 e n als Phagocyten 691. Bindung der Toxine an die Zellen 262, an die Antitoxine 272; zwischen Ambozeptor, Zelle und Komplement 356. B i n d u n g s r e i z bei Antikörperproduk- tion 354, 842. Blankwert, hämolytischer 866. Blastorayceten, Bakteriennukleo- proteide der 1377; Immunitätsver- erbung 1165. Bleiacetat bei Antitoxinausfällung 216, 225. Bleibakterien, Agglutination 573, 607. Blindschleichen -Tuber kelba- c i 1 1 e n als Antigen 24. Blut, Antigene aus 112; bakterizide Wirkungen 298; Differenzierung durch Eiweißpräzipitine 114, 734; Anaphylaktogene im fötalen 996; s. auch „Blutserum". Blutagar zum Nachweis von Bak- terienhämotoxinen 1344. Blutalkaleszenz in Beziehung zur Bakterizidie 383. Blutbahn, Haltbarkeit injizierter Bakterien in der 349. Blutdruck, Verhalten bei Anaphy- laxie 984, 1061, 1077. Blutegel, Empfindlichkeit für Schlan- gengifte 1385; -Extrakte als Antigen 111. Blutentnahme bei Impftieren 196; Zeitpunkt 200; Einfluß auf .\iiti- körperbildung 202; bei Antitoxin- tieren 253; bei Hämolysintieren 818. Blutgerinnung, Verhalten bei Ana- phylaxie 984, 1065; bei intravasku- lärer Impfung 132; durch Bakterien- nukleoproteide 1365; durch Schlan- gengifte 1385; Bedeutimg der Leu- kocytenfermente bei 1313. Blut gifte, Wirkung auf Agglutinin- bildung 533. Blutkörperchen, rote s. „Erythro- cyten"; weiße s. „Leukocyten". Blutplasma, Antikörperdarstellung ■ aus 234 ; Aggluttnationswirkung 533 ; Bakterizidie 306. Blutplättchen, Anthrakozidie durch 301, 325; Gewinnung zu Versuchs- zwecken 326 ; komplementartige Körper in 369. Blutschatten, Anaphylatoxin Produk- tion aus 1042. Blutserum, antitryptische Wirkung 1301, 1306; Resistenzerzeugung bei Immunisierungs versuchen 330. Blutverluste, Wirkung auf Agglu- tininbildung 532. Bohnengift 1466. Bordetsc he Antikörper 855, 915; s. auch ,, Antikörper, komplement- bindende". Borsäure, ambozeptorähnliche Wir- kung 893. ßotulismusantitoxin, Gewinnung 255: Spezifizität 282; Wertbemessung 1208. I Botulismustoxin, Gewinnung 98; ! stomachale Immunisierung gegen 139 ; Beeinflussung durch Fette und Li- j poide 1272; "Allergie gegen 958. Bouillon, Komplement Vermehrung durch Injektion von 370; Resistenz- erzeugung durch 330; nach Smith 96, nach Martin 97. B V o V a c c i n 25. Brom, Wirkung auf Schlangengifte 1382. Bronchospasmus bei Anaphylaxie 1067, 1075. Büffelseuche bacillus, Xukleo- proteide aus 1377. Bungarusgift 1387, 1388, 1401. 1534 Sachregister. C. Calcium Chlorid, Einfluß auf Ana- phylaxie 1079, auf Hämolysine 802, 884, auf Cobragifthämolyse 1425. Calcium salze, Einfluß auf Phago- cytose433, auf Serumkrankheit 1121. Calciumsulfat, Ant itoxinausf älluug durch 216. C a p r i n e 30. Carcinom, Präzipitinogene in 740; isolyt. Wirkung des Blutserums bei 800; Antifermenttiter bei 1320. Carcinomzellen, Anaphylaxie gegen 997. Carraghenmoos, Komplementab- sorption 870. Cas t el la u i sc h e r Versuch 541, 545. Cellulosesäckchen zur Antigen- eiuverleibung 143. Cephalin, aktivierende Wirkung bei Schlangengifthämolyse 1386, 1417. C e r e a 1 i e n , spezifische Anaphylaxie gegen 976. Cerebroside, Lipoidwirkung 1267. Cerebrospinalflüssigkeit, Op- soningehalt 435. Chemie der Bakteriennukleoproteide 1363; der Schlangengifte 1382. Chemikalien als Leukostimulantien 432; bei Gewinnung von Bakterien- extrakten 75: bei Konservierung der Antigene 157, der Antikörper 208; bei Abschwächung bzw. i\.btütung von Infektionserregern 18, 56, 101 ; bei Giftabschwächung 105, 110. Chemotaxis bei Plasmodien 657 ; Be- deutung bei Phagocytflse 681. Chinin, Agglutinationswirkung 617; als Leukostimulans 432; Ueberem- pfindlichkeit gegen 948, 950, 952. Chlor, Wirkung auf Schlangengifte 110, 1382. Chloralhydrat, Einfl. auf Anaphy- laxie 1080, auf Phagocytose 433. C h 1 o r ä t h y 1 , Einfl. auf Anaphy- laxie 1080. Chlorbaryum, antagon. Wirkung bei Anaphylaxie 1062, 1063, 1075, 1079. Chlorcalcium, Einfl. auf Komple- mentwirkung 861. Chlorkalium, Antitoxtnausfällung durch 215, 283. Chlorkalk, Schlangengiftabschwäch- ung durch 255. Chloroform bei Konservierung von Antigenen 158, 159, von Antikörpern 209; bei Agglutinationsreaktion 494; bei Giftabschwächung 110; bei Ak- tivierung von Schlangengifthämolysi- nen 1417; bei Bakterienextraktge- winnung 84; bei Abtötung von In- fektionserregern 57 ; Einfl. auf Pha- gocytose 432, 433, 464. Chlorose, Typhusagglutination bei 502. Chloroxylonin 954. Cholera, Immunisierung von Tieren gegen 32, 35, 41. 42, 335: mit sensibilisierten BacUlen 164, 172: Immunisierungsschemata 176; Bil- dung der bakteriolytischen Immun- körper bei 348; Wechselwirkungen zwischen Serum und Leukocyten 310. — Schutzimpfung mit virulenten Erregern 5, 338; mit abgeschwächten 20: mit abgetöteten 42, 55, 337. — Iramunitäts-Vererbung 1159, 1160. Choleragift, Gewinnung 98: Natur 313. Cholerapiasrain als Antigen 91. Choleraserum, Bakterizidie 323, 325, 329; Schutzwert in Bez. zur Virulenz der Vibr. 375; Wertbemes- sung 1228. — antiendotoxisches 315. Cholera vaccins, Giftigkeit 337. Cholera vibr ionen , spezif. Agglu- tination 379, 505, 563; Fadenreak- tion 490 ; spez. Bakteriolyse 323, 325, 329; Rezeptoren 378; Virulenzsteige- rung 377; Opsonine und Tropine gegen 433, 472; Spontanphagocytose 408, 417; Phagocytose 689, 703. 708; Bakterienanaphylaxie 1098: Bakteriennukleoproteide der 1373 : Wirkung der Pyocyanase auf 382: Autolysate 68, 69; „freie" Rezep- toren nach Neisser & Shiga 71: Impf pul ver nach Wassermann 71: Schüttelextrakte 73; Extraktion durch Chemikalien 76, 77, 78, durch Fermente 86; Hämotoxine der 1353. Cholesterin, Antikörperabsorption durch 834; antikomplementäre Wir- kung 872, 885; Lipoidwirkung 1267, Einfluß auf Phagocytose 433, 464. auf Schlangengifthämolyse 1387, 1430, 1443. Cholin bei Bakterienextraktgewinnuno; 85. C h r o m h y d r o X y d , Agglutinations- wirkung 1251. Chromophagen 673. C li r V s a n t h e m u m p o 1 1 e n , Giftwi r- kung 1473. C h r y s o i d i n , Agglutinationswirkune 61*6. Ciliagglutinine 574. C i 1 i a t e n als Phagocyten 663. Cirrhose, Phagocytose bei 674. Clysmen, Antigeneinverleibung durch 140. Sachregister. 1535 Cobragift 1381, 1385, 1388, 1391, 1392, 1396; Allergie gegen 965, 989; Komplexkonstitution 1414; Vielheit der Giftkomponenten 1429; Lecithid- bildung 1416; Komplementinuktivi- rung durch 868, 880, 918; Immunisi- rung gegen 1398; Antitoxin gegen 1437. Cobragift hämolyse 1275; diagn. Verwertung 1441. Cocain, Ueberempfindlichkeit gegen 948. C ö 1 e n t e r a t e n , Phagocytose bei 664. Colibacillosen, Typhus- Agglutinine bei 539. Co Ulys in, Antitoxine gegen 257. Coliserum, Opsoninwirkung 441. Colostrum, Hämolysinübertragung durch 819; Komplemente im 864. Colubriden, Gifte der 1381, 1385, 1390, 1400, 1401, 1429; siehe auch „Schlangengifte". Conglutination von Blut durch Ri- cin 1456. Conjunctiva, Antikörperbildung in 349; Beeinflussung durch Abrin 1463, durch Pollengifte 1469, 1473, 147V, durch Ricin 1455; Durch- gängigkeit für Anaphylaktogene 978. Copula (Synon. = Ambozeptor) 357. Crotalusgift 1381, 1385, 1387, 1388, 1391, 1432; Immunisierung gegen 1398; siehe auch „Schlangen- gifte". C rot in 1465; als Antigen 109. Culicin 1428. Cutireaktion s. „Hautreaktion". Cytasen (Metschnikoff) 305, 308, 357 ; Wirkung bei Phagocytose 675, 678, 693, 707. Cytokoaguline 956. Cytophile Gruppen Ehrlichs 357. Cytotoxine (-lysine) 351, 794, 796; therapeutische Anwendung 927; der Schlangengifte 1391. Cytotropine 428. D. Daphnien, Hefekrankheit bei 401; Phagocytose bei 683. Darm, Anaphylatoxinwirkung auf 320; Antitoxinausscheidung durch 289; Typhusbacillen bei Rekonvale- szenten im 334; Durchgängigkeit der Schleim.haut für x\ntigene 980. Defibrinieren des Blutes bei Anti- gendarstellung 112. Dementia praecox, Cobragifthämo- lyse bei 1442, 1443. Dermatosen als anaphylakt. Erschei- nungen 1120. Desmon 357. Desoleolecithin 1421. Deutschmann-Serum, stimulie- rende Wirkung 432. Dextrin als Leukostim ulans 432. Dextrinbl utagar zum Nachweis von Bakterienhämotoxinen 1357. Diabetes, Antifermenttiter bei 1321. Diagnose, Verwertung der Agglu- tinationsresultate 484, 547; des op- sonischen Index 467. Dialyse, Verhalt^jn der Immunsub- stanzen bei 217, 227, 1241; der Ag- glutinme 576; der Bakt<>riolysine 348; der Komplemente 877. Diamine, toxische Wirkungen 1057. Diamphidia locus ta, Gift, der 1408; Antitoxm 1441. Diaphtherin bei Konservierung der Antigene 159; der Antikörper 210. Diarrhöen bei Anaphylaxie 1075. Diastase in Schlaugengift 1395; Wirkung auf Schlangengifte 1396. Diffusion der Immunsubstanzen 1241. Digitalis, Angewöhnung an 951. D.iphtherase 382. Diphtherie, Serotoxinimmunisierung gegen 174. D i p h t h e r i e - i\. n t i t o X i n , ^^'ir- kungsweise 272, 281; Reindarstellung 215, 218, 222, 224, 283; Konser- vierung 205; Ausscheidung 288. Diphtheriebacillus, spezif . Ag- glutination 498, 557; Rezeptoren- apparat 379; Wirkung der Pj-ocya- nase auf 382: Bakterienanaphylaxie 1099, 1100; Differenzierung durch Präzipitine 781 ; Hämotoxine und Antihämotoxme 1358. Diphtherie-Immunität, Vererb- ung 1159, 1162, 1163, 1165. Diphtherieserum, Gewinnung 248 —250, 253; Wertbemessung 1195; Bez. des Antitoxingehaltes zum Heil- wert 1187; Opsonin- und Tropm- wirkung 408, 433, 434, 442, 451, 452, 473; s. auch „Diphtherieanti- toxin". — bakterizides 316. — präzipitierendes 245. Diphtherie-Toxin, Abschwächung durch Hitze 104. durch Chemikalien 105, 107; Neutralisierung durch Li- poide 1274; Konservienmg 159; rek- tale Einverleibung 141; stomachale Einverleibung 139; Einfluß semer Stärke auf Antitoxmbildung 151; Ueberempfindlichkeit gegen 958, 959. Dipteren, Phagocytose bei Metamor- phose der 667. Disposition bei Heufieber 1470, 1471, 1488. Distomum, Anaphylaxie gegen 1120. 1536 Sachregister. Doppelreaktion bei Anaphylaxie 1017, 1122. Drüsen, Verhalten bei Anaphylaxie 1076. Dünndarmgeschwüre bei Anaphy- laxie 1075. Dysenterieantitoxin, Gewinnung 256. Dysenterietoxin, Allergie gegen 958. Dyspnoe bei Anaphylaxie 1067. E. Ech inodermen , Antigene aus 111; Phagocytose bei 667. Echnnokokkenflüssigkeit, Ana- phylaxie gegen 976, 1120, 1125; Prä- zipitine gegen 785. Edestin, Agglutinationswirkung 615; spezif. Anaphylaxie gegen 976, 999; als Präzipitinogen 742. Ehrlichsche Theorie 351. Ei d echsenhämoly sin 1428. Eidotter, aktivierende Wirkung bei Cobragifthämolyse 1418. E i e r e i w e i ß als Antigen 125 ; spez. Anaphylaxie gegen 976; Artspezifi- zität 764, 995. Eindampfen, Antigenkonzentrierung durch 160. Einfrieren bei Konzentrierung der Antigene 161, 210; der Antikörper 210. Eintrocknung s. ,, Trocknung'". Eisenhydroxyd, Agglutinations- wirkung 1250, 1251. Eiter, Antitoxine im 254; Leuko- cytenfermente im 1303, 1310. Eiterungen, Komplementverminde- rung bei 865; ^^^irkung proteolyti- scher Leukocytenfermente bei 1306. Eiweißabbauprodukte, toxische Wirkung 1053. Eiweißkörper, Adsorption 1246; Antikörperabsorption durch 834; Anaphylaxie gegen 963 (s. ,, Anaphy- laxie"); Idiosynkrasien gegen 1123; Differenzierung durch Präzipitine 114, 734, 764, durch Komplement- bindung 923; parenterale Verdauung 1031; Tropine gegen 429; Spaltung durch Leukocytenfermente 1301, durch Schlangengifte 1390; Gehalt der Schutz- und Heilsera an 11 »6. Eizellen, biologische Sonderstellung 995; spezif. Anaphylaxie gegen 976; Vererbung der Immunität durch 1156. Eklampsie als anaphylakt. Erschei- nung 996, 1120. Elektrizität, Abschwächung von Infektionserregern durch 17. Elektrolyse, Wirkung auf Eiweiß 1503. Elektrolyte, Wirkung bei Immuni- täts- und Kolloidreaktionen 1261, bei Präzipitinreaktion 757, 761. Elektrotaxistheorie der Agglu- tination 611. El Tor- Vibrionen, Toxine der 313 ; Antitoxine gegen diese 1354; Verh. gegenüber bakteriziden Seris 329. Emulsin als Antigen 127. Emulsionströpfchen, Tropine ge- gen 429. Endofermente der Bakterien, Einfl. auf Bakteriolyse 382. E n d o 1 y s e der Leukocyteu 460 ; bak- terizide Wirkungen 695; Bez. zu den Alexinen 309. Endothelien, Rolle bei Phagocy- tose 406, 691; Verhalten bei Ana- phylaxie 1018, 1064. Endotin 82. Endotoxine der Bakterien, Gewin- nung durch Autolyse lebender Bakt. 67; aus toten Bakt. 70; durch Hitze- einwirkung 70; in Beziehung zu den Aggressinen 334, zu den Anaphyla- toxinen 318; Kenotoxingehalt 1519; bei Choleravibrionen usw. 313. E n d o t r y p t a s e n als Antigene 126. Endstück der' Komplemente 878, 886, 918. Ente, Blutentnahme bei 197; Ana- phylaxiereaktion bei 1060; Hämo- lysingewinnung an 796. Enteritis anaphy lact ica 1075. Entgiftung der Bakterien durch Phagocytose 406. Ento de rmphagocy tosen 664. Entozoen, Anaphylaxie gegen 1120. Entzündung, Phagocytose bei 716: Wirkung proteolytischer Leukocyten- fermente bei 1306. Enzyme, verdauende der Amöben 661 ; der Makrophagen 677, 693. Eos in, Wirkung auf Schlangengifte 1383. Eosinophile Zellen als Phagocy- ten 691. Epilepsie als anaphylakt. Erschei- nung 1120; Neuronophagie bei 674. Epiuephrin, Wirkung bei Anaphy- laxie 1062. Epitheliotoxin 926. Epithel ph agocyten bei wirbellosen Tieren 664. Epithelzellen, Lyse durch Cobra- ^ lecithid 1430. Erbrechen bei Anaphylaxie 1076. E r d a 1 k a 1 i s a 1 z e , Einfluß auf Pha- gocytose 433. Ergine (v. Pirquet) 948. E r g o g r a p h zur Leistungsprüfung 1514. Sachregister. 1537 Erliitzung s. „Hitze". Ermüdung, Einfluß auf Koinple- mentgehalt der Sera 866. E r m ü d u n g s s t o f f e , Darstellung 1499; Beeinflussung von Eiweiß pp. durch ehem. und physikal. Mittel 1501, durch Elektrolyse 1503; ak- tive Immunisierung, Abspaltung von Kenotoxin im Tierkörper 1505; chemotherapeut. Beeinfl. des Keno- toxingiftspektrums und Herstellung der Hemmungskörper in vitro 1510; Bezieh, d. Kenotoxinforschung 35ur Ueberempfuidlichkeit 1511; Lei- stungsbeeinflussuugen beim Menschen 1513: Vorkommen des Kenotoxins in Exkreten usw. 1517 ; Einfl. des Antikenotoxins auf pathol. Vorgänge 1520. Ernährung, Bedeutung der Phago- cytose für 728. Erstinjizierte, Serumkrankheit bei 970, 1120. Erysipel, Antifermentgehalt des Blu- tes bei 1319; Phagocytose bei 722. Erytheme durch Pollengifte 1471, 1478. Erythrophagocytose 429. Ery t hropräzipitine 749. Eryrhrosin, Wirkung auf Schlangen- gifte 1383. E r y t h r o c y t e n als Antigene 112, 114, 351; Phagocytose 418, 461, 666; Kontakttötung 456: spezif. Anaphy- laxie gegen 976; Anaphylatoxinab- .spaltung aus 1042; Unterschiede ihres Eiweißes gegen Serumeiweiß 992; Empfindlichkeit gegen Ricin 1456, gegen Schlangengifte 1408; bakterizide Stoffe aus 312, 325. Erythrocytolyse 810. Esel, Agglutiningehalt des Normal- serums 517; Antikörpergewinnung an 195; Antitoxingewinnung 248; Im- munisierung gegen Schlangengifte 1399. Essigsäure, Agglutininwirkung 617; Wirkung auf Präzipitine 75V, auf Leukocytenfermente 1305. Euglobulinfraktion des Se- rums, Agglutinme in 576; Bakte- riolysine m 348; Präzipitine m 600, 752,764; Komplemente in 877; Anti- toxine in 285; antikomplementäre Wirkungen 901. Exantheme als Aliergieäußerungen 954; bei Serumkrankheit des Men- schen 1120. Exkrete, Kenotoxine in 1517. Exspirationsluf t, spezif. Anaphy- laxie gegen 976: Kenotoxine in 1517. Ext rakt- Immunisierung 61, 70, 73, 75, 86, 87, 89; s. auch „Bak- terienextrakte". Handbuch der pathogenen Mikroorganismen. 2. Aufl. II Exsudate, Vorkommen von : Agglu- ttnmen 527; Bakteriolysinen 304. .349; Hämolysinen 797, 799, 819; Komplementen 864; Opsoninen 434; Präzipitinogenen 740. E X z e 1 s i n , spezif. Anaphylaxie gegen 976, 999! F. F ä c e s , Antitoxine hi 289 ; spezifische Präzipitation in 749. Fadenreaktion in Imraunseris 490, 500. Farase 83. Farbkörnchen, Phagocytose 418, 424, 466. Fäulnis, Wirkung auf: agglutinable Substanz der Bakt. 567; Bakterio- lysine 348; Präzipitate 757; Präzi- pitinogene 739. Fermente als Antigene 126; als Leukostimulantien 432 ; Auffassung der Immunkörper als 347, 350, 357 ; Bakterienextraktgewmnung durch 86; Einfl. auf Komplemente 868; Ent- stehung bei Antigen-Antikörperreak- tion 1051; spez. Anaphylaxie gegen 976. — der Leukocyten s. „Leukocytenfer- mente". Fermentoide 260. Fermenttheorie der Komplement- wirkung 887. Fermenttherapie 1322. Fermotoxine 86. Fette, Lipoidwirkungen 1267; Spal- tung durch Leukocytenferment« 1324. Fettsäuren, aktivierende Wirkung bei Schlangengifthämolyse 1417. Feuerkröte, Gift der 1408. Fibrinf erment als Antigen 127. F i b r i n g 1 o b u 1 i n f r a k t i o n des Serums, Bakteriolysine in 348. Fieber als anaphylaktische Erschei- nung bei Infektionskrankheiten 1126: bei Anaphylaxie 1072: bei Serum- krankheit des Menschen 1120; Ein- fluß auf Hämolysmbildung 820; durch Bakteriennukleoproteide 1365; Bezieh, d. Leukocytenfermente zum 1311: Vermehrung' des Komplement- gehaltes im Serum bei 370; Anaphy- latoxinwirkuns bei 320; aseptisches 1312. Filtrase 101. Filtration, Verhalten der Immun- körper 1245; der Antikörper 207; der Antitoxine 283; der komplement- büidenden Antikörper 920; der Komplemente 871. — bei Antigendarstellung aus Bakte- rienkulturen 102, 160; aus Organ- extrakten 118. 97 1538 Sachregister. Fische, Allergie gegen 1124; Opso- nine bei 434, 435; Empfindlichkeit für Schlangengifte 1385. Fischgift, Antitoxin gegen 257. Fixatoren (Metschnikoff) bei Pha- gocytose 357, 678, 680, 694, 708. s. auch ,,Ambozeptoren". Flagellaten als Phagocyten 663. Fleisch, Differenzierung durch Prä- zipitine 734. Fleischextrakte, spezif. Anaphy- laxie gegen 976. Fleischschneidemaschinen 118. Fleischvergiftungen, Serumdia- gnostik durch Agglutinine 550, 571. Fliegen, Phagocy tose bei Metamor- phose der 667, 669. F 1 i m m e r e p i t h e 1 i e n , Cy totoxine gegen 926; Wirkung der Bakt^rien- nukleoproteide auf 1365. Fluorammonium, Angewöhnung von Hefezellen an 951. Fötus, Agglutininübertragung von der Mutter auf 528. Formaldehyd, Einfluß auf Anti- körper 210; auf Präzipitine 753. Formal in, Agglutinationswirkung 616; Konipleniental)sorption durch 870 ; Giftahscliwächung durch 107 : bei Antigenkonservierung 158; Ab- tötung von Infektionserregern durch 58; bei Agglutinationsreaktion 494, 581, 582, 597. Formalinkoch Salzlösung bei Agglutinationsreaktion 493. Frambösie, Lij)oidf älluugen der Sera bei 1281. F r e u n d - K a m i n e r s c h e R e a k t i o n als Kolloid reaktion 1283. Frigo, Antigenkonservierung im 155. Frosch, Anaphylat^xinwirkung beim 322; Agglutininbildung beim 524; Hämolysine 795, 806; Opsonine 434, 435; Phagocytose bei Verwandlung der 670. Fruchtwasser, Agglutinhie im 530; Anaphylaktogene im 996. G. Galaktose, Wirkung auf Infektions- erreger 20, 60. Galle, spez. Anaphylaxie gegen 976. — Vorkommen von; Agglutininen 52^, 540; Antitoxinen 254. — Wirkung auf Antitoxine 286 ; auf Schlangengifte 1386, 1397, 1418; bei Rinderpestimmunisierung 7. Gallenblase, "Typhusbacillen ha der G. bei Rekonvaleszenten 834. Gallensäuresalze, antikomplemen- täre Wirkungen 871. Gans, Anaphylaxiereaktion bei 977, 1060; Agglutiningehalt des Noniuil- serums 517; Blutentnahme 197; Hä- molysingewinnung 796 ; Bakterizidie des Blutes 306. Gänseseptikämie, Phagocytose bei 689. Ganzparasiten Baus 376. Gartenkröte,_Gift der 1408. Gär t ner-Bacillen s. ,,Bac. enteri- tidis Gärtner". Gärungsenzyme als Antigene 127. Gattungsspezifizität der Agglu- tinine 536. Geburt als anaphylaktisehe Erschei- nung 1120. G e f ä ß e r w e i t e r u n g bei Anaphylaxie 1061. Gefäßmuskulatur, Wirkung der Bakteriennukleoproteide auf 1365. Geflügel, Blutentnahme bei 197: Hämolysingewinnung 796. Geflügelcholera g. ,, Hühner- cholera". Geflügeltuberkulosebacillen als Antigene 25. Gefrieren, Einfluß auf Agglutinine 499. Gefrierpunkt des Blutes, Verhalten bei Anaphylaxie 1065; in Bez. zum Antitoxingehalt 219. Gehirn, Bakteriolysine im 348: ana- phylaktisehe Reaktionskörper im 1018, 1037. Gehirnbrei, Giftbindung durch 264. Geißeln der Bakterien, Verhalten bei Agglutination 490, 574. Gelatine, Komplementabsorption durch 870; als Leukostimulans 432; Verflüssigung durch Leukoeytenfer- mente 1302, 1304. Gelatinefilter, Zurückhaltung der Antitoxine durch 207. Gelenke, Verhalten bei Serumkrank- heit 1120. Geloduratkapseln, Antigeneinver- leibung durch 140. Gerinnbarkeit des Blutes s. ..Blut- gerinnung". Gesamtglobulin des Serums, Bak- teriolysine im 348. Geschlechtszellen, biologische Son- derstellung 994. Gesetz der konstanten Multipla bei Antitoxinwirkung 273. Gewebsnukleoproteide 1363. Gewebsspezifizität der Anaphy- laxie 990. Gicht als anaphylaktisehe Erscheinung 1120; Phagocytose bei 727. G i e m s a f ä r b u n g für Phagocytose- präparate 417, 420. Giftdrüsen der Schlangen 1381. Sachregister. 1539 Gifte, Abschwächung bei Aiitigendar- stellung 104; in Bez. zur Antitoxin- therapie 1381: Wirkung der Phago- cyten auf 716; Unter- und Uebcr- empfindlichkeit bei Gewölinung an 948; s. auch ,, Toxine''. — anaphylaktische s. „Anaphylaktogene". — des Choleravibrio 313. — tierische in Bez. zur Immunitäts- forschung 1407 ; Empfindlichkeit und Resistenz 1408; komplexe Konstitu- tion 1414; Lecithidbilduug 1416; Vielheit der Giftkomponenten 1429; Giftmodifikationeu 1433; in Bez. zu den Antitoxinen 1437. Glaskörper, Bakterizidie im 299, 307. Glaubersalz, Verwendung bei Anti- körperkonservierung 206. G 1 i a d i n , spez. Anaphylaxie gegen 976, 1002. Globuline des Serums 211; Zer- legung 212, 218; Immunkörper in 347; Agglutinine in 576; Antitoxine in 284; Präzipitine in 735; Hämo- lysine in 850; antikomplementäre Wirkungen 901 ; anaphylaktogene Wirkungen 1000. Glykogen, Komplementabsorption durch 870. Glyzerin, bei Abschwächung von In- fektionserregern 19, bei Abtötung 41 59; bei Antigenkonservierung 158 bei Antikörperkonservierung 210 bei Bakterienextraktgewinnung 80. GIvzinin, spezif. Anaphylaxie gegen 976. Goldchlorid, Wirkung auf Schlan- gengifte 255. G o 1 d c h 1 o r ü r , Wirkung auf Schlan- gengifte 1382. Gonokokken, Bakteriennukleopro- teide der 1376; Bakterienauaphylaxie 1099; Opsonine und Tropine gegen 434, 471; Phagocytose 689. Gram ineenp ollen, Giftwirkung 1473. Graminol 1491; Erfolge bei Heu- fieber 1495. Gravidität, Cobragifthämolyse bei 1442, 1443. Greisen alter, Neuronophagie im 672. Grundrezeptoren (Lipstein) 379. G r u p p e n r e a k t i o n e n bei Aggluti- nation 536; bei Bakteriolyse 332; bei Anaphylaxie 989. Guanidinkarbonat, antikomple- mentäre Wirkung 871. Guldberg-Waagesches Massen- wirkungsgesetz bei Antitoxiu- Toxinreaktion 275; bei Präzipitin- reaktion 760. Gummilösung, Agglutinationswir- kung 617. II. Haare, Organspezifizität 993; Pig- mcntophagen in 673. Halbparasiten Bails 376. Halogensa Ize, Einfl. auf Phago- cytose 433. Hämagglutinine 800, 807, 829, 840, 847, 848, 1091; im Ricin 1456; im Abrin 1463; in Schlangengiften 1389, 1429; in Spinnengiften 1429; ähnl. Wirkung kolloider Substanzen 1250. Hammel, Anaphylaxiereaktion beim 977; Hämolysingcwinnung beim 115; Agglutiningehalt des Normalserums 517. Hammelblutagar für Nachweis von Bakterienhämotoxinen 1344. Hämoglobin als Antigen 114; spez. Anaphylaxie gegen 976; als Leuko- stimulans 432, 433; Organspezifizi- tät 992. Hämoglobinurie, Autohämolysine bei 828; Hämotropine bei 429. — der Rinder, Schutzimpfung 7, 31. Hämolyse 359, 793, 1330; mtra- vasale 897; in Bez. zur Bakteriolyse 351, 356, 357, 365, 367 ; durch kol- loide Substanzen 1251; durch Schlan- gengifte 1385; durch Crotin 1465. Hämolysine 812; immunisat. Er- zeugung 112, 113, 794; Antigen- dosieruüg 147 ; Immunisierungssche- mata 179; Bindung 820; Spezif izität 835; Vielheit 845; Natur 800, 849; Wirkungsweise 808, 849, 852; Unter- schiede zwischen Normal- und Im- mun-H. 848; Bildimgsstätten 819; Verbreitung i. Organismus 797; Bez. zwischen Biudungs- und Immunisie- rungsvermögen 848; Remdarstellung 228; Konservierung 208; quantitat. Bez. zu den Komplementen 856: erb- liche Uebertraguug 1160, 1161, 1166; Bez. der Lipoide zu den 1268. — der Vibrionen 313. Hämopsonine der Normalsera 445. Hämorrhagine der Schlangengifte 1397, 1400, 1429, 1435. Hämotoxine der Immuusera 352; Konservierung 159; Antitoxine gegen 899, 902, 1338. — der Staphylokokken als Antigene 100; s. auch „Bakterienhämotoxine". Hämotropine 428. Haptine Ehrlichs 352. Haptogenmembran der Emulsions- tröpfchen. Tropme gegen 429. Haptophore Gruppen Ehrlichs 353. Harn, Agglutinine m 529; Anaphyla- toxine in 1038; spez. Anaphylaxie gegen 976; Antitoxine in 254, 289; Hämolysine in 819; Kenotoxine in 97* 1540 Sachregister. 1517; Komplementabsorption durch 870; Lipoidreaktion bei Syphiüs 1283; als Präzipitinogen 741; Resi- stenzerzeugung durch H. bei Im- munisieruiigsversuchen 330. Harnstoff, antikomplementäre Wir- kung 871; bei Bakterienextraktge- winnung 83; Einfl. auf Infektions- erreger 20, 60, auf Agglutinations- reaktion 597, auf Phagocytose 433, auf Präzipitine 753. Haupt- und Par tial- Aggluti - nine 537, 541. — -Antitoxine 282. Präzipitine 763. Hauteffloreszenzen als anaphy- lakt. Erscheinung 1120, 1126. H a u t r e a k t i o n nach Pollen2;if tein- verleibung 1471, 1478. Hefen, Agglutination 565; Absor- ption der Opsonine durch 425, 444; Anaphylatoxine gegen 1103; Phago- cytose 689; Differenzierung durch Präzipitine 784. Hefeextrakte als Antigene 92; spez. Anaphylaxie gegen 976. Hefenährböden für Gif tgevvinnung 97. Heilsera, Wortbemessung 1175; Ti- trierung durch Phagocytoseversuch 468. Hemiagglutinin 580, 807. . H e m m u u g s e r s c h e i n u n g e n bei Immunitäts- und Kolloidreaktionen 1259; bei Agglutination 501, 503, 579, 580, 581, 601: bei Komplement- vvirkung 874; bei Phagocytosever- suchen 415, 440; bei Präzipitation 767. Hepatotoxin 926. Herz, Injektionen in das 133: Ver- halten bei Anaphylaxie 1061. Heterolysine 796, 798. H e t o 1 , Einfluß auf Agglutininbildung 524, 526; auf Hämolysinbildung 820; auf KomplementbUdung 370. Heufieber 1469; Aetiologie 1124, 1471, 1488: Prophylaxe 1480; spez. Therapie 1481; Präzipitinreaktion bei 1483; Komplementbindungsreaktion 1484; aktive Immunisierung gegen 1496. Heufieberasthma 1470, 1478; Be- handlung 1494. H e u f i e b e r d i a g n o s t i k u m 1479. Heufiebergifte als Antigene 109. Heufiebersera 257, 1481; klini-» sehe Verwendung 1492; Wirkung auf die H.-Gifte 1485; Wertbemes- sung 1210. Hilfskörper (= Ambozeptor) 357, 363. Hippomelanin, Agglutination 599. Hirnsymptome bei Anaphylaxie 1077. Histolyse bei der Dipterenmetamor- phose 667. Histonblut, bakterizide Wirkung 306. H i s t o n e , toxische Wirkung 1057. His top in -Immunisierung 134. Hitze, Wirkung auf: Infektions-Er- reger 10, 34, 36; Agglutiuabilität der Bakterien 502, 567, 568, 570, 602; xlgglutinme 520, 577; Anaphy- laktogene 1003; Anaphylaxine 1021; Antigene 155; komplementbindende Antikörper 920; Antitoxine 283; Antikörperkonservierung 207 ; Bak- teriengifte 104, 110; Endotoxine 315; Hämolysine 795, 801, 804, 849; Im- munkörper 348; Komplemente 368, 867: Leukocytenfermente 1305; Op- sonme 443, 445; Pollengifte 1480; Präzipitinogene 739, 742; Schlangen- gifte 1382, 1389, 1390—1393; Tro- pine 427. Hitzeextrakte als Antigene 64, 72. Hitzepräzipitine 744; 753. Hodenextrakt, Einfl. auf Phago- cytose 433. Hodenzellen, biolog. Sonderstellung 994. Hogcholerabacillen, Agglutina- tion 550; Opsonin Wirkung 434; Im- munisierung mit Immunproteidin gegen 383; substance preventive im Immunserum gegen 314. Holothurien, Phagocytose bei 667. Holzstaub, Idiosynkrasien gegen 954. Homästhesie 993. Honig, Präzipitinogen aus 125. Hör dein, spezif. Anaphylaxie gegen 976. Horngebilde, OrganspezLfizität 993. Huhn, Agglutiningehalt des Normal- serums 517; Anaphylaxiereaktion beim 977, 1012, 1060; Anthrakozi- dine im Blut 326; Blutentnahme beim 197; Hämolysingewinnung beim 115, 796; Immunitätsvererbung beim 1162; Leukocyten des Huhns bei Phago- cytoseversuchen 412; Opsoningehalt des Blutes 434, 435. Hühnercholera, Immunisierung gegen 20; mit natürlichen Aggres- sinen 88; mit künstlichen Aggres- sinen 74, 338, 347 : Immunitätsver- erbung 1156, 1159, 1162. H ü h n e r c h o 1 e r a b a c i 1 1 e n , Kapsel- bildung unter Einfluß der Immunsera 379; Phagocytose 689; Hämotoxine der 1358. Hühnercholerasera, spezifische Wirkungen 326; Wertbemessung 1217. Hühnerei, verschiedene Anaphylak- togene im 995, 1001. Sachregister. 1541 Hühner Spirochäten als Antigene 125; Anaphylatoxine gegen 1103; Viruienzabschwächung 32. H ü h n e r t u b e r k II 1 o s c b a c i II e n als Antigen 25. Hüllen der Bakterien, Bedeutung bei Agglutination 575. Hummer, Allergie gegen 1124. Humor a q u e u s , Antitoxine im 254 ; Bakteriolysine im 299, 374; Cy- tasen im 70 r : Hämolysine im 797, 819; Komplemente im 443, 864,896; Opsonine im 443, 444. Hund, Anaphylaxiereaktionen beim 320, 977, 981. 1012. 1036, 1060, 1061,1065 ; Antikörpergewinnung beim 195; Blutentnahme 197: Empfäng- lichkeit für Milzbrand 326; Hämo- lysingewinnung beim 115; Immuni- tätsvererbung beim 1161, 1163. Hundeblut_, Agglutiningehalt des normalen 517; bakterizide Wirkung 306: Leukocytenfermente im 1303; Opsonine im 434, 435; Verwendung der Leukocj'ten zu Phagocytosever- suchen 412. Huudepiroplasmose, Immunitäts- vererbuug bei 1161. Hungerdiät, Einfluß auf Anaphy- laxie 1079. Hydrocelenflüssigkeit, Präzipi- tinogene in 740. Hydrolasen als Antigene 126. Hvdrotropismus bei Schleimpilzen 657. H y d r o X y 1 a m i n , Wirkung auf Ag- glutininbüdung 533. H y p a g g 1 u t i n a b i 1 i t ä t von Bak- terien 502. Hyperthermie bei Anaphylaxie ^1072. H y p o c h 1 o r i d e , Wirkung auf Schlan- gengifte 1382. Hypophysisextrakt, Einfluß auf Phagocytose 433. Hypothermolysin 815. I c h t h V o t o X i n . Anaphylaxie gegen 967, '989. Ictus immunisatorius bei Hämo- lysingewinnung 842. Idiosynkrasien, medikamentöse, als Ausdruck einer Allergie 950, 953; „geweckte'' (Jadassohn) 955. Ikterus, Typhusbacillen - Mitagglu- tination bei 540. I m m u n a g g 1 u t i n i n e 522 : s. „Agglu- tinine". Immunhämolysine siehe ,, Hämo- lysine". Immunisierung, aktive, Metho- den 1, 3, 9, 32, 61; Schemata für den Laboratoriumsgebrauch 176 ; gegen Kenotoxine 1505; gegen Schlangengifte 1398. — aktive des Menschen mit Voll- bakterien 338, mit Bakterienextrakten 343 : kombinierte (Serumvaccina- tionj 161, 166, 845. Immunität, antiaggressive 834. — erworbene, Bedeutung der Tro- pine bei 406, 468. — lokale 340. — natürliche, Bedeutung der opsoni- schen Serumwirkung bei 405, 440, 468. — Allergie bei 948, 956. — Bedeutung der Agglutinine 509; der Bakteriolysine 829, 830, 333; der uuspezifischen Resistenz 330; Be- ziehungen der Leukocytenfermente zur 1313: Beziehimgen zwischen antitoxischer und bakterizider 878; Vererbung 1155. Immunitätseinheit 327; Bestim- mung 1190. Immunkörper, bakteriolytische s. „Bakteriolysine" ; leukotaktische (Weil) 309. Immunopsonine 409, 442; Unter- suchungstechnik 410; s. auch „Tro- pine'". Immunsera, antihämolytische Wir- kungen 902, 1339; Antiserumanaphy- laxie 1092; Titrierung durch Phago- cytoseversuch 468 ; Virulenzsteigerung durch 377; Wachstum von Bakterien in homologen 484, 489. Immunsubstanzen als Kolloide 1241, 1244. Impfpulver nach Wassermann 71. Impfschutz. Einfluß des Impfturnus auf 154. Impftiere, Auswahl zur Antikörper- gewinnung 195; Blutentnahme 196. Impfturnus bei Immunisierung 152; Einfluß auf Dauer des Impfschutzes und auf Anaphylaxiegefahr 154. Impfung, subkutane, intra vaskuläre, intraperitoneale 129; kutane 134; in- tramuskuläre 135: von der Conjunc- tiva, Nase, Trachea, Lunge aus 184; vom Intest inaltraktus aus 136; mit- tels Kollodium- und Schilfsäckchen 141. Inagglutinabilität von Bakterien 502. I n a k t i v i e r u n g bakterizider Immun- sera 351; hämolytischer Immunsera 795, 849. Index, anatoxischer nach v. Beh- ring 1176. 1542 Sachregister. Index, hämophagocytischer 426. — opsonischer 404; Schwankungen 425; Feststellung 421; Einwände und Modifikationen 425; Verwertung in 4er klinischen Praxis 467. — prozentualer 426. Infektionen, Verhalten der Alexine bei 303; Wirkungen der Bakterien- anaphylatoxine bei 319 ; Schwankun- gen des Komplementgehaltes im Blute bei 425, des Antitrypsingehaltes 1319; Bedeutung der Phagocytose bei Hei- lung der 683, 720; opsonische Be- handlung 404. Influenzabacilleu, Agglutination 554; Endotoxine 315. Infusorien als Antigene 126; als Phagocyten 663. Infusorienerde als Filtermaterial 102. I n k u b a t i o n s s t a d i u m bei Infek- tionen als anaphylaktisches Phäno- men 1126; bei Hämolysinbildung 817; bei Ricinwirkung 1455; bei Anaphylaxieversuchen 981 ; bei Serum- krankheit des Menschen 970. Insekten, Phagocytose bei Meta- morphose der 667. Intestinaltraktus s. „Magendarm- kanal". Intrakutan Impfungen 134. Intrakutan probe bei Anaphylaxie- versuchen 985. Inulase als Antigen 127. Inulin, Komplementabsorption durch 870. Invertase als Antigen 127. Isoagglu t ini ne 1167. Isohämolysine 366, 796, SOG, 818, . 836, 847, 1166. Isohämotropine 429. Isopräzipitine 747. J e c o r i n , aktivierende Wirkung bei Schlangengifthämolyse 1417. Jequir ity bohne, Gift der s. „Abriu". Jequiritolheilserum 1464. .lodeiweiß, anaphylaktische Wir- kung 1008. .J o d k a 1 i u m , Antitoxinausfällung durch 215; als Leukostimulans 432. Jodoform, Einfluß auf Phagocytose 433, 464; Idiosynkrasie gegen 955. Jodpräparate, Einfluß auf Gift-» abschwächung 105, 110, 256; auf Hämolysine 820, 850; auf Komple- mentgehalt der Sera 865; auf kom- plementbindende Antikörper 920; auf Serumqualitäten 370; auf Schlangen- gifte 1382. .Juckreiz bei Anaphylaxie 1066 ; bei Serumkrankheit des Menschen 1120. K. Kachexie als anaphylaktische Er- scheinung 1120. Kachex ie r eak t io n (Briegeri 1320. K a h m h a u t b i 1 d u n g in Kulturen, Beziehung zur Giftausbeute 99. Kakesmethode der Verfütterung von Bakteriengiften 138. Kalahari-Pfeilgift 1408. K ä 1 b e r r u h r , Immunisierung mit Ba- cillenextrakt 75; Wertbemessung der Schutz- und Heilsera 1223. Kalilauge bei Gewinnung von Bak- terienextrakten 76; Wirkung auf Ag- glutinine 230; auf Bakteriennukleo- proteide 1364; auf Pollengift 1480. Kalium acetat, Wirkung auf Agulu- tinine 230. ^"^ Kaliumbiphosphat bei Agglutina- tionsreaktion 593. Kaliumbrom at bei Agglutinations- reaktion 593. K a 1 i u m j d a t , Einfluß auf Komple- mentwirkung 869. K a 1 i u m n i t r a t , Wirkung auf Agglu- tinine 576. Kaliumpermanganat, Wirkung auf Schlangengifte 1382. Kaliumsalze, Einfluß auf Komple- mentwirkung 874, auf Phagocytose 433. K a 1 k s a 1 z e , Bedeutung für Cobragift- Lecithin-Hämolyse 1418. 1425, 1431, 1432. Kaltblüter, Anaphylaxiereaktionen bei 977; Agglutinine bei 524; Hämo- lysinbildung bei 115, 196, 795, 806; Opsonine bei 434; Präzipitinbildung bei 747; Verwendung ihrer Leuko- cyten zu Phagocytoseversuchen 412. Kaltblütertuberkelbacillen als Antigene 24. Kälte, Wirkung bei Antigenkonser- vierung 155; auf Antitoxine 283: auf Präzipitine 754. Kältetrennungs versuch nach Ehrlich & Morgenroth 802, 805. _ K a m ni e r w a s s e r des Auges siehe „Humor aqueus". Kampfer, Angewöhnung au 951. Kaninchen, Abschwächung des Pockenvirus im 23; des Lyssavirus 30. — Empfänglichkeit für Abrin 1463, für Milzbrand 326, für Ricin 1456. — Antikörpergewinnung bei 195, 335 ; Blutentnahme 196, 197; Verhalten der: Normalantitoxine 286; Anthra- kozidine326, Agglutinine 517, Hämo- lysine 113—116, 796; Opsonine 434, 435; Präzipitine 747; Anaphylaxie- reaktionen 320, 977, 981, 1013,1037, 1060, 1061, 1069. Sachregister. 1543 Kaninchen, Lnmunisierung gegen Cholera und Typhus 335, 336, gegen Pest 51, gegen Schlangengifte 1399. — Iramunitärsvererbung bei 1156, 1158, 1159, 1160, 1163, 1164. Kaninchenblut, bakterizide Wir- kungen 300. 303, 306; Verwendung der Leukocyten zu Phagocytosever- suchen 410, 412; als Zusatz zu Nährböden für Nachweis von Bak- terienhämotoxinen 1344. Kaolin, Antikörperabsorption durch 834; Komplementabsorption durch 870, 883. Kapillarendothelien, Erythro- phagocytose durch 429. Kapilla rmet hode bei Agglutina- tionsreaktion 497, bei Präzipitinreak- tion 756. Kapselbacillen, spezifische Agglu- tination 503. 556: Differenzierung durch Präzipitine 780: Phagocytose im Reagensglase 379, 456. Kapselbildung der Bakterien als Schutz gegen phagocytoseerregende Stoffe 405, 456; Bedeutung für Ag- glutinabilität 504, 574. Kapseln zur Antisenein Verleihung per OS 140. Karakurtengift 1408. Karbohyd rasen als Antigene 127. Karbolglycer in bei Abtötung von Bakterien 101; bei Antigengewin- nung 59; bei Konservierung von Agglutininen 209, von Hämotoxinen 1.59. Karbolsäure, Wirkung auf Infek- tionserreger 20, 58, 101; aut Leuko- cytenfermente 1305: auf Agglutina- tionsreaktion 494; bei Konservierung von Antigenen 157, von Antikörpern 208, von Giften 106. Karmin, Phagocytose 418, 424, 466. Karpfenbacillus als Antigen 24. Kasein, anaphylaktogene Wirkung 1000; Komplementabsorption durch 865; Wirkung der Leukocytenfer- mente auf 1304. Katalase als Antigen 127. Katze, Agglutiniugehalt des Normal- serums 517: Anaphvlaxiereaktionen bei 320, 1012. 1060, 1061, 1064, 1069; Opsonine bei 435; Verwen- dung der Leukocyten zu Phago- cvtoseversuchen 412; Immunitätsver- erbung bei 1163, 1164. Kaulquappen, Wirkung der Schlan- gengifte auf 1431. Keimplasma, Immunitätsübertra- gung durch 1156. Kenotoxine s. ,, Ermüdungsstoffe", Antitoxine gegen s. „Antikenotoxine"'". Keratin, anaphylaktogene Wirkung 1000. K e 1 1 e n b i 1 d u n g der Bakterien bei Agglutmation 484, 490. Keuchhustenbacillus, spezifische Agglutination 564. Kieselgur, Komplementabsorption 870. Kieselsäure, Agglutinationswirkung 1250; hämolytische Wirkung 1251. Klärpulver 103. Klupein, toxische Wirkung 1057. Knochen, Präzipitinogene aus 124. Knochenkörperchen als Phago- cyten 691. Knochenmark, Antikörperdarstel- lung aus 236; bakterizide Wirkung 308, 311; als Bildungsstätte der Ag- glutinine 532, der anaphylaktischen Antikörper 1017, der Antitoxine 262, der Bakteriolysine 349, der Hämo- lysine 819, der Präzipitine 746; Autolyse 1310; Leukocytenfermente im 1303: Phagocytose durch 406, 413; Vorkommen von Typhusbacillen bei Rekonvaleszenten 334. Knollenblätterpilz, Gift des 1466. Koagglutination 463, 807, 911. Koagulasen als Antigene 127. Koaguline 353, 736, 924. Kobragift s. ,,Cobragift". Kochsalz, Einfluß auf Anaphylaxie 1079; Resistenzerzeugung durch K.- Lösung bei Immunisierunesversuchen 330. Kochsalzmittelstück der Kom- plemente 878, 886. Kohle, Phagocytose 418, 466. Kohlensäure, Fällung der Komple- mente mit 877, 881; -Gehalt des Blutes in Beziehung zur Bakterizidie 384. Kokkeneiterungen, Antiferment- therapie bei 1322; Leukocytenfer- mente bei 1307. Kollodiums äckchen, Antigenein- verleibung in 141. Kolloide, Antikörperabsorption durch 834: als Leukostim ulantien 432: als Präzipitinogene 741: Wirkung auf Hämolysine 850: Bedeutung für Ag- glutination 609, 616. für Immunitäts- lehre 1241, 1252. für Präzipitation 760: Nachahmung immunchemischer Vorgänge mit Hilfe von 1250. Kolostrum, Agglutinine im 530 ; proteolytische Fermente im 1306. Komplemente 353, 356, 358, 366, 863: allgemeines Verhalten 867: Konstitution 874, 877, 890; Vielheit 367, 89 r; Ursprung 895; dominante 369, 854; künstliche 894; Wirkung bei Hämolyse 854, 873, 885, 888, bei Bakteriolyse 353, 357, 366; bei pha- gocytären Serumstoffen 409, 695: li- poide Beschaffenheit 1280; Ferment- 1544 Sachregister. Charakter 887: Vorkommen mid Schwankungen 425, 864; quantitative Bestimmung 866; anaphylaktogene Wirkung lÜOl : Bedeutung für Op- soninwirkung der Sera 444; Verhalten bei Anaphylaxie 1025. Komplem entablenku n g 371: bei Wertbestimmung bakterizider Sera 328, 332, 372; bei bakterizidem Reagenzglasversuch 1180. Komplementbindung 906 ; in Be- ziehung zur lytischen Wirkung der Sera 854, zur Agglutination 514, zur Präzipitation 909; in vivo 923; hämolytische Systeme bei 917; Ver- halten der Antigene 920: Zustande- kommen der antikomplementären Wirkung 921: Spezifizität 922; Ad- sorption der Immunstoffe bei 1248: BedeutuBS der Lipoide bei 1283, 1286: bei"^ Heufieber 1484. Komplementoide 359, 874, 899. Komplem entophile Gruppen Ehrlichs 353, 357. Komplementschwund bei Serum- krankheit 1121. Kompositenpollen. Giftwirkung 1473. Kongestin nach Riebet 968, 989. Konglutiuation (Bordet & Gay) 808, 1250. K o n j u n k t i V a s. ,,Conjunctiva". Konservierung der Antigene 155 ; agglutinierender Sera 502; von Bak- teriengiften 106: der Antikörper 203 ; der Komplemente 873. Konstitution, komplexe der Kom- plemente 877. Kontakttötung von Bakterien durch Phagocytose 456. Konzentrierung der Antigene 160 ; der Antikörper 210. Körpergewicht, Verhalten bei Ana- phylaxie 984. Körpertemperatur, Verhalten bei Anaphylaxie 1070. Körperzellen als Antigene 351; Antikörperbildung durch 349. Kotpräzipitine, spezifische 749. Krebse, Allergie gegen 1124; Op- .sonme bei 434, 435: Empfänglichkeit für Schlangengifte 1385. Kreide, Komplementabsorption durch . 870._ K r e p i t i n , Allergie gegen 965, 968, 976, 989. • Kreuzspinnengift 1408, 1414. 1429; als Antigen 111; Agglutina- tionsvermittlung durch 807. Krisis bei Infektionskrankheiten in Beziehung zum anaphylaktischen Shock 1128. Kris tallinse, Organspezif izität bei Anaphylaxie 992, 993. Kröten, Phagocytose bei 'Verwand- lung der 670. Krötengift, komplexe Konstitution 1414: als Antigen 110; Empfindlich- keit der verschiedenen Blutarten gegen 1408; Antitoxin gegen 257. Kryptogamen, Phagocytose bei 660. Kugelmühlen 123. K u h h r n , Organspezif izität 993. Kuhmilch, Allergie gegen 1124: bak- terizide Wirkung 299. Kulturbacillen im Gegensatz zu „tierischen" Bacillen 457. Kulturen, Auswahl für Immunisie- rung 337 : Abschwächung von In- fektionserregern in 21; Präzipitm- reaktion in Filtraten von 736. Kupfersulfat. Wirkung auf Agglu- tinine 230. auf Bakteriennukleopro- teide 1364. Küstenfieber, Immunisierung gegen 7. Kutanimpfung 134. Kutanreaktion s. ..Hautreaktion". Kynase in Schlangengiften 1390. 1396. K y r i n e , toxische Wirkung 1057. L. Lq- und L^i"- Dosis der Toxine 1143. Lab als Antigen 127 : spezifische Ana- phylaxie gegen 976. Labfermente in Leukocyten 1301. Lachesis-Gift 1381, 1387, 1390. 1391, 1396, 1402. Lackmuskörnchen, Verhalten in Leukocyten 663, 693. Lagerung, Abschwächung der Ana- phylaktogene bei 1004. L a k k a s e als Antigen 127. Laktalbumin, anaphvlaktogene Wir- kung 1000. Laktase als Antigen 127. Laktoseblutagar bei Nachweis der Hämotoxine des TyphusbacUlus 1358, des Bact. coli 1357. Latenzstadium bei Anaphylaxie- versuchen 981. Lävulinsäure, Agglutinationswir- kung 617. Leber, anaphvlaktische Reaktionskörper in 1018; bakterizide Wirkung 312, 348, 350; Komplemente in 896: Komplementvermiaderung bei Ex- stirpation der 371; Verhalten bei ^Anaphylaxie 1076. Lebercirrhose, Phagocytose ■ bei 674. Leberkrankheiten, Gruber- Widal- sche Reaktion bei 540. Leberzellen als Phagocyten 429, 691. Sachregister. 1545 Lecithin, Ambozeptor - Absorption durch 834: antikomplementäre Wir- kung 872, 880; Einfluß auf Ana- phylaxie 1080; bei Bakterienextrakt- gewinnung 84; Wirkung auf Toxine 266; aktivierende Wirkung bei Schlangengifthämolyse 1386, 1416. Lecithinase des Cobragif tes 1422. Leguminosen, spezif . Anaphylaxie gegen 976. Leishmans Technik für Phagocy- toseversuche 420. Leistungsbeeinflussungen beim Menschen 1513. Leistungskern in Ehrlichs Theorie 352, 353. Leitfähigkeit, Abhängigkeit der elektrischen vom Antitoxingehalt des Serums 219. Lepra, Agglutination bei 564: Leuko- toxininjektionen bei 927; Lipoidfäl- lungeu der Sera 1281. L e p r a b a c i 1 1 e n , Verhalten in Pha- gocyten 692. Leukämie, Fermentwirkungen der Leukocyten bei 1302, 1307. Leukanthrakozidine 326. Leu k ine 307, 309, 406, 695. Leukopenie bei Anaphylaxie 984, 1066. Leuko Protease 462 ; als Antigen 127. Leukostimulantien 432. Leukotoxine 376, 466, 926; Pha- gocytosehemmung durch 415. Leukozidine, Bedeutung f ü r Bak- terienvirulenz 376. Leukocyten als Antigene 114; als Quellen der Alexine und Komple- mente 304, 896; Antikörperdarstel- lung aus 234; als Präzipitinbildner 750; Bedeutung bei Bakterizidie 304, ■305, 308, 310, 329, 333, 349, 366, bei Antitoxmproduktion 262; bak- terizide und cytolytische Stoffe der 460, 695; BeeLnflussimg durch Bak- teriennukleoproteide 1365, durch Schlangengifte 1397, durch Cobra- lecithid 1430; Gewinnung für Pha- gocytoseversuche 410; Haltbarkeit 413; Beteiligung der verschiedenen Formen bei Phagocytose 413, 435; Verhalten der L. verschiedener Tier- arten bei Phagocytose 412, 434 — 436; Schicksal der aufgenommenen Bakterien in 458; spezif. Anaphy- laxie gegen 976; Uebertragung der Anaphylaxie durch 1018. Leukocytenfermente und -An- tifermente 1301. — proteolytische 1301 ; Vorkommen und Bedeutung unter normalen Ver- hältnissen 1305; Bedeutung für Pa- thologie 1306, für Autolyse 1309; therapeutische Verwendung 1322; Reindarsteliung und Eigenschaften 1303; Verdauungsproben 1304; Resi- stenz 1305; Vorkommen u. Eigen- schaften der Antifermente 1315. Leukocytenfermente, fettspal- tende'1324. — oxydierende 1325. Leukocytotoxine der Normalsera 436. Licht, Wirkung auf: Antigene 155; Antitoxine 283; Infektionserreger 17; Komplemente 868; Toxine 107; Schlangengifte 1382. Ligusterpollen, Giftwirkung 1473. Linseneiweiß, Organspezifizität 926, 992, 993; Präzipitinreaktion 734, 750. Lipasen als Antigene 127; in Ri- cinussamen 1457. Lipoide, Bedeutung für Immunitäts- lehre 1241, 1267; Bez. zu Hämo- lysin- und ToxLnwirkungen 1268; antilytische im Serum 1275; Hämo- lyse durch Cobragift 1275, 1417; lytische Wirkungen 1277: Bez. zu Komplementen 369, 890, 1280; L.- . Fällungen durch Serum und ver- wandte Reaktionen 1281; Anteil an verschiedenartigen Immunitätsreak- tionen 1283; Antigenwirkung 816, 1284; bakterizide Wirkung 311; ana- phylaktogene AVirkung 1000; anti- komplementäre Wirkung 871, 900; Bedeutung bei Phagocytose 464; Wirkung auf Toxine 266, auf Agglu- tination 614. Lipolyse in Bez. zur Hämolyse 810. Lithiumsalze, Einfl. auf Komple- mentwirkung 874. Lochia Isekret, proteolytische Fer- mente in 1306. Locus minoris resistentiae, Alexinabsorption am 303. Lues s. „Syphilis". Luftembolie bei intravenösen Im- pfungen 131. Luftsauerstoff, Wirkung auf Bak- terizidie des Blutes 299. Lugolsche Lösung, Giftabschwä- chung durch 106. L u m b a 1 f 1 ü s s i g k e i t , Antitoxine in 254; Hämolysine in 797, 799, 819; Komplemente in 864. Lunge, Bakterizidie in 311; Phago- cytose durch 406, 414; Toxin-Im- munisierung von der L. aus 252; Agglutinationswirkung des L.-Saftes 617. Lungenblähung bei Anaphylaxie- Reaktion 1067. L u n g e n s e u c h e des Rindes, Immuni- sierung gegen 5. Lykopodium, Komplementabsorption durch 870. 1546 Sachregister. Lymphdrüsen als Bildungsstätten der Agglutinine 532, der Bakterio- lysme 349: Antikörperdarstellung aus 236; Verhalten bei Serumkrankheit 1120. L y m p h d r ü s e n e r k r a n k u n g e n , Wirkung proteolytischer Leukocyten- fermente bei 1307. Lymphe, Hämolysine in 797; Opso- nine in 435; Verhalten bei Anaphy- laxie 1066. — Konservierung von Pocken-L. durch Trocknung 156, durch Glyzerin 158. Lymphoprotease 462. Lyocytose 669. Lysine (NicoUe) 353; s. auch ,.Bak- teriolysine". Lysintheorie Kruses 304. Lyssa, Immunisierung gegen, nach Babes-Puskariu 14; nach Pasteur 16, 29: nach Högyes 8; mit Virus- Serumgemischen 171; Immunitäts- vererbung bei 1159, 1161; Xeurono- phagie bei 672; Anaphylaxie bei Im- munisierung 978 ; Wertbemessung des rabiziden Serums 1236. Lyssavirus, Abschwächung 16, 19, 20; Konservierung durch Glvzerm 158. M. Magen, Antigenein Verleihung durch 139. Magendarmkanal, Verhalten bei Anaphylaxie 1075; Immunisierung vom M. aus 136. Magensaft, spez. Anaphylaxie gegen 1364. Magnesiumchlorid, Einfluß auf Phagocytose 433. Magnesiumsalze, Einfluß auf Komplementwirkung 874. Magnesiumsulfat, Wirkung auf: Agglutinine 576: Bakteriennukleo- proteide 1364: Bakterioh'sme 227: Globuline 214; Komplemente 869. Majaplasma- Immunisierung 360. Makrophagen als Alexinquelleu 305, 307: Phagocytose durch 413, 675, 691; cytolvtische Wirkung der Ex- trakte "aus" 461, 462. Makrocvtase 305, 676, 679, 694, • 696. Malaria, Phagocytose bei 726. Mallein 83. • Maltafieber, Agglutinationsreaktion bei 514; Antigene zur Immunisie- rung gegen 58; Verhalten der Leuko- cyten bei 436; Anaphylatoxine gegen Erreger des 1103. Masern, Immunitätsvererbung bei 1168; Präzipitinreaktion bei 771. Massenkulturen, Herstellung 149. Mastdarm. Immunisierung durch 140. Maul- und Klauenseuche, Ab- schwächung des Virus durch Tier- passagen 30; Wertbemessung der Immunsera 1237. Maultiere, Antikörpergewüinung bei 195. Maus, Anaphylaxiereaktionen bei 977. 981, 1012, 1060; Hämolysingewin- nung bei 796: Immunitätsvererbung bei 1157, 1163; Phagocyloseversuche mit Leukocyten der 412, 459. Mäuse typhusbacillen, spez. Ag- glutination 550: spez. Bakteriolyse 325; Tropine gegen 430; Immuni- sierung gegen 35. Med u IIa oblongata, Bakteriolysine in 348. Meerschweinchen, Anaphylatoxin- versuche an 976, 978, 1012, 1035. 1060, 1061, 1065, 1067; Antikörper- gewinnung bei 195; Blutentnahme bei 197 ; Hämolysingewinnung bei 114, 796; Immunisierung gegen Pest 51, gegen Tuberkulose 6: Immuni- tätsvererbung bei 1156, 1159, 11611, 1163, 1164; Verwendung bei Wert- bestimmung der Bakteriolysine 327. Meerschweinchenleukocyten,. Phagocytose durch 410, 412, 418. 459. Meerschweinchenserum, Agglu- tinine im 517; Antitoxine im 286; Opsonine im 434, 435: Wirkung auf Cobragift 1436. Meßap parate bei Serumprüfung 1178, 1194. M e i o s t a g m i n r e a k t i o n als Kolloid- reaktion 1283. Melanin, Absorption der Opsonine durch 444; Phagocytose 466. Meningitis, Agglutinationsreaktion bei 499, 562; Präzipitinreaktion bei 778; Erythrophagocytose bei 429: Bedeutung der Normalopsonine für Empfänglichkeit für 441. Meningokokken, Differenzierung durch Agglutmine 499, 562; durch Präzipitine 783 ; Bakterienanaphy- laxie gegen 1099; Extrakte aus, zu Immunisierungszwecken 75, 77. Meningokokkensera, Wertbemes- sung 328, 469, 1229: Opsonme und Tropine der 417, 434, 464, 471. Mensch, Disposition für anaphylak- tische Prozesse 977. Menschenmilch, bakterizide Stoffe in 299. Menschenserum, Normalaggluti- nine im 516 — 518. Menstruation, opsonischer Index während 425. Sachregister. 1547 Mesenterialdrüsen, bakterizide Wirkung 308; Normalpräzipitine in 746. M e t h ä m 1 y t i s c h (; Reaktionen 857, 889. Methylenblau fä rbuug für Pha- gocytosepräparate 417, 419. Met hy lg rün-Py ronin- Färbung für Phagocylosepräparate 417. Methylguanidin, toxische Wirkung 1058. Micrococcus melitensis, spezif. Agglutination 559: Opsonine u. Tro- pme gegen 433, 471. Miesmuschelbacillen. Nukleo- proteide aus 1376. Miesmuschelgift, Allergie gegen 965, 976. Mikrophagen als Alexinquellen 305, 307: bakterizide Wirkung der Ex- trakte 461 : Phagocvtose durch 675, (391. Mikrocytase 305, 369, 694—696. Milch, spezif. Anaphylaxie gegen 976, 997; als Antigen 124: Differenzie- rung durch Präzipitationsreaktion 734, durch Komplementbindung 923; Agglutinine in 530; Antitoxine in 254; bakterizide Wirkung 299; Hä- molysine in 797, 819; Hämotropine m 428; Komplemente in 864; Op- sonine in 434; Präzipitine in 740, 744; Darstellimg der x\jititoxine aus 225; Konzentrierung der Antitoxine .in der 283; Immunitätsübertragung durch 1158, 1163; Ausscheidung von TuberkelbacUlen in der M. bei Tu- berkulose-Immunisierung der Kühe 32; aktivierende Wirkung beiSchlan- gengLfthämolyse 1418. Milchkügelchen, Tropine gegen 429. Milchsäure, Agglutinationswirkung 617. Milchsäurebacillen, Agglutination. 516. M i 1 1 o n - R e a k t i o n , Verhalten der Bakteriennukleoproteide 1364. Milz als Bildungsstätte der Aggluti- nine 532; der Antitoxine 262; der Bakteriolysine 308, 348; anaphylak- tische Antikörper in 1017 ; Normal- präzipitine in 746: Hämolysine in 819; Leukocytenfermente in 1303; Antikörperdarstellung aus 236 ; Auto- lyse 1310; Komplementverminderung bei Exstirpation der 370. Milzbrand, Blutalkaleszenz u. Bak- terizidie bei 384; Präzipitinreaktion 733, 775; Phagocytose bei 684, 686, 699; Immunisierung von Tieren gegen 41; Simultanimpfung 163, 164, 168; Pasteurs Schutzimpfung 11; Immunitätsvererbung bei 1156; Bedeutung der Plakanthrakozidine bei Immunität gegen 326. Milzbraudbacillus, Beeinflussung durch Chemikalien 18; Bakt«riolyse 325; Phagocytose 380; Virulenzbe- einflussung durch Immun.?erum 377; Kapselbildung miter Einfl. von Im- munserum 379, 405, unter Einfl. von Arsenlösungen 383; Opsonine und Tropme gegen 408, 430, 433, 437, 456, 473; Agglutination durch Normalsera 517, 518; Bakterien- anaphylaxie 1098, 1099, 1100; Bak- teriennukleoproteide der 1375; Hä- motoxme der 1355; Wirkung der Pyocyanase auf 382, 383, der Schlangengifte auf 1391; Autolysate aus 69; Extrakte aus 85, 86." Milzbrandplasmin als Antigen 92. Milzbrandserum, Bakterizidie 310, 311, 325; Wertbemessung 1233. Milzzellen, Phagocytose durch 666. 691. Mineralsäuren, Wirkung auf Ag- glutinine 230. Mineralsubstanzen, Bedeutung für Agglutination 595. M i s c h i n f e k t i o n e n , Agglutinations- versuche bei 541. Mischungsmethode der Präzipi- tmreaktion 756. Mischsera von verschiedenen Im- muntieren, Immimisierungswert 339. Mitagglutinine 519, 525, 536, 537. Mithridatismus 242. Mittelstück der Komplemente 878, 886, 918. Modifikation. Brandsche der Kom- plemente 878, 886. Mollusken, Empfänglichkeit für Schlangengift 1385. Molybdänsäure, Agglutinations- wirkung 1250. Morphium, Einfluß auf Phagocytose 432; Ueberempfiiidlichkeit gegen 948; Angewöhnung an 951. Mumienmaterial, spezif. Anaphy- laxie gegen 976. Mund, Immunisieruno; vom M. aus 138. Muscheln, Opsoniae bei 434. Muskelarbeit, Einfl. auf opsoni- schen Index 426. Muskelatrophien, Phagocytose bei 674. Muskel saft als Antigen 116, 121; bakterizide Wirkung 312, 348. Muskulatur, Verhalten bei Anaphy- laxie 1074. Mytilokongestin 968, 976, 989. M V x m y c e t e n , Phagocytose bei 656. 1548 Sachregister. N. Nagana s. „Tsetsekrankheit". Nährböden, Einfl. auf agglut. Ver- halten der Bakterien 573; Einfl. auf Toxinbildung 95. Nahrungsmittel, Idiosynkrasien gegen 1125; Verfälschungsnachweis durch Präzipitinreaktion 734. Nahrungs Vakuolen bei Plasmodien 659; bei Amöben 661; bei Infusorien 663. Naja -Gift 1381, 1387. Narkotika, Einfl. auf Anaphylaxie 1080; auf Phagocytose 432. Nasenschleimhaut, Wirkung der Pollengifte auf 1470. Nat rium jodat , Einfl. auf Komple- mentwirkung 869. Natrium salicylicum, Agglutina- tionswirkung 617. Natriumsulfat, Antitoxinausfällung durch 221: bei Gewinnung von Bak- terienextrakten 76; Wirkung auf Ag- glutinine 576. Natriumsulfit, Komplementabsor- ptiou durch 870. Natronlauge, Wirkung auf Agglu- tinine 230; auf Anaphylaktogene 1007 ; auf Präzipitinogene 742; beiExtrakt- gewmnung 77. Nattern, Empfänglichkeit für Schlan- gengifte 1385. Nebenagglutinine, heterologe 544. Nebennieren, Bakteriolysine in 348. Nebennierenextrakt bei Ferum- krankheit 1121. Nekrosen durch Bakteriennukleopro- teide 1365. Nephrotoxin 926. Nerven, Verhalten der peripheren bei Anaphylaxie 1077. Nervenkrankheiten, Neuronopha- gie bei 674. Nesseltiere, Phagocytose bei 664. Neugeborene, Hämolysin bei 428; Opsonine bei 434. Neurin bei Bakterienextraktgewinnung 85. Neurogliazellen als Phagocyten 672, 674. Neuro tox ine 926; der Schlangen- gifte 1383, 1387, 1397, 1400, 1429, 1430, 1435. Neutralfette, antikomplementäre Wirkung 872. Neutralrot, Verhalten in Phagocyten 663, 693. Neutralsalze, Einfluß auf Agglu- tination 594. Neutuberkulin- Bacillenemulsion, Immunisierung mit 91. Niere nabszesse, Typhusbacillen in bei Rekonvaleszenten 334. Niere ncirr hose, Phagocytose bei 674. Nierenepithelien, Erythrophago- cytose durch 429. Nierengewebe, bakterizide Wirkung 312. 348. Normalgift 1190. Normalheilserum 1190. Normalsera, Gehalt an: Agglu- tininen 515, 516; Ambozeptoren 848; Antitoxinen 286 ; Antihämotoxinen 899, 1338, 1346; Bakteriolvsinen298, 362; Hämolysinen 798, 814; Op- soninen 410. 437; Präzipitinen 746' Tropinen 430. — Antiserumanaphylaxie gegen 1088 ; antagonistische Funktionen 373. Nukleasen in Beziehung zur Bak- teriolyse 382. N u k 1 e i n , Komplementgewinnung durch 865; Resistenzsteigerung durch 330. _ Nukleinsäure, bakterizide Wirkung 304: als Leukostimulans 432. Nukleoalbumine, anaphvlaktogene Wirkung 1000. Nukleoproteide 1362; spezif. Ana- phylaxie gegen 976; Wirkung bei Agglutinationsprozeß 503, 508. — der Bakterien s. „Bakteriennukleo- proteide". N u 1 1 a 1 1 sehe Röhrchen 204. O. Obduktionsbefund bei Vergiftung durch: Abrin 1463; Ricin 1456; Schlangengifte 1385. O b e r f 1 ä c h e n ä n d e r u n g e n der Bak- terien beim Agglutinationsprozeß 611. Oberflächenspannung der Leu- kocyten-HüUschicht, Bedeutung für Phagocytose 463. Oedem bei Anaphylaxie 954, 1061, 1066; bei Serumkrankheit des Men- schen 1120. — malignes, Neisser-Wechsbergsches Phänomen bei 372; Phagocytose bei 687. Oelsäure, ambozeplorähnliche Wir- kung 892. Oelseifen, Einfluß auf Komplement- wirkung 874; bei Bakterienextrakt- gewinnung 78. Oeltröpfchen, Tropine gegen 429. Olivenöl, aktivierende Wirkung bei Schlangengifthämolyse 1417, anti- komplementäre Wirkung 872. Ophiotoxine 1432; Allergie gegen 965. Ophthalmie, sympathische als ana- phylaktische Erscheinung 1120. Ophthalmoreaktion bei Heufieber 1479, 1482. Sachregister. 1549 Opsonine 403, 409 ; in Iminunseris 441; Eigenscliaften 433; KonstitutioD 442; Thcimolabilität 423, 443; Wir- kungsweise 444, 458; Beziehungen zu den Bakteriolysinen 450, 697, 713, zu den Tropinen 452, 713; Wirkung auf avirulente u. virulente Bakterien 439; Vermehrung bei Schilddrüsenatrophie 370; Indexbe- stimmung nach Wright 403, 421; Verwertung des Index in der klin. Praxis 404, 467, bei Wertbestim- mung der Sera 328, 1181. Opsonoide 438. Organe, Aufschließung zur Antigen- gewinnung 116, 117; x\ntikörperdar- stellung aus 235. Organatrophie, Phagocy tose bei 671. Organ ex trakte, spezifische Ana- phylaxie gegen 976; bakterizide Wir- kung 308, 310; Giftigkeit wässeriger 124. Organlipoide, hämolytische Wir- kungen 1278. Orgauspezifizität der Anaphylaxie 990; der Cytotoxine 926. Organzellen, spezif . Anaphylaxie gegen 976; Agglutination durch Ricin 1457; Opsoninabsorption durch 444; Rolle bei Phagozytose 406. Osmose bei Hämolysin Wirkung 811. Osteokongestin, spez. Anaphylaxie gegen 976. O V a 1 b i n , spezif. Anaphylaxie gegen Ovarien, Bakteriolysine in 348, 976. Ovine 30. Ovovitellin, aktivierende Wirkung bei Schlangengifthämolyse 1418. O X y c h i n a s e p t o 1 , Antigenkonservie- rung durch 159. O X y d a s e n als Antigene 127 ; der Leukocyten 1325. Ozon, Einfluß auf Anaphylaxie 1004. P. Pankreas, Verhalten bei Anaphylaxie 1076. Pankreasdiabetes, Komplement- verminderung bei 865. Pankreasferment, Hämolyse durch 1278. Paukr eassaf t , Antitoxine in 254; spezifische Anaphylaxie gegen 976; Wirkung auf Schlangengifte 1397. Pankreaszellen, Ery th rophago- cytöse durch 429. Pankreatin als Antigen 126. P a p a i n , spezif. Anaphylaxie gegen 976. Papayotin als Antigen 127; spezif. Anaphylaxie gegen 976, 1056; Wir- kung auf Agglutinine 230. Papier, Antrocknung von Antikörpern an 206. Papierfilter 103. Paracolibacillen, Agglutination 552. Paragglutination 547, 573. P a r a 1 b u m i n e , Antitoxine in 285. Paralyse, Cobragif thämolyse bei 1442 ; Neuronophagie bei 674; Herabsetz- ung das Tuberkuloseindex bei 425. Paralysine in Beziehung zu den Agglutininen 488, 510. Paramaecien, Nahrungsmittel Vaku- olen in 663; Reaktion im Inneren der 693. Parasiten, Differenzierung durch Präzipitine 785. Paratyphus, Immunisierungssche- mata 178; Serumdiagnostik 542, 550. P a r a t y p h u s b a c i 1 1 e n , Differenzie- rung durch Agglutination 538, 550, 551, 552; spezif. Bakteriolyse 325; Opsonine und Tropine gegen 416, 4.34, 437, 450, 471; Immunisierung gegen 35. Paratypliusdiagnostikum nach Ficker 500. Parenchym Zellen, Wirkung der Bakteriennukleoproteide auf 1365. Partialagglutinine 537 ; Feststel- lung 541. P a r t i a 1 a m b o z e p t o r e n der Immun- sera 366. Partialan tikomplemente 368, 854, 897. Partialantitoxine 282. Partialpräzipitine 599, 763. P a r t i a 1 r e z e p t o r e n (Lipstein) 1379. Pasteurs Tollwut-Schutzimpfung 16. Pathologie, Bedeutimg der proteo- lytischen Leukocytenfermente für die 1306. Pepsin, Anaphylaxie durch 1056 ; bei Bakterienextraktgewinnung 86. — Wirkung auf: Agglutinine 230, 577; Agglutinogene 523; agglutinable Sub- stanz der Bakterien 567; Anaphylak- togene 1005; Antitoxine 283; Pollen- gifte 1480; Präzipitine 753; Prä- zipitinogene 739, 740. Pepton bei Anaphylaxie 1033; als Leukostimulans 432; Komplenient- absorption durch 870; bei Komple- mentgewinnung 370, 865. Peptonurie, Bedeutung der Leuko- cytenfermente 1309. Pepton Vergiftung, Analogie zur Anaphylaxie 1053. P e r i c a r d i a I f 1 ü s s i g k e i t , bakteri- zide Wirkung 299. Peristaltik, Steigerung bei Ana- phylaxie 1075. Peritonealexsudat, Anaphylatoxine in 1038; Antikörperbüdung in 349; 1550 Sachregister. bakterizide Wirkung 307. 323, 328, 333, 350; Verwendung zu Phago- cytoseversuchen 410. Peritonitis, Phagocytose bei 723. Perlkuotenextrakt als Autigen 86. Perlsuchtbacillen s. .,Rindertuber- kelbacillen'". Per Sensibilisierung von Blut- körperchen für Hämolyse 883. Persistenz der Infektionserreger im immunisierten Organismus 5, 32. Pest, Immunisierung mit abgeschwäch- ten Erregern 14, 338: mit abgetöteten Erregern 51, 52; mit Aggressinen 89: Simultanimpfungen 163, 164, 170, 172. Pestbacillen, spezif. Agglutination 504, 555; Anaphylatoxme 1103; spez. Bakteriolyse 324: Bakteriennukleo- proteide der 1368; Beeinflussung durch Chemikalien 18, 59; Extrakt- gewinnung aus 76, 83, 84: Endo- toxine 315: Hämotoxine der 1356; Kapselbildung bei Einwirkung von Opsoninen 405: Opsonine und Tro- pine gegen 433, 457. 473: Präzipi- tine 781; Wirkung der Schlangen- gifte auf 1392. Pestserum, Wertbemessung 1216; Schutzwert in Beziehung zur Viru- lenz der Bacillen 375. Pestimpfstoff nach Terni-Bandi 89. Peyersche Plaques, Phagocytose m 682. Pfeifferscher Versuch 327 ; Me- thodik und Zwecke 331. Pferd, Anaphylaxiereaktionen 977, 1012, 1060. 1061; Antikörpergewin- nung bei 195; Antitoxingewinnung bei 248; Hämolysingewinnung bei 115; Immunisierimg gegen Schlan- gengifte 1399; Empfänglichkeit für Milzbrand 326; Wirkung der Schlan- gengifte beim 1383. Pferdehufe, Organspezifizität 993. Pferdeserum, Agglutinine im 517; Anaphylaxie gegen 978; Antitoxine im 286; bakterizide Wirkung 306; Opsonine im 517: Präzipitine im 746. Pferdesterbe, afrikanische, Im- munisierung gegen 8 ; Serovaccination 170. Pflanzen, Phagocytose bei 656. ' Pflanzeneiweiß, Kenotoxine aus 1519. Pflanzengifte als Antigene 107. Pflanzenglobuline, anaphylakto- gene Wirkung 1000. Phagocytic count 421. Phagoivse nach Metschnikoff 307. 679, 695, 703, 704. Phagocyten, fixe und bewegliche 691 ; Rolle bei Resorption korpus- kularer Elemente 666; Wirksamkeit bei verschiedenen Tierarten 690; Schicksale der Mikroorganismen in 405, 458, 692; Wirkung auf die ver- schiedenen Mikroortranisraen bei na- türlicher Immunität 683, bei erwor- bener Immunität 699: Wirkung auf Gifte 716. Phagocytose 655 ; Geschichtliches 401; Beurteilung 416; bei der natür- lichen Immunität 683, bei der er- worbenen Immunität 404, 699, 710: bei Entzündung und Heilung von Infektionskrankheiten 716; bei Milz- brandinfektion 380; bei Pflanzen und niederen _Tieren 656: in senilen Or- ganen 672; korpuskularer Elemente 666: Bedeutung der Opsonine 697, der Virulenz 698, der Toxinwirkung 712. — Beziehungen zur extracellulären Bak- teriolyse 703; Prinzipien und Me- thodik der Versuche 409, 414, 416, 418, 420; Hemmungen in vitro 415; nichtspezif. Beeinflussung 432; Pa- rallelität der Vorgänge in vivo und in vitro 455; unmittelbare Ursachen 463; Einflui^ auf Anaphylatoxinpro- duktion 1128; Verwertung bei Wert- bestimmung der Schutz- und Heil- sera 1180. Phallin 1466; Antitoxin gegen 257. Phanerogamen, Phagocytose bei 660. Phänomen, Bordet-Danysz sches 1258. — Theobald Smithsches 973. — paradoxes nach Kretz 278. 360, 959. Phase, negative bei Immunisieruns 165, 340, 342, 345, 817: bei aktiveT Eiweiß-Immunisierung 964. Phasin 1466. Phenol 5. „Karbolsäure". Philocytase 357. Phloridzin bei Komplementgewin- nung 865. P h 1 o r i d z i n d i a b e t e s , Komplement- vermehrung bei 370. Phosphatide, Lipoidwirkungen 1267. Phosphor Vergiftung, Abnahme der Komplemente und Opsonine bei 444, 865. Phrynolysin 1408, 1414; als ^Anti- gen 110; Antitoxin gegen 257. Phthisiker, Typhusagglutinine bei 540. Phthyrosemidkapseln 140. Phytoantitoxine 1453, Gewinnung 256; Reindarstellungsversuche 226. Phy top r äz ipi t i ne 734, 752. Phytotoxine 1453 : als Antigene 107 : Allergie gegen 965, 989. Sachregister. 1551 Pigmentophagen 673. Pikrinsäure, Wirkung auf Leuko- cyten 1305. Pillen, Antigeneinverleibung in 140. Pilokarpiu, Einfluß auf Ilämolysin- bildung 820; auf Komplcmcutgehalt der Sera 370, 865. Pilze, Phagocytose bei 656, 660. Pipetten für Serumprüfung 1194. Piroplasmose, Immunitäts Vererbung bei 1161. Pirosoma bigeminum, Immuni- sierung gegen 7, 31. — parvum, Immunisierung gegen 7. Place nta, Anaphylaktogene in 996 ; Antikörperübertra2;ung durch 819, 1020, 1157, 1160,"ll61. Plakanthrakozidin 325. Plakine 406. 407. Plasmastoffe, thermostabile 406. Pias m ine (Buchner) als Antigene 91. Plasmodien, Phagocytose durch 657. Plattenverfahren. Bakteriolysin- nachweis 1179. P 1 e u r a e n d o t h e 1 , Antikörperbildung durch 349. P 1 u r a 1 i t ä t s. „Vielheit". Pneumonie, Ery throphagocvtose bei 429; Phagocytose bei 436, 723; Serumvaccination bei 345; Wirkung der Leukocytenfermente bei 1301. 1308. Pneumokokken, spezifische Agglu- tmation 488, 562; Bakteriolyse 325, 440, durch norm. Blut .306; Diffe- renzierung durch Präzipitine 784; Autolysate aus 69; Virulenz 21, 377; Kettenbildung in Immunserum 484; Beeinflussung durch Opsonine und Tropine 407, 416, 417, 419, 433. 434, 437, 439, 440, 455, 469: Hämo- toxine der 1350; Phagocytose 689; Bakterienanaphylaxie 1099; Immuni- sierung gegen 54, 59, 87, mit sen- sibilisierten Vaccins 173; Antigen- dosierung 147. Pneumokokken Infektionen, Typhusagglutinine 539; Immunitäts- vererbung bei 1156, 1160. Pneumokokkensera, Wertbestim- mung 1180, 1219. Pockenvirus, Abschwächimg durch Chemikalien 19, durch Tierpassagen 22. Poliomyelitis, Immunisierung gegen 17, mit Virus-Serumgemischen 171. P o 1 i o m y e 1 i t i s V i r u s , Abschwäch- ung durch Chemikalien 20; Kon- servierung durch Trocknung 157, durch Glyzerin 159. Pollantin 257. Polleneiweiß 1475; Resistenz 1480; Anaphylaxie gegen 976, 1124. Pollenextrakte als Antigene 108 ; Antitoxine gegen 257. P o 1 y b 1 a s t e n , Phagocytose durch 719. P o 1 y v a 1 e n z bei bakteriziden Seris 332, .339. Polyzeptor (Ehrlich & Morgenroth) 369. Präparator (Gruber) 357, 361, 363. Präzipitate 736, 756. Präzipitine 745; in Normalseris 746; Gewinnung 115, 179, 747; Auswahl der Impftiere 195; Anti- gcndosierung 147 ; Konservierung 205—208; Bildungsstätten 750; Uebersicht der bisher bekannten 751; Natur 752; Beeinfl. durch physik.- chem. Faktoren 753; bei Diagnostik der Krankheiten und Bakterien 771; Reindarstellung 232: erbl. Uebertra- gung 1160; Bez. zu den anaphylakt. Antikörpern 1021; gegen Pflanzen- eiweiß 109. Präzipitinogene, bakterielle 736; tierische 740; pflanzliche 742; ori- ginäre und konstitutive Spezifizität 744; Konservierung durch Trock- nung 156; Bez. zu den Anaphylakto- genen 1009. Präzipitinreaktion 735: Aus- führung 755; quantit. Verh. der be- teiligten Körper 759; als Kolloid- reaktion 760; Spezifizität 761; Dif- ferenzierung chemisch differenter Ei- weißkörper durch 764; Bez. zur Ag- glutination 599, zur Komplementbin- dung 909; Lipoidwirkmigen bei 1283; bei Milzbrand 775; bei Rotz 774; bei Heufieber 1483; gea^en Ri- cin 1461. Präzipitoide 742, 753. Presse, Buchnersche 120. Preß Säfte aus Bakterien (Buchner & Hahn) 91. Profetasches Vererbungsgesetz 1157. Prognose, Verwertung der Aggluti- nationsreaktion 512. 527; der Anti- trypsinbestimmung 1318; des opso- nischen Index 467; der Phagocytose 729. Prolecithide 1420. Prosperol 79. Protagon, antikomplementäre Wir- kung 872 ; Gif tbindungsvermösen 1273. Protamine, toxische Wirkung 1075. Proteasen als Antigene 126. Protektine (Noguchi) 872, 900. Proteolyse durch Leukocytenfer- mente 1301; durch Schlangengifte 1390. Protone, toxische Wirkung 1057. Protozoen, Anaphylatoxine 1104; Differenzierung durch Präzipitine 785: intracelluläre Verdauung 660; Immunisierung mit Pr. -Material 125. Pseudoagglutination 493, 499. 1552 Sachregister. Pseudoanticrotin 1466. Pseudodiphtheriebacillen, Op- sonine und Tropine gegen 434, 473. Pseudoglobuline, Agglutinine in 576, 600: Antitoxine in 285; Hämo- lysine in 850. Pseudotuberkelbacillen, Agglu- tination 488, 550. Psittakose bacillen, Agglutination 550; durch Serum Tvphuskranker 536. Psycho reaktion (Much & Holz- mann) 1443. Ptyalin, Wirkung auf Schlangengifte 1397. Puerperalfieber, Typhusaggluti- nine bei 539; Schutzimpfung nach Levy & Hamm 173. Pyocyanase 382; spezif. Anaphy- laxie gegen 976. Pyocyaneus s. ,,Bac. pyocyaneus". Pyocyaneusantitoxin, Gewin- nung 256. Pyocyaneusimmun proteidin 383. Pyocyanolysin, Antitoxin gegen 257. Q. Quarzsand, Komplementabsorption durch 870. Queeksilberbichlorid, Antitoxin- ausfällung durch 216; Wirkung auf Agglutinine 230. R. Radium, Wirkung auf Infektious-Er- reger 17; auf Schlangengifte 1383. Rassenspezifizitäten bei Bakte- rien 379. Ratte, Anaphylaxiereaktioneu 977; Blutentuabme bei 197 ; Gehalt des Serums an Agglutininen 517, an Bakteriolysinen 306, 312, an Opso- ninen 435; Hämolysingewinnung bei 796; Immunitätsvererbung bei 1156; Immunisierung gegen Pest 51, 52; Phagocytose der Leukocyten bei 412; Wirkiuig der Schlangengifte bei 1383. Rauschbrand, Immunisierung gegen 12, 54, 97; Serovaccmation 167, 171; Serotoxiuimpfung 175; Neisser- Wechsbergsches Phänomen bei 372; Phagocytose bei 686; Immunitätsver- erbung bei 1157. Rauschbrandbacillus, spezif. Ag- glutination 555. Rauschbraudserum, Gewinnung 256; Wertbemessung 1209. Reagenzglas versuch, bakteri- zider 377, 1179; bei Wertbemes- sung der Sera 327. Reagenzpapiere für Agglutinations- reaktion 492. Reaktion der Medien, Einfl. auf Ambozeptorbindung 822; auf Präzi- pitinreaktion 757; auf Toxinbildung 95. — im Inneren der Phagocyten 663, 693. — Wassermannsche 925 ; als Kol- loidreaktion 1282. Reaktionen nach Extraktimmuni- sierung 66; nach subkutanen Im- pfungen 1.33; nach Toxineinverlei- bung bei Tieren 252; bei Typhus- u. C'holeraimmunisierung von Tieren 337; bei Typhusschutzimpfung des Menschen 340, 342. — methäraolytische 857. — paradoxe auf nicht-antigene Gifte 950. — sofortige und beschleunigte bei Allergie 970, 1017. R e a k t i o n s f ä h i_g k e i t , Veränderung bei Allergie 947. Reaktionskürper, anaphvlaktische 1011. Reaktionsoptima bei Immunitäts- und KoUoidreaktionen 1259. Reaktivierung inaktiver bakt^rio- lytischer Immunsera 351; hämoly- tischer Sera 795. Rectum, Immunisierung durch 140. Recurrensfieber, Phagocytose bei 429, 688, 691, 723. Recurreusspirochäten als Anti- gene 125; Anaphylatoxine gegen 1103. Reinjizierte, Serumkrankheit bei 970, 1121. Reiz, spezifischer bei Antikörperpro- duktion 354. Reizstoffe der Leukocyten 463. Resistenz der agglutinablen Sub- stanz der Bakt. 567, 568, 570; der Agglutinine 520, 577; der Antitoxme 283; der Bakteriolysine 299; der Präzipitine 753; der Präzipitinogene 739. — im Gegensatz zur spezif. Immunität 330. Resonanztheorie der Agglutina- tion 611. Resorption, Bedeutung der Leuko- cytenfermente für die 1308. Resorptionsfieber als anaphylakt. Erscheinung 1120. ( Resorptionsgeschwindigkeit bei den verschied. Impfmethoden 129. Respiration, Verhalten bei Anaphy- laxie 1067. Respirationsschleimhaut, Durch- gängigkeit für Anai^hylaktogene 978. Rest Zählung nach Neisser-Guerini 427. Sachregister. 1553 Retardine Weichardts 1510. Rezeptoren und Ambozeptoren 352, 813: in Bez. zur Virulenz 374. — freie nach Neisser & Shiga 70. 317, 345. — s e s s i 1 e in Bez. z. histogenen Im- munität 366, 961, 1019. — verstopfte 355, 438. R e z t" p t o r e n s c li w u n d ( Ehrlich) 279, 360. Rhinosklerom, Fadenreaktion bei 490. Rhinosklerombacillus, Aggluti- nation 503. Rhizopoden als Phagocyten 663. Riein 1453; ehem. Natur 1454; Gift- wirkung 1455; Toxoidbildung 1459; Neutralisation durch Antiricin 1459; als Antigen 109: als Präzipitinogen 742; Allergie gegen 965, 976; Im- munisierung gegen 1457; Immuni- tätsvererbung 1158, 1162. Rind, Anaphylaxiereaktionen 977, 1061; Antikörpergewinnung bei 195; Immunisierung gegen Lungenseuche 6; gegen Tsetsekrankheit 30; gegen Tuberkulose 6, 29; Immunitätsver- erbung bei 1164; Gehalt des Nor- malserums an: Agglutininen 517, 520, Antitoxinen 286. Opsoninen 434, Präzipitinen 746. Rinderpest, Immunisierung gegen 4, 5, 7, 163, 168, 169; Wertbemes- sung der Schutz- u. Heilsera 1236. R i n d e r p e s t V i r u s , Abschwächung durch Chemikalien 19. R i n d e r t u b e r k e 1 b a c i 1 1 e n , Ab- schwächung durch Chemikalien 20, durch Kulturpassagen 22. Rindertuberkulose, Serovaccina- tion gegen 171. Ringel Würmer, Phagocvtose bei 682. Robin 1466; als Antigen 109. Roggenpollen, Giftwirkung 1471, 1479, 1480. Rohrzucker, Wirkung bei Cobra- gifthämolyse 1411. R ö n t g e n s t r a h 1 e n , Einfluß auf Anaphylaxie 1018, 1081; auf In- fektionserreger 17. Rotlauf, Aggressinimmunisierung gegen 88, 338; Schutzimpfung nach Pasteur 23, nach Lorenz 162, 166, nach Leclamche 164, 171; Neisser- Wechsbergsches Phänomen bei 372; Immunitätsvererbung bei 1156. R o 1 1 a u f b a c i 11 e n, aphagozide Leuko- cytenwirkung gegen 309, 326: Op- sonine und Tropine gegen 430, 434, 471; Virulenzsteigerung 377. R o 1 1 a u f s e r u m , spezifische Wirkun- gen 310, 326, 1180; Wertbemessung 1212. Handbuch der pathogenen Mikroorganismen. 2. Rotz, Agglutinationsreaktion bei 514; Präzipitationsreaktion bei 733, 772. Rotzbacillen, Ab.schwächung 19, 22; Abtötung 60; spezif. Agglutina- tion 556; Anaphylatoxin gegen 1103; Differenzierung durch Präzipitine 783; Glyzerin- u. Harnstoff extrakte aus 83. Rückenmark, Bakteriolysine im 348. Rückfallfiebers. ,,Recurrensfieber". Ruhr, Agglutinationsreaktion bei 542; Immunisierung gegen 35, 50; Im- munisierungsschematii 179; Simultan- impfungen 164, 171, 173. RuhrbaciUen, spezif. Agglutina- tion 553; Differenzierung durch Präzipitine 780; Antiforminextrakte 78; Autolysate aus 68; Bakterien- anaphylaxie 1098; Endotoxine 315; freie Rezeptoren (Neisser & Shiga) 70; Opsonine u. Tropine gegen 416, 433, 472; Toxine Kruses 72; Hämo- toxine 1358. Iluhrserum, Opsoninwirkung 441; Wertbemessung 1224; Schutzwert in Bez. zur Virulenz der Erreger 375. S. S a f r a n i n , Agglutinationswirkung 616. S a I a m a n d e r g i f t als Antigen 1 10. S a 1 i c y 1 s ä u r e , Agglutinationswir- kung 616; Ueberempfmdlichkeit gegen 948, 950. Sa Im in, toxische Wirkung 1057. Salmonellagruppe, Bakterien der, Agglutination 550. Salpetersäure, Wirkung auf Ag- glutinine 230. Salvarsan, Einfluß auf Hämolystn- bildung 820; Ueberempfindlichkeic gegen 948, 950, 952. Salvarsanfieber 1073. Salze, Einfluß auf: Agglutination 503, 508, 593, 608; Ambozeptorbin- dung 826; Komplemente 869, 873; Phagocytose 408, 433, 465; Präzi- pitation 557. — galleusaure, antikomplementäre Wir- kung 871. Salzgehalt des Blutes, Bedeutung für Immunität 385. Salzsäure, Wirkung auf: Aggluti- nine 230; Anaphylaktogene 1005; Antitoxine 283; Komplemente 877; Präzipitine 757; Toxine 106, 110. — bei Bakterienextraktgewinnung 79. Saponinhämolyse, Hemmung der 1268. Saprophyten im Sinne Bails 376. Sar einen, Hämotoxine der 1351. Sarcosporidiotoxin 1410, 1429. Aufl. II. 98 1554 Sachregister. arkom Zellen, Anaphylaxie gegen 997. arkoplasmazellen als Phagocv- ten 668, 670, 674. arkosporidien, Antigene aus 111. auerstoff, Wirkung auf Agglu- tinationsphänomen 533: auf Anti- gene 155: auf Antitoxine 283: auf Infektionserreger 20: auf Toxinbil- dung 98. äuglinge, Agglutinationswirkung d. Serums 518, 528, 531: Antitoxin- übertragung auf 1164, 1165. äugliugsfieber als anaphylakti- sche Erscheinung 1120. äugung, Immunitätsübertragung durch 1157. 1160, 1163—1165. äureagglutination von Bakte- rien 616, 617. äuremodifikation des Cobragif- tes 1433. ä u r e n , Wirkung auf : agglutmable Substanz der Bakterien 567: Agglu- tinine 230, 502, 579, 581, 595; Am- bozeptorbindung 827 : Anaphylakto- gene 1007 ; komplementbindende Antikörper 920: Antitoxine 283; Bakteriennukleoproteide 1364; Bak- teriolysine 299: Hämolysine 850: Komplementwirkung 869, 884; Prä- zipitine 753, 757; PräzipitLnogene 739. - bei Bakterienextraktgewinnung 76. chaf, Antikörpergewinnung beim 195: Antitoxingewmnung 248: Im- munisierung gegen Tuberkulose 6; Immunitätsvererbung beina 1156: Ge- halt des Normalserums an Aggluti- ninen 517, an Opsoninen 434, 435, an Präzipitinen 746. chafpocken, Abschwäehung des Virus 30; Immunität-svererbung h^i 1157; Wertbestimmung der Sehutz- und Heilsera 1236. charlach, Antifermentgehalt des Blutes bei 1319; Immunitätsvererb- ung bei 1168; Präzipitinreaktion bei 771. childdrüsensubstanz, Aggluti- nationswirkung 617: Einfl. auf Se- rum-Qualitäten 370, auf Komple- mentgehalt 865, 866, auf Phago- cytose 433, auf Hämolvsinbildung 820. childkröte, Agglutininbildung bei 524; Opsonine bei 435. childkrötenbacillus als Antigen 24. chilfsäckchen, Antigeneinverleib- ung in 141. chimmelpilze, Anaphvlatoxine gegen 976. 1103; Phagocytose 689. f S s s chlangen, Empfänglichkeit für Schlangengifte 1385. chlangen gifte 1381; Abschwäeh- ung 255; Allergie gegen 965, 976: als Antigene 110; Abspaltung von Anaphylatoxin 322, 323; phvsiologi- sche Wirkung 1383, 1396: Wir- kung auf Blut 1385, 1410: proteo- lytische Wirkung 1390; cytolyti- sche und bakteriolvtische '\\'irkmig 1391; diastatische Wirkungen 1395; komplexe Konstitution 1414: Viel- heit der Giftkomponenten 1429: Wir- kungen bei den einzelnen Tierarten 1383; Neutralisation durch Anti- toxine 1402. durch Lipoide 1274: Beeinflussung durch Diastasen 1396; Immunisierung gegen 1398. chlangengift-Antisera 1399, 1400, 1402, 1437: Gewinnung 255: Wirkungsweise und Anwendung: 272. 1402, 1404: Spezifizität und "Poly- valenz 282. 1400: Wertbestimmuns 1209. chlangenserum. Hämolysine im 795, 806. chleimhäute. Durchgängigkeit für Anaphvlaktogene 978; Phagocytose m 682. chleimpilze, Phagocytose bei 656. chlundsonde. Antigeneinverleibung mit 139. chmetterlinge, Phagocytose bei Verwandlung der 668. chnelleindampfap parat nach Faust-Heim 122. chnellimmunisierung zur Ge- winnung von Agglutinineu 522, von Hämolysinen 114. 116, von Präzipi- tinen 749. chnelltrocknungsapparate 156. chütteln bei Gewinnung von Ex- traktantigenen 64, 73; Einfluß auf Komplemente 869, 882, auf Tuber- kelbacillenkulturen 17. c h ü 1 1 e 1 a p p a r a t e 64 : Verwendung zu Organextraktionen 121. chutzimpfung, Impfturnus bei 154; Auswahl der Kulturen 150; mit Bakteriennukleoproteiden 1377. -gegen Pest 1369; gegen Typhus 44, 46, 49, 54, 71, 340, 342: eegen Cholera 5, 20, 42, 55, 337, 338. chutzkolloide, Antigenkonservie- rung durch 160. chutzsera, Wertbestimmung 1175. chutzstoffe, normale des Blutes, Herkunft 304. -spezifische s. ., Immunkörper". c h w ä m m e , Phagocytose bei 664. 665, 683. Sachregister. 1555 Schwangerschaft, Labilität des Tuberkuloseiudex bei 425; Derma- tosen als anaphylaktische Erschei- nungen bei 1120. Schwankungen des Agglutiniuge- haltes im Blutserum 527, des Kom- plementgehaltes bei Infektionskrank- heiten 866. — negative des opsonischen Index 425. — osmotische, Einf I. auf bakteri- zide Wirkung des Blutserums 385. Schwefelharnstoff, antikomple- mentäre Wirkung 871. Schwefelsäure, Wirkung auf Agglu- tinine 230, auf Pollengifte 1480. Schwefelwasserstoff, Giftabschwä- chung durch 106, 110. Schwein, Anaphylaxiereaktiouen 977 ; Antikörpergewüinung beim 195; Ge- halt des Serums an Agglutininen 517, an Opsoninen 434, 435, an Präzipitmen 746; Wirkung der Schlangengifte beim 1383. Schweinebouillon, Gewinnung von Botulismustoxin in 98. Schweinepest, Immunisierung gegen 8, 54; mit künstlichen Aggressinen 74, 346; mit Organextrakten 87; mit Immunproteidin 383 : Serovacci- nation 168, 169; Ursache der Im- munität 715; Wechselwirkung zwi- schen Leukocyten und Serum 310; Wertbemessung der Schutz- und Heil- sera 1236; Serum nach Dorset 8. Schweinepestbacillus, Agglutina- tionsreaktion 550. Schweinerotlauf s. „Rotlauf". Schweineseuche, Immunisierung gegen 74, 346; Wertbemessuug der Schutz- und Heilsera 1214. Schweiß, spezif . Anaphylaxie gegen 976. Schwermetallsalze, xlntitoxinaus- fällung durch 216, 283; Wirkung auf Bakterienukleoproteide 1364. Sedimentoskop 496. Seeigel, Opsonine bei 435. Seeigelgift als Antigen 111. Seesterne, Phagocytose bei 667. Seifen, antikomplementäre Wirkung 871; hämolytische Wirkung 891; aktivierende Wirkung bei Schlan- gengifthämolyse 1414; Komplemente als 369; bei Gewinnung von Bak- terienextrakten 78. Seitenkettentheorie Ehrlichs 259, 351. Sensibilisin 975, 1011; siehe auch „Anaphylaktogene" u. „Anaphylaxin". Sensibilisinogen 975. Sensibilisierung der Bakterien für Phagocytose 403, 435. Sensibilisier ungstheorie Bor- dets für Hämolysinwirkung 809. Sekrete, tierische als Antigene 110. Septikämie hämorrhagische, Immunisierun? gegen 62. — der Kälber, Agglutinationsreak- tion bei 550. Sera als Antigene 114; Anaphylaxie gegen artfremde 976; antagonistische XVirkungen 900; Aufschließung von Bakterien durch 87. — agglutinierende s.,,Agglutinine". — antibakterielle, Wertbemessung 1178, 1211. — antitoxische s. „Antitoxine". — bakterizide s. ,,Bakterioly.sine". — hämolytische s. ,, Hämolysine". Serodiagüostik durch Agglutina- tionsreaktion 484, 535, 544; durch Präzipitinreaktion 771. Seroprognostik s. ,, Prognose". Serotoxinimpfungen 174. Serovaccination 166; nach Bes- redka 345. Serumeiweiß 211. Serumfestigkeit von Bakterien- stämmen 332, 334, 380; Vererbung 1169. Serumgewinnung, Apparate zur 199. Serumglobuline, anaphylaktogene Wirkung 1000. S e r u m k o n s e r V i e r u n g nach Ehr- lich 205. Serumkrankheit 970, 1016, 1120; Prophylaxe 1121. Serumpräzipitine 749 ; Auswer- tung 755. Serumreaktionen, Beziehungen zu den Kolloiden 1241, zu den Lipoiden 1267. Serumstoffe, phagocytäre 409 ; quantitative Bestimmung 410; Be- deutung für die Immunität 404; s. auch ,, Opsonine" und „Tropine". Serumtherapie antitoxische 280, 1187; Verhalten der Agglutinine bei 526. Shock, anaphylaktischer 984, 10.59; physikalische Theorie 1113. Sidosterin, Komplementabsorption durch 870. Silbernitrat, Wirkung auf Bak- teriennukleoproteide 1364. Simultanimmunisierung 161. S k 1 e r o m b a c i 1 1 u s s. ,,Rhinosklerom- bacillus". Skombrin, toxische Wirkung 1057. Skorpionengift, Hämolyse durch 1427. Soda bei Bakterienextraktgewinnung 77. 98* 1556 Sachregister. Solidagopollen, Giftwirkung 1473, 1479. Somatoagglutinine 574. Sonnenlicht, Wirkung auf Bhit- Bakterizidie 299; s. auch ,, Licht". Spasmophilie als anaphylaktische Erscheinung 1120. Speichel, Agglutiuine in 530 ; Anti- toxine in 254; proteolytische Fer- mente in 1306; Wirkung auf Schlan- gengifte 1397. Speicheldrüsen, Verhalten bei Anaphylaxie 1076: Bakteriolvsine in 348. Sperma, biologische Sonderstellung 994 ; Anaphylaxieübertragung durch 1020; Immunitätsvererbung durch 1157. Spermatozoen, spezif . Anaphylaxie gegen 976; Cytotropine gegen 429; extra- und intracelluläre Auflösung 462; AMrkung der Bakteriennukleo- proteide auf 1365. Spermien, Phagocytose 675. Spermotoxin 926. Spezifizität der Agglutinine 521, 534; der Antitoxine 258; der Bak- teriolysine 329; der Immunsera in Bezieliung zur Antigendosierung 147 ; der Immuntropine 428; der komple- mentbindenden Antikörper 922; der Präzipitinogene 744, 761. Spinnengifte 1408: als Antigene 111; Antitoxine gegen 257. Spirillen, Phagocytose von 688, 692. Spirochaeta Obermeieri. spezif. bakterizide Sera gegen 329. Spirochäten, xlnaphylatoxine gegen 1103; als Antigene 125; extra- und mtracelluläre Auflösung 462, 723: Opsonine und Tropine gegen 474. S p o n g i e n , Phagocytose bei 664, 665, 683. Spontanagglutination 508. Spontanphagocvtose 407, 439. 465, 697. Sporen, Verhalten in Phagocyten 692. Sporotrichose, Agglutinationsreak- tion bei 564. Stachelhäuter, Phagocytose bei Verwandlung der 671. Standardmaße bei Serumprüfung 1177. Standardsera, Konservierung 1190 ; Neueinstellung 1192; bei Phago- cytoseversuchen 411, 414. Standar dtoxine 1193. Staphylokokken, spezif. Agglu- tination 314, 561; Bakterizidie durch normale Meerschweinchenleukocyten 367; Beeinflussung durch Opsonine und Tropine 422, 430—434. 437, 470;Virulenzbeeinflussung durch Im- muusera 377; Phagocytose 460, 689, 721; Giftgewinnung aus 98; Hämo- toxine der 1345; Antihämotoxine da- gegen 1346 £ Differenzierung durch Präzipitine 783; als Symbionten des Bac. oedem. maligni 688; Wirkung der Schlangengifte auf 1391. S t a p h y 1 o k o k k e n e r k r a n k u n g e u. Schwankungen des opsonischen In- dex bei lokalen 424. Staphylokokkeusera, Opsouüi- wirkung 441. Staphylolysin, Konservierung 159 ; als Leukostim lüans 432; Antitoxin gegen 257, 288. Stärkekleister, Agglutinationswir- kung 617. Stauungsödem, Opsonhagehalt 435. Steapsin als Antigen 127. Stechmückengift 1428. Sternzellen der Leber als Phago- cyten 691. Stimulintheorie der Tropenwir- kung 430. Stoffwechselprodukte der Bak- terien als Antigene 94; Gewinnung 95. Strahlen, ultraviolette s. , .ultra- violettes Licht". Straßen virus, Abschwächung 16, 30. Streptokokken, Abtötung durch Chemikalien 60, 61; spezif. Agglu- tination 498, 560; Bakterienauaphv- laxie 1098, 1099; Bakteriolyse 325, 329, 367, 451; Differenzierung durch Präzipitine 784; Beeinflussung durch Opsonine und Tropine 408, 416, 419, 434, 439, 451, 469; Hämotoxine und Antihämotoxine 1347, 1350; Immuni- sierung gegen 53; Kapselbildung unter Einfl. von Immunserum 379. 457; Phagocytose 689, 713, 721; Virulenz 21, Beeinflussung durch Immunserum 377 ; Wechselwirkung zwischen Leukocyten und Serum auf 310, 326: Wirkung des Pyocyanase- immunproteidius auf 383. Streptokokken serum, Tropin Wir- kung 431; Wertbestimmung 1181. 1217. Stroma der Erythrocyten, Beeinflus- sung durch Hämolysine 811, 814, 843. Stromgefälle, Verhalten der Im- munsubstanzen im elektrischen 1243. Strudelwürmer, Phagocytose bei 664. Strvchnin. Ueberempfindüchkeit gegen 948, 950. ' S t u r i n , toxische Wirkung 1057. Sachregister. 1557 Subkutis s. „UnterliautzcUgewebe". Sublimat, Agglutinationswirkung G16 ; hämolytische Wirkung 811; Ueber- empfindlichkeit gegen 948, 950. Substance preventive und b a c - tericide Bordets 351, 357. — sensibilisatrice 357, 360, 678. Substanz, agglutinable der Bak- terien 565; Bindung mit Agglutinin 589. Sync y t ialzellen , spezifische Ana- phylaxie gegen 976, 996. Syphilis, Cobragifthämolyse bei 1442 : Phagocytose bei 726; Präzipitinreak- tion bei 771: Lipoidfällungen der Sera bei 1281. S V p h i 1 i s s p i r o c h ä t e n als Antigene ' 125. T. Tabes. Präzipitinreaktion bei 771. T a 1 1 i a n i u e . Einfluß auf Anaphylaxie 1Ü80. Tänien, Antigene aus 111: Präzipi- tine gegen 785. Tannin, Wirkung auf Bakteriennu- kleoproteide 1364. Taube, Anaphylaxiereaktionen 977, 1012, 1060: Hämolysmgewinnung bei 796; Immunisierung gegen Schlan- gengifte 1398: Opsoningehalt des Blutes 434: bakterizide Wirkung des Blutes 300, 324. Taurocholsäure, Agglutinations- wirkung 617. T au ru man -Impfung 27. Tebesapin 79. Temperatur, Einfluß auf: Agglu- tininbindung 524. 829; Agglutina- tionsprozeß 499; Ambozeptorbindung 829: Extraktantigene 64. 68; Kom- plementwirkung 874 ; Phagocytose- versuche 438 : Präzipitinreaktion 757 : Toxinbildung 99: s. auch „Hitze'". Temperatursturz, anaphylaktischer 984. 1070. Tenesmus bei Anaphylaxie 1075. Terpentinöl, Einfluß auf Phago- cytose 433 ; Komplementgewiunung durch 865. Tetanolysin, Neutralisierung durch Cholesterin 1271: Antitoxine gegen 257, 272. Tetanus, Phagocytose bei 687 ; Sero- toxinimmunisierung bei 175; Im- munitätsvererbunff bei 1159, 1162, 116.3; 1165. Tetanusbacillen, spezif. Agglu- tination 555; Hämotoxine der 1355. Tetauusgift, Abschwäch ung 105 ; Allergie gegen 958; Anaphylatoxin- abspaltung 323; Beeinflussung durch Lipoide 1272; Konservierung 159; Ueberempfindlichkeit gegen 958, 959. Tetanusserum (Antitoxin), Ge- winnung 248 — 250, 253, 256; Aus- scheidung 288; Konservierung 206; Konzentrierung 285; Roindarstellung 214; Wirkungsweise 272, 277, 281; Wertbemessung 1203. — präzipitierendes 246. Texasfieber, Immunüsierung gegen 7. Thalassin 968. Therapie, Verwertung des opsoni- schen Index für die 467. Thioninfärbung für Phagocy tose- präparate 417. T h y m o 1 bei Antigengewinnung 58 ; bei Agglutinationsreaktion 494. Thymus, Antikörperdarstellung aus 236; Bakteriolysine in 348. Thyreoideasubstanz s. „SchUd- drüsensubstanz". T h y r e i d e k t o m i e , Komplementver- minderung bei 865. Tiere, Agglutiningehalt der Normal- sera 517; Opsoninwirkung der Sera 434. — niedere, Phagocytose bei 660. Tierkohle, Absorption der Opsonine durch 444. Tierpassagen, Abschwächung der Infektionserreger durch 22. Tierversuche bei Prüfung der Schutz- und Heilsera 1183. 1194. 1211. Timotheebacillen als Antigene 24. Titerhöhe und -breite bei bak- teriziden Seris 332, 339. T. O., aktive Immunisierung mit 90. Tollwut s. „Lyssa". Toluol bei Abtötung von Infektions- erregern 58, 101; bei Konservieruns von Giften 106, 159. T o 1 u y 1 e n d i a m i n , Komplementver- minderung durch 865. Tonfilter 102. Tonsillen, Phagocytose in 682. Tophi bei Gicht, Makrophagen in 727. Toxalbumosen, Allergie gegen 965, 989. Toxine, Abschwächung 104, 248,255; Allergie gegen 958; Anreicherung aus Toxin - Antitoxin - Mischungen 1242; als Antigene 94; Bindung durch Lipoide 1268: s. auch „Endo- toxine". Toxinbildung, Einfluß der Zusam- mensetzung und Reaktion der Nähr- böden 95: der Temperatur 99: der Virulenz 100. 1558 Sachregister. Toxinokoaguline 956. Toxinolysine 957, 958, 960. Toxoide 260, 269; bei tierischen Gif- ten 1433. Toxolecithide 1420. Toxopeptide 247. T. R., aktive Immunisierimg mit 90. Trachiniisgif t als Antigen 111; hä- molytische Wirkung 1428. Tränen, Agglutinine in 530 ; Sekre- tionsvermehrung bei Anaphylaxie 1076. Transsudate, Hämolvsme m 797, 799, 819; Komplemente in S64._ Traubenzucker bei Agglutiuations- reaktion 593. T r a u me n , Bedeutung der Phagocyteu bei 720. Trichinose, Muskelphagocytose bei 674. Trikresol bei Abtötung von Infek- tionserregern 59; bei Antigenkonser- vierung 158; bei Antikörperkonser- vierung 209. Trio lein, aktivierende Wirkung bei Schlangengifthämolyse 1417. Tristearin, antikomplementäre Wir- kung 872. Trockantitoxine 284. Trockenpulver aus Organen als Antigen 122. Trockensera, Herstellung 205, 207. Trocknung der Antigene 156, 160 ; der Antikörper 205; Einfluß auf Anaphylaktogene 1004, auf Infek- tionserreger 15. Tropine.430; in Euglobulinfraktion des Serums 219: Wirkungsweise 430: Untersuchungstechnik 409; Konser- vierung 209: Resistenz 427: Spe- zifizität 428; Verhalten bei Komple- mentablenkung 444 : Beziehungen zu den bakteriziden Ambozeptoren 446, 713, zu den Opsoninen 452, 713, zu anderen Serumstoffen 453; gegen die Membran von Emulsions- tröpfchen 429; s. auch ,.Bakterio- tropine" und „Cytotropine". Trypanosomen, Anaphylatoxine 1104; als Antigene 125; extra- und in- tracelluläre Auflösung 462: hämo- lytische und bakterizide Lipoide in 1279; Opsonine und Tropine gegen 474; Phagocytose 690; Präzipitine gegen 785; Vererbung der Serum- und Arzneifestigkeit bei 1170; Viru- lenzabschwächung 30: Wirkung des Cobragiftes auf 1392. Trypsin als Antigen 126; bei Gewin- nung von Bakterienextrakten 86; Anaphylaxie gegen 976, 1005, 1056. — Wirkung auf: agglutinable Substanz der Bakterien 567: Agglutinine 230, 577; Antitoxine 283^ 284; Pollengifte 1480; Präzipitine (53: Präzipitino- gene 739. 740. — Tr.-Wirkuns: der Leukocyten 1305. 1322. Tsetsek rankheit, Immunisierung gegen 30. Tsetse-Trypanosomen, Virulenz- abscliwächung 30. Tuberkelbacillen, Abschwächuug durch Chemikalien 19, 20: Abtötung durch Glyzerin 59, durch Harnstoff 60. durch Galaktose 61: spezifische Agglutination 498. 557 : Differen- zierung durch Präzipitine 781 : Ex- traktion durch Chemikalien 77, 78, 84, 85: Glyzerinextrakte 80, 82: Hitzeextrakte (nach Maragliano ) 72; mechan. Zertrümmerung 89: Hämo- toxine der 1358: Opsonine und Tro- pine gegen 405, 424, 433, 437. 451, 473; sensibilisierte 174; Spontan- phagocytose 465; Verhalten in Pha- gocyteu 460, 692; Virulenz 21. Tuberkuline 80 ; albumosef reie 82 ; Komplementabsorption durch 870 ; Resistenzsteigerung durch bei Im- munisierungsversuchen 330. Tuberkuli n-U eberempfindlich - keit 967; als anaphylaktische Er- scheinung 1109. Tuberkulobakterizidin 77. Tuberkulol 81, 82. Tuberkulopiasmin als Antigen 92. Tuberkulose, Agglutinationsreak- tion bei 514: Antifermenttiter bei 1318; Cobragifthämolyse bei 1442; Fermenttherapie bei örtlicher chirur- gischer 1322; Leukocytenfermente im Eiter bei 1307; Opsoninwirkung bei 404, 441, 442; Schwankungen des ops. Index bei lokaler 424: Phago- cytose bei natürlicher Immunität gegen 688, 691;. Präzipitinreaktion bei 771. — Immunisierung mit virulenten Erregern 6. mit abg&=;chwächten Er- regern 24, mit abgetöteten Erregern 41. 55, mit Organextrakten 86; nach Heymans 142; Injektionsmodus 132; Simultanimmunisierung 132. Tuberkulosevaccins 24. Tumoren, maligne, Anaphylaxie gegen 976, 997. Turbellarien, Phagocytose bei 664. Tusche, Phagocytose 418, 466 : bei I Darstellung des Agglutinationsphä- nomens 490. Typhoplasmin als Antigen .92. T V p h u s , Agglutinationsreaktion bei "484, 485, 527, 541, 547, 548: Bak-' terienanaphylaxie bei 1098 — 1100; Bildungsstätte der Bakteriolvsine bei 349; Fadenreaktion bei 490 : Pfeiffer- Sachregister. 1559 scher Versuch und bakterizider Plat- tenversuch bei 332; Präzipitinreak- tion bei 771. Typhus, Immunisierung gegen 34, 43, 336, 337, mit sensibilisierten Bacillen 164, 172; Immunisierungsschemata 177 ; Immunitätsvererbimg bei 1160, 1163, 1165. — Schutzimpfung nach Pfeiffer-KoUe 44, 340; nach Wright 46, 340; nach Harrison 49; nach Chantemesse 49; nach Löffler 54, 342, nach Neisser & Shiga 71. Typhusbacillen, Abtötung durch Harnstoff und Galaktose 60; Agglu- tinabilität 493, 504, 547, 581; Auto- lysate aus 68, 69; spezif. Bakteno- lyse 323, 324, 329; Differenzierung durch Präzipitine 779; _Extraktion durch Chemikalien 75, 78, 83, 84, durch Fermente 86; Impfpulver aus (nach Wassermann) 71; Hämotoxine der 1358; Kapselbildung unt. Einfl von Immunserum 380; Opsonine u Tropme gegen 430, 433, 458, 471 Phagocytose 711; Rezeptoren 378 freie nach Neisser & Shiga 70^ ^ Schüttelextrakt aus 73; Serum- festigkeit 380 ; Spontanphagocytose 408, 416; Toxinfrage 314; Wirkung der Pyocyanase auf 382, der Schlan- gengifte auf 1392. T V p h u s d i a g n s t i k u m nach Fi- "cker 500. T y p h u s f e r m o t o X i n 86. Typhussera, antiendotoxische Wir- kung 315; bakterizide Wirkung 323, 324; opsonische Wirkung 441; nach Bergel & Meyer 315; Wertbemes- sung 1227. Typhus vacc ins, Giftigkeit 337. Tyrosinase als Antigen 127. Tyrosinbildung durch Leukocyten- fermente 1304. ü. U e b e r e m p f i n d 1 i c h k e i t bei Anti- genwirkung 128; s. auch ,, Anaphy- laxie'". Ueber springen der Ambozeptoren 823. Ultrafiltration von Immunsubstan- zen 1242. Ultraviolettes Licht, Wirkung auf Anaphylaktogene 1004; auf Ag- glutinine 578; auf Antitoxine 283; auf Komplemente 868. U m h ü 1 1 u n g s t h e o r i e der phagocy- tären Serumvvirkung 466. Unschädlichkeitsprüfung der Schutz- und Heilsera 1195. Unterhautfettgewebe,' Bakteri- zidie im 307. U n t e r h a u t z e 11 g e w e b e , Antikör- perbildung im 349; Eicin Wirkung im 1455. Urämie als anaphylakt. Erschemung 1120. Urease als Antigen 127. U r e t h a n , antikomplementäre Wirkung 871. Urohypotensin 999. Urticaria bei Anaphylaxie 1061. 1066. U t e r u s i n v o 1 u t i o n , Phagocytose bei 671. Uvea, Organspezifizität 993. V. Vaccine-Immunität, \'ererbung 1168. Vaccins, sensibilisierte 172. Vakuolen, digestive der Phagocyten 462. Vakuumdestillierapparat für. Antigenkonzentrierung 161. Vakuumexsikkatoren für Anti- genkonzentrierung 161. V a k u u m t u b e r k u 1 i n 80. Variolation 7. V a r i o 1 a V i r u s s. „Pocken virus". V a s o d i 1 a t a t i o n bei Anaphylaxie 1061. Venenblut, bakterizide Wirkung 300. Verbrennungs tod als anaphylakti- sche Erschemung 1120. Verdauung bei Myxomyceten 659, bei anderen Pflanzen 660. — parenterale von Eiweißkörpern 1030, 1057. V e r d a u u u g s e p i t h e 1 , Phagocytose durch 663. Verdauungsfermente, Wirkung auf agglutinable Substanz der Bakt. 567; auf Agglutinine 577; auf Ana- phylaktogene 1005: der Phagocyten 462. Verdauungskanal s. „Magendarm- kanal". Vererbung der Anaph5daxie 1020, 1168; der Immunität 1155. Verfütterung von Bakterien und Giften als Immunisierungsmethode 136; Anaphylaxie durch 979. Vergiftungserscheinungen bei Versagen der Phagocytose 405. Versuch, Castellanischer 541, 545. — Metschnikoffscher 333. — Pfeifferscher 327, 331. Versuchstiere, Auswahl für Serum- prüfungen 1177, 1194. 1560 Sachregister. \'er\vandtschaftsreaktionen bei Anaphylaxie 989, 1002; siehe auch „Gruppenreaktionen''. V 8 s u V i n , Aggiutinationswirkung 616. \'i b r ioi vsiu , Antitoxine gegen 257, 287. Vibrionen, Bakterienanaphylaxie 1098. 1099; Opsonhie und Tropine gegen 472; Hämotoxine und Anti- hämotoxüae 1351, 1354; Phagocytose 698, 703, 708; Präzipitin reaktion 778; Toxine der 313. Vielheit der Ambozeptoren 365, 845; der Komplemente 367. V i g n i n , spezif . Anaphylaxie gegen 976, 1002. Viperidengifte 1381, 1385, 1387, 1390, 1391, 1396, 1400, 1402, 1429; Immunisierung gegen 1398 : Anaphy- laxie gegen 989. Virulenz, Bedeutung bei Antigen- herstellung 4, 21, 337: bei Phago- cytose 407. 439, 698; in Bez. zur antagonistischen Funktion normaler Sera 373, zum Kezeptorenapparat 374, zur Kapselbüdung 380; Emfl. auf Agglutinabilität der Bakterien 506, 538, auf Agglutininbüdung 525, auf Antikörperbildung 150, auf Gift- bildung 100; Theorie Kruses 376. V i r u 1 i n nach Rosenow 440, 466. Virus fixe 16. Vogelblutkörperchen, extra- u. intracelluläre Auflösung 461. Vollbakterien, aktive Immunisie- rung des Menschen mit 338; Anti- gen-Gewinnung aus Extrakten der . 343. V r t i c e 1 1 e n , Xahrungsvakuolen bei 663. W. Wachs, \Mrkung der fettspaltenden Leukocytenfermente auf 1325. Wachstumsenergie in Bez. zur Virulenz 378. Waschen des Blutes bei Antikörper- darstellung 112. W a s c h w a s s e r g i f t , Immunisierung mit 100. Wassermannsche Reaktion 925 ; als Kolloidreaktion 1282. Wechself iebe r s. ., Malariafieber". Weil sehe Krankheit, Gruber-Wi- dalsche Reaktion bei 540. Wertbestimmung der Sera, allgem. Grundlagen 1175; der agglutmieren- den Sera 493; der antibakteriellen Sera 1178, 1211; der antitoxischen Sera 1176, 1186; der bakteriziden Sera 326; der hämolytischen Sera 798; der präzipitierenden Sera 755. — der Immunsera gegen: Abrin 1211; Botulismus 1208; Cholera 1228; Crotm 1211: Diphtherie 1195: Dys- enterie 1224: Heufieber 1210; Hüh- nercholera 1217; Kälberruhr 1223; Lyssa 1236; Maul- u. Klauenseuche 1237; Meningokokken 1229: Milz- brand 1233; Pest 1216: Pneumo- kokken 1219: Rauschbrand 1209; Ricin 1211: Rinderpest 1236: Rot- lauf 1212; Schafpocken 1236: Schlan- gengifte 1209; Schweinepest 1236; Schweineseuche 1214; Streptokokken 1217; Tetanus i203: Typhtis 1227. Wespen, Phagocytose bei Verwand- lung der 668. Wespengift als Antigen 111. W i 1 d s e u c h e , Immunisierung mit künstlichen Aggressinen gegen 75, 347. Wirbeltiere, Phagocytose bei Ver- wandlung der 670. Wit te- Pepton , Anaphylaxie durch 1053. W rights Opsoninbestimmung 421: Typhusschutzimpfung 46: Zählme- thode für Kulturbakterien 47. Wunden, Phagocytose in 720. Würfelzucker, Antrocknung von Antikörpern an 206. Würmer, Phagocytose durch Leuko- cyten der 435. W u t s. „Lyssa*"'. X. Xanthoproteinreaktion, Verhal- ten der Bakteriennukleoproteide bei 1364. Xerosebacillen, Verhalten gegen opsonische und bakterizide Senun- wirkung 434; Hämotoxine der 1359. Z ä h 1 m e t h o d e Wrights für Vaccins 47. Zein, spez. Anaphylaxie gegen 976. Zellen, spez, Anaphjdaxie gegen 976. Zentralnervensystem, anaphy- laktische Reaktionskörper im 1018; Verhalten bei Anaphylaxie 1077; Giftbindung im 264. [ Zentren der Agglutination 609. jZentrifu gieren von Giftlösungen j 1*^2. Zerkleinerungsapparate für I Bakterien 89; für Organe 118, 123. I Ziege, Anaphylaxiereaktionen 977,- 1061; Antikörpergewinnung bei 195; ' Antitoxingewinnung bei 248; Blut- entnahme 197; Hämolysingewinnung i bei 114; Gehalt des Xormalserums Sachregister. 1561 an Agglutininen 517, an Antitoxinen 286, an Opsoninen 435; Herstellung antiendotoxischer Tj'phussera bei 315; Phagocytoseversuche mitLcuko- cyten der 412; Tmmunitätsvererbung bei 1161, 1163; Immunisierung gegen Schlangengifte 1399. Z i e g e n b 1 u t a g a r zum Nachweis von Bakt^rienhämotoxinen 1344. Ziegenmilch, bakterizide Wirkung 299. Z i m ni e r t e ni p e r a t u r , Aufbewah- rung von Antikörpern bei 204. Zinkchlorid, Wirkung auf Bakte- rien-Nukleoproteide 1364. Z i n k s a 1 z e , Antitoxinausfällung durch 216, 283, 284. Zoopräzipitine 734, 752. Zoosporen, pflanzliche, Phagocytose durch 656. Zootoxine als Antigene 109; Anti- toxine gegen 257. Zucker, Ant ikörperantrocknung an 206. Z u s t a n d s p e z i f i z i f ä t der Eiweiß- körper bei Präzipitinreaktion 734, bei Anaphylaxie 1007. Zwischenkörper (Ehrlich & Mor- genroth) 354. Zymin als Antigen 127. Z y m o g e n , Entstehung bei Antigen- Antikörperreaktion 1051. Zymotoxische Gruppen der Kom- plemente 358, 887. Frommannsche Buchdruckerei (Hermann Pohle) in Jena. — .',297 QR Handbuch der pathogenen 46 Mikroorganismen H28 2,, venu, Aufl. 1912 Bd. 2 Hälfte 2 PLEASE DO NOT REMOVE CARDS OR SLIPS FROM THIS POCKET UNIVERSITY OF TORONTO LIBRARY ^^m- •*•'.:■